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Meisterhaft fängt Pedro Lenz Stimmungen ein und entwirft mit einem präzisen Blick für soziale Konstellationen ein authentisches und liebevolles
Bild der beiden ungleichen Männer – und das Bild der unmögliche Liebe zwischen Charly und Laurence. Ein berührender und zugleich herrlich leichter Roman über Freundschaft, Liebe, Tod und das Leben selbst.
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Seitenzahl: 273
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Pedro Lenz, geboren 1965, ist Dichter, Schriftsteller und Kolumnist. Er schreibt auf Berndeutsch und hat bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht. Auf Hochdeutsch erschienen bei Kein & Aber Die schöne Fanny und Der Goalie bin ich, das mit dem Schillerpreis für Literatur ausgezeichnet, in mehrere Sprachen übersetzt und erfolgreich verfilmt wurde. Pedro Lenz lebt in Olten.
Eigentlich ist es ein Sommer wie jeder andere. Der Maurerlehrling Charly vertreibt sich die Zeit mit seinen Freunden am Fluss, in der Kneipe oder auf dem Sommerfest und versucht, bei der schönen Laurence Eindruck zu machen. Samstags sitzt er gerne bei seinem Maurerkollegen Primitivo in der Wohnung und unterhält sich mit dem alten spanischen Gastarbeiter bei Wein und Käse über Bücher, Gott und die Welt. Denn Primitivo hat immer was zu erzählen, schließlich hat er viel erlebt.
Als der alte Maurer durch einen Arbeitsunfall ums Leben kommt, gerät Charlys friedlicher Sommer plötzlich ins Wanken. Nicht zuletzt die Sache mit Laurence hätte Charly gerne mit Primitivo besprochen, denn woher soll man wissen, wie man bei so einer Frau am besten ankommt?
Meisterhaft fängt Pedro Lenz Stimmungen ein und entwirft ein authentisches und liebevolles Bild des jungen Maurerlehrlings. Ein berührender und zugleich herrlich leichter Roman über Freundschaft, Liebe, Tod und das Leben selbst.
An dem Tag, an dem der Primitivo gestorben ist, hab ich in Wiedlisbach im Dettenbühl zweiunddreißig Sanitärschlitze zugemauert. Es war heiß wie selten. Wir haben den Anbau gemacht für das Pflegeheim, eine recht große Sache. Es war der Sommer 1982, und im Radio lief fast jeden Tag Da Da Da, ein deutscher Song von der Band Trio, ein einfacher Song, ein banaler Song, aber einer, der gepasst hat zu dem Jahr.
Auf unserer Baustelle fanden sie wieder mal, es würde dem Lehrling guttun, bisschen selbständig zu arbeiten. Also habe ich wochenlang Sanitär- und Elektrikerschlitze zumauern müssen. Jedes Patientenzimmer in dem Pflegeheim hatte ein paar Steckdosen, ein paar Lichtschalter, mindestens ein Waschbecken und meistens auch noch eine Toilette. Darum brauchte es im Mauerwerk so viele Leitungen unter Putz, die man zuletzt alle zumauern musste. Eine typische Lehrlingsarbeit, bisschen Mörtel rein, ein paar Backsteinscherben, noch mal Mörtel, nachher mit dem Glättbrett abreiben, damit es bisschen anständig aussieht und zuletzt alles zusammenkehren, was auf den Boden gefallen ist. Es ist keine Hexerei. Irgendwann weißt du, wie’s geht. Aber musst es trotzdem gut machen, sonst wirst du von allen Seiten kritisiert, vor allem als Lehrling. Darfst nicht glauben, aha, ne einfache Arbeit, jetzt lass ich bisschen nach. Im Gegenteil, an den einfachen Sachen erkennt man den guten Maurer, hat der Berufsschullehrer mal gesagt. Der Satz ging mir beim Arbeiten die ganze Zeit durch den Kopf. Ein wirklich guter Satz. An den einfachen Sachen erkennt man den guten Maurer. Man könnte aber auch sagen, an den einfachen Gerichten erkennt man den guten Koch, oder an den einfachen Krankheiten erkennt man den guten Arzt. Etwas Wahres wär wahrscheinlich immer dran.
Um halb sechs hab ich das Werkzeug, den Kübel und die Schubkarre mit dem Schlauch abgespritzt. Danach hab ich den Schlauch voll aufgedreht und zum Himmel gerichtet, sodass es von oben runtergeregnet hat. Dann hab ich mich drunter gestellt, um mich ein bisschen abzukühlen. Es hat nen Regenbogen gegeben. Hat richtig gut ausgesehen. Und ich hab’s immer weiter auf mich runterregnen lassen.
Komm, Stift, hör auf zu spielen, mach voran! Wir wollen fahren!
Das war Benno, der Maschinist, ein recht trockener Typ, aber kein schlechter Mensch. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass die anderen alle schon umgezogen waren und im Ford saßen, bereit zur Abfahrt.
Sorry, Jungs, Tschuldigung, ich beeile mich.
Wenn wir ne auswärtige Baustelle hatten, sind wir immer alle zusammen gefahren, deshalb musste man zusehen, dass man die anderen nicht zu lang warten lässt. Der Transit hat hinten zwei einfache Bänke, die längs stehen, auf jeder haben sechs Personen Platz, wenn man zusammenrückt. Als ich eingestiegen bin, hab ich die Seite gewählt, wo’s noch ein bisschen weniger eng war.
Tut mir leid, Kollegen. Aber gut, wegen drei Minuten muss jetzt auch keiner durchdrehn! Und was läuft sonst? Gibt’s was Neues?
Der Transit fuhr los, und die Kollegen fingen an, Zigarettenpäckchen rauszuholen. Drei Minuten konnte der Hofer, unser Polier, bei seinem Fahrstil aber locker aufholen. Der Hofer hätte wahrscheinlich ein erfolgreicher Autorennfahrer werden können. Aber als Polier war er auch nicht schlecht.
Beim Zurückfahren haben wir unsere Zigaretten geraucht und dummes Zeug geredet. Der Lucio, unser Kranführer, bekam gleich sein Fett weg, ich weiß nicht mehr genau, wie’s anfing, aber es war lustig gemeint. Und den Lucio konnte man schon bisschen hochnehmen, er nahm’s nie persönlich und wusste immer auf alles eine passende Antwort.
Lucio, wahrscheinlich gibt’s weltweit keinen langsameren Kranführer als dich! Wenn ich all die Zeit, die ich in meinem Berufsleben schon auf den Kran warten musste, zum Studieren hätte nutzen können, dann hätt ich heut nen Doktortitel!, hat der Hafner gemeint.
Träum weiter, Hafner! Du könntest ewig lang studieren. Mit deiner Hutgröße würdest du’s nie zu nem Doktortitel bringen!, hat der Lucio gesagt.
Das kann schon sein. Aber deswegen lässt du einen trotzdem ständig warten, hat der Hofer von vorne gerufen.
Geduld ist eine Tugend, Freunde! Bei mir könnt ihr eine Tugend lernen.
Der Ford Transit ist bis Niederbipp am Jurasüdfuß entlanggerauscht, schnell und geschmeidig. Und dort ist er nach Aarwangen abgebogen. Ich hab mich unglaublich wohl gefühlt, hinten drin auf dem schmalen Bänkchen, in dem fahrenden Ford. Hab die müden Arme gespürt, die Hände und den Rücken, aber auf ne angenehme Art, so wie einer, der weiß, dass er seine Arbeit anständig erledigt hat. Und selbstverständlich hab ich mich gefreut, dass Feierabend ist, dass es noch warm ist, dass man vielleicht noch schwimmen gehen oder ein Bier trinken kann. Oder beides.
Aber als wir im Lager angekommen sind, hat man sofort gemerkt, dass etwas passiert ist. Der Loosli, unser Chef, ist gleich zum Hofer, hat ihn zur Seite genommen und was zu ihm gesagt. Wir haben nicht gehört, was, aber wir haben schnell gespürt, dass es nichts Gutes sein kann.
Dann kam der Hofer in unsere Richtung. Langsam und schwankend, als wär er leicht betrunken. Aber der Hofer ist eigentlich immer so gelaufen, ich meine, so wie einer, der bei rauem Seegang auf nem Schiff läuft. Hüftarthrose, klar, kannste dir nicht mehr aussuchen, wie genau du laufen willst. Dann läufst du eben, wie’s noch geht. Aber jemand, der ihn nicht kennt, hätte meinen können, der Polier Hofer hätte nicht genug Bodenhaftung, weil er zu viel Bier intus habe, dabei hatte er den Beinamen Hagebutten-Hofer. Und nicht umsonst. Aber was ich eigentlich erzählen wollte, der Hofer kam in unsere Richtung, mit leerem Blick, und man hätte meinen können, er schwanke mehr als sonst.
Jungs, hat er gesagt, hört mal zu, ich muss euch was Trauriges sagen, was Furchtbares, hab’s selber grad erst erfahren. Es hat nen Unfall gegeben, nen bösen. Der Primitivo ist beim Ausschalen in Madiswil unter ein Schalungselement gekommen. Er hat’s nicht überlebt.
Das ist doch nicht wahr!, hab ich gesagt, reflexartig, wahrscheinlich weil ich einfach nicht gewollt hab, dass es wahr ist.
Doch, es sei leider wahr, hat der Hofer gesagt, man könne nichts mehr machen, und dann konnte er nicht mehr weiterreden. Er ist zu den Fahrradständern geschwankt, den Kopf fast am Boden. Man hat gehört, wie er dem Pedal von seinem Belmondo-Mofa mit dem Fuß von dem Bein, das noch besser beieinander war, einen Kick gab und wie er anfuhr, in den Zweiten schaltete und Richtung Grubenstrasse fuhr.
Der Hofer war weg, aber wir anderen, wir standen noch hinterm Transit unterm Vordach vom Lager, stumm und geschockt.
Oben auf dem Dach der Werkstatt gab’s drei Zimmer, die man nur von außen, über ne Betontreppe mit Eisengeländer erreicht hat. In einem von den Zimmern hat der Primitivo gewohnt. Alle haben raufgeschaut und wahrscheinlich haben alle das Gleiche gedacht: Das Zimmer braucht der Primitivo jetzt nicht mehr. Der Benno hat ein Päckchen Brunette Doppelfilter aufgemacht und jedem eine angeboten. Nehmt nur, nehmt, nehmt, ich hab noch ein Päckchen!
So schnell kann’s gehn, hat der Hugo gesagt.
Kein besonders geistreicher Spruch, wenn man grad erfahren hat, dass ein guter Kollege gestorben ist. So schnell kann’s gehn. Das ist, wenn man kurz drüber nachdenkt, nicht bloß nicht besonders geistreich, das ist sogar ne saudumme Plattitüde. So schnell kann’s gehn. Wenn einem bloß noch das einfällt, sagt man vielleicht lieber nichts. Und trotzdem wollte ihm niemand richtig böse sein, dem Hugo. In so nem Moment darf man auch mal was rauslassen, was nicht wahnsinnig schlau ist. Wofür gäb’s denn die Floskeln sonst? Die Floskeln gibt’s genau für die Momente im Leben, wo man nicht weiß, was sagen, und trotzdem nicht schweigen kann. Drum hat der Hugo gesagt, so schnell kann’s gehn.
Ein paar Minuten haben wir da noch auf dem Platz rumgestanden, hinter den Lastwagen, der Toledo, der Julio, der Lucio, der Hugo, der Benno, der Kujaani und sonst noch ein paar, aber ich weiß jetzt nicht mehr, wer alles. Alle zusammen haben wir die Brunette vom Benno geraucht. Keiner hat mehr was gesagt oder gemacht, nur der Erwin, der hat den alten Saurer gewaschen. Er war der jüngste von den Fahrern und drum musste er den ältesten Kipper fahren. Und eben, gewaschen hat man die Lastwagen jeden Abend, auch wenn was Schlimmes passiert ist. Nach fünf Minuten hat der Erwin den Schlauch abgestellt, und wir waren fertig mit Rauchen.
Danach sind die meisten gegangen. Also dann. Ich geh dann mal. Packen wir’s. Adieu zusammen. Pass auf dich auf. Du auch. Ciao zusammen. Kommt gut heim. Gleichfalls. Grüß deine Frau. Danke, ebenso. Man sieht sich. Mach keinen Scheiß. Bis morgen. Ade alle miteinander. Hasta mañana, a domani.
Nur ich bin noch geblieben, weil ich noch nicht nach Hause gehen wollte. Bin zum Chef, der um die Lastwagen rumschlich und wahrscheinlich auch an nichts anderes denken konnte. Hab ihn gefragt, was passiert sei.
Der Chef sagte, er wisse auch nicht jedes Detail. Der Roland Bänninger, der Polier der Baustelle in Madiswil, habe ihm erzählt, der Primitivo habe den Zement, der manchmal bei der Schalung unten rauslaufe, am Boden zusammengekratzt, kurz nach der Mittagspause. Wahrscheinlich habe er nicht gesehen, dass eins von den Schalungselementen schon gelöst war, also kein Ankerstab mehr drin war. Dann habe er, um alles bequem sauber machen zu können, die Strebe weggenommen, die das Element noch gegen die Wand gestützt habe. Dann sei das Element umgekippt und direkt auf den Primitivo gefallen. Es habe ihn bäuchlings zu Boden gedrückt, und dann sei er von dem Gewicht blockiert gewesen. Man nehme an, er habe mit dem Rücken davorgestanden und das Element deshalb nicht kommen sehen. Es habe ihm die Rippen und die Lunge zusammengedrückt.
Bis das jemand gemerkt habe, sei er schon nicht mehr bei Bewusstsein gewesen. Sie hätten das Element mit dem Kran angehoben und ihn rausgezogen. Er habe sogar noch schwachen Puls gehabt. Der Notarzt, der zur Stelle war, habe dem Bänninger gesagt, man könne ihn vielleicht noch retten. Also hätten sie den Krankenwagen kommen lassen, und der habe ihn nach Langenthal ins Krankenhaus gebracht.
Tatsächlich sei er da noch kurz zu sich gekommen und habe noch etwas zu den Kollegen gesagt. Es tue ihm leid für die Umstände, die er mache. Und er wolle auf keinen Fall einen Pfarrer, habe er gemeint, und scheinbar dazu noch gelächelt. Und dass das ein richtiger Anfängerfehler gewesen sei, die Strebe wegzunehmen, ohne zu prüfen, ob das Element überhaupt noch mit den Ankerstäben befestigt sei. Das komme halt davon, wenn man mit den Gedanken nicht bei der Sache sei. Er habe recht klar geredet, und die, die dabei waren, hätten hoffen können, alles werde gut. Aber nachher, nach ein paar Minuten, sei er leiser und leiser geworden, habe nur noch ein wenig geröchelt und sei gestorben. Innerlich verblutet, sagen sie.
Ich hab den Chef angeschaut und gefragt, wer alles bei ihm gewesen sei, als er gestorben ist. Das wisse er doch nicht, hat er gesagt, vielleicht wisse das der Bänninger und warum ich das frage.
Ich weiß selber nicht, warum ich das wissen will, hab ich gesagt, aber wenn ich sterben würde, wär’s mir schon wichtig, wer bei mir sei und wer nicht.
Das kannste nicht immer aussuchen.
Das weiß ich schon, aber ich meine, wenn ich könnte.
Ich hab nen Gruß angedeutet und bin zum Tor gegangen.
Warte mal, Charly!, hat der Chef hinter mir hergerufen.
Du hast ihn gut gekannt, oder?
Glaub schon.
Bist jedenfalls mehr als einmal zu ihm gekommen.
Er hat mich hin und wieder eingeladen am Samstag. Dann hat er was gekocht, und ich hab ihn ausgefragt über die Länder, wo er schon gewesen ist. Dann und wann hat er mir auch beim Berichtsheft geholfen oder etwas skizziert, zum Beispiel ein Detail von ner Sickerleitung. Er konnte gut zeichnen, und er konnte gut erklären. Er hat auch viel von Perspektiven und so Zeug verstanden. Vielleicht, wenn er länger zur Schule hätte gehen können, wär er Architekt geworden. Aber das wär auch schade gewesen, weil ich ihn dann nicht kennengelernt hätte. Und seine Art zu erzählen erst! Wenn er von Kanada oder von Mexiko oder von Uruguay erzählt hat, konnte ich’s mir alles ganz genau vorstellen, wie wenn ich nen Film sehen würde, oder sogar wie wenn ich selber dort wär.
Ein guter Maurer, ein richtig guter, zuverlässig und exakt. Und ein angenehmer Typ. Weißt du, ob er Verwandte hat?
Wüsste nicht.
Hat er nie was von Verwandten erzählt?
Nein, jetzt, wo er frage, fällt mir’s erst auf. Von Freunden von früher hat er immer mal wieder erzählt, aber von Verwandten nicht. Ich weiß bloß, dass er siebzehn war, als in Spanien der Bürgerkrieg angefangen hat. Und nach dem Krieg ist er nach Frankreich und nach Kanada, danach nach Mexiko und danach nach Uruguay. Er hat den amerikanischen Kontinent von oben bis fast ganz unten gekannt.
Ich weiß, ich weiß, er ist weit rumgekommen, ich hab seinen Lebenslauf gelesen, er ist fast überall gewesen.
Aber jetzt kommt er nirgendwo mehr hin.
Der Chef hat wohl das Gefühl gehabt, er müsse mir noch was Gutes sagen, was mich bisschen aufbaut.
Er hat neben mir gestanden und hat auch in die Richtung von Primitivos Zimmer geschaut, wie wenn er hoffen würde, der alte Spanier käme plötzlich zur Türe raus und sage, es sei alles gar nicht wahr, es gehe ihm gut. Aber es ist niemand aus der Türe gekommen, und der Chef hat wieder mich angeschaut.
Man lobt dich, Charly. Machst dich gut, sehr gut. Auch in der Berufsschule.
Sagt wer?
Der Franz Saager. Ich hab ihn gestern Abend getroffen, in Burgdorf, bei ner Tagung vom Baumeisterverband. Wir haben unter anderem auch über dich geredet. Er hat gesagt, du wärst konzentriert, wärst engagiert, machtest ihm Freude.
Das freut mich.
Mich auch. Mich auch.
Der Saager war unser Fachkundelehrer. Ein diplomierter Baumeister, hatte selber nen kleinen Baubetrieb, aber zwei Mal in der Woche hat er unterrichtet. An den Tagen, an denen er in der Berufsschule war, haben, glaub ich, seine Söhne den Betrieb geführt, hatte sicher vier oder fünf erwachsene Söhne, der Saager. Die haben alle was mit Bau gemacht, seine Söhne, also Maurer, Zimmermann, Baumaschinist, Architekt oder so. Einer von seinen Söhnen, der Martin, der damals Architekt studiert hat, der hat ihn manchmal in der Schule vertreten, wenn er mal nicht konnte. Dann hat der Saager gesagt: Hört mal, Männer, nächste Woche bin ich nicht da, dann kommt mein Sohn, der Martin. Der Martin ist ein feiner Geist, nicht so plump und ungehobelt wie wir alle zusammen. Ihr müsst mir versprechen, dass ihr ihm das Leben nicht unnötig schwer macht und dass ihr anständig seid. Falls einer meint, er müsse die Situation ausnützen und auf Kosten vom Martin einen Vorteil erschleichen, dann bekommt er’s mit mir zu tun.
Der Saager war nicht wie die anderen Lehrer. Man hat irgendwie gemerkt, dass er eigentlich gar nicht Lehrer war, sondern eben Baumeister. Er hat nicht geredet wie n Lehrer, hat sich nicht angezogen wie n Lehrer und hat auch nicht unterrichtet wie n gewöhnlicher Lehrer. Meistens hat er diktiert. Da haben wir zusehn müssen, dass wir mitkommen mit Aufschreiben. Manchmal hat er bei nem Wort gesagt, wir sollten dran denken, dass wir’s großschreiben, oder wir sollten das H nach dem A nicht vergessen. Wenn er zu schnell diktiert hat, hat irgendeiner von der Klasse von hinten nach vorne gerufen: Halt! Halt, Herr Saager! Nicht so schnell! Ich komm nicht mit! Dann hat der Saager gewartet. Dann hat er’s noch mal diktiert. Er hat auch jedes Satzzeichen diktiert, dann hat er zum Beispiel gesagt: Punkt, neuer Satz, groß weiter, oder hat ein anderes Mal gesagt: Punkt, nein, macht da ein Ausrufezeichen und anschließend nen neuen Absatz. So haben wir weniger Fehler gemacht. Beim Diktieren hatte er immer die Hände auf dem Rücken. Einmal hat ihn einer aus der Klasse gefragt, warum er keine fertig bedruckten Blätter austeile wie die anderen Lehrer, das sei doch viel praktischer als das ewige Diktieren. Da hat der Saager gesagt, die fertigen Blätter würde man sowieso bloß lochen und einheften, aber das, was geschrieben sei, das hätte man wenigstens einmal mitbekommen, nämlich beim Aufschreiben. Wisst ihr, Jungs, hat er dann gesagt, der Mensch lernt nicht nur mit dem Kopf, der Mensch lernt auch durch die Bewegung der Hände.
Wenn er nicht diktiert hat, hat er meistens eine Geschichte erzählt, aber nicht irgendeine, nein, immer eine, die was mit dem Beruf zu tun hatte. Geschichten könne man besser im Kopf behalten als Lehrsätze, hat er jedes Mal gesagt. Das hatte er drauf. Ich meine, der Saager wusste wirklich mehr Geschichten zu erzählen als jeder andere nach so vielen Jahren auf dem Bau. Und vor allem, er konnte sie so bringen, dass sie einem geblieben sind. Ich vergesse keine von seinen Geschichten, und das, was er diktiert hat, ist mir ebenfalls im Kopf geblieben. Und außerdem hat er viele Dias gehabt. Und wenn er die gezeigt hat, ist das wie Theater gewesen. Wirklich ein tipptopper Lehrer. Er war recht alt, der Saager, über sechzig oder so, wahrscheinlich etwa ähnlich alt wie der Primitivo, aber halt nicht so mager wie der Primitivo. Und vor allem, er hat noch gelebt.
Ich geh gerne zum Saager zur Fachkunde, hab ich dann zum Chef gesagt. Er kann gut erklären. Er dreht auch nicht gleich durch, wenn einer was nicht sofort checkt. Aber vor allem, er weiß sehr viel.
Das wollen wir hoffen, dass er viel weiß, so lang wie der schon unterrichtet. Der ist sicher schon dreißig Jahre an der Berufsschule.
Aber er kann natürlich auch streng sein, einmal hat er mir eine fertige Zeichnung zerrissen, weil ich sie nicht schön beschriftet hatte. Und wissen Sie, was er gesagt hat: Handschrift eines Maurers nicht würdig.
Das ist typisch Saager, hat der Chef gesagt und gegrinst.
Wissen Sie, wo er jetzt ist?
Wer, der Saager?
Nein, der Primitivo.
Ich nehme an, immer noch im Krankenhaus. Als der Krankenwagen ihn hingebracht hat, hat er noch gelebt, er ist erst im Krankenhaus gestorben, aber das hab ich dir ja schon erzählt.
Ja, das haben Sie schon erzählt.
Also, adieu, Herr Loosli.
Chiao, Charly. Bis morgen. Pass auf dich auf!
Ich bin heimgegangen. Mit dem Fahrrad. Ich hätt heulen mögen. Konnt ich aber nicht, war wie zu verkrampft. Und als ich zu Hause gewesen wäre, bin ich einfach weitergefahren, auf der anderen Seite von der Bahn und noch weiter bis zum Krankenhaus. Beim Lieferanteneingang hat der Wagen vom Holliger gestanden, der bei uns der Bestatter ist. Der Holliger selber stand an seinen dunklen Mercury gelehnt. Ich hab ihn gekannt, weil er manchmal mit meinem Vater im Nöihüsli Karten gespielt hat.
Guten Tag, Herr Holliger. Sind Sie wegen dem Primitivo hier? Ich meine den Pérez. Kommen Sie ihn holen?
Du sagst es, Charly, du sagst es. Deshalb hat man mich herbestellt. Aber jetzt hat’s grad geheißen, ich solle ihn zuerst noch nach Bern bringen. Die wollen ihn dort in der Gerichtsmedizin untersuchen.
Wieso?
Das machen die fast immer so, wenn’s nen Unfall gab. Dann will man genau wissen, was passiert ist.
Ich hab gemeint, sie wüssten’s. Unser Chef hat’s jedenfalls genau gewusst.
Schon, aber die Behörde will einfach sicher sein, drum wird er noch genau untersucht, schon wegen der Versicherung und allem.
Ja, könnte es denn sein, dass es gar kein Unfall war? Könnte etwas sabotiert gewesen sein? Hat ihn jemand umgebracht? Ist das, weil er zu viel über die alten Nazis in Südamerika gewusst hat? Steckt ein Geheimdienst dahinter?
Was faselst du von alten Nazis, Charly? Du hast zu viel Fantasie! Das war ein Unfall. Hab dir doch grad gesagt, dass man bei jedem Unfall genau wissen will, was passiert ist.
Und wo ist er jetzt?
Im Keller, in ner gekühlten Schublade. Dort wartet er auf mich. Aber das willst du gar nicht wissen.
Der Holliger hatte recht, ich hab’s gar nicht wissen wollen.
Ich hab mich verabschiedet, er sagte, ich solle den Vater grüßen, und dann bin ich nach Hause.
Die Mutter hat sich gewundert, dass ich so wenig zu Abend esse. Man würde nicht meinen, dass du den ganzen Tag gearbeitet hast. Erst kommst du so spät nach Hause, und dann lässt du die Hälfte liegen. Magst du etwas nicht, Charly? Oder ist es nicht gut gekocht? Hat der Herr was zu reklamieren?
Nein, nein, alles tipptopp gekocht, danke, Mutter, so weit alles bestens, hab einfach nicht so viel Appetit.
Die Mutter hat mich angeschaut und den Kopf geschüttelt wie jemand, der nicht versteht. Und ehrlich gesagt, hat sie von mir tatsächlich nicht so viel verstanden, eher gar nichts. Für die Mutter war es ja schon eine kleine Katastrophe, dass ich ausgerechnet Maurer lernen wollte. Wenn ich schon keine Mittelschule mache, dann könne ich doch wenigstens was lernen, was mich intellektuell bisschen fordere, hat sie gesagt. Aber gemeint hat sie was anderes, gemeint hat sie, es sei ihr peinlich, dass ihr Sohn einen Beruf lernt, bei dem man mit dreckigen Arbeitsklamotten rumlaufen muss. Ich glaub, sie hat einfach gefunden, Maurer sei unserer Familie nicht angemessen. Der Vater war da anders, der Vater hat mich unterstützt. Ich dürfe lernen, was ich wolle, hat er gesagt, aber ich müsse ihm versprechen, dass ich nicht gleich beim ersten Gegenwind die Flinte ins Korn schmeiße. Ich weiß noch, wie ich mal von meinem Zimmer aus gehört hab, wie er zur Mutter gesagt hat: Hör auf, wenn der Junge Maurer werden will, müssen wir ihn unterstützen, nicht kritisieren.
Am ersten Tag von der Lehre haben sie mich auflaufen lassen. Ich hab natürlich noch von nichts ne Ahnung gehabt. Es war ne Baustelle hinten im Steinacker, Industrie irgendwas. Vier Etagen und drunter ne Tiefgarage.
Aber als ich die Lehre anfing, war der Rohbau schon fast fertig. Es gab noch paar Kleinigkeiten zu machen. Ich hab da Putz anmachen müssen, ziemlich viel, zehn Schubkarren gewaschener Sand, drei Sack Zement. Das ist ein halber Kubikmeter mit 150 Kilo Zement, also wärn das bei nem Kubik 300 Kilo Zement. Drum nennt man die Mischung PC 300.
Sie haben mir alles erklärt und gezeigt, wie man den Putz von Hand anrührt, zuerst trocken mischen, und erst wenn alles gut gemischt ist, sorgfältig Wasser dazu, bis es feucht ist, aber nicht nass. Danach musste ich Maurerkübel mit dem Putz füllen und immer zwei Kübel auf einmal nach oben hochtragen, in den vierten Stock. Da oben hat der Herbert, mein Oberstift, den Boden für den Motor vom Aufzug gemacht. Er hat die Ladung, die ich gebracht hab, zuerst gestampft und dann mit ner Latte abgezogen und zuletzt taloschiert. Und ich hätte also den ganzen Putz für den Boden hochbringen sollen, immer zwei vollgefüllte Maurerkübel auf ein Mal. Das sind fast fünfzehn Kilo an jedem Arm, hart an der Grenze von dem, was ich die Treppe rauftragen konnte. Mit der Zeit hab ich nur noch gezittert vor Anstrengung. Eigentlich hab ich schon gar nicht mehr gewollt, aber die haben mir die Kübel immer wieder vollgemacht, und ich hab gedacht, ich kann ja nicht gleich am ersten Tag sagen, ich mag nicht mehr, das macht sonst eine schlechte Figur.
Hü, Stift, hott, haben die Kollegen gesagt, hü, immer hü, immer hott! Sag mal, warum hast du denn so krumme Beine? Vorher bist du irgendwie grader gegangen! Und dann haben sie sich alle zusammen schlappgelacht, und ich wieder und wieder in den vierten Stock hoch mit den beiden vollen, schweren Kübeln und den Händen, die mir wehtaten, den Armen, die brannten, und den Knien, die weich wurden. Ich hab mich einfach nicht getraut zu sagen, ich könne nicht mehr, hab gemeint, das müsse so sein.
Plötzlich ist von irgendwo her der Primitivo aufgetaucht: klein, alt, mit breiten Schultern, nem Buckel und ner dunkelblauen Baskenmütze und buschigen Augenbrauen. Er hatte selber nen leeren Eimer, nen Schwamm und ein Glättbrett in der Hand. Er hat seine Sachen abgestellt, hat mir die Kübel wortlos aus der Hand genommen und den ganzen Putz in eine Mulde geschüttet. Danach hat er nach dem Kran gepfiffen, die Kette an der Mulde festgemacht, und der Kran hat die Mulde in den vierten Stock raufgebracht.
Die anderen Kollegen haben wieder gelacht und zum Primitivo gesagt, er sei ein Spielverderber und sie hätten mich gern noch bisschen länger die Kübel hochtragen sehen wollen. Der feine Herr hat fast O-Beine bekommen wie ein alter Cowboy und hat geschnauft wie eine alte Dampflock. Aber der Primitivo hat ihnen ganz ruhig in seinem brachialen Spanierdeutsch gesagt, sie wären ausgemachte Lumpenseckel und dass man nicht meinen würd, dass wir alle zusammen als Kollegen im gleichen Boot säßen. Ich war natürlich dankbar und hab mich gleichzeitig geschämt, dass ich mich so lang hab hochnehmen lassen und nicht selber draufgekommen bin, dass man den Kran hätte benutzen können.
So hab ich den Primitivo kennengelernt. Was mir damals noch aufgefallen ist, sind seine riesigen Hände gewesen. Er hatte wirklich Hände, die so groß waren wie Taloschen. Von da an hat er mich noch das eine oder andere Mal in Schutz genommen, zum Beispiel damals, als sie mir mein Buch versteckt haben, weil sie’s gehasst haben, wenn einer in der Mittagspause in der Baracke ein Buch liest. Zuerst haben sie bloß Sprüche gemacht. Aber einmal, als ich in der Mittagspause ein paar Seiten lesen wollte, war das Buch nirgendwo mehr. Der Primitivo hat’s erfahren und ist richtig ernst geworden. Seine Stimme ist kein bisschen lauter geworden, aber an seinem langsamen Sprechen hat jeder gemerkt, wie ernst es ist: Der, der das Buch von dem Lehrjungen hat verschwinden lassen, soll’s wieder zurückbringen. Wenn’s bis zum Feierabend nicht auftaucht, lernt ihr mich kennen, Kollegen. Und tatsächlich, am Abend hat das Buch wieder an meinem Platz gelegen. Niemand hat sich zu erkennen gegeben, aber das Buch hat dagelegen. Und später, als mich ein paar von den jungen Eisenlegern mit Kräuterschnaps abfüllen wollten, hat er mich in Schutz genommen. Es war beruhigend zu wissen, dass mir der Primitivo im Notfall immer helfen kann. Es war dann aber nicht mehr lange nötig, weil sie mit der Zeit aufhörten, mich zu ärgern, sodass es bisschen leichter ging.
Zwischen dieser ersten Begegnung und dem Unfall ist genau ein Jahr vergangen. Aber dann, als er gestorben ist, hatte ich den Eindruck, ich hätte ihn wesentlich länger gekannt. Wir haben uns viel von uns erzählt, er vor allem, weil von mir gab’s natürlich noch weniger zu erzählen, schon vom Alter her. Ich meine, ich bin da noch nie außerhalb von Europa gewesen und in Europa selber auch noch nicht an so vielen Orten. Darum konnte ich beim Thema Länder nicht so viel beitragen. Auch beim Thema Krieg konnte ich unmöglich mithalten. Der Primitivo hatte zwei Kriege hautnah erlebt und ich nicht mal nen Bandenkrieg im Schorenwald. Aber Ideen und Gedanken zum drüber reden, die hatte ich ja trotzdem. Zum Erfahrung haben, muss man älter sein, aber zum Ideen haben überhaupt nicht. Das hat der Primitivo selber gesagt, dass die Erfahrungen überschätzt werden, vor allem von denen, die meinten, sie hätten schon alles gesehen und begriffen. Erfahrung allein sei nichts wert. Erfahrung sei bloß dann was wert, wenn man die richtigen Schlüsse draus ziehen könne. Aber dafür müsse man nachdenken und Nachdenken sei den meisten Leuten zu mühsam. Und dass man Bücher lesen müsse, weil Bücher können einem beim Nachdenken helfen, das hat er mir auch öfter als einmal gesagt, obwohl er mir das gar nicht unbedingt hätte sagen müssen, weil, gelesen hab ich sowieso gern und viel.
Nachdem er mir im Steinacker geholfen hat, ist es immer wieder vorgekommen, dass wir was zusammen gemacht haben. Wenn man zum Beispiel zu zweit an der gleichen Wand mauert, dann kommt man automatisch ins Gespräch. Einer fängt auf der einen Seite an, der andere auf der anderen, und dann mauert man, bis man sich in der Mitte trifft, außer, einer wär langsamer als der andere, dann trifft man sich natürlich nicht in der Mitte. Und mit ihm hat man gerne geredet, weil der Primitivo, der hat andere Themen gehabt wie die meisten anderen, die am liebsten darüber geredet haben, wie viel Geld sie haben oder wie viel Geld sie nicht haben und was sie sich alles kaufen wollen und was sie alles schon gekauft hätten, wenn sie gekonnt hätten.
Der Primitivo war anders, er hatte spannendere Themen. Über Geld hat er nie geredet oder dann höchstens darüber, dass man’s gerechter verteilen müsste oder dass man sich nicht vom Geld knechten lassen dürfe.
Ich weiß zum Beispiel noch, dass er mir erzählt hat, wie er in die Schweiz kam, mit über fünfzig, weil ihm jemand erzählt habe, in der Schweiz suche man Maurer. Es gebe immer zu wenig Maurer in der Schweiz, weil die Schweizer entweder nicht mauern könnten oder nicht mauern wollten. Er selber habe ja fast sein ganzes Leben lang als Maurer gearbeitet. Nur die ersten Jahre, von zwölf bis siebzehn, habe er zu Hause in Asturien in ner Mine Kohle schlagen müssen, als Bergmann. Er habe in der Mine gearbeitet, weil das alle gemacht haben in seiner Familie. Aber als der Spanische Krieg ausbrach, sei er im Sommer 1936 fort von zu Hause, sei auf gut Glück durch feindliches Gebiet bis nach Madrid gelaufen, wochenlang unterwegs, immer auf Draht, immer vorsichtig, damit er keine Probleme bekomme. Und dort in Madrid habe es keinen Kohlebergbau gegeben, also habe er auf Baustellen gearbeitet, zuerst als Handlanger, also für den Maurer den Mörtel und die Steine getragen, er habe genau zugeschaut, wie sie’s machen, immer viel gefragt und viel gelernt, bis er eines Tages selber habe mauern dürfen. Er habe es allein lernen müssen, weil Lehren wie bei uns mit Berufsschule und Kurswochen in beheizten Maurerlehrhallen und alldem, das habe es bei ihnen nicht gegeben. Man habe einfach zuschauen müssen und fragen und nachher selber ausprobieren.
Später, als dann die Truppen vom Franco vor Madrid gestanden hätten, habe man zwar noch »No pasarán!« gerufen, aber gleichzeitig sei dem Primitivo klar gewesen, dass der Bürgerkrieg für ihn und für alle, die an Demokratie und Freiheit glauben, verloren sei. Drum sei er dann weiter nach Frankreich, habe sich in Bordeaux niederlassen wollen. Dann sei aber der Weltkrieg losgegangen, die Deutschen seien in Frankreich einmarschiert, und im Süden habe sich das Vichy-Regime eingerichtet, also auch dort nichts als Nazis und Faschisten und Sauhunde, da habe er wieder in der Scheiße gesteckt, sodass er Frankreich als mögliches Zuhause habe aufgeben müssen. Dann habe er’s riskiert, nach Spanien zurückzugehen, zurück in seine Stadt in Asturien, immer mit der Angst, einer von den neuen Machthabern könne rausfinden, dass er ein Roter sei. Aber niemand habe ihn verraten oder entdeckt. Alle hätten genug mit sich selber zu tun gehabt. Und er habe von dort, vom Hafen von Gijón, ich weiß nicht mehr mit welchen gefälschten Visa und welchem Schiff, über Belgien nach England und von dort weiter nach Kanada reisen können.
Ob er denn Englisch könne, hab ich ihn gefragt, als er mir das erzählt hat. Nein, Englisch habe er nie gelernt. Bisschen Französich habe er gekonnt, oui Madame, oui Monsieur, peut-être, aujourd’hui, demain, bonjour Madame, bonjour Monsieur, ça va?, merci, ça va bien, ça va très bien, au revoir Madame, au revoir Monsieur. In Kanada habe das tipptopp gereicht, weil er immer in Quebec gewesen sei, im französischen Teil. Und später in Mexiko und in Uruguay habe er natürlich wieder Spanisch sprechen können.
Mich hat das damals unglaublich motiviert, weil ich jeden Mittwoch nach der Arbeit ins freiwillige Französisch in der Berufsschule bin, zum Rektor Amstutz. Und dann vom Primitivo zu hören, dass man mit recht wenig Französisch sogar in Kanada durchkommt, hat mir Mut gemacht. Les mots se terminant en »ou« se terminent par »ous« au pluriel. Exceptions qui se terminent par »oux« au pluriel: bijou, caillou, chou, genou, hibou, joujou, pou.
