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Beschreibung

„Think about thinking“ – ist die zentrale Aussage des Lehrbuchs zum klinischen und professionellen Denken in der Ergotherapie.

Es ermuntert Sie zur Selbstreflexion. Zudem macht es den intuitiven klinischen Entscheidungsprozess bewusst, transparent, nachvollziehbar und verständlich. Doch wie lernt man das klinische und professionelle Denken? Indem Sie sich den umfangreichen Wissens- und Erfahrungsschatz der Autorinnen zunutze machen. Verwenden Sie dieses Buch als Leitfaden und erlernen Sie die so wichtigen Kernkompetenzen des professionellen und klinischen Reasonings.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 845

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Professionelles und Klinisches Reasoning in der Ergotherapie

Ein Leitfaden für reflektiertes Denken und Handeln

Maria Feiler

Bettina Bachschwöll, Nicole Kaldewei, Andrea Kerschbaumer, Maria Anna Kraxberger, Claudia Merklein de Freitas, Erika Mosor, Helene J. Polatajko, Valentin Ritschl, Kit Sinclair, Tanja Stamm, Barbara A. Boyt Schell, Angela Bossart, John W. Schell, Gabriele Schwarze, Johanna Stadler-Grillmaier, Cornelia Strasser-Gugerell, Helen Strebel, Julia Unger, Bettina Weber, Petra Wosnitzek, Sarah Wöß-Lohberger, Cornelie Zillhardt, Patricia Burgunder, Ursula Costa, Jennifer Creek, Jane Davis, Kerstin Felber, Clare Hocking, Margret Jäger

30 Abbildungen

Vorwort

M. le Granse

2003 schrieb Maria Feiler, zum ersten Mal in deutscher Sprache, ein Buch über Klinisches Reasoning in der Ergotherapie. In diesem Buch machte sie den Kollegen bewusst, über die Überlegungen und Strategien nachzudenken, die sie tagtäglich in Ihrem therapeutischen Handeln einsetzen – und wie und unter welchen Gesichtspunkten sie in ihrem Arbeitsprozess ganz bewusst wahrnehmen, abwägen und entscheiden.

In der Zwischenzeit hat sich vieles geändert, sowohl in der Gesellschaft und im Gesundheitswesen, als auch in der Ergotherapie und ihrem Klientel.

Das Reasoning ist schon vor langer Zeit entwickelt worden, aber seine Anwendung spielt eine immer größer werdende Rolle innerhalb der ergotherapeutischen Intervention, sowohl jetzt als auch in Zukunft.

Ergotherapeuten haben in ihrer Praxis aktuell mit vielen Facetten zu tun, denkt man an das neue verfügbare Wissen aus der Occupational Science, den Anspruch, evidenzbasiert zu arbeiten, den Einfluss der Technologie und Robotik, die kulturelle Diversität der Gesellschaft, die Rolle der Menschenrechte und die stetig steigenden Ansprüche an die gelieferte Qualität.

Somit ist es eine große Bereicherung für unsere Berufsgruppe, dass ein neues deutschsprachiges Buch über professionelles und klinisches Reasoning, herausgegeben von Maria Feiler, vor Ihnen liegt.

Das Buch ist von einer großen Anzahl renommierter deutschsprachiger und internationaler Ergotherapeuten geschrieben worden. Kollegen, die ihre Erfahrungen, ihr Wissen und die Art, wie sie ihr Wissen in der Praxis anwenden können, mit dem Leser teilen wollen.

Das Motto des Buches ist „Think about Thinking“. Ergotherapeuten denken nach, treffen Entscheidungen und übernehmen Verantwortung für ihr Handeln in der Praxis.

Dieses Nachdenken über und die Übernahme von Verantwortung beim Treffen von Entscheidungen in Bezug auf Aktionen in der Praxis nennen wir Professionelles Reasoning.

Gerade dieses Buch unterstützt die Ergotherapeuten bei ihrem Vorgehen, weil es zeigt, dass es nicht nur um Wissen geht. Es gibt Ergotherapeuten gewissermaßen eine Anleitung in die Hand, woran sie denken sollen, was ihr praktisches Handeln beeinflusst und wie sie das ergotherapeutische Denken zeitgemäß, umfassend und vor Ort in der praktischen Arbeit umsetzen und anwenden können.

Die unterschiedlichen Kapitel zeigen die große inhaltliche Diversität unseres professionellen Wissens auf – und die große Bandbreite unseres Professionellen Reasonings in Bezug auf Wissenschaft, Kultur, Technologie, Qualität, Forschung und die vielen notwendigen unterschiedlichen Denkansätze. Den eher theoretischen Kapiteln folgen einige, die komplett auf die Anwendung des Professionellen Reasonings in der Praxis ausgerichtet sind. Diese Kapitel sind ebenfalls sehr divers – sie beschäftigen sich zum Beispiel mit Pädiatrie, Geriatrie, Psychiatrie, Rehabilitation und Prävention, aber auch mit der Rolle des Beraters, Managers, Lehrers, Forschers, des Entwicklers von Technologie und des Anwalts für Menschenrechte.

Gerade diese Diversität und breite praktische Anwendbarkeit machen dieses Buch so wertvoll für Studierende, die noch unerfahren sind und gerade erst beginnen, sich mit dem Professionellen Reasoning auseinander zu setzen. Doch es ist auch gut nutzbar als Lehrmaterial für Dozierende und als Lernmöglichkeit für jeden Ergotherapeuten in der Praxis, der bemüht ist, die für den Klienten oder die Situation am besten geeignete Intervention zu finden.

Neben der Theorie und den unterschiedlichen Denkweisen geht es in diesem Buch hauptsachlich um die Anwendung des Professionellen Reasonings in der Praxis.

Alle Praxisbeispiele kommen bewusst aus den deutschsprachigen Ländern, gerade um dem Leser die Möglichkeit zu bieten, das globale Denken (Theorie ist ja oft global entwickelt worden) lokal in der eigenen Praxis anwenden zu können.

Mit einer Theorie „im Hintergrund“ denken zu lernen bedeutet, diese als Unterstützung zur Verfügung zu haben, wenn man seinen Klienten begegnet, mit ihnen arbeitet, über ihre Möglichkeiten, Rollen, ihre Betätigungsperformanz, ihre Partizipation und ihr Wohlbefinden nachdenkt und sich für Interventionen entscheidet.

Gerade das Nachdenken über den eigenen Denkprozess macht Ergotherapeuten bewusst, welche Gedanken ihr eigenes professionelles Reasoning beeinflussen. Die heutigen Ergotherapeuten sollen kritische Professionalisten sein – und als solche müssen sie imstande sein, kritisch über ihr eigenes Handeln nachzudenken.

Professional Reasoning ohne Reflexion ist nicht möglich. Ergotherapeuten, die gut reflektieren können, sind imstande, die täglichen Praxissituationen in Lernmomente umzuwandeln. Je mehr man reflektiert und sich die unterschiedlichen Situationen bewusst macht, umso besser wird man zunehmend imstande sein, das eigene Handeln anzupassen und mit Argumenten zu untermauern.

Das sichtbare Resultat des professionellen Reasoningprozesses ist die beobachtbare Entscheidung, während das Professionelle Reasoning selber als Denkprozess eher unsichtbar ist.

In ihr Denken beziehen Ergotherapeuten sowohl die Perspektive der Klienten, als auch die der Ergotherapie und der Evidenz ein.

Dieses Buch gibt eine Vielzahl von Antworten darauf, warum es so wichtig ist, Professionelles Reasoning anzuwenden, vor allem zur weiteren Optimierung der Praxis und bei der Umsetzung von Denken in Aktionen. Es soll klar sein, was wir denken und was wir tun, welche Resultate wir gemeinsam mit dem Klienten anstreben und wie wir dies umsetzen.

Man kann sagen, dass Professionelles Reasoning die Basis unseres professionellen Handelns ist. So wünsche ich Allen, die das Buch lesen, dass sie für ihre eigene Arbeit inspiriert werden.

Außerdem würde ich gerne alle Ergotherapeuten anregen, das Lesen des Buches zum Anlass zu nehmen, eine eigene, professionelle „Community of Practice“ zu gründen mit dem Ziel, durch gemeinsames Diskutieren über ihr Professionelles Reasoning beim täglichen praktischen Arbeiten eine fortlaufende Verbesserung der persönlichen Praxis anzustreben. Das Wissen über das, was sie denken, wie sie denken, was sie tun, welche Resultate sie erreichen wollen bzw. welche sie tatsächlich erreichen und wie sie sich verbessern können, wächst durch den gegenseitigen Austausch. Gemeinsam, und oft durch das Einbeziehen der vielen unterschiedlichen Gedanken und Aspekte der Klienten, lernen wir von- und miteinander.

Inhaltsverzeichnis

Titelei

Vorwort

Teil I Klinisches und Professionelles Reasoning: Wie und woran denken wir als Ergotherapeuten?

1 Wie das Reasoning in die Ergotherapie kam

1.1 Einleitung

1.2 Historisches zum Begriff Klinisches/Professionelles Reasoning

1.3 Klinisches Reasoning in der Ergotherapie

1.3.1 Die wichtigsten Aussagen dieser Studien waren

1.4 Unterschiedliche Begriffe des Reasonings

1.5 Zusammenfassung

1.6 Literatur

2 Professionelles Reasoning in der Ergotherapie

2.1 Einleitung und Ziele

2.2 Die Definition von Begriffen des Reasonings

2.2.1 Unseren Verstand verstehen

2.2.2 Wissen für die Praxis

2.3 Reasoning im Gesundheitswesen

2.3.1 Ökologisches Modell des Professionellen Reasonings

2.4 Das Entwickeln und Verbessern des Professionellen Reasonings

2.4.1 Die Rolle der Erfahrung

2.4.2 Die Rolle der Reflexion

2.5 Zusammenfassung

2.6 Literatur

3 Das Denken der Ergotherapeuten: Unser Hauptanliegen, unser Professionelles Reasoning und die Perspektiven, die unser Denken leiten

3.1 Die Dualität der Perspektiven: Mittel versus Ziel

3.1.1 Betätigung im Mittelpunkt: Mittel und Ziel

3.1.2 Begriffsdefinitionen: Mittel und Ziel

3.1.3 Trennungsgrade (Degrees of Separation) von Mittel und Ziel präzisieren

3.1.4 Spezifizierung des Ziels

3.2 Professionelles Reasoning in der Betätigungszentrierten Therapie: Ein Problemlösungsprozess

3.2.1 Über die Strukturierung der Problemlösung

3.2.2 ZIEL: Das angestrebte Ergebnis

3.2.3 PLAN: Die Intervention

3.2.4 TU-CHECK: Das Ergebnis

3.3 Zusammenfassung

3.4 Literatur

4 Ergoscience und Professionelles Reasoning

4.1 Einleitung

4.2 Gesundheit und Betätigung

4.3 Die Betätigung und ihre Performanz

4.4 Die Macht der Betätigung

4.5 Der Beitrag der Ergoscience

4.6 Die Bedeutung und Struktur der Betätigung

4.7 Eine transaktionsbezogene Perspektive von Betätigung

4.8 Die Anwendung von Betätigung in der Ergotherapie

4.9 Betätigungsgerechtigkeit und Menschenrechte im Gesundheitswesen

4.10 Zusammenfassung

4.11 Literatur

5 Menschenrechte, Kultur, Vielfalt und Professionelles Reasoning in der Ergotherapie

5.1 Einleitung

5.2 Menschenrechte

5.3 Ergotherapie und Menschenrechte

5.3.1 Gesundheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und soziale Gesundheitsdeterminanten

5.3.2 Betätigungsgerechtigkeit und Betätigungsungerechtigkeit

5.4 Kultur und Vielfalt

5.4.1 Gesundheit und Krankheit

5.4.2 Gesundheitskompetenz

5.4.3 Aspekte kultureller Kompetenz

5.5 Zusammenfassung

5.6 Literatur

6 Global denken – lokal handeln

6.1 Einleitung

6.2 Global denken

6.2.1 Globale Gesundheitsthemen

6.3 Lokal handeln

6.3.1 Ergotherapie ist eine komplexe Interventionsform

6.4 Zusammenfassung

6.5 Literatur

7 Digitalisierung und Professionelles Reasoning

7.1 eHealth

7.1.1 Digitalisierung in unserer persönlichen Welt

7.1.2 Digitalisierung in der Arbeitswelt

7.1.3 Digitalisierung im Gesundheitswesen

7.1.4 Schlussfolgerung

7.2 Literatur

7.3 Technologien und Robotik

7.3.1 Einleitung

7.3.2 Technisches Reasoning

7.3.3 Assistive Technologien im Alltag und ihr Beitrag zur Lebensqualität

7.3.4 Entwicklung assistiver Technologien

7.3.5 Assistive Technologien im (ergotherapeutischen) Alltag

7.3.6 Zusammenfassung

7.4 Literatur

8 Qualitätsentwicklung und Reasoningprozesse in der Ergotherapie

8.1 Einleitung

8.1.1 Qualitätsentwicklung als wichtiger Baustein für die individuelle Professionalisierung und Professionsentwicklung

8.2 Instrumente im Professionalisierungsprozess

8.2.1 Instrumente zur Unterstützung des eigenverantwortlichen Professionalisierungsprozesses (Mikroebene)

8.2.2 Instrumente zur Unterstützung gemeinschaftlicher Professionalisierungsprozesse

8.2.3 Instrumente im Rahmen der Qualitätsentwicklung – Mesoebene

8.2.4 Instrumente zur Qualitätsentwicklung der Profession (Makroebene)

8.3 Zusammenfassung

8.4 Literatur

9 Professionelles Reasoning in der Forschung

9.1 Einleitung

9.2 Denkprozesse im Zuge von Forschungsprojekten

9.2.1 Erkennen eines Forschungsfeldes, Aufzeigen einer Wissenslücke und Formulieren eines Forschungsbedarfs

9.2.2 Schaffen einer Wissensbasis durch Literaturrecherche und Review; Verknüpfung des Forschungsbedarfs mit der vorhandenen Theorie und Evidenz

9.2.3 Formulieren einer konkreten Forschungsfrage

9.2.4 Festlegen und Beschreiben des Forschungsdesigns und der Methoden

9.2.5 Erstellen eines Studienprotokolls

9.2.6 Einholen von notwendigen Genehmigungen zur Durchführung der Studie

9.2.7 Sammeln der Daten

9.2.8 Analyse und Interpretation der Forschungsergebnisse

9.2.9 Präsentation und Publikation der Forschungsergebnisse

9.3 Evidenzbasierte Praxis und praxisorientierte Forschung

9.3.1 Praxisorientierte Forschung

9.3.2 Evidenzbasierte Praxis

9.4 Zusammenfassung

9.5 Literatur

10 Über das Denken nachdenken: Formen und Arten unseres Professionellen Reasonings

10.1 Einleitung

10.1.1 Theorien

10.1.2 Praxis

10.1.3 Erfahrung

10.1.4 Das „mehrgleisige“ Denken der Therapeuten

10.2 Denkweisen beim Professionellen ergotherapeutischen Reasoning

10.2.1 Scientific Reasoning

10.2.2 Diagnostisches Reasoning

10.2.3 Kategorisierendes Reasoning

10.2.4 Prozedurales Reasoning

10.2.5 Pragmatisches Reasoning/Management Reasoning

10.2.6 Kreatives Reasoning

10.2.7 Lehren und Erklären als Reasoning/Teaching as Reasoning

10.2.8 Narratives Reasoning

10.2.9 Interaktives Reasoning

10.2.10 Ethisches/Spirituelles Reasoning

10.2.11 Politisches Reasoning

10.2.12 Kollaboratives Reasoning

10.2.13 Strategisches Denken und Reasoning

10.2.14 Fazit

10.3 Modelle Klinischen/Professionellen Reasonings

10.3.1 Das lineare Modell des Klinischen Reasonings

10.3.2 Das Denken mit zwei verschiedenen Inhalten und der Therapeut mit dem dreigleisigen Denken

10.3.3 Das Konzept des dynamischen Denkens in Form einer Spirale

10.3.4 Das hierarchische Modell von Unsworth

10.3.5 Das Ökologische Modell von Schell

10.3.6 Das Modell des kontext-spezifischen Professionellen Reasonings

10.3.7 Zusammenfassung

10.4 Literatur

Teil II Klinisches und Professionelles Reasoning: Unser vielseitiges Denken praktisch angewandt

11 Akuttherapie: ICU, SU und B‑Reha

11.1 Über mich

11.1.1 Was mir bei meiner Arbeit im Akutbereich wichtig ist

11.2 Überlegungen zur Ergotherapie auf Intensivstationen

11.2.1 Anforderungen an Ergotherapeuten

11.2.2 Umweltbezogene Rahmenbedingungen, Praxiskontextfaktoren und EMPR

11.2.3 Informationen zu unseren Intensivstationen vor Ort und meinem Vorgehen als Ergotherapeutin

11.3 Patientenbeispiel: Herr R.

11.3.1 Anamnese der Person

11.3.2 Rollen des Patienten

11.3.3 Anfangsbefund in Phase 1: Erste Kontakte und Basismaßnahmen auf der Intensivstation

11.3.4 Befundung mit dem Patienten in Phase 2

11.3.5 Erster Kontakt auf der B-Reha

11.3.6 Zielsetzungen, Planung und Behandlungsmaßnahmen der nächsten Einheiten

11.3.7 Zielsetzungen, Planung und Behandlungsmaßnahmen im weiteren Therapieverlauf

11.3.8 Die erste Therapieeinheit mit dem Roll-up Piano

11.4 Zusammenfassung

12 Professionelles Reasoning in der neurologischen Rehabilitation

12.1 Ergotherapie in der Rehabilitation

12.2 Das Rehabilitationszentrum als Praxis-Kontext

12.2.1 Organisatorische Normen und Regeln/Pragmatisches Reasoning

12.3 Die Therapeutin

12.3.1 Persönliches Ich

12.3.2 Professionelles Ich

12.4 Der Klient

12.4.1 Persönliches Ich/Narratives Reasoning

12.4.2 Klientenbezogenes Ich/Konditionales Reasoning

12.5 Therapeutische Handlungen

12.5.1 Zugänge zu Interventionen

12.5.2 Ziele

12.5.3 Handlungen und deren Erklärungen

12.5.4 Individuelle versus gemeinsame Interventionen

12.5.5 Art der Interventionen

12.5.6 Klientenbezogene Handlungen außerhalb der Therapieeinheiten

12.6 Therapieergebnisse/Zielerreichung

13 Professional Reasoning in der Pädiatrie heute und vor 20 Jahren

13.1 Die Ergotherapeutin Anna

13.2 Charlotte

13.3 Die Praxis

13.4 Die therapeutische Behandlung

13.4.1 Evaluation früher und heute

13.4.2 Interventionsplan

13.4.3 Intervention früher und heute

13.4.4 Outcome früher und heute

13.5 Literatur

14 Professionelles Reasoning in der psychiatrischen Praxis, Bereich Ambulantes Betreutes Wohnen

14.1 Einleitung

14.2 Ich als die praktizierende Therapeutin

14.3 Der Praxiskontext: Das Ambulant Betreute Wohnen (ABW)

14.4 Das Klienten-Ich: Frau T.

14.5 Weitere Reasoning-Prozesse aus diesem Arbeitsbereich

14.6 Zusammenfassung

14.7 Literatur

15 Geriatrie, ein ergotherapeutisches Handlungsfeld

15.1 Beschreibung der Institution

15.2 Die praktizierende Ergotherapeutin und ihr Handlungskontext

15.2.1 Berufliches/professionelles Ich

15.2.2 Praxiskontext

15.2.3 Theorien der Praxis und Überzeugungen – Spirituelle Haltung als therapeutischer Wirkfaktor

15.3 Therapeutisches Handeln und Reasoningprozesse anhand eines Klientenbeispiels

15.4 Fazit

15.5 Literatur

16 Systemische Coachingkompetenz für Ergotherapeuten

16.1 Einleitung

16.1.1 Hintergrund

16.2 Grundlagen aus dem systemischen Coaching für Ergotherapeuten

16.2.1 Systemisches Denken

16.2.2 Systemtheoretische Grundlagen

16.2.3 Konstruktivistische Grundlagen

16.3 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

16.4 Literatur

17 Professionelles Reasoning und Management – Management Reasoning

17.1 Einleitung

17.2 Einflussfaktoren

17.2.1 Rahmenbedingungen

17.2.2 Persönliche Eigenschaften

17.3 Praxisbeispiel: Die gemeinsame Formulierung des Rehazieles in einem Rehabilitationszentrum

17.3.1 Organisationsstruktur

17.3.2 Ergotherapie

17.3.3 Management

17.4 Fazit

17.5 Literatur

18 Ergotherapeutisches Reasoning in der Lehre – Enabling Learning

18.1 In welchem Kontext findet Lehre an der Fachhochschule statt?

18.1.1 Studierendenzentrierung und Kompetenzbasierung

18.2 Der persönliche Blick als Ergotherapeutin und Lehrende

18.2.1 Reden und reden und reden und reden …

18.2.2 Ich muss nicht alles selbst sagen

18.2.3 Knisternde Aufmerksamkeit – the stage is yours!

18.2.4 Der Drang nach Können

18.2.5 Lass mich in Ruhe, ich kann das!

18.2.6 Learning from each other

18.2.7 Tun belebt

18.2.8 „Der Mensch ist dort ganz Mensch, wo er spielt!“

18.2.9 Zusammenfassung:

18.3 Der Professionelle Blick: Das Verständnis von Lernen

18.3.1 Jedes Hirn ist anders, jeder Mensch kreiert sein eigenes Wissen

18.3.2 Aufmerksamkeit gewinnen – Catch the brain!

18.3.3 Verarbeitung von neuen Informationen

18.3.4 Wie entsteht die Motivation, sich mit Lernaktivitäten zu beschäftigen?

18.3.5 Reflexion

18.3.6 Resümee

18.4 Zusammenfassung

18.5 Literatur

19 Evidenzbasierte Praxis anwenden und eigene Forschung durchführen

19.1 Implementierung der evidenzbasierten Praxis in das klinische Setting der Ergotherapie

19.1.1 Barrieren in der Anwendung der EBP in der klinischen Praxis

19.1.2 Strategien für Ergotherapeuten, um EBP in die eigene klinische Praxis implementieren zu können

19.1.3 EBP Implementierung – Ein Praxisprojekt

19.2 Eigene Forschungsprojekte durchführen

19.2.1 Forschungsprojekte in Kooperation mit Universitäten und Fachhochschulen

19.2.2 Forschungsprojekte durch Ausbildung im Rahmen eines Master- oder Promotionsstudiums

19.2.3 Zusammenfassung

19.2.4 Literatur

20 Technologische Alltagsgegenstände als Behandlungsmittel der Ergotherapie

20.1 Ein Beispiel aus dem neurologischen Behandlungsbereich

20.1.1 Unser Setting

20.1.2 Unser Patient Herr W.

20.2 Weitere Einsatzmöglichkeiten von Alltagstechnologien und Vorgehensweisen in der ergotherapeutischen Praxis

20.2.1 Weitere mögliche Anwendungen von Alltagstechnologien in Interventionen

20.2.2 Der Implementierungsprozess in die ergotherapeutische Behandlung

20.3 Potenzial der Verwendung von Alltagstechnologien

20.3.1 Stärken

20.3.2 Grenzen

20.4 Zusammenfassung

20.5 Literatur

21 Community-based Practice/Vorsorge

21.1 Praxisbeispiele aus der Community-based Practice

21.1.1 Wie ich für mich CBR/Community-based Practice entdeckt habe

21.1.2 Beispiel aus meiner Praxis

21.1.3 Beispiele von Community-Projekten aus dem CBR/CBP/CP-Unterricht

21.2 Professional Reasoning als Ergotherapeutin im betrieblichen Gesundheitsmanagement

21.2.1 Einleitung

21.2.2 Wissen um Trends und Entwicklungen in der Arbeitswelt

21.2.3 Wissen um Richtlinien und Vorgaben für eine qualitätsvolle Implementierung von BGF

21.2.4 Praxisbeispiel: Professional Reasoning bei der Durchführung eines BGF-Projekts

21.2.5 Zusammenfassung

21.2.6  

21.3 „ÖKOTOPIA“ – ein Projekt der nachhaltigen Städteplanung und Prävention

21.3.1 Einleitung

21.3.2 Das Projekt ÖKOTOPIA

21.3.3 Einbindung der Ergotherapie in das Projekt ÖKOTOPIA

21.3.4 Professionelles Reasoning

21.3.5 Ausblick

21.3.6 Literatur

22 Ergotherapeutisches Reasoning in Bezug auf Kultur, Vielfalt und Menschenrechte

22.1 Formen des Professionellen Kultur- und Vielfaltsensiblen Reasonings

22.2 Ergotherapeutisches Reasoning im Sinn der Menschenrechte

22.2.1 Betätigungsgerechtigkeit und Enablement Skills im ergotherapeutischen Reasoning

22.3 Ausblick

22.4 Literatur

Anschriften

Sachverzeichnis

Impressum

Teil I Klinisches und Professionelles Reasoning: Wie und woran denken wir als Ergotherapeuten?

1 Wie das Reasoning in die Ergotherapie kam

2 Professionelles Reasoning in der Ergotherapie

3 Das Denken der Ergotherapeuten: Unser Hauptanliegen, unser Professionelles Reasoning und die Perspektiven, die unser Denken leiten

4 Ergoscience und Professionelles Reasoning

5 Menschenrechte, Kultur, Vielfalt und Professionelles Reasoning in der Ergotherapie

6 Global denken – lokal handeln

7 Digitalisierung und Professionelles Reasoning

8 Qualitätsentwicklung und Reasoningprozesse in der Ergotherapie

9 Professionelles Reasoning in der Forschung

10 Über das Denken nachdenken: Formen und Arten unseres Professionellen Reasonings

1 Wie das Reasoning in die Ergotherapie kam

M. Feiler

1.1 Einleitung

Reasoning und Reasoningprozesse sind nichts spezifisch Ergotherapeutisches.

Im Prinzip belegt ihr Vorhandensein die Bereitschaft zur Weiterentwicklung von kritischen, analytischen und kognitiven Fähigkeiten, um Fertigkeiten in der und für die Praxis zu erlangen. Was sie in unserem Beruf unverwechselbar macht, sind das ergotherapeutische Wissen und die spezifischen Erfahrungen beim „Praktizieren als Ergotherapeut“, also gewissermaßen das, was die Grundlage und Orientierungshilfe bei unserem beruflichen Denken, unseren Problemlösestrategien und Entscheidungen darstellt. Es ist ein „Knowing that“ (das Wissen „von und um“), das die Inhalte des Denkens betrifft und ein „Knowing how“ (Wissen und Erfahrung darüber „wie etwas funktionieren kann“), das den Prozess des Agierens in Betracht zieht, wobei dieser durch die Interaktion mit den Personen und Orten der Handlungen variiert ( ▶ [6]; ▶ [13]). Dies soll auch bei den Inhalten dieses Buches gut nachvollzogen werden können.

Im folgenden Kapitel wird einleitend die Entwicklung des Begriffes Klinisches Reasoning in den medizinischen Berufen und speziell in der ET beschrieben. Anschließend folgen Definitionen des Ergotherapeutischen Reasonings und es werden überblicksmäßig drei derzeit verwendete Modelle des Reasonings in der Ergotherapie angeführt bzw. kurz vorgestellt.

1.2 Historisches zum Begriff Klinisches/Professionelles Reasoning

Der Begriff „Klinisches Reasoning“ lässt sich erstmals in den 1970er Jahren in amerikanischen medizinischen Studien finden ( ▶ [21]). Diese Studien erforschten das Erkennen der Konditionen, also Krankheitssymptome und körperliche Auffälligkeiten, die zu einer Diagnose führen könnten. Hinter dem (Clinical or Medical) Reasoning stand ein hypothetisch deduktives Denken. Dieses geht auf John Dewey zurück, der mit seinem Modell des linearen Denkens ( ▶ [7], ▶ [8]) sozusagen die klassische Beschreibung des „Generellen Reasonings“ verfasst hat. Das Modell des linearen Denkens umfasst fünf Stufen:

Über Ideen reflektieren

Hypothesen formulieren

Die Hypothesen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen

Die Handlungsweise festlegen

Eine Aussage formulieren, die die Hypothese bekräftigt

Die Notwendigkeit Klinisches Reasoning zu erforschen ergab sich aus der Tatsache, dass das medizinische und diagnostische Wissen in den Jahren zuvor explosionsartig zugenommen hatte und es absehbar war, dass es auch weiterhin rasant zunehmen würde. Viele Professoren an den Universitäten erkannten, dass sich deshalb die Lehre verändern sollte und es in Zukunft vor allem darum gehen müsse, vermehrt Prinzipien und Lernprozesse im Curriculum zu verankern.

Hinzu kam, dass der Begriff „Critical Thinking“ (kritisches Denken) zum „Modewort“ der 1980er Jahre wurde ( ▶ [4]). In der Folge begannen die einzelnen in die medizinische Behandlung involvierten Berufe kritisch zu hinterfragen, was denn das ganz spezielle Wissen ihres jeweiligen Berufes sei und wie sich daraus die entsprechende professionelle Kompetenz ableiten ließe.

Ein weiterer Impuls war, dass Donald Schön 1983 seine umfassenden Studienergebnisse darüber publizierte, wie Professionalisten ihr persönliches Wissen verbunden mit ihren individuellen Erfahrungen und ihren berufsspezifischen Reasoningfertigkeiten in der Praxis einsetzen und so zu ihren beruflichen Entscheidungen kommen.

Ziemlich zeitgleich begannen nun die einzelnen medizinischen Berufe damit, über das „Klinische Reasoning“ in ihrem beruflichen Alltag zu forschen. Von diesen Studien versprach man sich eine Effektivitätssteigerung in der klinischen Praxis ( ▶ [9]).

Schnell wurde durch diese Studien offensichtlich, dass viele verschiedene Faktoren (einschließlich psychosozialer) zu einem sehr komplexen Denken führen, um die diversen Entscheidungen zu treffen.

In der ärztlich-medizinischen Literatur konnten bei diesen Studien drei verschiedene Ansätze unterschieden werden:

Kognitive medizinische Problemlösung: Es geht primär um das Ermitteln der exakten Diagnose (was ist das Problem?) Welche Symptome (Erkennungsmerkmale – Pattern Recognition) sind bei dieser Diagnose zutreffend? Ärzte verfolgen ein logisches System beim Sammeln von Daten. Mit diesem formulieren sie Hypothesen, die zu einer Diagnose führen bzw. die Ursache der Probleme identifizieren. Diese werden getestet – eine (oder mehrere) Diagnose(n) wird (werden) zutreffend belegt oder verworfen ( ▶ [9]; ▶ [30]).

Modelle und statistische Vorgaben: Der zweite Ansatz orientierte sich an der Anwendung und Entwicklung von Modellen und statistischen Vorgaben als Unterstützung bei den Entscheidungsfindungen. Diese sollen zu einer exakten Diagnosestellung führen und das Ermitteln von Prognosen einschließen ( ▶ [10]; ▶ [30]; ▶ [3]).

Künstliche Intelligenz und Experten-Systeme: Künstliche Intelligenz und Experten-Systeme werden als Vorlagen genützt, um Reasoningprozesse zu erkennen und zu üben. Simulierte Modellsituationen werden bereitgestellt, um den Studierenden eine Trainingsmöglichkeit anzubieten, die Genauigkeit und Fehlerfreiheit bei der Erstellung von Diagnosen zu unterstützen sowie Merkmale zu erkennen und zuzuordnen ( ▶ [10]; ▶ [2]).

Diese Studienergebnisse beeinflussten auch das Denken der anderen medizinischen Berufe.

Ein besonderer Verdienst um die klinische Reasoning-Forschung und ‑Beschreibung muss wohl den Autoren Higgs und Jones ( ▶ [14], ▶ [15]) zugestanden werden.

Sie versuchten nicht nur, erstmals die Ergebnisse der klinischen Reasoning-Forschung der einzelnen Gesundheitsberufe in einem Buch zusammenzufassen, sondern es gelang ihnen auch, sowohl eine Definition zum Klinischen Reasoning vorzugeben, der sich inhaltlich alle Berufsgruppen anschließen konnten, als auch für alle Gesundheitsberufe geltende Kerndimensionenfür effektives Klinisches Reasoning auf den Punkt zu bringen.

Klinisches Reasoning

Klinisches Reasoning (oder das Treffen von Entscheidungen in der Praxis) ist ein kontextspezifisches Denken und Entscheiden in der beruflichen Praxis, um die Handlungsweisen beim Praktizieren zu steuern. Es bezieht die Konstruktion von Vorstellungsvarianten ein, um den verschiedenen Faktoren und zutreffenden Interessen der momentanen Reasoningaufgabe eine Bedeutung zuzumessen. Es findet im Zusammenhang mit Problembereichen statt, die von beruflichen Rahmenbedingungen, dem Arbeitsplatzumfeld und den einzelnen Handlungsmodellen der Berufsgruppen ebenso beeinflusst sind, wie vom Patienten-/Klienten-Kontext. Es verwendet Kerndimensionen des beruflichen Wissens, des Reasonings und der Metakognition und stellt auf Basis dieser Fähigkeiten Beziehungen zu zusätzlichen Dimensionen her.

Die Entscheidungsfindung innerhalb des Klinischen Reasonings findet auf Mikro‑, Makro- und Metaebene statt und kann entweder einzeln oder gemeinsam durchgeführt werden. Es bezieht höhere Fähigkeiten der kritischen Auseinandersetzung, des Generierens von unterschiedlichem Wissen einer beruflichen Authentizität und Kritikfähigkeit (Reflexionsfähigkeit) ein ( ▶ [15], S. 5, Übers. der Autorin).

Als Kerndimensionen bezeichnen die Autoren eine gesicherte Wissensbasis (aus Theorie und Praxis), sowohl kognitives als auch reflexives Hinterfragen und eine bewusste kognitive und reflexive Selbstwahrnehmung.

Zusätzliche Dimensionen können sein:

Gemeinsame Entscheidungsfindung mit den Klienten

Spezifische Interaktion mit verschiedenen Entscheidungsträgern im Umfeld

Einfluss und Bedeutung des jeweiligen klinischen Problems oder der Aufgabenstellung

Als „höhere Fähigkeiten“ benennen sie:

Wissen und Erfahrung durch Nachdenken und praktisches Handeln herzuleiten

Reasoning innerhalb geeigneter Praxismodelle strategisch anzuwenden

Durch Reflexion positive kognitive, affektive und Erfahrungsfortschritte beim Klienten und bei sich selbst als Ausübendem zu erreichen

Die Verwendung von kritischer und kreativer Auseinandersetzung mit anderen bei der Entscheidungsfindung (zitiert nach ▶ [15])

Zudem kann Klinisches/Professionelles Reasoning als etwas betrachtet werden, das sich in einem kontinuierlichen Weiterentwicklungsprozess befindet – also beginnend beim Anfänger bis hin zum Experten ( ▶ [22]; ▶ [12]; ▶ [34]; ▶ [19]).

Hat jemand in seinem Reasoning den Grad des Experten erreicht, so lässt sich das dadurch erkennen, dass die beeinträchtigenden Probleme in ihrer Komplexität und mit den verschiedenen ungewissen Ergebnissen erfasst und gelöst werden können.

Ein Reasoningprozess dauert während der gesamten Behandlungseinheit (dem Verlauf einer bestimmten Handlung) an und erlaubt eine kontinuierliche Re-Analyse der Reaktionen des Patienten und des ursprünglichen Problems. Während die Problemidentifikation für Experten im therapeutischen Kontext mühelos und schnell erfolgt, wenden erfahrene Therapeuten viel Zeit dafür auf, über den tatsächlichen Verlauf einer Behandlungseinheit und das erzielte Ergebnis zu reflektieren ( ▶ [20]).

Das scheinbar mühelos erreichte Ergebnis begründet sich in der Effizienz der Therapeuten, in ihrer Effektivität bei Gesprächen und Handlungsweisen ( ▶ [18]). Unser Reasoning kann sich durch Erfahrung weiterentwickeln, jedoch garantieren Erfahrungen nicht eine tatsächliche Weiterentwicklung.

Dadurch dass Higgs und Jones auch Vertreter der einzelnen Berufsgruppen zu Wort kommen lassen, um deren eigene Sichtweisen und Forschungsergebnisse vorzustellen wird deutlich, dass eine berufliche Identifikation und Authentizität auch ein berufsspezifisches Reasoning erfordert.

1.3 Klinisches Reasoning in der Ergotherapie

Rogers und Masagatani ( ▶ [23]) waren die ersten Ergotherapeuten, die den Begriff Klinisches Reasoning auf unseren Beruf bezogen verwendeten. Sie untersuchten das Denken von Therapeuten beim ersten Assessment mit körperlich beeinträchtigten Patienten. Bei dieser Studie war ihr Denken eindeutig beeinflusst von medizinischen Studien und von John Deweys Linearem Modell des Reasonings.

Wegen der Novität dieses Begriffs für unseren Beruf wurde Joan Rogers eingeladen, beim amerikanischen Kongress 1983 den Festvortrag zu halten, die sogenannte „Eleanor Clark Slagle Lecture“. Der Titel ihres Vortrages lautete: „Clinical Reasoning: the Ethic, Science and Art“. Anders als bei ihren vorherigen Publikationen stellte sie bei diesem Vortrag nicht die Diagnose in den Mittelpunkt von Klinischem Reasoning, sondern führte aus, dass das Denken – also das „Klinische Reasoning“ – bei unserer Arbeit geleitet ist von Wissen, Ethik und unserer individuellen Geschicklichkeit.

„Die wissenschaftliche, ethische und kunstfertige Dimension des Klinischen Reasonings sind untrennbar miteinander verbunden, und jede einzelne dieser Dimensionen ist notwendig, um zu einem umfassenden Verständnis zu kommen. Ohne unser Wissen (ohne Wissenschaft) wäre der Behandlungsansatz unsystematisch, ohne unsere Ethik (ohne Werte) unverantwortlich und ohne unsere Geschicklichkeit nicht überzeugend“ ( ▶ [24], S. 616, Übers. der Autorin).

Auf Wunsch der begeisterten Zuhörerschaft wurde in der Folge der Tufts University in Boston von der AOTF (American Occupational Therapy Foundation) das Mandat eines Klinischen Reasoning Institutes zugesprochen und es wurde die nunmehr berühmt gewordene ethnographische Studie von 1986 bis 1990 durchgeführt.

Bei dieser Studie wurden Behandlungseinheiten auf Video aufgenommen und die behandelnden Therapeuten vor und nach der Behandlungseinheit interviewt. Verantwortlich für die Studie waren Prof. Dr. Maureen Fleming als Ergotherapeutin und Dr. Sheryl Mattingly, eine Anthropologin. Donald Schön wirkte in beratender Funktion am Gelingen der Studie mit. Die ersten Ergebnisse dieser Studie wurden in einem Sonderheft des AJOT 1991 publiziert, die gesamten Studienergebnisse 1994 vorgestellt.

1.3.1 Die wichtigsten Aussagen dieser Studien waren

Ergotherapeuten praktizieren gewissermaßen eine „Two Body Practice" Sie beschäftigen sich nicht nur mit dem medizinischen Aspekt der Krankheit, sondern sie berücksichtigen bei ihrer Therapie, was die Krankheit für den jeweiligen Patienten bedeutet. Das macht Behandlung zu einer sehr komplexen Angelegenheit, für die es nicht nur eine Form des Reasonings gibt, weil auch unser Denken nicht darauf reduziert werden kann, nur in eine Richtung zu verlaufen. Fleming ( ▶ [10]) schreibt von „Three Track Mind“ (dem dreigleisigen Denken/Reasoning) und nennt es das Zusammenführen von Diagnostischem, Interaktivem und Prozeduralem Reasoning, wobei in den Studienergebnissen 1994 das Narrative Reasoning als eine weitere Form des Reasonings ausführlich beschrieben wird.

Alle Therapeuten verfügen über ein „Tacit Knowledge“ Dieser Ausdruck bezeichnet „ein verinnerlichtes Wissen, das im Moment des Handelns zusammen mit der Gewissheit verfügbar ist, dass so zu handeln in diesem Moment und Umfeld angebracht ist“ ( ▶ [18], S. 10). Vor allem die Erkenntnis über dieses „Tacit Knowledge“ veranlasste Mattingly u. Fleming die Frage aufzuwerfen: „Was unterscheidet praktisches Wissen von unserem Bücherwissen oder den in der Ausbildung vermittelten Fertigkeiten?“ Sie unterscheiden zwischen „Espoused Theories“, also unseren professionell erlernten Theorien, und den „Theories in Use“, jenem Wissen, das wir durch unser Handeln beim Anwenden von Theorien erworben und verinnerlicht haben. „Es ist weit mehr als die einfache Anwendung von Theorie. Theorie alleine genügt nicht, denn es kommt darauf an, wie sie angewandt wird“ ( ▶ [18], S. 10). Sie schlugen vor, dass „Klinisches Reasoning zur Praxis gewordene Theorie“ sei.

Diese für unseren Beruf bedeutsame Studie war sicherlich eine wichtige Grundlage für das Klinische Reasoning von Ergotherapeuten, aber auch der Ausgangspunkt für weitere Forschung. Sie warf viele neue Fragen für nachfolgende Studien auf, z. B.: Wie lernen wir Klinisches Reasoning und wie soll es gelehrt werden? Wie entwickeln wir unsere klinische Reasoning-Fertigkeit und wie können wir sie darauf aufbauend weiterentwickeln? Wie läuft unser Denken ab, welche Einflüsse werden wie und wann wirksam? Wie beeinflussen Modelle und therapeutische Konzepte unser Denken und Entscheiden?

Unsworth u. Baker finden 2016 bei ihrer Recherche heraus, dass es bereits mehr als 140 Studien über Klinisches und Professionelles Reasoning in der Ergotherapie gibt.

1.4 Unterschiedliche Begriffe des Reasonings

Es ist interessant zu verfolgen, wie sich die Bezeichnung unseres Reasonings im Verlauf der vergangenen Jahre verändert hat, bzw. dass es mehrere Begriffe für das ergotherapeutische Reasoning gibt, die offensichtlich nebeneinander existieren und sich inhaltlich nur wenig unterscheiden.

In ersten Studien findet man kontinuierlich den Begriff Klinisches Reasoning und dieser hat – wie im Wort „klinisch“ bereits angedeutet – mit der Behandlung von Patienten zu tun, also vorwiegend mit dem klinischen Arbeitsbereich.

„Klinisches Reasoning ist ein Prozess, der von Ergotherapeuten angewandt wird, wenn sie Therapie planen, durchführen, Patienten anleiten, Angehörige beraten und wenn sie über ihre ergotherapeutische Arbeit reflektieren. Es ist ein Prozess, bei dem Therapeuten an vieles denken, über vielerlei nachdenken und unterschiedliche Standpunkte einbeziehen“ ( ▶ [11], S. 2, zitiert nach ▶ [18]).

Chapparo ( ▶ [5]) kommt in Anlehnung an Flemings dreigleisiges Denken und entsprechend ihren Forschungsergebnissen zu der Schlussfolgerung, dass Ergotherapeuten bei ihrem Klinischen Reasoning von einem „fünfgleisigen Denken“ geleitet werden:

Der Krankheit des Klienten, seiner Diagnose und Beeinträchtigung

Der Gesamtheit der Situation des Klienten/der behandelnden Personen

Dem Kontext und Umfeld des Klienten

Den Annahmen des Therapeuten und den Erwartungen an die Therapie

Dem Ausmaß, in dem der Therapeut sich fähig fühlt, das zu tun, was notwendig ist

„Klinisches Reasoning ist jener Begriff, der die verschiedenen Arten zu denken von Therapeuten beschreibt, wenn sie nicht nur die Bedürfnisse der Patienten zu verstehen versuchen, sondern auch darüber nachdenken, was in Zusammenhang mit diesen zu tun sei“ ( ▶ [28], S. 5).

Sinclair ( ▶ [29]) kam in ihrer Forschung zu dem Ergebnis, dass sich beim klinischen/professionellen Reasoning von uns Ergotherapeuten fünf verschiedene Facetten unterscheiden lassen: Die Suche nach der Evidenz; die Anwendung von Theorie; das Treffen von Entscheidungen; eine Beurteilung vornehmen und den ethischen Aspekt abwägen.

Kielhofner schreibt beim Anwenden des von ihm entwickelten Modells vom Therapeutischen Reasoning ( ▶ [16], ▶ [17]).

Dabei wird ein theoretisches Rahmenkonzept vorgeschlagen, um die Wichtigkeit des Reasonings bei der Therapie zu unterstreichen und zu unterstützen. Therapeutisches Reasoning betont, dass Ergotherapeuten mit Fachkenntnis und Kompetenz handeln, indem sie Konzepte anwenden, die zu einem besseren Verständnis der Situation des Patienten führen und Ansätze entwickeln, wie mit ihr umgegangen werden soll. „Ein Therapeut, der nach theoretischen Grundlagen vorgeht, arbeitet klientenzentrierter als jemand, der das nicht macht.“

Nach Kielhofner ( ▶ [17]) bedeutet Therapeutisches Reasoning: Sorgfältig zu arbeiten, um Verständnis dafür zu haben, was der Klient gerade erlebt und was er sich wünscht – unabhängig davon, wie fähig der Klient selbst ist, dies auszudrücken. Ein Fürsprecher und Befürworter zu sein für das Wohlergehen des Klienten, seiner Wünsche und Bedürfnisse. Zu erkennen, was der Klient zum Therapieprozess beitragen kann.

Therapeutisches Reasoning verlangt, umfassend zu sein, und verläuft in sechs Stufen – wobei diese Stufen nicht strikt nacheinander ablaufen müssen, sondern es innerhalb dieser Stufen oft notwendig ist, sich entweder eine Stufe rückwärts oder vorwärts zu bewegen, um neue Fragen zu stellen und zusätzliche Informationen einzuholen, die zu anderen Interventionen und Ergebnissen führen.

Die sechs Stufen des Therapeutischen Reasonings ( ▶ [17], S. 284):

Sich viele Fragen über den Patienten stellen

Informationen sammeln über und mit dem Klienten, um Antworten zu den Fragen zu finden

Diese gesammelten Informationen nützen, um eine Erklärung für die gegenwärtige Situation des Klienten zu finden

Ziele und Strategien für die Therapie ableiten

Beginn und Verlauf der Therapie festlegen

Ergebnisse der Therapie formulieren

Der WFOT (World Federation of Occupational Therapists) bezeichnet in den Minimum Standards of Education (2002) nicht das Klinische Reasoning, sondern das „Professionelle Reasoning“ als eine Kernkompetenz der Ergotherapie.

Professionelles Reasoning ist laut Schell ( ▶ [28], S. 447) „die Gesamtheit der Fertigkeiten unseres Denkens – also aller kognitiven Prozesse, die unsere professionellen Handlungen steuern. Professionelles Denken schließt die verschiedenen Arten zu denken ein, wenn mit Klienten gearbeitet wird, in der Lehre, wenn neue ergotherapeutische Angebote entwickelt und umgesetzt werden, wenn mit Kostenträgern verhandelt wird, in Managementpositionen usw.“

Aus dieser Definition lässt sich unschwer ablesen, dass Ergotherapeuten ihr professionelles Denken (Knowing how – Knowing that) auch außerhalb des klinischen Settings einsetzen.

Rogers ( ▶ [26]) nennt das Reasoning, das Ergotherapeuten bei ihrer Arbeit anwenden, „Occupational Reasoning“ (Betätigungsorientiertes Reasoning). „Betätigungsorientiertes Reasoning ist eine systematische Methode des Denkens über die Betätigungsperformanz und wie das Beteiligtsein an der Betätigung den ergotherapeutischen Prozess unterstützt. Jede einzelne Phase des ergotherapeutischen Prozesses involviert viele Reasoning-Strategien, um Entscheidungen zu treffen, Assessments durchzuführen, zu einer Diagnose zu kommen, Interventionen durchzuführen und zu überprüfen. Strategien, die dabei angewandt werden sind: Vergleiche mit Buchwissen herzustellen oder der Erfahrung anderer Menschen in ähnlichen Situationen; Fakten durch Hypothesenbildung und Überprüfungen zu erklären; Ursachen und Konsequenzen in einen Zusammenhang zu bringen (wenn – dann); an Hand der Fakten Ziele und Pläne zu entwerfen; das Für und Wider aller Fakten überdenken; Forschungsergebnisse fallspezifisch interpretieren und anwenden“.

Des Weiteren sei erwähnt, dass Magnani 2001 (zitiert nach ▶ [32], S. 245) Professionelles Reasoning als „den reflektiven Gedankenprozess beschreibt, der den Handlungsweisen von Ergotherapeuten zugrunde liegt.“ In der Ergotherapie umfasst dies das „Occupational und Enablement Reasoning und ist durch das Abduktive Reasoning unterstützt“ (s. auch Polatajko und Davis, Kap. ▶ 3.2.3.3). Enablement Reasoning (Befähigendes Reasoning) integriert eine ganze Reihe von verschiedenen Arten zu denken. Es ist eine Form des Professionellen Reasonings, das auf dem Fundament von Werten, Glaubenssätzen und einem Konzept durchgeführt wird. Umrahmt wird es durch den Praxiskontext der unterschiedlichen Klienten, ihre vielfältigen Situationen und Einflüsse. Townsend et al. bezeichnen es als eine „soziale Theorie der Veränderung durch die Befähigung zur Betätigung“ ( ▶ [31], S. 90).

Die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Enablement Reasoning sind:

Klienten-Partizipation (Client Participation)

Die Vision von Möglichkeiten (Vision of Possibilities) – diese entstehen durch das professionelle und das Erfahrungswissen des Therapeuten sowie die Vorstellungen des Klienten

Die (Bereitschaft zu einer Ver-) Änderung (Change)

Betätigungsgerechtigkeit – Fairness und das Zugeständnis von Diversität (Justice – Diversity and Equality)

Das kollaborative Teilen von Verantwortung (Power Sharing)

Zusätzlich ist eine Bandbreite von Befähigungsfertigkeiten erforderlich, die in gegenseitiger Beziehung bzw. Wechselwirkung stehen und sich dynamisch entfalten (nachzulesen bei ( ▶ [31], S. 111–132).

Es wird auch angeregt, zu hinterfragen, wie unser Reasoning durch die folgenden Parameter beeinflusst wird:

Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe, Kultur oder Bevölkerungsschicht mit ihrem jeweiligen Status

Sexuelle Orientierung

Alter

Vorhandensein bzw. Nicht-Vorhandensein einer Elternfunktion

Erfahrungsgrad

Fertigkeiten

1.5 Zusammenfassung

In diesem Kapitel wurde versucht, die mittlerweile schon lange Tradition des Klinischen/Professionellen Reasonings in den medizinischen Berufen und im speziellen in der Ergotherapie zu beschreiben. Ausgehend von einer historischen Spurensuche wurden unterschiedliche, dem Zeitgeschehen entsprechende und aktuelle Definitionen zusammengefasst.

1.6 Literatur

[1] Burke J.P., De Poy E.: An emerging view of mastery excellence and leadership in occupational therapy practice. The American Journal of Occupational Therapy (1991) 45, 1027–1032;

[2] Barrows R., Johnson S.: A data model that captures clinical reasoning about patient problems Proceedings – the Annual Symposium on Computer Applications in Medical Care, 402–405, (1995)

[3] Benbassat J.: Paradigm shifts in clinical practice in the last generation. Harefuah, 130 (9), 585–589, 656, (1996)

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[10] Fleming M.H.: The therapist with the three track mind. American Journal of Occupational Therapy (1991b) 45, 1007–1014.

[11] Feiler M.: Klinisches Reasoning in der Ergotherapie – Überlegungen und Strategien im therapeutischen Handeln, Springer Verlag; Berlin Heidelberg New York (2003)

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[14] Higgs J., Jones M.: Clinical Reasoning in the Health Professions, second ed. Butterworth-Heinemann, Melbourne. (2000)

[15] Higgs J., Jones M., Loftus S.L., et al.: Clinical Reasoning in the Health Professions, third ed. Butterworth- Heinemann, Melbourne (2008)

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[17] Kielhofner G.: Conceptual Foundations of Occupational Therapy. FA. Davis Company Philadelphia (2009)

[18] Mattingly C., Fleming M.H.: Clinical reasoning: Forms of inquiry in a therapeutic practice Philadelphia, PA: F.A. Davis (1994).

[19] Mitchell R. u. Unsworth C.A. Clinical reasoning during community health home visits: Expert and novice differences. British Journal of Occuaptional Therapy (2005) 68 (5). S. 215–223

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[21] Ryan S.: Influences that shape our reasoning. In: Creek J.: Occupational Therapy: New perspectives. Atheneum Press Ltd; 2002 ISBN 1861560885

[22] Robertson L.: Clinical reasoning, Part 2: Novice/expert differences. British Journal of Occupational Therapy (1996) 59 (5), 212–216.

[23] Rogers J.C., Masagatani G.: Clinical reasoning of occupational therapists during initial assessment of physically disabled patients. Occupational Therapy Journal of Research, (1982) 2, 195–219

[24] Rogers J.C.: Clinical reasoning: The ethics, science and art. The American Journal of Occuaptional Therapy, (1983) 37, 601–616.

[25] Rogers J.C., Holm M.B: Occupational therapy diagnostic reasoning: A component of clinical reasoning. The American Journal of Occuaptional Therapy, (1991) 45 (11), 1045–1053

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[27] Schön D.: The reflective practitioner. New York Basic Books Ashgate Publishing (1983)

[28] Schell B. u. Schell J.: Clinical and professional Reasoning in Occupational Therapy. Lippincott Williams & Wilkins (2008)

[29] Sinclair K.: Exploring facets of clinical reasoning. In J. Creek & A. Lawson-Porter (Eds). Contemporary issues in occupational therapy: Reasoning and reflection (2007), (S. 143–160). Chichester, England: Wiley

[30] Timpka T., Westergren V., Hallberg N., Forsum U.: Study of situation dependent clinical cognition: A meta-analysis and preliminary method. Methods of information in Medicine, (1997) 36 (1), 44–50

[31] Townsend et al.: Enabeling individual change- Kapitel 5 und Enabeling social change Kapitel 6 (2007) in:

[32] Townsend E., Polatajko H.: Enabeling Occupation II, Advancing Occupational Therapy Vision for Health, Well Being and Justice through Occupation. CAOT Publication Ottawa 2007.

[33] Turpin M., Iwama M.K.: Using occupational therapy models in practice – A field guide. Edinburgh: Churchill Livingston/Elsevier. (2011)

[34] Unsworth C.A.: The clinical reasoning of novice and expert occupational therapists. Scandinavian Journal of occupational Therapy (2001) 8, S. 163–173.

[35] Unsworth C.A., Baker A.: A sytematic review of professional reasoning literature in occupational therapy. British Journal of Occupational Therapy (2016) 79 (1) 5–16, WFOT (2002) Revidierte Mindeststandards für die Ausbildung von Ergotherapeuten 2002, erarbeitet von Clare Hocking (Neuseeland) u. Nils Erik Ness (Norwegen); autorisierte Übersetzung des DVE; Information WFOT-Sekretariat

[36] Unsworth C.A.: How therapists think: Exploring therapists reasoning when working with patients who have cognitive and perceptual problems following stroke. In: Gillen & Burkhardt: Stroke rehabilitation, a function based approach; 2nd ed. Mosby Verlag (2004)

2 Professionelles Reasoning in der Ergotherapie

B. A. Boyt Schell, J. W. Schell

2.1 Einleitung und Ziele

Ziele dieses Kapitels

Vergleich unterschiedlicher Perspektiven, wie Menschen Denken und Wissen anwenden

Erklärung von Professionellem Reasoning in Gesundheitsberufen und innerhalb der Ergotherapie

Darstellung des ökologischen Modells des Professionellen Reasonings als Synthese der aktuellen Reasoning-Theorien in der Ergotherapie

Überlegungen zur Rolle von Erfahrung und Reflexion darüber bei der Entwicklung effektiven professionellen Reasonings.

Einleitung Das Reasoning in der Ergotherapie ist ein komplexer Prozess, der eine ganze Reihe von Dimensionen umfasst. In diesem Kapitel beziehen wir die Forschungsergebnisse aus vielen Gebieten ein, um wichtige Erkenntnisse verschiedener Forscher über den Reasoningprozess im Allgemeinen und den von Ergotherapeuten im Speziellen darzustellen. Wir beginnen damit, Begriffe zu definieren, und schließen mit einer Diskussion über die Art und Weise an, wie Reasoning im menschlichen Gehirn abläuft. Während wir diese Ausführungen vertiefen, stellen wir die enge Verknüpfung der Rolle von Kultur und Gesellschaft bei der Entwicklung und Formgebung des jeweiligen Reasonings fest. Ebenso erkennen wir, dass das Reasoning ein Prozess ist, der den gesamten Körper einbezieht und tief in den Kontext eingebettet ist, in dem es stattfindet.

Auf dieser Grundlage stellen wir das ökologische Modell des professionellen Reasonings in der Ergotherapie dar. Abschließend befassen wir uns mit der Art und Weise des Reasonings bei der Therapie und der Entwicklung von Erfahrungswissen im professionellen Reasoning.

2.2 Die Definition von Begriffen des Reasonings

Es existiert eine Reihe von Begriffen zur Beschreibung des Reasoningprozesses, die von Ergotherapeuten verwendet werden. Beginnend mit Klinischem Reasoning ( ▶ [66]; ▶ [73]; ▶ [45]), über Therapeutisches Reasoning ( ▶ [60]), hin zu Professionellem Reasoning ( ▶ [77]; ▶ [90]). Alle diese Begriffe beschreiben einen aus vielen Komponenten bestehenden Prozess. Fleming ( ▶ [50]) lieferte eine nützliche Zusammenfassung einiger Begriffe, die gemeinhin mit dem Reasoning und seinen Bestandteilen verbunden sind (zitiert nach ▶ [50], S. 989):

Reasoning – das Denken über oder das Interpretieren einer Idee

Einschätzung – das Evaluieren und Interpretieren der bestmöglichen Handlungsweise

Problemlösung – analysieren und interpretieren einer Situation, um eine Methode zur Lösung des Problems auszuwählen

Entscheiden – der Prozess der Auswahl aus mehreren möglichen Handlungsweisen

Expertensysteme (künstliche Intelligenz) – computerbasierte Modelle der Entscheidungsfindung

Reasoningstrategien – Methoden, Zugänge, formalisierte und strukturierte Handlungsabfolgen zur Unterstützung des Reasonings

Merkmale des Reasonings – Aspekte des Reasoningprozesses wie das Erkennen von bestimmten Merkmalen und Hinweisen

Seit der Publikation von Fleming waren eine Reihe von Autoren – uns eingeschlossen – bestrebt, Definitionen zu formulieren. Diese wurden durch die fortschreitende Forschung weiterentwickelt. Wir bevorzugen den Begriff Professionelles Reasoning, denn es scheint ein umfassenderer Terminus zu sein, als Klinisches Reasoning – besonders da Ergotherapeuten nicht nur im klinisches Bereich arbeiten, sondern auch in einer ganzen Reihe von schulischen Einrichtungen und innerhalb von Community Settings ( ▶ [78]). Wir definieren Professionelles Reasoning als „den Prozess, den praktizierende Ergotherapeuten anwenden, um Behandlung zu planen, auszuführen und über sie zu reflektieren“ ( ▶ [77], S. 384).

2.2.1 Unseren Verstand verstehen

Um unser Reasoning zu verstehen müssen wir ein Grundverständnis über unseren Verstand haben. Historisch gesehen haben die Menschen versucht zu ergründen, wie der Verstand arbeitet und wie er mit ihrem Handeln zusammenhängt. Dabei ist die Erkenntnistheorie (ein philosophisches Forschungsgebiet) hilfreich, denn sie beschäftigt sich damit, was wir wissen und wie wir erkennen, was wir wissen. Philosophen haben sich mit diesem Thema jahrhundertelang beschäftigt. Im 20. Jh. hat sich auf dem Gebiet der Psychologie auch eine Denkrichtung herausgebildet, die sich auf die Annahme stützt, dass aus seinem beobachtbaren Verhalten darauf geschlossen werden kann, was in jemandes Gedanken vorgeht. Forscher aus der Anthropologie und Soziologie haben versucht zu verstehen, wie ihr Verstand arbeitet, wenn Menschen gemeinsam an einer Handlung beteiligt sind. Für viele Jahre basierten in der westlichen Welt die Untersuchungen über das Reasoning auf der Annahme, dass unser Geist und unser Körper voneinander unabhängig sind. In der jüngeren Vergangenheit wird diese Annahme von der „Trennung von Geist und Körper“ angezweifelt. Nun wird mehr Aufmerksamkeit auf die Art und Weise gerichtet, wie das Reasoning mit unserem Körper verbunden und von diesem beeinflusst ist.

2.2.1.1 Theorie über das Wissen

Eine genauere Definition der Erkenntnistheorie ist: „… die Erforschung des Wissens und des Verstehens“ ( ▶ [61], S. 27). Wenn wir sagen, wir wissen etwas, nehmen wir in Wirklichkeit an, dass das was wir wissen wahr ist. Das führt diejenigen, die das Wissen erforschen, zur Frage: Was ist die Wahrheit? Ist die Wahrheit in jedem Kontext identisch? Beruht Wahrheit auf einer von „Gott, den Göttern oder der Natur“ geschaffenen Ordnung? ( ▶ [61]). Beruht unser Wissen auf Annahmen, indem traditionelle Ansichten auf jede neue Generation übertragen werden? Oder wird Wissen in unserem Verstand in dem jeweiligen Kontext, in dem wir leben, neu gebildet?

Da unser Wissen oft mit unserem Tun in Zusammenhang steht, ist es wichtig, sowohl etwas über Wissen als auch über die Art und Weise zu verstehen, wie wir lernen und mit anderen interagieren. In den beiden folgenden Abschnitten beschäftigen wir uns mit zwei Forschungsgebieten, die Wissen und Reasoning aus unterschiedlichen Blickwinkeln untersuchen:

der Psychologie (Kognitionspsychologie), die Wissen auf der Grundlage des Verhaltens erforscht und

dem sozialen Lernen (pädagogische Psychologie), das Wissen als Prozess des Lernens in sozialer Interaktion versteht.

2.2.1.2 Kognitionspsychologie

Im späten 19. und frühen 20. Jh. entwickelte sich die Philosophie des Reasonings zu einem Zweig der Biologie und führte schlussendlich zur Psychologie, so wie wir sie heute kennen. Die frühe Gestalttheorie nahm an, dass der Verstand Verhaltensmuster ausbildet, um die gemachten Erfahrungen des Lebens einzuordnen. Jerome Bruner ( ▶ [42]) vertrat die Ansicht, dass Lernende ein generelles Verständnis darüber benötigen, wie die Informationsverarbeitung stattfindet (eine These ist, dass wir uns primär auf unser „Grundwissen“ stützen). Unter Anwendung ihres Basiswissens reagieren Menschen in der gleichen Situation individuell auf ein Problem. Diese Theorien über die Struktur der Erkenntnis entwickelten sich über eine lange Zeitdauer mit vielen Innovationen, die in den letzten Jahrzehnten in der Metapher des Verstandes als einem Computer gipfelten. Dieses Verständnis, dass der „Verstand wie ein Computer arbeitet“, hat das heute aufstrebende Gebiet der künstlichen Intelligenz stark beeinflusst ( ▶ [64]).

Andere Psychologen des frühen 20. Jh. bauten weiterhin auf der Idee auf, dass Erkenntnis ihre Wurzeln in den menschlichen biologischen Funktionen hat. Sich stark auf Darwins Theorie beziehend, dass der Mensch vom Affen abstammt, wurde die Annahme abgeleitet, dass Lernen und Denken fundamental für die Entwicklung zum Menschen waren ( ▶ [70]).

Weil es schwierig war, Menschen über ihr eigenes Denken zu befragen (bezeichnet als Metakognition), wählten Watson ( ▶ [92]) und zuvor bereits Skinner ( ▶ [80]) einen anderen Zugang, indem sie sich auf die Beobachtung des Verhaltens konzentrierten. Dies begründete eine neue Form der Psychologie, die als Behaviorismus bekannt wurde. Es wurde und wird noch weiterhin angenommen, dass Verhalten (Lernen) durch ein System von „Belohnung und Bestrafung“ gesteuert werden kann, das als Verhaltenskonditionierung bezeichnet wird. Die Idee des Behaviorismus ist auch heute noch weit verbreitet und weiterhin grundlegend für sowohl Therapieansätze als auch Unterrichtsmethoden.

Ein anderes damit im Zusammenhang stehendes Gebiet umfasst Fragen über die kognitive Entwicklung. Indem er die frühen Ansichten über kognitive Strukturierung anwendete, schlug der Amerikaner Jean Piaget ( ▶ [71]) drei Entwicklungsstufen der kognitiven Entwicklung des Kindes vor: (a) sensomotorisch, (b) präoperational und (c) konkret operational. Diese Stufen sind im Allgemeinen mit dem Alter des sich entwickelnden Kindes verbunden. Es wird angenommen, dass das Verhalten des Kindes in den Gehirnstrukturen angelegt ist und sich entsprechend dem Alter des Kindes darstellt. Im Gegensatz zu den Theorien über die kognitive Entwicklung von Piaget steht die Arbeit des russischen Psychologen Lev Vygotsky ( ▶ [91]), der die menschliche Entwicklung als eine Funktion ihrer Interaktion mit einer vorhandenen Umgebung betrachtet. Solche Ansichten führen zu einer vertieften Untersuchung der soziologischen Perspektiven auf Kognition.

2.2.1.3 Soziologische Perspektiven der Kognition

Europäische Psychologen, Philosophen und Soziologen forderten eine seriöse Untersuchung, wie soziale Beziehungen das Denken beeinflussen. Philosophen wie Dicoeur, Heidegger, Gadamer, Muerleau-Ponty und Sartre sahen Erfahrung als Weg zu einem Verständnis von professioneller Handlungsweise an, d. h. die menschliche Fähigkeit, gemachte Erfahrungen festzuhalten, indem sie im Gedächtnis gespeichert werden ( ▶ [59]). Diese Ansicht schafft eine Verbindung zwischen dem, wie Individuen existentiell über ihren eigenen Erkenntnisstand und Lebensweg denken, und wie diese mit den vorhandenen sozialen Strukturen und damit verbundenen Beziehungen zusammenhängen.

Am Ende des 20. Jh. begannen Philosophen, Anthropologen und Sozialpsychologen Theorien über die soziale Kognition weiterzuentwickeln. Bandura ( ▶ [38]) und andere entwickelten soziologiebasierte Theorien der Psychologie. Später vermittelte Forschung über Denken und Lernen im spezifischen Kontext tiefere Einsichten. Jean Lave, eine Anthropologin, beobachtete das Lernen und praktische Handeln in verschiedenen echten Alltagssituationen. Ihre Arbeit führte zur Theorie der „Situativen Kognition“ ( ▶ [65]) und später, gemeinsam mit Wenger ( ▶ [94]), zur Theorie der „Communities of Practice“.

Allen diesen Theorien ist gemeinsam, dass sie eine Plattform zum Verständnis des Reasoning von Professionalisten (z. B. von Ergotherapeuten) bilden, indem diese über ihre Handlungen in der Vergangenheit und Gegenwart nachdenken und dabei Erwartungen für ihre berufliche Zukunft aufbauen.

Donald Schön ( ▶ [79]) stellte die Gedanken der „reflektiven Handlungsweise“ und des „organisatorischen Systems des Lernens“ vor. Einer seiner wesentlichen Beiträge war der Gedanke der „Reflexion bei der Handlung“ (S. 54) und der Reflexion „über die Handlung“ (S. 278). Das bedeutet, wir denken und reflektieren „während wir etwas tun“ und wir denken und reflektieren nachdem „wir etwas getan haben“.

Gemeinsam haben uns diese Gedanken über biologische, psychologische und soziologische Kognition auf einen Wissensstand gebracht, auf dem wir vertieft die Konzepte des Professionellen Reasonings erforschen können. Trotzdem sind noch viele Bereiche unerforscht. Im nächsten Abschnitt erörtern wir die Charakteristika des professionellen Praxiswissens mit besonderer Berücksichtigung der Praxistheorien, der Praxis und des Konzepts des Embodiment (Verkörperung) und der Annahmen, die dem Reasoningprozess zugrunde liegen.

2.2.2 Wissen für die Praxis

Nun, da wir die Grundlagen für unser Verständnis von Erkenntnisgewinn und Reasoning aus einer Reihe von Perspektiven und Untersuchungsgebieten dargelegt haben, wenden wir uns Wegen zu, den Kern des Wissens über Professionelles Reasoning, welches eine auf Handlung gerichtete Form des Reasonings ist, in der Praxis zu beachten. In diesem Abschnitt erörtern wir theoretisches und praktisches Wissen, Praxis, schlummerndes und dem Körper innenwohnendes Wissen.

2.2.2.1 Theorien der Praxis

Vor heute nahezu 25 Jahren vermittelte Fleming ( ▶ [51]) dem Berufstand der Ergotherapeuten eine nützliche Zusammenfassung über die verschiedenen Arten des Wissens, das die Praxis leitet. Aufbauend auf der Arbeit von Argyris, Schön und Polyani ( ▶ [37]), unterschied sie zwischen den „großen“ Leittheorien des Berufes, die in den Fachbüchern der Ergotherapie vermittelt werden, und den Theorien der Praxis, also jenen, die aus der praktischen Erfahrung in den einzelnen Behandlungsbereichen entstehen. Erstere werden als „Espoused Theories“ und Letztere als „Theories in Use“ bezeichnet ( ▶ [51], S. 23).

Formelle Theorien oder berufsspezifische Modelle sind für Studierende und auch Praktiker unterstützend, sowohl für das Verständnis des Wesens eines Krankheitszustandes als auch für die Prognose, welcher mögliche Behandlungserfolg zu erwarten ist. Doch formale Theorien bieten keine spezifische Anleitung, wie mit dem einzelnen Patienten, der Familie oder anderen Klienten umzugehen ist.

Die Erfahrung zeigt, dass es in der jeweiligen Therapiesituation für Therapeuten hilfreich ist, sowohl Gedanken aus formalen Theorien zu verwenden, als auch selbst Lösungen oder Zugänge zur gegebenen Situation zu finden. Mit dem Sammeln von persönlichen Erfahrungen entwickelt sich im Laufe der Zeit die Fähigkeit zu automatisierten Handlungsabläufen. Dieses bei der Behandlung gezeigte Wissen wird manchmal als „Praxis“ bezeichnet.

2.2.2.2 Praxis

Praxis ist ein anderer Begriff für die Handlungen, die durch das in uns schlummernde Wissen („Tacit Knowledge“) und automatisiertem Reasoning geleitet werden ( ▶ [51]). Dieses in uns schlummernde Wissen kann nicht leicht in Worte gefasst werden. Algyris und Schön drückten das Konzept des in uns schlummernden Wissens folgendermaßen aus: „… wir wissen mehr als wir erzählen und als unser Verhalten beständig zeigt“ ( ▶ [37], S. 10). Der wesentliche Beweggrund für die frühe Forschung über Professionelles Reasoning in der Ergotherapie war es, die Praxis zu erforschen und ergotherapeutische Praxistheorien zu enthüllen, um so Lehrende und Praktiker darüber zu informieren, wie Praktiker tatsächlich ergotherapeutisch arbeiten. Bald wurde durch die Ergotherapieforschung offenbar, dass Therapeuten zwar manchmal erklären konnten, was sie gedacht hatten, sie bei anderen Gelegenheiten jedoch Schwierigkeiten damit hatten. Wie Fleming ( ▶ [51], S. 23) notierte: „Ein Problem in jedem Beruf ist, dass ein großer Teil des Expertenwissens schlummert“. Das liegt entweder daran, dass die Experten keine Worte haben, um ihre therapeutische Erfahrung zu beschreiben, oder das Reasoning verläuft ohnehin nonverbal, z. B. wenn sie auf etwas reagieren, was sie sehen oder fühlen.

2.2.2.3 Embodiment

Ein anderer Zugang zum Wesen des Reasonings in der Praxis liegt darin, zu erkennen, dass es sich um einen Prozess der Körperwahrnehmung handelt. Im Gegensatz zu einigen zuvor beschriebenen Ansätzen ist das Embodiment (Verkörperung) eine relativ junge Idee – und zwar eine die anzweifelt, dass Körper und Geist unterschiedliche Entitäten sind. Was als „Geist“ und was als „Körper“ bezeichnet wird, ist eher ineinandergreifend, wie sich durch unsere Aktivitäten nach außen offenbart ( ▶ [63], ▶ [62]). Unter diesem Gesichtspunkt stellen sich Professionelles Reasoning und professionelle Praxis als eine Einheit von „Körper und Geist“ dar, und in der Folge geht den Handlungen oft kein spezifischer Gedanke voraus. Eher entsteht eine Handlung dadurch, dass eine Person gleichzeitig erfasst, was los ist und was zu geschehen hat. Intelligente Handlungen wie professionelle Praxis sind daher etwas, das aus der Verbindung von sensomotorischen und kognitiven Prozessen entsteht, indem der Therapeut auf die praktische Situation reagiert. Aus dieser Perspektive ist es nicht verwunderlich, dass viele Teile unseres Praxiswissens schlummern und dass Theorien der Praxis schwierig zu formulieren sind. Viel von unserem tatsächlichen Reasoning ist ein Prozess des „denkenden Körpers“ und kann im Wesentlichen nicht verbal ausgedrückt werden.

Nachdem wir nun einige Aspekte aus der Forschung über das Wesen des Praxiswissens vorgestellt haben, speziell wie der Prozess des verinnerlichten Reasonings mit den Handlungsweisen in der Praxis verbunden ist, wenden wir uns als nächstes einer Erörterung der Annahmen bei der Therapie zu.

2.2.2.4 Annahmen

Jüngere Arbeiten der ergotherapeutischen Literatur fordern zunehmend, dass Ergotherapeuten die „Annahmen“ verstehen, die sie leiten. ( ▶ [57]; ▶ [43]). Diese Annahmen sind „Gemeingut“ und werden als selbstverständlich angesehen, wie insbesondere jene Überzeugungen, von denen wir denken, dass sie richtig sind ( ▶ [93]). Diese Annahmen sind „… eine Art Hintergrundbestandteile des Reasonings, die helfen, Handlungen sorgfältig zu organisieren“ ( ▶ [57], S. 53). Einige dieser Grundannahmen sind in der Kultur jedes Therapeuten tief verwurzelt und andere sind Annahmen, die sie durch die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Ergotherapeuten verinnerlicht haben. Hoopers Fallstudie aus dem Jahre ▶ [56] über einen Therapeuten zeigte, dass tief verwurzelte kulturelle Annahmen, die sie „prätheoretische Annahmen“ nannte (S. 328), als Einflussfaktoren für Reasoning und damit verbundene Therapiehandlungen nachgewiesen werden konnten.

In ihrer Studie über klinisches Reasoning führte Unsworth ( ▶ [88]) ein signifikantes Fehlen von Reasoning an, das sich auf persönliche Werte und Überzeugungen bezog. Dies führte sie zu der Frage, ob diese Überzeugungen oder Annahmen bereits in einem Ausmaß bewusst gemacht worden waren, das notwendig ist, um über sie nachdenken zu können. Sie nahm stattdessen an, dass diese eine grundlegende Weltsicht des Therapeuten darstellen, die zwangsläufig das Reasoning formt. Obwohl Menschen sich nicht völlig von ihrer Kultur loslösen können, genauso wenig wie Fische ohne Wasser auskommen, können wir trotzdem darauf achten, aufmerksam für die Art und Weise zu sein, wie unsere Weltsicht unsere Therapie beeinflusst. Die Rolle der Annahmen im Professionellen Reasoning anzuerkennen erfordert, dass wir sie untersuchen. Es ist insbesondere wichtig zu prüfen ob diese Annahmen, die wir für selbstverständlich und allgemein gültig halten, sich tatsächlich als evident erweisen, sowohl aus der Sicht der Forschung, als auch einer systematischen Beobachtung unserer täglichen Interaktionen mit unseren Klienten.

Neben persönlichen und kulturell basierten Annahmen haben Therapeuten auch Annahmen darüber, wie und warum Therapie wirkt. Whalley Hammel ( ▶ [93]) richtete einen kritischen Blick auf einige der in der Ergotherapie üblichen Annahmen wie z. B. die Klassifikation von Tätigkeiten in Kategorien wie Selbstversorgung, Arbeit und Spiel. Sie merkte auch an, dass Menschen ihre eigene Gesundheit durch bewusstes Handeln und Wollen beeinflussen können. Sie forderte den Berufsstand auf, über diese Annahmen zu forschen und zu bedenken, dass viele von ihnen in der kulturellen Sicht der westlichen Welt verwurzelt scheinen. Cohn und Coster ( ▶ [43]) fordern die Therapeuten auf, sorgfältig die von ihnen so bezeichneten „Mechanismen der Handlung“ (S. 483) für die Interventionen zu bedenken, die sie auswählen, um sicher zu sein, dass ihre Annahmen zutreffen und dass diese nachweislich eine effektive Lösung für das Problem darstellen. Diese Forscherinnen unterscheiden zwischen Vorschlägen die „… formale Aussagen über Ursachen und Wirkungen oder die Natur von Beziehungen“ (S. 479) darstellen und Annahmen, die unsere Überzeugungen darüber wiederspiegeln, was wahr ist. Die formalen Aussagen können von der Forschung überprüft werden, im Gegensatz zu den Annahmen, die, wie wir bereits angeführt haben, auf persönlichen Erfahrungen basieren und von diesen abgeleitet sind. Hierzu ein Beispiel:

Fallbeispiel: Verwendung von Armschlingen

Viele Jahre lang war es für Ergotherapeuten üblich, Patienten mit Hemiplegie nach einem Schlaganfall mit einer Armschlinge zu versorgen. Die praktische Annahme war, dass der Humeruskopf eine Unterstützung braucht, um nicht wegen der fehlenden aktiven Muskulatur aus dem Schultergelenk abzurutschen, sodass es zu einer Subluxation kommt. Als junge Therapeutin wurde ich darin geschult, wie man diese Schlinge sorgfältig anlegt und ich akzeptierte dies als notwendig, weil ich sehen konnte, dass Patienten eine Subluxation erlitten und es zudem etwas war, was erfahrene Kollegen mir vermittelten. Später ergaben sich durch die Forschung jedoch Hinweise darauf, dass Schlingen nicht nur ineffektiv (sie hielten das Schultergelenk nicht wirklich gut in seiner Position), sondern sogar beeinträchtigend waren. Die erzwungene Ruhigstellung minderte den Bewegungsradius der Schulter und trug dazu bei, dass der Arm nicht benutzt wurde, auch nachdem die Muskelfunktion teilweise wiederhergestellt war. Ich habe von diesen Forschungsergebnissen durch Weiterbildungen und Artikel erfahren, die mich dazu brachten, meine als selbstverständlich angesehene Annahme zu überdenken, dass Schlingen eine notwendige und effektive Behandlungsform für Menschen mit Hemiplegie darstellen.

2.3 Reasoning im Gesundheitswesen

Kapitel 2.2 hat eine Reihe unterschiedlicher Theorien über das Wesen des menschlichen Reasonings dargelegt, welche über Jahrzehnte von der Lehre entwickelt wurden. Diese wurden kritisch hinterfragt, um den Hintergrund für die Untersuchung des Klinischen und Professionellen Reasonings im Gesundheitswesen und im Besonderen in der Ergotherapie darzustellen.

Viele Gesundheitsberufe haben Forschung und Lehre auf das Verständnis und die Unterstützung von effektivem Reasoning in ihrem Berufsstand ausgerichtet. Ein gutes Beispiel ist die Arbeit der Sozialarbeitswissenschaftlerin Eileen Gambrill ( ▶ [52]), deren Studie über Untersuchung und Unterstützung kritischen Denkens in der klinischen Praxis wertvolle Zugänge enthält, die in vielen Berufen anwendbar sind. Innerhalb der Gesundheitsberufe hatten Higgs und Jones (von Beruf Physiotherapeuten) und ihre Kollegen wahrscheinlich den größten Anteil daran, Gemeinsamkeiten hinsichtlich des Klinischen Reasonings in vielen Berufsgruppen einschließlich Medizin, Pflege, Physiotherapie, Ergotherapie und Zahnheilkunde herauszuarbeiten ( ▶ [54]). In der vorstehenden Publikation beschrieben sie die Komplexität des Reasonings im Gesundheitswesen nunmehr als ein „dem Kontext entsprechendes interaktives Phänomen“ statt als einen Prozess. ( ▶ [54], S. 6). Sie führen an, dass effektives Reasoning in Gesundheitsberufen Kerndimensionen zusammenführt, die auf einem sowohl aus Theorie als auch Erfahrung generierten profunden Wissens basieren und einen Prozess sowohl des kognitiven als auch metakognitiven Hinterfragens und Aufmerksam-Seins darstellen. Sie bestätigen auch, dass die Interaktion mit Klienten, der Praxiskontext und die Art der Aufgabe den Prozess beeinflussen ( ▶ [54]).

Anders als in der Medizin und Pflege gibt es in der Ergotherapie wahrscheinlich die umfangreichsten Forschungsergebnisse zur Untersuchung von Klinischem und Professionellem Reasoning. Seit der bahnbrechenden Studie von Mattingly und Fleming ( ▶ [66]) über Klinisches Reasoning in den USA wurde in der ergotherapeutischen Literatur über mindestens 140 Studien aus einer Vielzahl von Ländern berichtet ( ▶ [90]). Zusätzlich wurden international noch wesentlich mehr Artikel und Buchkapitel publiziert.

Eine Reihe von Autoren haben Modelle zur Erklärung des Phänomens des Klinischen/Professionellen Reasonings in der Ergotherapie vorgestellt. Unsworths ( ▶ [88]) „Hierarchisches Modell“ des Reasonings, welches eine dreistufige Hierarchie des Klinischen Reasonings beschreibt, erweitert die Arbeit von Mattingly und Fleming ( ▶ [66]