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Die militärischen Ereignisse im Jahr 1806 bei Jena und Auerstedt wurden bereits vielfach betrachtet. Wilhelm Bringmann legt nun eine neue Analyse des Untergangs des friderizianischen Preußen vor – nicht, um Bekanntes zu wiederholen, sondern um neue Erkenntnisse zu präsentieren. Dazu beleuchtet Bringmann nicht nur militärische Vorgänge, sondern bietet eine umfassende Darstellung der Charakteristika des friderizianischen Staates mit Blick darauf, die Ursachen seines Zusammenbruchs zu ermitteln und zu verstehen. Anhand von politischen und militärischen Fakten, Strukturen und Motiven rekonstruiert er die Ereignisse im Oktober 1806 minutiös – und deutlich anders als gemäß den geistigen Vorgaben der preußisch-deutschen Geschichtsschreibung. So bleiben keine ungelösten Rätsel um den Untergang des friderizianischen Preußen: Nicht Verrat, Zufälle, allgemeine „Glücklosigkeit“ oder (nur) persönliche Unzulänglichkeiten, „Versehen überalterter Führer“, „sittliche Laxheit“, „Schwächung durch die destruktiven Wirkungen des Zeitgeistes“ oder gar „Gottes Wille“ waren ursächlich für die Niederlage. Die Analyse offenbart: Die preußische Niederlage war nicht überraschend, sondern vielmehr im Wesen des friderizianischen Staats und seiner Armee sowie in der Person Friedrich Wilhelms III. angelegt und kam damit wenn nicht zwangsläufig, so doch folgerichtig. Das friderizianische Preußen, über das die Zeit seit 1763 hinweggeschritten war, ist, konfrontiert mit einem überlegenen, aber nicht übermächtigen Gegner, vor allem an sich selbst und seinem System zugrunde gegangen, am materiellen und geistigen Erbe seines Schöpfers. Die politischen und militärischen Entscheidungen, die in das Desaster führten, beruhten zudem auf Entscheidungen und Charakterstrukturen Friedrich Wilhelms III.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1. Was findet sich zum Thema?
2. Was wird hier geboten?
3. Grundprinzipien des staatlichen Handelns im friderizianischen Preußen bis 1806
4. Methodische Anmerkungen
Fakten
Friedrich Wilhelm III.
I. Preußens Verhältnis zu Frankreich seit der Revolution von 1789 bis zum Jahr 1806
1. Bis zum Regierungsantritt Friedrich Wilhelms III.
2. Seit 1798
3. Entschädigungen 1803
4. Bewertung der preußischen Neutralitätspolitik
5. Waren Friedrich Wilhelm III. durch Fehler Friedrich Wilhelms II. die Hände gebunden?
6. Preußens Verhalten vor und nach der Schlacht bei Austerlitz am 2.12.1805
a) Preußische Spekulationen auf Hannover
b) Französischer Durchmarsch durch Ansbach
c) Der Vertrag von Potsdam vom 3.11.1805
aa) Hardenbergs Kaltstellung
bb) Keine preußische Vertragstreue
cc) Erwerb Hannovers nur im Einvernehmen mit Napoléon
d) Der Vertrag von Schönbrunn vom 15.12.1805
aa) Preußische Kalkulationen
bb) Preußisches Possenspiel
cc) Haugwitz in Schönbrunn
e) Wurde Friedrich Wilhelm III. von Beyme, Lombard und Haugwitz gesteuert?
f) Hardenberg − Bereitschaft zum Bündnis mit Frankreich
g) Reaktion in Berlin auf den Vertrag von Schönbrunn vom 15.12.1805
h) Entlassung Hardenbergs
7. Die Folgen des Vertrags von Paris vom 15.2.1806 für Preußen
8. Das preußische Ultimatum vom 26.8.1806
a) Besorgnis wegen Hannover und wegen französischen Truppenbewegungen zur preußischen Grenze
b) Verfall der monarchischen Autorität in Preußen seit 1797 − Interne Kritik an der Politik Friedrich Wilhelms III.
c) Ernst Wilhelm Philipp v. Rüchel
d) „Fronde“ gegen Friedrich Wilhelm III.
aa) Keine wirkliche Alternative
bb) Kein Politikwechsel allein durch administrative Veränderungen
cc) Keinerlei Veränderungen durch die „Fronde“
e) Mobilisierung der Armee seit dem 8.8.1806
aa) Entscheidung pro Krieg mit Frankreich (schon) Ende Juni/Anfang Juli 1806?
bb) Motive und Entschlüsse Friedrich Wilhelms III.
f) Wollte Napoléon (noch im Jahr) 1806 einen Krieg gegen Preußen? – Sizilien
9. Wie ein Krieg zu beginnen gewesen wäre, und was Friedrich Wilhelm III. stattdessen tat
a) Schein und Wirklichkeit
b) Carl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig
aa) Keine echte Alternative zum Herzog
bb) Nicht allein verantwortlich für das Debakel
cc) Beurteilung des Herzogs von Braunschweig
c) Bericht des Friedrich Gentz aus dem preußischen Hauptquartier
d) Dietrich Heinrich v. Bülow
e) Scharnhorst
aa) Übersiedlung nach Preußen 1801
bb) Sein Einfluss in der Armee
cc) Kein „Reformer“ vor 1806
dd) Nach Jena und Auerstedt
f) Verzicht auf die Hilfe der Russen und auf englisches Geld, und dennoch ein Vorstoß über die Elbe
g) Kein Aufbieten aller eigenen Kräfte
h) Motive Friedrich Wilhelms III.
aa) Seine Einschätzung Napoléons und Lucchesinis Berichte
bb) Friedrich Wilhelms III. „Kriegsplan“
cc) Die dem Herzog von Braunschweig vom König gestellte Aufgabe
dd) Laforest im preußischen Hauptquartier
i) „Taubheit“ Napoléons angesichts preußischer Friedenssehnsüchte
II. Die militärischen Ereignisse vom 9. Oktober bis zum 14. Oktober 1806
1. Die preußisch-sächsischen Bewegungen
2. Kein wirklicher Kriegsplan erkennbar
3. Der französische Vormarsch
4. Gefecht bei Hof am 9.10.1806
a) Hohenlohe-Ingelfingen
b) Christian v. Massenbach
5. Saalfeld
a) Prinz Louis Ferdinand von Preußen
b) Militärische Situation bei Saalfeld und Motive des Prinzen
6. Preußisch-sächsische Reaktionen vom 11. bis zum 13. Oktober 1806
7. „Doppelschlacht“ bei Jena und Auerstedt am 14.10.1806?
8. Jena
a) Napoléon
aa) Napoléon und Friedrich der Große
bb) Napoléon und die Königin Luise
b) Vorbereitungen zur Schlacht bei Jena
aa) Ein Brief Napoléons
bb) Keine Sicherstellung gegen einen französischen Angriff
cc) Gefühlte Sicherheit bei Hohenlohe
dd) Dispositionen
c) Hohenlohe nimmt die Schlacht an
d) Verantwortung für das Debakel vor Jena
e) Der Weg in die Niederlage
f) Rüchels Eingreifen
9. Auerstedt
a) Aussichten und Pläne
b) Begegnung der Kombattanten im Nebel
c) Verfehlte Gefechtseinleitung
d) Kämpfe bei Hassenhausen
e) Preußische Kavallerieattacken − Ruf 1806 und tatsächliche Leistung 1793/94
aa) 1793/94
bb) Zustand der Pferde, Verfassung der Reiter
f) Keine Entscheidung auf dem Schlachtfeld
g) Resümee zur Schlacht bei Auerstedt bzw. Hassenhausen
h) Unerzwungener Rückzug der Preußen
i) Friedrich Adolf Graf v. Kalckreuth
j) Versagen Friedrich Wilhelms III.
k) Die Rolle Friedrich Wilhelms III. in der Schlacht bei Auerstedt bzw. Hassenhausen und seine Relation
l) Reformprogramm als unmittelbares Ergebnis der Schlacht bei Auerstedt
10. Gefecht bei Halle
III. Die Zeit nach dem 14.10.1806 bis zum Frieden von Tilsit vom 7./9.7.1807
1. Das Gefecht bei Altenzaun am 26.10.1806
IV. Erläuterungen und Analysen
1. Ökonomische Zwänge Friedrich Wilhelms III.
2. Mangelwirtschaft
a) Friedrich Buchholz
b) Gab es vor 1806 „Reformer“ in Wirtschafts- und Finanzfragen oder im Hinblick auf das Regierungssystem?
c) Der Freiherr v. und zum Stein und die Zeit nach 1806
d) Hardenberg − Wirksame Reformen erst nach 1806
V. Vermeintliche Ursachen für die Niederlage von 1806
1. Waren nicht die geistigen und materiellen Strukturen des friderizianischen Staates, war selbst Friedrich Wilhelm III. nicht für die Niederlage verantwortlich, sondern war Friedrich Wilhelm II. der Schuldige, so wie es die traditionelle preußisch-deutsche Geschichtswissenschaft bis heute zumindest insinuiert?
2. Motivation der preußischen Soldaten
a) Ausländer
b) Keine allgemeine Wehrpflicht
c) Motive und Karrieren in der französischen Armee von 1806
d) Versorgungsmängel
e) Alter der Soldaten
3. Qualität des preußischen Offizierskorps
a) Wären bürgerliche Offiziere jedenfalls fähiger als adelige gewesen?
b) Bildungsstand der preußischen Mannschaften und Offiziere
aa) Friedrich der Große als „Vorbild“
bb) In aller Regel geringe Bildung des Offizierskorps
cc) Verachtung der Gemeinen
c) Motivation der preußischen Offiziere
d) Durchschnittsalter des preußischen Offizierskorps
e) Fazit zum preußischen Offizierskorps
aa) Gerichtsverfahren
bb) Weiterbeschäftigungen
f) Der Zeitgeist
g) Zu viele Veränderungen im friderizianischen Preußen vor 1806?
4. Artillerie
VI. Tatsächliche Ursachen der preußischen Niederlagen
1. Keine Einteilung der preußischen Armee in Divisionen und Korps und kein Generalstab usw.
2. Eingeschränktes taktisches Repertoire bei den Preußen – Lineartaktik
3. Ablehnung des Zielens
a) Definition von „Tirailleurs“, „Linientruppen“, „leichten Truppen“ und „Kleinem Krieg“
b) Ablehnung des Zielens der Linien-Infanterie in der friderizianischen Armee
c) Das friderizianische Menschenbild
d) Argumente der Gegner des Zielens und Tiraillierens
e) Gefecht bei Maida
4. Keine neuere Kriegserfahrung – Gab es „Reformer“?
a) War Friedrich Wilhelm III. ein „Reformer“?
b) Gab es vor 1806 wenigstens einen „gefühlten Reformmodus“?
c) Die „Militärische Gesellschaft“
d) Tatsächliche „Reformer“ fast nur außerhalb der preußischen Armee
e) Reformgegner nach 1806
5. Unbeweglichkeit der Armee
6. Kein Kundschafterwesen
7. Fazit zu den Ursachen der Niederlagen
VII.Welche Reformen wurden nach 1806 in der preußischen Armee durchgeführt, und was haben sie bewirkt?
1. Zerstreutes Gefecht
2. Auswirkungen in den Freiheitskriegen
a) Partielle Entmachtung des Königs
b) Schwächen der französischen Armee
c) Geld und Ausrüstung aus London
d) Weitere Veränderungen
e) Die Wirkungen
Literatur
Impressum
ibidem-Verlag
ibidem-Verlag, Stuttgart
Preußen im Jahr 1806 (Jena und Auerstedt)
Die folgenden Seiten sollen zur Aufklärung über die kriegerischen Ereignisse unter Beteiligung Frankreichs und Preußens in der Zeit vom 9.10.1806 bis zum 14.10.1806 im heutigen Thüringen bzw. Sachsen-Anhalt beitragen, besser bekannt als die „Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt.“
Die meisten Zeitgenossen konnten sich „das unbegreifliche Phänomen nicht erklären, wie eine der größten Mächte Europas mit einer Heeresmacht, die der des alten Roms im Zenith seiner Größe gleich kam, in wenig Tagen von der Erde verschwand.“1 Ihre Verwunderung nahm mit dem Maß zu, in dem sie Bewunderer Friedrichs des Großen waren, sie war umso größer, je weniger sie sich ein realistisches Bild vom friderizianischen Staat und seiner Armee bis 1806 gemacht hatten.2
Sowohl die Bewunderung als auch die Verwunderung gibt es bis heute. Da auch ihre Ausmaße gleich riesig geblieben sind, ist eine Befassung mit Preußen im Jahr 1806 angebracht. Die meisten militärischen Fakten und die besten Erkenntnisse zu den Ereignissen bei Jena und bei Auerstedt sind eigentlich bereits unmittelbar im Anschluss hervorgebracht worden. Die produktive Zeitspanne lässt sich datieren bis etwa zum Beginn der Befreiungskriege 1813. Es gab nämlich in Preußen, Deutschland und Frankreich eine Vielzahl buchstäblich „Betroffener“, die ihr Wissen oder ihre Verteidigung zu Gehör brachten, und eine Vielzahl von Interessenten, die sich die Ereignisse nicht erklären konnten. Trotz mancher Aufklärung waren sich die Zeitgenossen aber sicher, dass „noch nach Jahrhunderten, manche Worte über den alles Begreifungs-Vermögen übersteigenden Anfang dieses in seiner Art einzigen Krieges [von 1806] werden gesagt werden.“3
Abgesehen von einigen zeitgenössischen Nachzüglern übernahm nach der Niederringung Napoléons die preußisch-deutsche Geschichtswissenschaft das Kommando in Sachen Aufklärungsarbeit zum Jahr 1806, und damit ging die Zeit für neue Erkenntnisse im Wesentlichen auch schon zu Ende. Bis heute gilt seitdem, was man zwischen den Zeilen fast überall lesen kann: Der Untergang des an sich vortrefflichen friderizianischen Staats 1806 ist eine Irregularität gewesen, die sich das Schicksal erlaubt hat. Die Geschichte hat eindeutig ihre Kompetenzen überschritten, als sie das singuläre Staatswesen des verehrten Königs in so schäbiger Weise untergehen ließ. Dieser im Prinzip unzulässige Vorgang bedarf keiner wirklichen Aufklärung, erst recht nicht einer solchen, die etwa das durchweg positive Bild verändern könnte, dass vom friderizianischen Preußen bis zum Tod Friedrichs des Großen 1786 unbedingt festzustehen hat. Hilfsweise wird die (ausgesprochene oder insinuierte) Darstellung geboten, der Zusammenbruch des friderizianischen Staates im Jahr 1806 könne nichts über seine Qualität und Zukunftsfähigkeit aussagen.4
Der „sicherste“ und am häufigsten beschrittene Weg ist bis heute, sich im Zusammenhang mit Friedrich dem Großen mit dem Jahr 1806 überhaupt nicht zu beschäftigen, so als könne man hier gegen alle Regel gerade auf jene Erkenntnisse, die aus dem Ende eines Staates zu gewinnen sind, am unbedenklichsten verzichten, als könne man seine Geschichte schreiben, ohne auf das Jahr 1806 einzugehen, obwohl man doch gerade aus dem Untergang eines Regimes am sichersten auf sein Wesen und seine Webfehler schließen kann. Beispielhaft sind hier die Veröffentlichungen zum „Friedrich-Jahr“ 2012, in denen die Jahreszahl „1806“ fast nirgends erscheint. Die einzige verdiente Konsequenz der „Eigenmächtigkeit“ der Geschichte scheint zu sein, sich einfach mit diesem Vorgang, von Daten, abstrakten militärischen Bewegungen und allgemeinen Redensarten abgesehen, nicht eingehender zu befassen.
Deshalb hatte und hat die preußisch-deutsche Geschichtsschreibung bis heute im Hinblick auf das Jahr 1806 eine Vorliebe für Unwägbarkeiten: Beim Untergang dieses an sich vortrefflichen Gemeinwesens waren sinistere Machenschaften ursächlich, die man sich nicht recht erklären kann und will, aber heute noch greifbare Fakten und Strukturen hatten jedenfalls keinen Einfluss. Das Jahr 1806 war demnach ein zufälliger Betriebsunfall, aber kein System- und Strukturversagen des friderizianischen Staats. Auch in den Befreiungskriegen, gewissermaßen die Reparatur des Betriebsunfalls, waren vorwiegend Geisteshaltungen ausschlaggebend, aber Zahlen, Fakten und Sachverhalte spielten Nebenrollen.
Im Grunde wollte und will fast niemand wissen, was 1806 wirklich passiert ist. Es sollte und soll nichts „Störendes“ zu Tage gefördert werden, was das Bild Friedrichs des Großen im weitesten Sinn verdunkeln und die postmortale Verbreitung seines Geistes in Deutschland behindern könnte.
Geschichtsschreibung war im gesamten 19. und bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts viel stärker mit der Tagespolitik verbunden, als man es sich heute vergegenwärtigt.5 Was hier störte, wurde weggelassen oder bewusst „korrigiert“, weil man so einer „guten Sache“ diente. Bei den allermeisten Historikern stand das Ziel im Vordergrund, uns Deutsche geistig „fit“ zu machen für den nächsten Krieg, d.h. allem kritischen Denken im Zusammenhang mit historischen Vorgängen einen Riegel vorzuschieben.6 Dessen sollten sich Historiker bewusst sein, die heute noch unkritisch Darstellungen der preußisch-deutschen Geschichte willig folgen, die vor 1945 zu Papier gebracht worden sind.
Im Hinblick auf das friderizianische Preußen hat sich die preußisch-deutsche Geschichtswissenschaft immer schon und bis heute in der Zeit von 1740 bis 1786 am wohlsten gefühlt, weil man hier nichts „falsch“ machen konnte, weil der Vielschreiber Friedrich das Wesentliche schon vorgegeben hatte. Auch für die Jahre 1786 bis 1797 schien und scheint bis heute alles geregelt zu sein, da Friedrich der Große bekanntlich prophezeit hatte, dass es nach seinem Tod unter seinem Neffen mit Borussia steil bergab gehen würde. So schrieb und schreibt man denn bis heute meistens alles ungeprüft ab, womit Friedrich Wilhelm II. jemals angemistet worden ist, insbesondere von den offenbar als uneingeschränkt vertrauenswürdig eingeschätzten „Zeitzeugen“ v. Massenbach, Buchholz und v. Cölln.7
Für die Jahre 1797 bis 1806 hingegen, für die Zeit nach den Umwälzungen seit 1789 und erst recht für dieses verflixte Jahr des Zusammenbruchs des friderizianischen Staates, den es eigentlich niemals hätte geben dürfen, hatte der große König selbstverständlich keine geistigen Vorgaben mehr machen können, und so ließ er seine literarischen Epigonen allein in einer Zeit, die ohnehin für kritische eigene Gedankenarbeit wenig günstig war: Bis 1840 regierte noch Friedrich Wilhelm III., den die „patriotischen“ Historiker gegen alle Fakten verteidigt haben, weil der Großneffe und devote Verehrer des großen Königs sie bezahlt hat und mit ihrer Leistung zufrieden war. Danach regierten seine den Vater verehrenden Söhne Friedrich Wilhelm IV. und Wilhelm I. Auch im Kaiserreich wollte niemand den Glanz des Hauses Hohenzollern und seines größten Sprosses etwa verdunkelnde Mitteilungen über das Jahr 1806 hören.
Damit stand und steht für eine herrschende Meinung in der preußisch-deutschen Geschichtswissenschaft bis heute fest, dass Friedrich der Große, obwohl er seinen Staat in allen Fasern von 1740 bis 1786 in singulärer Weise geprägt hat, für dessen Untergang 20 Jahre nach seinem Tod auch im weitesten Sinn nicht verantwortlich zu machen ist. Die zumindest insinuierte8 Grundthese war und ist bis heute, das friderizianische Preußen sei ohnehin vor 1786, aber auch danach im Prinzip zukunftsfähig und gewissermaßen auf dem Sprung zu (weiteren) Reformen gewesen, wenn da nicht Friedrich Wilhelm II. und am 14.10.1806 ein widriges Schicksal gewesen wären.
Die Friedrich-Legende lebt bis heute u.a. von der mehr oder weniger deutlich formulierten Unterstellung, sein Staat sei nicht nur bis 1786 (mindestens) ziemlich gut intakt und an der Spitze des Fortschritts in Europa, sondern auch noch danach aus sich heraus und ohne Anstoß von außen reformierbar und reformfähig gewesen. Friedrich habe sogar bis 1786 die Reformfähigkeit in seiner Person repräsentiert und danach sei diese in seinem Geist – selbstverständlich erst seit Ende 1797, denn davor war „bekanntlich“ Misswirtschaft und Niedergang – bis zum Oktober 1806 in eine „Umstimmung“9 eingemündet, die seit 1807 zu Reformen geführt habe. Und weiter Hintze, nach v. Cölln der Spiritus Rector der preußisch-deutschen Geschichtsschreibung zum friderizianischen Preußen bis heute, allen Ernstes: „Nicht in einem schroffen Bruch mit der eigenen Vergangenheit, in eilfertiger Nachahmung eines fremden Musters, sondern in engem Zusammenhange mit der bisherigen Entwicklung“, seien die Reformen seit 1807 erfolgt.10
So kommt man auch zu einer „schlüssigen“ Schuldzuweisung für den Zusammenbruch des friderizianischen Staates: Friedrich Wilhelm III. war jedenfalls nicht verantwortlich.11 Die preußisch-deutsche Geschichtsschreibung hat den ergebenen Bewunderer und Großneffen Friedrichs des Großen vielmehr in das gleißende Licht der gewonnenen Freiheitskriege 1813/15 getaucht.12 Friedrich Wilhelm III. hatte demnach seit der Thronbesteigung 1797 „acht Jahre lang den Krieg vermieden, weil er sein Elend kannte, sich [sodann 1806] gegen seinen Wunsch und gegen seine Ueberzeugung zum Kriege fortreißen lassen. Er hatte Männern sein Vertrauen geschenkt, die er für rechtschaffen und weise hielt, Generale an die Spitze seiner Truppen gestellt, die er selbst – und eigentlich auch die übrigen – für kriegserfahren hielt, weil sie unter Friedrich II. berühmt waren.“13
Erst recht war Friedrich der Große nicht verantwortlich für das Debakel von 1806. Denn das friderizianische Preußen war 1786 nach verbreiteter Ansicht − bis heute ohne jeglichen Beleg, ohne Kriterien, ohne Definition, woran man das denn in jener Zeit festzumachen gehabt hätte – jedenfalls eine „Großmacht“, was eine beachtliche Leistung dieses Monarchen gewesen wäre. Aus Friedrich selbst, aus seinem Geist heraus wären die hier und da nach 1806 vielleicht notwendigen Veränderungen gewiss durchgeführt worden, wenn vor dem Zusammenbruch nur noch (etwas) mehr Zeit geblieben wäre. Denn „die große Reformzeit [nach 1806 sei] die Fortsetzung jener Bestrebungen“ gewesen, „die seit dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms III. am Werke waren.“14
Verantwortlich für die Unterlassungen soll Friedrich Wilhelm II. gewesen sein, der „bekanntlich“ durch „Mätressenwirtschaft“15 und nicht näher definierte „Verschwendung“ eine „finanzielle Erschöpfung“ des Staates verursacht hat.16 Auch seine Kriege seien ruinös gewesen und hätten nichts eingebracht. Nur diese Misswirtschaft habe „die Durchführung einer Reform großen Stils, namentlich auf dem Gebiete der Heeresverfassung verhindert.“17 „Größere Sparsamkeit“ habe erst Friedrich Wilhelm III. an den Tag gelegt, unter dem es sogar zu einer „wirtschaftlichen Blüte“ –wohlgemerkt ohne jegliche Veränderungen am friderizianischen System und unter noch verschärften europäischen Wettbewerbsbedingungen im Vergleich zu der Zeit vor 1786 – gekommen sei. Die Finanzen hätten sich von 1797 bis 1805 „durchaus zufriedenstellend“, ja „günstig“ entwickelt.18
So gut wie alles, was von der preußisch-deutschen Geschichtswissenschaft bis heute zum Jahr 1806 produziert worden ist, sollte letztlich der Rettung des Ansehens Friedrichs des Großen dienen. So sollte eine „Brandmauer“ aus vielen Worten zu seinem Schutz gezogen werden, was womöglich von edler Gesinnung zeugt, aber einer Wissenschaft nicht würdig ist. Eine wissenschaftliche Analyse wird zugunsten von Allgemeinplätzen und Redensarten vermieden; Halt soll im Schwammigen gesucht werden. 1806 seien „die überlieferten Ordnungen Preußens morsch“, das „feste Gefüge gelockert“ gewesen. „Die alte preußische Nüchternheit und Strenge sei, namentlich in der Hauptstadt, der Frivolität und Genußsucht gewichen, der uneigennützige Eifer für das Gesamtwohl“ sei „gelähmt“ gewesen, „die unbestechliche Redlichkeit der Verwaltung“ sei „vielfach in Verderbtheit umgeschlagen“, ganz oben habe ein „eherner Wille“ gefehlt. „Jene Frische und Elasticität, die den alten preußischen Staat weit über das Maß seiner materiellen Kräfte gehoben hatte, ward von scharfsichtigen Patrioten seit langem vermißt.“19 Deswegen soll der Staat Friedrichs des Großen an einem Tag nicht nur militärisch vernichtet, sondern auch moralisch wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen sein.
Das ist die Kernbotschaft: Friedrich der Große ist aus dem Untergang seines Staates 1806 keineswegs beschädigt hervorgegangen, sondern sogar gestärkt, weil in IHM bereits die Reformen in Staat und Militär programmiert waren, die sodann Jahrzehnte nach 1806 die Reichsgründung möglich gemacht haben.20
Deshalb wird (ausgesprochen oder insinuiert) behauptet, die Reformen nach 1806 hätten nicht etwa „vollkommen Neues“ geschaffen, sondern sie seien eine „vielfache Wiederanknüpfung an die Grundzüge des altpreußischen Militär- und Beamtenstaates“ gewesen, womit der Nachweis erbracht sei, „daß bereits vor 1806“ [hinzuzudenken ist: schon vor 1786, aber nicht von 1786 bis 179721] „in Heer und Verwaltung eifrig an Reformen gedacht und auch für solche gearbeitet“ worden sei.22 Das ist die Kernbotschaft: „Schon vor Jena und Auerstedt erwuchs im Staat selbst die Reformpartei, die Änderungen der sozialen, der wirtschaftlichen und der politischen Ordnung verlangte, damit die drohende Krise überwunden werde.“23
Auch nach 1945 hat sich, soweit ersichtlich, die deutsche Geschichtswissenschaft nicht eingehend mit den um die Ereignisse des im Oktober 1806 aufgeworfenen Fragen befasst, von summarischen Mitteilungen vor 1945 entstandener Gedanken und begrenzten Erörterungen rein militärischer Probleme einmal abgesehen. Mehr als ein mit großem Selbstbewusstsein vorgetragenes Stochern im Nebel ist dabei nicht herausgekommen. Eine schlüssige Erklärung, warum das angeblich zumindest bis 1786 gut funktionierende friderizianische Preußen 1806 zusammengebrochen ist und warum Friedrich, obwohl dies bereits 20 Jahre nach seinem Tod geschah, dafür keinerlei Verantwortung tragen soll, fehlt.
Die ganz große Mehrheit der preußisch-deutschen Historiker hat Friedrich Wilhelm III. zudem bis heute glauben wollen, er habe im Oktober 1806 die Absicht gehabt, Napoléon zu bekriegen. Der selbst gewählte Friedrich-offiziöse Charakter dieser Geschichtsschreibung lässt auch nichts anderes zu als Gutgläubigkeit, da man doch das Verhalten des ergebenen Großneffen Friedrichs des Großen in dieser kardinalen Frage nicht in Zweifel ziehen kann. Es war immerhin noch irgendwie „ehrenhafter“, wenn er sich auf dem Kriegspfad von Napoléon hatte übertölpeln lassen, als wenn er mit seinem Heer auf der Suche nach einer friedlichen Verhandlungslösung geschlagen worden wäre.24
Es bleibt die Frage, ob das, was uns seit 1806 üblicherweise berichtet wird, mit den Fakten zusammenpasst. Es ist hier nicht beabsichtigt, die militärischen Ereignisse umfassend zu beschreiben, da dies andernorts bereits vielfach geschehen ist. Es werden lediglich jene kriegerischen Momente skizziert, und jene Strukturen analysiert, die ausschlaggebend für die Vorgänge in der Zeit vom 9. bis zum 14.10.1806 waren und zu ihrem Verständnis beitragen.
Warum richtete Friedrich Wilhelm III. am 9.10.1806 ohne Verbündeten, mit nicht vollständig mobilisierter Armee eine Kriegserklärung gegen Napoléon, wo er doch seit 1797 und noch 1805 bei wesentlich besseren Rahmenbedingungen standhaft und ohne Rücksicht auf sein und seines Staates Ansehen jeden Krieg abgelehnt hatte? Wer konnte denn so dumm sein? Warum brach seine Armee (und in der Folge sein Staat) an nur einem Tag zusammen, nachdem sie zweimal vom Gegner blind wie ein Maulwurf übertölpelt worden war? Wie konnte die ruhmreiche friderizianische Armee an nur einem Tag nahezu vollständig als militärischer Faktor ausgeschaltet werden? Waren das alles Zufälle oder war es gar „Gottes Wille“? Hat nur „die Führung versagt“25, oder gab es strukturelle Ursachen?
Das sehr detail- und quellenreiche Buch von Brendan Simms beschreibt die Vorgeschichte der hier interessierenden Fragestellung −nämlich die Ereignisse des Jahres 1805 vor der Schlacht bei Austerlitz − überzeugend, gerät aber zum Jahr 1806, also gerade etwa zu dem Zeitpunkt, in dem die hier vorliegende Untersuchung einsetzt, in der Einschätzung der Bereitschaft Friedrich Wilhelms III., tatsächlich einen Krieg zu führen, ganz aus der Spur. Es bedarf also tatsächlich eines neuen Blickes auf das Jahr 1806.
Sehr nobel hat Friedrich v. Raumer26 zu Friedrich Wilhelm III. bemerkt: „Wir glauben den unglücklichen Monarchen, den in einer schweren Zeit die Geburt zum Throne berief, besser zu ehren durch unser Schweigen.“ Aber das lässt sich hier nicht machen. „In a country like Prussia the monarchy was only as strong as the monarch“, hat Dwyer27 richtig festgestellt. Ein wesentlicher Schlüssel zum Verständnis des Schicksals Preußens 1806 muss bei Friedrich Wilhelm III. gesucht werden. Jedes Handeln und Unterlassen des Staates hatte seinen Ursprung in einer Entscheidung oder Unterlassung des Königs. Andere Einflüsse in seiner Umgebung spielten lediglich eine mehr oder weniger große Nebenrolle und meistens gar keine.
Wenn man die militärischen und politischen Vorgänge im friderizianischen Preußen im Herbst 1806 verstehen will, kommt man zudem um die Erkenntnis des Grundprinzips nicht herum, dass der Kreis der tatsächlichen Ratgeber und Entscheidungs(mit)träger äußerst klein war. Das galt für Friedrich den Großen insbesondere, aber auch für seine beiden Nachfolger. Wenn man also Ziele, Erwägungen und Motive ermitteln will, die für die jeweiligen staatlichen Entscheidungen und Handlungen maßgebend waren, darf man sich nur auf Aussagen dieses ganz kleinen Personenkreises stützen. Man wird sonst nicht verstehen, was geschehen ist.
Friedrich Wilhelm III. stützte sich 1806 bis zum 11. Oktober in außenpolitischen (und den damit im Zusammenhang stehenden militärischen) Fragen vor allem auf den Rat und den Austausch mit seinem Kabinettsrat Lombard.28 Daneben auf Köckritz29, Haugwitz30 und sehr wahrscheinlich auf den Herzog von Braunschweig und wohl noch auf Möllendorf.31 Außer diesen Personen dürfte kein preußischer Politiker oder Militär mit den geheimen Ansichten und Zielen des Königs vertraut und in die finalen außenpolitischen und militärischen Entscheidungsprozesse der Jahre 1805 und 1806 eingebunden gewesen sein.32
Das gilt auch für hochrangige Persönlichkeiten wie Hohenlohe-Ingelfingen, Kalckreuth33, Blücher oder Scharnhorst etc. und sowieso für Hardenberg34, der bereits seit November 1805 im Abseits und seit dem 1.4.1806 auf französischen Druck aus dem Amt entfernt war, und tatsächlich seitdem bis Jena und Auerstedt keinen Einfluss mehr auf die Staatsgeschäfte ausübte.35
Es hat sich in der Geschichtsschreibung zum friderizianischen Preußen nach 1786, wenn man eine eigene Ansicht belegen will, aber kein unterstützendes Zitat vom König oder einem engen Mitarbeiter findet, der Kunstgriff eingebürgert, mitzuteilen, dieser oder jener Zeitgenosse oder Nachgeborene habe doch der Regierung dies oder das nachgesagt und unterstellt, und deshalb sei es auch so gewesen. Es ist jedoch nicht sachgerecht, wenn Autoren zur Stützung ihrer Auffassungen mangels überlieferter Aussagen aus dem tatsächlich relevanten Personenkreis beliebige andere zitieren, die mit der Entscheidungsfindung nichts zu tun hatten.36
Den Vogel schießt insoweit das an einer Überfülle unbeherrschten Materials gescheiterte Buch von Kittstein ab, der behauptet, Friedrich Wilhelm II. habe 1792 vorrangig aus Furcht vor einem Übergreifen der französischen Revolution auf Preußen im Bunde mit Österreich in Frankreich militärisch interveniert. Von Friedrich Wilhelm II. oder seinen Vertrauten gibt es dafür keine Bestätigung, weil es nicht so war. Hilfsweise beruft sich Kittstein auf alles und jeden.37 Gegen so ein Verfahren, mit dem sich alles und jedes und auch das Gegenteil „belegen“ lässt, kann man mit „herkömmlichen“ wissenschaftlichen Methoden allerdings nicht argumentieren. Wer die Dinge methodisch prinzipiell anders sieht, wer meint, man könne doch, wenn eine Stütze der gewünschten Argumentation fehlt, auch irgendwo beliebig eine passende suchen, so wie es Kittstein macht, wird hier eine zu geringe Ausschöpfung möglicher Quellen zu kritisieren haben.
Probleme bereiten die Begriffe „Reformen“ und „Reformer“ im Zusammenhang mit dem Jahr 1806. Beide sind von der preußisch-deutsche Geschichtsschreibung durch unsubstantiierten, inflationären Gebrauch so wertlos gemacht geworden, wie es Friedrichs des Großen Scheidemünzen gewesen sind. Demnach war bereits Friedrich II. zumindest im Geiste der erste preußische Reformer, unter Friedrich Wilhelm II. gab es nur Misswirtschaft und keine Reformen38, und seit 1798 bis 1806 gab es unter Führung Friedrich Wilhelms III. eigentlich nur „Reformer“, sogar das fritzische Fossil Rüchel wird von Olaf Jessen zum Semi-Reformer promoviert. Wenn aber jedermann zum „Reformer“ erklärt wird, kann auch der Anachronismus wieder als „modern“ erscheinen. Auf diese Weise wird die strukturelle Reformbedürftigkeit des friderizianischen Staates durch eine Entkernung der Begriffe vernebelt, was wohl auch der Sinn der Sache ist.39 Hier muss deshalb bei einzelnen Persönlichkeiten regelmäßig eine Definition ihrer Eigenschaft als „Reformer“ erfolgen.
Kleine Teile des Folgenden werden ausdrücklich als Vermutungen und Wahrscheinlichkeiten gekennzeichnet, was eigentlich zu vermeiden ist. Nach der Niederlage wurden aber (preußische diplomatische) Akten zu den hier beschriebenen Ereignissen vernichtet.40 Der (an sich ununterbrochene) Briefwechsel zwischen Königin in der Zeit vom 29.7.18076 bis zum 13.10.1806 ist nicht aufbewahrt worden.41 Es mag auch manches im Trubel des Rückzugs seit dem 14.10.1806 „freiwillig“ verloren gegangen sein.
1 So der Friedrich-Verehrer Archenholz ((1), S.277) unter dem unmittelbaren Eindruck der Nachrichten von den preußischen Niederlagen am 14.10.1806.
2 Ein zeitgenössisches Beispiel für diese Blindheit: „Wer den Preußischen Staat gekannt hat, wem das Glück zu Theil wurde, unter der milden, humanen Regierung des besten Fürsten zu leben..., der wird mit Abscheu und Indignation auf alle...Skribenten hinsehen, die...alles, was rechtlichen Menschen heilig und ehrwürdig ist, mit Füßen treten... Vor dem Krieg [von 1806], da der Preußische Staat glücklich und blühend war, wurde die Verfassung desselben überall als gut und musterhaft, selbst von denen gepriesen, welche sie jetzt herabzuwürdigen suchen. Was haben aber...militärische Fehler und ihre Folgen mit der Staatsverfassung im eigentlichen Sinne zu thun?“ (Anonymus (85), S.130 f.) – Ein Beispiel aus unseren Tagen: „Es war durchaus nicht so, daß mit Preußen ein Staat alteuropäischer Stagnation und des Immobilismus um 1800 in einem sich revolutionierenden Europa in eine existenzielle Krise geraten wäre.“ (Neugebauer, S.401)
3 So Anonymus (80), S.468.
4 Hubatsch (2), S.137: „Wenn irgendwo, dann war im 18. Jahrhundert in Preußen die moderne Staatsverwaltung nach aufgeklärten Grundsätzen aufgebaut und durchgeführt worden.“ – Die angelsächsischen Verehrer des großen Königs sind sogar noch konsequenter als die deutschen: „To debate just how much responsibility for that double disaster [Jena and Auerstedt] should be laid at the door of Frederick is not rewarding.“ Immerhin hätten seine beiden Nachfolger 20 Jahre Zeit gehabt, „many problems he left unsolved“, zu lösen, von denen man aber nichts erfährt, weil ja bis 1786 alles nahezu perfekt war. (Blanning (2), S.500) Die Frage, ob der friderizianische Staat aufgrund seiner Genesis strukturell reformunfähig war, taucht erst gar nicht auf.
5 Die Niederlage von 1806 wurde seit 1807 (bis 1945) zur Argumentation in tagesgpolitischen Fragen verwendet, z.B. gegen „Militarismus“, gegen den Adel, oder zugunsten einer Miliz an Stelle eines stehenden Heeres. (Z.B. Boguslwaski, S.5.)
6 Z.B. Friedrich Meusel 1915 im Vorwort zu Marwitz (1), Bd.162, S.426, in einer zynischen Verdrehung der Tatsachen: „Das gesteigerte Nationalgefühl, das uns als eine der köstlichsten inneren Errungenschaften des Ringens zur Weltmacht empor bleiben wird, beruht nicht zuletzt auf der Überzeugung, daß wir unseren Gegnern als Volk, als Gesamtheit an sittlicher Kraft überlegen sind. Vor allem an Wahrhaftigkeit… Die deutsche [Geschichts-]Wissenschaft darf…einen Teil des Verdienstes für sich in Anspruch nehmen, den Sinn für Wahrhaftigkeit und Selbstkritik…in unserem Volke geschärft zu haben.“ – Wohin solche Historiker uns Deutsche (mit-)geführt haben, wurde 1918 und 1945 offenbar.
7 Friedrich v. C. (1766–1820). Seit 1793 Kriegs- und Domänenrat in Posen, sodann bis 1805 in Berlin. C. bezeichnete sich selbst als „Anhänger des wahren ächten preußischen Staatssystems“ ((2) Bd.2, Heft 3, S.127), und war wie z.B. der General v. Rüchel eine konzentrierte Säure aus reinem Fritzentum. – Bei Cölln, der sich als „Sprecher des Volkes“ sah ((2), Bd.2, Heft 5, S.27), verbanden sich sowohl Antisemitismus und Englandhass als auch Verehrung Friedrichs des Großen und Napoléons, dessen Unterjochung Europas er als Notwehr rechtfertigte, sowie wirre ökonomische Theorien, wonach z.B. der (weitere) wirtschaftliche Niedergang Preußens nach 1786 durch den Export von Getreide verursacht worden sein soll. „Das Getreide, das Mark unseres Landes, ist in ungeheuern Quantitäten weggeschafft worden, damit die unteren Stände verarmen und verhungern.“ (Cölln (2), Bd.1, Heft 2, S.49 f. 58) Nach 1806 plädierte C. für eine dauerhafte Unterwerfung unter Frankreichs Willen (A.a.O., S.55). – „Cöllns Hauptarbeit bestand darin, Anekdoten zu erzählen und hochstehende Personen zu verunglimpfen.“ (Bahrs, S.80.) – C. ist bis heute der wichtigste Kronzeuge der preußisch-deutschen Geschichtsschreibung für die Zeit von 1740 bis 1806, auch wenn das in den Abschreibungsketten nicht mehr kenntlich gemacht wird. – In Cöllns 1807 – also erst nach dem Zusammenbruch – verfasster Darstellung der Regierung Friedrich Wilhelms II., aus der – hier und da leicht modifiziert – bis heute sinngemäß und ohne Zitat abgeschrieben wird, heiß es: „Entsetzlich! In ihm [Friedrich Wilhelm II.] liegt die Summe alles Elendes, unter dessen nächtlich grauenvollem, eisernen Druck unser Vaterland seufzt; der Ton, mit dem man [seinen Namen] ausspricht, ist das Grabesgeläute der preußischen Monarchie, des ersterbenden Körpers, der noch vor kurzem [bis 1786] in der Fülle der Gesundheit blühte. An uns und noch vielleicht an unsern Kindern ins dritte und vierte Glied werden heimgesucht seine Sünden.“ (Cölln (2), Bd.1, Heft 2, S.47)
8 Deutlicher noch Bourel, S.44, wonach Preußen „mindestens bis 1786 im Begriff gestanden“ habe, ein moderner Staat zu werden.
9 So Hintze, S.529.
10 All das, was Preußen bis 1860 zur Großmacht gemacht hat, z.B. eine zeitgemäße Verkehrsinfrastruktur, die Aufhebung des Zoll- und Akzise(un)wesens, eine langsame Annäherung an grenzübschreitenden Handel und Wettbewerbsfähigkeit, die (teilweise) Entlassung des inneren Wirtschaftslebens aus dem Staatsdirigismus oder gar der Gedanke an eine Integration breiterer Volksschichten in den Staat und an eine Verfassung etc., war dem friderizianischen Preußen so fremd wie der Mars. – Es wird, wenn man eine nicht normgerechte Bekundung ablehnen möchte, der Vorwurf erhoben, der Autor zitiere alte Literatur, statt solcher neueren Datums, als wäre das Datum ein Wert an sich. Warum soll man aber, wenn mit neuem Datum versehene Darstellungen nur früher geäußerte Gedanken abschreiben oder paraphrasieren, den Gedanken nicht dort zitieren, wo er ursprünglich entstanden ist?
11 Cölln (2), Bd.1, Heft 2, S.49, 1807: „Er trägt nur zu einem kleinen Theil die Schuld des jetzigen allgemeinen Unglücks; man hüte sich, es ihm ganz aufzubürden. Er fand zerrüttete Finanzen, ein am Geist untergegangenes Heer…“
12 Großbritannien, Österreich und Russland spielten „selbstverständlich“ Nebenrollen.
13 Béguelin (2), S.138 f.
14 Rumler, S.76.
15 Dass „Mätressenwirtschaft“ nicht bedeutet, dass ein Monarch überhaupt außereheliche Beziehungen unterhält, sondern dass definitionsgemäß hinzukommen muss, dass diese Sexualpartner auch Einfluss auf die Regierungsgeschäfte ausüben, ist zumindest in der deutschen Publizistik zu Friedrich Wilhelm II. unbekannt.
16 Der Vordenker Cölln (2), Bd.1, Heft 2, S.48, hat das intellektuelle Niveau der Anfeindungen vorgegeben: Friedrich Wilhelm II. „ließ seine Maitressen, habsüchtige Weiber, in den Finanzen wühlen und sie zerrütten.“ – Die zeitgenössische Version freier Erfindung z.B. bei Clark, S.367, ebenfalls schön blumig: „Die Herrschaft Friedrich Wilhelms II. war verbunden mit dem letzten Aufbäumen des ganzen Prunkes der Monarchie, mit der Zurschaustellung verschwenderischer Pracht und mit einem Schwarm von Mätressen.“
17 So Hintze, S.528. – Alle großen strukturellen Veränderungen der preußischen Heeresverfassung nach 1806 Geld haben gespart, und sind teilweise sogar gerade deswegen vorgenommen worden sind. Dass Reformen vor 1806 sogar in der friderizianischen Mangelverwaltung selbst dann nicht gescheitert wären, wenn sie Geld gekostet hätten, beweist die Einführung der zusätzlichen Brotverpflegung für Unteroffizier und Gemeine im Jahr 1799, die immerhin mehr als 860.000 Taler jährlich kostete. (Jany (4), S.372) Hintzes Behauptung ist also absurd.
18 Hellwig, S.57 f.
19 Als Beispiele unter vielen: Ludwig Häusser (1818−1867), ordentlicher Professor in Heidelberg, (2), S.701 f. u. Stadelmann, S.190. – Bis heute wird das so oder so ähnlich abgeschrieben.
20 Meinecke (1), S.78: „Der friderizianische Staat war trotz seiner Künstlichkeit ein lebensfähiges Gebilde, das sich verjüngen und um- und fortbilden ließ in ganz neuer Richtung.“ – Huber (2), S.100: „Die spätere Katastrophe Preußens hatte einen ihrer Gründe in den schweren Versäumnissen und Fehlgriffen der Ära Bischoffwerder-Wöllner…[= Friedrich Wilhelm II.] Obwohl schon schon in dieser Zeit jüngere Beamte und Offiziere durchgreifende Reformen der Staatsverwaltung und des Heerwesens nachdrücklich forderten, versagten der König und die leitenden Staatsmänner sich jeder inneren Neuerung.“ Näheres wird nicht mitgeteilt. Es ist alles frei erfunden.
21 Hintze, S.504: „Die Reform seit 1807 kann in gewissem Sinne als eine Fortsetzung der Bestrebungen betrachtet werden, die seit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms III. im Gange waren. Das alte Staatswesen ist nicht zugrunde gegangen, ohne den Versuch unternommen zu haben, sich aus eigener Kraft zu regenerieren.“ – Tatsächlich hat es einen solchen Versuch schon deshalb nicht gegeben, weil bereits die Erkenntnis der Reformbedürftigkeit nach den – zu schwachen – Reformansätzen während der Regierungsjahre Friedrich Wilhelms II. wieder eingeschlafen war.
22 Herrmann, S.489. – Huber (2), S.99: „Schon im letzten Abschnitt der Regierungszeit Friedrichs des Großen setzte die Reformpolitik ein.“ – Ebenso Ritter (2), S.207: „Wie die neuere Forschung gezeigt hat, sind die Grundgedanken der Stein-Hardenbergschen Reformära alle [!] schon in den Jahren v o r der Katastrophe von Jena, insbesondere in den ersten Regierungsjahren des pflichteifrigen, humangesinnten und von reformeifrigen Kabinettsräten umgebenen Königs Friedrich Wilhelm III. herangewachsen.“ – Schwammiger hingegen Mieck (2), S.19: „Trotz ihrer im ganzen begrenzten Ergebnisse waren die Reformbestrebungen vor 1806 nicht ohne Bedeutung, weil sie die spätere Neuordnung des Staates mit vorbereitet haben.“
23 Huber (2), S.99. S.100: „In Wahrheit begann die Epoche der Reformpolitik schon mit dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms III., der durch die Entlassung von Bischoffwerder und Wöllner einen entschiedenen Kurswechsel vollzog.“ Was der König des Weiteren getan hat, wird nicht konkret mitgeteilt. Aber Huber ist sich sicher, S.102: „Fast in allen Teilen waren die späteren Stein-Hardenbergʼschen ein Vollzug von Maßnahmen, die schon in der Vorreformzeit zwischen 1797 und 1806 entweder eingeleitet oder geplant waren.“
24 Z.B. Disch, S.107: „Die Weigerung Napoleons, seine Truppen aus Süddeutschland zurückzuziehen, bevor Preußen demobilisiert habe, entschied Mitte September 1806 endgültig den Ausbruch des Krieges.“
25 So z.B. Peukert, S.111.
26 (2), S.4.
27 (1), S.373.
28 Johann Wilhelm Lombard (1767–1812) war der Sohn eines Friseurs bzw. Perückenmachers, was seine Gegner später ebenso lustvoll wie dämlich gegen ihn ins Feld führten, und lernte durch seine Schweizer Mutter perfektes Französisch. (Nur) deswegen stellte ihn Friedrich der Große am 13.3.1786 als Schreiber ein. Bereits am 2.12.1786 wurde er zum Kabinettssekretär befördert und blieb in der amtlichen Nähe Friedrich Wilhelms II. ohne weiteren Aufstieg. – Friedrich Wilhelm III. ernannte ihn im Januar 1800 zum Geheimen Kabinettsrat zur Bearbeitung der auswärtigen Angelegenheiten mit 3.000 Talern Jahresgehalt. (Hüffer (2), S.5 ff.; (1), S.133; P. Wittichen, S.251 Fn.2) L. stieg zum „conseiller intime de cabinet“ des Königs auf, der auf Anweisung im königlichen Namen wie dieser selbst sprechen konnte. (Friedrich Wilhelm III. an Napoléon, Charlottenburg, 7.7.1803, abgedr. bei Bailleu (7), S.181. – Eine realistische Einschätzung des friderizianischen Staates hatte (auch) L. nicht, vielmehr sah er als überzeugter „Friderizianer“ darin „einen der Schönsten Triumphe der Menschheit“ und die Preußen unter Friedrich Wilhelm III. bis 1806 als „das glücklichste Volk von allen“. (Ders., S.26, 247) Weil auch Friedrich Wilhelm III. ein begeisterter Bewunderer seines Großonkels war, lobte L. ihn, „le successeur du héros prussien“ (Lombard an Talleyrand, Charlottenburg, 16.8.1803, abgedr. bei Bailleu (7), S.197), über den grünen Klee. Wie so viele Preußen in jener Zeit vergötterte er Friedrich den Großen und Napoléon gleichermaßen. – L. schied kurz vor dem 14.10.1806, als das Hauptquartier in Erfurt stationiert und die Möglichkeit eines „heißen“ Kriegs nicht mehr zu übersehen war, aus dem Dienst als Kabinettsrat. (Bailleu (5), S.140) Die offizielle, ehrenhafte Entlassung folgte am 19.12.1806. (Winter (1), S.102) – Am 26.10.1806 fasste L. seine Karriere in einem Schreiben an die Königin Luise so zusammen: „Moi, élevé à lʼécole de Frédéric, moi comblé chez moi des faveurs de la fortune, avec une place honorable, avec des revenus au-dessus de mes besoins, avec les bontés de mon maître, avec la considération publique qui vingt ans avait été mon partage, avec tous ce qui flatte le cœur humain!“ (Abgedr. bei Krieger, S.208) – L. war sowohl als loyaler Diener Friedrich Wilhelms III. als auch aus eigener Überzeugung ein entschiedener Anhänger eines Friedens und Bündnisses mit Frankreich. 1805 soll L. gemeinsam mit dem französischen Gesandten Laforest beraten haben, wie man den König vom Krieg gegen Frankreich abhalten könnte. (Dehio, S.323) – L. war auch nach 1806 kein „Reformer“, und erklärte Friedrich Wilhelm II. und den Herzog von Braunschweig zu Schuldigen für das Desaster. Er riet Preußen zur Resignation als von Frankreich abhängiger Vasallenstaat. (Lombard, S.245 ff.) – Nach seiner Bitte um Wiederanstellung v. 8.8.1807 (Winter (1), S.261) blieb L. bis 1809 im preußischen Staatsdienst, allerdings nicht auf seinem alten Posten, sondern als Präsident der Akademie. Der König gewährte ihm eine auskömmliche Pension von 1.500 Talern, ab 1811 sogar 3.000 (Hüffer (1), S.460), was in den beengten finanziellen Verhältnissen des Staates beachtlich war.
29 Karl Leopold v. (1744–1821). 1757 als Kadett in die Armee. Mit der Thronbesteigung Generaladjutant Friedrich Wilhelms III. und sodann Oberst. Er galt als der einzige Freund des Königs (Eylert, Teil 1, S.105, 114. Zurückhaltender Gentz 1800: „Der einzige, dem man den Namen eines Vertrauten geben kann, wenn anders der jetzige König überhaupt einen Vertrauten hat.“ (Abgedr. bei P. Wittichen, S.255) und begleitete ihn ständig, war bei allen Beratungen mit den Kabinettssekretären und Ministern anwesend, ohne mit eigenen Ansichten hervorzutreten. (Lombard, S.68) Laut Gentz „ein Mann der weder Kopf, noch Bildung, noch Kenntnisse, noch irgendein Geschäfts-Talent, noch irgend gesellschaftliche Qualität besitzt; ein Officier von der eingeschränktesten, gemeinsten Klasse, eine Null im eigentlichen Verstande des Wortes.“ (Denkschrift Sommer 1800, abgedr. bei P. Wittichen, S.255.) – Eine andere Persönlichkeit konnte nicht Vertrauter dieses Königs sein. – K. wurde 1809 Generalleutnant.
30 Christian Heinrich Karl (seit 1786) Graf v. Haugwitz (1752−1832) entstammte einer begüterten schlesischen Familie und studierte in Halle und Göttingen. Es folgten Reisen in die Schweiz und nach Italien, wo er sein zeittypisches Interesse an übersinnlichen Erscheinungen weiterentwickelte. Nachdem er sich der Verwaltung seiner Güter gewidmet hatte, ging er 1791 als Gesandter nach Wien und wurde Ende 1792 Kabinetts-, also Außenminister, zunächst noch neben Finckenstein und Alvensleben bis 1802. Er war gegen die Intervention in Frankreich von 1792 (Menu (2), S.8) und 1799 gegen die Meinung des Königs für den Beitritt Preußens in die „zweite“ Koalition gegen Frankreich sowie 1803 für die Besetzung Hannovers vor den Franzosen. Im April 1804 schied er urlaubsweise zugunsten Hardenbergs halb aus dem Außenministeramt, blieb aber Ratgeber des Königs. (Eine für Friedrich Wilhelm III. typische Konstellation.) – H. hatte im Februar 1804 vergeblich für eine vorsorgliche (Teil-)Mobilisierung als Schutz gegen weitere französische Expansionsversuche in Norddeutschland plädiert. (Denkschrift abgedr. bei Bailleu (7), S.247) H. wurde am 19.10.1805 auch offiziell wieder Minister neben Hardenberg. – Wenn Dwyer (2), S.664, feststellt, Haugwitzens Einfluss auf den König sei „limited“ gewesen, so ist das im Prinzip richtig, aber doch irreführend. Unter den formellen und informellen, temporären Ratgebern des regierungsunfähigen Königs, der aus moralischer Schwäche keinem (außer vielleicht dem intellektuell noch unter ihm stehenden Köckritz) rückhaltlos traute, hatte H. neben Lombard u. Beyme den größten Einfluss, solange er vorschlug, was der König hören wollte. Deshalb richtiger Müsebeck (2), S.160: „H. war am tiefsten in die Absichten und politischen Tendenzen des Monarchen eingeweiht“, wobei hier wiederum Lombard und Beyme nicht übersehen werden dürfen. – Dass sich ein Ratgeber mit eigenen Überzeugungen und Rückgrat, jedenfalls bis 1806 und eigentlich bis 1810, nicht beim König halten konnte, war nicht Haugwitzens Schuld. Er war seit 1803 einer der höchstbezahlten preußischen Staatsdiener (14.000 Taler p.a.) und erhielt 1803 120.000 Taler für seine Mitwirkung an den preußischen „Entschädigungen“. (Hardenberg, Bd.1, S.29; Ephraim S.255) – Beim König bis kurz vor dem 14.10.1806 und sodann am 6.11.1806 in Graudenz, wo er Preußens Beitritt zum Rheinbund empfahl. (Ranke (2), Bd.5, S.396 f.) Auch nach seiner definitiven und endgültigen Entlassung zu Anfang 1807, nachdem gegen sein Votum der erste Waffenstillstand mit Frankreich verworfen worden war, soll das Verhältnis zum König warmherzig geblieben sein. (Hüffer (2), S.22) – 1820 übersiedelte H. nach Italien.
31 Wichard Joachim Heinrich v. (1724−1816). Seit 1740 Page Friedrichs des Großen, 1743 Fähnrich, 1758 Major, 1775 Generalleutnant, 1787 General der Infanterie, 1793 Feldmarschall. Seit dem 31.1.1794 Oberbefehlshaber im Krieg gegen Frankreich. Verfechter eines Bündnisses mit Frankreich. Opitz, S.44: „Ein Mann, der trotz aufgeklärter Denkweise in Teilbereichen, fest auf dem Boden der friderizianischen Traditionen stand.“ – Reiche, S.147 f.: M. sah „nur in der Erhaltung des Friedens Heil und Segen.“ „Jünger Friedrichs II., ein großer Taktiker aus der früheren Schule.“
32 Die Königin war gewiss informiert, aber nicht an den Entscheidungen beteiligt. – Gentz bereits im Sommer 1800 über diesen Kreis: „Eine geheime Stimme sagte ihnen allen, daß sie weder Krieg zu führen, noch Frieden zu vermitteln im Stande wären. Daher ihre unerschütterliche Unthätigkeit, daher die unter dem Namen der Neutralität so schlecht versteckte Nullität unseres Staates, in diesem Zeitpunkte der allgemeinen Bewegung, in diesem, für Europa so decisiven Moment!“ (Denkschrift abgedr. bei P. Wittichen, S.266.)
33 Friedrich Adolf Graf v. (1737−1818). 1752 als Junker in die Armee und sodann im Siebenjährigen Krieg beim Prinzen Heinrich, zuletzt als Major. Unter Friedrich dem Großen deshalb im Abseits, kämpfte K. als Generalleutnant unter Friedrich Wilhelm II. 1793/94 an der Saar und am Rhein, erwarb sich dabei allgemeine Anerkennung und ein grenzenloses Selbstbewusstsein aus kleinen Gefechten, das bis 1806 intakt blieb. – 1794/95 aktiv für einen Separatfrieden mit Frankreich, später Befürworter eines Bündnisses mit Napoléon. Arbeitete im September/Oktober 1806 gegen den Herzog von Braunschweig, und mithin auch gegen den König. K. Prophezeite vor dem 14.10.1806 ein zweites Austerlitz. (Gentz an den Fürsten Lobkowitz, Teplitz, 22.10., abgedr. bei Wolf, S.320.) K. war der Auffassung, dass man gegen Frankreich, wenn überhaupt, dann nur zusammen mit Österreich und Russland oder wenigstens letzterem Krieg für könnte und auch erst im Frühjahr 1807. (Kalckreuth, S.346) – K. fühlte sich im September 1806 als Kommandant der Reserve der Hauptarmee auch gegenüber Hohenlohe-Ingelfingen, der eine eigene Armee kommandierte, zurückgesetzt, weil (auch) er General von der Kavallerie war, aber das ältere Patent hatte. (Anonymus (14), Bd.1, S.335) – K. hätte es (abgesehen vom Herzog von Braunschweig) nicht besser und nicht schlechter gemacht als alle anderen preußischen Generale, wenn er in der Zeit vom 9.10. bis zum 14.10.1806 in einem Gefecht kommandiert hätte. – Dass er nach Jena und Auerstedt für kurze Zeit den Oberbefehl erhielt und ihn sodann zugunsten Hohenlohes wieder abgeben musste, kommentierte K., wie bei ihm üblich, mit „Sarkasmen und Spöttereien über Alles was geschieht“. (Voss, S.262) – Der König mochte K. wegen dessen Überheblichkeit nicht. K. erwarb sich 1807 allgemeine Anerkennung bei der Verteidigung von Danzig gegen französische Truppen (Anonymus (41), S.377; Janson, S.78), die mit einer Kapitulation endete. Deswegen wurde K. zum Generalfeldmarschall befördert. Jetzt verfiel er erst recht der „Großprahlerei“ (so Hardenberg, Bd.2, S.452 f.) und behauptete, er könne in Verhandlungen mit Napoléon „von General zu General“ leicht einen günstigen Frieden (von Tilsit) mit geringen Gebietsverlusten erreichen. N. lobte „son caractère et la conduite quʼil a toujours tenue envers les Français“ (Finkenstein, 22.5.1807, Correspondance Bd.15, S.259), woraus aber nicht auf Verrat geschlossen werden kann. K. erreichte gar nichts beim Kaiser. – K. war ein verschworener Gegner Scharnhorsts. Als rare Ausnahme von der regelmäßigen Wiederverwendung der bereits 1806 eingesetzten preußischen Offiziere gab es für ihn kein Kommando in den Freiheitskriegen.
34 Karl August v. (1750–1822), Hannoveraner und Jurist, zunächst in braunschweigischen Diensten, seit 1790 Minister in Ansbach und Bayreuth, die 1791 preußisch wurden. Unterhändler in Basel 1795. Seit dem 14.4.1804 alleiniger Außenminister bis April 1806. Ab April 1807 kurze Zeit Minister bis Anfang Juli, entlassen auf französisches Geheiß, aber weiterhin besoldet. Seit 1810 bis zu seinem Tod Staatskanzler. – „Von Gesinnung durchaus liberal, aber gemäßigt… Seine fast weibliche Erziehung, verbunden mit angeborener Tournüre, hatte ihm eine Gewandtheit und Weichheit im Benehmen gegeben, welche in seinen oft schwierigen Verhältnissen ganz geeignet waren, ihm und dem Lande zu nützen.“ (Béguelin (2), S.286 f., 290) – Sein rückblickendes Verhältnis zu Friedrich dem Großen war mehr als distanziert, weshalb er niemals, im Gegensatz zu vielen anderen Minderbegabten, zum Darling der preußisch-deutschen Geschichtsschreibung werden konnte, was auch daran lag, dass er – wie Friedrich Wilhelm II. – kein Antisemit war.
35 Als er Anfang September 1806 nach Berlin kam, wurden ihm Audienzen bei König und Königin verweigert. (Gentz an Grenville, 18.9.1806, Dropmore Papers (2), S.465 f.) – Schön, S.156: „Seitdem er das Amt eines auswärtigen Ministers an Haugwitz abgetreten hatte, wurde er als ein Minister betrachtet, der sich der Gnade des Königs nicht erfreuen könne.“
36 Z.B. Simms, S.98 ff., der immer wieder zwecks Bestätigung seiner Behauptungen Massenbach zitiert, als wären dessen Aussagen relevant, obwohl er selbst einräumt, dass dieser ohne jeglichen Einfluss auf die preußische Bündnispolitik unter Friedrich Wilhelm III. war.
37 Ausländische Diplomaten jeder Art und Güte, deutsche und ausländische Künstler jeder Profession. Nur eben Äußerungen jener Persönlichkeiten, auf die es 1792 in Berlin ankam, bietet K. nicht an. Allein diese wären relevant.
38 Huber (2), S.99: „Das Jahrzehnt Friedrich Wilhelms II. war eine Zeit nicht nur der Stagnation, sondern des Rückschritts.“
39 Wie weit das in die Irre führen kann, belegt u.a. Günter de Bruyn. Er ist 2006 zu der Aussage gelangt, das friderizianische Preußen sei „zeitweilig der modernste Staat Europas“ gewesen (S.13). Wann genau in immerhin 66 Jahren von 1740 bis 1806 und warum das so war, und warum es dann irgendwann nicht mehr so war, teilt er nicht mit. Es spielt offenbar auch keine Rolle, da sich der Autor 2015 in einem Artikel vom 5.11.2011 für die Tageszeitung DIE WELT der Einschränkung „zeitweilig“ wie bereits Haffner, S.169, ohnehin entledigt hat. – Friedrichs Bewunderer haben immer schon dem Drang nachgegeben, ihre Huldigungen nicht zu substantiieren, sondern in Ermangelung von Substanz sukzessive zu verstärken.
40 Hüffer (2), S.16 u. (1), S.541, behauptet dies und beruft sich dabei auf Hardenberg, Bd.2, S.86 f.: „Haugwitz ließ im November 1806 [auf der Flucht vor den Franzosen] zu Graudenz, bei der Annäherung einiger französischer Patrouillen ohne alle gegründete Ursache, vielleicht, um über manches den Schleier der Ungewißheit“ zu breiten, Papiere vernichten. Ebenso Jany (4), S.543. – Vom August bis Oktober 1806 fehlt zudem fast der gesamte Schriftwechsel des preußischen Ministeriums mit der Gesandtschaft in Petersburg. Der letzte erhaltene Brief des Zaren an Friedrich Wilhelm III. vor dem 14.10.1806 datiert vom 24.9.1806, der letzte des Königs datiert vom 9.9.1806. (Bailleu (5), S.117 Fn.1 u. 125) Berichte Lucchesinis aus Paris aus der Zeit nach dem 30.6.1806 wurden vernichtet. (Bailleu (7), S.481 Fn.1)
41 Griewank (1), S.258 ff.
Zum besseren Verständnis der Ereignisse im September und Oktober 1806 ist es erforderlich, einen Blick auf die unmittelbare Vorgeschichte zu werfen.
Wie zeitüblich, hatte bis 1786 der regierende Monarch, nicht der leibliche Vater, die Erziehung des Prinzen überwacht.1 Zu Friedrichs des Großen zahllosen Verschrobenheiten gehörte seine – wie immer durch nichts zu erschütternde – Überzeugung, ein Mensch werde erst ab dem 18. bis zum 28. Lebensjahr zur Persönlichkeit geformt; alles was er bis dahin lerne, sei verloren.2 Diese Weisheit hatte der grenzenlose Egozentriker offensichtlich − wie so vieles mehr − aus seinem eigenen Entwicklungsprozess als allgemeingültig abgeleitet.3 Da der spätere Friedrich Wilhelm III. 1770 geboren war, hatte man sich nach dieser Maxime bis zum Tod seines Großonkels 1786 nicht viel um ihn gekümmert. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits eine kaum noch veränderbare Persönlichkeit. Er war steif, einsilbig, sprach Deutsch nur im Infinitiv in unvollständigen Sätzen und war an Weiterbildung nicht interessiert.4
Mit dem Tod Friedrich Wilhelms II. kam er am 16.11.1797 auf den Thron. Er war zwar im medizinischen Sinn kein Kretin, aber im Hinblick auf seine kommenden Aufgaben als König ein Idiot.5 Im Grunde interessierte sich dieser König für gar nichts außer für Uniformen6, aber keinesfalls für die Verbesserung des Stoffs oder des Schnitts oder für die Einführung von Mänteln für die Infanterie, die schon 1792/93 der Truppe dringend gefehlt hatten, was er als Augenzeuge miterlebt hatte. Neben den Uniformen hielt Friedrich Wilhelm III. hinsichtlich der Kampfkraft seiner Armee die Frage für bedeutsam, ob seine Offiziere Maitressen hatten. Eine Verordnung dagegen war eine der ersten Maßnahmen nach der Thronbesteigung.7 Er hatte keine Hobbys, keine Vorlieben, auch nicht bei Tisch8, und nicht einmal Laster. Selbst seine zeitgenössischen Verteidiger konstatierten einen „Schein von Blödigkeit und Verlegenheit“.9 Er liebte die Armee ebenso wenig wie er seinen Staat und sein Volk besonders schätzte. Im Grunde liebte er nur die Ruhe, die er aber nicht mit irgendeiner anspruchsvolleren Beschäftigung, sondern in geistiger Leere zu nutzen pflegte10, und wohl den engsten Kreis seiner Familie.11
Friedrich Wilhelm III. hatte an den preußischen Feldzügen 1793 und 1794 teilgenommen und dabei offenbar eine prinzipielle Abneigung gegen den Krieg an sich entwickelt12, wobei aber nicht etwa humanitäre Aspekte ausschlaggebend waren13, sondern wohl eher die ständigen Unwägbarkeiten, geistigen Beanspruchungen und Mühen abschreckend gewirkt hatten, die Feldzüge mit sich brachten.14 Schon damals hatte er sich in der Rolle eines eigentlich unbeteiligten Kritikers gefallen, der kommentierte, aber keinerlei Ehrgeiz entwickelte, selbst Alternativen anzubieten oder eine führende Rolle zu spielen.
So wenig Friedrich Wilhelm III. sein Amt liebte und zu dessen Ausübung befähigt war15, so eifersüchtig war er auf seine Prärogative und umso eifriger wollte er jeden Anschein vermeiden, er werde gelenkt oder geleitet. Das war jedoch nicht „very forcefulness and self-confidence“16, sondern nur die verkrampfte Abwehrhaltung eines Charakterschwächlings, der er war. Denn nach sporadischen Betonungen seiner Autokratie änderte sich immer wieder nichts an seiner Art und seiner Unfähigkeit, zu regieren.17
Erst am 27.10.1810 konnte sich Friedrich Wilhelm III. entschließen, mit dem seit 1806 aus seiner Nähe entfernten Hardenberg einen Staatskanzler mit weit reichenden Vollmachten zu berufen, und das seit der Niederlage von 1806 vom König aus wechselnden persönlichen Befindlichkeiten heraus perpetuierte Organisationsgewurstel zu beenden.18 Es war bis dahin seit 1807 viel Zeit vertan worden und Preußen lag mehr denn je am Boden.19 Die (Teil-)Abtretung Schlesiens zur Befriedigung der finanziellen Forderungen Frankreichs schien unvermeidlich und man hielt es in Berlin schon nicht mehr für ausgeschlossen, dass Napoléon die Hohenzollern depossedieren und seinen Marschall Davout20 oder einen seiner Brüder zum neuen König von Preußen ernennen würde.21 Erst mit der Schaffung der starken Stellung des Staatskanzlers über allen Ministern als „Mittelpunkt der ganzen Organisation“22 mit einem exklusiven Recht zum Vortrag beim König war unausgesprochen, aber notwendigerweise eine (Teil-)Entmachtung des Monarchen verbunden23, ohne die Preußen sich unter Friedrich Wilhelm III. nicht hätte erheben können. Dass mit Hardenberg eine Persönlichkeit das Ruder übernahm, die – trotz hier und da von ihm eingestreuter verbaler Verbeugungen – für jedermann24 ersichtlich eine leibhaftige Negation der friderizianischen Staatskunst in fast jeder Hinsicht war25, setzte positive Wirkungen frei.
Friedrich Wilhelm III. einen Bewunderer Napoléons zu nennen, wäre beinahe zu schwach. Er stand im geistigen Bann des Korsen. Bis zum unwiderleglichen Beweis des Gegenteils war er bis 1815 mehr oder weniger heimlich davon überzeugt, dass dieser jedenfalls siegen werde.26 Daraus ergab sich bei dieser ohnehin schwachen Persönlichkeit seit 1797 eine latente Tendenz zur geistigen Unterwerfung, auch wenn sich der König dessen vielleicht nicht voll bewusst war.
1 Bailleu (3), S.134.
2 Lucchesinis Tagebuch, 28.9.1780, Bischoff, S.163.
3 Mit 18 Jahren durchlitt Friedrich die Katte-Krise, der schließlich die Befreiung in den Rheinsberger Jahren 1736−1740 folgte, mit 28 Jahren wurde er König.
4 Klatt, S.33: „Gelegentliche Lektüre historischer Memoiren und im Übrigen oberflächliche, meist erheiternde Unterhaltungsliteratur genügte ihm.“
5 Nach Ansicht der preußisch-deutschen Geschichtsschreibung ist selbstverständlich Friedrich Wilhelm II. hierfür verantwortlich, der zwar erst seit dem August 1786 Einfluss auf die Erziehung seines Sohnes nehmen konnte, es sodann aber versäumt habe, ihn „selbständig auftreten zu lassen“, und ihn daran gehindert habe „sich auf sein hohes schweres Amt vorzubereiten“. (Z.B. Priesdorff, S.18 f.) – Die Unhaltbarkeit dieser Vorwürfe ergibt sich schon aus dem Vergleich der geradezu freundschaftlichen Behandlung des Kronprinzen nach 1786 mit den despotischen Verfahren, denen Friedrich Wilhelm I. und Friedrich der Große selbst die jeweiligen Kronprinzen unterworfen haben. – Hardenberg, Darstellung der Regierung Friedrich Wilhelms III. v. 1808, abgedr. bei Winter (1), S.570: „Friedrich, den man beschuldigt, daß er der E i n z i g e sein wollte, bezeugte seinem Nachfolger nur Abneigung und Verachtung, dessen Sohn keine Sorgfalt.“
6 Ein Zeitzeuge: „Der König, aus Mangel einer nützlichen Beschäftigung, modelte unaufhörlich die Röcke seiner Soldaten, nicht um diese gegen die Beschwernisse des Krieges zu schützen, sondern um ihnen ein elegantes Aussehen zu geben, wie die jüngeren Officiers es schön fanden.“ (Anonymus (39), S.459) – Der „Reformer“ Boyen (4), Bd.1, S.118: Bei den „zahlreichen Veränderungen in dem Montierungswesen, die leider fast alle nur als nachteilige Rückschritte angesehen werden mußten, kreuzten sich meist unvorteilhafter Putz und kleinliche Ersparung.“
7 „Zirkularverordnung an sämmtliche Regimentschefs und Kommandeurs usw.“ v. 1.9.1798, in: Jahrbücher der preußischen Monarchie, Jhg. 1798, Bd.3, S.180 ff, 182; Priesdorff, S.12. – Angesichts des üblichen Lebenswandels der französischen Offiziere ist diese Frage 1806 definitiv nicht kriegsentscheidend gewesen.
8 Eylert, Teil 1, S.14.
9 Menu (1), S.32. – „Blödigkeit“ meinte damals Schüchternheit.
10 Boyen (4), Bd.1, S.176: Der König „sah es für ein Glück an, wenn ein Tag ruhig vorübergegangen war. Die vielfachen Aufforderungen, eine entschlossene Politik anzunehmen, verdrossen ihn; er sah in ihnen nur einen Eingriff in sein königliches Ansehen, nicht einen in außerordentlichen Verhältnissen treu gegebenen Rat und entfernte sich so immer mehr von denen, die ihm…nützlich hätten helfen können, um sich an diejenigen anzuschließen, die um jeden Preis ruhig bleiben wollten.“
11 Anders Clark, S.366: „Scharfer Verstand.“ – Boyen (4), Bd.1, S.355, 357, der den König über Jahrzehnte beobachten konnte: „Er begnügte sich mit einzelnen unzusammenhängenden Sätzen; eine Unterhaltung über einen ernsten Gegenstand fortzuführen war nicht seine Sache… Sein Trieb zu mutigen Unternehmungen war sehr gering, in den Augenblicken eines zu nehmenden ernsten Entschlusses war er eine ganz veränderte Natur, und die peinliche Unentschlossenheit, die sich oft mit einer gänzlichen Mißstimmung und dem Aufgeben seiner selbst aussprach, bezeichnete alsdann sein ganzes Wesen, machte die Geschäftsführung mit ihm in solchen Augenblicken höchst schwierig… Sobald der zu beurteilende Gegenstand ernste Entschlüsse forderte, die Verwicklungen herbeiführen konnten, verwirrte sich seine Urteilskraft, und er suchte sich dann die Sache, so gut es anging, vom Halse zu schaffen…“ – Hermann v. Boyen (1771–1848) war kein enttäuschter Kritiker; er machte unter diesem König Karriere bis zum Feldmarschall und Kriegsminister. 1784 in die Armee, 1799 Hauptmann. Verzichtete bereits vor 1806 auf Körperstrafen für Fehler beim Exerzieren. (Boyen (4), Bd.1, S.123) 1807 Major und Mitglied der Militär-Reorganisationskommission. Dort Unterstützer Scharnhorsts. Als Generalstabschef in den Befreiungskriegen. 1814 Kriegsminister.
12 Stamm-Kuhlmann, S.100.
13 Anders Simms, S.54.
14 Kurz nach seiner Thronbesteigung soll er an Prinz Heinrich, den Bruder Friedrichs des Großen, geschrieben haben: „Ich verabscheue den Krieg und kenne kein größeres Gut auf Erden, als die Erhaltung von Ruhe und Frieden.“ (Bailleu (2), S.210; (3), S.136) − Das ist glaubhaft, da es mit seinem Verhalten als Monarch übereinstimmt. Friedrich Wilhelm III. war mit dieser apodiktischen Ablehnung jeglicher Gewaltanwendung eine singuläre Erscheinung im Kreis der preußischen Könige. Friedrichs I. Armee war noch keine Macht, mit der man selbstständig eine Provinz erobern konnte. Er kam also gar nicht in Versuchung. Friedrich Wilhelm I., ein unternehmender Mann und Landerwerb an sich nicht abgeneigt, war seine Armee in jeder Bedeutung zu teuer, um sie in einem Krieg aufs Spiel zu setzen. Er verstand es, die Kraft des Staates im Frieden bedeutend zu vergrößern. Friedrich II. setzte zugunsten seines Ruhms oft viel aufs Spiel. Friedrich Wilhelm II. scheute vor einem – mäßigen – militärischen Einsatz nicht zurück, um ebenso wie sein Onkel als territorialer Mehrer des Staates in die Geschichte einzugehen. Friedrich Wilhelm III. hätte auf diesen Ruf freiwillig verzichtet, wenn er nur um den Preis eines von ihm verursachten Krieges zu haben gewesen wäre.
15 Hardenberg, Darstellung der Regierung Friedrich Wilhelms III. v. 1808, abgedr. bei Winter (1), S.571: „Friedrich den Großen wird immer der Vorwurf treffen, seine eigene Größe und seinen Nachruhm zu ausschließlich zum Zweck gehabt, die Menschen zu sehr verachtet und als seine Maschinen angesehen, dadurch das Maschinenmäßige in den Staatsdienst fest begründet und insbesondere für die Bildung seiner Nachfolger gar nicht gesorgt zu haben.“
16 So Simms, S.333.
17 Marwitz (2), S.526, der den König aus persönlichen Gesprächen gut kannte: „Sein Charakter war gebildet aus zwei Potenzen, die sich gegenseitig ergänzten und bestimmten: Liebe der Ruhe und Furcht vor allen Geschäften, sodann aber: Eigensinn und Despotie… Er war jederzeit entschlossen, nichts zu tun.“ – Hardenberg, Bd.1, S.94: „Er konnte unerschöpflich in Scheingründen sein, wenn es darauf ankam, einen einmal angenommenen falschen Gesichtspunkt zu behaupten.“
18 Boyen (4), Bd.2, S.14: Den Kabinettsvortrag gab es seit 1810 nur noch in Militärangelegenheiten. „Alle in der Civilverwaltung einigermaßen wichtigen Gegenstände wurden an den Staatskanzler abgegeben, der wöchentlich wenigstens einmal einen Vortrag bei dem König hatte, bei dem niemand sonst zugegen war.“
19 Es hatte sich erwiesen, dass angesichts der sehr dünnen Personaldecke, die aus dem friderizianischen Staat hervorgegangen war, niemand anderes als Hardenberg als allzuständiger Staatskanzler die Aussicht bot, die Not durch tatsächliche Veränderungen im Staat irgendwann zu lindern. Die bisherigen Regierungen hatten sehr große Rückstände bei den Kontributionszahlungen an Frankreich auflaufen lassen. Von weiteren Gebietsabtretungen war bereits die Rede. Friedrich Wilhelm III. hatte nicht mehr viel zu verlieren und gab (Kompetenz-)Forderungen Hardenbergs nach, die er seit 1807 und erst recht davor zurückgewiesen hatte. Bereits vor dem Oktober 1806 hatte Hardenberg etwas in dieser Richtung verfochten, indem er einen „Zentralpunkt der Regierung“ schaffen wollte, „dessen Seele“ der König sein sollte. (Hardenberg II, S.599 ff.) Das war auch nichts anderes als der Abschied von einer Selbstregierung mit absoluter Macht. Napoléon sah Preußen 1810 so tief am Boden liegen, dass ihm eine Berufung Hardenbergs, dessen Entlassung er noch 1806 erzwungen hatte, als risikolos erschien.
20 Louis-Nicolas (1770–1823) entstammte einer adeligen Familie, diente aber bereits seit 1791 der Revolution und sodann dem Kaiserreich auf allen wichtigen Kriegsschauplätzen bis auf Waterloo. 1804 der jüngste Marschall, sodann „Duc dʼAuerstaedt“ und „Prince dʼEckmühl“. 1815 Napoleóns Kriegsminister.
21 Béguelin (2), S.216. – Heinrich v. Béguelin (1765−1818), 1783 bis 1785 Studium in Königsberg, seit 1803 Geheimer Oberfinanzrat im Akzise- und Zolldepartement unter Minister Stein. 1805 statt des kompetenteren Leopold Krug zudem Leiter des Statistischen Büros. Seit 1810 geschätzter Mitarbeiter Hardenbergs. B. gehörte zwar nicht zu den überzeugten Reformgegnern vor 1806, hatte sogar manche richtige ökonomische Ansicht, verharrte aber im Wesentlichen auf dem Boden des friderizianischen Wirtschafts- und Finanzsystems und setzte sich nicht aktiv für Reformen ein. Vielmehr bescheinigte er dem friderizianischen Staat z.B. realitätsblind „einen lebhaften Handelsverkehr“ ((2), S.169). Nach 1806 war er ein entschiedener Gegner des Liberalen Theodor v. Schön (1773–1856). (Béguelin (2), S.168) – Schön war Jurist aus wohlhabender Familie und betrat 1793 wie sein Vater die pr. Beamtenlaufbahn. 1799 Kriegsrat in Bialystok, 1802 Geheimer Finanzrat beim Berliner Generaldirektorium. Er gehörte zur Handvoll klarer Köpfe im friderizianischen Preußen und hatte es dementsprechend schwer unter dem alles andere als klaren Friedrich Wilhelm III. und den sklerotischen Strukturen bis 1806; aber auch noch danach war er ein Außenseiter, der es nicht weiter als bis zum Oberpräsidenten brachte. Trotz Steins dringender Empfehlung ernannte Friedrich Wilhelm III. Sch. 1808 nicht zum Minister. (Schön, S.210 f.) –
