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Immer noch haben Sara Moon und Professor Zamorra nur die Hälfte der Artefakte gesammelt, die zwischen der Hölle und der Erde einen neuen Übergang schaffen sollen. Da entdeckt die Dienerin des Wächters der Schicksalswaage einen weiteren Gegenstand. Doch nie war er so schwach zu sehen - weder weiß Sara, um was es sich handelt, noch wo er ist. Nur, dass er im Fernen Osten der Erde zu finden sein soll, kann sie erkennen - das behauptet zumindest Kühlwalda, die Kröte ...
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Seitenzahl: 147
Veröffentlichungsjahr: 2016
Cover
Impressum
Fächer der Unsterblichen
Leserseite
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln
Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Arndt Drechsler
Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam
ISBN 978-3-7325-2888-2
www.bastei-entertainment.de
Fächer der Unsterblichen
von Susanne Picard
Das blasse Mondlicht erhellte den kleinen Nebenraum des Che Kung-Tempels nur unzureichend. Das Rauschen der Stadt war hier in den dichten Rauchschwaden kaum zu hören. Die Touristen hatten den Tempel schon lange verlassen.
Plötzlich war da ein Schatten. Die rotglimmenden Augen der Gestalt näherten sich der kleinen Statue des Unsterblichen. Ein Geräusch wie von brechenden Knochen erklang, dann war wieder alles still.
Doch das Lächeln der Statue auf dem reich verzierten Altar wirkte nicht mehr entrückt. Sondern wie von Schmerzen verzerrt! Die Finger der linken Hand umklammerten einen verwehenden Rest Asche, der einst ein rotwangiger Pfirsich gewesen war. Die Finger der Rechten waren zerbrochen und zerfetzt. Und leer, als habe man dem Unsterblichen seinen Besitz gewaltsam entrissen …
ChoquaiGegenwart, und doch neben unserer Zeit
Je älter Fu Long wurde, desto mehr neigte er nicht dem Konfuzianismus zu, sondern der Lehre des Gelehrten Mo Zi.
Das hätte mein Meister, Li Si-wen, sicher auch nicht vermutet. Dafür, dass ich die Menschlichkeit der Rechtschaffenheit unterordne, hätte er mich sicher getadelt und sämtliche Sprüche des Konfuzius abschreiben lassen.
Mehrfach.
Fu Long musste lächeln und richtete sich auf. Wie schon so oft hatte er sich in den letzten Stunden in die Bücher des Meisters Mo Zi vertieft, dessen Lehre zwar auf den konfuzianischen Schriften beruhte, aber einen wesentlichen Unterschied machte: Die Mitmenschlichkeit entstand für Mo Zi nicht im Menschen selbst, sondern war eine Tugend, zu der man ihn zwingen musste. Einer, der gezwungenermaßen rechtschaffen lebte, wurde beinahe von selbst menschlich – zumindest im moralischen Sinn des Worts. Anwendbar war das Prinzip selbstverständlich auf viele Wesen.
Mo Zis Lehre war von den Menschen, emotional, wie sie nun einmal waren, bald verworfen worden. Doch wie gut sie tatsächlich funktionierte, konnte man gerade hier in Choquai tagtäglich bewundern – und das in allen Ausformungen, die sie möglicherweise haben konnte, und nicht nur beschränkt auf Menschen.
Fu Long stand aus der knienden Haltung auf, in der er normalerweise las, und ging hinüber zu der Fensterfront seiner Bibliothek. Sie bestand beinahe ausschließlich aus beweglichen Holzläden, deren geschnitzte Motive allenthalben unterbrochen waren, sodass immer Licht durch sie ins Zimmer fiel, selbst wenn sie geschlossen waren. Doch das kam nur selten vor, wie meist im ständigen Sommer Choquais standen die Läden heute weit offen und gestatteten es, so den Nutzern der Bibliothek, hinaus auf die Terrasse zu treten und den etwas erhöhten Ausblick auf den Garten des Anwesens und die Stadt hinaus zu genießen. Was Fu Long nun auch tat.
Unter ihm befand sich der Garten. Ein Teich mit Seerosen und Goldfischen, die Glück bringen sollten, und über die kunstvoll gerundeten Holzbrücken, deren Geländer rot gestrichen waren, hinwegführten. Mit Kies bestreute Wege, die sich in künstlichen Felsen und zwischen Mandelbäumen und kleinen Bambushainen verloren, zogen sich durch Blumenbeete und blühende Sträucher.
Im Garten selbst war es still, aber jenseits der niedrigen Mauern, die Fu Longs Anwesens umschlossen, war das Rattern von Fuhrwerken, lautes Rufen, manchmal auch ein Streit und das Schwatzen hunderter, wenn nicht tausender Stimmen von Wesen aller Art zu hören, die sich auf den Hauptplatz der Stadt mit ihren Markthallen und Tempeln zubewegten.
Die Goldene Stadt der Vampire. Wahrscheinlich der erste und einzige Ort auf der Welt, in dem Vampire und Menschen friedlich nebeneinander her lebten. Man respektierte sich, machte Geschäfte miteinander und bekriegte sich nicht. Fu Long war der Herr der Stadt. Hier herrschten strenge Gesetze, und wer hier leben wollte, musste sie beachten, egal, welcher Herkunft er war.
Es waren Gesetze, die Fu Long geschrieben hatte und die er auch durchzusetzen wusste.
Wenn ich mich nur wie Konfuzius darauf verlassen würde, dass das Gute in jedem Wesen ohnehin siegen würde, statt darauf zu bestehen, dass jeder dieser Tugend bedingungslos folgt, dann gäbe es Choquai schon lange nicht mehr.
Mit einem Schaudern dachte er an die – wenn auch kurze – Zeit zurück, in der der Vampirherrscher Kuang Shi hier das Zepter geführt hatte. Es war eine grauenvolle Zeit gewesen, die selbst Fu Long gern aus seinen Gedanken verdrängte.
Er selbst war Vampir und kannte beide Seiten – das Licht und den Schatten, Gut und Böse. Der Schatten und das Böse waren verführerisch. Er hatte erst kürzlich einen Film gesehen – seine Bibliothek bestand durchaus nicht nur aus alten, chinesischen oder anderen ostasiatischen Klassikern der Philosophie, sie bot durch eine spezielle Dimensionstasche auch unendlich viel Platz für viele andere, auch neumodische Medien –, in dem es in zugegeben grauenvoller Grammatik geheißen hatte, dass die dunkle Seite der Macht verführerischer und leichter sei. Einfacher.
Und obwohl er selbst den meisten Verlockungen widerstand, konnte er der Aussage dieses seltsamen grünen Trolls, der sie ausgesprochen hatte, nur beipflichten. Er wurde in genau diesem Augenblick wieder daran erinnert, als es leise an die doppelflügelige Tür am anderen Ende der Bibliothek klopfte und einer seiner Diener hereinkam.
Ein Mensch. Fu Long setzte seinen Ehrgeiz darein, mit gutem Beispiel den Bewohnern seiner Stadt voranzugehen und sowohl Menschen als auch Vampire zu beschäftigen. In seinem Haushalt gab es beides – und es gab auch Menschen, die den Vampiren vorgesetzt waren.
Natürlich durften Letztere sich bei ihren menschlichen Kollegen nicht ohne Weiteres »bedienen«. Die üble Hierarchie, dass Vampire sich als Herrenwesen betrachteten, die sich menschliche Sklaven hielten, die nur den Zweck hatten, als Nahrungsquelle zu dienen, galt in Choquai nicht. Wer dieser Voraussetzung nicht folgen wollte, musste die Stadt verlassen. Das Gesetz wurde respektiert, Fu Long kannte Wege, es durchzusetzen. Auch wenn er die Strafe fürs Übertreten nicht oft anwenden musste; meist reichte es, dem Betreffenden zu drohen. Niemand hier machte sich den eigentlichen Beherrscher der Stadt Choquai ohne Not oder mutwillig zum Feind.
Fu Long war selbst Vampir, und so wusste er genau, welche Beherrschung es Wesen seiner Art kostete, nicht sofort über jeden Menschen in seiner Nähe herzufallen. So auch jetzt, wo sich einer seiner menschlichen Diener langsam in die Bibliothek schob. Obwohl Fu Long weiterhin hinaus in seinen Garten und auf die Mauer starrte, hinter der die Straße mit dem lebhaften Verkehr lag, sagte ihm ein sechster Sinn, den er als Mensch nicht besessen hatte, genau, wo sein Diener sich befand. Der Mann stand noch nicht lange in seinen Diensten, was wohl der Grund dafür war, dass er sich überaus vorsichtig bewegte. Langsam ging der Mann auf ihn zu, widerwillig fast und immer dicht an den Regalen mit den Schriftrollen und Folianten vorbei. Fan Si trug ein Tablett, auf dem sich eine Schale und eine bauchige Kanne befanden. Aus beidem kräuselte sich kaum sichtbar weißer Dampf in die Luft.
Fu Long runzelte die Stirn. Er hatte es nicht gern, wenn der Nachmittagstee zu nah an den Bücherregalen entlanggetragen wurde. Der Wasserdampf tat den alten Papieren und Pergamenten nicht gut.
Jetzt war Fan Si herangekommen und blieb stehen. Immer noch hatte Fu Long sich nicht umgedreht, doch er spürte genau, dass der Mensch sich nur noch wenige Schritte von ihm entfernt befand. Der kaum wahrnehmbare Duft von Angst und Furchtsamkeit stieg dem Herrn von Choquai in die Nase wie ein Parfum, das seine Sinne berauschte, aber da war noch mehr. Ein Aroma von Kupfer mit einem Hauch von Süße. Der unendlich verführerische Geschmack von Salz auf der Zunge. Das Gefühl der Lebendigkeit, wenn die Augzähne sich auf die Schlagader legten und die dünne Haut dort …
Einen Augenblick später stellte Fu Long fest, dass sein Atem sich beschleunigte. Auch sein Blut schien plötzlich in einem anderen Rhythmus durch die Adern seines Körpers zu pulsieren. In seinen Ohren pochte es, leise, aber unüberhörbar.
Sein eigener Körper stellte sich auf den Kreislauf seines Dieners ein. Eine automatische Reaktion.
Der Vampir holte tief Luft, als helfe ihm das, seine Kontrolle zu bewahren. Doch während er langsam wieder die Umgebung in seine Gedanken ließ – Straßenlärm, Blütenduft, das leise Plätschern des Bachs im Garten, die Wärme der Luft – sickerte noch etwas anderes in seinen Verstand, das er zuvor nicht wahrgenommen hatte.
Etwas Böses, etwas Dunkles und Ungutes.
Etwas lag in der Luft, nicht nur der Geruch nach Mensch, der von Fan Si hereingetragen worden war. Fu Long war es, als wäre der Lärm der Straße, den er meist als fröhlich empfand, auf einmal rascher. Aggressiver. Als sei eine Wolke vor die Sonne gezogen.
Was ist das nur?
Verwirrt und beunruhigt schüttelte er den Kopf und straffte die Schultern. Die Gedanken an etwas Bösartiges, das die Bibliothek zusammen mit Fan Si betreten habe, kam ihm kurz, aber er drängte ihn mit aller Gewalt beiseite. Das ungute Gefühl, das ihn erfasst hatte, betraf Choquai selbst, nicht seine Bibliothek.
Die Sonne wurde wieder etwas heller.
Hinter sich hörte er nun ein Räuspern. »Herr, ich … ich bringe Euch Euren Tee, wie Ihr wünschtet. Der Koch lässt übrigens ausrichten, dass er die Abendmahlzeit in drei Stunden angerichtet haben wird.«
Fu Long nickte, ohne zu Fan Si hinüberzusehen. »Stell das Tablett dort drüben auf den Beistelltisch. Ich möchte übrigens nicht, dass der Tee in die Nähe der alten Schriftrollen gerät. Wenn du das nächste Mal kommst, dann geh also bitte nicht so dicht an den Bücherregalen vorbei.«
Wieder musste der Mann sich seinen Frosch aus der Kehle räuspern. Offenbar hatte er trotz der höflich ausgesprochenen Bitte immer noch Angst vor seinem neuen Herrn.
Fu Long spielte kurz mit dem Gedanken, Fan Si die Angst zu nehmen, indem er sich umdrehte und ihm freundlich zulächelte. Doch dann war da plötzlich noch mehr als nur das Verlangen nach menschlichem Blut, das immer latent in seinem Unterbewusstsein lauerte.
Wie schon unzählige Male zuvor verbannte er die unstillbare Gier nach Blut, diesem roten Lebenssaft, aus seinen Gedanken, um tief in sich hineinzuhorchen. Er würde diese Gier nie loswerden, aber er hatte eine gewisse Routine darin entwickelt, sie nicht zu beachten. Und doch verschwand das Gefühl der Bedrohung nicht. Dieser Bedrohung, als wolle etwas die dünne Wand, die Choquais Dimension von der realen Welt trennte, durchbrechen.
Fu Long war sich immer noch nicht ganz sicher, ob diese Bösartigkeit die Bibliothek erst mit Fan Si betreten hatte oder ob sie schon zuvor dagewesen war. Da er sein Vampirsein als Last empfand, als etwas Böses, das seinen Geist fest im Griff hatte, obwohl er seit über hundertsechzig Jahren gelernt hatte, damit zu leben, konnte er diese Frage nicht klar beantworten.
»Danke, Fan Si, du kannst gehen«, sagte er dann. Zu seiner Überraschung klang seine Stimme fest.
Es schien ewig zu dauern, bis die Tür leise hinter Fan Si ins Schloss gezogen wurde und dieser den Raum verlassen hatte.
Fu Long schloss die Augen und versuchte, das Böse, das in ihm wohnte und das ständig an seinen Nerven zerrte, von dem Bösen, das die Dimension bedrohte, in der sich Choquai befand, zu unterscheiden. Es dauerte eine Weile, aber dann war er sicher, dass es nicht sein Vampirdasein war, das an seinen Nerven zerrte. Es war etwas, das von außen an der »Hülle« Choquais kratzte.
Ich bin wirklich schwach geworden mit meinen Vergleichen, schalt er sich. Da lebst du schon über hundertachtzig Jahre, aber ein Poet ist immer noch nicht aus dir geworden.
Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass immerhin nicht er selbst aus irgendwelchen Gründen die Beherrschung über sich verloren hatte.
Er schüttelte die Konzentration ab, dann verließ er die Bibliothek mit eiligen Schritten. Er würdigte den langsam erkaltenden Tee keines Blickes. Er musste herausfinden, was seinen Frieden störte, den er so schätzte.
So sehr er sein beschauliches Gelehrtenleben auch liebte; wollte er es auch weiterhin führen, musste zu seinen Pflichten gehören, ab und an die Stadt zu verlassen, in der er alles zu seiner Zufriedenheit und der seiner Schutzbefohlenen geregelt hatte …
… und in die Realität zurückzukehren.
Eine Realität, in der Mo Zi und sein Begriff von Rechtschaffenheit nichts galten.
***
CaermardhinWales
Der Harzer Blutstein.
Das Goldschiffchen, das einst Nele Großkreutz gehört hat.
Die Phiole mit dem Sand des Lichts.
Der Spiegel der Amaterasu und das Stück Film, das dämonischen Einfluss auf seine Zuschauer nahm.
Sara Moon ließ sich in einen Sessel fallen, der aus einem bläulichen Kristallstein gehauen schien. Genaugenommen kannte sie die Farbe des Steins nicht, aus dem man diesen Sessel, auf den besser das Wort »Thron« gepasst hätte, gemeißelt hatte, denn irgendwie schien sich die Farbgebung des großen Saals des Wissens in der Burg Caermardhin einer genauen Bestimmung zu entziehen.
Wahrscheinlich hatte das mit den Wänden zu tun, die aussahen, als sei das Mauerwerk des Gebäudes mit Myriaden von glitzernden Eis- oder Salzkristallen überkrustet, die in allen Farben und Formen schillerten. In jedem noch so kleinen Fragment war das Wissen von Tausenden Generationen, aller möglichen Welten, Wesen und Dimensionen gespeichert. Ein unermesslicher Wissensschatz, der dem hier Hausenden helfen sollte, die gewaltige Aufgabe zu bewältigen, die er einnahm, wenn er diese Burg bewohnte.
Eine Aufgabe, auf die ich nicht die geringste Lust habe.
Erschöpft schloss Sara die Augen. Nur einen Augenblick.
Die Dienerin des Wächters der Schicksalswaage war gerade erst aus Rom gekommen. Sie hatte einen Abstecher in die dortige deBlaussec-Schule gemacht, wo Eva seit einigen Monaten lebte. Überraschenderweise gefiel es Saras kleiner Schwester dort und Sara wusste nicht, ob sie über diesen Umstand glücklich sein sollte oder nicht. Eigentlich war sie enttäuscht, dass Eva sie so wenig zu vermissen schien und sich beinahe mehr darauf freute, dass sie am Wochenende wieder zu Ted und Mysati in den Palazzo Eternale gehen durfte.
Sie selbst besuchte Eva, so oft sie konnte, doch aufgrund ihres »Jobs« wusste Sara nie, wann sie ihre Schwester das nächste Mal sehen würde. Zeit war etwas, das dehnbar war, nicht nur in dieser Dimension. Manchmal erledigte sie etwas in gefühlten Minuten, dann kam sie zurück und stellte fest, dass Wochen vergangen waren. Einmal war sie nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich Wochen auf einer anderen Welt, die ihr unterstand, gewesen, um eine Aufgabe dort zu erledigen – doch als sie danach mit schlechtem Gewissen Eva gesehen hatte, hatte diese behauptet, sie sei erst gestern dagewesen.
Insofern hätte sie dankbar sein müssen, dass Ted Ewigk und seine Lebensgefährtin Mysati Eva so etwas wie Stabilität gaben. Nach Möglichkeit sorgten sie dafür, dass Eva an den Wochenenden (im Idealfall mit Freunden) den Palazzo Eternale, der Ted gehörte, besuchen durfte. Dort kümmerte sich Mysati, die Außerirdische, die im Geiste selbst noch ein halbes Kind war, mit großer Freude um die Kleine. Sie buken Kekse, machten Ausflüge in die Umgebung und fungierten auch sonst für die Lehrer und Erzieher der deBlaussec-Schule als Ansprechpartner, wenn Sara nicht erreichbar war.
Doch Sara heiterte dieser Gedanke nicht auf. Als sie jetzt darüber nachdachte, dass Mysati und Eva zusammen mit Ted vielleicht in der Sonne am Strand ein nettes Picknick machten, während sie hier darüber grübelte, wie die Welt zu retten sei, sank ihre Laune noch um einige Grade tiefer.
Vielleicht war es doch besser, sich wieder mit den Artefakten zu befassen, aus denen eines Tages eine neue Verbindung zwischen der Neuen Hölle auf Avalon, der ehemaligen Feeninsel, geschaffen werden sollte. Sie war sich immer noch nicht klar, wie das letztendlich zu geschehen hatte; immerhin hatte sie in den Archiven der Kristalle hier im Saal des Wissens schon Hinweise darauf gefunden, dass die Alte Kraft, die nicht ganz schwarz-, aber auch nicht weißmagisch war, damit zu tun haben konnte. Doch ein genauer Bauplan fehlte immer noch.
Seufzend stand sie auf und trat vor die kristallene Wand. Drei weißmagische Gegenstände waren schon in ihrem Besitz. Zwei, die dem Element Himmel und eines, das der Erde zugeordnet werden konnte: Die Phiole mit dem Lichtsand und der Spiegel der Amaterasu, dann das Goldschiffchen, aus dem Metall der Erde. Mit der Farbe der Erde; goldgelb. Fünf Gegenstände von zehn. Das ist für ein paar Monate Suche wirklich keine Ausbeute, auf die man sonderlich stolz sein kann.
Eigentlich hatte Zamorra genug zu tun, auch ohne dass sie ihn ständig auf die Suche nach den Gegenständen schickte. Doch davon abgesehen, dass sie Zamorra das nie gesagt hätte – er kam sicher auch ohne ihr Mitleid aus – verdrängte sie den Gedanken rasch wieder. Es half ja nichts, er musste weitersuchen, ihre To-Do-Liste – ein Wort, das Eva erst kürzlich mit ernstem Gesicht benutzt hatte, um ihr zu erklären, was sie an einem Schultag zu tun hatte – war zu lang, als dass sie sich selbst auf die Jagd nach diesen magischen Gegenständen hätte machen können.
Wo in diesen Abermillionen von Kristallen könnte sich wohl ein Hinweis darauf befinden, wo der nächste Portalschlüssel zu finden ist?
»Quaak.«
Sara zuckte zusammen, als sei der Leibhaftige ihr auf den Rücken gesprungen.
Dann fiel ihr wieder ein, dass niemand außer ihr die Fähigkeit hatte, den Saal des Wissens zu betreten. »Normale« Sterbliche konnten es ohnehin nicht, und zusätzlich hatte sie gegen den, der Jahrtausende den Leibhaftigen verkörpert hatte, einen Schutz eingebaut.
Nein, der Störenfried war entschieden profanerer Natur.
Sie bückte sich und hob einen erdfarbenen Klumpen vom Boden auf.
»Kühlwalda. Wie kannst du mich so erschrecken«, meinte sie in tadelndem Tonfall. »Kannst du nicht anklopfen?«
Der erdfarbene Klumpen erwies sich auf Saras schlanken Fingern und so nah vor ihrer Nase als eine schlammgrüne Kröte, deren Körper mit gezackten, mintgrünen Streifen geziert war. Ihre bernsteinfarbenen Augen mit den seltsam geformten Pupillen starrten Sara gelassen und sogar ein wenig von oben herab an.
Die Tochter der Zeitlosen und des Merlin Ambrosius erwiderte den Blick ungerührt.
»Du willst mir also etwas sagen.«
Die Kröte schien die Augenbrauen hochzuziehen, dann quakte sie noch einmal kurz.
