Prähistorische Archäologie - Manfred K.H. Eggert - E-Book

Prähistorische Archäologie E-Book

Manfred K.H. Eggert

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Beschreibung

Dieser Band führt in systematischer Form in die grundlegenden Konzepte und Methoden der Prähistorischen Archäologie ein. Unter Berücksichtigung forschungsgeschichtlicher Aspekte werden Struktur und erkenntnistheoretische Voraussetzungen eines Faches entwickelt, dessen Quellen im Wesentlichen aus nichtschriftlichen Hinterlassenschaften bestehen. Die hier erstmals umfassend erörterten Konzepte und Methoden sind jedoch nicht nur für die Ur- und Frühgeschichtswissenschaft, sondern für die Archäologie insgesamt von zentraler Bedeutung. Für diese fünfte Auflage wurde das bewährte Standardwerk erneut überarbeitet und aktualisiert. „Welche andere Einführung verpflichtet zur kritischen Lektüre grundlegender Werke so sehr wie die ‚Prähistorik‘ Eggerts?“ Fundberichte aus Baden-Württemberg 26, 2002 - (Dr. Michael Strobel)

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Manfred K.H. Manfred K.H.

Prähistorische Archäologie

Konzepte, Methoden, Theorien

Umschlagabbildung: Agentur Siegel nach Vorlagen des Autors (siehe S. 255 f. mit Abb. 36).

 

DOI: https://doi.org/10.36198/9783838559865

 

5., grundlegend überarbeitete, aktualisierte und erweiterte Auflage 2024

4., überarbeitete Auflage 2012

3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage 2008

2., unveränderte Auflage 2005

1. Auflage 2021

 

© UVK Verlag 2024— ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KGDischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

 

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetztes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor:innen oder Herausgeber:innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor:innen oder Herausgeber:innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich.

 

Internet: www.narr.deeMail: [email protected]

 

Einbandgestaltung: siegel konzeption | gestaltung

 

utb-Nr. 2092

ISBN 978-3-8252-5986-0 (Print)

ISBN 978-3-8463-5986-0 (ePub)

Inhalt

Vorwort zur 5. AuflageVorwort zur 4. AuflageVorwort zur 3. AuflageVorwort zur 1. Auflage1 Einleitung: Über dieses Buch1.1 Konzepte, Methoden, Theorien1.2 Inhaltliche und begriffliche Bestimmung1.3 Allgemeine Bemerkungen2 Prähistorische Archäologie: Zur Bestimmung einer Wissenschaft2.1 Charakter, Gegenstand, Zielsetzung2.2 Kulturanthropologische Dimension2.3 Ur- und Frühgeschichte als Universitätsfach2.4 Selbstverständnis3 Stein – Bronze – Eisen: Das Dreiperiodensystem3.1 Ungegliederte Vorzeit3.2 C. J. Thomsen3.3 J. F. Danneil und F. Lisch3.4 Absicherung und Popularisierung des Dreiperiodensystems3.5 Heutige Bedeutung des Dreiperiodensystems3.6 Real-zeitliche und stadiale Konzepte4 Funde und Befunde: Zur Systematik urgeschichtlicher Quellen4.1 Definition und Systematik historischer Quellen4.2 Definition und Systematik urgeschichtlicher Quellen4.3 Das Konzept des Geschlossenen Funds4.4 Hauptkategorien urgeschichtlicher Quellen4.4.1 Einzelfunde4.4.2 Gräber4.4.3 Siedlungen4.4.4 Horte4.4.5 Kultstätten4.4.6 Werkplätze4.4.7 Verkehrsmittel und Verkehrseinrichtun­gen4.4.8 Felsbilder4.4.9 Moorleichen4.4.10 Flussfunde4.4.11 Menhire4.4.12 Schlachtfelder und Orte gewaltsamer Auseinandersetzungen4.4.13 Die Grabenanlage von Herxheim4.4.14 Klimawandel und Archäologie5 Die Hinterlassenschaften und ihr Aussagewert: Struktur und Kritik urgeschichtlicher Quellen5.1 Struktur5.2 Aussagepotenzial5.3 Quellenaufbereitung und Quellenkritik5.4 Äußere Quellenkritik (Kritik der Quellenüberlieferung)5.5 Innere Quellenkritik (Kritik des Quellenwerts)5.6 Innere Quellenkritik auf regionaler Grundlage5.6.1 H. J. Eggers5.6.2 W. Torbrügge6 Über das Ordnen archäologischen Materials: Klassifikation zwischen Notwendigkeit und Selbstzweck6.1 Archäologie und Klassifikation6.2 Analytische und synthetische Klassifikation6.3 ›Merkmal‹ als archäologisches Konzept6.4 ›Typ‹ als archäologisches Konzept6.5 Typen von Typen6.6 Klassifikation, Heuristik und Realität7 Über Zeit und Altersbestimmung: Relative und absolute Chronologie7.1 Zum Konzept der Zeit7.2 Zum Konzept der relativen Chronologie7.3 Über Grenzen relativ-chronologischer Differenzierung7.4 Das Konzept der absoluten Chronologie8 Schichten und ihr Inhalt: Die Stratigraphische Methode8.1 Über die Entwicklung der Methode8.2 Die Stratigraphische Methode in der Archäologie8.3 Geologisch-archäologische Gesetze der Stratigraphischen Methode8.4 Grundbegriffe der Stratigraphischen Methode8.5 Die Bedeutung der Stratigraphischen Methode9 Materielle Variabilität und relative Chronologie: Die ›Typologische Methode‹9.1 Zur Stufengliederung der Nordischen Bronzezeit9.2 Grundprinzipien der ›Typologischen Methode‹9.3 Typologie ohne Evolutionismus10 Zeit und das Prinzip der Assoziation: Kombinationsstatistik und andere Seriationsverfahren10.1 Zur Geschichte und Bedeutung archäologischer Seriation10.2 Voraussetzungen und Grundstruktur der Kombinationsstatistik11 Zeit und Raum: Die ›Horizontalstratigraphische Methode‹11.1 Zur Entwicklung der Fundtopographie11.2 Oscar Montelius11.3 Emil Vedel11.4 Christian Hostmann11.5 Otto Tischler11.6 Zur Bewertung der frühen horizontalstratigraphischen Ansätze11.7 Die Blütezeit der Horizontalstratigraphie11.8 Relative Chronologie und Gräberfeldchorologie am Beispiel Langenhagen11.9 Zur Struktur und Aussagekraft der Gräberfeldchorologie11.10 Zum Verhältnis von Zeit und Raum11.11 Stratigraphie und Siedlungschorologie am Beispiel Haithabu12 Kalendarische Zeit: Zum traditionellen Modus der absoluten Datierung12.1 Zur Genauigkeit traditioneller absoluter Datierungen12.2 Grundaspekte der antiken Chronographie12.3 Die Archäologisch-Historische Methode12.4 Neuere Arbeiten zu altweltlichen Kulturbeziehungen12.5 Naturwissenschaftliche kontra archäologisch-historische Zeitbestimmung13 Raum und Zeit: Synchrone und diachrone Aspekte von Fund- und Befundbildern13.1 Zur räumlichen Analyse archäologischer Quellen13.2 Grundkonzepte der räumlichen Integration13.3 Zur diachronen Dimension von Fund- und Befundbildern13.3.1 Kontinuität und Diskontinuität13.3.2 Kontinuität und Diskontinuität bei Hermann Bausinger14 Archäologie und Kulturwissenschaften: Das Problem der Interpretation14.1 Sachgut und Verhalten14.2 Zum »Kulturbegriff der urgeschichtlichen Praxis«14.3 Alternative Konzeptionen Archäologischer Kultur14.4 Individual-homologischer versus universal-analogischer Vergleich14.5 Ethnographische Parallelen14.6 Anglophone Stellungnahmen zu Ethnographischen Parallelen nach dem Zweiten Weltkrieg14.7 Kulturwissenschaftliche Analogien und historisches Erkennen14.8 Archäologie und kulturwissenschaftlich inspirierte VergleicheZwei Fallstudien: Großgrabhügel der Frühen Eisenzeit und ›Südgut‹Fallstudie 1: Großgrabhügel und SozialstrukturFallstudie 2: Exotische Güter und Fernhandel15 Ethnoarchäologie als heuristisches Prinzip15.1 Was ist Ethnoarchäologie?15.1.1 Ethnoarchäologie im Baringo-Distrikt15.1.2 Ethnoarchäologie in den Nuba-Bergen15.1.3 Gesamtbewertung von »Symbols in Action«15.1.4 Nicholas David oder Kann man Hodder mit Binford versöhnen?15.1.5 Analogisches Deuten und Ethnoarchäologie15.2 Keramik-Ethnoarchäologie15.2.1 Keramik in Sirak (Mandara-Berge, Nordwestkamerun)15.2.2 Keramik in Dangwara (Zentralindien)15.2.3 Zur Dialektik des Materiellen und Immateriellen15.2.4 Archäologische Keramik und ethnoarchäologische Töpfereistudien15.2.5 Archäologische und ethnographische Keramik im Inneren Kongobecken15.3 Archäologie und Ethnoarchäologie: Ausblick16 Theorien und Archäologie16.1 Meta- und Bindestrich-Theorien16.1.1 Über Gesetze und Theorien16.1.2 Von der Soziologie über die Geschichtswissenschaft zur Archäologie17 Praxistheorien und PraxeologieLiteraturverzeichnisSachregisterPersonenregister

Meinen Lehrern

Rafael von Uslar (1908–2003) und Ernst W. Müller (1925–2013)

zum Gedächtnis

sowie dem Andenken von Hans Jürgen Eggers (1906–1975)

Vorwort zur 5. Auflage

Die 5. Auflage dieses Lehrbuchs bedarf in mancherlei Hinsicht einer Erläuterung. Zum einen sind die seit der 3. Auflage in dieses Buch integrierten Beiträge von Stefanie Samida (»Die B.A./M.A.-Studiengänge«) und Nils Müller-Scheeßel (»Korrespondenzanalyse und verwandte Verfahren«) hier nicht mehr enthalten und somit auch nicht aktualisiert worden. Was den ersten Beitrag betrifft, verweise ich auf die soeben (2022) erschienene 3. Auflage unseres gemeinsamen Buchs »Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie« (utb 3254). Der Beitrag von N. Müller-Scheeßel bleibt ja in der 4. Auflage des vorliegenden Buchs zugänglich. Dabei ist prinzipiell zu wünschen, dass sich endlich jemand finden möge, um nach dem Vorbild insbesondere englischsprachiger Lehrbücher über mathematisch-statistische Verfahren in der Archäologie ein entsprechendes Werk auf Deutsch zu verfassen.

Somit hätte dieses Buch jetzt wieder jene grundsätzliche Position erreicht, die der 1. Auflage von 2001 zugrunde lag: Seinerzeit sollten im Wesentlichen kulturwissenschaftliche Konzepte und Methoden der Prähistorischen Archäologie im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Für die 5. Auflage war nunmehr gegenüber den bisherigen vier Auflagen jedoch etwas Drittes angestrebt – zu Konzepten und Methoden sollten Theorien hinzutreten. Das Fach ›Prähistorische Archäologie‹ im erweiterten Verständnis einer ›Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie‹ hat in den gut 20 Jahren seit dem Erscheinen der 1. Auflage dieses Lehrbuchs eine fundamentale Veränderung erfahren: Haben wir – nicht zuletzt in Tübingen – gegen Ende des 20. und zu Beginn des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts vehement Klage über eine allenthalben greifbare ›Theoriefeindlichkeit‹ geführt, ist inzwischen ein grundlegender Wandel eingetreten. Das geht nicht zuletzt auf die Aktivitäten der AG TidA e. V., der Arbeitsgemeinschaft Theorien in der Archäologie e. V. und ihrer Vorgängerorganisation Theorie AG e. V. zurück.

Unter diesen Voraussetzungen erschien es reizvoll, einige der gegenwärtigen Bemühungen um Theorien vergleichend zu betrachten, gewisse Hauptlinien herauszuarbeiten und den Versuch einer kritischen Bewertung zu wagen. Dass dabei über die beiden oben angeführten Beiträge hinaus auch manch andere Aspekte nicht mehr behandelt werden konnten, folgte allein schon aus der Notwendigkeit, diesen Band nicht über Gebühr anschwellen zu lassen. So habe ich zum Beispiel das gesamte einstige Kapitel XV (»Archäologie, Universität und Öffentlichkeit: Zur gegenwärtigen Situation«) der 4. Auflage ersatzlos gestrichen. Aber auch an anderen Stellen wurden – wo immer ohne allzu großen Substanzverlust möglich – Streichungen vorgenommen. Selbstverständlich gibt es jedoch anderswo – so zum Beispiel bei den Hauptkategorien urgeschichtlicher Quellen (jetzige Kapitel 4.4.17 – 4.4.19) – einen beträchtlichen Teil neuer Informationen. Dies muss hier nicht im Einzelnen ausgeführt werden. Ein näherer Vergleich dieser vollständig überarbeiteten und erweiterten 5. mit der vorausgehenden 4. Auflage von 2012 macht die Veränderungen hinreichend deutlich.

Bereits in den ersten vier Auflagen dieses Buchs ist gleichsam ›inkognito‹ immer wieder Theoretisches vermittelt worden, auch wenn dies im Titel nicht explizit aufschien. Denn wie will man Konzeptuelles und Methodisches behandeln, ohne dahinter liegende Theorieaspekte zu thematisieren? Daran hat sich auch jetzt nichts Wesentliches verändert; es sind der Theoriethematik gegen Ende des Buchs lediglich noch zwei eigene Kapitel gewidmet worden, in dem einige spezielle – und aus meiner Sicht grundlegende – Gesichtspunkte behandelt werden.

Als Autor ist man naturgemäß nicht in der Lage, am Ende zu entscheiden, ob das ins Auge gefasste Anliegen gelungen ist oder nicht. Darüber können und müssen allein jene urteilen, die dieses Lehrbuch benutzen.

Abschließend möchte ich mich bei meinem Lektor Stefan Selbmann bedanken. Er hat diese Neuauflage angeregt und betreut. Zudem war er meinen Änderungswünschen gegenüber in allen Punkten stets aufgeschlossen; er hat den Fortschritt des Manuskripts mit Gelassenheit verfolgt.

 

Tübingen, im Dezember 2023

M. K. H. E.

Vorwort zur 4. Auflage

Es ist gewiss ungewöhnlich, dass ein Lehrbuch in den Historischen Kulturwissenschaften innerhalb von knapp elf Jahren vier Auflagen erlebt. Da die dritte, 2008 erschienene Auflage der Prähistorischen Archäologie bereits nach rund drei Jahren vergriffen war, ist nunmehr eine vierte notwendig geworden. Der ungebrochen starke Zuspruch bestätigt eine Einschätzung, die auf die Zeit um 1980 zurückgeht: Schon damals meinte ich, dass die deutschsprachige Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie dringend einer systematischen Erörterung ihrer grundlegenden Konzepte und Methoden bedurfte.

Die vorliegende Auflage wurde durchgesehen und dabei hoffentlich weitestgehend von Druckfehlern befreit. Beim Nachtragen wichtiger Literatur galt die Aufmerksamkeit vor allem jener, die nach 2008 veröffentlicht wurde. Wo immer es notwendig erschien, ist der Text überarbeitet worden. Das trifft in besonderem Maße für den von Stefanie Samida verfassten Beitrag über die B.A.- und M. A.-Studiengänge zu. Auf diesem Feld hat sich seit 2008 sehr viel verändert. Daher bin ich für die Aktualisierung dieses Beitrages sehr dankbar.

Es ist mir eine angenehme Pflicht, Dirk Seidensticker M. A. (Tübingen) zu danken, der mich bei der Literaturergänzung und redaktionellen Arbeiten unterstützt hat.

Wie immer gilt mein besonderer Dank Susanne Fischer M. A., die ein weiteres Mal die Zusammenarbeit mit dem A. Francke Verlag sehr angenehm gestaltete.

 

Tübingen, 31. Dezember 2011

M. K. H. E.

Vorwort zur 3. Auflage

In der Prähistorischen Archäologie und verwandten Fächern ist es ungewöhnlich, dass ein Buch zur Methodologie innerhalb von sieben Jahren dreimal aufgelegt wird. Bereits vier Jahre nach der Erstveröffentlichung wurde im Jahre 2005 eine Neuauflage notwendig. Da das gesamte Buch schon 2004 von Brigitte Pflug M. A. (damals Tübingen) kritisch durchgearbeitet und mit vielen Änderungsvorschlägen versehen worden war, hatte ich beabsichtigt, jene Neuauflage in überarbeiteter und ergänzter Form erscheinen zu lassen. Darauf musste ich jedoch wegen längerfristiger archäologischer Feldforschungen in Kamerun und anderer Verpflichtungen verzichten. B. Pflug möchte ich für ihre gründliche Durchsicht der ersten Auflage auch an dieser Stelle sehr danken. Von denen, die mich auf Fehler in der Originalausgabe aufmerksam machten und weiterführende Hinweise gaben, bin ich besonders Gero Schwerdtner M. A. (Herrenberg) und Andreas Wendowski-Schünemann M. A. (Cuxhaven) zu Dank verpflichtet.

Die jetzige Auflage ist grundlegend überarbeitet und aktualisiert worden. Für diesen Zweck hat Dr. Stefanie Samida (Tübingen) die Erstauflage noch einmal vollständig durchgesehen. Ihr verdanke ich nicht nur zahlreiche Verbesserungsvorschläge inhaltlicher und sprachlicher Art, sondern auch den überwiegenden Teil der hier berücksichtigten, seit der zweiten Hälfte des Jahres 2000 erschienenen Literatur. Zudem hat sie das Manuskript der Neuauflage redaktionell betreut und einige der Abbildungen überarbeitet bzw. neue Abbildungen entworfen. Vor allem aber profitiert diese Auflage von einem Beitrag über die derzeitige Studiensituation aus ihrer Feder; er beruht unter anderem auf einer eigens dafür durchgeführten Erhebung bei den Fachinstituten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mein Dank gilt ferner Dr. Nils Müller-Scheeßel (Frankfurt am Main) für seinen Beitrag über Korrespondenzanalyse und verwandte Verfahren, der ebenfalls speziell für diese Auflage geschrieben wurde. Melanie Augstein M. A. (Tübingen) danke ich für die sorgfältige Endkorrektur dieses Buches.

Schließlich möchte ich mich sehr bei Susanne Fischer M. A., Lektorin beim A. Francke Verlag, bedanken, die dieses Mal die traditionell gute Zusammenarbeit mit dem Verlag gewährleistet hat.

 

Tübingen, 24. Juni 2008

M. K. H. E.

Vorwort zur 1. Auflage

Dieses Taschenbuch versteht sich als Einführung in Konzepte und Methoden der Prähistorischen Archäologie. Sein Anliegen erscheint einfach und anspruchsvoll zugleich. Es sollte doch nicht allzu schwierig für einen Hochschullehrer sein, so könnte man meinen, Interessierte – seien es nun Studierende der Ur- und Frühgeschichtswissenschaft und verwandter Disziplinen oder Laien – in die theoretisch-methodischen Grundlagen eines Faches einzuführen, das er seit mehr als zwei Jahrzehnten an deutschen Universitäten lehrt. Hierbei ist allerdings zu bedenken, dass die bis heute einzige deutschsprachige Methodenlehre des Faches vor gut 70 Jahren erschienen ist. Neben den Grundfragen der Urgeschichtsforschung von Karl Hermann Jacob-Friesen (1928) sind in unserem Zusammenhang lediglich noch E. Sangmeisters vorzügliche, aber leider allzu knappe Abhandlung über »Methoden der Urgeschichtswissenschaft« (1967) sowie die in Fragen archäologischer Quellenkritik bahnbrechende Einführung in die Vorgeschichte von Hans Jürgen Eggers (1959) zu nennen; letztere wurde 1986, vermehrt um ein Nachwort von Georg Kossack, im achtzehnten Tausend in unveränderter Fassung aufgelegt und ist seit einigen Jahren vergriffen.

Die Einführung von Eggers hatte ein gänzlich anderes Ziel als die vorliegende Arbeit. Sie wollte in das Fach insgesamt und nicht etwa speziell in die Konzepte und Methoden einführen. Dies ist ihrem Verfasser hervorragend gelungen und auch genau 40 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen kann sie nach wie vor als ein Meisterwerk gelten: brillant geschrieben, hervorragend illustriert und in den Darlegungen zur Quellenkritik bis heute unübertroffen. Man hat dieser Einführung bisweilen vorgeworfen, dass sie zu wenig systematisch, ja eklektisch sei. Dieser Vorwurf scheint mir lediglich in dem Augenblick berechtigt, in dem man von ihr – verleitet durch die Brillanz der Quellenanalyse – mehr verlangt als ihr Autor bieten wollte. Ich habe die ersten sechs Semester bei H. J. Eggers in Hamburg studiert und kann nach wie vor nur mit Bewunderung auf dieses Werk blicken, das den deutschen und darüber hinaus den deutschsprachigen Studenten der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie seit rund vier Jahrzehnten ein unentbehrlicher Begleiter ist.

Die vorliegende Einführung hat sich zum Ziel gesetzt, das zu bieten, was bei Eggers nur zu einem Teil, in allen anderen deutschsprachigen Einführungen entweder gar nicht oder aber nicht hinreichend ausführlich behandelt wird. Das Fehlen einer systematischen Einführung in die Konzepte und Methoden des Faches habe ich bereits als Student, besonders aber seit dem Beginn meiner Hochschullehrertätigkeit als Desiderat ersten Ranges empfunden. Mit der Veröffentlichung dieser Arbeit weiß ich mich einem Grundanliegen meines Lehrers Rafael v. Uslar verpflichtet, der mich schon vor Jahren in meinem Vorhaben ermuntert hat.

Wie insbesondere im vorletzten Kapitel der folgenden Ausführungen dargelegt wird, halte ich es für wichtig, dass die Erforschung der Ur- und Frühgeschichte mit einem kulturanthropologischen Archäologieverständnis betrieben wird. Diese Sicht geht auf zwei Erfahrungen zurück. Zum einen wurde ich in einer entscheidenden Phase meines Studiums an der Universität Mainz durch Ernst W. Müller mit einer holistischen kulturanthropologischen Wissenschaftsauffassung konfrontiert und dabei in einem reichen Maße angelsächsischem ethnologischen Schrifttum ausgesetzt. Zum andern aber hat ein sich unmittelbar an meine Promotion anschließender, gut zweijähriger Aufenthalt an der Yale University in New Haven, Connecticut, mein Denken und meine Ausrichtung in einem ganz entscheidenden Maße geprägt.

Doch stehen nicht Fragen der kulturanthropologisch inspirierten archäologischen Interpretation und Theoriebildung im Mittelpunkt dieser im Laufe der Jahre aus Proseminaren und Vorlesungen entstandenen Einführung, sondern Konzepte und Methoden. Bei ihrer Erörterung war es mir ein zentrales Anliegen, die in amerikanischen und englischen Einführungen meist nicht hinreichend berücksichtigte kontinentaleuropäische Tradition der Prähistorischen Archäologie gebührend zu würdigen. Dass die kritische Betrachtung mancher bisher nicht hinreichend reflektierter Komponenten des scheinbar altbewährten Korpus an Konzepten und Methoden schließlich mehr oder weniger negativ ausfiel, sollte man als einen Akt der Befreiung von einem gewissen Wildwuchs an fragwürdigen bzw. nicht haltbaren methodischen Positionen betrachten.

Schließlich erscheint es mir angebracht, darauf hinzuweisen, dass diese Einführung von einem Archäologen geschrieben worden ist, der sich so gut wie ausschließlich mit der Jüngeren Urgeschichte (im Tübinger Sinne: Neolithikum und frühe Metallzeiten) beschäftigt hat. Aus dieser Tatsache erklärt sich die im folgenden allenthalben spürbare Ausrichtung der Darlegungen.

Es ist mir eine angenehme Pflicht, zwei Personen zu danken, die wesentlich zur äußeren Gestaltung dieser Arbeit beigetragen haben. Hans Joachim Frey zeichnete die Abbildungsvorlagen um, und cand. phil. Heike König M. A. hat die elektronische Umsetzung und Bearbeitung der meisten dieser Vorlagen durchgeführt. Mein Dank gilt ferner Privatdozent Dr. Ulrich Veit, der einen beträchtlichen Teil dieser Einführung in einer früheren Version gelesen und mit zahlreichen weiterführenden Hinweisen versehen hat. Ganz besonders dankbar bin ich cand. phil. Almut Mehling M. A. Sie hat die Endredaktion des Manuskriptes besorgt und dabei unzählige Verbesserungsvorschläge gemacht, die dem Text außerordentlich zugute gekommen sind. Ihr verdanke ich außerdem Entwurf und Ausführung zahlreicher Graphiken und Tabellen sowie die elektronische Endbearbeitung aller Abbildungen. In meinen Dank möchte ich auch Stefanie Samida M. A. einbeziehen, die gemeinsam mit ihr das Literaturverzeichnis vereinheitlicht hat. Schließlich ist es mir ein Bedürfnis, Horst Schmid, Herstellungsleiter des A. Francke Verlages, für sein großes Engagement zu danken, das er der Gestaltung des Buches hat angedeihen lassen.

 

Tübingen, 30. August 2000

M. K. H. E.

Voraussetzung für Wissenschaftlichkeit ist nicht Glaube, sondern Zweifel.

K. H. Jacob-Friesen (1928, 1)

1Einleitung: Über dieses Buch

1.1Konzepte, Methoden, TheorienKonzepte, Methoden, Theorien

Dieses Buch ist den Konzepten, Methoden und Theorien der Prähistorischen ArchäologiePrähistorische ArchäologieArchäologiePrähistorische1 gewidmet. Einleitend erscheint es mir sinnvoll, eine knappe Erläuterung dieser drei Bezeichnungen sowie ihrer inhaltlichen Bestimmung und ihres gegenseitigen Verhältnisses zu geben. Es sei vorweggenommen, dass alle drei auf einer übergeordneten Ebene in einer recht engen inhaltlichen Beziehung stehen. Bei allem Zusammenhang sollen diese zentralen Begriffe und Gesichtspunkte hier jedoch nicht dogmatisch, sondern weitestgehend offen und unvoreingenommen erörtert werden.

Beginnen wir mit einer möglichst umfassenden und damit auch hinreichend allgemeinen Bestimmung der Bezeichnung ›Konzepte‹. Sie meint in unserem Kontext all jene leitenden Kategorien, die im Vollzug der archäologischen Auseinandersetzung mit den materiellen Hinterlassenschaften der Vergangenheit wesentlich sind. Viele dieser Kategorien werden in diesem Band besprochen werden; hier seien willkürlich einige wenige herausgegriffen: ›Urgeschichtliche QuellenUrgeschichtliche Quellen‹, ›Funde‹ und ›Befunde‹, ›Geschlossene FundeFund, Geschlossener‹, ›HorteHorte‹ und ›Depots‹, ›Äußere‹ und Innere QuellenkritikQuellenkritikInnere‹, ›archäologische KlassifikationKlassifikation‹, ›Merkmale‹ und ›Typen‹, ›Typen‹ und ›TypvertreterTypvertreter‹, ›KulturKultur‹ und ›archäologische Kultur‹ und dergleichen mehr.

Was die Bezeichnung ›Methoden‹ angeht, besteht ebenfalls eine außerordentlich große Vielfalt im Hinblick auf die Prähistorische ArchäologiePrähistorische ArchäologieArchäologiePrähistorische. Beginnen wir mit einigen grundsätzlichen Bemerkungen. Wie in allen anderen Wissenschaften ist das Kennzeichen von Methoden – hier also das Kennzeichen von Methoden in der Archäologie – ein regelhaftes System zur Gewinnung von Erkenntnissen. In diesem speziellen Fall geht es um Erkenntnisse über die urgeschichtliche bzw. die ur- und frühgeschichtliche Vergangenheit. Dabei sind die ›genuinen‹ Methoden der Prähistorischen Archäologie historischer bzw. kulturwissenschaft­licher Art. Allerdings ist zu betonen, dass bereits während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, also in der Frühphase der Herausbildung der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie, verschiedene Naturwissenschaften dabei eine wichtige unterstützende Rolle spielten.2 Überhaupt werden wir im Zuge dieses Lehrbuchs feststellen, dass eine Reihe von grundlegenden Methoden aus den Naturwissenschaften entlehnt sind. Das gilt etwa für die Stratigraphische MethodeStratigraphische Methode, aber auch für die hier nicht eingehend behandelten Methoden der DendrochronologieDendrochronologie und der Radiokohlenstoffdatierung. Die gesamten Verfahren der archäologischen QuellenkritikUrgeschichtliche QuellenQuellenkritikQuellenkritik hingegen sind ebenso wie die Methoden der räumlichen Analyse und Zusammenschau archäologischer Funde und Befunde wesentlich historisch-kulturwissenschaft­licher Herkunft.

Bleiben ›Theorien‹ als letztes Stichwort, das hier knapp behandelt werden muss. Ich gehe davon aus, dass sich manche Leser und Leserinnen dieses Buchs, sofern sie sich nicht ganz am Anfang ihres Studiums befinden, über die Reihenfolge der an dieser Stelle noch einmal aufgenommenen drei Begriffe des Untertitels wundern. Müssten Theorien nicht als Erstes genannt und erörtert werden, allemal vor Konzepten und Methoden? Sind Theorien nicht in jedem Fall die übergeordnete Integrationsbasis, aus der sich Konzepte und Methoden speisen? In gewisser Hinsicht ist dies sicher richtig – schließlich sprechen wir zum Beispiel von ›theoriegeleiteten‹ Konzepten und Methoden, und inhaltliche Kategorien oder Begriffe sind ebenso wie methodische Verfahren ohne eine Einbettung in theoretische Annahmen nicht denkbar. Insofern könnte man tatsächlich dogmatisch vorgehen und darauf beharren, dass vor allem anderen zunächst einmal das weite Feld der Theorien abgeklärt werden sollte. Dieser Meinung bin ich jedoch nicht. Stattdessen finde ich wichtig, dass die Einsicht in den beschriebenen inneren Zusammenhang der drei hier zur Diskussion stehenden Begriffe nicht zugleich die Abfolge ihrer Erörterung bestimmen sollte. Es wird sich im Zuge der Darlegungen hoffentlich herausstellen, dass der im Folgenden eingeschlagene Weg über mancherlei Verknüpfungen zu einem hinreichend klaren und befriedigenden Gesamtergebnis führen wird. Im Übrigen wird in den anschließenden Ausführungen immer wieder deutlich werden, in welch starkem Maße bestimmte Erörterungen zu einzelnen Aspekten mit Annahmen und Überlegungen verknüpft sind, die in den Bereich der Theorie verweisen. All dies mag Grund genug sein, genügend flexibel zu bleiben und sich den Aufbau dieses Buchs nicht durch die explizite Integration von zwei neuen Theoriekapiteln diktieren zu lassen.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch kurz auf einige weitere Punkte eingehen. Wie schon in meiner Arbeit über die New ArchaeologyNew ArchaeologyArchaeology/ArcheologyNew3 verstehe ich auch hier unter ›MethodeMethode‹ ein mehr oder weniger komplexes, regelhaftes Verfahren der Aufbereitung und Analyse archäologischer QuellenQuellen. Methoden können, müssen aber nicht mit erklärenden Prinzipien identisch sein. So lag dem klassischen typologischen Konzept von Oscar MonteliusMontelius, Oscar (1843–1921) (1843–1921)4 und damit auch seiner TypologieTypologie oder typologischen Methode die Annahme einer geradlinigen Entwicklung kultureller Phänomene zugrunde.5 Die klassische Typologie war zwar einerseits nur eine KlassifikationKlassifikation archäologischen Materials. Andererseits aber unterstellte sie eben jene geradlinige Entwicklung kulturellen Materials. Methoden basieren häufig auf (bisweilen impliziten) erklärenden Prinzipien oder gar Theorien. Die Stratigraphische MethodeStratigraphische Methode und die Dendro­chronologieDendrochronologie wird man hingegen ohne Weiteres als empirisch-naturwissenschaftlich begründete Theorien bezeichnen dürfen. Mit diesem Verweis auf die empirische Basis von Theorien ist zugleich der Unterschied zwischen jenen angesprochen, die aus dem Bereich der Naturwissenschaften stammen und solchen, die den historisch-kulturwissenschaftlichen Fächern zuzurechnen sind. Im Allgemeinen gilt, dass Letztere im Vergleich zu Theorien, die aus den Naturwissenschaften entlehnt (und modifiziert) wurden, oft nicht so überzeugend und stringent sind.

Um der Klarheit willen noch ein Wort zur Terminologie: Auch in diesem Buch bezieht sich das Adjektiv ›methodisch‹ auf ›MethodeMethode‹, ›methodologisch‹ hingegen auf ›MethodologieMethodologie‹, das heißt auf den Gesamtbereich des Erkennens eines Fachs. In diesem Verständnis schließt ›MethodologieMethodologie‹ nicht nur die Reflexion und Anwendung von Methoden und Techniken ein. Bei Techniken handelt es sich häufig um mehr oder minder spezialisierte, in der Regel technisch-naturwissenschaftlichen Verfahrensweisen und Fertigkeiten. Zur Methodologie wird hier aber auch die HypothesenHypothesen- und Theoriebildung sowie ihre Anwendung gerechnet. Die Adjektive ›methodisch‹ und ›methodologisch‹ werden sinngemäß gebraucht.

In diesem allgemeinen Zusammenhang möchte ich schließlich noch auf das Verhältnis von Theorie und Praxis eingehen.6 In der deutschsprachigen Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie bestand traditionsgemäß nur ein sehr geringes Interesse an Fragen der theoretischen Grundlagen, ihren allgemeinen und besonderen Voraussetzungen sowie ihren Auswirkungen auf das Studium und damit dann auch auf die Praxis des Fachs. Das hat sich – wie bereits im Vorwort zu dieser Auflage angesprochen – in den letzten knapp drei Jahrzehnten seit Erscheinen der Erstauflage (2001) wesentlich zum Besseren verändert.

1.2Inhaltliche und begriffliche Bestimmung

Als Universitätsfach wurde die Prähistorischen ArchäologiePrähistorische ArchäologieArchäologiePrähistorische im deutschen Sprachraum traditionell als ›Ur- und FrühgeschichteFrühgeschichte‹ bzw. ›Vor- und Frühgeschichte‹ bezeichnet; der Gegenstandsbereich der Prähistorischen Archäologie – die ›Vor-‹ oder besser ›UrgeschichteUrgeschichte‹ – erfährt damit zugleich eine Ausweitung durch die ›Frühgeschichte‹. In den letzten Jahren sind die meisten einstigen ›Seminare‹ bzw. ›Institute für Ur- bzw. Vor- und Frühgeschichte‹ in ›Institute für Ur- oder Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie‹ umbenannt worden.1 Wie später noch zu erörtern sein wird, ist der Begriff ›PrähistoriePrähistorie‹ bzw. ›VorgeschichteVorgeschichte‹ oder ›Urgeschichte‹ insofern negativ definiert, als er jene Zeiten der menschlichen Vergangenheit betrifft, für deren Erforschung keine Schriftzeugnisse zur Verfügung stehen. Für die ›Frühgeschichte‹ hingegen gibt es bereits vereinzelte SchriftquellenSchriftquellen, wenngleich die nichtschriftlichen Hinterlassenschaften bei weitem überwiegen.2 Das hier verfolgte Anliegen bezieht sich allerdings methodologisch gesehen allein auf die Urgeschichte, mithin auf die Erforschung von nicht schriftbesitzenden und auch nicht durch exogene Schriftquellen erhellte Kulturen. Es geht also darum, die Konzepte, Methoden und Theorien einer historischen Wissenschaft zu erörtern, die ausschließlich auf nicht schrifttragende materielle Hinterlassenschaften vergangener Kulturen angewiesen ist; dabei versteht es sich, dass die Erforschung der Frühgeschichte von einer qualitativ breiteren Quellenbasis ausgehen kann und sich damit gegenüber der Urgeschichtsforschung oder Prähistorischen Archäologie in einer günstigeren Position befindet.3 Dies gilt ebenso für Fächer wie die Klassische Archäologie.

Der Begriff ›Prähistorische ArchäologiePrähistorische ArchäologieArchäologiePrähistorische‹ bedarf einer Erläuterung. Ich begreife alle Phänomene, die man in Bezug auf den Menschen als ›GeschichteGeschichte/Geschichtswissenschaft‹ bezeichnet ebenso wie jene, die man ›KulturKultur‹ nennt, als Wesensmerkmal des Menschen. Daher erscheint mir der Terminus ›PrähistoriePrähistorie‹ bzw. ›VorgeschichteVorgeschichte‹ im Gegensatz zu ›UrgeschichteUrgeschichte‹ inhaltlich inadäquat. Die entsprechende Wissenschaft wäre angemessen als ›Paläohistorische‹ bzw. ›Urgeschichtliche ArchäologieUrgeschichtliche ArchäologieArchäologieUrgeschichtliche‹ zu bezeichnen.4 Wenn hier dennoch von ›Prähistorischer Archäologie‹ die Rede ist, so deshalb, weil es sich dabei um einen internationalen Fachbegriff handelt, der sich in äquivalenter Form in zahlreichen Sprachen findet.5

Die folgenden Ausführungen wenden sich in erster Linie an eine ›professionelle‹ Leserschaft. Dabei bilden Studentinnen und Studenten archäologischer Fächer, vor allem natürlich der Ur- und FrühgeschichtswissenschaftUr- und Frühgeschichtswissenschaft, die wesentliche Zielgruppe. Ich habe mich daher bemüht, immer auch die Genese von Konzepten und Methoden, mithin die forschungsgeschichtliche Dimension des hier Behandelten, gebührend zu berücksichtigen. Was diese Einführung im Einzelnen bietet, muss nicht erörtert werden; davon vermittelt bereits ein Blick in das Inhaltsverzeichnis eine gewisse Vorstellung, und alles Weitere wird sich sehr schnell bei der Lektüre herausstellen. Hingegen erscheint es angebracht, auf jene Bereiche der Theorie- und Methodenlehre einzugehen, die nicht systematisch behandelt werden.

Diese Arbeit ist jenen Konzepten, Methoden und Theorien gewidmet, die in einem recht direkten Sinne der ›geisteswissenschaftlichen‹, also der historischen und, jedenfalls idealiter, der kulturanthropologischen TraditionTradition der Ur- und FrühgeschichtswissenschaftUr- und Frühgeschichtswissenschaft verbunden sind. Das mag man als Vorteil sehen, aber darin liegt zweifellos auch eine Beschränkung. Ich habe sie jedoch aus pragmatischen Gründen bewusst in Kauf genommen. So sinnvoll es ist, sich im Rahmen eines Lehrbuchs der Archäologie beispielsweise mit den wichtigsten naturwissenschaftlichen Methoden der absoluten Zeitbestimmung zu befassen – ich denke dabei in erster Linie an die Radiokarbonmethode und die DendrochronologieDendrochronologie –, so wenig vermag der Archäologe6 in aller Regel zu diesem Thema beizutragen. Unter solchen Umständen auf eine entsprechende Erörterung zu verzichten,7 bietet sich überdies auch deswegen an, weil es hierzu eine Reihe hervorragender Einführungen und Spezialwerke gibt.8 Naturwissenschaftliche Untersuchungen bilden heute einen integralen Bestandteil der Archäologie. Es ist daher unnötig, hier die Bedeutung der Naturwissenschaften für die Ur- und Frühgeschichtswissenschaft im Einzelnen darzulegen.9

Auf der anderen Seite aber wäre es durchaus empfehlenswert gewesen, das Problem des archäologischen Umgangs mit naturwissenschaftlich gewonnenen Erkenntnissen zu erörtern. Dies gilt nicht zuletzt für den Bereich der DatierungChronologie/Datierung. Wenn ich dennoch davon abgesehen habe, liegt das vor allem an der Schwierigkeit, ein derartiges Thema zu behandeln, ohne zugleich die entsprechenden naturwissenschaftlichen Grundlagen zu diskutieren. Hier sei deswegen lediglich beispielhaft auf eine Arbeit verwiesen, die sich mit der generellen Problematik der Konfrontation kultur- und naturwissenschaftlicher Datierungsmethoden auseinandergesetzt hat (Eggert 1988a/2023). Darin wurde auf der Basis einer forschungsgeschichtlichen Perspektive eine Geisteshaltung in der deutschen Archäologie analysiert, die zu einer sehr starren Opposition gegenüber der Radiokarbondatierung geführt hatte. Diese Haltung, die dem Fach seinerzeit erheblichen Schaden zufügte, lässt sich in Anlehnung an den Titel eines Aufsatzes zur kulturanthropologischen Grundlagenreflexion (Hinz 1971) recht treffend als ›fachlich halbierte Vernunft‹ umschreiben: Ein Großteil der Archäologen lehnte die Radiokohlenstoffdatierung zwar aus klar artikulierten und zum Teil auch durchaus zutreffenden rationalen Gründen ab, unterließ es aber, die archäologisch-historische Alternative der gleichen rationalen Analyse zu unterwerfen. Hätte man das getan, wäre deutlich geworden, dass die wesentlichen Argumente gegen die Radiokohlenstoffdatierung mutatis mutandis auch für die traditionelle, ›geisteswissenschaftliche‹ Datierung gelten.10 Inzwischen ist eine solche negative Einstellung zu naturwissenschaftlichen Datierungsverfahren sehr selten geworden; der letzte mir bekannt gewordene Fall liegt mehr als 30 Jahre zurück (Kossack/Küster 1991).

Neben den Methoden der naturwissenschaftlichen absoluten Zeitbestimmung werden auch andere Themen in dieser Einführung nicht erörtert. Das gilt etwa für die primäre Quellengewinnung, das heißt für Methoden und Techniken der archäologischen Feldforschung. Der Begriff ›archäologische Feldforschung‹ wird hier im umfassenden Sinne verstanden; er betrifft also nicht nur das AusgrabungswesenAusgrabungswesen,11 sondern auch die verschiedenen Verfahren der archäologischen FeldbegehungFeldbegehung12 und LandesaufnahmeLandesaufnahme,13 der naturwissenschaftlichen Prospektion14 sowie der Archäobotanik und Archäozoologie.15 Andere Bereiche wiederum sind in dieser Arbeit zwar umrissen, aber nicht erschöpfend behandelt worden. Die solide Mathematikkenntnisse voraussetzenden Seriationsmethoden werden von mir lediglich am Beispiel der sogenannten ›KombinationsstatistikKombinationsstatistik‹ in ihren Voraussetzungen und ihrer Grundstruktur erörtert.

Eine ähnlich kursorische Behandlung hat die Quellensystematik erfahren. Wenngleich die entsprechenden Ausführungen aufgrund der Breite dieses Bereichs relativ umfangreich sind, besteht dennoch kein Zweifel, dass der Text durch die Besprechung konkreter Beispiele für die einzelnen Quellengattungen an Anschaulichkeit gewonnen hätte. Ich habe dennoch darauf verzichtet, weil es mir wichtiger erschien, stattdessen einige grundlegende Aspekte der archäologischen Quellenkunde zu erörtern.

Es wurde ebenfalls davon abgesehen, im Rahmen dieses Lehrbuchs auf übergreifende Forschungsansätze einzugehen, wie sie etwa die deutsche SiedlungsarchäologieSiedlungsarchäologieArchäologieSiedlungs-,16 die amerikanische Settlement ArchaeologySettlement ArchaeologyArchaeology/ArcheologySettlement (Vogt/Leventhal 1983)17 oder in den letzten Jahren die britische Landscape ArchaeologyLandscape ArchaeologyArchaeology/ArcheologyLandscape18 und die insgesamt auf etwas recht anderes zielende deutsche LandschaftsarchäologieLandschaftsarchäologieArchäologieLandschafts19 repräsentieren.

Schließlich ist es meine Absicht, wie der Untertitel dieser 5. Auflage im Gegensatz zu den vorausgehenden Auflagen bereits andeutet und wie im Vorwort und in der Einleitung angesprochen, hier in einem gewissen Umfang auch die Rolle der Theorie in der ArchäologieTheorie in der ArchäologieArchäologieTheorie in der zu erörtern. Dabei werden ältere Theoriekonzepte wie die New oder Processual ArchaeologyProcessual ArchaeologyArchaeology/ArcheologyProcessual20 und die Post-Processual ArchaeologyPost-Processual ArchaeologyArchaeology/ArcheologyPost-Processual21 nicht noch einmal ausführlich erörtert. Anders hingegen steht es mit der EthnoarchäologieEthnoarchäologieArchäologieEthno-, die nichts von ihrem kulturtheoretischen Potenzial eingebüßt hat.

Angesichts der gegenwärtigen englisch- und inzwischen längst auch der deutschsprachigen Theoriediskussion in der Archäologie mag diese Einführung in manchen Teilen dennoch merkwürdig traditionell, ja antiquiert wirken: Sucht sie doch auch wesentlich jene Basis zu vermitteln, die nach Meinung mancher ›postmoderner‹ Archäologen in dieser Form gar nicht existiert. In der damit angesprochenen empirisch-methodenkritischen Grundorientierung liegt wohl der wesentliche Unterschied nicht nur zur Position der Post-Prozessualen, sondern auch zu manchen Aspekten der Prozessualen Archäologie.22 Bei aller Theorieabhängigkeit, so meine ich, gibt es einen ›empirie-nahen Kern‹, eben die materiellen Relikte der ur- und frühgeschichtlichen Vergangenheit. Ihr besonderer Charakter kann weder mit der seinerzeit von der Processual ArchaeologyProcessual ArchaeologyArchaeology/ArcheologyProcessual geforderten analytisch gezügelten Ingeniosität noch mit den unterschiedlichen Traditionen verpflichteten ›postmodernen‹ Archäologien23 übersprungen oder verändert werden. Auch andere inzwischen entwickelte Theorieansätze oder Theorien vermögen meines Erachtens nicht die dem ur- und frühgeschichtlichen Datenbestand inhärenten grundsätzlichen Beschränkungen aufzuheben. Die Untersuchung dieses empirie-nahen Datenkerns muss zunächst einmal in ein theoriegeleitetes konzeptuelles und methodisches Regelwerk eingebettet werden. Die Theorieaspekte dieses Regelwerks sollten dann zu Theorien ausformuliert werden. Damit wäre das Fundament für ein solides archäologisches Erkennen gelegt.

1.3Allgemeine Bemerkungen

Abweichend von der in wissenschaftlichen Einführungen üblichen Praxis war ich bemüht, die eingehender behandelten Autoren und Autorinnen möglichst häufig selbst sprechen zu lassen, allerdings meist nur in knappen, in die eigenen Darlegungen integrierten Zitaten. Wenngleich sich dies vielleicht bisweilen störend auf den Lesefluss auswirkt, scheint mir dabei doch der Vorteil zu überwiegen: Die jeweils zitierten Begriffe und Passagen vermitteln nicht nur das originale Wort, sondern mit ihrer Übernahme wurde ich wurde als Verfasser dieses Lehrbuchs zugleich gezwungen, mich in einem weit stärkeren Maße als bei freier Paraphrasierung auf den ursprünglichen Kontext einzulassen. Das kommt sicherlich auch der Leserin und dem Leser zugute, die damit hinter dem Text dieser Einführung immer wieder, wenngleich nur schlaglichtartig und in strenger Auswahl, die Diktion der jeweiligen Autoren aufscheinen sehen. Wann immer ich es für angebracht hielt, habe ich auch längere Passagen zitiert, sie dann jedoch, um den Text so flüssig wie möglich zu gestalten, in der Regel in die Anmerkungen verwiesen.1

Soweit es im Rahmen des für ein Taschenbuch noch vertretbaren Umfangs möglich war, werden die notgedrungen oft recht abstrakten Ausführungen mit konkreten Beispielen verknüpft und auf diese Weise illustriert. Es steht allerdings zu befürchten, dass dies nicht in einem allseits befriedigenden Maße geschehen ist. Ich bin dieses Risiko aber bewusst eingegangen. Im Zweifelsfalle habe ich mich durchgehend für die grundsätzliche Argumentation und gegen die Illustration mit Hilfe spezifischer Funde und Befunde entschieden. In Anbetracht des hier interessierenden, im deutschen Sprachraum immer noch weitestgehend vernachlässigten Felds erschien mir das nicht nur vertretbar, sondern sogar notwendig.

Vielleicht ist es angebracht zu erwähnen, dass diese Einführung nicht der in diesem Genre gängigen Gepflogenheit folgt, einen möglichst glatten, alle Widersprüche und Probleme nivellierenden Text für Anfänger zu bieten. Mir geht es vielmehr darum, von vornherein und uneingeschränkt auch auf Schwierigkeiten, gegensätzliche Meinungen, meines Erachtens verfehlte Auffassungen, unauflösbare oder unauflösbar scheinende Widersprüche – kurz, auf die hinter den Phänomenen und Begriffen steckende tiefere, unterschiedlich wahrgenommene Dimension hinzuweisen. Eine adäquate Einführung in eine Wissenschaft sollte konkurrierende Auffassungen nicht zu glätten oder zu verschweigen suchen, sondern sie so klar wie möglich darlegen und auch bewerten. Das setzt allerdings eine hinreichend differenzierte Erörterung des behandelten Stoffs voraus. Es erschien daher angebracht, den Text mit einem diesem Anliegen entsprechenden Anmerkungsapparat zu versehen. Bedenken, dass dies in einer Einführung unüblich sei und zudem die Lesbarkeit beeinträchtige, wurden gegenüber dem daraus resultierenden Nutzen als nachrangig eingestuft.

Als größten Feind von Wissenschaft sehe ich jene Autoritätsgläubigkeit an, der leider viel zu selten in Seminaren bzw. in der akademischen Lehre insgesamt entgegengewirkt wird. Autoritätsgläubigkeit und ihre Steigerung zur Autoritätshörigkeit führen zu dem, was Paul ReineckeReinecke, Paul (1872–1958) (1872–1958) bereits vor über 120 Jahren als »Krebsschaden in der PrähistoriePrähistorie« gegeißelt hat.2 Die Bereitschaft, Lehrmeinungen zu akzeptieren, statt zu reflektieren, ist der Ur- und FrühgeschichtswissenschaftUr- und Frühgeschichtswissenschaft auch heute durchaus nicht fremd. Man könnte vielmehr beinah geneigt sein, von einem Strukturmerkmal zu sprechen. Anstelle der eigenen kritischen Reflexion und Überprüfung tradierter Konzepte, Techniken, Methoden und Theorien tritt das Prinzip der Nachahmung des scheinbar Bewährten, das durch die Autorität der Zeit und der großen Namen der Sphäre der Kritik entzogen scheint. Die folgenden Darlegungen werden reichlich Stoff bieten, die Angemessenheit dieses Urteils zu überprüfen. Die merkwürdige Zurückhaltung, ja eigentlich schon Abstinenz in allem, was mit fachimmanenter Grundlagenkritik zu tun hat, habe ich immer als außerordentlich befremdlich und schädlich empfunden. Insofern mag man diese Einführung als fortwährenden Versuch auffassen, eine kritische Diskussion der hier behandelten methodologischen Fragen in Gang zu halten.3

2Prähistorische ArchäologiePrähistorische ArchäologieArchäologiePrähistorische: Zur Bestimmung einer Wissenschaft

2.1Charakter, Gegenstand, Zielsetzung

Seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts ist die Prähistorische ArchäologiePrähistorische ArchäologieArchäologiePrähistorische zu einem in den meisten Ländern mit einem differenzierten Universitätssystem fest etablierten akademischen Fach geworden. Diese erfreuliche Entwicklung war keineswegs selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass beispielsweise Rudolf VirchowVirchow, Rudolf (1821–1902) (1821–1902), einer der bedeutendsten Gelehrten des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der auch als Prähistoriker sehr einflussreich war, sich in dieser Hinsicht sich vor dem Ende des letzten Vierteljahrhunderts ausgesprochen skeptisch äußerte. Sein bekanntes Diktum von 1873, dass »die PrähistoriePrähistorie kein Fach ist und wahrscheinlich keines werden wird« (Virchow 1874, VII), war ja durchaus nicht nur auf das Deutsche Reich gemünzt. Natürlich begann man damals die wirkliche Tiefe der Zeit, in die die Entwicklung des Menschen als biotisches und kulturschaffendes Wesen zurückreichte, gerade erst zu erahnen. Heute hingegen wissen wir, dass mehr als 99,5% jener GeschichteGeschichte/Geschichtswissenschaft, die von den Australopithecinen Afrikas bis zu uns führt, nur über die Archäologie erschließbar sind. Nichts vermag diese an sich unfassbare zeitliche Dimension besser zu veranschaulichen als der von Karl J. NarrNarr, Karl J. (1921–2009) (1921–2009) entworfene perspektivische Serpentinenweg, auf dem man in die Zeit zurückschreitet und mit jedem der unzähligen Wendepunkte 20 000 Jahre hinter sich lässt. Sein Anfang verliert sich in der Tiefe des Raumes (Abb. 1).

Abb. 1:

Ein Serpentinenweg in die Tiefe der Zeit. Jeder Zug verkörpert 20 000 Jahre. – Nach Narr 1978, 8 Abb. 1.

Der Archäologie fehlt es also nicht an einer Aufgabe: Gäbe es diese Wissenschaft nicht, so wüssten wir verschwindend wenig über die KulturgeschichteKulturgeschichte des Menschen. Es kommt hinzu, dass in vielen Weltteilen eine frühe schriftliche Überlieferung fehlt. Dort setzt unsere historische Kenntnis erst mit dem Entdeckungszeitalter und der damit verbundenen europäischen Expansion ein. Aber noch bis in das letzte Viertel des 19. und selbst noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es vereinzelt weiße Flecken auf der Landkarte unseres Wissens. Welches Fach, so könnte man fragen, sollte uns denn beispielsweise über die Besiedlungsgeschichte des äquatorialen Regenwalds Zentralafrikas unterrichten, wenn nicht die Archäologie? Hätte es im Inneren Kongobecken nicht ein großangelegtes archäologisches Flussprospektionsprojekt1 und einige wenige andere archäologische Untersuchungen gegeben, wüssten wir über die GeschichteGeschichte/Geschichtswissenschaft der Menschen, die in diesem gewaltigen Naturraum seit über zweitausend Jahren siedeln, nur das, was im Gefolge der Durchquerung Zentralafrikas in den Jahren 1873–77 durch Henry Morton StanleyStanley, Henry Morton (1841–1904) (1841–1904) von europäischen Offizieren, Missionaren, Verwaltungsbeamten etc. überliefert worden ist. Die früheste Schriftquelle für das Kongobecken stellt Stanleys Reisebeschreibung Through the Dark Continent von 1878 dar; über alles, was davor liegt, vermag – soweit es die Lebenswirklichkeit der äquatorialen Bevölkerungen betrifft – ausschließlich die Archäologie kompetent zu urteilen.

Dieses Beispiel illustriert den letztlich universalen Charakter des archäologischen Unterfangens: Die Archäologie ist eine ›grenzenlose‹ Wissenschaft. Sie ist grenzenlos in dem Sinne, dass sie für die gesamte, in ur- und frühgeschichtlicher Zeit vom Menschen bewohnte Erde zuständig ist. Diese Konzeption einer universalen, räumlich offenen Wissenschaft wird daher auch nicht durch einen bestimmten chronologisch und kulturell definierten Inhalt eingegrenzt. Es geht ihr nicht um bestimmte Kulturen und ihre Zeit in Europa oder im Mittelmeerraum, in Afrika oder in Australien, in der Neuen Welt oder sonst wo. All diese geographischen Räume und ihre Kulturen können nicht nur Gegenstand archäologischer Forschung sein, sondern sie werden tatsächlich archäologisch erforscht. So steht denen, die dieses Faches studieren – grundsätzlich betrachtet – die archäologische Welt offen; wie dies allerdings in der Realität aussieht, ist von sehr vielen Faktoren abhängig.

Jedes wissenschaftliche Fach ist unlösbar mit der Frage nach seinem Ziel und dem Sinn seines Bemühens verbunden. Diese Frage ist damit ein Teil des Selbstverständnisses jener, die die entsprechende Wissenschaft zu ihrem Beruf gemacht haben. Bisweilen, insbesondere im deutschen Sprachraum, wird diese fachspezifische ›SinnfrageSinnfrage‹ nicht nur als eine fachimmanente Positions- und Kursbestimmung begriffen, sondern mit einem angeblich der Menschennatur inhärenten Drang nach rückwärtsgewandter Selbstvergewisserung verknüpft. In diesem Sinne verstand Hermann Müller-KarpeMüller-Karpe, Hermann (1925–2013) (1925–2013) seine Einführung in die VorgeschichteVorgeschichte (1975, 8) als einen Versuch, der »einem elementaren allgemeinmenschlichen Erkenntnisanliegen« dienen sollte. Rolf HachmannHachmann, Rolf (1917–2014) (1917–2014) sprach im Vorwort seiner Habilitationsschrift unter Berufung auf den Psychologen und Philosophen Karl JaspersJaspers, Karl (1883–1969) (1883–1969) die Frage einer Sinnbestimmung der Gegenwart an. Wenn denn die Menschheit einen einzigen Ursprung und ein Ziel habe, dann komme der UrgeschichteUrgeschichte eine »besondere Bedeutung« zu; sie habe als ein Teil der allgemeinen GeschichteGeschichte/Geschichtswissenschaft »ihren höheren Sinn«, denn in ihr lägen der Ursprung und die ersten Etappen des langen Weges der Menschheit: »An die Urgeschichtsforschung wendet sich daher zunächst die Frage: ›Woher kommt die Fahrt?‹, wenn die andere Frage: ›Wohin geht die Reise?‹ beantwortet werden soll.«2

Derartige an die spezifisch menschliche ›Natur‹ appellierende und ins Geschichtsphilosophische gewendete Antworten auf die ›SinnfrageSinnfrage‹ sind weit verbreitet. So richtig es ist, dass sich wohl alle menschlichen Gemeinschaften in dieser oder jener Form mit der Deutung ihres Daseins auseinandersetzen, so gilt doch auch, dass die Archäologie als spezifisches historisches Phänomen damit nicht hinreichend bestimmt werden kann. Im Gegensatz zu Ursprungsmythen und anderen vorwissenschaftlichen Formen sinnstiftender, kollektiver Selbstvergewisserung ist sie ein Spross der zwar in der Antike wurzelnden, jedoch erst in der Neuzeit dominant werdenden säkularisierten, rationalen Weltsicht und Welterklärung. Die Archäologie ist eine Frucht am Baume der Wissenschaft und gehört damit in einen geistesgeschichtlichen Zusammenhang, in dem historische Zeugnisse zunehmend als ein zu schützendes und zu erforschendes Gut begriffen wurden. Das galt und gilt auch für die Hinterlassenschaften längst vergangener Kulturen, und es ist heute im Prinzip weltweit anerkannt, dass ein öffentliches Interesse besteht, sie nicht achtlos zu zerstören, sondern zu erhalten. Wo immer das nicht möglich ist, sind sie als historische QuellenQuellenhistorische fachgerecht zu untersuchen und zu dokumentieren. Die Prähistorische ArchäologiePrähistorische ArchäologieArchäologiePrähistorische ist zwar im Verlaufe des 19. Jahrhunderts im Rahmen von nationalstaatlichen Vorstellungen und Bestrebungen in Mittel- und Nordeuropa entstanden, aber der heute gängige gesellschaftlich anerkannte und gesetzlich geregelte Schutz ur- und frühgeschichtlicher QuellenQuellen ist diesem ›vaterländischen‹ Kontext natürlich nicht mehr verpflichtet. Das bedeutet allerdings nicht, dass die ur- und frühgeschichtliche Vergangenheit nicht häufig für nationalistische Ziele politisch missbraucht wurde bzw. wird. Die auch heute durchaus nicht unbekannte politische Instrumentalisierung resultiert aus der Tatsache, dass gerade das nationale archäologische KulturerbeKulturerbe für die Konstruktion einer fiktiven, mythisch überhöhten kollektiven Identität besonders geeignet erscheint. Dass sich dafür auch ur- und frühgeschichtliche Erscheinungen eignen, die in ihrer Verbreitung die Grenzen moderner Nationalstaaten überschreiten, ist im Zeichen der Europäischen UnionEuropäische Union allgegenwärtig. Sehen wir einmal von der Tatsache der von den Fachinstitutionen und ihren Repräsentanten leider nur allzu oft unterstützten Nutzung der Vergangenheit für politische Zwecke ab, lässt sich feststellen, dass der Archäologie die Antwort auf die ›Sinnfrage‹ leichtfällt; es mangelte ihr durchaus nicht an Argumenten, wenn sie denn ihre Existenz rechtfertigen müsste. Mehr noch, sie hätte allen Grund, gelegentlich etwas offensiver aufzutreten.

Die Archäologie ist, wie gesagt, eine ›grenzenlose‹ Wissenschaft in dem Sinne, dass sie sich der Erforschung vergangener Kulturen auf der Basis ihrer materiellen Hinterlassenschaften widmet, in welchem Erdteil auch immer diese Kulturen einstmals entstanden sind und existiert haben. Mit der prinzipiellen räumlichen Offenheit verbindet sich eine a priori ebenso offene zeitliche und kultu­relle Dimension. Der Gegenstand der ArchäologieArchäologieGegenstand der reicht von den frühesten Ho­miniden Afrikas bis zu den Wikingern Nordeuropas und von den frühen arktischen Jägerkulturen Alaskas bis zu den Ureinwohnern Australiens. In ihren besonderen Ausprägungen als Colonial und Historical Archaeology, beispielsweise in Nordamerika, oder als Archäologie des MittelaltersArchäologiedes Mittelalters und der Neuzeit in Europa greift diese Wissenschaft sogar weit über ihren traditionellen Gegenstandsbereich hinaus. Kann die Ur- und Frühgeschichtliche ArchäologieUr- und Frühgeschichtliche Archäologie daher sowohl nach ihrem Gegenstand als auch nach ihrem zeitlichen und räumlichen Forschungsbereich als ungewöhnlich vielfältig gelten, gibt es doch andererseits Aspekte, die diesen Eindruck der ›Universalität‹ trüben könnten. So definiert sich das Fach nicht positiv über einen zentralen Aspekt seiner Zielsetzung, sondern letztlich negativ über ein Charakteristikum seiner Quellenbasis, nämlich über das vollständige bzw. weitgehende Fehlen von SchriftquellenSchriftquellen. Dies scheint nicht recht zu einer so umfassend angelegten Wissenschaft zu passen. Sieht man jedoch näher hin, zeigt sich, dass die Natur der ur- und frühgeschichtlichen QuellenQuellen das Fach tatsächlich in einem fundamentalen Maße bestimmt.

Das allgemeine Ziel der Archäologie besteht in einer möglichst umfassenden Erforschung jener Zeiten, die nicht oder jedenfalls nicht ausreichend durch SchriftquellenSchriftquellen erhellt sind. Wie bereits einleitend festgestellt, ist der Begriff ›UrgeschichteUrgeschichte‹ gleichbedeutend mit ›schriftlose Zeit‹, während ›FrühgeschichteFrühgeschichte‹ einen Zeitraum meint, für den zwar schon einige wenige Schriftquellen zur Verfügung stehen, dessen Erforschung aber in erster Linie auf der Basis nicht schriftlicher Zeugnisse erfolgen muss. Das Fehlen bzw. der Mangel an schriftlichen Dokumenten ist nicht durch irgendwelche sekundären Prozesse – etwa durch die mangelhafte Erhaltung von Schriftträgern aus organischen Materialien – bedingt; Schriftquellen sind allein deswegen nicht vorhanden bzw. äußerst rar, weil sie im einstigen Kulturzusammenhang entweder gänzlich oder doch weitgehend unbekannt waren. Wird SchriftSchrift, als Kriterium zum Kriterium einer Differenzierung der QuellenQuellen als auch der Wissenschaft gemacht, führt das automatisch zu weiteren Konsequenzen.3 Die Erfindung von Schriftsystemen ist immer an einen bestimmten geographischen Ort gebunden. Die Verbreitung der zugehörigen Fertigkeit des Schreibens und Lesens erfolgte im Allgemeinen nur sehr langsam. Das lässt sich recht gut für den vorderasiatisch-ostmediterranen Raum zeigen, in dem eine lange PhasePhase der Entwicklung verschiedener Schriftsysteme schließlich um die Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. im Bereich der Levanteküste zur Schaffung einer Buchstabenschrift und ihrer schrittweisen Durchsetzung geführt hat.4 Aus der Tatsache der allmählichen Ausbreitung des Lesens und Schreibens in der Alten Welt folgt, dass die so definierte Grenze zwischen ›Urgeschichte‹ und ›Frühgeschichte‹ sowohl räumlich als auch zeitlich fließend ist. Während beispielsweise in Ägypten die ›Urgeschichte‹ bereits um etwa 3000 v. Chr. endet und die ›Frühgeschichte‹ einsetzt, liegt der gleiche Übergang in Nordeuropa im 11. und 12. Jahrhundert n. Chr.

Die Archäologie hat es primär mit Erscheinungen zu tun, die ausschließlich durch materielle Hinterlassenschaften greifbar werden. Die Möglichkeit, die hinter den materiellen Relikten stehenden menschlichen Gemeinschaften wis­senschaftlich erfahrbar zu machen, wird durch die besondere Natur der archäologischen QuellenQuellen bestimmt. Bei diesen Quellen handelt es sich in allererster Linie um Kleinfunde oder ›Kleinaltertümer‹, also um bewegliches Sachgut. Die Stärke, aber auch die Begrenztheit der Archäologie liegt daher auf dem Gebiet der sogenannten ›materiellen KulturKulturmaterielle‹ und jener Lebensbereiche, die in irgendeiner Form materialisiert bzw. über diese materielle KulturKultur erfassbar sind. Schon bei der Erforschung konkreter, das heißt individueller, in Zeit und Raum klar fixierter archäologischer Erscheinungen erweist sich die Archäologie notgedrungen als ein den Einzelfund und Einzelbefund transzendierendes Fach. Erst der Bezug zu gleichen oder ähnlichen sowie zu andersartigen Erscheinungen ermöglicht es, ein bestimmtes Phänomen adäquat zu erkennen. Somit ist die Archäologie eine Wissenschaft, die zwar auf je konkreten Funden und Befunden beruht, zugleich aber für jedwede Erkenntnis von vornherein und grundsätzlich auf den Vergleich angewiesen ist.

2.2Kulturanthropologische Dimension

Obwohl die Notwendigkeit vergleichenden Arbeitens im umrissenen Sinne allgemein anerkannt ist, hat man die Ur- und FrühgeschichtswissenschaftUr- und Frühgeschichtswissenschaft in den europäischen, insbesondere den deutschsprachigen Ländern nur höchst selten mit einem darüberhinausgehenden komparativen Kontext in Verbindung gebracht. ›KulturvergleichKulturvergleich‹ meinte dabei lediglich den synchronen und diachronen Vergleich ›archäologischer Kulturen‹ untereinander. Erst in den 1990er Jahren wurden vermehrt Stimmen laut, die das Fach in einen explizit kulturvergleichenden Zusammenhang stellten.1 Die Archäologie bedürfe, so die damalige These, aus methodologischen Gründen einer kulturanthropologischen Perspektive. Diese Perspektive müsse auf das komparative Studium der Kulturenvielfalt gegründet sein, die mit Wilhelm E. MühlmannMühlmann, Wilhelm E. (1904–1988) (1904–1988) und Ernst W. MüllerMüller, Ernst W. (1925–2013) (1925–2013) als ein Charakteristikum der Spezies Homo sapiens gelten kann.2 Die beiden Ethnologen begriffen Kulturunterschiede und damit die Mannigfaltigkeit der Kulturen als »typische Chancen menschenmöglichen Verhaltens« und nutzten sie zugleich als Schlüssel zum »Wesen des Menschen«. Diese beiden Aspekte der anthropologischen Betrachtung – der empirische BefundBefund und die wissenschaftliche Fragestellung – begründeten für Mühlmann und Müller die KulturanthropologieKulturanthropologie als eigenständiges Fach.3

Um die Ur- und FrühgeschichtswissenschaftUr- und Frühgeschichtswissenschaft mit einer kulturanthropologischen Betrachtungsweise zu verbinden, bedarf es näherer Ausführungen; hier müssen einige wenige grundsätzliche Bemerkungen genügen.4 Die von mir vertretene Auffassung geht davon aus, dass die Archäologie in erkenntnistheoretischer Hinsicht nicht autark, sondern angesichts ihrer spezifischen Quellenlage grundsätzlich – und stärker als jede andere historische Wissenschaft – auf das Prinzip des Analogieschlusses angewiesen ist.5 Pragmatisch gesehen handelt es sich bei ihren QuellenQuellen um meist dingliche kulturelle Manifestationen des animal symbolicum (Mühlmann 1966, 16). Wirkt diese Tatsache einerseits einschränkend, so liegt darin andererseits ein enormes kulturanthropologisches Potential: Nur die Urgeschichtswissenschaft vermag jene kulturellen Manifestationen des Menschen zu erschließen, die sich jenseits jener Schwelle befinden, die die Erfindung der SchriftSchrift, als Kriterium markiert. Gilt dies für die gesamte, ungeheure Tiefe der Zeit bis zu den Anfängen der Herausbildung des Menschen, so gilt es nicht minder in geographischem Sinne: Auch nach Erfindung der Schrift wird die Vergangenheit des in jenen Räumen siedelnden Menschen, die nicht durch Schriftzeugnisse erhellt werden, nur durch die Archäologie erschließbar. Dabei liegt die Schwelle zwischen UrgeschichteUrgeschichte und GeschichteGeschichte/Geschichtswissenschaft in manchen Weltgegenden – etwa, wie oben ausgeführt, in Zentralafrika – im 19. Jahrhundert.

Somit trifft zu, dass die Ur- und FrühgeschichtswissenschaftUr- und Frühgeschichtswissenschaft in pragmatischer Hinsicht eine wichtige Komponente im Rahmen jener Fächer ist, die sich aus einem historisch-vergleichenden Blickwinkel mit Kulturen und KulturKultur beschäftigen. In diesem Sinne lässt sie sich einerseits als ›KulturwissenschaftKulturwissenschaft in historischer Absicht‹ und andererseits als ›Paläohistorie in kulturwissenschaftlicher Absicht‹ umschreiben.6 Ein solches Archäologieverständnis besitzt hierzulande jedoch keine TraditionTradition. Ulrich VeitVeit, Ulrich (1995, 139) hat zu Recht festgestellt, die deutsche Ur- und Frühgeschichtswissenschaft – übrigens ganz im Geiste ihrer traditionellen Fachbezeichnung – verstehe sich in erster Linie als ein Teilbereich der Geschichtswissenschaften.7 Allerdings fügte er einschränkend hinzu, diese Zuordnung bleibe in der Praxis weitgehend unverbindlich. In der Tat gibt es von Seiten der deutschsprachigen Archäologie kaum eine grundsätzliche Erörterung der Voraussetzungen, Möglichkeiten und Grenzen, die aus dieser Zuordnung folgen oder folgen sollten. Die Reflexion geht, wie Veit zutreffend bemerkte, nur selten über ein pragmatisches Verständnis des Historischen hinaus: Bodenfunde seien materielle Zeugnisse der Vergangenheit und begründeten damit den historischen Charakter der Archäologie. Diese pragmatische Betrachtungsweise kennzeichnet auch das Verständnis vieler Grund- oder Leitkonzepte der Archäologie. Das lässt sich unter anderem am KulturbegriffKulturbegriff/Kulturkonzept zeigen, der in der Ur- und Frühgeschichtswissenschaft gemeinhin auf das ausgrabbare Materielle und seine zeitliche und räumliche Ordnung reduziert wird (Eggert 1978b/2011).8

Die von VeitVeit, Ulrich (1995, 139) zurückgewiesene »allzu harmonische Eingemeindung« der Archäologie in die GeschichtswissenschaftGeschichte/Geschichtswissenschaft traditioneller Prägung stellt also kaum mehr als eine oberflächliche, die wirkliche Problematik bestenfalls streifende Zuschreibung dar. Diese Tatsache ist bereits von NarrNarr, Karl J. (1921–2009) (1990, 304) in seiner kritischen Bestandsaufnahme der westdeutschen Prähistorischen ArchäologiePrähistorische ArchäologieArchäologiePrähistorische nach 1945 betont worden. Er beklagte, dass man gerade für die älteren Zeiten des Öfteren betone, »KulturgeschichteKulturgeschichte« schreiben zu wollen, wobei allerdings zumeist offenbleibe, was das wirklich heißen solle. Seiner Feststellung, dass es »zu einer fruchtbaren Auseinandersetzung im Spannungsfeld anthropologischer und historischer Aspekte« jedenfalls »lediglich marginal und in Ansätzen« gekommen sei, wird man nichts entgegensetzen können. Sein weiterer Hinweis, »die Erörterung theoretischer Fragen« werde »durchweg gemieden oder als unnütz abgelehnt«, trifft die Realität heutzutage jedoch bei weitem nicht mehr so wie noch 1990, als NarrNarr, Karl J. (1921–2009) seinen Beitrag veröffentlichte. Dennoch wird man ihm zustimmen, wenn er eine KulturwissenschaftKulturwissenschaft für revisionsbedürftig hält, deren SelbstverständnisUr- und Frühgeschichtliche ArchäologieSelbstverständnis so gering entwickelt ist, dass sie ihre Orientierungen und Ziele lediglich in floskelhaft vagen Worten zu umschreiben vermag. Die wesentliche Aufgabe der Ur- und FrühgeschichtswissenschaftUr- und Frühgeschichtswissenschaft besteht seines Erachtens darin, die nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzende »Dominanz ›antiquarischer‹ Forschung« (ebd. 294) zu überwinden. Es gelte, jene Ansätze der letzten Jahrzehnte, die über das Antiquarische hinauswiesen, voranzutreiben und überdies »umfassenderen, vergleichenden und theoretischen Untersuchungen« einen Platz im allgemeinen »Verständnis von Forschung« und »Forschungsförderung« einzuräumen. Gerade die an den Universitäten betriebene Ur- und Frühgeschichtliche ArchäologieUr- und Frühgeschichtliche Archäologie müsse darauf achten, dass »Inhalt, Umfang und Ziel ihrer Wissenschaft nicht überwiegend von einer BodendenkmalpflegeDenkmalpflege, Archäologische/BodendenkmalpflegeBodendenkmalpflege/Archäologische Denkmalpflege bestimmt werden, die zum gesetzlich sanktionierten Selbstzweck« zu werden drohe.9

Angesichts der von NarrNarr, Karl J. (1921–2009) kritisierten Ausrichtung ist es nicht erstaunlich, dass die deutsche bzw. deutschsprachige Prähistorische ArchäologiePrähistorische ArchäologieArchäologiePrähistorische im Urteil des westlichen, insbesondere des englischsprachigen Auslandes als ausgesprochen traditionell galt. Mit dieser Einschätzung verband sich durchaus auch der Vorwurf eines recht ausgeprägten Provinzialismus.10 Veits (1995, 139f.) Appell zugunsten einer stärkeren Anbindung des Faches an die EthnologieEthnologie bzw. KulturanthropologieKulturanthropologie eröffnet zum einen dem auch von Narr geforderten komparativen Forschungsansatz ein weites Betätigungsfeld. Zum anderen gehört die Archäologie zu jenen Wissenschaften, deren interdisziplinäre Verknüpfung als Notwendigkeit wie als Chance begriffen werden sollte. Die antiquarische Selbstgenügsamkeit,11 wie sie in manchen Kreisen des Faches immer noch vertreten wird, reduziert das der Archäologie – und nur ihr – eigene spezifische historische Potential auf das Niveau einer pseudo-historischen RealienkundeRealienkunde.

Betrachtet man diese Selbstbeschränkung aus einer fachübergreifenden Perspektive, dann ist klar, dass mit einer derartigen Ausrichtung kein nennenswerter Beitrag zum historischen und kulturanthropologischen Universum zu leisten ist. Auf der anderen Seite sollte in diesem Zusammenhang auch nicht unerwähnt bleiben, dass die intensive ›postmoderne‹ archäologische Theoriediskussion vor allem in Großbritannien zu mancherlei Auswüchsen führte, die die Archäologie als Wissenschaft in Frage stellen (hierzu Eggert/Veit 1998). Sowohl die stark antiquarisch geprägte Archäologie des deutschen Sprachraums als auch die postmoderne angelsächsische Variante ließen sich bereits gegen Ende des 2. Jahrtausends als Extrempositionen begreifen, deren Grenzen offen zutage lagen. Wie im Theoriekapitel am Ende dieses Buchs zu zeigen sein wird, gibt es inzwischen nicht nur im englischsprachigen Raum, sondern auch hierzulande neuere Ansätze einer ausgeprägten ›praxistheoretischen‹ oder ›praxeologischen‹ Zielsetzung. Sie sind in starkem Maße von sozialphilosophischen Lehren geprägt.

Vor dem Hintergrund des scheinbar Identität stiftenden, pauschalen Bekenntnisses der Archäologie zu den Geschichtswissenschaften mutet es wie Ironie an, dass von Historikern seit rund einem halben Jahrhundert – etwa Thomas NipperdeyNipperdey, Thomas (1927–1992) (1927–1992)12 –, besonders nachdrücklich aber in den späten 1980er und den 1990er Jahren, eine Neuorientierung im Sinne einer ›Anthropologisierung‹ gefordert wird. So hat Rudolf VierhausVierhaus, Rudolf (1922-2011) (1922–2011) »eine historische KulturwissenschaftKulturwissenschaft sozial- und kulturanthropologischer Prägung« angemahnt13 und Wolfgang HardtwigHardtwig, Wolfgang und Hans-Ulrich WehlerWehler, Hans-Ulrich (1931–2014) (1931–2014) haben einen Sammelband herausgegeben,14 in dem die Besinnung auf »ältere deutsche Traditionen einer Historischen KulturwissenschaftKulturwissenschaftHistorische« mit dem Nachdenken über eine »neue KulturgeschichteKulturgeschichte« einhergeht (dies. 1996a, 13). Otto Gerhard OexleOexle, Otto Gerhard (1939–2016) (1939–2016) legte in diesem Band den Entwurf einer »GeschichteGeschichte/Geschichtswissenschaft als Historische Kulturwissenschaft« vor.15 In explizit komparativer Absicht hat sich Wilfried Nippel in einer Reihe von Arbeiten16 um die gegenseitige Erhellung von Alter Geschichte und – wie er formuliert – »SozialanthropologieSozialanthropologie (Social Anthropology)AnthropologySocial (Sozialanthropologie)« bemüht. Es verwundert nicht, dass diese und ähnliche Untersuchungen und Appelle vor allem aus jenen Fächern kommen, die sich wie die Alte und Mittlere GeschichteMittlere GeschichteGeschichte/GeschichtswissenschaftMittlere mit dem vorneuzeitlichen Menschen befassen. Im englischsprachigen Bereich war ein entsprechendes Wissenschaftsverständnis bereits seit längerem in den Arbeiten von Althistorikern wie Moses I. FinleyFinley, Moses I. (1912–1986) (1912–1986)17 und Sarah C. (»Sally«) HumphreysHumphreys, Sarah C. (»S. C.«, »Sally«) (1983) präsent.

Ein Blick auf die gegenwärtige Grundfragendiskussion in der deutschen GeschichtswissenschaftGeschichte/Geschichtswissenschaft zeigt also, dass sich die Archäologie mit dem hier vertretenen Bemühen um eine kulturwissenschaftlich inspirierte Standort- und Zielbestimmung in guter Gesellschaft befindet. Die Durchsetzung eines kulturan­thropologischen Archäologieverständnisses sieht sich aber mancherlei Wider­ständen gegenüber.18 Dennoch ist offenkundig, in welche Richtung der Weg führt, der mit dem auch hierzulande immer stärker werdenden Interesse an Grundlagen und zentralen Zielen der Archäologie beschritten worden ist. Zum einen muss das Fach aus seiner selbstgewählten Isolierung heraus- und in einen theoriebezogenen Dialog mit anderen Geschichts- und Kulturwissenschaften eintreten. Zum anderen ist es genauso unerlässlich, der ständig steigenden Tendenz einer immer weitergehenden Fragmentierung der Erkenntnisse in zunehmend irrelevantes Einzelwissen entgegenzuwirken. Ein derartiges Einzelwissen ist nur noch für immer stärker spezialisierte Fachzirkel interessant und degeneriert schließlich zu einem zunehmend esoterisch werdenden Selbstzweck. Im Gegensatz dazu sollte es meines Erachtens das Ziel der Archäologie sein, sich auf ihre Rolle in den Kultur- und GeschichtswissenschaftenGeschichte/Geschichtswissenschaft zu besinnen und ihre Zielsetzung so auszurichten, dass ihre Erkenntnisse einen wesentlichen und nur durch sie zu leistenden Beitrag zum »Menschen im Zustand der Schriftlosigkeit« (NarrNarr, Karl J. (1921–2009) 1974, 125) darstellen. Ein solcher Beitrag muss in seinem Reflexions- und Abstraktionsniveau von vornherein auf eine Integration in den Kanon historisch-kulturanthropologischen Wissens abgestimmt werden. Es bedarf also grundsätzlich einer den eigenen HorizontHorizont transzendierenden Einbindung der Archäologie als Wissenschaft in den großen Bereich der kulturwissenschaftlichen Fächer. Dass damit zugleich auch die Überwindung eines nur regionalen oder nationalen Blickwinkels verknüpft ist, liegt auf der Hand. NarrNarr, Karl J. (1921–2009) (1990, 305) hat in diesem Zusammenhang von einer Hinwendung zu einer zu stark ins Hintertreffen geratenen »Universalität« gesprochen. Wie er bin ich der Meinung, dass diese Universalität sich am ehesten durch einen »anthropologischen Ansatz der Urgeschichtsforschung« (ebd.) erreichen lässt.

2.3Ur- und FrühgeschichteFrühgeschichte als Universitätsfach

Die Prähistorische ArchäologiePrähistorische ArchäologieArchäologiePrähistorische widmet sich der Erforschung vergangener Kulturen auf der Grundlage materieller nicht-schriftlicher Zeugnisse. Um aus dem Sachgut und den Befunden verschiedenster Art historische Erkenntnisse über die Menschen, die diese QuellenQuellen hinterlassen haben, zu gewinnen, bedarf es der Hilfe jener Fächer, die den Menschen als Kulturwesen nicht nur indirekt, sondern direkt bzw. auf der Grundlage solcher Quellen erforschen, die sui generis Aussagen erlauben. Hier ist vor allem die sich zumeist mit außereuropäischen ›traditionellen‹ Gesellschaften befassende EthnologieEthnologie heranzuziehen; zu berücksichtigen sind aber auch die sich mit frühen mediterranen Kulturen befassende Alte GeschichteGeschichte/GeschichtswissenschaftAlteAlte Geschichte sowie generell alle historisch bzw. soziologisch ausgerichteten Kulturwissenschaften. Aus dieser Sicht ist es besonders schmerzlich, dass die deutsche Ur- und FrühgeschichtswissenschaftUr- und Frühgeschichtswissenschaft im Gegensatz vor allem zur amerikanischen Prähistorischen Archäologie nicht in einer kulturanthropologischen, sondern in einer germanistisch-altertumskundlichen bzw. historischen TraditionTradition steht. Das gilt jedenfalls für die Erforschung der Jüngeren UrgeschichteUrgeschichte, also des Neolithikums und der Metallzeiten. Dessen ungeachtet sollte heute eine betonte Hinwendung des Fachs zu den vergleichenden Kulturwissenschaften angestrebt werden.

Die Ur- und Frühgeschichtliche ArchäologieUr- und Frühgeschichtliche Archäologie ist an zahlreichen deutschen Universitäten als eigenständige Wissenschaft vertreten. Ihre endgültige akademische Etablierung erfolgte aber erst relativ spät: Im Jahre 1927 hat das Preußische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung zur Feier des 400. Jahrestages der Gründung der Philipps-Universität Marburg in Deutschland das erste planmäßige selbständige Ordinariat für VorgeschichteVorgeschichte eingerichtet und 1928 mit Gero Merhart von BerneggMerhart von Bernegg, Gero (1886–1959) (1886–1959) besetzt.1 Damit wurde das Vorgeschichtliche Seminar in Marburg – wie es auch heute noch in einer Klammerbemerkung im Gegensatz zu den meisten anderen Fachinstituten heißt2 – unter seinem ersten Direktor v. Merhart gleichsam die Keimzelle für die allgemeine Anerkennung der Ur- und FrühgeschichteFrühgeschichte als eigenständiges akademisches Lehrfach (SangmeisterSangmeister, Edward (1916–2016) 1977; Dehn 1977). Die späte Aufnahme der ›Ur- und Frühgeschichte‹ in den Kanon der durch ordentliche Professuren vertretenen Universitätsfächer besitzt jedoch auch einen Aspekt, den man nach 1945 zu vergessen suchte und den man erst seit kurzem systematisch zu erforschen beginnt. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933 wurden zahlreiche neue Professuren für Ur- bzw. Vor- und Frühgeschichte geschaffen – zweifellos wesentlich motiviert durch die Tatsache, dass der ›germanischen Vorgeschichte‹ in der nunmehr herrschenden Weltauffassung eine ideologische FunktionFunktion beigemessen wurde.3

Obwohl ein beträchtlicher Teil der an deutschen Universitäten und anderen Fachinstitutionen tätigen Ur- und FrühgeschichtswissenschaftUr- und Frühgeschichtswissenschaftler nach 1945 durch ihr teils bedingungsloses Engagement für die Ziele der nationalsozialistischen Ideologie kompromittiert war, hatte das nur in sehr wenigen Fällen zur endgültigen Entlassung aus dem Dienst geführt (Pape 2002, 192). In dem durch allgemeine Anpassung, Verdrängung und Stillschweigen geprägten Nachkriegsklima wuchs dem Marburger Ordinariat bzw. der in diesem Institut durch v. Merhart begründeten Schule eine ungewöhnliche Bedeutung zu. Merhart selbst hatte in kritischer Distanz zum Nationalsozialismus gestanden. Eine im Jahre 1936 von Hans ReinerthReinerth, Hans (1900–1990) (1900–1990), dem ›Führer‹ des Reichsbunds für Deutsche VorgeschichteVorgeschichte, angezettelte Verleumdungskampagne zermürbte ihn psychisch und physisch. Darüber hinaus war Reinerth auch insofern erfolgreich, als Merhart 1938 zunächst beurlaubt und schließlich 1941 vorzeitig pensioniert wurde (Schlegelmilch 2012, 14f.).4 Nach 1945 nahm er für einige wenige Semester seine Lehrtätigkeit wieder auf.5