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Egal ob sie sich ein sündhaft teures Designertäschchen unter den Arm klemmen oder einen bunten Baumwollbeutel vom Flohmarkt über die Schulter hängen – Frauen lieben ihre Taschen heiß und innig und hüten sie wie einen Schatz. Einen Griff in ihre Handtasche empfinden sie als Verletzung ihrer Intimsphäre. Sie ist selbst für ihre engsten Vertrauten tabu. Für Jean-Claude Kaufmann aber öffneten einige Frauen bereitwillig ihre Taschen und gewährten ihm einen Einblick in deren Innenleben. Natürlich entdeckte der französische Soziologe mehr als Ausweise, Geld, Schlüssel, Mobiltelefone, Kugelschreiber und Lippenstifte. Dem Spezialisten in der Kunst, scheinbar banale Dinge wie Wäsche, Bikinis oder Kochtöpfe zum Sprechen zu bringen, offenbarten die vielen Zettel, Steine, Pillen, Kinderspielzeuge und Herrenbrieftaschen, dass Frauen vor allem Liebe mit sich herumtragen. Die praktische Begleiterin, die sie und ihre Lieben vor den Gefahren des Alltags schützt, ist eine Erweiterung des Körpers, ein Teil des Selbst, den die Trägerin vor allem dann bemerkt, wenn er ihr abhandengekommen ist. Gleichzeitig ist die Tasche aber auch ein Instrument der Selbsterfindung und Selbstinszenierung, mit dem ihre Besitzerin sich im Rampenlicht sonnt, sich von anderen abgrenzt, ihr Selbstwertgefühl steigert und verführt. Die Tasche macht die Frau, sie ist Attribut der Weiblichkeit, spiegelt Identitätsfacetten, markiert Wendepunkte in der Biografie, enthält ein ganzes Leben. Sie ist alles – nur kein gewöhnliches Accessoire.
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Seitenzahl: 263
Veröffentlichungsjahr: 2012
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[1]Jean-Claude Kaufmann
[2]
Jean-Claude Kaufmann ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in der Bretagne. Er hat seine Laufbahn als Soziologe 1969 begonnen. Seit 1977 arbeitet er am Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS), zunächst als Forschungsbeauftragter, seit 2000 als Forschungsdirektor. Er ist Mitglied des Centre de Recherche sur les Liens Sociaux (CERLIS), eines CNRS-Instituts der Universität Paris V Sorbonne, wo er auch lehrt.
www.uvk.de/kaufmann
[3]Jean-Claude Kaufmann
Privatsache Handtasche
Aus dem Französischen übersetzt
von Anke Beck
UVK Verlagsgesellschaft Konstanz · München
[4]Ouvrage publié avec le soutien du Centre National du Livre. Veröffentlicht mit Unterstützung des Französischen Ministeriums für Kultur.
Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des französischen Außenministeriums, vertreten durch die Kulturabteilung der französischen Botschaft in Berlin.
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.ddb.de> abrufbar.
EPUB-ISBN 978-3-86496-007-9
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
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Titel der Originalausgabe: Le sac. Un petit monde d‘amour
© éditions Jean-Claude Lattès, 2011
© Deutsche Ausgabe:
UVK Verlagsgesellschaft Konstanz und München 2012
Einband: Susanne Fuellhaas, Konstanz
Einbandfoto: © iStockphoto Inc.
UVK Verlagsgesellschaft mbH
Schützenstr. 24 · D-78462 Konstanz
Tel. 07531-9053-0 · Fax 07531-9053-98
www.uvk.de
eBook-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheimwww.brocom.de
[5]Inhalt
Einleitung
1. Das Rätsel der Geheimnisse
2. Die kleinen Zettel
3. Steine mit sich herumtragen
4. Die Trägerin
5. »Hineintun«
6. Die tiefen Schichten
7. Die Tasche nervt
8. Sag mir, wie du deine Sachen in deine Tasche räumst, und ich sage dir, wer du bist
9. Ständig aus- und einräumen
10. Wie viele Taschen?
11. Liebe auf den ersten Blick
12. Eine Tasche, die so ist wie man selbst
13. Der Krieg der Taschen
14. Die zwei Leben der Tasche
15. Hand oder Schulter?
16. Überall lauern Gefahren
17. Für alle Eventualitäten
18. Last und Leichtigkeit des Seins
19. Die Tasche macht die Frau
[6]20. Männer mit Taschen
21. Mit der Tasche sein Leben erzählen
22. Die Tasche und das Selbst
Schluss
Dank
Anmerkungen
Bibliografie
Ich werde die Taschen zum Sprechen bringen, ich weiß, wie man sie zum Sprechen bringt.
In dreißig Jahren Forschung ist es mir gelungen zu enthüllen, was Töpfe und Geschirrtücher unausgesprochen sagen, wie das Kochen Familie erzeugt und warum die Wäsche das Leben zu zweit erschafft. Ich habe aufgedeckt, was sich hinter der Art und Weise verbirgt, wie die Badekleidung am Strand getragen oder wie zu Hause gefegt wird. Nun sind die Handtaschen an der Reihe. Es ist so offensichtlich, dass sie tausende Dinge zu erzählen haben. Offensichtlicher als bei einem simplen Topf oder einem lächerlichen Besen. Man muss sich nur umschauen, um dies zu verstehen: Es kommt sehr selten vor, dass eine Frau keine Tasche bei sich hat. Die Tasche ist für die Frau das, was das Schneckenhaus für die Schnecke ist. Abgesehen davon, dass man beim Schneckenhaus weiß, was drin ist, und dass alle Schnecken sich ähneln. Bei den Taschen gibt es kleine (für gerade das Nötigste) und große (das ganze Leben in der Tasche), harte und weiche, Taschen, die über der Schulter oder in der Hand getragen werden, Taschen, in denen anscheinend Ordnung herrscht, und Taschen, in denen es zweifellos chaotisch aussieht. Taschen, über die man sich ärgert (wenn das Mobiltelefon darin Verstecken spielt), und Taschen, die wirklich heiß und innig geliebt und wie Identitätstrophäen zur Schau getragen werden (meine Tasche, das bin ich). Kurze Hassanfälle und heftige Liebe also. Eine Tasche enthält alle Gefühle der Welt.
Eine Tasche ist wirklich kein gewöhnlicher Gegenstand, sie sieht nur so aus. Natürlich, sie ist aus Leder oder aus Stoff, stolz [8]auf ihre arrogante Jugend oder abgenutzt von den Jahren. Man könnte sie wie ein Ding beschreiben. Doch mit ihr wurde tagaus, tagein so viel herumhantiert, sie wurde so oft berührt, in Gedanken und mit Händen gestreichelt, dass sie zu einer Erweiterung des Selbst geworden ist.
Und dann sind da noch ihre unermesslichen Geheimnisse, ihr intimes Inneres …, doch seien wir nicht voreilig.
Ich würde die Taschen zum Sprechen bringen können, dessen war ich mir fast sicher. Ich musste jedoch zunächst ein paar Hindernisse überwinden, die meinen Enthusiasmus bremsten. Paradoxerweise weil ich nicht der Erste war, der auf diese Idee gekommen war. Vor mir hatten schon andere den Wunsch, die Taschen zum Sprechen zu bringen, und boten eine grenzenlose Fantasie auf, um ihr Ziel zu erreichen. Doch das Ergebnis ihrer Arbeit war, muss man sagen, ein wenig enttäuschend. Es war zwar interessant, oft lustig, zog Aufmerksamkeit auf sich, warf Fragen auf. Trotzdem war es ein wenig monoton und bot kaum Überraschungen. Nach Dutzenden und abermals Dutzenden geöffneten Taschen, die ebenso viele Terminkalender, Schlüssel, Mobiltelefone, Papiertaschentücher, Aspirintabletten und Pfefferminzbonbons zum Vorschein brachten, kommen Zweifel auf: Könnte es sein, dass die mutmaßlichen Geheimnisse der Tasche gar keine richtigen Geheimnisse sind und die Tasche trotz allem etwas Gewöhnliches ist? Etwas Intimes, aber trotzdem gewöhnlich. War es richtig, dieser Handtasche achtzehn Monate meines Lebens (so lange dauern meine Untersuchungen) schenken zu wollen, die sie vielleicht gar nicht verdient?
Mehrmals hätte ich beinahe aufgegeben. Heute weiß ich, dass das eine große Dummheit gewesen wäre. Denn die Tasche hat wirklich sehr, sehr viel zu erzählen, wenn man es schafft, sie zum Sprechen zu bringen. Und mir ist dies, glaube ich, gelungen.
Doch warum ausgerechnet mir? Warum habe ich etwas geschafft, woran andere (mehr oder weniger) gescheitert sind? Weil [9]ich der Beste bin? Diese Annahme ist eine Zeit lang schmeichelhaft, bis man sie – leider – ziemlich schnell fallen lassen muss. Nein, abgesehen von ein paar methodischen Punkten, die einer langen Berufserfahrung entstammen (das ist doch meine Arbeit, und ich habe mich auf die Kunst, das Banale zum Sprechen zu bringen, spezialisiert!), war all das ganz einfach dem Zufall geschuldet. Ich hatte Glück.
Meine Vorgänger hatten vielleicht versucht, es zu gut zu machen. Sie hatten sich mit großer Ernsthaftigkeit vorbereitet, um minutiöse, systematische Bestandsaufnahmen zu machen. Alle Taschen wurden schonungslos geleert, erforscht und die darin enthaltenen Gegenstände nach Arten geordnet, mit einer Methode, die eines Insektenforschers des 19. Jahrhunderts würdig ist. Nehmen Sie Kelley Styring. Beim Erstellen ihrer »Archäologie der Handtasche« der Amerikanerinnen geht sie so weit, jeden Gegenstand beinahe aufs Gramm genau abzuwiegen, ihn zu fotografieren und mit einer Identifikationsnummer zu registrieren. Nehmen Sie Will Baxter. Mit dem Fotoapparat in der Hand begibt er sich auf eine »Reise um die Welt in 80 Taschen« und hat sich dabei ein grandioses Ziel gesetzt: die verschiedenen Kontinente zu durchqueren, um eine Bestandsaufnahme der Beziehungen zwischen den Kulturen auf der Grundlage eines Vergleichs des Inhalts von Taschen zu machen. Hatte er vielleicht irgendwo die Sängerin Camille gehört?
»Man hat sich zu viele Fragen gestellt:
›To be or not to be?‹
›Gibt es Gott?‹
Doch um den Lauf der Welt zu verstehen,
müssten mir die Männer erklären,
was in der Tasche der Mädchen ist. «1
[10]Tatsächlich wollte sich Will Baxter nicht auf die Taschen der Frauen beschränken. Er bat auch die Herren, ihre Taschen zu leeren. Das Ergebnis entsprach nicht den Erwartungen. Was fand er? Taschen wie in alter Zeit, die mehr Arbeitstaschen als Handtaschen waren. (Zum Beispiel der Schuhputzer auf der Straße in Indien, der seine Schuhcreme und seine Bürsten mit sich herumschleppt.) Trendigere, urbanere Taschen, doch mit furchtbar stereotypem und rein technischem Inhalt (Mobiltelefon, MP3-Player, Schlüssel, Papiere, Geld). Und dann noch Damentaschen, die zwar ein bisschen mehr Neugier weckten, deren Geheimnisse sich aber nicht mit einer Bestandsaufnahme allein lüften ließen.
Ich bin etwas streng. Es kommt schon auch vor, dass eine Bestandsaufnahme auf die erste Spur führt. Und man merkt, dass die Gegenstände drauf und dran sind zu sprechen, ja dass sie darauf brennen. Schauen Sie sich zum Beispiel den Blog von Sandra an2: Die Taschen öffnen ihre Bäuche und präsentieren schließlich Bruchstücke der Existenz, das Auf und Ab des Lebens. Ein Schnuller und ein zerbröselter Keks: Da haben wir eine junge Mutter. All das aber bleibt trotzdem ein wenig brav und ordentlich, überaus zurückhaltend. Dabei ist die Tasche, wie wir sehen werden, in ständiger Bewegung und wirft existenzielle Fragen auf. Bisweilen auch sinnlose Fragen. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs an der Oberfläche, von dem man das eigentliche Ausmaß nicht sehen kann.
Es war sicher ein Glück, dass ich die Sache nicht ganz so ernst nahm (der Lohn für die Faulheit, über die ich wirklich untröstlich bin). Oder genauer: Da ich nicht ganz sicher war, ob es sich lohnen würde, achtzehn Monate meines Lebens mit der Handtasche zuzubringen, wollte ich einen Test machen, bevor ich mich in die Untersuchung stürzte. In einer Kolumne für die Zeitschrift Psychologies Magazine rief ich daher ganz ungezwungen zu Zuschriften zu diesem Thema auf. Mein Traum war, dass [11]mir die Frauen von ihrem Leben / ihren Taschen erzählten. Will sehen, sagt man beim Pokern. Das war spielentscheidend.
Eine wunderbare Überraschung. 75 Geschichten über Taschen. Die Taschen erzählten mir von sich! Gefühlvoll und poetisch, kraftvoll und treffsicher. Sie sprachen über Liebe und Tod, über die Wendungen des Lebens, über Ängste und Leidenschaften, die Zartheit des gestreichelten Leders, das Glück der in ihnen verborgenen Erinnerungen. Und über tausend andere ebenso außergewöhnliche und großartige Dinge, die tief unten in ihnen steckten. Die Tasche war absolut kein gewöhnlicher Gegenstand, ich hatte nun den Beweis dafür. Ich hatte nichts Außergewöhnliches getan – ich hatte nur Glück, sage ich Ihnen – und erhielt ein großzügiges Geschenk. Es war daher ein Gebot der Höflichkeit, dieses Geschenk mit anderen zu teilen, indem ich zur Feder griff, um die Schönheit dessen, was mir geschenkt wurde, wiederzugeben.
Hier folgt nun also, was die Taschen uns zu erzählen haben.
Offen gestanden war anfangs nicht alles absolut perfekt. Es wurde nämlich auch Widerspruch laut. Frauen versuchten, mich von meinem Vorhaben abzubringen: Nur ein Mann könne auf die Idee kommen, dass in einer Tasche so viele Geheimnisse steckten. Gehen Sie weiter, Sie neugieriger Soziologe, Sie verschwenden Ihre Zeit, es gibt darin nichts Außergewöhnliches zu finden! Insbesondere Sabrina war sehr bestimmt:
»Ich stelle seit eh und je fest, dass die Männer sich nicht trauen, in die Tasche einer Frau zu schauen, als würden wir darin irgendwelche Geheimnisse verstecken! Das hat mich schon immer amüsiert, denn was kann man schon so Indiskretes in diesen Taschen finden? Ein Sexspielzeug bei den Frivolsten, unbenutzte Verhütungsmittel? Sollten diese Dinge die Männer so sehr beschäftigen? Das wäre doch erstaunlich …
Mir war es jedenfalls niemals peinlich, in die Taschen meiner Mutter oder meiner Freundinnen zu schauen (mit ihrer Erlaubnis natürlich), und glauben Sie mir, ich habe darin nie etwas Geheimnisvolles gefunden. Sehr oft Unordnung, ein paar Dinge, um die Schminke aufzufrischen, Lieblingsfotos, die in Brieftaschen steckten, ein Adressbuch, ein Glücksbringer bei den Abergläubischen, das unvermeidliche Handy, aber niemals etwas, zu dem man nicht stehen könnte!
Ich bin praktizierende Psychotherapeutin, und ich denke, dass die Vorstellung, die Frauen könnten einen Teil von sich in ihren Umhängetaschen verbergen, nur schwer verwertbar ist.«
[13]Glücklicherweise ließ ich mich davon nicht beeinflussen, denn es gab sehr viel mehr gegenteilige Aussagen, und ich spürte sofort, dass ich Sabrinas Meinung nicht teilte. Schon um bei ihren Beispielen zu bleiben: Ich finde, dass ein Sexspielzeug in einer Tasche keine so unbedeutende Sache ist und zumindest ein wenig Diskretion rechtfertigt. Doch das ist nicht wirklich das, wonach ich suche. Gewiss müssen in den Taschen manchmal schlüpfrige oder überraschende Dinge sein, die ganz unten gut versteckt werden und die mich auch interessieren. Die wahren Geheimnisse jedoch sind, davon bin ich überzeugt, woanders. Sie sind weniger greifbar und so etwas wie die Seele der Tasche. Sie sind sehr schwer zu fassen, obwohl man intuitiv spürt, dass es sie gibt. Genau dieses Rätsel der Geheimnisse, die sich nicht als solche zeigen, möchte ich aufdecken. Das erste Rätsel, das es zu lüften gilt, ist das der Natur der Geheimnisse.
Von den Männern auszugehen scheint mir keine schlechte Idee. Denn jenseits der bisweilen widersprüchlichen Erklärungen der Frauen spüren sie sehr wohl, dass dieser kleine intime Bereich nicht verletzt werden darf. »Ich gebe zu, dass ich mich noch nie getraut habe, sie regelrecht zu durchsuchen: Diese Tasche gehört mir nicht, und ich habe auch Angst vor einer Expedition, die möglicherweise gefährlich ist.«1 Auch wenn kein Verbot ausgesprochen wurde, wittern sie Verbotenes und hüten sich, ihre Hand in die Tasche zu stecken. Außer wenn die Frau sie ausdrücklich dazu auffordert.
»Clémence, ich finde die Autoschlüssel nicht. Sind sie nicht im Kästchen an der Tür?
Nimm sie dir, sie sind in meiner Handtasche!«2
Nur dann erlaubt sich die Hand, mit allergrößter Vorsicht hineinzugleiten. Denn die Berührung von Dingen mit den Fingerspitzen sendet eine ganz andere Botschaft. Höchst verwirrend [14]ist diese Aufforderung der Frau, die so tut, als wäre nichts dabei; sie steht in völligem Gegensatz zu den Empfindungen, die man selbst hat. Wo ist also die Wahrheit? Amélie hatte ihre weit geöffnete Tasche, als wäre es das Natürlichste auf der Welt, zwischen sich und Andy, ihren Unternehmenscoach, auf den kleinen runden Tisch gestellt. Andy bat sie um einen Termin für die nächste Sitzung. »Sie holt einen in Leder gebundenen Terminkalender heraus, gleitet mit ihrer Hand in die Tasche, zieht ein Buch hervor, räumt einen Spiegel, einen Lippenstift woanders hin … Ich schaue mir die Szene an, schweigend und verdutzt. Mir ist diese plötzliche Intimität peinlich. Und es überrascht mich, dass es mir peinlich ist.«3 Banale Normalität ganz gewöhnlicher Dinge oder Tiefen voller unsichtbarer Bedeutungen? In dem Zweifel, der ihn befallen hat, befindet sich Andy mitten im Rätsel der nicht greifbaren Geheimnisse.
Das Rätsel beschäftigt die Männer zwar, aber es bereitet ihnen keine schlaflosen Nächte. Es ist nur ein kleines Mysterium, wie es so viele im Leben gibt. Und dann wehren sie es, genauso wie Frauen es tun, mental ab: Sie reduzieren das Geheimnis auf ein paar leicht identifizierbare Gegenstände. Es könnten (vielleicht) Dinge darin sein, die nicht wirklich vorzeigbar sind, richtige Geheimnisse, Beweise für die Existenz von Privatsphären, in denen Unerlaubtes geschieht, ja sogar Indizien für Treulosigkeit in der Liebe.
In regelmäßigen Abständen überkommt sie, besonders in ihrer Fantasie, plötzlich ein Drang, die Tasche zu durchsuchen (dass sie dies wirklich tun, passiert seltener). Das Chanson, das hier erneut sehr treffend ist, bringt diesen männlichen Traum sehr schön zum Ausdruck. Bénabar stößt einen richtigen Siegesschrei aus: »Ich habe sie, ich habe es geschafft, ich werde zur Autopsie schreiten.«4 Renaud ist noch aufgeregter:
»Als ich die Autoschlüssel suchte,
habe ich wie ein Dreckskerl
[15]in deiner Tasche herumgewühlt.
Ich habe ein verflixtes Durcheinander angerichtet.
Ich habe alles durcheinandergebracht in deinem
Krimskrams.
Das ist nicht sehr fein.
Es ist wie ein schlechter Plan,
wie wenn man jemanden übers Ohr haut.
Ich wollte deine Geheimnisse wissen,
auf die Gefahr hin, mir ein paar Ohrfeigen
einzufangen.«5
Richtige Geheimnisse, die sie nicht eingestehen kann, wird er nicht finden. Wer weiß, diese Telefonnummer, die auf ein Stück Papier gekritzelt ist? Aber das ist vielleicht ganz einfach die Nummer ihres Friseurs? Er wird dagegen etwas ganz anderes finden …
Da die Frauen es ihnen unbewusst und unausgesprochen zu verstehen geben, spüren die Männer, dass die Tasche etwas Verbotenes an sich hat, eine Art fremde Seele. Doch es verwirrt sie, wenn andere Frauen (oder manchmal auch dieselben) ihnen im Brustton der Überzeugung beteuern: Nein, wirklich nicht, es gibt da kein Geheimnis. Und dass das einzig Geheimnisvolle sei, dass die Männer glaubten, es gäbe eines! LaNe geht das rücksichtsvolle Verhalten der Männer beinahe auf die Nerven:
»Diese jungen Männer, die Angst haben, in der Tasche eines Mädchens herumzukramen, sind merkwürdig. Ich habe Lust, euch zu sagen: Wovor habt ihr Angst, liebe Jungs? Vor einer seltsamen Entdeckung in Bezug auf unser intimes Selbst? Davor, dass euch ein unerwarteter String mit Bommeln ins Gesicht springt?
Nichts davon ist in der Tasche eines Mädchens. Wir sind schließlich normale Menschen. In meiner Tasche sind natürlich Dinge, die ein Mädchen braucht: ein Spiegel, eine Nagelfeile, [16]ein Lippenstift, ein Päckchen Taschentücher. Und dann sind da noch Dinge, die jeder benutzen kann: ein iPod, ein Taschenbuch, Restaurantgutscheine, ein Regenschirm. Nichts Umwerfendes also. Erklärt mir daher das Mysterium, das den Inhalt der Taschen der Mädchen umgibt! Diese Scham der Jungs, in unseren Sachen herumzukramen. Liebe Leserinnen, verstecken Sie unanständige Dinge in Ihrer Sequoia-Tasche? Liebe Leser, haben Sie Insider-Geheimnisse in der Manolo-Tasche Ihrer Freundin entdeckt? Ich versuche, es zu verstehen, aber ich gebe zu, da muss ich passen!«6
Sie stieß daher eine große Diskussion auf ihrem Blog an, um das Geheimnis zu lüften. Und wie immer fokussierte sich die Suche, die damit ihr Ziel verfehlte, auf ein paar Dinge, die nicht wirklich vorzeigbar sind. Hier insbesondere auf Tampons, die die Diskussion anheizten und genauestens analysiert wurden. Natürlich erkenne ich an, dass die Frage, ob Tampons alltägliche Gebrauchsgegenstände sind oder zu einem elementaren Intimbereich gehören, der den Blicken der anderen entzogen werden muss, der philosophischen Reflexion unerwartete Horizonte eröffnen kann. Aber das ist nicht das Problem, das Geheimnis liegt woanders.
François, der LaNes Behauptungen bestritt, wagte zu sagen, dass er anderer Meinung sei: Seine Erfahrung habe ihn gelehrt, dass viele Frauen »vor allem nicht wollen, dass man ihre Tasche öffnet: ›Nein, bist du verrückt, die Tasche eines Mädchens rührt man nicht an!‹« LaNe und Sabrina stehen in der Tat nur für eine kleine Minderheit. Den meisten Frauen graust es schlicht und einfach vor der Vorstellung, eine (fremde oder sogar bekannte) Hand könnte in ihrer Handtasche herumkramen. Es fällt ihnen oft ein wenig schwer zu erklären, warum dieser Abwehrreflex so heftig ist. Hören Sie sich Valmontine an: »Es ist definitiv nichts Außergewöhnliches in meiner Tasche und trotzdem macht mich Vorstellung krank, ein/e Unbekannte/r könnte darin herumkramen,[17] sich ihres Inhalts bemächtigen. Das ist, als würde er oder sie in meinen Gedanken lesen können, als würde es mich verwundbar machen. Samsons Kraft steckte in seinen Haaren, Dalilas Kraft steckt in ihrer Tasche.« Nicht einmal Alexas Schatz hat das Recht, seine Hand in ihre Tasche hineingleiten zu lassen: »Wehe, wenn ihr jemand zu nahekommt!!! Nein, es ist verboten, seine Hand hineinzustecken, niemals werde ich das erlauben! Nicht einmal mein Schatz, der der zärtlichste Schatz und der ehrenwerteste Mann überhaupt ist, darf das. Als er einmal mit seinem Patschehändchen hineingelangt hat, um mein Portemonnaie herauszuholen, ist mir das Blut in den Adern gefroren!«
Was steckt also so Geheimnisvolles in einer Tasche? »Keine großen Geheimnisse, sondern sehr persönliche Dinge, die die meisten Männer unnütz und uninteressant finden würden (und die für uns doch so lebenswichtig sind)«, schreibt mir Véro. Ein Mann, der auf den Gedanken käme, in einer Tasche herumzukramen, würde mit Sicherheit enttäuscht, fügt Noisette hinzu. Es ist keine sensationelle Entdeckung zu erwarten. Aber, erläutert sie, eine durchsichtige Tasche wäre unvorstellbar. Es sind ganz einfach intime Dinge darin, die man nicht offen zeigen sollte. Valmontine nennt erneut die Verhütungsmittel, die sie ganz unten in der Tasche in einem gut verschlossenen, undurchsichtigen Täschchen versteckt. Kein bedeutendes Geheimnis also, nur ein bisschen Diskretion. »Es ist, denke ich, gar kein Geheimnis drin«, bestätigt Sidonie, »aber unsere Tasche ist trotz allem unsere Privatsache. Jedenfalls, was mich angeht. Ja, auch wir tragen Kondome, Tampons, Pinzetten oder andere Dinge mit uns herum. Und wir möchten nicht unbedingt, dass jemand anderes da rankommt.« Entschuldigen Sie, liebe Sidonie, aber ich glaube trotzdem nicht, dass eine Pinzette und ein Kondom das Gleiche sind! Glauben Sie nicht, dass ein Kondom, ohne von einem Geheimnis sprechen zu wollen, einiges über Ihr sehr persönliches Leben verrät? [18]Und was für das Kondom einleuchtend scheint, trifft aber vielleicht auch für die Dinge zu, die scheinbar unwichtiger sind: Jedes gibt eine winzige Information preis über die Welt, in der Sie leben, über die Werte, von denen Sie beseelt sind, über das, was Ihnen in Ihrem Leben wichtig ist. »In meiner Tasche habe ich keine richtigen Geheimnisse, sondern eher Dinge, die mir am Herzen liegen oder mich glücklich machen:
– alle Telefonate, die ich mit Menschen geführt habe, die mir wichtig sind,
– die schönen Augenblicke mit meinem Liebsten (Restaurantbesuche …),
– die Treffen mit meinen Freundinnen zum gemeinsamen Shoppen, Teetrinken …,
– die Stunden, die für Wellness reserviert sind (Gesichtspflege, Friseur …), für Sport …,
– meine Kinobesuche …
Meine Tasche ist ›privat‹, und es ist verboten, in ihr herumzukramen. In meiner Tasche ist ein Teil meiner Weiblichkeit, meiner Persönlichkeit und, ich denke, auch meiner verwundbaren Seite verborgen.« Cathe spricht von ihrer »verwundbaren Seite«, und das scheint mir wichtig. Wir werden in der Tat sehen, wie gut man sich mit der Tasche gegen alle Arten von Schwächen und Risiken wappnen kann. Wer ihren Inhalt untersucht, bekommt die intimen Schwachstellen und Ängste offenbart. Doch wir zeigen nun einmal nicht gern unsere Unzulänglichkeiten und Ängste, und das ist ganz normal in einer Gesellschaft, in der jeder sein Image verteidigen muss. Das Innere einer Tasche ist eine kleine Welt für sich, nur für sich, ungeschminkt, unerreichbar für die Augen und das Urteil der anderen, weit weg von den Fassaden und Formen, zu denen man gezwungen ist. Helen hasst es, wenn jemand in ihrer Tasche herumkramt. Wenn sie [19]sich – was selten vorkommt – in einer Situation befindet, in der es sich nicht vermeiden lässt, versucht sie sich ins Gedächtnis zu rufen, was in der Tasche ist, bevor sie die Erlaubnis dazu gibt: »Habe ich einen kleinen Liebesbrief meines Liebsten darin versteckt, einen Tampon, ein altes gekautes Kaugummi, das in ein Stück Papier gewickelt ist, ein benutztes Tempo?«
Ziemlich banale kleine Geheimnisse, die jedoch ein ganzes, sehr persönliches Universum bilden. Eine Hand, der es plötzlich einfällt, in es einzudringen, ruft daher logischerweise häufig eine heftige Abwehrreaktion hervor. Alexa spricht von diesem Eindringen wie von einer »Minivergewaltigung«, die sie in ihren Albträumen verfolgt: »Dass sie mir jemand klaut und darin herumwühlt … wie schrecklich! Das würde mich krank machen.« Kathryn Eisman verallgemeinert diese Aussage: »Nur ein Wahnsinniger würde es wagen, einen Blick in die Tasche einer Frau zu werfen. Das ist ein geheimnisvoller Ort, die letzte Grenze der weiblichen Intimität. Ein Blick in die Handtasche einer Frau ist ein Blick in ihre Seele.«7 Anna Johnson stellt fest, dass manche Psychologen noch weitergehen, indem sie andeuten, die Männer könnten die Tasche als Metapher für die Vagina auffassen. Hans Jürgen Eysenck berichtet sogar von einem geistig verwirrten Patienten, der sexuell besessen von Taschen war, von ihrer anspielungsreichen Form erregt wurde.
Ich werde jedoch nicht in diese etwas anekdotische Richtung gehen, die ebenfalls das Wesentliche verfehlt. Denn das Herz des Geheimnisses befindet sich weder in den Exzessen noch in den Transgressionen, sondern in der banalen kleinen Welt nur für sich.
Kinder spüren dies auf ihre Weise. Mamas Tasche ist nah, allgegenwärtig und zugleich rätselhaft, verboten. Sie ist ihre Mama, in den geheimen Winkeln ganz unten. Und darf doch nicht angefasst werden oder wenn, dann nur mit allergrößter Vorsicht. Melody, fünfzig Jahre, erinnert sich, als wäre es gestern[20] gewesen. »Meine Mutter mochte nicht, dass ich in ihrer Tasche herumkrame. Auch wenn sie etwas daraus benötigte und ich sie ihr brachte, hielt ich sie wie etwas in der Hand, das ich nicht anfassen durfte. Ich hatte bemerkt, dass sie immer sehr voll war, oft sogar so voll, dass sie sie nicht zumachen konnte.« Die Schriftstellerin Carol Shields sieht sich wieder als kleines Mädchen. Die Tasche hatte einen solchen Eindruck auf sie gemacht, dass sie sie bis in die kleinsten Einzelheiten rekonstruieren kann. »Sie war groß, schwarz, stark gekräuselt, mit einem zauberhaften Verschluss, einer Einlegearbeit aus Bernstein, die ein kleines Papageienzwillingspaar darstellte. Das Innere, von einer warmen dunklen Farbe, roch nach Parfum und Leder – wahrscheinlich Kalbsleder – und einem Baumwolltaschentuch, das mit Soir de Paris beträufelt und in einer Ecke zusammengeknäult war.«8 Der Gegenstand ist für das Kind so etwas wie ein vertrautes, aber unbekanntes seltsames Tier. Mahina hatte ihr einen besonderen Platz in den Geschichten, die sie sich selbst erzählte, zugewiesen, sie war ein Huhn. »Ich hatte sie ›ihr Huhn‹ getauft. Denn sie war aus braunem Leder, mittelgroß, hatte eine undefinierbare Form und sank zusammen und machte sich rund, wenn sie sie neben das kleine Möbel im Wohnzimmer oder in die Ecke hinter der Schlafzimmertür stellte, wo sie wie ein kleines Huhn wirkte, das auf den nackten Fliesen mit Brüten beschäftigt war. Und wenn sie sie aus Versehen woanders hingestellt hatte, dann herrschte wirklich Panik im Hühnerstall, und ihr Stress scheuchte uns alle auf. Es war eine Umhängetasche, die weder Griff noch Klappe hatte und nach Mama roch, wenn man sie öffnete. Ihr geheimnisvoller Inhalt war unter einem Papiertaschentuch verborgen, das lose über allem ausgebreitet war. Ganz unten heraus zog Mama Portemonnaie oder Scheckheft, je nachdem was sie gerade gekauft hatte, und ihren Lieblingsfilzstift, manchmal ein Skizzenbuch – vor allem auf Reisen. Bei solchen Gelegenheiten konnten auch ein Stadtplan von Paris [21]oder der Officiel des Spectacles zutage gefördert werden – und von Zeit zu Zeit ein Lippenstift …«
Es mag merkwürdig erscheinen, dass Kinder, so wie auch die Männer, eine klipp und klare Meinung zum Geheimnis der Taschen haben. Sie sagen zwar nicht mehr als die Männer und die Frauen selbst können viel mehr erklären. Deren Erklärungen sind jedoch wirr, denn sie haben ein zutiefst ambivalentes Verhältnis zu ihrer Tasche. Sie hängen sehr an ihr, stopfen Dinge, denen sie im Kaufrausch nicht widerstehen konnten, in sie hinein und klammern sich an ihren Riemen fest, wenn irgendeine Gefahr droht, als enthielte sie Schätze über Schätze, das Herz des intimen Selbst, alle ihre Geheimnisse. Und gleichzeitig wird das Erhabene an ihr kleingeredet, sie wird ständig banalisiert und wie ein ordinärer Gebrauchsgegenstand behandelt, an den man keinen Gedanken verschwendet. So dass sie plötzlich an wenig empfehlenswerten Orten landet: unter dem Tisch, wo Staubflocken herumfliegen, auf den Fliesen der Toilette einer zweifelhaften Bar, wo sie eine Höchstmenge an Bakterien abbekommt. Sie gerät so sehr in Vergessenheit, dass man sie offen stehen lässt und damit die Begehrlichkeit von Taschendieben weckt, obwohl der Diebstahl der kostbaren Handtasche doch ein Albtraum ist. Bei Mahina hat das kleine Drama des silbernen Schöpflöffels bis heute Spuren hinterlassen. »Sie dachte, es sei gefährlich, einen silbernen Schöpflöffel, den sie zufällig geerbt hatte, zu Hause aufzubewahren, und steckte ihn in ihr ›Huhn‹, um ihn zur Bank zu bringen. Der Griff schaute ein bisschen heraus. Als sie in die Bank kam, war der Löffel nicht mehr in der Tasche.«
LaNe und Sabrina bringen ein weit verbreitetes Verhalten nur noch deutlicher zum Ausdruck: das Geheimnisvolle abzustreiten, damit man den Alltag ungehindert bewältigen kann, ohne allzu viel infrage zu stellen. Es kommt sogar vor, dass richtige Geheimnisse, solche wie sie sein sollen (denn die gibt es auch!), welche sorgfältig gehütet werden sollten, schließlich auf die gleiche[22] Weise banalisiert werden. Wie viele andere Frauen bewahrt FashionMama in ihrer Tasche sorgsam einen Gegenstand auf, der halb Talisman, halb Andenken ist. Sie versteckt ihn kein bisschen. Es ist ein alter Zettel, auf den etwas gekritzelt ist. »Ein kleiner geheimer Kopf-hoch-Brief. Ich lese ihn, wenn ich den Blues kriege. Mein bester Freund auf dem Gymnasium, den ich aus den Augen verloren habe, hat ihn mir geschrieben, ›zum Spaß‹, wie er mir sagte …
›Nach all dieser Zeit, wie konnte ich es wagen, entschuldige
die ganzen Tage, an denen ich zu viel an dich dachte.
Ab und zu, glaube ich, darf man das.
Aber so sehr, das weiß ich wohl, tut man es nicht.
Glaub es nicht, meine kleine L…, diese wenigen Worte sind
alles andere als unschuldig.
Mehr als um dir eine Freude zu bereiten, habe ich dir dieses Geschenk gemacht,
damit ich jedes Mal, wenn du es ansiehst,
der Einzige bin, an den du denkst.‹«9
Die Lektüre des Gedichts tut ihr jedes Mal wahnsinnig gut. FashionMama ist verheiratet und Mutter von zwei kleinen Kindern. Sie denkt dabei nichts Böses, zumal ihr dichtender Ex-Anbeter nur noch ein abstrakter Begriff ist: Traum und Papier. Dennoch sind die Gefühle da, heimlich und aufwühlend, und kontrastieren mit den grauen Momenten ihrer Verstimmtheit.
FashionMama führt uns in die Welt der kleinen Zettel, die sich tief unten in den Taschen verstecken. Alle möglichen Papiere, Lektüren oder Notizen, Funktionales oder Intimes, unzählige Zettel. Gewiss, es gibt immer mehr elektronische Geräte, die neue Formen des Lesens und Schreibens hervorbringen und die Zettel ersetzen sollen. Doch die Zettel wehren sich so sehr dagegen, dass die neuen Geräte zu ihnen hinzukommen und die Taschen noch schwerer machen, obwohl sie sie doch leichter machen sollten.
Richtige, mehr oder weniger bekritzelte oder verknitterte Zettel sind darin. Aber auch Notizbücher, Hefte, Bücher, Zeitschriften. Nützliches aus Papier und Andenken aus Papier, Bilder, Fotos. Niemals geordnet. Denn das fröhliche Sammelsurium ist ein wenig die Seele der Tasche, das, was ihr eine größere Bedeutung und Intensität gibt. Zwei Geschichten von Sammelsurien, zwei Porträts von Taschen, die viele Dinge aus Papier enthalten, sollen dies veranschaulichen. Die erste Geschichte erzählt uns Mila. In ihrem Leben spielen Schreiben und Lesen eine führende Rolle; es ist daher logisch, dass sie alles Mögliche aus Papier in ihrer Tasche hat. »In dieser Tasche ist ein Heft, in das ich das ganze Buch Hiob abgeschrieben habe, als ich zum ersten Mal im Krankenhaus war, ein anderes schönes Heft, in dem ich alle schönen Ideen notiere, die ich da und dort aufschnappe, Titel von Büchern, die ich lesen möchte, Sprüche, die mir gefallen … Eine 1,5-Liter-Flasche Wasser, tonnenweise Tempotaschentücher, eine [24]Tube Fleckentferner, denn ich habe oft Flecken auf meinen Sachen, eine kleine Bibel, ein Taschenbuch, eine Zeitschrift, eine Handcreme, ein farbloser Lippenstift, ein Täschchen, in dem ich alle Zeitungsausschnitte aufhebe, mit denen ich mich näher beschäftigen möchte, ein wunderbares Heft, in dem ich einen Haufen Notizen zu einem Vortrag habe, bei dem ich gewesen bin, ein indisches Täschchen mit meinen Karten und Scheckheften, mein Handy, meine Schlüssel und dann noch tausend Glücksbringer, die ich einmal geschenkt bekommen habe und seit Jahren aufbewahre …«
Zoé ist keine solche Intellektuelle, sondern eher ein Fashion-Victim. Ihre Aufzählung beginnt daher mit Kredit- und Kundenkarten, (allzu oft fehlenden) Geldscheinen und Rechnungen. Aber dies reichte nicht aus, um ihre Tasche zu füllen, die insbesondere durch Zuneigung und zärtliche Botschaften Gewicht bekommt. Oft ist viel Liebe auf den kleinen Zetteln der Frauen. »Ein Born-to-shop-Portemonnaie ist darin zu finden und dann eine Geldscheintasche, die immer leer ist, außer wenn es Weihnachtsgeld gegeben hat, ein kleines Ledertäschchen mit meiner Kreditkarte, Notizen, Wahrsagekarten und dann noch ein Stofftäschchen, das ich mal auf dem Flohmarkt gekauft habe und das meine zweitausend Kundenkarten, die Artikel, die ich mir aus Zeitschriften ausgeschnitten habe, einen Liebesbrief meines Liebsten aus der Zeit, als wir uns kennengelernt haben, eine Karte zum Muttertag, eine Zeichnung meiner zweiten Tochter enthält.« Die Rechnungen sind nicht in das schöne Stofftäschchen vom Flohmarkt geräumt. Denn die Post, »über die ich mich ärgere und die ich nicht wegräumen möchte« (es ist klar, warum), wird einfach ungeöffnet hineingesteckt und »fliegt in meinem Shopper herum, wo gerade Platz dafür ist«.
Diese Schätze (und Probleme) sind griffbereit. Die Tasche ist die Begleiterin für ruhige Zeiten. Zoé muss sie nur öffnen, und [25]
