Propädeutik der Ohrakupunktur - Axel Rubach - E-Book

Propädeutik der Ohrakupunktur E-Book

Axel Rubach

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Beschreibung

Ohrakupunktur - die ideale Grundlage von der Lernphase bis weit in die Praxis hinein: Als Lernender profitieren Sie von der didaktisch gut aufbereiteten Darstellung der Grundlagen und Techniken. Die Behandlungsschemata der bewährten Indikationen werden Ihnen ausführlich beschrieben. Das Vorgehen wird Ihnen Schritt für Schritt erklärt. Als Praktiker finden Sie die Therapieanleitungen auf Ihre Bedürfnisse zugeschnitten - bewährte Punktkombinationen auf einen Blick. Große, übersichtliche Ohrzeichnungen und Übungsfolien veranschaulichen Ihnen die Punktlokalisation. Neu in der 3. Auflage: Ca. 15 weitere bewährte Indikationen.

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Seitenzahl: 375

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Die Autoren

Dr. med. Axel Rubach, geb. 1950. Medizinstudium; 1978 Staatsexamen und Promotion. Klinische Weiterbildung in Chirurgie, Traumatologie, Innere Medizin, HNO und Sportmedizin. Niedergelassen seit 1985 als Allgemeinarzt. Zusatzbezeichnungen: Naturheilverfahren, Akupunktur und Sportmedizin. Ausbildung in Akupunktur, Neuraltherapie und Manueller Therapie schon während des Medizinstudiums, u. a. bei J. Gleditsch und K. G. Kampik. Seit 1982 Dozent in der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur. Regelmäßige Mitgestaltung der Vorlesungsreihe zur Akupunktur für die klinischen Semester an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2005 Lehrauftrag für Allgemeinmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Dr. med. Claus Schulte-Uebbing, Univ. München, Assoziierter Professor Univ. Oradea (E.U.). Niedergelassen als Frauenarzt in eigener Praxis in München, mit Schwerpunkten in Umweltmedizin, Onkologie, Naturheilverfahren, Akupunktur, Schmerztherapie, Immuntherapie und Psychosomatische Grundversorgung. Er ist Buchautor von Lehrbüchern der Umweltmedizin, Bücher über Naturheilverfahren, Darmsanierung, Phytotherapie, Frauenheilkunde und Geburtshilfe sowie vom Lehrbuch Akupunktur für Geburtshelfer (innen) und Hebammen. Langjähriger Gastdozent der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur.

Dr. med. dent. Hans-Jürgen Weise, geb. 1952. Medizinstudium; 1983 Staatsexamen und Promotion. Mitarbeiter an der Klinik für ZMK Chirurgie sowie der Klinik für Zahnärztliche Prothetik der RWTH Aachen. Seit 1989 Ausbildung in Naturheilverfahren, Homöopathie und Akupunktur. Niedergelassen in eigener Praxis. Dozent der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur.

Propädeutik der Ohrakupunktur

Axel Rubach

Mit Beiträgen von H.-J. Weise C. Schulte-Uebbing

3., überarbeitete und erweiterte Auflage

Geleitwort zur 3. Auflage

Mein im Vorwort zur 1. Auflage ausgesprochener Wunsch, dass Axel Rubachs Propädeutik der Ohrakupunktur eine weite Verbreitung und Akzeptanz erfahren möge, hat sich erfüllt: Sie geht nun in die 3. Auflage, gilt als das beste Lehrbuch des Spezialgebietes und ist auch, ins Englische übersetzt, zu einem Standardwerk im englischen Sprachraum geworden.

Schon seit über 50 Jahren hat die Ohrakupunktur in Deutschland Fuß gefasst, seitdem im Januar 1951 die Deutsche Ärztegesellschaft für Akupunktur (DÄGfA) den Inaugurator der Auriculotherapie, Paul Nogier, zu Kursen nach München eingeladen und die Methode fest in ihr Ausbildungsprogramm aufgenommen hatte.

Später kamen die Erfahrungen der Chinesischen Schule hinzu, vermittelt durch die beiden DÄGfA-Dozenten Ingrid Wancura und Georg König. Das Nebeneinander der beiden Schulen wirkte sich sehr fruchtbar aus, indem sich beide Systeme als gleichermaßen praktikabel erwiesen haben und sich gegenseitig ergänzten – mit großem Gewinn für die Patienten.

Die Ohrakupunktur ist nach wie vor die wirksamste und in der Therapie am meisten eingebürgerte Form der westlichen Akupunktur. Die sich als ein komplettes System darstellenden Ohrpunkte, haben sich nicht nur neue diagnostische und therapeutische Möglichkeiten erschlossen, sondern auch den Blick geöffnet für das Phänomen der Mikrosysteme überhaupt – für das Vorhandensein somatotopischer Gesamtrepräsentationen des Organismus auf eng umschriebenen Arealen. Inzwischen liegen genügend wissenschaftliche Studien vor, die die Wirksamkeit der Mikrosystem-Akupunktur belegen. Hinzu kommen die Erkenntnisse der Physik über komplexe, nicht-lineare Systeme, mit dem Phänomen der Fraktale und die Einsicht vom holographischen Universum (David Bohm): Offensichtlich spielen auch in den Mikrosystemen systemische Wechselbeziehungen zwischen Gesamtheiten und deren Teilen eine Rolle, ebenso wie der Aspekt der Selbstspiegelung.

Wer Ohrakupunktur ausübt, muss mit der Anatomie, der Punkt-Topographie und den speziellen Indikationen vertraut sein. Axel Rubach gelingt es, den Leser praxisnah und auf sehr anschauliche Weise an die Anatomie und Morphologie des Ohres, an die Punkte und deren Lokalisation sowie an die spezifischen Indikationen der Methode heranzuführen. Der einfache Weg hat sich als der beste erwiesen: nämlich keine komplizierten, von allen möglichen Therapiehindernissen belastete Behandlungstechnik darzustellen, sondern die klare Punktkonstellation herauszuarbeiten und zu vermitteln – die Kenntnis der Punkte und die sich daraus ergebende Sicherheit in ihrem Einsatz.

Die neu überarbeitete Auflage ist um weitere Therapiebeispiele erweitert, das Bildmaterial nochmals optimiert. So wird auch diese 3. Auflage vielen Therapeuten eine sehr hilfreiche und nützliche Anleitung sein, sowohl für das Erlernen der Methode, als auch als Nachschlagewerk für den geübten Praktiker.

München, Oktober 2008

Dr. Jochen Gleditsch

Vorwort zur 3. Auflage

Das vorliegende Buch wurde aus der Idee geboren, Grundlagenwerk und Lehrbuch über die Systematik der Ohrakupunktur zu schaffen. Vor diesem Hintergrund möchte ich voller Respekt auf all jene hinweisen, die seit Nogiers genialer Erkenntnis mit ihren Arbeiten und Veröffentlichungen Wegbereiter dieser Methode waren und sind. Sie haben damit auch für dieses Buch die Voraussetzungen geschaffen. Die zusammengefassten Kenntnisse und Erfahrungen aus der Lehrtätigkeit vieler Dozenten der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur (DÄGfA) haben wesentlich zum bisherigen Erfolg dieses Werkes beigetragen.

Mit diesem Buch verbinde ich den Dank an meinen Lehrer und Freund Dr. Jochen Gleditsch. Ihm verdanke ich das Wissen um die Methode und die Begeisterung für die Akupunktur überhaupt. Er gab auch den Anstoß zu diesem Buch, stand mir mit Rat und Tat zur Seite. Mit seinem 2002 erschienenen Buch Maps Mikroakupunktsysteme bietet er einen umfassenden und detaillierten Einblick in die wesentlichen Mikrosysteme der Akupunktur und fügt das Phänomen der einzelnen Mikrosysteme wieder zu einem Ganzen.

Bereits in der 2. Auflage dieses Buches ließen wir uns von dem Ziel leiten, den Lesern den Inhalt unseres Buches optimal zu erschließen und mit einem spielerischen Test Sicherheit zu schaffen. In dieser Auflage haben wir nun den gesamten Text und die Abbildungen überarbeitet sowie eine Vielzahl neuer Therapiebeispiele eingearbeitet. Wir optimierten das leichte, sukzessive Einarbeiten in die Thematik und verbesserten die Möglichkeit zum permanenten Nachschlagen.

München, Februar 2009

A. Rubach

H.-J. Weise

C. Schulte-Uebbing

Inhaltsverzeichnis

Grundlagen/Theorie

1 Einführung

1.1 Geschichte

1.2 Der Begriff „Mikrosystem“

1.3 Naturwissenschaftliche Erkenntnisse der Ohrakupunktur

1.4 Ohr- und Körperakupunktur – ein Vergleich

1.5 Lateralität

1.6 Indikationen und Kontraindikationen

1.7 Nebenwirkungen und Komplikationen

1.8 Nomenklatur

2 Anatomie der Ohrmuschel

2.1 Anatomische Nomenklatur

2.2 Embryologie und Innervation

2.3 Übersicht der Repräsentationszonen

3 Systematische Punktlokalisation auf der Ohrmuschel

3.1 Ohrmuschelvorderseite

3.1.1 Incisura supratragica

3.1.2 Tragus

3.1.3 Incisura intertragica

3.1.4 Antitragus

3.1.5 Postantitragale Furche

3.1.6 Lobulus

3.1.7 Anthelix

3.1.8 Scapha

3.1.9 Helix und Helixkrempe

3.1.10 Aufsteigende Helix

3.1.11 Crus helicis

3.1.12 Concha inferior

3.1.13 Concha superior

3.2 Ohrmuschelrückseite

3.2.1 Übersicht

3.2.2 Systematik der Reflexzonen

4 Besondere Punkte und Behandlungsareale

4.1 Analgesiepunkte

4.2 Vegetative Rinne (n. Lange)

4.3 Sensorielle Linie

4.4 Schwindellinie

4.5 Vegetativpunkte

4.6 Psychotrope Punkte

Praxis

5 Einführung

5.1 Anamnese

5.2 Therapiehindernisse und Besonderheiten

5.3 Diagnostische Hinweise durch Inspektion und Palpation

5.3.1 Visuelle Inspektion

5.3.2 Palpatorische Untersuchung

6 Praktische Grundlagen

6.1 Mechanische Drucktastung

6.2 Elektrische Punktsuche

6.3 Very-point-Technik

6.4 VAS (Vaskuläres Autonomes Signal) (RAC, Nogier-Reflex)

6.5 Stichtechnik und Nadelwahl

7 Reizmethoden

7.1 Nadelung und Elektrostimulation

7.2 Punkt- oder Arealinfiltration

7.3 Softlaser-Anwendung

7.4 Laseranwendung in der Ohrakupunktur

Hans-Jürgen Weise

7.4.1 Einleitung

7.4.2 Physikalische Grundlagen

7.4.3 Biologische Grundlagen

7.4.4 Klinischer Einsatz

7.4.5 Behandlungsbeispiele

7.5 Ohrmuschelmassage

7.6 Mikroaderlass

7.7 Dauerreizmethoden

8 Praktisches Vorgehen

8.1 Vorbereitung und Lagerung des Patienten

8.2 Auswahl primärer therapeutischer Zugänge

8.2.1 Segmenttherapie oder Auswahl von Korrespondenzpunkten

8.2.2 Auswahl von Analgesie- oder Entzündungspunkten

8.2.3 Auswahl von psychotropen Punkten und Vegetativ- Punkten

8.3 Ergänzende Punktwahl

8.4 Wahl der Reizmethode

8.5 Reizstärke, Behandlungsabstände und Sitzungsdauer

8.5.1 Die Ableitung

8.5.2 Die Auffüllung

8.6 Kombinationsmöglichkeiten mit anderen Reizmethoden

9 Bewährte Indikationen

9.1 Erkrankungen des Auges

9.1.1 Allergische Konjunktivitis

9.1.2 Optikusatrophie

9.2 HNO-Erkrankungen

9.2.1 Globus-Gefühl

9.2.2 Laryngitis

9.2.3 Morbus Menière

9.2.4 Pollinosis

9.2.5 Systematische Schwindelformen

9.2.6 Tinnitus

9.2.7 Sinusitis

9.3 Atemwegserkrankungen

9.3.1 Asthma bronchiale

9.3.2 Chronische Bronchitis

9.4 Herz- und Kreislauferkrankungen

9.4.1 Hypertonie, Hypotonie

9.4.2 Paroxysmale Tachykardie

9.5 Magen-Darm-Erkrankungen

9.5.1 Chronisch rezidivierende Gastritis

9.5.2 Akute Enterokolitis

9.5.3 Chronische Obstipation

9.5.4 Singultus

9.5.5 Cholezystitis, Cholelithiasis

9.6 Gynäkologische Erkrankungen

9.6.1 Menstruationsbeschwerden

9.6.2 Menopause-Syndrom

9.6.3 Laktationsschwäche

9.6.4 Mastitis

9.6.5 Perinatale Schmerzlinderung, Geburtserleichterung

9.6.6 Geburtshilfe

Claus Schulte-Uebbing

9.6.7 Infertilität

9.6.8 Libidoverlust

9.7 Urologische Erkrankungen

9.7.1 Enuresis nocturna

9.7.2 Reizblase

9.7.3 Harninkontinenz

9.7.4 Harnverhaltung

9.7.5 Nieren- und Harnleiterkolik

9.8 Erkrankungen des Bewegungsapparates

9.8.1 Zervikalsyndrom

9.8.2 Schulter-Arm-Syndrom

9.8.3 Lumbago, Lumboischialgie

9.8.4 Gonarthralgie

9.8.5 Koxalgie

9.8.6 Gelenkdistorsionen und -kontusionen

9.9 Neurologische Erkrankungen

9.9.1 Zephalgie

9.9.2 Gesichtsneuralgien, Trigeminusneuralgie

9.9.3 Zosterneuralgie

9.10 Hauterkrankungen

9.10.1 Hautallergie

9.10.2 Generalisierter Pruritus

9.10.3 Neurodermitis

9.11 Suchtbehandlung

9.11.1 Nikotinsucht

9.11.2 Esssucht, Übergewicht

9.11.3 Alkohol- und Drogensucht

10 Therapiebeispiele für die Praxis

10.1 Erkrankungen des Auges

10.1.1 Hordeolum/Konjunktivitis

10.1.2 Maculadegeneration (trocken)/Opticusatrophie

10.1.3 Glaukom

10.1.4 Myopie

10.2 HNO-Erkrankungen

10.2.1 Globus-Gefühl

10.2.2 Vestibulärer Schwindel

10.2.3 Morbus Menière

10.2.4 Tinnitus

10.2.5 Hörsturz

10.3 Atemwegserkrankungen

10.3.1 Pollinosis

10.3.2 Allergisches Asthma bronchiale

10.4 Herz-Kreislauferkrankungen

10.4.1 Funktionelle Herzbeschwerden (Palpitationen, paroxysmale Tachykardien)

10.5 Magen-Darmerkrankungen

10.5.1 Singultus

10.5.2 Gastroenteritis, Übelkeit, Erbrechen, Diarrhöe

10.5.3 Entzündliche Darmerkrankungen (Morbus Crohn, Colitis Ulcerosa)

10.5.4 Chronische Obstipation

10.6 Gynäkologische Erkrankungen

10.6.1 Infertilität

10.6.2 Libidoverlust/Potenzstörung

10.6.3 Prämenstruelles Syndrom (PMS)

10.7 Urologische Erkrankungen

10.7.1 Prostatitis (abakteriell, chronisch rezidivierend)

10.7.2 Harninkontinenz

10.7.3 Reizblase

10.8 Erkrankungen des Bewegungsapparates

10.8.1 Achillodynie

10.8.2 Epikondylitis, Epikondylopathie

10.8.3 Schulter-Arm-Syndrom

10.8.4 Zervikobrachialsyndrom

10.8.5 Lumboischialgie

10.8.6 Fibromyalgie

10.9 Neurologische Erkrankungen

10.9.1 Spannungskopfschmerz

10.9.2 Migräne

10.9.3 Zosterneuralgie

10.9.4 Apoplex, Post-Apoplex

10.10 Hauterkrankungen

10.10.1 Urtikaria

10.11 Psychische Erkrankungen

10.11.1 Schlafstörungen

10.11.2 Angstsyndrome (z. B. Prüfungsangst, Flugangst)

10.11.3 Burn-out-Syndrom

10.11.4 Depressive Episode

10.11.5 Nikotinsucht

10.11.6 Übergewicht, Esssucht

11 Punktregister (nach Ziffern, Seiten und Abbildungsnummern)

12 Punktregister (nach Namen, nach Seiten und Abbildungsnummern)

13 Abbildungsnachweis

14 Literatur

15 Sachverzeichnis

16 Ohrübersichtstafeln

Grundlagen/Theorie

1 Einführung

1.1 Geschichte

1.2 Der Begriff „Mikrosystem“

1.3 Naturwissenschaftliche Erkenntnisse der Ohrakupunktu

1.4 Ohr- und Körperakupunktur – ein Vergleich

1.5 Lateralität

1.6 Indikationen und Kontraindikationen

1.7 Nebenwirkungen und Komplikationen

1.8 Nomenklatur

2 Anatomie der Ohrmuschel

2.1 Anatomische Nomenklatur

2.2 Embryologie und Innervation.

2.3 Übersicht der Repräsentationszonen

3 Systematische Punktlokalisation auf der Ohrmuschel

3.1 Ohrmuschelvorderseite

3.2 Ohrmuschelrückseite

4 Besondere Punkte und Behandlungsareale

4.1 Analgesiepunkte

4.2 Vegetative Rinne (n. Lange)

4.3 Sensorielle Linie

4.4 Schwindellinie

4.5 Vegetativpunkte

4.6 Psychotrope Punkte

1 Einführung

1.1 Geschichte

Anfänge. Die Ohrakupunktur ist sicherlich, anders als häufig angenommen, im Vergleich zur Körperakupunktur keine junge Therapieform. Bereits im Huang Di Nei Jing, dem ca. 2100 Jahre alten Buch der Chinesischen Medizin, finden sich deutliche Hinweise auf reflektorische Beziehungen zwischen Ohrmuschel und einzelnen Körperregionen. Auch in Persien, Ägypten und dem alten Griechenland sind diese Beziehungen Überlieferungen zufolge vor etwa 2000 Jahren therapeutisch genutzt worden. In welcher Kultur die reflektorischen Zusammenhänge erstmals entdeckt und therapeutisch angewendet wurden, bleibt im Dunkeln, zumal es bis etwa zum 17. Jahrhundert nur wenige medizinische Aufzeichnungen gab. Infolgedessen trugen im Wesentlichen mündliche Überlieferungen über Generationen hinweg in Europa, im Nahen Osten und in Teilen Afrikas zum Überdauern bestimmter Elemente dieser Behandlungsmethode bei, wie etwa der Kauterisation im oberen Ohrmuschelbereich im Falle einer Lumboischialgie. Sowohl in der Kunst als auch in medizinischen Abhandlungen gibt es Hinweise, dass im Laufe des 17. Jahrhunderts auch in Europa gute Kenntnisse über die reflektorischen Beziehungen der Ohrmuschel bestanden. An erster Stelle ist das berühmte Gemälde „Der Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch anzuführen. Im rechten Flügel dieses Altartriptychons finden sich eine symbolische Darstellung der Hölle und eine Ohrmuschel, auf der sehr detailliert gewisse Zusammenhänge zwischen Ohr und übrigem Körper veranschaulicht sind. Die im oberen Bereich der Ohrmuschel von einer der beiden Lanzen durchstochene Region entspricht der erwähnten Kauterisationszone für Ischialgien. In einer Fallbeschreibung aus dem Jahr 1637 berichtet der portugiesische Arzt Zaratus Lusitanus über die Ischialgiebehandlung mittels Ohrkauterisation, und Valsalva beschreibt 1717 in seinem Buch „De Aura Humana tractatus“ ein Areal der Ohrmuschel, das bei Zahnschmerzen kauterisiert wurde.

Auch aus dem 19. Jahrhundert gibt es interessante medizinische Aufzeichnungen über Ohrmuschelkauterisationen bei ischialgiformen Syndromen; so die des Arztes Luciano aus Bastia sowie die dokumentierten Beobachtungen des Chirurgen Valette aus der Charité in Paris aus dem Jahr 1850.

Französisch-westliche Schule. Die in diesen Dokumenten unterschiedlich angegebenen Lokalisationen der Kauterisationszonen auf der Helix zeigen, dass es damals noch keine Systematik einer Ohrreflexologie gab. Erst in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte der französische Arzt Paul Nogier, dem auch die „Ausgrabung“ der angeführten medizinhistorischen Dokumente zu verdanken ist, auf der Basis zufälliger Beobachtung in jahrelanger, akribischer Arbeit die systematischen Grundlagen der Ohrakupunktur. Ihm waren bei einigen seiner Patienten Vernarbungen im oberen Bereich der Ohrmuschel aufgefallen, die von therapeutischen Kauterisationen wegen lumboischialgiformer Beschwerden herrührten. Alle diese Patienten hatten teils in Afrika, teils bei einer Laienbehandlerin in Marseille Hilfe gefunden, nachdem ihnen die westliche medizinische Kunst keinen Erfolg gebracht hatte. Die Laienbehandlerin hatte diese Art der Heilkunst von ihrem Vater übernommen, der lange Zeit als Arzt in Indochina gelebt hatte. Nogier stellte seine Arbeiten unter dem Namen „Aurikulotherapie“ erstmals 1956 auf einem Akupunktur-Kongress in Marseille vor und hat damit unbestreitbar die heutige Ohrakupunktur begründet. Jener erste Vortrag, der, übersetzt von Bachmann, bald darauf in der „Deutschen Zeitschrift für Akupunktur“ (DZA) erschien, bereitete der Methode den Weg.

Chinesische Schule. Durch diese Veröffentlichungen gelangten die Erkenntnisse Nogiers auch nach China und lösten dort eine Rückbesinnung auf eigene, jahrtausendealte Traditionen sowie umfangreiche und intensive Forschungsarbeiten aus. Die bisherigen chinesischen Ergebnisse belegten und ergänzten seine Arbeiten weitgehend, führten aber zuweilen auch zu widersprüchlichen Aussagen; dennoch wird Nogier auch in China als Entdecker der heutigen Ohrakupunktur voll gewürdigt. Internationale Anerkennung erlangte die chinesische Schule der Ohrakupunktur durch die österreichischen Ärzte Georg König und Ingrid Wancura sowie dank der Erfolge in der Akupunkturanalgesie.

Beide Formen, die so genannte chinesische Ohrakupunktur und die Aurikulotherapie von Nogier, weisen viele Gemeinsamkeiten auf, mitunter werden jedoch unterschiedliche Punktlokalisationen angegeben. Die Bestrebungen gehen sinnvollerweise dahin, gesicherte Erkenntnisse beider Richtungen unter dem neutralen Dach der angewandten Ohrakupunktur zu integrieren und zum Wohle der Patienten zu nutzen.

Die konkurrierende Forschungstätigkeit verschiedener Schulen und die gegenseitige Überprüfung der Ergebnisse gewährleisten eine Kontrolle und damit eine Seriosität dieser Studien; außerdem halten sie die Diskussion in Gang. Dazu haben bereits in den 70er Jahren russische Forscher einen erheblichen Beitrag geleistet. Als federführend sind hier Durinjan, Portnov und Velchover (▶Abb. 1.1 und 1.2) zu nennen.

In jüngster Zeit haben positive Studienergebnisse internationaler Forschergruppen u. a. im Bereich der perioperativen Medizin und der Suchtbehandlung die Erkenntnisse zur Wirksamkeit der Ohrakupunktur bereichert und zu weiterer Forschung angeregt.

So trägt beispielsweise in der perioperativen Medizin – wie aus einer Literaturübersicht von Usichenko ersichtlich – eine zunehmende Anzahl von randomisierten kontrollierten Studien (RCT) dazu bei, die Ohrakupunktur in Kombination mit der Pharmakotherapie zu einer effektiven Methode bei der integrativen Patientenversorgung in der perioperativen Medizin werden zu lassen. Die Datenlage dieser Übersicht zeigt die häufigsten perioperativen Indikationen der Ohrakupunktur auf: die Prämedikation, die Reduktion des Anästhetikaverbrauchs während der Allgemeinanästhesie und die postoperative Schmerztherapie.

Danach scheint die Ohrakupunktur ein effektives Ergänzungsverfahren zur präoperativen Anxiolyse und zur Reduktion des postoperativen Schmerzmittelverbrauchs zu sein.

Abb. 1.1 Beispiel für Organprojektion am Hundeohr.

Abb. 1.2 Beispiel für Organprojektion am Kaninchenohr (n. Portnov).

So sind hier beispielhaft einige neuere Forschungsarbeiten von Usichenko et al., Li et al. und Vorobiev und Dymnikov angeführt.

Die verblindete Studie zur postoperativen Schmerztherapie von Vorobiev und Dymnikov zeigt eine Reduktion der Schmerzintensität und des Analgetika-Verbrauchs nach ambulanten chirurgischen Eingriffen. In der doppelblinden Studie (RCT) von Li et al. wurde unter Ohrakupunktur eine signifikante Reduktion des Opioid-Verbrauchs innerhalb der ersten fünf Tage postoperativ bei Patienten festgestellt, die sich einem leberchirurgischen Eingriff unterzogen. Usichenko et al. untersuchte den Einfluss der Ohrakupunktur von „Hüftgelenk“, „Shen-Men“, „Lunge“ und „Thalamus“ versus Ohrakupunktur von „Sham“-Akupunkturpunkten auf den postoperativen Schmerzmittelverbrauch bei Patienten, die eine Hüftendoprothese bekamen.

So wird auch beispielsweise in einer Studie (RCT) von Usichenko zur präoperativen Anxiolyse mittels Ohrakupunktur versus Diazepam gezeigt, dass die Ohrakupunktur ebenso effektiv anxiolytisch wie die Verabreichung von 10 mg Diazepam war.

1.2 Der Begriff „Mikrosystem“

Bei den Mikrosystemen handelt es sich nicht, wie man annehmen könnte, um maßstabsgerechte Mikroprojektionen des Körpers, sondern um Repräsentationsfelder, die jeweils zu dem betreffenden Areal passende, charakteristische Reflexbeziehungen zum Organismus schwerpunktmäßig darstellen. So gibt es am Körper unterschiedliche Mikrosysteme, die zwar miteinander in Verbindung stehen, jedoch in ihrer Charakteristik und ihren speziellen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten jeweils ein eigenständiges funktionelles System individueller Gesetzmäßigkeit verkörpern. Nach Gleditsch erinnern die Überlagerungen und Überschneidungen der verschiedenen Mikrosysteme an das Bild übereinander gemalter Spielfelder einer Sporthalle: Je nach Markierung kommt die eine oder andere Spielart zum Tragen. In diesem Sinne kann auch das funktionierende Nebeneinander und Zusammenspiel der Reflexzonen von Zunge, Mund, Nase, Hand, Fußsohle oder Ohrmuschel im Gesamtbild des menschlichen Organismus bzw. des Körperakupunktursystems verstanden werden (▶Abb. 1.3).

Von den oben erwähnten Synonyma umschreibt der Begriff „Mikrosystem“ die konzentrierte Form der Gesamtkörperprojektionen im Rahmen ihrer geordneten systematischen Reflexbeziehungen am treffendsten.

1.3 Naturwissenschaftliche Erkenntnisse der Ohrakupunktur

In den 80 – 90er Jahren haben sich in der Akupunkturforschung aus vielen Erklärungsmodellen zwei experimentell gut belegte Theorien herauskristallisiert, die in ihrer funktionellen Vernetzung und ihrem Zusammenspiel die Grundlage der heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zu diesem Thema bilden: zum einen eine neurophysiologische bzw. neurale, zum anderen eine neurohumorale Ebene.

Für die Wirksamkeit der Akupunktur setzt dieses Forschungsergebnis ein intaktes Nervensystem voraus. Es geht über die Hypothese der „gate control“ (Melzack und Wall 1965) hinaus, indem es die wesentlichen schmerzhemmenden Mechanismen nicht allein auf Rückenmarksebene, sondern im Bereich des Mittelhirns postuliert. Hier kommt es besonders im periaquäduktalen Grau, ausgelöst durch einen peripheren Reiz, zur vermehrten Ausschüttung des Endorphins Enkephalin, das die Schmerzfortleitung in den absteigenden Rückenmarksfasern mittels des Neurotransmitters Serotonin unterdrückt (deszendierende Schmerzhemmung).

Abb. 1.3 Bekannte Mikrosysteme (modifiziert n. Bossy).

Abb. 1.4 Binäres System vs. energetisches System.

Neben der sympathikolytischen Wirkung eines Nadelreizes, z. B. der Durchblutungszunahme, ist der segmentale Bezug der Akupunktur von großer Bedeutung. Er lässt sich neuroanatomisch gut belegen, da ein signifikanter Grad der Übereinstimmung beispielsweise zwischen der Wirkungscharakteristik einzelner Akupunkturpunkte und deren jeweiligem Segmentbezug besteht. Weitere neurophysiologische Zusammenhänge liegen in der häufigen Übereinstimmung von Akupunkturpunkten mit Maximalpunkten nach Head und bestimmten Triggerpunkten (Melzack und Wall) sowie in ihrem nachweislich erniedrigten Hautwiderstand.

Die Ohrakupunktur als eigenständiges Mikrosystem unterscheidet sich von der Körperakupunktur im Wesentlichen dadurch, dass die Reflexpunkte bzw. -areale nur in irritiertem Zustand nachweisbar sind. Die Ohrakupunkturpunkte fungieren im Sinne eines kybernetischen Binär-Systems nach dem Ja-Nein-Prinzip: sie sind nur im Falle einer entsprechenden Organstörung oder bei einer Verletzung bzw. Erkrankung des korrespondierenden Körperteils reagibel.

Die Punkte der Körperakupunktur hingegen sind Teil eines energetischen Systems, das sich in einer Art „steady state“ befindet; daher sind sie jederzeit auffindbar.

Die derzeitigen wesentlichen neurophysiologischen und neurohumoralen wissenschaftlichen Erklärungsmodelle sind vermutlich für beide Akupunkturformen gleichermaßen gültig. Hinsichtlich der neurophysiologischen Ebene weisen die Punkte des Mikrosystems Ohrmuschel neuroanatomisch nachvollziehbar andere Wechselbeziehungen auf; d. h. ihre Reflexbögen haben Verbindung zu den höheren Abschnitten des zentralen Nervensystems, wie z. B. Hirnstamm und Thalamus (Velchover, Durinjan). Dies lässt sich durch die örtlich nahe embryologische Entwicklung und die damit zusammenhängende ungewöhnliche Dichte sowie differenzierte Innervation der Ohrmuschel erklären. Auf diese relativ kurzen Reflexwege lässt sich vermutlich auch der mitunter rasche Wirkungseintritt bei akuten Schmerzzuständen zurückführen (▶Abb. 1.4).

1.4 Ohr- und Körperakupunktur – ein Vergleich

Sowohl die Ohr- als auch die Körperakupunktur reichen mit ihren Ursprüngen bis in das alte China zurück. Die gesamten therapeutischen Möglichkeiten der Ohrakupunktur ließen sich allerdings erst dank der Entdeckungen und der Systematisierung von Nogier ausschöpfen.

Die Körperakupunktur hingegen hat seit den ersten schriftlichen Aufzeichnungen vor über 2000 Jahren in ihren Grundlagen keine wesentlichen Änderungen erfahren. Sie basiert auf dem Entsprechungssystem von Yin und Yang sowie dem System von zwölf Leitbahnen, sechs Yangund sechs Yin-Leitbahnen, die in anatomisch definierbaren und durch Akupunkturpunkte festgelegten Leitlinien über die Körperoberfläche verlaufen. Das System der Fünf Elemente mit seinen fünf Wandlungsphasen als universelles Bezugssystem ergänzte als wichtiger Bestandteil diese Grundlagen der Körperakupunktur.

Die Ohrmuschel beherbergt demgegenüber ein von den Modalitäten der Körperakupunktur unabhängiges Mikrosystem, das eine direkte reflektorische Beziehung zum gesamten Körper aufweist. So arbeitet die Ohrakupunktur mit einer Anzahl systematisch angeordneter Reflexpunkte, die sich im Falle ihrer Irritation in bestimmten, anatomisch gut definierten Arealen der Ohrmuschel auffinden lassen. Zur groben Orientierung dient die Vorstellung eines auf dem Kopf stehenden Embryos n. Nogier (s. ▶Abb. 2.12), die deutliche Ähnlichkeit mit der somatotopischen Darstellung auf der Hirnrinde (n. Penfield und Rasmussen, ▶Abb. 1.5) mit ihrer überproportionalen Repräsentation von Kopf und Hand aufweist. Im Gegensatz dazu finden sich in der Körperakupunktur keine direkten, neurologisch definierten Reflexbeziehungen von Punkt oder Leitbahn zu bestimmten Organen oder Körperregionen, mit Ausnahme der Shu-Mu-Punkte.

Sowohl die Körperakupunktur- als auch die Ohrakupunkturpunkte lassen sich aufgrund ihres verminderten Hautwiderstandes nachweisen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Ohrakupunkturpunkte nur dann auffindbar sind, wenn eine Irritation infolge einer Funktionsstörung oder Verletzung des korrelierenden Organs gegeben ist; Körperakupunkturpunkte hingegen sind jederzeit lokalisierbar.

Abb. 1.5 Repräsentationszonen (n. Penfield und Rasmussen).

In der Körperakupunktur lassen sich häufig bestimmte Nadelsensationen wie das De-Qi-Gefühl oder PSC (propagated sensation along the channel) auslösen, die als Hinweis auf eine erfolgversprechende Akupunkturbehandlung interpretiert werden können. Die Ohrakupunktur zeigt derartige Reaktionen nicht.

Bei beiden Verfahren lassen sich jeweils auf der von den Beschwerden betroffenen Körperseite im Vergleich zur Gegenseite vermehrt aktive Punkte bzw. Areale auffinden. Das beruht auf den sich offenbar zweimal kreuzenden Reflexbahnen zwischen Ohrmuschel, Gehirn und Erfolgsorgan bzw. Körperregion.

In der Ohrakupunktur lässt sich im Vergleich zur Körperakupunktur relativ einfach eine diagnostische Orientierung gewinnen und therapeutisch nutzen. Sie ergibt sich aus dem direkten Nachweis irritierter Reflexzonen aufgrund von Hautveränderungen, wie Schuppung, Rötung oder anderer entzündlicher Zeichen, von Druckempfindlichkeit oder vermindertem Hautwiderstand. In der Körperakupunktur hingegen bedarf es dafür vergleichsweise aufwendiger dignostischer Verfahren.

In beiden Verfahren sind Nadelung, Elektrostimulation sowie Laser als Reizmethoden anwendbar. Schröpfen und Moxibustion bleiben jedoch der Körperakupunktur vorbehalten aufgrund der Differenziertheit und Dichte der Ohrpunkte, die es unmöglich machen, eine Applikation am Ohr gezielt vorzunehmen.

In Bezug auf die Wirksamkeit beider Methoden ist keine pauschalisierende Aussage möglich, da indikationsabhängige Schwerpunkte zu setzen sind. So liegt die Domäne der Ohrakupunktur und damit ihre besondere Wirksamkeit im Bereich akut schmerzhafter Erkrankungen, im Sinne der Chinesischen Medizin also im Bereich der Yang-Erkrankungen.

Während die Körperakupunktur zwar auch hier, jedoch schwerpunktmäßig effektiver auf dem Gebiet der chronifizierten bzw. chronisch rezidivierenden Erkrankungen erscheint. Es bietet sich in vielen Fällen eine Kombination beider Verfahren an.

Es findet sich kein Unterschied bezüglich der Behandlungszeiten, die pro Sitzung ca. 20 – 45 Minuten dauern, der Behandlungsabstände bzw. der Häufigkeit der Therapiesitzungen, die von Konstitution des Patienten und Art der Erkrankung abhängen.

Die Ohrakupunktur ist im Vergleich zur Körperakupunktur relativ rasch zu erlernen. Die theoretischen Grundlagen kann man sich in wenigen Wochen aneignen; um brauchbare Behandlungserfolge erzielen zu können, ist eine intensive praktische Übung über einige Monate notwendig. In der Körperakupunktur hingegen benötigt man i. d. R. einige Jahre der praktischen Erfahrung, will man es zu einer gewissen Meisterschaft bringen.

Hinsichtlich der praktischen Anwendung weist die Ohrakupunktur deutliche Vorzüge auf. Der Patient muss sich nicht, wie in der Körperakupunktur, zur Behandlung entkleiden oder teilentkleiden. Ferner lassen sich auch solche Körperregionen, die infolge von Wunden, Verbänden, Schwellungen bzw. starker Schmerzhaftigkeit o. ä. nicht lokal mittels Körperakupunktur behandelt werden können, von den fernab gelegenen Ohrpunkten über das Reflexgeschehen der Ohrmuschel therapieren.

Demgegenüber hat die Körperakupunktur den Vorteil, i. d. R. ohne technische Hilfsmittel auszukommen. Der erfahrene Behandler findet die Punkte allein über die exakte Lokalisation und Palpation. Zur Ermittlung auf der Ohrmuschel sind zumindest Drucktaster, feine Sonden oder die Akupunkturnadel selbst notwendig. Die Sondierung mit der Akupunkturnadel, die sog. Very-point-Technik nach Gleditsch, ist i. d. R. dem Geübten vorbehalten. Auch einfache elektrische Punktsuchgeräte – zur Bestimmung des herabgesetzten Hautwiderstandes – sind nützlich, um die jeweils irritierten Ohrpunkte in ihrer Feinheit, ihrer dicht gedrängten Anordnung und Irritationslage sicher zu orten.

Das Wirkprinzip beider Akupunkturformen liegt in einer Aktivierung der körpereigenen Homöostase, was im Idealfall zu einer Heilung und nicht nur zu einer rasch einsetzenden Schmerzlinderung führt. Durch den gezielt gesetzten Reiz werden vermutlich natürliche Selbstheilungsmechanismen des Körpers reaktiviert, und somit wird das ursprünglich beschwerdefreie Zusammenspiel der Körperfunktionen wieder ermöglicht.

Unerwünschte Nebenwirkungen, im Sinne einer behandlungsbedingten Beeinträchtigung des Gesundheitszustandes, sind weder bei Ohrnoch bei Körperakupunktur bekannt, wenn man von einer gelegentlich während und direkt nach der Behandlung auftretenden, eher angenehmen Benommenheit oder Müdigkeit absieht. Diese verlieren sich jedoch regelmäßig innerhalb weniger Stunden und sind grundsätzlich als positives Zeichen zu werten, nämlich als Ausdruck der durch die Behandlung in Gang gekommenen Eigenregulation des Organismus.

1.5 Lateralität

Lateralität im medizinischen Sinne bezieht sich auf die seitendominante Spezialisierung des menschlichen Gehirns. Diese ist an bestimmten, auch seitendominanten körperlichen Funktionen erkennbar, wie etwa der Rechts- oder Linkshändigkeit als Ausdruck zerebraler Integrations- und Koordinationsleistung. Interessante Erkenntnisse hierzu lieferten amerikanische Wissenschaftler wie Deutsch und Ornstein, die empirische Beobachtungen durch systematische wissenschaftliche Untersuchungen belegten. Danach ist beim Rechtshänder die linke Hemisphäre mehr für die rationalen, verbalen bzw. mathematischen Fähigkeiten verantwortlich, während die rechte Hirnhemisphäre eher für die averbalen, bildhaften bzw. intuitiven, schöpferischen Fähigkeiten des Menschen steht. Echte Linkshänder – sie machen etwa 2 – 5 % der Bevölkerung aus – weisen eine umgekehrte Dominanz der Hirnhemisphären auf; allerdings sind hier die erhobenen Ergebnisse nicht einheitlich.

Die seitendominante Spezialisierung des menschlichen Gehirns hängt mit der individuellen Sprachentwicklung (Ornstein) und damit offenbar auch mit den unterschiedlichen Kulturkreisen zusammen. Das erklärt die weitverbreitete Rechtshändigkeit im westlichen Zivilisationskreis, in dem fast ausschließlich Rationales gefordert und gefördert wird, anders als bei Naturvölkern und den heute noch in Bildsymbolen schreibenden Nationen im asiatischen Raum, wo das Imaginativ-Intuitive im Vordergrund steht.

Die geradezu gegensätzliche Spezialisierung der beiden Hirnhemisphären ist offenbar von körpereigenen, eigenregulativen Mechanismen begleitet, die eine gewisse Angleichung bzw. Harmonisierung beider Bereiche anstreben, um ein gleichmäßigeres Ausleben zu ermöglichen. Diese dem Körper innewohnenden, auf einen Ausgleich zielenden regulierenden Abläufe können durch von außen herbeigeführte Lateralitätsbeeinflussungen, wie z. B. Umerziehung der Linkshändigkeit oder Unterdrückung bzw. Vernachlässigung von Begabungen, beeinträchtigt werden und dadurch zu pathologischen Reaktionen im Organismus führen. Inwiefern sich Lateralitätsstörungen gleichfalls an der Ohrmuschel in Form unterschiedlicher Irritationslagen der zugehörigen Repräsentationszonen äußern, ist durch keine wissenschaftliche Untersuchung belegt und bedarf noch klärender Studien.

Somit ist die Lateralität für die Ohrreflexologie von geringer Bedeutung. Aufgrund der angeführten Erkenntnisse könnte man davon ausgehen, dass das informativ stärker signalisierende Ohr jeweils der inaktiveren, im westlichen Kulturkreis also meist der intuitiven, Hirnhemisphäre zugeordnet ist. Dies ist wiederum zu verstehen als Ausdruck der körpereigenen regulativen Mechanismen, die einen Ausgleich von rationaler und intuitiver Fähigkeit im Sinne der Beidhändigkeit anstreben.

So finden wir in der Ohrakupunktur bei vielfältigen Beschwerdebildern, die im weitesten Sinne psychosomatisch geprägt sind, häufig eine kontralateral (bezogen auf die führende Hemisphäre) ausgeprägte Reagibilität der Repräsentationszonen. Im Gegensatz dazu projizieren sich alle traumatischen bzw. nicht psychisch geprägten Erkrankungen des Körpers auf die homolaterale Ohrmuschel (bezogen auf den Krankheitsort) und sind damit primär von dieser Seite zu behandeln. Es finden sich allerdings auch auf der so genannten nichtführenden Ohrmuschel ergänzende irritierte Zonen, die durchaus in die Behandlung miteinbezogen werden können.

In allen Fällen zweifelhafter Lateralität, die sich nicht durch Händeklatschversuch unbewusst-intuitiv als offenbarte Rechts- oder Linkshändigkeit bestimmen lassen, kann problemlos über beide Ohrmuscheln behandelt werden.

Im Praxisalltag werden meist orientierend beide Ohrmuscheln lateralitätsunabhängig auf reagible Punkte hin untersucht und dann mit der informativeren Seite zu nadeln begonnen.

Mit Vorbehalt ist der besonderen Betonung zu begegnen, die die französische Aurikulotherapie n. Nogier im Rahmen ihrer ausgesprochenen Spezialisierung mittels Magnetfeldern, Frequenzmodulation und Farbfiltern auf das Phänomen und die Beeinflussbarkeit der Lateralität über einen sog. „Lateralitätssteuerpunkt“ legt. Zu bedenken ist hier auch der Aspekt einer möglichen Manipulation des Patienten durch die vernachlässigte ganzheitliche Würdigung seiner psychisch-geistigen Persönlichkeit zugunsten einer apparativen Diagnostik mit letztlich nach wie vor ausstehenden objektiv wissenschaftlichen Grundlagen.

1.6 Indikationen und Kontraindikationen

Indikationen. Erwiesenermaßen sind nicht alle Krankheitsbilder mit einer einzigen Therapiemethode gleichermaßen gut oder erfolgreich zu behandeln. So hat auch die Ohrakupunktur, ähnlich wie die Körperakupunktur, bestimmte Schwerpunkte, aber auch Grenzen in ihren Behandlungsmöglichkeiten. Diese zu erkennen ist umso wichtiger für die erfolgreiche Anwendung einer Methode, je differenzierter und eingegrenzter das Spektrum ist.

Es darf angenommen werden, dass die Ohrakupunktur auf der Basis eines funktionierenden Mikrosystems im therapeutisch weitesten Sinne beinahe bei allen körperlichen Gebrechen bzw. Erkrankungen unterstützend oder lindernd wirkt und auch in Kombination mit anderen Methoden eingesetzt werden kann. Der Therapeut aber würde damit den Stärken der Ohrakupunktur nicht gerecht. Diese betreffen vornehmlich zum einen die sog. Yang-Erkrankungen im Sinne der Chinesischen Medizin, zum anderen die sog. Akuterkrankungen im Sinne der westlichen Medizin, wie akut schmerzhafte Beschwerdebilder des Bewegungsapparates, z. B. Lumboischialgie, Myalgien und akut-traumatische Zustände, Neuralgien oder Zephalgien.

Ferner scheinen auch bestimmte Formen von Suchterkrankungen wie Nikotin- und Esssucht einen Behandlungsschwerpunkt darzustellen; hier ist auf die Grenzen der Ohrakupunktur als einer in diesem Fall zwar effektiven, jedoch ausschließlich unterstützenden Behandlungsmethode hinzuweisen.

Kontraindikationen. Hier ist unbedingt zwischen relativen und absoluten Kontraindikationen zu unterscheiden.

Relative Kontraindikationen

unklare Schmerzzustände

maligne schmerzhafte Erkrankungen

In der Gravidität

Punkt Ovar (23)

Punkt Uterus (58)

Genitalzone

Absolute Kontraindikationen

vital bedrohliche Krankheiten

eine außergewöhnliche lokale Druckempfindlichkeit oder Entzündung der Reflexzonen bzw. -punkte

Entzündungen bzw. Verletzungen der gesamten Ohrmuschel

1.7 Nebenwirkungen und Komplikationen

Nebenwirkungen. Als einzige, für den Patienten unangenehme Nebenwirkung kennt die Ohrakupunktur nur die sog. Erstverschlimmerung, die selten auftritt und nicht ernsterer Natur ist. Sie stellt eine Art Verschlimmerung der ursprünglichen Beschwerden des Patienten dar und klingt i. d. R. innerhalb weniger Stunden ab. Diese Erstverschlimmerung weist einerseits auf den richtigen therapeutischen Ansatz hin, andererseits zeigt sie dem Therapeuten aber auch die Wahl eines zu starken Reizes an.

Komplikationen. Die seltenen und meist auch vermeidbaren Komplikationen, die im Rahmen einer Ohrakupunktur auftreten können, sind ernst zu nehmen.

Cave

vagovasaler Kollaps (erhöhtes Risiko im Bereich Concha und Anthelix)lokale Infektion

Die unkritische und unvorsichtige Nadelung der am dichtesten vagusinnervierten Region um den Gehörgang birgt die Gefahr eines vagovasalen Kollapses, der bei entsprechender Grunderkrankung des Patienten zu vital bedrohlichen Situationen führen kann. Dem ist vorzubeugen durch entsprechende Lagerung und durch die Abklärung schwerwiegender kardialer Grunderkrankungen.

Eine weitere, mit gravierenden Folgen belastete Komplikation liegt in der Möglichkeit einer lokalen Infektion. Sie tritt besonders nach unsauberer und traumatisierender Nadelung auf. Reiztechniken wie Dauernadel- und Kugeldruckmethoden, bei denen eine kontinuierliche ärztliche Überwachung nicht möglich ist, oder auch traumatisierende subkutane Stichtechniken, z. B. die „nasse“ Nadel zwischen Haut- und Knorpelschicht, können über lokale Infektionen bis hin zu der zwar seltenen, aber letztendlich deletären Perichondritis führen.

Da sich zu den angeführten, für die Patienten risikoreichen Stichtechniken keine zwingende Indikation benennen lässt, ist der Therapeut hier zu einer besonders umfassenden Aufklärung verpflichtet.

1.8 Nomenklatur

Für die Ohrakupunktur hat es trotz der relativ kurzen Entwicklungszeit und Systematisierung verschiedene, sich teilweise widersprechende Nomenklaturen gegeben. Nogier begann in den 60er Jahren, die Punkte mit Namen zu versehen, ging in den 80er Jahren jedoch zu einer eigenen Nummerierung über, nachdem König und Wancura im Rahmen ihrer Veröffentlichungen zu Beginn der 70er Jahre die in China geltende Bezifferung der Ohrpunkte in Europa eingeführt hatten. Ursprünglich verwendeten auch die Chinesen Namen, wie aus alten chinesischen Ohrtafeln mit ihren Symboldarstellungen hervorgeht (▶Abb. 1.7). Einige dieser Punkte bzw. Zonen sind auch in heutiger Zeit noch mit Nummern und mit Namen belegt, so heißt z. B. Punkt 55 „Shen Men“.

Tab. 1.1 Gegenüberstellung der derzeit international gebräuchlichen* Nomenklatur und Zoneneinteilungen.

Körperregionen

Body Area

Auricular Area

WHO Code

UCLA Zone

Ohrzentrum

Ear Center

Helix

MA-H1

H1

Chin. Rectum

Chinese Rectum

Helix

MA-H2

H2

Chin. Urethra

Chinese Urethra

Helix

MA-H3

H3

Äußere Genitalien

External Genitals

Helix

MA-H4

H3

Anus

Anus

Helix

MA-H5

H2

Ohrspitzen

Ear Apex

Helix

MA-H6

H7

Chin. Ferse

Chin. Heel

Antihelix

MA-AH1

A17

Chin. Sprunggelenk

Chin. Ankle

Antihelix

MA-AH2

A17

Chin. Knie

Chin. Knee

Antihelix

MA-AH3

A18

Chin. Hüfte

Chin. Hip

Antihelix

MA-AH4

A19

Gesäß

Buttocks

Antihelix

MA-AH5

A6

Ischiasnerv

Sciatic Nerve

Antihelix

MA-AH6

A7

Chin. Nerv Symp.

Chin. Sympathetic Nerve

Antihelix

MA-AH7

A9

Chin. HWS

Chin. Cervical Vertebrae

Antihelix

MA-AH8

A1, A2

Chin. BWS

Chin. Thoracic Vertebrae

Antihelix

MA-AH9

A3, A4

Nacken

Neck

Antihelix

MA-AH10

A10, A11

Brustkorb

Chest

Antihelix

MA-AH11

A12

Finger

Fingers

Scaphoid Fossa

MA-SF1

SF1

Handgelenk

Wrist

Scaphoid Fossa

MA-SF2

SF2

Ellenbogen

Elbow

Scaphoid Fossa

MA-SF3

SF3

Schulter

Shoulder

Scaphoid Fossa

MA-SF4

SF5

Chin. Clavicula

Chin. Clavicle

Scaphoid Fossa

MA-SF5

SF6

Shen Men

Divine Gate

Triangular Fossa

MA-TF1

TF1

Auge

Eye

Lobe

MA-L 1

L 5

Chin. Äußere Nase

Chin. External Nose

Tragus

MA-T 1

T 3

Tragusgipfel

Apex of Tragus

Tragus

MA-T 2

T 1

Chin. Larynx/Pharynx

Chin. Larynx/Pharynx

Tragus

MA-T 3

ST 2

Graue Subst./Subcortex

Subcortex

Antitragus

MA-AT 1

WT 4

Lunge

Lung

Inferior Concha

MA-IC 1

C 15

Luftröhre

Trachea

Inferior Concha

MA-IC 2

C 17

Endokrinium

Endocrine

Inferior Concha

MA-IC 3

WT 5

3E

Triple Warmer

Inferior Concha

MA-IC 4

C 18

Mund

Mouth

Inferior Concha

MA-IC 5

C 1

Speiseröhre

Esophagus

Inferior Concha

MA-IC 6

C 2

Chin. Cardia

Cardiac Orifice

Inferior Concha

MA-IC 7

C 3

Duodenum

Duodenum

Superior Concha

MA-SC 1

C 5

Dünndarm

Small Intestine

Superior Concha

MA-SC 2

C 6

Appendix

Appendix

Superior Concha

MA-SC 3

C 6

Kolon/Sigmoid

Large Intestine

Superior Concha

MA-SC 4

C 7

Leber

Liver

Superior Concha

MA-SC 5

C 13

Pankr./Gallenblase

Pancreas-Gall Bladder

Superior Concha

MA-SC 6

C 12

Chin. Urethra

Chin. Ureter

Superior Concha

MA-SC 7

C 9

Blase

Bladder

Superior Concha

MA-SC 8

C 9

* Stand Seoul 1987, modifiziert n.

Oleson

Die numerische Nomenklatur n. Nogier konnte sich nicht durchsetzen. In der Praxis behauptete sich sowohl die überwiegend numerische der chinesischen Schule als auch die weitgehend auf Nogier zurückgehende, an Namen orientierte Bezeichnungsweise der westlichen Aurikulotherapie; hier erwecken die häufig vielversprechenden pseudowissenschaftlichen (z. B. „Interferonpunkt“) oder medikamentenanalogen Bezeichnungen den Eindruck, als seien der Ohrakupunktur keine therapeutischen Grenzen gesetzt. Die Wirksamkeit dieser Punkte entspricht, wie sich in der Praxis zeigt, nicht ihrer Namensgebung und ist eher als ein in die entsprechende Richtung zeigender Hinweis zu verstehen.

Eine WHO-Aurikulo-Nomenklatur, die 1987 bei einem Übereinkommen in Seoul aufgestellt wurde, beschreibt, vornehmlich chinesisch geprägt, ca. 43 Ohrpunkte bzw. -zonen mittels eines sog. WHO-Codes. Die 1970 in Lyon durchgeführte WHO-Konferenz über die Nomenklatur der Ohrpunkte, bei der Nogier besonders gewürdigt wurde, hat zu keinem abschließenden Ergebnis geführt. Dieser Schritt in die Internationalisierung ist sicher begrüßenswert und dient dem weltweiten Forschungsaustausch, hat jedoch für die praktische Arbeit nur geringe Bedeutung, da dieser Code zu umständlich ist.

Ein vielversprechender Nomenklaturversuch stammt aus den USA von UCLA (U niversity of C alifornia, L os A ngeles); federführend ist Oleson (▶Tab. 1.1), der die Ohrmuschel in kleine Zonen einteilt. Entsprechend ihrer anatomischen Lage sind die Zonen mit einem alphanumerischen Code belegt, dessen Buchstaben die Anfangsbuchstaben der lateinischen Anatomiebezeichnungen wiedergeben (▶Abb. 1.6). Lage und Größe jeder dieser Zonen, netzförmig über die Ohrmuschel verteilt, in ihrer jeweiligen Größe schwierig zu definieren und daher auch willkürlich gewählt, bedürfen – ähnlich wie die der Reflexzonen – noch der genaueren anatomischen Beschreibung und Definition.

Unsererseits liegen noch keine Erfahrungen darüber vor, inwieweit sich diese Einteilung für die Praxis bewährt, d. h. auf die Verhältnisse der Ohrmuschel als plastisches Gebilde übertragen lässt. Jedoch erscheint die UCLA-Nomenklatur in ihrer Logik und Nachvollziehbarkeit wesentlich praktikabler und sinnvoller als die des WHO-Codes, besonders auch für den internationalen Erfahrungsaustausch. Somit ist zu wünschen, dass diese Idee bei einem nächsten Treffen der WHO-Arbeitsgruppe zur Standardisierung der Akupunkturnomenklatur diskutiert und ggf. eingearbeitet wird. Im Interesse der Internationalisierung sind in diesem Buch auch die englischen Bezeichnungen bzw. Kodierungen sowie eine Übersicht der UCLA-Zonenaufteilung aufgeführt. Den am internationalen Erfahrungsaustausch interessierten Kollegen sei die Kenntnis der angegebenen englischsprachigen Termini und/oder des WHO- bzw. UCLA-Codes der Ohrakupunktur dringend empfohlen.

In der Praxis hat sich bisher ein Miteinander von eher beschreibender westlicher Nomenklatur und mehr numerischer Nomenklatur der chinesischen Schule bewährt. Diese Art der praxisbezogenen Nomenklatur sollte jedem vertraut sein, der die Ohrakupunktur praktiziert. Teilweise entwickelten sich aus den Bedürfnissen der Praxis bestimmte alphanumerische Modifizierungen der Nomenklatur, wie sie sinnvollerweise Lange z. B. beim Polsterpunkt mit der Nr. 29 und den auf der postantitragalen Linie gelegenen, teils von Chinesen, teils von westlichen Ohrakupunkteuren beschriebenen Punkten 29 a, b, c vorgenommen hat. Hier zeichnet sich deutlich ein Integrationsprozess der westlichen Ohrakupunktur ab.

Abb. 1.6 Ohrkartographie (modifiziert n. Oleson).

Abb. 1.7 Frühe chinesische Ohrkartographie mit Symboldarstellungen der Repräsentationszonen.

2 Anatomie der Ohrmuschel

2.1 Anatomische Nomenklatur

Allgemeines. Die Ohrmuschel befindet sich als ovales, elastisches Gebilde subtemporal zwischen Kiefergelenk und Mastoid. Dieses Oval misst in seiner vertikalen Längsachse ca. 60 – 65 mm, während der horizontale Querdurchmesser ca. 30 – 35 mm beträgt. Das Grundgerüst bildet ein elastischer Knorpel, überzogen vom Perichondrium. Der Lobulus auriculae (Ohrläppchen) besteht aus weichem, fettreichem Bindegewebe.

Das anatomische Relief der Ohrmuschel ist trotz seiner konstanten Strukturen kompliziert, sodass es unumgänglich ist, sich näher mit dem anatomischen Aufbau der Ohrmuschel zu befassen. Nur so lässt sich hinreichende Erfahrung sammeln, um Reflexzonen und -punkte in Relation zum anatomischen Relief sicher finden bzw. beschreiben zu können.

Es wird auch kaum sinnvoll sein, sich die Ohrakupunktur allein aus dem Buch mit seinen zweidimensionalen Abbildungen aneignen zu wollen. Entscheidend ist vielmehr, die theoretischen Grundlagen möglichst rasch unter der Anleitung eines erfahrenen Behandlers mittels Ohrmodell bzw. an der in vivo Ohrmuschel praktisch umzusetzen. Es kann nicht genug betont werden, wie schwierig es ist, sich im Detail so zu orientieren, dass wichtige Zonen und Punkte sicher auffindbar sind, da die konstante Grundform der Ohrmuschel eine überraschende Vielzahl von Form- und Reliefvarianten aufweist (s. Farbtafeln ▶Abb. 2.3 bis ▶Abb. 2.10). Geht man davon aus, dass jeder Mensch ein eigenes unverwechselbares Ohrrelief besitzt, das außerdem Differenzen zwischen links und rechts aufweist, so kann man durchaus von einer „individuellen Ohrphysiognomie“ sprechen.

Einige Autoren schreiben der Ohrphysiognomie eine besondere Bedeutung in Hinsicht auf die persönlichen Veranlagungen eines Menschen zu (Glas, Altmann, Markgraf). Derart weitgehende Interpretationsversuche der Ohrmuschelphysiognomie in Bezug auf die charakterliche Veranlagung eines Menschen sind rein spekulativ und haben mit dem Mikrosystem der Ohrmuschel nichts zu tun.

Sicher ist, dass die Ohrmuschel embryologisch einen ungewöhnlichen Ursprung hat und sich von Geburt an in ihrem wiedererkennbaren individuellen Relief nur noch geringfügig verändert.

Ohrmuschelvorderseite. Sie weist eine konstant strukturierte Oberfläche auf, die anatomisch wie folgt beschrieben wird (▶Abb. 2.1).

Eine Art Krempe, die Helix, umrandet das Ohr. Sie findet ihren Ursprung in der Helixwurzel, dem Crus helicis. Diese liegt in der Mitte der tiefsten Ebene der Ohrmuschel, der Concha, und unterteilt diese in einen oberen Anteil, Concha superior, und einen unteren Anteil, die Concha inferior; diese wiederum stellt das Gebiet um den Meatus acusticus dar.

Die Helix gliedert sich nach ihrem Austritt aus dem Crus helicis zunächst in einen Bereich der aufsteigenden Helix, der in der höchsten Konvexität des Ohrrandes, dem Apex helicis, kulminiert. Der dorsale Anteil der Helix, auch als absteigende Helix bezeichnet, verliert sich schließlich über den Helixschwanz in einem weichen Übergang zum Lobulus. Im oberen Anteil der absteigenden Helix findet sich häufig eine sicht- und tastbare Vorwölbung, das Tuberculum Darwinii. Diese, bei Tieren noch als Ohrspitze zu findende Veränderung, ist beim Menschen ein Residuum aus der Entwicklungsgeschichte, sie ist jedoch als Fixpunkt und Reflexzone von Bedeutung.

Ein knorpeliger Wulst, die Anthelix, verläuft parallel zur Helix und trägt als Quasi-Vertikalachse und Widerpart zur Helix wesentlich zu dem charakteristischen Bild des Ohrreliefs bei. Die Anthelix gabelt sich in ihrem kranialen Anteil der Ohrmuschel in zwei Wurzeln, das Crus anthelicis inferius und das Crus anthelicis superius. Beide Wurzeln umschließen miteinander eine konkave Vertiefung, die Fossa triangularis, die kranial von der aufsteigenden Helix begrenzt wird. Die Fläche zwischen Anthelix und Helix wird als Scapha bezeichnet und geht kaudal in den Lobulus über.

Abb. 2.1 Ohrmuschelvorderseite (OmV) – Anatomie im Überblick.

In Richtung Gesicht, vertikal verlaufend zwischen aufsteigender Helix und Ansatz des Lobulus, findet sich über dem Meatus acusticus eine knorpelige Vorwölbung, der Tragus. Er kann ein- und zweihöckrig imponieren und findet, getrennt durch die Incisura intertragica, gegenüberliegend in einem knorpelig-kegeligen Wulst, dem Antitragus, seinen Widerpart. Der über dem Meatus acusticus gelegene Tragus ist das entwicklungsgeschichtliche Rudiment einer Klappe, die ursprünglich dazu diente, den Gehörgangseingang zu verschließen.

Der Antitragus setzt sich vom Ende der Anthelix durch die kleine Postantitragale Furche ab. Diese stellt ein für die Ohrakupunktur sehr wichtiges Areal dar. Der Tragus grenzt sich nach kranial zur Helix hin durch eine kleine Einkerbung, die Incisura supratragica, ab.

Ohrmuschelrückseite. Sie ist in ihrem visuell und palpatorisch zugänglichen Anteil aufgrund den mit dem Schädelknochen verwachsenen Bereichen erheblich kleiner (▶Abb. 2.2). Als Negativrelief finden sich die gleichen Strukturen wie auf der Ohrmuschelvorderseite, mit Ausnahme von

gehörgangsnahen Anteilen der Concha superior und inferior

aufsteigender Helix bis zum Ohransatz Gesichtshaut

tragalem Anteil der Incisura intertragica

Die Vertiefungen der Vorderseite imponieren hier als Eminentiae, die Erhebungen als Sulkus. Der Scapha entspricht auf der Ohrrückseite eine Vorwölbung, die Eminentia scaphae. Sie geht im Lobulus-Anteil in eine kleine konkave Vertiefung über, die Fovea retrolobularis, die wiederum der leichten Vorwölbung des vorderen Lobulus entspricht. Parallel zur Eminentia scaphae folgt eine der Anthelix auf der Vorderseite entsprechende Furche, der Sulcus anthelicis.

Die Aufgabelung der Anthelix auf der Vorderseite erfolgt spiegelbildlich auf der Rückseite in Form einer rinnenartigen Fortsetzung des Sulcus anthelicis nach apikal in Form des Sulcus cruris superius. Das Crus anthelicis inferius stellt sich auf der Rückseite in Form eines Sulcus cruris inferius dar, der eine leichte Vorwölbung, die Eminentia fossae triangularis, nach unten abgrenzt. Nach unten folgen nun Anteile der Concha superior in Form einer leichten Vorwölbung als Eminentia conchae superior (= Hemiconcha superior). Getrennt durch eine rinnenartige Vertiefung, die dem Crus helicis auf der Vorderseite entspricht und als Sulcus posterior centralis bezeichnet wird, setzt sich nach unten die Eminentia conchae inferior ab, und zwar wiederum in Form einer leichten Vorwölbung (▶Tab. 2.1).

Die anatomische Struktur der Ohrmuschelrückseite lässt sich recht einfach praktisch nachvollziehen, indem man in einer Art Zangenhaltung den Daumen auf der Ohrrückseite und den Zeigefinger auf der Ohrmuschelvorderseite entlangführt. Durch diese vergleichende Palpation wird die Relation zwischen den Konturen in der Ohrrückseite und dem bekannten Relief der Ohrvorderseite klar.

Tab. 2.1 Entsprechungen

Ohrmuschelrückseite

Ohrmuschelvorderseite

Eminentia scaphae

Scapha

Sulcus anthelicis

Anthelix

Sulcus cruris superius

Crus anthelicis superius

Eminentia fossae triangularis

Fovea triangularis

Sulcus cruris inferius

Crus anthelicis inferius

Eminentia conchae superior

Concha superior

Sulcus posterior centralis

Crus helicis (Helixfuß)

Eminentia conchae inferior

Concha inferior

Fovea retrolobularis

Lobulus auriculae

Abb. 2.2 Ohrmuschelrückseite (OmR) – Anatomie im Überblick.

Abb. 2.3 Säuglingsohr.

Abb. 2.4 Prominentes Crus superius.

Abb. 2.5 Ausgeprägte Helixkrempe, betonter Lobulus.

Abb. 2.6 Schmale Helixkrempe, partiell angewachsener Lobulus.

Abb. 2.7 Fleischige Ohrmuschel, Konturunterbrechung des Crus inferius.

Abb. 2.8 Rudimentärer Antitragus; fehlender Helixfuß.

Abb. 2.9 „Stressfurche“, gering ausgeprägter Antitragus. Kaum sichtbare Postantitragale Furche.

Abb. 2.10 Komplett angewachsener Lobulus; Helixkrempe zweifach geknickt und fortlaufend fast bis zum Übergang des Lobulus in die Gesichtshaut.

2.2 Embryologie und Innervation

Allgemeines. Entwicklung und Ausformung des äußeren Ohres, der Ohrmuschel, die als Schalltrichter dient, beginnen im Verlauf der sechsten Entwicklungswoche der Embryogenese. Während sich alle übrigen Kiemenspalten zurückbilden, verbleibt die erste. Aus ihrem dorsalen Abschnitt sowie aus sechs Mesenchymverdichtungen, von denen jeweils drei an den äußeren Gehörgängen auftreten, wird allmählich die endgültige Form der Ohrmuschel ausgebildet. Die Verschmelzung dieser verschiedenen Höcker ist sehr kompliziert, und so treten häufig Variationen und nicht selten auch Anomalien in der Ohrmuschelform auf.

Innervationsgebiete. Laut Veröffentlichungen von Nogier und Bourdiol (1975), erweitert um die „Loci auriculo medicinae“, die sich im Wesentlichen auf Arbeiten von Bourdiol aus den 70er-Jahren stützen, finden sich auf der Ohrmuschelvorderseite drei Innervationsgebiete. Beteiligt an der nervalen Versorgung der Ohrmuschel sind in erster Linie

Plexus cervicalis

Ast des N. trigeminus, in deren Grenzbereich die Ohrmuschel liegt, sowie

N. vagus

Der R. auricularis magnus des Plexus cervicalis superficialis versorgt mit sensiblen Fasern den Lobulus und einen Teil des Helixrandes bis hin zum Darwin-Höcker. Concha superior und Concha inferior mit dem tiefsten Teil der Helixwurzel werden vom R. auricularis des N. vagus mit einer besonderen Nervenfaserdichte um den Meatus acusticus innerviert.

Der verbleibende Anteil des äußeren Ohres, d. h. aufsteigende Helix, Anteil des Crus helicis, Tragus sowie Anthelix, Fossa triangularis und Scapha, liegt im sensiblen Versorgungsgebiet des R. auriculotemporalis des N. mandibularis (3. Ast des N. trigeminus).

Die posteriore Seite der Ohrmuschel wird vornehmlich von motorischen Fasern des R. auricularis magnus aus dem Plexus cervicalis superficialis innerviert. Diese Innervationsfelder sind nicht scharf voneinander abzugrenzen, sondern gehen in quasi gemischtnervigen Grenzzonen ineinander über.

Nach Durinjan sind noch drei weitere Hauptnerven mit Ästen an der Innervation der Ohrmuschel beteiligt. In der ersten deutschsprachigen Veröffentlichung seiner Arbeiten durch Umlauf in der Deutschen Zeitschrift für Akupunktur (DZA) aus dem Jahr 1988 stellen fünf Nerven die Innervation der Ohrmuschel:

ein Ast des Plexus cervicalis,

des N. trigeminus,

der N. intermedius aus dem N. facialis,

der N. glossopharyngeus,

und der R. auricularis des N. vagus.

Die Innervationszonen der beteiligten Nerven zeigen ausgeprägte Überlagerungen, sodass kein Innervationsgebiet abgegrenzt nur von einem Nerven versorgt wird.

Eine relativ aktuelle neuroanatomische Arbeit von E. Peuker, veröffentlicht 2003 in der Deutschen Zeitschrift für Akupunktur (DZA), beschreibt, dass die Ohrmuschel von vier verschiedenen Nerven versorgt wird, die sowohl brachiogenen als auch somatogenen Ursprungs sind. Danach sind vorderseitig der N. auricularis (Ramus des N. vagus), der N. auricularis magnus (R. d. Plexus cervicalis), der N. auriculotemporalis (R. d. N. Trigeminus) beteiligt, die sich weitgehend überlappen. Es überlappen sich dabei jedoch nie drei Nerven gleichzeitig. Auf der Rückseite gesellt sich zusätzlich zu dem R. auricularis des N. vagus und des N. auricularis magnus mit nahezu 50 % der N. occipitalis minor. Nach Peuker ist der N. vagus nicht nur in der Concha, sondern überwiegend auch auf der gesamten Anthelix vertreten.