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Originäres Hebammenwissen gesammelt, praktisch erprobt und bewertend kommentiert - eine Fundgrube für jede Hebamme. Praktisch bewährte Hilfestellungen und Tipps für diese und viele weitere Alltagsprobleme in der Hebammenarbeit. - Was hilft bei einer verzögerten Plazentalösung? - Wie kann eine adipöse Schwangere ihre Gewichtszunahme in Grenzen halten? - Welche "Tricks" können einen Geburtsstillstand beenden? Alle "Kniffe" werden anhand eines einprägsamen Fallbeispiels vorgestellt und kommentiert.
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Seitenzahl: 230
Veröffentlichungsjahr: 2011
15 Abbildungen
2., unveränderte Auflage
Bibliografische Information
der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet
diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Anschrift der Autorin:
Martina Eirich
Panoramastr. 1
74542 Braunsbach a. Kocher
1. Auflage 2007
© 2011 Hippokrates Verlag
MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG
Oswald-Hesse-Straße 50, 70469 Stuttgart
Unsere Homepage: www.hippokrates.de
Lektorat: Dr. Renate Reutter
Umschlaggestaltung: Thieme Verlagsgruppe
Umschlagfoto: Birgit Niesner
eISBN: 978–3–8304–5521–9
Wichtiger Hinweis: Wie jede Wissenschaft ist die Medizin ständigen Entwicklungen unterworfen. Forschung und klinische Erfahrung erweitern unsere Erkenntnisse, insbesondere was Behandlung und medikamentöse Therapie anbelangt. Soweit in diesem Werk eine Dosierung oder eine Applikation erwähnt wird, darf der Leser zwar darauf vertrauen, dass Autoren, Herausgeber und Verlag große Sorgfalt darauf verwandt haben, dass diese Angabe dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes entspricht.
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Vorwort
Gerade wollten wir los zu unseren ersten gemeinsamen Vorsorgen. Ich holte meine Hebammentasche und fing mir den erstaunten Blick der Externatsschülerin ein. „Das ist die kleinste Hebammentasche, die ich je bei einer Hebamme gesehen habe“, platzte es aus ihr heraus, „und dabei sind Sie doch ausschließlich Hausgeburtshebamme“. Ich lächelte, blickte auf meine Tasche, mit der ich ohne Weiteres einen Kurzurlaub hätte bestreiten können, und die dennoch alles für meine Hebammenarbeit Benötigte enthielt, während sie fortfuhr: „Da müssen Sie doch noch viel mehr dabei haben, als eine Hebamme, die keine Geburten begleitet“. „Vielleicht gerade deshalb eben nicht“, antwortete ich – für sie in diesem Moment vermutlich unverständlich.
Warum? Viele meiner Arbeitsmaterialien sind nicht in eine Tasche zu packen, da ich in erster Linie mit meinen Händen arbeite. Fachwissen und Verstand sind selbstverständliche Voraussetzungen. Und menschliche Zuwendung nebst Empathie passen auch in keine Hebammentasche, sondern umschließen als weicher Bogen die gesamte Hebammenarbeit.
Am Ende des Externats schrieb die Schülerin in dem von mir gewünschten Erfahrungsbericht: „Warum ist mir als Hebammenschülerin des letzten Ausbildungsjahres bis jetzt nicht bekannt gewesen, welche unglaublichen kreativen Tiefen in diesem Beruf stecken? … Und warum sind viele Kniffe, die sich Hebammen über Generationen weitergegeben haben, und die den Frauen Eingriffe ersparen, vollkommen unbekannt?“
Beim Lesen dieser Fragen passierte etwas in mir: Ich fühlte mich angesprochen. Zusätzlich motivierte mich das Postskriptum dieser Schülerin: „Und was ich noch vergessen habe: Mir wurde während des Externats bewusst, dass nicht diejenige die beste Hebamme ist, die den Frauen den Glauben vermittelt, dass sie ihre Entbindungen kaum oder nur schwerlich ohne die unentbehrliche Art dieser Hebamme geschafft hätten … Nein, die beste Hebamme ist für mich diejenige, der eine Frau beim Abschied sagt: „Danke, dass ich dank deiner intensiven und doch zurückhaltenden Art und Begleitung eine solch kraftvolle Geburt erleben durfte. Dafür werde ich dir immer und von ganzem Herzen verbunden sein“.
„Wie kann den Hebammen und denen, die es wie ich gerade werden, dieses alles näher gebracht werden? Die momentane Stimmung und Lehrmeinung lautet doch eher: Viel hilft viel. Wenn wir unsicher sind, machen wir lieber einen Eingriff, dann sind wir immer auf der sicheren Seite, auch wenn er sich im Nachhinein meistens als unsinnig, überflüssig und manchmal sogar als schädlich herausstellt. Auch die Ärzte sagen, dass sie bei einem Schadensprozess mit dieser Strategie die Gutachter fast alle auf ihrer Seite hätten, da die Gutachter als Ärzte während ihrer Arbeit genauso verfahren und arbeiten.“
Eine weitere Motivation, dieses Buch zu schreiben, war der Hinweis von Hebammenschülerinnen, dass ihnen aufgrund ihrer klinischen Ausbildung der Aspekt der Ganzheitlichkeit in der Hebammenarbeit fehlen würde und sie sich durch meine Seminare erstmals damit konfrontiert sähen. So äußerte eine zukünftige Kollegin: „Während der Ausbildung wurden viele Aspekte angesprochen: was eine Schwangerenvorsorge beinhaltet, was bei einer Pathologie zu machen ist und wie ein Geburtsvorbereitungskurs abläuft. Die Geburtshilfe kenne ich sowieso nur aus der Klinik und geburtsvorbereitende Kurse mit Wochenbettbetreuung traue ich mir an der Seite einer erfahrenen Kollegin schon zu. Aber wo bitte schön ist da Ganzheitlichkeit? Wie sieht zum Beispiel das Bild einer ganzheitlich arbeitenden Hebamme aus, wenn Probleme auftreten?“
Ich wünsche mir, dass die zahlreichen Fallbeispiel Lust auf „mehr“ in der Hebammenarbeit machen. Zur Freude aller: der Frauen und Familien, und auch der Hebammen selbst. Denn Arbeit gibt es mehr als genug, wenn wir die Familienadäquat begleiten, bei übrigens gleich bleibend guter Qualität und niedrigen Eingriffsraten unserer Arbeit, wie die jährlichen Statistiken der außerklinischen Geburtshilfe (www.quag.de) zeigen.
So entstand der Gedanke, meine Erfahrungen und „Kniffe“ an Hebammenschülerinnen und Kolleginnen weiterzugeben. Es folgten lange Diskussionen mit anderen erfahrenen Kolleginnen (Danke für die sehr wertvollen Stunden mit Euch!), wie die (alten) Kniffe – je nach Situation auch die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse – auf lesbare Art und Weise miteinander verknüpft werden könnten. Ich habe mich daran gewagt, auf meine Art und Weise, so wie jede Hebamme auf ihre Art und Weise arbeitet und gerade deshalb von einer Frau gewählt wird oder eben nicht.
Ich habe die Quellen nach bestem Wissen und Gewissen sorgfältig recherchiert und angegeben. Doch war dies in manchen Fällen unmöglich. Meine zahlreichen Hospitationen bei alten Hausgeburtshebammen, die Kontakte zu Kolleginnen auf der ganzen Welt, die Besuche zahlreicher Kongresse, Workshops und Supervisionen mit ihren inspirierenden Gesprächen dazwischen und am Rande, und nicht zuletzt meine jahrelange Recherche zu den zahlreichen Artikeln, die ich für Hebammen- und Laienmagazine geschrieben habe, ließen so manchen Kniff in mir wirken, anschließend während meiner praktischen Arbeit vertiefen und schließlich nicht selten auf meinen Arbeitsstil und die individuelle Situation der Frau und Familie modifizieren. Noch heute habe ich bei dem einen oder anderen Kniff das Gesicht einer Kollegin – ohne mich noch an ihren Namen und ihre Herkunft zu erinnern – klar vor Augen, während wir bis tief in die Nacht die harten Nüsse, die das Hebammenleben uns bis dahin zugetragen hatte, gemeinsam ansahen und damit manchmal im späteren praktischen Leben knacken ließen.
Um die Hebammenkniffe einprägsam, lebendig und realistisch beschreiben zu können, habe ich tatsächlich erlebte Fallbeispiele geschildert und die zitierten Frauen und Familien aus dem Leben sprechen lassen. Ohne sie wäre das Buch nicht möglich geworden. Alle Fallbeispiele sind anonymisiert, die Namen geändert.
Alle Fotos wurden nachgestellt, die gezeigten Personen sind nicht mit den beschriebenen Fallbeispielen identisch. Ich danke von ganzem Herzen Birgit, Daniela, Falk, Carmen, Nicole, Sonja, Regina, Andrea, Werner, Sigrid, Hermann- allen Frauen, Männern und Babys, die sich für die Fotos haben ablichten lassen oder als Fotografen fungierten, um das Ganze plastischer machen.
Frau Dr. Reutter, Lektorin im Hippokrates Verlag, war der sympathische Motor des Buchprojekts, der die Fäden stets gut geordnet in der Hand hielt und dafür einen Motivations- und Inspirationspreis verdient hätte.
Und meine Familie hat mir sowieso der Himmel – wer sonst – geschickt: Kinder und ein Ehemann, die äußerst verständnisvoll, ausgeglichen und geduldig hinter der steten Geburtsbereitschaft ihrer Mutter und Frau stehen – „die Geburten gehen bei uns einfach vor“ – und daneben noch ganz entspannt fragen: „Und wann ist dein Buch fertig“?
Jetzt! Ich wünsche allen Leserinnen eine anregende Lektüre und freue mich über regen Austausch.
Braunsbach a. Kocher im Januar 2007
Martina Eirich
Inhaltsverzeichnis
Schwangerenvorsorge
1 Schwangerenvorsorge
1.1 Das ungeplante Kind/Abtreibungswunsch
1.2 Angst vor der Geburt bei Z. n. Sectio
1.3 Z. n. Sectio/Epilepsie
1.4 Z. n. Totgeburt
1.5 Adipositas in der Schwangerschaft
1.6 Rauchen in der Schwangerschaft
1.7 Schwangerschaftserbrechen
1.8 Schwangerschaftserbrechen und vermehrter Speichelfluss
1.9 Sodbrennen
1.10 Leichte Schwangerschaftshypertonie ohne Proteinurie
1.11 Vorzeitige Wehentätigkeit
1.12 Z. n. zweifacher Frühgeburt
1.13 Beckenendlage
Geburtsbegleitung
2 Geburtsbegleitung
2.1 Geburtsstillstand in der EP – Fall 1
2.2 Geburtsstillstand in der EP – Fall 2
2.3 Geburtsstillstand in der EP – Fall 3
2.4 Geburtsstillstand in der EP – Fall 4
2.5 Zervixdystokie bei Z. n. sekundärer Sectio
2.6 Latenzphase/Z. n. Spätabbruch (Fetozid)
2.7 Herztonkontrolle
2.8 Oszillationsverluste im CTG
2.9 Moderate fetale Bradykardie in der AP
2.10 Asynklitismus/Wehenschwäche in der AP
2.11 Geburtsstillstand in der AP
2.12 Dammvorbereitung – Dammschutz
2.13 Verzögerte Plazentalösung
Wochenbettbetreuung
3 Wochenbettbetreuung
3.1 Baby-Blues
3.2 Milchmangel
3.3 Milchstau
3.4 Mastitis
3.5 Abstillen/Rezidivierender Milchstau
3.6 Wadenkrämpfe
3.7 Neugeborenenikterus
3.8 Windeldermatitis
3.9 Erschöpfte Mutter/unerwünschtes Kind
Abbildungsnachweis
Die Autorin
Schwangerenvorsorge
1 Schwangerenvorsorge
1.1 Das ungeplante Kind/Abtreibungswunsch
Fallbeispiel
Sonja ruft mich von einem Café aus an. Vor ein paar Stunden hat sie einen Beratungstermin für einen Schwangerschaftsabbruch wahrgenommen. „Ich könnte abtreiben. Die Formalitäten habe ich alle erledigt. Der Termin für die Abtreibung steht auch schon fest, aber irgend etwas sträubt sich noch in mir. Mein Gynäkologe ist total nett und hat sich viel Zeit für mich genommen, aber irgend etwas fehlt mir noch, um das alles anzugehen. Kann ich auch mal zu Ihnen zu einem Gespräch kommen?“
Hebammenhilfe
Ich frage nach dem Vater des Kindes und seiner Einstellung zur Schwangerschaft. Sonja ist erstaunt: „So direkt hat mich das noch keiner gefragt, ich hatte immer den Eindruck, das ist alleine meine Angelegenheit“. „Der Meinung bin ich nicht“, wende ich ein.
„Wenn er hinter mir und dem Kind stehen würde, würde ich es vielleicht sogar bekommen“, sagt sie traurig. „Könnten Sie ihn morgen mitbringen?“ „Kennen Sie ihn?“, fragt sie erstaunt, „das ist nämlich genau der richtige Ausdruck. Ich muss ihn mitbringen“. „O.k. dann tun Sie das bitte“.
Thorsten erscheint als Erster überpünktlich in meiner Praxis. Sonja und er wohnen weit entfernt voneinander. Er meckert ein wenig herum, was denn das Ganze soll. Der Stau auf der Autobahn habe ihn extrem genervt und warum die Männer auf einmal solche Auflagen kriegen. Ich weiß nicht, wovon er spricht, halte mich jedoch zurück, weil mir schwant, dass Sonja da vielleicht etwas eingefädelt haben könnte. Sonja erscheint und winkt mich, als sie Thorsten sieht, auf den Gang. Sie habe ihn nur mit dem Trick, dass der Mann jetzt auch bei einer Hebamme ein Gespräch führen sollte, bevor die Frau abtreiben darf, hierher gebracht. „Wir sparen dieses Thema am Anfang aus“, erkläre ich ihr.
Ich beginne sehr formell und mit Abstand: „Warum passt ein Kind gerade nicht in Ihre Lebensplanung?“ Thorsten wirkt erleichtert, dass ich ihm auf der intellektuellen Ebene begegne und antwortet: „Weil ich gerade noch ein Promotionsstudium anschließe und dafür den Kopf frei haben möchte“.
„Was würde denn das Kind in Ihrem Kopf machen, wenn es geboren werden würde?“, will ich wissen. Thorsten lacht: „Sie stellen echt lustige Fragen“. Dann überlegt er lange. „Hm, vielleicht, dass ich nicht in Ruhe am PC arbeiten könnte, weil es schreit oder gefüttert werden muss“.
Sonja ist erstaunt: „Ich habe mein Vordiplom gerade abgeschlossen und könnte durchaus zwei Urlaubssemester einlegen, also das kann es doch nicht sein, Thorsten!“
Ihr Freund wirkt verlegen. „Und dann sind wir noch viel zu jung“, schiebt er nach. „Wer sagt das?“, will ich wissen. Thorsten versteht nicht. „Ja, wer sagt, dass Sie zu jung sind?“ „Das kann man doch überall lesen, dass die Frauen heute im Durchschnitt 30 Jahre alt sind beim ersten Kind und der Mann dann wahrscheinlich noch ein wenig älter, zumal wir ja auch noch Akademiker sind und die kriegen ihre Kinder ja alle später“. „Und wo steht das?“, interessiert mich. „Ja, das habe ich entweder im SPIEGEL oder in der ZEIT gelesen“.
Sonja ist nun entsetzt. Ich zeige ihr mit einem Wink, dass sie mich bitte noch nicht unterbrechen möge. „Habe ich Sie dann richtig verstanden, dass Sie Ihren Kinderwunsch an den Aussagen von Journalisten, die sich auf statistische Mittelwerte berufen, orientieren?“, frage ich zurück. „Na ja, nicht so direkt, es ist für mich vielleicht ein bisschen so. Schließlich muss man sich ja an irgend etwas orientieren“, fährt er fort. „Haben Sie Studienkollegen, die Väter sind?“, interessiert mich. „Nein, selbstverständlich nicht“, sagt Thorsten.
„Meinen Sie, es würde Ihnen helfen, wenn Sie welche kennenlernen?“, frage ich ihn. „Die gibt es nicht“, sagt er bestimmt. „Ich rufe, vorausgesetzt Sie sind damit einverstanden, ein Paar an, das in Ihrem Alter ist und studiert und eben das zweite Kind erwartet“, schlage ich vor. Thorsten fragt vorsichtig: „Das zweite schon?“
Hebammenhilfe
Kontakt zu Paaren mit ähnlichen Lebensumständen herstellen.
Beide Paare treffen sich und besprechen die Situation „Studieren mit Kind“. Sonja berichtet mir später am Telefon, dass Thorsten sehr schnell von diesem Paar überzeugt wurde, dass sie das Studieren mit Kindern viel angenehmer fänden, als später ständig die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für ein Kind vor sich herzuschieben oder gar der Karriere wegen zu opfern. „Nein, das ist es wirklich nicht wert“, habe er geäußert, als er voller Stolz die kleine Tochter des Paares auf seinem Schoß sitzen hatte.
„Thorsten hat einfach ein Vorbild gebraucht. Dann ist er auch noch Einzelkind und steht unter einem immensen Druck, es seinen Eltern recht zu machen. Dass sich so schnell eine Lösung findet, hätte ich nicht gedacht. Ohne seine Unterstützung hätte ich das Kind aber abgetrieben, denn das wollte ich mir alleine nicht aufbürden“, fasst Sonja zusammen.
Weiterer Verlauf
Ihr Kind kommt in ihrer Universitätsstadt in einem Geburtshaus zur Welt. Beide sind heute der Meinung, dass es ideal ist, die Kinder bereits während des Studiums zu bekommen. Sonja hat nach einem Urlaubssemester ihr Studium wieder aufgenommen, „weil es doch einfacher war, als gedacht. Es sind die Ängste im Kopf und weniger die Realität, die einem manchmal das Kinderkriegen verleiten“, lautet ihr Resümee.
Kommentar
Betroffen machte mich, dass bei den Beratungsgesprächen zum Schwangerschaftsabbruch die Väter nicht obligatorisch mit eingebunden werden. Auch wenn nicht jeder Mann dazu gezwungen werden kann und will, wäre doch – nach obiger Erfahrung – ein wenig mehr Engagement und Information für alle Seiten zu wünschen, zumal es manchmal nur Kleinigkeiten, ja Missverständnisse und mangelnde Informationen zu sein scheinen, die Paare an einen Schwangerschaftsabbruch denken lassen.
1.2 Angst vor der Geburt bei Z. n. Sectio
Fallbeispiel
Christiane und Bernd kommen zu einem Beratungsgespräch in meine Praxis. Ihre Tochter Kira ist per sekundärer Sectio zur Welt gekommen. Christiane berichtet, dass sie schon in der ersten Schwangerschaft Angst vor der Geburt gehabt habe und jetzt nicht weniger.
Von ihrer Geburt und dem Grund des Kaiserschnitts erzählt Christiane: „Ich war total fertig und wollte die Hebamme, die ich schon von vor drei Schichten kannte, nicht mehr sehen. Sie war zwar nett, aber irgendwie dachte ich mir, jetzt ist genug, ich muss jetzt hier mal Platz machen, mir war es total peinlich, wie lange ich hier schon rum machte und es wurde mir gleich von ihr und dem Arzt zum Kaiserschnitt zugestimmt. Schließlich hatte ich das volle Programm erlebt, Schmerzmittel, PDA, Wehentropf, Wehenhemmer und irgendwann sogar mal beides, also alles“.
Bernd erzählt unumwunden, dass er es am liebsten hätte, wenn seine Frau sich für einen Wunschkaiserschnitt entscheiden würde, da er schon den ersten Kaiserschnitt als sehr angenehm empfunden habe: „Plötzlich geht was, nachdem zig Stunden nichts ging. Da laufen dann mal einige Leute auf, packen alle zusammen mit an und schwuppdiwupp ist die Sache gelaufen, das Kind da und die Frau hat keine Schmerzen mehr“, resümiert er engagiert.
Ich bitte Christiane, mir kurz ihre Schwangerschaft nebst Gefühlen zusammenzufassen: „Irgendwie war ich immer auf dem Sprung. Ständig habe ich auf irgend ein Ergebnis gewartet. Wenn das da war, kam auch schon die nächste Frage mit der Bitte um Abklärung. Ich hatte gar keine Zeit, mich auf mich und das Kind zu besinnen, vor lauter Aktivität und Entscheidungen. Ich habe die Schwangerschaft nicht weniger stressig als unseren Hausbau wenige Jahre zuvor empfunden“, sagt sie.
„Wie geht es dir mit deinem Kaiserschnitt?“, interessiert mich. „Ich habe einige Bücher gelesen, die sich mit Kaiserschnittverarbeitung beschäftigen“, erzählt sie, „ich habe nicht die Wut in mir, die manche Frauen dort schildern, es ist eher so eine Traurigkeit. Aber eines kann ich an diesen Büchern nicht ausstehen, dieses Beschwichtigende, Schönredende, dass die Geburt keine Leistungssache sei, sondern Schicksal, oder dass einer Frau nach einem Kaiserschnitt nicht das Leben schwer gemacht werden sollte, indem man den Kaiserschnitt in Frage stellt. Es wird gesagt, es sei angemessener, mit der Situation, die wir vorfinden, zu arbeiten und sie zu verändern. Natürlich, es bleibt einem ja gar nichts anderes übrig. Mich erinnert das an die Vorlesungen in Pädagogik, die wir an der Uni hatten, wenn wir es mit lernbehinderten Schülern zu tun haben. Dort mag es ja absolut angemessen sein, so zu verfahren, aber ich bin weder gehirnamputiert, noch lasse ich mir diesen esoterischen Krampf aufschwatzen, dass Geburt alleinig Schicksal sei oder die Realität ein wenig geschönt werden muss, weil mir als Frau das Leben nicht zu schwer gemacht werden soll. Jeder, der nur ein bisschen Hirn im Kopf hat, merkt doch alleine schon an der Wortwahl, wie sich hier Menschen, die ein Problem haben, das sie nicht angehen können oder wollen, so zurechtbiegen, dass es in ihr Weltbild passt. Also ich bin wahnsinnig traurig, dass ich mein Kind nicht vaginal bekommen habe und ich sehe auch meine Anteile daran, dass es nicht geklappt hat und mache nicht das Schicksal alleine dafür verantwortlich, das ist ja lächerlich. Mein Kind will ich auf jeden Fall vaginal bekommen“, beendet Christiane ihr langes Statement.
Während ihrer engagierten Rede habe ich das Gefühl, dass es dieses Mal klappen müsste. Woran? Weil sie nicht mehr die extremen Anpassungstendenzen in Form von Abgabe an Verantwortung in sich trägt (siehe ihre Kurzbeschreibung der Vorsorge), sondern aufgrund ihrer Wut (das ist doch nicht nur Traurigkeit, von der sie spricht!) einen guten Motor hat, aus dem sie die Energie schöpfen kann, um ihre Angst vor der Geburt anzugehen. „Und was ist mit deiner Angst vor der Geburt?“, will ich wissen.
Christiane überlegt und antwortet dann: „Also die Zahl ist es nicht, wovor ich Angst habe. Ich meine die Rissgefahr. Angst hatte ich ja schon vor der ersten Geburt. Ich weiß ja, dass man während der Geburt irgendwann gar nicht mehr denken kann, deshalb kann es ja auch gar nicht sein, dass eine Zahl mir dann Angst macht. Es ist irgendwas tiefer Liegendes, das ich überhaupt nicht fassen, geschweige denn in Worte fassen könnte“, beschreibt sie „ihre Angst“.
Bernd sitzt inzwischen gelangweilt und abwesend neben uns. Deutlich ist ihm anzumerken, dass „diese Frauengespräche“ nicht so sein Ding sind und er nur aus Höflichkeit nicht das sagt, was er denkt.
Hebammenhilfe
Mein Vorschlag an die beiden heißt Bodypainting und eineinhalb bis zwei Stunden Zeit.
Hebammenhilfe
Bodypainting zur Angstbewältigung.
Abb. 1.1 Farbkasten für Bodypainting
Abb. 1.2 Bodypainting (Foto nachgestellt)
Zunächst malt Christiane die Geburt ihrer Tochter auf Bernds Bauch. Sie benutzt dafür anfänglich Grün- und Blautöne und mischt ein leuchtendes Petrol auf die Bauchmitte ihres Mannes. Bernd liegt entspannt auf dem Boden. Dann nimmt sie Gelb dazu und schließlich Rot. Interessant ist, wie sich Bernd dabei verhält. Er wird zunehmend angespannter, atmet ruckartiger, seufzt hin und wieder, schaut schließlich auf seinen Bauch und fragt seine Frau, ob sie bald fertig sei. Christiane betrachtet ihr Werk und überlegt lange, während sie alle Farben betrachtet. Dann zieht sie mit schwarzer Farbe einen dicken Kreis um die petrolfarbene Mitte. „Jetzt“, sagt sie.
Gemeinsam betrachten wir das Gemälde. Christiane beginnt selbst darüber zu sprechen: „Am Anfang war es leicht und strahlend, dann fiel es mir immer schwerer, eine Farbe dafür zu finden, aber auf jeden Fall passt der Anfang mit dem Petrol und das Ende mit dem Burgwall aus Schwarz drum herum. Aber ob die Farben genau zum mittleren Teil meiner Geburt passen, kann ich nicht sagen“.
„Und was sagst du dazu?“, möchte ich gerne von Bernd wissen. Er betrachtet kurz seinen Bauch und sagt dann: „Also mit den Farben kann ich wenig anfangen, aber das Blaugrüne war am angenehmsten, als das aufgetragen wurde. Danach hatte ich den Eindruck, als ob Christiane nicht mehr weiter weiß und das hat mir so eine Unruhe gemacht, weil ich dachte, so schwer kann das doch nicht sein, da was auf den Bauch zu malen. Aber der Schluss mit dem Kreis war wieder sehr angenehm, so als ob sie einen Punkt setzt oder endlich einen Schlussstrich zieht. Nur die Farbe gefällt mir überhaupt nicht. Schwarz passt für mich nicht zur Geburt unserer Tochter. Ich hatte nie Todesangst um sie. Es war ja eher nur so, dass Christiane nicht mehr weiter wusste oder konnte und dann musste ihr halt der Arzt das Kind holen“.
Christiane hat ihrem Mann aufmerksam zugehört. Sie blickt wieder aufden bemalten Bauch ihres Mannes und fragt mich dann: „Wie war das bei deinen Geburten? Hast du da auch mal nicht weiter gewusst?“
„Ich habe gemerkt, dass ich dann nicht weiter komme, wenn ich das Nicht-weiter-Kommen als Zustand, als Fixpunkt, als Wertung zulasse. Als ich das aufgegeben habe und mich durchlässig den Wehen stellte, rollte die Geburt wie ein Hurrikan durch mich hindurch und ich musste nur noch genau aufpassen, dass ich ganz konzentriert am Ideal-Plateau der Wehe mit der tiefen Atmung beginne, weil ich sonst wie ein Rodler im Eiskanal von der Ideallinie abgekommen und ins Schlingern geraten wäre. Und während der Wehenpause ruhte ich im Auge des Hurrikans. Ich wusste, dass diese Ruhe Realität war und dass sie mir der Hurrikan schenkte, wie ein kleines Zuckerl, so als ob er mir sagen wollte, ich bin zwar unerbittlich, aber ich bin nicht grausam. Ich weiß, was du kannst. Nur eines werde ich niemals akzeptieren: Dass du dich mir nicht stellst, dass du mir ausweichst, dass du flüchtest. Wenn du das tust, bleibt eine Kränkung in dir zurück, die vielleicht niemals heilen wird.
Und so wusste ich, dass ich nicht gegen den Hurrikan zu kämpfen brauche, weil er mir hilft, wenn ich mit ihm kooperiere. Weil er nur das Beste für mich will: Dass ich mich erkenne, dass ich mich annehme mit allen Stärken und Schwächen, dass ich durch ihn über mich hinaus wachse. Er alleine bestimmt, wie lange die Geburt dauert und kein anderer neben ihm. Ich war gespannt, auch weil ich wusste, ich werde nach dieser Geburt nie mehr wieder die sein, die ich vorher war, weil die Begegnung mit dem Hurrikan so mächtig, so gewaltig war, alles andere winzig werden lassend und in den Schatten stellend.
Und als ich klein genug war, als ich nicht mehr wusste, wer ich war und ob ich war, war es vorbei. Und der Hurrikan hatte als Geschenk nicht nur das Kind, sondern eine Kraft zurückgelassen, aus der ich ständig schöpfe, aus der ich unbegrenzt trinken kann und die mir die Wahrheit mitgegeben hat, dass wir Frauen viel mächtiger sind, als wir meinen zu sein.
Dadurch, dass die meisten Frauen keine solche Geburtserfahrung haben, verschärfen wir jedoch unser latentes Emanzipationsproblem. Äußerlich betrachtet sind wir absolut gleichberechtigt, innerlich betrachtet ordnen wir uns, auch wenn wir dies nach außen vehement ablehnen, medizinischen Aspekten unter, wie wir uns seit Jahrhunderten den gesellschaftlichen Rollen nach wie vor recht klaglos unterordnen. Dabei weiß eine Frau nach einer solchen Geburt, dass sie Managerin werden kann, wenn sie es will, es aber nicht werden muss, weil in ihr die Wahrheit wohnt, dass sie – egal was sie von nun an macht – Macht hat“, antworte ich.
„Gigantisch ist das. Ich werde ganz neidisch. So weit war ich nie“, bekennt Christiane, „das ist Tiefe, das ist Eintauchen. Da war ich nur an der Oberfläche. Am Anfang, so bis fünf Zentimeter, da war es echt o.k. Ich bin mit allem klar gekommen, aber irgendwann habe ich immer mehr meine Fühler danach ausgestreckt, was jetzt die Hebamme dazu meint und der Arzt mir vorschlägt“.
„Warum hast du das gemacht?“, interessiert mich. Christiane denkt nach: „Vielleicht, weil mir die Leute fremd waren und ich mich dort nicht wirklich wohl fühlte, obwohl wir uns das Krankenhaus mit den schönsten Räumlichkeiten ausgesucht hatten. Die Leute haben mich abgelenkt, auch wenn sie ihr Bestes gegeben haben. Jede Schicht wollte wieder erneut wissen, wer ich bin und wie es mir geht. Es war so eine nette Plänkelei mit dem Personal als ich dann die PDA liegen hatte. Aber wie sollte ich mit Betäubung im Rücken auch einen Hurrikan erleben, selbst wenn er sich eingestellt hätte? Was er jedoch nicht tat, weil ich es nicht zugelassen habe oder nicht zulassen konnte, ich weiß es nicht.
Ich spüre auf jeden Fall an meiner Traurigkeit, dass es eine Verletzung ist, Du hast es Kränkung genannt. Das finde ich auch schon wieder beschönigend. Ich fühle mich definitiv verletzt und will auch endlich einen Hurrikan erleben“.
Weiterer Verlauf
Bei ihrer zweiten Geburt tobt Christianes Hurrikan gute fünf Stunden. Einmal, als eine heftige Wehe anrollte, ruft sie: „Bist du groß und schön!“ Ihrem Mann stehen Tränen der Freude in den Augen und auch für mich ist es traumhaft, ihr beim Gebären zuzuschauen und zu sehen, dass sie ist, was sie sieht, oder sieht, was sie ist?
Christiane lebte durch die Geburt förmlich auf. Ihr zeitweilig sehr melancholisches Naturell wich einer energiegeladenen Präsenz. Ihr Mann zeigte sich von den ganzen Veränderungen seiner Frau, die bis weit in ihr Privat- und Berufsleben griffen, mehr als beeindruckt.
Bernd machte beim Abschlussgespräch im Wochenbett neben den niedergelassenen Gynäkologen uns Hebammen für den zunehmenden Trend an primären Kaiserschnitten verantwortlich: „Dass Ärzte dazu raten, weil es in ihren Augen etwas Vertrautes, Praktisches und juristisch Sicheres ist, kann ich absolut nachvollziehen. Dass aber Hebammen die ganzen Trümpfe, die sie in der Hand haben, nicht ziehen, ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar“.
Bodypainting: Material und Vorbereitung
Ich habe über eine Drogerie mein eigenes Bodypaintingset bezogen. Weitere Quellen wären ein Künstler- oder Theatermaterialversand, das Internet oder Supermärkte mit sporadischen Aktionen.
Den Eltern stelle ich frei, ob wir mit meinem Material arbeiten oder ob sie sich ein eigenes Set besorgen. Gerne nehmen die Eltern das Angebot an, mit meinen Farben zu arbeiten, sich aber vorher einen oder mehrere eigene Pinsel zu besorgen.
Je nach Thematik malt die Frau auf den Bauch des Mannes, der Mann auf den Bauch der Frau oder beide nacheinander. Die Frauen machen es sich in der Regel mit dem Stillkissen leicht aufrecht auf dem Bett oder einem Teppich bequem. Eine Mutter, die Gemini erwartete, saß bequem und aufrecht mit geschlossenen Augen in einem Ohrensessel. Wichtig ist das Entstehen eines Vena-cava-Kompressionssyndroms durch vorausschauende Lagerung und Hilfestellung zu verhindern, um den Fluss der Handlung nicht zu stören.
Manche Männer und Frauen haben Probleme damit zu malen, fühlen sich unter Druck und arbeiten sehr mit dem Kopf. Ich beuge einer solchen Stresssituation vor, indem ich bei dem Partner kurz mit meinen Fingern eine Blume, eine leuchtende Sonne oder ein lustiges Tier auf den Bauch aufmale, um dem Paar die Hemmungen zu nehmen. Manchmal greifen sie das Gemalte sofort auf und kreieren darum herum ihr eigenes Werk oder ich wische es weg, wenn ich merke, dass der Funken jetzt übergesprungen ist und mein Gemaltes stört.
Immer wieder stelle ich fest, dass es auch an mir liegt, ob sich jemand schwer damit tut, sich zu öffnen und seine Gefühle zu malen. In diesen Fällen habe ich dann noch nicht den richtigen Zugang zu diesem Menschen gefunden. Auch für mich sind dies wertvolle und kostbare Momente, in denen ich tief in menschliche Seelen blicken darf und viel über die Dynamik von Gefühlen erfahre.
Kommentar
Immer wieder stelle ich fest, dass es wichtig ist, den Besonderheiten der Zeit, in der wir leben zu begegnen. Unsere Zeit ist auf Bilder geprägt.
