Präsentisches Verstehen - Volker Schürmann - E-Book

Präsentisches Verstehen E-Book

Volker Schürmann

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Beschreibung

Anliegen dieses Buches ist es, den Unterschied zwischen Verstehen und Erklären verständlich zu machen und in die Hermeneutik als Lehre des Verstehens einzuführen. Hermeneutik wird allerdings heute oft als Methodenlehre verstanden, als Kunst der Auslegung von Sinn, ohne weitere Reflexion darauf, was Sinn meint und wie er das Auszulegende konstituiert. Dieser begriffsgeschichtlich verkürzten Auffassung setzt Volker Schürmann eine andere, eine philosophische Hermeneutik entgegen. Die Abgrenzung philosophischer Hermeneutik von bloßer Methodenlehre nimmt der Autor dabei unter Rückgriff auf Georg Misch vor und nicht wie üblicherweise unter Bezug auf Martin Heidegger und Hans-Georg Gadamer, was einen Unterschied ums Ganze macht: einen Unterschied im Verständnis von Freiheit. Zudem eröffnet dieser Band eine besondere Perspektive, nämlich eine aus Sicht der Sportphilosophie, die für die akademische Philosophie nach wie vor ein unbeschriebenes Blatt ist. Denn der alte Befund von Helmuth Plessner, dass die Philosophie in der Regel dort endet, wo der Körper beginnt, scheint nach wie vor gültig zu sein. Sportphilosophie aber ist als philosophische Konzeption, in der von den körperlichen Bewegungen und nicht von den bewegten Körpern/Leibern her gedacht wird, ein guter Ausgangspunkt, um eine praxeologische Hermeneutik zu begründen, die durch die Praxisform des personalen und damit sinnverstehenden Handelns bestimmt ist. Das Verstehen sportlicher Bewegungen ist ein besonders geeigneter Fall, um die übergreifende Bedeutung des Verstehens zu erkennen: gerade heute, wenn Big-Data-Wissenschaft als bloße Mustererkennung den offensiven Verzicht auf Verstehen proklamiert.

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Seitenzahl: 504

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Volker Schürmann

Präsentisches Verstehen

Einführung in die philosophische Hermeneutik

Meiner

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über ‹http://portal.dnb.de› abrufbar.

eISBN (PDF) 978-3-7873-4670-7

eISBN (ePub) 978-3-7873-4671-4

© Felix Meiner Verlag Hamburg 2024. Alle Rechte vorbehalten. Dies gilt auch für Vervielfältigungen, Übertragungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, soweit es nicht §§ 53, 54 UrhG ausdrücklich gestatten. Konvertierung: Bookwire GmbHFür Links mit Verweisen auf Webseiten Dritter übernimmt der Verlag keine inhaltliche Haftung. Zudem behält er sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings (§ 44 b UrhG) vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

INHALT

Vorwort

1. Ein Raster der Hermeneutik

1.1 Vorgriff

1.2 Was im Namen der Hermeneutik zu klären ist

1.3 Was meint Hermeneutik?

1.4 Warum eine Hermeneutik sportlicher Bewegungen?

1.5 Was meinen Sinn und Bedeutung?

1.6 Präsenz: Nicht diesseits, sondern in der Hermeneutik

1.7 Was Hermeneutik nicht ist

1.8 Bedingungsgefüge und Bedeutungsgewebe

1.9 Die Programmatik, im Vergleich

2. Handeln und Verhalten

2.1 Personen als exzentrisch Positionierte

2.2 Sinnhafte Welten vs. asinnhafte Umwelten

2.3 Personen, Menschen, soziale Akteure

2.4 Verhalten als Benehmen

2.5 Handeln vs. Verhalten als Behaviour

2.6 Zwischenfazit I: Ontologie des Lebens

2.7 Antworten und Reagieren

2.8 Verhaltenstheorie

2.9 Tätigkeitstheorie

2.10 Zwischenfazit II: Handeln als Tätigkeit

2.11 Relevanz am Fall: Lernen, Erziehen, Bilden

3. Bewegungspädagogik

3.1 Techniklernen

3.2 Techniklernen, aus der Sicht der Bewegungspädagogik

3.3 Bewegungslernen, aus der Sicht der Sportmotorik

3.4 Zwischenfazit: Bewegungspädagogik und Sportmotorik

3.5 Kritik der Bewegungspädagogik

3.6 Fungierendes Wissen

4. Präsentisches Verstehen

4.1 Vorabversicherungen

4.2 Der Einsatz beim Ausdruck

4.3 Das Logische der Rede

4.4 Korollare der Verbindlichkeit der Unergründlichkeit

4.5 Zwischenfazit I: Reden und Verstehen

4.6 Ästhesiologie des Geistes

4.7 Elementares Verstehen

4.8 Zwischenfazit II: Der lebensphilosophische Grundzug

4.9 Das Logische im Feld des elementaren Verstehens

4.10 Zwischenfazit III: Misch und Plessner

5. Praxeologische Hermeneutik

5.1 Der praxisphilosophische Grundzug

5.2 Die Praxisform des Personalen

5.3 Die Vollzugsform des Personalen

5.4 Parteilichkeit

5.5 Das Fremde im Verstehen

5.6 Die Wahrheit des Verstehens

5.7 Nachklang

Anmerkungen

Literatur

Personenregister

»Es lohnt nicht, wie Thoreau sagt, um die ganze Welt zu reisen, bloß um die Katzen auf Sansibar zu zählen.« (Geertz 1983: 24)

»Sowenig man das, was ein Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebensowenig kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewußtsein beurteilen.« (Marx 1859: 9)

»Das Nachdenken über die Formen des menschlichen Lebens, also auch ihre wissenschaftliche Analyse, schlägt überhaupt einen der wirklichen Entwicklung entgegengesetzten Weg ein. Es beginnt post festum und daher mit den fertigen Resultaten des Entwicklungsprocesses.« (Marx 1872: 106 [MEW 23: 89])

»Die Bedeutung des Affektausdrucks […] wird durch den sichtbaren Ausdruck nicht repräsentiert, sondern ist in ihm präsent. […] der Affektausdruck bedeutet nicht mehr als was leibhaftig gegenwärtig ist.« (Misch 1994: 183)

»Ich kann als Athletin ja nicht die Person, die ich bin, einfach hinter mir lassen, oder? Schon alleine deshalb kannst Du den Sport niemals nur von seiner physischen Komponente her betrachten. Ich glaube auch, dass ein normales Leben wichtig ist, weil du nicht für ewig ein Profiathlet sein wirst. Im Moment habe ich viele Menschen um mich herum, weil ich Federica Brignone bin, die Skirennen gewinnt. Aber ich möchte auch, dass Menschen mir nahe sein wollen, weil sie Federica Brignone mögen, die lustig und nett ist, egal welches Resultat sie gerade im Super-G erzielt hat.« (F. B., im Interview mit J. Knuth; SZ v. 6.2.21, S. 25)

Vorwort

In dankbarer Erinnerung an Eckhard Meinberg

Das Vorhaben dieses Buches ist es, den Unterschied zwischen Verstehen und Erklären zu verstehen und verständlich zu machen. Das hat zunächst mit all jenen Situationen, vornehmlich in der akademischen Lehre, zu tun, in denen es darum zu tun ist, verständlich zu machen, was es mit der Hermeneutik als Lehre des Verstehens auf sich hat. Dass es nun neben der Fülle schon vorhandener Literatur dazu noch ein weiteres Buch gibt, hat mit einem Unwohlsein zu tun. Die primäre Wahrnehmung und Darstellung der Hermeneutik ist heute die einer Methodenlehre, einer Kunst der Auslegung von Sinn, ohne weitere Reflexion darauf, was Sinn meint und wie er das Auszulegende konstituiert. Diese Wahrnehmung ist eine Verkürzung gegenüber der Begriffsgeschichte der Hermeneutik, und die entsprechenden Darstellungen sind durch mangelnde Reflexivität gegenüber den eigenen Grundannahmen ausgezeichnet. In diesem Sinne möchte das Buch eine Einführung in eine andere, in eine philosophische Hermeneutik sein.

Gewünschter Begleiteffekt dieses Vorhabens ist, dass die Unterscheidung zwischen Verstehen und Erklären ein geeignetes Medium der »Selbstreflexion der Geistes- und Sozialwissenschaften« (Schneider 2007: 70) ist. Traditionell geht es unter dem Titel dieser Unterscheidung um die Bestimmung der Spezifik zweier wissenschaftlicher Erkenntnisweisen bzw. unterschiedlicher wissenschaftlicher Kulturen. Ist auch die ursprüngliche Zuordnung zu der Unterscheidung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften nicht mehr haltbar, so erzwingt das keineswegs die Verabschiedung der Unterscheidung selbst. Vermutlich ist sie sogar angesichts von Big-Data-Wissenschaft aktueller denn je, denn bloße Mustererkennung ist der offensive Verzicht auf Verstehen. Geeignet ist dieses Medium umso mehr, als eine Selbstreflexion der Wissenschaften notwendigerweise gesellschaftstheoretische Annahmen in Gebrauch nimmt (ebd. 115 ff.), also ein Beitrag zur Zeitdiagnostik sein kann (vgl. auch Scheier 2020).

In der Durchführung sind im Wesentlichen drei Anliegen leitend. Erstens geht es darum, die Unterscheidung zwischen einer philosophischen und einer erkenntnistheoretisch-methodologischen Hermeneutik zu aktualisieren. Dies richtet sich (eher nebenbei) gegen einige geschichtsvergessene Hermeneutik-Verständnisse in der akademischen Philosophie, ist aber primär eine Art von Serviceleistung für die Sportwissenschaften, wo Hermeneutik heutzutage tendenziell mit einer Methodenlehre des Interpretierens gleichgesetzt wird (vgl. dagegen u. a. Prohl 1991: 370–372). Die Unterscheidung zwischen philosophischer Hermeneutik und Methodenlehre ist hier anhand von Georg Misch gewonnen (programmatisch Misch 1924) und nicht wie üblich anhand von Martin Heidegger und Hans-Georg Gadamer, was einen Unterschied ums Ganze macht, nämlich einen Unterschied im Verständnis von Freiheit. In diesem Sinne handelt es sich auch um eine andere philosophische Hermeneutik (vgl. Weingarten 2005).

Zweitens dient der Einblick in die Sportphilosophie als eine Art Serviceleistung für die akademische Philosophie, für die dieses Feld nach wie vor ein unbeschriebenes Blatt ist – Ausnahmen bestätigen die Regel. Der alte Befund von Helmuth Plessner, dass die Philosophie in der Regel dort endet, wo der Körper beginnt, scheint nach wie vor gültig zu sein. Zwar ist der vornehme Ton, der sich erst gar nicht auf die Niederungen körperlicher Bewegung einlässt, wohl leiser geworden, aber innerhalb der akademischen Philosophie gibt es keine etablierte Philosophie, die von der körperlichen Bewegung her Philosophie denkt – so, wie es doch ganz selbstverständlich eine Sprachphilosophie gibt, die von der Sprache her denkt, oder eine Sozialphilosophie, die vom Sozialen her, oder eine Ästhetik, die vom Aisthetischen her Philosophie entwirft. Wenn überhaupt, dann bleibt der Körper und der Sport in der akademischen Philosophie ein Anwendungsfall – etwa der einer vorgelagerten Ethik. Sportphilosophie ist all dem gegenüber eine Binnendifferenzierung der philosophischen Anthropologien, nämlich der seltene Fall, Philosophie von den körperlichen Bewegungen, nicht von den bewegten Körpern/Leibern her zu konzipieren.

Drittens dient das Verstehen sportlicher Bewegungen als ein besonders geeigneter Fall, das Phänomen der Präsenz innerhalb und nicht wie etwa bei Hans Ulrich Gumbrecht diesseits der Hermeneutik zu verorten. Dieses Anliegen wird systematisch den Sinnbegriff auch für Phänomene der Präsenz respektive der vermittelten Unmittelbarkeit in Anschlag bringen und daher auch die Redeweise, wenn auch nicht das damit gemeinte Phänomen, vom sogenannten Präreflexiven verabschieden. Es geht um präsentisches Verstehen.

Kapitel 1 ist eine programmatische Skizze des hier leitenden Vorverständnisses von Hermeneutik. Kapitel 2 nimmt den begriffsgeschichtlichen Stand der Notwendigkeit einer philosophischen Hermeneutik ernst. Weil jede Auslegungslehre von Sinn schon eine philosophische Bestimmung der Auslegung im Rücken hat – Verstehen als »die Grundbewegtheit des menschlichen Daseins« (Gadamer 1974: 1067) –, ist dieses Kapitel eine philosophisch-anthropologische Bestimmung der Sphäre des Personalen, in der jedes auslegende Verstehen stattfindet. Kapitel 3 nimmt den Fall des Lernens und Lehrens sportlicher Bewegungen als Ausweis der Relevanz der Unterscheidung von Verstehen und Erklären. In der Sportwissenschaft scheiden sich die Geister, ob man sportliche Bewegungen als sinnhaftes Bewegungshandeln oder als äußerlich sichtbare, asinnhafte Bewegungsverläufe, als Techniken, lehren soll. Kapitel 4 ist eine Charakterisierung und Verortung präsentischen Verstehens in der lebenslogischen Hermeneutik von Misch. Sportliche Bewegungen werden dort durchgehend thematisiert, wenn auch implizit, denn der zentrale Fall präsentischen Verstehens sind dort leibliche Ausdrucksbewegungen, vor allem Gemütsbewegungen und leiblichmotorische Bewegungen. Kapitel 5 bündelt die erzielten Einsichten und verlängert sie in das Programm einer praxisphilosophischen Hermeneutik.

Eine Erläuterung zum Formalen und gelegentlich unruhig werdenden Schriftbild: Ich bemühe mich, ausschließlich wörtliche Rede in doppelte Anführung zu setzen. Das sind in der Mehrheit der Fälle, wie üblich, Zitate mit entsprechenden Nachweisen. Aus systematischen Gründen aber – etwa wegen der Rolle der Lebenswelt und wegen der Rolle generischen Wissens – setze ich gelegentlich auch das in doppelte Anführung, »was man so sagt«. Den Volksmund kann man zitieren, aber nicht mit einem Zitatnachweis belegen. Ein dritter Fall liegt dort vor, wo ich einen Begriff ausdrücklich terminologisch meine oder einführe. Einfache Anführung und Kursivierungen sind für allen anderen Fälle (Hervorhebungen, uneigentliche Rede, Buchtitel usw.) reserviert, insbesondere dort, wo es (mir) wichtig ist, die Bedeutung Hund von einem Hund zu unterscheiden, da der Begriff des Hundes bekanntlich nicht bellt. »Bzw.« steht wie üblich für beziehungsweise, also für ein »oder«, das Verschiedenes auflistet. »Resp.« dagegen steht für oder auch, gleichbedeutend; oben habe ich also Phänomene der Präsenz und Phänomene der vermittelten Unmittelbarkeit miteinander identifiziert. »I. e. S.« steht für im engeren Sinne, nie für im eigentlichen Sinne.

Selbstverständlich gibt es viele Personen, ohne deren Unterstützung dieses Buch nicht entstanden wäre und denen ich dafür Dank schulde. Aber der hier dokumentierte Aufenthalt im Grenzgebiet von Hermeneutik, Phänomenologie und Erziehungswissenschaft brauchte sehr besondere Anregungen, Unterstützungen und Sicherungsmaßnahmen. In Verbundenheit gilt deshalb mein besonderer Dank Käte Meyer-Drawe und Robert Prohl, die mir solches über viele Jahre gewährt haben.