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Nach dem Suizid des Partners und seinem eigenen Suizidversuch, gründete Mario Dieringer das Projekt TREES of MEMORY. Seit März 2018 läuft er um die Welt und pflanzt Bäume der Erinnerung für Suizidopfer. Wie er seine Suizidalität und die Depressionen beseitigt hat, schildert er in diesem Buch. Mit einer Mischung aus biografischen Kapiteln und philosophischen Sequenzen beschreibt er die zum Teil brutalen Episoden seines Lebens. Die privaten Einblicke in eine bunte Lebensgeschichte, helfen zu verstehen, wie sich Depressionen und Suizidgedanken entwickelt haben. Er schafft es, auf verständliche Art und Weise Gedankenknoten, Stück für Stück so aufzulösen, dass es dem Leser ermöglicht, eigene Parallelen und Lösungsansätze zu ziehen. Mit diesem Buch gibt er Betroffenen neue Einsichten und Lebensperspektiven an die Hand.
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Seitenzahl: 538
Veröffentlichungsjahr: 2020
Der Geist ist die Quelle aller Verwirrung.
Buddha
TREES of MEMORY
http://www.treesofmemory.com
Alle 40 Sekunden nimmt sich irgendwo auf unserem Planeten ein Mensch das Leben. In Deutschland glückt jede Stunde ein Suizid. Die Anzahl missglückter Suizidversuche ist erschreckend hoch. Bei Jugendlichen unter 25 Jahren ist die Selbsttötung die zweithäufigste Todesursache.
Dieses Buch ist all denjenigen gewidmet, deren Leben von Schwermut, Ängsten und Sorgen geprägt sind. Ich habe es für Personen mit Depressionen und Suizidgedanken geschrieben. Ich wende mich an Betroffene, die selbst einen Suizidversuch hinter sich haben oder einen solchen planen.
Die nachfolgenden Kapitel richten sich ebenfalls an die „gesunde“ Allgemeinheit. Fast jeder von uns kennt jemanden mit Depressionen. Viele haben im engen oder weiteren Kreis der Familien, Kumpels, Freundinnen, Bekannten und Arbeitskollegen einen Suizid miterlebt. Das führt nicht selten zu einem Trauma und einer lebenslangen Belastung.
Dieses Buch adressiert Journalisten, die nach wie vor vom Selbstmord reden, aus Opfern Täter machen und nicht glauben, dass positive Behandlungsverläufe inspirierend sind. In vielen Fällen gibt es den Papageno-Effekt, das ist die Nachahmung von Behandlungen und Auswegsuche, wenn Menschen davon lesen oder hören, dass vollständige Genesungen häufig vorkommen. Vor allem dann, insofern sie sich mit dem Protagonisten der Story gleichsetzen können.
Es bringen sich Erkrankte deshalb um, weil sie nach der Lektüre eines sensationsgierenden Artikels mit genauer Handlungsanleitung des Suizids einer prominenten Person das Gefühl haben, keine Chance mehr zu haben. „Wenn schon der Promi mit seinen Millionen auf dem Bankkonto, dem Ruhm, den Fans und der dicken Villa keinen Ausweg gesehen hat, was soll dann aus mir werden“, denken sich an Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen leidende Leser. Es kann dadurch zum Werther-Effekt und der Identifizierung mit dem Verstorbenen kommen.
Ich spreche jeden an, der sich mit dem Thema auseinandersetzt oder Interesse daran zeigt. Alle Personengruppen, die vorbereitet sein wollen, falls der Tag kommt, der zu einer Depression und mehr führt.
Dieses Buch ist für Leser, die einen tiefen Einblick in eine andere Lebens-Realität wagen, um daraus neue Perspektiven zu gewinnen, die ihren Alltag im Positiven auf den Kopf stellen können.
Und es ist für diejenigen, die jetzt annehmen, einen furztrockenen und grauenhaft traurigen Schmöker in der Hand zu halten, der sich mit dem Tod anstatt dem Leben beschäftigt und sich wie Kaugummi, trostlos und langweilig, in die Länge zieht.
Kurz und gut:
Dieses Buch ist für Dich, für Euch, für uns und ein klein wenig ist es auch für mich.
P.S.
Meine Überlegungen richten sich nicht an Sterbenskranke, die vor der Entscheidung stehen, ob sie an einer tödlich verlaufenden Krankheit versterben oder ob sie im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte ein selbstbestimmtes Ende herbeiführen. Dieser Personengruppe zolle ich meinen tiefsten Respekt. So wie ich jedem mit meinem Herzen voller Mitgefühl und Respekt begegne, der nicht mehr in der Lage war einer schrecklichen Krankheit mit suizidalen Nebenwirkungen zu widerstehen.
Ich habe eine Vision: TREES of MEMORY.
Seit März 2018 laufe ich um die Welt und pflanze Bäume der Erinnerung für Suizidopfer. Zuvor versank ich in Depressionen, überlebte einen Suizidversuch durch Reanimation und ich verlor kurze Zeit später meinen Partner, weil er sich nach einer Auseinandersetzung das Leben genommen hat. Von jetzt auf gleich war ich auf dem Grund der Hölle gefangen. Zu diesem Zeitpunkt habe ich nicht mehr daran geglaubt, dass ich sie lebend verlassen werde.
Dieses Buch zeichnet den Trip eines Kindes in die psychische Unterwelt bis hinab zur Schwelle des Todes. Es ist meine Reise zurück ins Licht, in ein Leben und in die Zukunft eines Erwachsenen, dessen inneres Kind nie aufgegeben hat zu träumen. Jetzt habe ich mich voller Glück meinen Zukunftstraum verschrieben.
„Einfach“ ist das nicht immer, aber heilend.
Dieses Buch ist eine sehr persönliche Wahrheit und enthält Informationen und Beschreibungen, die für die meisten Menschen viel zu privat wären, als dass sie diese mit der Welt teilen würden. Ich habe mich bewusst dazu entschieden, meine Erlebnisse, Fakten, Daten, Sachverhalte und persönlichen Interpretationen zu veröffentlichen. Nur so ist es möglich, zu verstehen, wie meine Depressionen entstanden sind und wie sie sich im Laufe der Jahre entwickelt haben. Nur deshalb ist für Leser und Betroffene eine Annäherung an meinen Suizidversuch und das benötigte Verständnis denkbar und möglich. Ich bin der Überzeugung, dass es jedes einzelne Kapitel braucht, um nachzuvollziehen, wie es mir gelungen ist, aus der tödlichen Sackgasse zurück in ein Leben voller Freude, Erfüllung und spannender Zukunftsperspektiven zu finden.
Meine Hoffnung ist es, dass sich die Leser in diesem Buch wiederfinden und ihre eigenen Mechanismen verstehen lernen.
Ich wäre extrem glücklich, wenn Du auf den nachfolgenden Seiten einen Satz, einen Abschnitt oder ein Kapitel finden würdest, das Deine Lebensperspektive erklärt und in irgendeiner positiven Form zu verändern hilft. Ich wäre gesegnet, wenn dieses Buch nur einen einzigen Menschen von Depressionen oder Suizidalität weitestgehend befreit.
Ich bin kein Arzt. Ich interpretiere die Lebenszeit. Ich folge meiner eigenen Weltsicht, die mich gerettet hat. Ich habe das Rad nicht neu erfunden und lebe die Vision meiner Realität. Mein journalistisches Wissen zeigt, dass niemand alleine ist mit seinen Vorstellungen, Wünschen, Sehnsüchten und Erfahrungen. Manchmal verstehen wir das nur nicht. Wir sind niemals völlig isoliert.
P.S.
Viele im Buch vorkommende Namen, sind zum Schutz der Persönlichkeit von mir verändert worden. Davon ausgeklammert sind Personen, die in offizieller Funktion mit dem Verein TREES of MEMORY e.V. zu tun hatten oder haben.
Wenn Du am Morgen aufwachst, dann weißt Du nicht, dass die kommenden Stunden Dein gesamtes Leben verändern und nichts mehr von dem übrigbleiben wird, was dein Sein und deine Gegenwart ausmachen.
Als ich am Ostermontag 2016 gegen 12 Uhr mittags mit zugedröhntem Kopf erwacht bin, schrie der ganze Körper erst mal nach Essen und Kaffee. Mein Kumpel Hans war unterwegs und sein Kühlschrank leer. Deshalb bin ich raus auf den Kollwitz-Platz am Berliner Prenzlauer Berg, um mir ein stärkendes Mittagessen zu genehmigen.
Ich war seit Karfreitag in der Stadt und habe durchgängig auf verschiedenen Partys gefeiert, weil ich aus dem Frankfurter Mief und der dortigen Situation raus wollte, um nicht verrückt zu werden. Ich hatte mich zuvor mit meinem Freund Jose gestritten. Es war nicht das erste Mal. Aber an diesem Wochenende explodierten alle aufgestauten Ängste und Ärgernisse unserer zweieinhalbjährigen Beziehung. Ich war es leid, von ihm emotional missbraucht zu werden. Das Schlimmste und der eigentliche Grund der Auseinandersetzung war, dass Jose sich weigerte, eine adäquate Depressionstherapie zu machen, obwohl er alle Möglichkeiten dazu hatte. Er war in Behandlung und erzählte seinem Therapeuten nichts als Lügen, Märchen und Ausreden. Kam er von einer Sitzung nach Hause, lachte er sich schlapp, weil er dem Psychologen denselben Bären aufgebunden hatte, den er schon seit Wochen immer wieder neu erfand. Für mich war das zum Kotzen, weil ich Angst um ihn hatte und mir den Arsch aufgerissen hatte, damit er schnellstmöglich eine Therapie beginnen konnte.
Jose kam aus einer Familie, in der schwere Depressionen schon von den Großeltern weitergegeben wurden. Seine Mutter hatte zwei Suizidversuche hinter sich. Sie lebt seit Jahrzehnten mit Antidepressiva. In ihrer Wohnung wurde seit vielen Jahren darauf geachtet, dass nichts zugänglich war, mit dem sie sich das Leben nehmen könnte. Dieser familiäre Hintergrund war Jose egal. Seine Standardsätze „Ach Schatz, so alt will ich gar nicht werden“ und „Ich habe die Suizidgedanken, seit ich 16 Jahre alt bin. Bisher ist immer alles gut gegangen“, raubten mir den Schlaf und versetzten mich in Todesangst. Der Fahrstuhl seiner Psyche ging vollkommen überraschend wieder einmal viele Stockwerke hinab in die Hölle, weil er seine Antidepressiva von jetzt auf gleich abgesetzt hatte. Es war nicht das erste, sondern das dritte Mal innerhalb weniger Monate.
In diesen Tagen und Wochen gab es den Mann, in den ich mich so verliebt hatte, nicht mehr. Es fehlten nicht nur die menschliche Wärme, das gelöste Lachen, die hoffnungsvolle Zukunft oder das schöne Miteinander, sondern jeglicher Respekt. Mitgefühl und die Auseinandersetzung mit meinen Ängsten holte ich mir sonst wo, denn er hatte weder das eine noch das andere. Das war nicht der Mann, mit dem ich alt werden wollte. Das war nicht der Lebenspartner, dessen Augen mir einen tiefen Blick in seine Sehnsüchte ermöglichten, die ich sehr gut kannte und nachvollziehen konnte. Da war nicht mehr der Kerl, der mit einer einzigen Umarmung die ganze Welt angehalten hat und mir eine Stille und einen Frieden schenkte, wie ich es nie im Leben zuvor erfahren hatte. Da war nur der Typ, der mich in allergrößte Angst versetzte, weil ich mir nicht mehr sicher sein konnte, ob ich ihn am Abend lebend antreffen würde.
Ich hatte Todesangst um ihn. Ich habe das nicht mehr ertragen. Ich hatte, wie jeder andere Mensch auch, eine schöne Zukunft verdient und wollte mich nicht weiter terrorisieren lassen. „Du hast vier Tage Zeit, um dich für eine stationäre Therapie zu entscheiden oder unsere Beziehung ist am Ende“, sagte ich ihm und fuhr nach Berlin, zu meinen Freunden.
Meine Reise wurde von einem wüsten SMS-Sturm begleitet. Ich warnte ihn mehrmals, er möge damit aufhören. Am Ende musste ich das Handy ausschalten, um meinen Frieden zu finden.
Als ich es um 13 Uhr, drei Tage später, auf dem Kollwitz-Platz wieder eingeschaltet habe, erreichten mich 120, meist Sprachnachrichten. Es hat weit über eine Stunde gedauert, um alles abzuhören. Jose weinte, er lachte, er schimpfte, er tobte, er war verzweifelt, er wollte nach Berlin kommen. Er bestand darauf, mich zu heiraten, er nahm sich vor, mit mir in eine Wohnung zu ziehen, er gab vor, alles zu tun, wenn ich nur zurück zu ihm käme. Es gab keine einzige Nachricht, in der er mir mitteilte, dass er in die Klinik gehe. Jose war bei seinem Ex-Freund, einem katholischen Priester und Dekan, mit dem er eine siebenjährige Beziehung geführt hatte. Für diesen Mann war ich der personifizierte Teufel. Ich war es, den Jose eines Tages kennengelernt hatte und für den er diese versteckte Beziehung voller Enttäuschungen beendet hatte. Trotzdem fuhr Jose in seiner Verzweiflung zu ihm und hoffte auf Hilfe und Trost. Joses Stimmung ging hoch und runter, hin und her, er verfluchte mich, er flehte verzweifelt, er sprach von Dingen, die ich nicht zuordnen konnte, und seine Stimme wurde dabei immer leiser. Seine letzte Nachricht war: „Das ist der letzte Kuss für Dich“ gefolgt von einem Kuss und Weinen.
Ich hörte zu und heulte wie ein Schlosshund. Ich versuchte ihn anzurufen, doch niemand ging an das Telefon. Ich schrieb eine SMS nach der anderen und erklärte mich wieder und wieder. Ich erinnerte ihn daran, dass ich doch heute Abend zu ihm komme und wir dann in Ruhe miteinander reden würden. Ich drückte laufend auf die Statusmeldung meiner ausgehenden SMS-Nachrichten.
Endlich kam die erlösende Meldung: Gesendet, Empfangen und das Wichtigste, Gelesen.
Weinend brach ich auf einer Bank zusammen und habe dem lieben Gott eine Million Mal dafür gedankt, dass nochmal alles gut gegangen ist. Ich versicherte Jose, wie abgemacht, am Abend direkt vom Zug aus zu ihm zu kommen, damit wir uns aussprechen.
Wer meine Nachrichten gelesen hat, weiß ich bis heute nicht. Jose war zu diesem Zeitpunkt seit zwei Tagen tot. Suizid.
Was ich in Folge psychisch und körperlich erleiden musste, lässt sich kaum in Worte fassen. Ich wurde und werde noch immer als Mörder beschimpft und ich verlor mein halbes Leben um mich herum. Der emotionalen Hölle, in der ich gefangen war, glaubte ich viele Male nur durch einen eigenen Suizid entkommen zu können. Immer wieder hörte ich, dass man mir helfen wolle und das Einzige, was ich als Antwort gefühlt und im Geiste gebrüllt habe, war: „Das kannst Du nicht!“
Sechs Monate weinte ich Tag und Nacht, bis an einem Donnerstagmorgen unter der Dusche eine Reise zurück ins Licht begann. Ein Psychotrip, weit in das Dunkel der Vergangenheit, hin zu meinem eigenen Suizid im Dezember 2014, dem ich durch Wiederbelebung gerade mal so entkommen war.
Eine Expedition hinaus in eine unfassbar berauschende Gegenwart und fort in eine Zukunft, die nur ein Ziel kennt: Um die Welt laufen, um Bäume der Erinnerung für Suizidopfer zu pflanzen und den Hinterbliebenen, egal wie, Trost und Kraft zu spenden.
Eine Entdeckungsreise, die von Suizidgedanken betroffenen Menschen Mut machen soll und beweist, dass es zu jeder Zeit eine Zukunft gibt, auch wenn man diese nicht mehr wahrzunehmen vermag.
Ein Lauf, der zeigen soll, dass es sich immer lohnt, an sich zu glauben, der großen Bewegung, in die unser aller Leben eingebunden ist, zu vertrauen, beständig zu hoffen und für seine Ideale, Ziele und Träume zu kämpfen.
Zu diesem Abenteuer möchte ich Dich mitnehmen. Wenn Du unter Depressionen leidest und manchmal an den Tod denkst, mag ich Dir Hoffnung geben und Mut machen. Ich strebe an, mit meiner eigenen Geschichte und meinen Erfahrungen in Dir den Willen leben zu wollen und gesund zu werden, neu zu entfachen.
Ich lade Dich in mein psychisch erkältetes Leben ein.
Willkommen bei TREES of MEMORY.
Was bist Du wert?
Als ich das im September 2016 auf einem Seminar, das mir helfen sollte mein Seelenheil zu finden, gefragt wurde, kam mir das reichlich merkwürdig vor. Einen Gedankengang später war ich mittelmäßig entsetzt. Ich hatte keine Antwort.
Mein Gegenüber hat nicht locker gelassen. Je mehr er fragte, umso unsicherer wurde ich. Wie soll man das bemessen? Nach welchen Kenngrößen kann ich mich berechnen? Was lege ich einer solchen Kalkulation zugrunde? Einen Stundenlohn? Die Projekte, die ich bis dato erfolgreich umgesetzt hatte? All die Dinge, die ich in den Sand gesetzt hatte? Meine offenen Baustellen? Die bisherigen Lebensjahre mal dem jährlichen Bruttoeinkommen? Die Anzahl der Sexpartner? Die Größe des Freundeskreises? Was ist mit meiner Freundschaft? Hat die einen Wert, den man messen kann? Ich habe schon gehört: „Du bist unbezahlbar“. Was heißt das? Wieviel würde man für mich hinblättern? Einen Zwanziger, aber nur mit Happy End? Ich habe keine Antwort, weil ich nicht weiß, ob meine Wenigkeit einen messbaren Wert hat oder gar nicht von Belang ist.
„Ich frage Dich nochmals: Was bist Du wert? Was bist Du mir wert, als Freund, als Arbeitskollege, als Ehepartner, als Affäre, als Nachbar, als Mensch? Hast Du einen Wert für mich, der nicht ersetzbar ist oder bekomme ich sowas wie Dich an jeder Straßenecke? Bis Du ein toller Hecht, eine Million Euro schwer? Oder bist du mir nicht den Dreck unter den Fingernägeln wert?“ Der Leiter des Workshops starrte mich fragend an. Mein Herz pumpte verzweifelt, das Gehirn pulsierte, das Gesicht flackerte mal leichenblass, dann tiefrot. Die Stimme versagte. Der Augendruck erhöhte sich, weil ich anfing, die Tränen zurückzuhalten. Die Faust ballte sich in der Hosentasche. Mein Zorn begann zu kochen und verwandelte sich schleichend in Hass. Schließlich machte ich auf dem Absatz kehrt, verließ mit dem lautesten Türknaller meines Lebens den Raum, ging aufs Klo und schrie die Klopapierrolle in Grund und Boden.
Je mehr ich über meinen Wert nachdachte, umso verzweifelter wurde ich und desto schwerer wurde mein Gemütszustand. Etwas, das ich gar nicht gebrauchen konnte. Nicht jetzt, nicht nachdem erst 8Monate vergangen waren, seit sich Jose das Leben genommen hatte. Was war ich ihm wert? Nichts – nicht mal so viel, dass er es für nötig erachtet hatte, eine Therapie zu versuchen. Nein, ich war ihm gar nichts wert. Weniger als das. So gering, dass das Leben an sich keine Bedeutung mehr hatte. So unbeträchtlich, dass der Tod wertvoller war als seine Lebenszeit, das Glück oder die Beziehung mit mir. Nein, tot sein zu wollen war ein deutliches Statement. Gleichzeitig hatte sein Suizid weitere multiple andere Wahrheiten. Lieber tot zu sein, als sich einer Behandlung zu unterziehen, war eine davon. Generell und ungeachtet von allen Menschen um ihn herum, keinen Bock auf nichts mehr zu haben, ganz gleich, wie es seinen Eltern, seiner Tochter und seinen Geschwistern ergehen würde, eine andere.
Die Frage war nicht beantwortet. Was bin ich wert? Am liebsten hätte ich aufgehört zu funktionieren. Kein Wunder, wenn man mal soeben feststellt, dass man gar nichts wert ist, und das schon ein Leben lang. Was für eine Erkenntnis.
Der Workshop nahm seinen Gang und mit ihm trudelten launig, diffuse Bewusstseinsfetzen ein. Hier mal ein Gedanke und dort ein Offenbarungserlebnis. Die Tage und Wochen gingen ins Land und aus der Frage, was ich wert sei, entwickelte sich ein Gedankenkosmos, aus dem ich Kraft schöpfe. Ich war nicht weiter gezwungen, auf der Goldwaage Platz zu nehmen. Die Abgrenzung gelingt, ohne einer Währung zu unterliegen. Die Frage, was ich wert sei, ist gegenstandslos.
„WAS BIN ICH MIR WERT“ ist die Gewichtung, auf die ich zu achten habe. Das ist Teil der Quelle des Seins und das Öl, welches das persönliche Getriebe schmiert. Daraus reproduzieren sich unsere Gedanken, Bedeutungen und Handlungen.
Ich erinnere mich an meine Mitpatienten in der psychosomatischen Klinik in Frankfurt. Wir hatten alle ein Wertigkeitsdefizit. Die gefühlte Wertlosigkeit stand nicht als Fakt im Raum, sondern war ein Symptom unserer psychischen Beeinträchtigungen. Diese Einsicht ist wichtig, um voranzukommen. Diese Vorstellung ist trotzdem nicht schön und schmerzt. Niemand will hören, dass er/sie mentale Defizite hat, ob das Merkmal einer Krankheit ist oder nicht.
Ich sollte meiner Geschichte nicht vorgreifen. Ich versuche, für mich zu sprechen und meine Biografie so zu erzählen, wie ich sie erlebt habe. Es ist eine Perspektive von vielen und keine Abrechnung. Es ist meine Wahrheit, die mich geprägt hat und die mir Emotionen und Bedeutungen aufgezwungen hat, auf die ich gerne verzichten könnte.
Ich strebe an, diese persönliche Lebens-Wirklichkeit zu nutzen, um Menschen, die unter Depressionen leiden und von Suizidgedanken geplagt sind, ein wenig Hoffnung zu geben. Ich bin kein Psychologe und studierter Philosoph. Ich experimentiere mit Küchenpsychologie und scheitere oft daran. Doch in den letzten drei Jahren auf meinem Fußweg kreuz und quer durch Deutschland habe ich Antworten gefunden, die mir wieder ein erfülltes Leben brachten und die mich im Großen und Ganzen haben gesunden lassen.
Manchmal befinde ich mich immer noch in dieser Phase, in der das Herz zu fragen beginnt, weil der Kopf keine Antworten mehr liefert. Ich muss sagen, das sind die wertvollsten Momente, die mir Lösungen mittels Fragestellungen liefern. Die Leichtigkeit, die ich fühle, wird nur selten von Angst und Sorge unterbrochen. Wenn dem so ist, kenne ich die Hintergründe und kann dagegen vorgehen. Ich habe gelernt, auf mein Herz zu hören und unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Natürlich kann ich nicht sagen, ob dies der Weisheit letzter Schluss ist. Vermutlich nicht. Doch im Hier und Jetzt hilft es mir. Die multiplen Erkenntnisebenen, die schleichend kamen, haben mir das Leben gerettet. Sie pumpten mich voller Energie, mit der ich meinen Alltag und das Projekt TREES of MEMORY, dem Lauf um die Erde, um Bäume der Erinnerung für Suizidopfer zu pflanzen, mit einer Liebe lebe, die mir bis dato fremd war. Ich möchte davon berichten und den Sinn erklären, der scheinbar hinter fast allem und jedem verborgen liegt. Ich möchte versuchen, Betroffenen ein Licht der Hoffnung zu schenken und denjenigen, die jemanden verloren haben, Gedanken mit auf den Weg zu geben, die helfen, ihre Trauer zu überwinden.
Betroffene, möglicherweise Du, könnten es mir nachmachen. Leider funktioniert das eins zu eins nicht. Deine Erlebnisse sind nicht die meinen. Aber es ist denkbar, dass Dich die hier vermittelten Gedanken und Einblicke darin unterstützen, Dein Leben neu zu verstehen oder zu interpretieren. Es besteht die Möglichkeit, dass Du Deine Depressionen schmälern kannst, ja unter Umständen sogar los wirst, gesetzt den Fall, dass Du den Wandel zulässt und Dir die Alternativlösung des „Was ist, wenn es stimmt“ offenhältst. Das ist sicher nicht bequem. Ich bin mir dessen bewusst. Es wird leichter, sofern Du damit beginnst, nicht zu werten, was Du liest. Es sind meine Erfahrungen, Erlebnisse und Schlussfolgerungen, die auf meiner persönlichen Biografie basieren. Die daraus resultierende Bilanz ist für mich so logisch wie eine mathematische Rechnung. Doch 2+3 muss nicht immer 5 ergeben. In Deiner Welt kann es sein, dass die Sieben das einzig logische Resultat ist. Du wirst es fühlen. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass Du die Unsicherheit, den lähmenden Schmerz des Geistes, die Nächte voller Schrecken, die tiefsitzende Trauer und die bleierne Hoffnungslosigkeit schmälern kannst, besser noch, vollständig beseitigen wirst.
Ich habe das Bedürfnis, Dich dabei zu unterstützen. Jetzt, in diesen Minuten, mit diesem Buch, später mit einem Chat auf Facebook oder bei einer gemeinsamen Wanderung, egal in welchem Land.
Melde Dich bei mir, wann immer Du Bedarf hast. Ich freue mich auf unseren Austausch.
Was ich wert sein würde, haben mir die Großeltern schon gezeigt, da war ich noch gar nicht auf der Welt. Kaum, dass meine Mutter mit ihren damals recht jungen 15 Jahren gebeichtet hatte, dass sie sich von einem italienischen Arbeitskollegen hat schwängern lassen, verfinsterte sich die ohnehin düstere schwäbische Alb. Ruckzuck fand sich die lebenslustige und unglaublich gut aussehende junge Frau auf dem Weg ins Exil nach München-Wolfratshausen. In einer Nacht- und Nebelaktion hat man sich der Familienschande entledigt, obwohl die Oma gleichzeitig schwanger war und ich mit meiner Tante hätte aufwachsen können. Warum man die eigene Tochter nicht unterstützt hat, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Rassenschande nannte man es wenige Jahre zuvor. Einen Grund zur Freude gab es für meine Mutter nicht, denn am Ende ihrer Reise fand sie sich in einem Kloster wieder. Weit weg von zu Hause und noch ferner von ihrer großen Liebe sollten Nonnen ein Auge auf sie und viele andere minderjährige, geschwängerte Mädchen haben, die dort einen Ort fanden, um zu gebären.
Unter der Herrschaft des katholischen Kreuzes, in einem rigiden System, das typisch für die 60er Jahre Deutschlands war, wuchs ich also im Mutterbauch heran. Am Ende brachten meine 3500 Gramm auf 51 cm verteilt am frühen bitterkalten Morgen des 19. Dezember im Jahre 1966 die Fruchtblase zum Platzen und Klein-Mario erblickte das Licht der Welt. Ich weiß nicht, ob meine Mutter tief in ihrem Inneren nicht doch daran gedacht hat, dass ich für ihr ganzes Unglück, das da kommen sollte und von dem sie zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung hatte, verantwortlich bin. Verdenken könnte man es ihr nicht. Wäre ich nicht in ihrem Bauch herangewachsen, hätte sie zu Hause bleiben können. Möglicherweise wäre sie mit ihrer großen Liebe Francesco Giovanni Mauro, meinem Vater, eines Tages durchgebrannt und hätte im sicheren Italien eine Großfamilie gegründet. Ich stelle mir vor, dass sie mich dafür hasste, ihr Leben gestohlen zu haben. Die Wahrheit kennt nur sie.
Je älter ich wurde, umso deutlicher wurde diese Gewissheit in mir. Eigentlich sollte ich sie fragen. Aber das ist kein Gespräch, das man mit seiner Mutter führt. Schon gar nicht, wenn die Beziehung zu ihr lausig ist und unsere Telefonate, die wir alle vier bis sechs Wochen mal führten, nur dem Umstand geschuldet waren, dass sie meine Mutter ist und man das eben so macht. Die Herzenskälte, die in diesen Worten mitschwingt, bedauere ich. Ich wünschte mir von ganzem Herzen nichts sehnlicher, als eine Mutter oder eine Familie zu haben, die an mir klebt. Eine Mama, einen Papa und Geschwister zu erleben, für die die Heiligkeit der Familienbande durch nichts zu ersetzen ist. Naja, eben eine normalen Familienclan.
Aber kann es sein, dass die Ereignisse der damaligen Jahre und der von mir unterstellte Zorn auf mich eine tiefe Liebe verhindert haben und bis heute schlicht und ergreifend ausschließen? Jede Mutmaßung darüber, ob von mir oder einem Psychologen, wird bleiben, was sie ist: eine Annahme, eine Möglichkeit, eine weitere Perspektive von vielen.
Würde ich meine Mutter fragen, käme eine eindeutige Antwort: Nein, natürlich nicht. Du bist mein Sohn. Wenn es unangenehm wurde, hat meine Mutter schon immer gelogen. Es war ihr egal, ob es offensichtlich war oder nicht. Ihre Begründung, die ich viele tausend Mal in den ersten 18 Lebensjahren gehört habe, war immer dieselbe: „Ach weißt Du, ich will meine Ruhe haben.“ So hat sie gelebt. Immer darauf bedacht, so wenig Belästigung wie nur möglich zu erfahren.
Sie hat nicht gekämpft, sondern sich das ganze Leben aufgegeben. Sie wählte das Aussitzen und hat nicht bemerkt, wie teuer sie dafür bezahlt. Ihr Leben ist nichts weiter als eine große Lüge. Sie hat daraus kein bisschen gelernt. Sie hat sich für keine Werte, nicht für sich oder mich starkgemacht.
Was ich hier schreibe, ist Spekulation. Aber es ist meine gefühlte Wahrheit, die sich so oft bestätigt hat. Selbstverständlich ist mir bewusst, wie schwach und wie unklug meine Mutter manchmal gewesen ist. Sie hat nicht gewusst, sich zu helfen. Die Angst lähmte sie. Sie wollte zu keinem Zeitpunkt ihre Komfortzone verlassen. Auch nicht, als sie mit mir schwanger war.
Ich frage mich, ob man mit 15 keine Träume hat? Ist man nicht besessen von Idealen? Will man es nicht besser machen als die Eltern? Ich hatte immer Visionen und diese positiver umzusetzen als die Erziehungsberechtigten war in diesem Fall keine große Kunst.
Meinen Tagträumen habe ich keine Grenzen gesetzt. Gott sei Dank, denn wer ohne Zukunftsträume ist, hat oft kaum Kraft und Willen zu leben. Das sollte ich bitter erfahren müssen, als mir 48 Jahre später Jose auf meine Frage „Wovon träumst Du und was willst Du mal machen?“ nur ein Schulterzucken zur Antwort gab. Ich habe damals angenommen, dass er mit der Frage überfordert sei. Aber nein, Jose hatte wahrhaft keinerlei Träume und Visionen.
Das hat ihn mit meiner Mutter im Geiste verbunden. Sie hatte kein Ziel, keine Bucket-List und wenn, dann wünschte sie sich ausschließlich Liebe. Die habe ich mir ebenfalls gewünscht, solange ich denken kann. Bekommen habe ich sie von ihr nicht.
Meine Existenz ist ein Schandfleck in der arischen Familienwunschgeschichte. Ich spüre, dass mir eine wortlose und anklagende Verantwortung für das beschissene Leben meiner Mutter übertragen wurde. Diesen Schuh habe ich mir Gottlob nie angezogen. Meine Taufe war ein Fauxpas. Der Name Mario eine Rebellion. Die einzige in ihrem Leben. Trotzdem muss ich ihr dankbar sein. Mein Herz ist Italiener und die Gefühle so dramatisch wie der Lebensweg. Das Denken so wild-schräg-romantisch wie meine Zeugung.
Also, wenn es stimmt, was ich gehört habe, war mein Vater ein ganz schöner Großkotz und brillierte schon in jungen Jahren mit dicken Autos. Aber nicht nur das. Er dürfte der einzige Kerl gewesen sein, von dem ich jemals hörte, dass er einen Schallplattenspieler im Auto hatte. Was für eine coole Sau. Vermutlich war meine Mutter nicht die Einzige, die er flachgelegt hat, in seinem Auto. Auf der Hutablage, irgendwo stand ein Schallplattenspieler, der bei dem ganzen Rumgehopse sicher jeder Schallplatte den Garaus gemacht hat. Ich wundere mich jedenfalls nicht darüber, dass ich bei uralten, verkratzten Aufnahmen italienischer Barden Gänsehaut bekomme und Tränen in den Augen habe. Ich war mal das schnellste Spermium von Tausenden, das von einer Plattenrille angefeuert, von Umdrehung zu Umdrehung seinen Weg in meine Mama und von dort direkt in das winterliche, saukalte Wolfratshausen bei München fand.
In einem Kloster geboren zu werden, hinterlässt Spuren. Ich habe schon immer eine vorhandene Aversion gegen Gekreuzigte gehabt. Das kommt bestimmt davon, dass der Schlag auf meinen nackten Arsch das erste Gewalttrauma ausgelöst hat. Was habe ich zuerst gesehen, als ich im Kloster die Augen aufmachte und unsicher in mein neues Erdenleben blinzelte? Einen Toten, der auf ein Holzkreuz genagelt war, blutüberströmt. Und gleich darauf sah ich ihn nochmals. In Silber am Hals einer Nonne hängend, die mich als Frucht der Erbsünde sah, grob abrubbelte und mich schlug, damit ich weinte. Tränen hatten zur Folge, dass ich Luft holen musste. Atem ermöglichte Leben. Ergo ist es der Schmerz, was Leben ausmacht?
Lass mich überlegen. Ein Toter am Kreuz, Schläge auf den nackten Arsch und das Leiden, das in Form von Tränen seinen Weg sucht. Ein Verstorbener, Schläge und Tränen – all das sollte in regelmäßigen Abständen bestimmend für meinen Weg sein. Aber zuerst landete ich auf dem nackten Busen einer Jugendlichen und starrte auf ein goldenes Kleeblatt samt Kette, das sie von meinem Vater zu ihrem 16. Geburtstag bekommen hatte. Den Anhänger hat sie mir Jahrzehnte später geschenkt und heute liegt er bei mir in einer Schatulle, bereit, seinen neuen Erben zu finden. Ich weiß schon, welchen hübschen Hals er einmal zieren soll. Ich hoffe, Giulia ist sich bis dahin um die Bedeutung des Geschenkes bewusst.
Egal, da lag ich heulend auf den Brüsten einer Frau, die mich womöglich neun Monate lang gehasst hat und sich jetzt damit abzufinden hatte, dass ich als Wonneproppen in ihr Leben geplatzt bin. Bestimmt war ich das hübscheste Kind im Haus. Ich sag nur: Italiener, Plattenspieler, Amore.
Auch wenn mein dunkelhäutiger Anblick und die großen braunen Kulleraugen so manches Nonnenherz in Aufregung und Verzückung versetzt haben, hat meine unwiderrufliche Existenz nicht dazu beitragen können, aus einem alten Nazi einen liebenden Großvater zu machen. Selbst die Großmutter, die zur selben Zeit wie meine Mutter schwanger gewesen ist, hat ihrer Tochter nicht beigestanden. Da waren keine Frauen, die um den Wert der Liebe wussten und sich solidarisiert haben. Ich war und ich bin bis zum heutigen Tag der Bastard und so wurde ich von den Großeltern immer behandelt. Liebe kannten sie nicht. Du glaubst nicht wirklich, dass ich jemals einen Anruf meiner Großmutter erhalten hätte, die mir zum Geburtstag gratulierte? Nicht einen einzigen. Neun Jahre lange habe ich nicht gewusst, dass ich Großeltern habe. Die beiden haben nämlich dafür gesorgt, dass meine Mutter die ersten 24 Monate mit mir im Kloster bleiben musste. Ja, schlimmer noch. Meine Mutter war nicht mündig und deshalb haben die Eltern für sie entschieden. Opa und Oma waren der Meinung, dass die sündige Tochter bei den Nonnen bleiben soll und der Balg am besten zur Adoption freigegeben wird. Gesagt, getan und es dauerte nicht lange, bis die Herren vom Jugendamt aufgetaucht sind, um mich, das kleine dunkelhäutige Kind, einer Familie zuzuführen, die ziemlich sicher etwas für mich übriggehabt hätte. In einer Adoptivfamilie hätte ich bestimmt bekommen, was mir familiär versagt bleiben sollte: Liebe. Ich wünschte von ganzem Herzen, ich wäre adoptiert worden.
Du ahnst es schon: Ich wurde nicht in eine bessere Kindheit entlassen. Laut unbestätigtem Hörensagen ist meine Mutter in ihrer Verzweiflung mit einem Messer auf die Beamten losgegangen. Sollte die Geschichte tatsächlich stimmen, verstehe ich bis heute nicht, warum einer zur Gewalt neigenden Jugendlichen ein Kind überlassen wird. Ich musste bleiben und dem Amt war es offensichtlich scheißegal, was aus mir wurde oder unter welchen Umständen ich aufwachsen sollte. Das Jugendamt hatte bis zu meinem 18. Lebensjahr die Vormundschaft. Das habe ich erst erfahren, als ich den Brief vom Amt bekommen habe, dass die Vormundschaft zu meinem 18. Geburtstag endet. 15 Jahre später habe ich Einsicht in meine Akte genommen. Darin stand, dass alle Besuche bei meiner Familie, um das Kindswohl abzuklären, äußerst positiv abgelaufen sind. Wann waren die da? Haben die mich gesehen oder lag ich vermeintlich süß schlafend, wieder mal grün und blau geprügelt unter meiner niedlichen himmelblauen Decke im Zimmer, das liebevoll mit Cowboy-und-Indianer-Tapete darüber wachte, dass ich keinen Mucks von mir gab? Wenn doch, gibt es Marterpfahl! Wo Aufmucken endet, wissen wir. Tot an einem Kreuz. Da hält man lieber die Fresse. Während meiner Jugend tauchte nie jemand von den Behörden auf. Nicht ein einziges Mal.
Als ich 18 Jahre alt war, wurde das Heim für minderjährige Mütter geschlossen und wir wurden zu einem letzten Beisammensein eingeladen. Meine Mutter hatte über alle Jahre hinweg immer zu Ostern und zu Weihnachten tolle Briefe der Mutter Oberin bekommen. Deshalb habe ich darauf gedrängt, dass wir da hinfahren. Erst wollte sie nicht, schließlich hat sie zugestimmt. Ich hatte gehofft, dass Freundinnen von damals kommen. Dem war leider nicht so. Diese klein- und spießbürgerliche Zeit und ihre Bedingungen sind für heutige Maßstäbe kaum vorstellbar. Was waren das für Frauen, die dort waren? Wer war der Rainer, der mit mir in einem Kinderbett lag und von dem es ein Foto in dem kleinen braunen Fotoalbum gibt, das meine Schwester sich gekrallt hat, die nichts mit dieser Zeit zu tun hat.
Es war ein besonderer Tag für mich. Ich habe gesehen, wo ich geboren wurde, und es gab ein Erlebnis, das mich bis heute sprachlos zurücklässt. Auf dem Weg in das Gebäude bemerkte meine Mutter, dass sie etwas im Auto vergessen hatte. Sie ging zurück, um es zu holen. Ich machte mich von Neugierde getrieben auf ins Kloster. Ich erinnere mich an eine recht schmucklose Eingangshalle und an Mutter Oberin, die scheinbar aus dem Nichts vor mir auftauchte. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Wie begrüßt man eine Nonne? Sie stand da, wortlos, mit einem Lächeln. Ich reichte ihr die Hand und wollte mich vorstellen. Sie kam mir zuvor, lachte und sagte: „So ein hübscher junger Mann. Du bist Mario, der Sohn unserer lieben Marga.“ Bähm, das hat gesessen. Ich sitze noch immer da und grinse. Es treibt mir die Tränen in die Augen. Dann kam meine Mutter rein und ich konnte sehen, dass sie sich spürbar gefreut hat. Trotzdem beherrschte eine gewisse Distanz den Tag. Das kann man ihr nicht verdenken. Immerhin hat die Klosterleitung zusammen mit den Großeltern alles dafür getan, dass sie meinen Vater nie wieder sehen durfte. Den gesamten Tag über war meine Mutter eher verhalten und schaute die ganze Zeit nervös um sich. Ich hatte gehofft, dass Freundinnen da wären. Aber sie hat niemanden getroffen. Irgendwann, während der äußerst emotionalen Rede der Mutter Oberin, bat diese mich sehr unerwartet, vor allen Leuten aufzustehen. Ich war bei den ersten Kindern, die in diesen heiligen Hallen das Licht der Welt erblickten. 18 Jahre lang hatte das Klosterheim Bestand und dann haben sich die Zeiten geändert und minderjährige Mütter waren keine ganz so große Schande mehr. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, bin ich mir nicht sicher, ob es meiner Mutter recht gewesen wäre, jemanden von früher zu treffen. Es ist möglich, dass es Geheimnisse gibt, die ich nicht erfahren soll, von denen ich aber weiß, sofern sie stimmen.
Ich habe immer gehofft, dass die Gerüchte nicht wahr sind und es sich um eine perverse und infame Lüge meines Stiefvaters handelte, wie er sie sein ganzes Leben lang den Menschen auftischte, um seine Allmacht zu demonstrieren.
Bei meinem Alten handelt es sich um meinen Stiefvater. Er war zehn Jahre älter als meine Mutter. Ein Freund der Familie, wobei ich bis heute nicht weiß, wie es dazu kommen konnte und woher sie sich kannten. Er war ein Bauarbeiter, der jeden Tag locker einen Kasten Bier während der Arbeit gesoffen hat. Ich habe es erlebt. Ich war zweimal mit ihm auf dem Bau als Ferienjobber. Die haben damals alle ab sieben Uhr morgens gesoffen. Einige Väter meines Jahrgangs und Arbeitskollegen des Alten waren selbst Quartalssäufer und gesellschaftlich akzeptierte Alkoholiker. Tagsüber wurde stockbetrunken gearbeitet und davor, dazwischen und danach wurde Auto gefahren. Zu Hause angekommen, hat er sich über den Wein aus dem Keller hergemacht. Meist machte er sich Schorle und soff eine Flasche Wein, bevor er ins Bett fiel. Er kam jeden Tag mehr oder weniger stark alkoholisiert vom Job zurück. Manchmal hat er mit den Kollegen nach der Arbeit in den örtlichen Gasthäusern weitergemacht. Nicht selten kam er singend die Straße entlanggetorkelt. Mit ausreichend Alkohol im Blut vergriff er sich dann an meiner Mutter. Und wenn der Kleine, also ich, geplärrt hat, bekam er so lange eine aufs Maul, bis er endlich die Fresse gehalten hat.
Es steht die Frage im Raum, wie es der Alte zum Freund der Familie schaffte und wie es dazu kam, dass meine Mutter verschachert und zwangsverheiratet wurde. Genau so war es. In einer Nacht und Nebel-Aktion wurde meine Mutter ins Kloster geschafft und zurückgeholt, als sie 18 Jahre alt war. Verraten, verkauft und verheiratet mit einem Typen, dessen einzige emotionale Beziehung seinen Bierflaschen galt und seiner später geboren Tochter. Seinem Fleisch und Blut, die findet, dass der Alte doch OK war.
Dieringer ist der Familienname des Alten. Adoptiert hat er mich nicht. Nur der Name wurde mir aufgezwungen, damit die Leute nicht tratschen würden. Klar, in einem 3000 Seelen-Dorf kennt man sich ja nicht. In diesem Scheißkaff wusste jeder, dass ich das Itaker-Kind bin und ich wurde bis zur fünften Klasse sogar von Lehrern als Itaker bezeichnet. Ich habe heulend die Ehre mit dem Verweis auf die schwarzen Haare meiner Mutter verteidigt. Ich habe mich regelmäßig geprügelt. Geholfen hat es leider nichts. Ich habe nicht geahnt, dass ich der Letzte der 3000 Einwohner sein würde, der die Wahrheit viele Jahre später schnörkellos serviert bekommen würde.
Die Nachbarn hatten auf meine Mutter eingewirkt. Sie haben begriffen, dass es so nicht weiter gehen konnte. Meine Mutter hat das nicht verstanden. Weshalb hat sie nie die Schwere vom Herzen genommen und mir die erlösende Nachricht, dass ich kein Dieringer bin, nicht schon viel früher gesagt? Weil sie ihre Ruhe haben und keinen Stress mit dem Alten haben wollte? Es hat ihr offensichtlich wenig Schererei gebracht, dass das Kind ihrer großen Liebe, bis fast in die Bewusstlosigkeit und krankenhausreif geprügelt wurde, und zwar regelmäßig. Und nicht nur er hat auf mich eingeprügelt. Meine Mutter war so überfordert mit ihrem Leben, mit ihrem Schicksal, mit der Gewalt, die ihr vom Alten angetan wurde, dass sie sich offensichtlich nicht weiter zu helfen wusste, als mit dem Kochlöffel, dem Gürtel oder dem Teppichklopfer auf meinen nackten Arsch einzuprügeln. Das kam zu einem gewissen Zeitpunkt jede Woche vor. Und ich war nicht der Einzige, dem es so erging. Die Schreie von Jörn, einem Nachbarssohn, der wie seine ganze Familie eine geistige Behinderung hatte, beschallten die komplette Straße, wenn er mit dem Ledergürtel grün und blau gedroschen wurde. Es hat sich nie jemand drum gekümmert. Er wurde stundenlang von seiner Mutter und dem Vater malträtiert. Ich konnte dankbar sein, dass meine Mutter nicht ihre Energie besessen hat und zumindest, wenn sie nicht auf mich eingeprügelt hat, klaren Verstandes war. Dafür hat der Alte so hart zugeschlagen, dass ich ohnehin gleich eingeknickt bin, wenn mich die Faust, beschleunigt von seinen 120 Kilos, getroffen hat.
Dazu exemplarisch ein kurzer Bericht aus dem Jahr 1973. Ich war gerade mal sieben Jahre alt, in einer Zeit, als die Klassenlehrerin mit einem Bambusrohrstock 10 bis 20 Schläge auf die Fingerkuppen der ausgestreckten Hand gab, wenn man im Unterricht nicht brav war oder schwätzte. Die Religionslehrerin, eine alte Jungfer, die man mit ihren 65 Jahren als Fräulein ansprechen musste, verteilte saftige Ohrfeigen, wenn man es gewagt hat, im Schülergottesdienst zu reden oder selbigen gar schwänzte, was ich öfters gemacht habe, weil ich die Stunde nutzte, um meine Hausaufgaben zu machen. Zudem fand ich den lieben Gott echt scheiße und zu nichts nütze, nach all dem, was er mir bis dahin angetan hatte.
Wir Schüler wurden losgeschickt, um für den Kunstunterricht am kommenden Tag Kastanien zu sammeln. Deshalb traf ich mich mit den Klassenkameraden im Dorf, wo drei alte Kastanienbäume standen. Wir waren Kinder, der Tag war warm und wir vergaßen die Zeit. Als ich um fünf Uhr nach Hause kam, lag auf dem Tisch ein Zettel: Ich bin Mario suchen. In dieser Sekunde wusste ich, dass die Hölle über mich hereinbrechen würde, wenn meine Mutter in den kommenden 10 Minuten nicht zu Hause wäre. Prompt kam der Alte heim. Als Kind lernte ich durch die Eltern schon zeitig: Wenn Vater und Mutter wie von Sinnen auf Dich einprügeln, dann lerne Du rechtzeitig, ihre Gesichter zu lesen, wenn du überleben willst.
Als mich dann mit meinen sieben Jahren sein Faustschlag zum neunten Mal mitten ins Gesicht traf, wusste ich, dass mich die Willkürlichkeit wieder überrascht hatte, nur weil ich die Zeit vergessen hatte. „Wo ist Deine Mutter?“, schrie er mich an und lenkte dabei den dreckigen Bauarbeiter-VW-Bus, in den er mich hineingeprügelt hatte, mit der linken Hand um die nächste Kurve. Von seinen Lippen spritzte der Speichel gegen die Glasscheibe. Ich hatte längst schon keine Kraft mehr, um mich vor dem nächsten Schlag zu schützen. „Ich weiß es nicht“, flüsterte ich, obwohl es in meinem Kopf schrie. Das Knacken der Nase und die Schmerzexplosion, als seine rechte Faust mit voller Wucht, zum zehnten Mal, in mein Gesicht krachte, machte das an die Windschutzscheibe spritzende Blut zur Lappalie. Ich war mir nicht sicher, ob ich den nächsten Geburtstag erleben würde. „Wo ist Deine Mutter?“, hörte ich ihn wieder schreien. Ich sagte nichts mehr. Es hatte keinen Zweck. Er steuerte das Auto zurück in unsere Straße. Noch gut 500 Meter bis zum Haus. „Sag mir, wo Deine Mutter ist“, tobte er wieder. Ohne eine Antwort abzuwarten, schlug er wieder zu. Ich hatte Glück, dass ich in diesem Moment den Kopf nach rechts drehte. Durch den Nebel meiner verheulten Augen folgte ich meiner Blutspur an der Seitenscheibe. Mein Kopf wurde von seiner Faust gegen das Glas gerammt. Aber das war nichts im Vergleich zum fast brechenden Nasenbein zuvor.
Ich schrie wie eine Sau am Spieß und seine Faust durchbrach ein ums andere Mal meine magere Deckung und traf mich mitten ins Gesicht. Ich schmecke noch immer das Blut auf der Zunge und sehe wieder die Sterne, die vor meinen Augen tanzten. Die Mutter war nicht auffindbar, schon gar nicht dort, wo die Kastanienbäume standen. Sie war nirgendwo. Er raste durch das Dorf, schrie, spuckte die Windschutzscheibe an und prügelte auf mich ein.
Die Intervalle zwischen den Detonationen in meinem Gesicht wurden zwar größer, aber aufgehört hat es nicht. Nach rund 30 Minuten hatte ich das Schlimmste überstanden. Ich hatte nicht mehr mitbekommen, wie wir in unsere Hofeinfahrt fuhren. Er zerrte mich am Kragen meines rot-karierten Hemdes aus dem Bus und schleifte mich durch die Garage. Ohne eine Sekunde loszulassen, zerrte er mich durch das Haus, riss meine Zimmertür auf und schleuderte mich aufs gegenüberliegende Bett. „Ich will nichts von Dir hören und wenn Deine Mutter nicht bald auftaucht, kannst Du was erleben.“ Es gab nichts mehr, das ihn stoppen konnte, außer der Rückkehr meiner Mutter.
Die erfolgte fünf Minuten später. Ich konnte ihn schreien hören. „Wo warst Du?“, wollte er wissen. „Mario suchen!“, schrie sie zurück und die zwei tobten wie die Berserker durch die Wohnung. Zehn Minuten später stand sie außer sich vor Wut mit dem Teppichklopfer in der Hand in meinem Zimmer und schlug wortlos wie von Sinnen auf mich ein, weil ich schuld daran hatte, dass sie wieder Ärger bekommen hatte.
Ähnliche Szenen wiederholten sich regelmäßig und es gab Zeiten, da wurde jede Woche zugeschlagen. Das ging so, bis ich 13 Jahre alt war, dann hörte es plötzlich auf. Ich glaube, es lag daran, dass ich meiner Mutter gegenüber drohte, zurückzuschlagen und den Teppichklopfer in mehrere Teile zerbrach.
Mit 14 konnte ich wenigstens tun und lassen, was ich wollte. Man ließ mich in Ruhe und es interessierte niemanden mehr, was ich machte oder wo ich mich aufgehalten habe. Damals betrat ich den ersten Musikschuppen, der nicht von der katholischen jungen Gemeinde in unserem Dorf auf die Beine gestellt wurde. Ich fuhr mit älteren Freunden aus dem Volleyball-Verein, in dem ich seit Jahren spielte, in das sagenumwobene Tropy in Albstadt-Ebingen, das für über 8 Jahre meine Samstagabendbleibe werden sollte. In den folgenden Jahren wechselte ich nach Stuttgart in die Baghwan-Disco, das Ostgut in Berlin, den Kitkat-Club und das Lofthouse in Frankfurt. Es wurden die Orte meiner Psycho-Therapie. Musik mit Wumms. Augen zu und 6 Stunden am Stück auf der Tanzfläche wirbeln, bis einen die körperliche Erschöpfung ins Taxi trieb. Ich mache das immer noch, allerdings viel zu selten.
Als ich Jahre später, zwischenzeitlich 35 Jahre alt, mal wieder in der Gegend meiner Kindheit war und meine ehemalige Wohnstraße besuchte, sagten mir die Nachbarn beschämt und mit gesenktem Kopf, dass sie gewusst haben, was vor sich gegangen war. Aber was hätten sie denn machen sollen? Damals wie heute kümmerte man sich nicht um die Nachbarn und es ging keinen etwas an, wie andere die Kinder erzogen haben. Jeder wollte in Frieden leben und einen netten Plausch über den Gartenzaun haben. Atmosphärische Störungen, weil „mal“ das Kind gehauen wurde, wollte niemand riskieren. Ich war ihnen trotzdem dankbar, denn es waren die Eltern meiner Freunde. Ich durfte da sein, dort essen, übernachten, war nicht nur geduldet, sondern auch gern gesehen. Ich glaube nicht, dass man als Unbeteiligter nachvollziehen kann, was das mit mir angestellt hat und was das alles bis zum heutigen Tag in mir auslöst. 53 zum Teil beschissene Jahre, in denen die Frage, wie man einem unschuldigen Kind sowas antun kann, häufig in Kreisgedanken, die die Tage und Nächte geprägt haben. Eine Antwort erhielt ich nie. Negieren und Runterspielen ist die Strategie meiner Mutter und meiner Halbschwester, die ihren Erzeuger so nie erlebt hat.
Mit ungefähr 35 Jahren hat meine Mutter einen Herzstillstand erlitten. Sie lag an einem Samstagmorgen mit einem Herzstillstand im Flur. Der Hausarzt, den ich gerufen hatte und ich mussten 35Minuten lang Wiederbelebungsmaßnahmen durchführen, bis der Notarztwagen kam. Dann hat es weitere 30 Minuten gedauert, bis ihr Zustand einen Transport ins Krankenhaus zugelassen hat. Sie wurde operiert, bekam einen Herzschrittmacher und hat keinerlei bleibende Schäden davon-getragen. Dieses Erlebnis nimmt sie regelmäßig zum Anlass, wenn sie sich an unangenehme Dinge nicht erinnern will. Seltsamerweise ist alles, was gut war, sehr wohl präsent und wird regelmäßig erzählt. So wie die Geschichte, als ich ihr zum Geburtstag mit ca. acht Jahren das Scheuermittel Ata geschenkt hatte. Der Alte hat uns eingebläut, niemals unnütze Geschenke zu machen. Er wollte immer nur irgendeinen Herz-Kreislauf-Saft haben. Ich dachte mir, dass ein Putzmittel definitiv brauchbar ist. Jedenfalls erinnert sich meine Mutter niemals, wenn es nicht in ihr Konzept passt.
Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie sie versucht hat, abzuhauen. Meine früheste und einzige Kleinkind-Erinnerung ist, dass mich meine Mutter mitten in der Nacht aus dem Kinderbett geholt hat. Sie zog mir eine petroleum-schwarz farbene Jacke mit Lilienmuster oder so ähnlich an und hat mit mir fluchtartig und rennend das Haus verlassen. Der Alte ist hinter uns her und ich weiß nicht, ob mit guten Worten oder Gewalt wir zurück ins Haus gebracht wurden. Weitere Fluchtversuche gab es meiner Erinnerung nach nicht. Sie hat oft davon gesprochen, dass sie gehen würde, wenn die Kinder 18 Jahre alt sein würden. Das waren nichts weiter als Worthülsen und leere Versprechungen. Es war viel bequemer zu Hause zu bleiben. Außerdem hatte der Alte wenigstens ein wenig Geld. Sie selbst konnte als ungelernte Näherin kein nennenswertes Einkommen erwirtschaften. Da das Haus nach der Hochzeit gebaut wurde, stünde ihr die Hälfte zu. Sie hätte jederzeit gehen können. Tat es aber nicht.
Mein Alter und meine Mutter haben in all diesen Kindheitsjahren immer wieder sichergestellt, dass ich nichts von ihnen zu erwarten habe. Später gingen sie davon aus, mich an irgendeiner Stelle kaufen zu können. Hat nicht geklappt. Das geschenkte Auto sah ich schlicht als Reparationszahlung an. Es war mir egal, was sie dachten. Es gab nicht einen einzigen Grund, weshalb ich dankbar sein sollte. Keinen. Ich vermute, dass ich das einzige Kind in Deutschland war, das davon träumte, die Drohung mich ins Heim zu stecken, würde endlich zur Realität, wenn ich nicht parieren würde.
Sie haben mir mit jedem Schlag in sämtlichen Diskussionen und mit all ihrem Tun den Glaubenssatz aufgezwungen, dass ich nichts wert bin. „Du kannst gar nichts und Du hast überhaupt kein Talent für dieses oder jenes“, hörte ich laufend. Ich war der personifizierte Versager und ich war sogar zu blöd, den Müll runter zu bringen oder den Rasen so zu mähen, dass man damit zufrieden war. Ein Leben voller Perspektiven gab es nicht. Es galt das Gesetz des Alten. Was er sagte, hatte Bestand. Wenn ich es wagte, meinen Weg zu gehen, wurde das drakonisch bestraft. Die Wahrheit steckte in seiner Faust.
Tief in mir drin bewahrte ich das Träumen und den Glauben, dass ich bestimmt zu etwas nütze wäre und sicherlich irgendwas besonders gut könne. Ich musste das nur finden und beweisen. Eines Tages, ja eines Tages würde ich dem Alten eine aufs Maul hauen oder besser, ich würde mich mit einem Messer wehren, wenn er es wagen sollte, mich noch einmal zu berühren. Das war mein fester Plan. Soweit sollte es nie kommen.
Ich glaube fest an Ursache und Wirkung und meiner Überzeugung nach gibt es ein Karma. Ich habe jeden einzelnen Tag meiner Kindheit den lieben Gott angefleht, diesen Drecksack endlich zu beseitigen. Das hat er nicht getan. Ich habe mit 21 mein Elternhaus endgültig verlassen und bin nie wieder zurück, mit zwei oder drei Ausnahmen. Ich habe nie wieder ein Wort mit ihm gewechselt. Er war keine 60 Jahre alt und schon länger Diabetiker. Die Ärzte waren alles Idioten, wie er immer sagte und ihre Ratschläge schob er sich sonst wo hin. Er bekam er einen Diabetikerzeh, der amputiert werden musste. Es folgte die Frührente. Er wurde allmählich blind. Das zog eine Operation nach der anderen nach sich. Die Ärzte waren nichts weiter als Kurpfuscher, die sein Augenlicht auf dem Gewissen hätten, erzählte man mir. Als ich ihn das letzte Mal in meinem Leben sah, saß er im Abstand von 10 cm vor dem Fernseher und schaute sich ein Fußballspiel an. Es war ein erbärmlicher Anblick. Er hat sich nicht mal nach mir umgeschaut oder aus Höflichkeit ein Wort mit mir gewechselt. Trotzdem hatte ich damals kein Mitgefühl, im Gegenteil. Er war schon lange in Rente und meine Mutter war immer da. Sie kochte, sie wusch, sie lebte schon lange im ehemaligen Kinderzimmer und ab und an hatte sie einen Freund. Das Essen steckte sie ins Tiefkühlfach, denn auftauen und warm machen konnte er fast blind, wenn sie ihre Liebeleien traf. Dann bekam er den ersten Schlaganfall und landete im Bett. Er war ein Pflegefall. Und wer war unglaublicherweise immer noch da? Die Mutter. Wahrscheinlich wollte sie nicht auf die Witwenrente verzichten. Ich kenne sie. Das war kein Akt des Mitgefühls oder einer späten Liebe. Der Alte stellte indes sicher, dass weder meine Mutter noch ich jemals etwas von seinem Erbe bekommen würden. Er schenkte alles meiner Schwester, die stillschweigend alles annahm. Ich habe nichts davon erfahren. Meiner Mutter hat er ein Wohnrecht eingeräumt, bis zu dem Tag, an dem sie einen neuen Lebenspartner hätte, dann müsste sie das Haus verlassen.
Der Alte lag jahrelang er als Pflegefall im Schlafzimmer und konnte kaum das Bett verlassen. Dann kam der zweite Schlaganfall und es ging ihm noch dreckiger. Er soll mal geheult haben, weil er seine Enkel nicht mehr sehen konnte. Und meine Mutter erzählte, dass er sich ein einziges Mal, kurz bevor er starb, bei ihr bedankt habe. Sie weinte, als sie davon erzählt hat. Es kam der Tag, an dem er elendig erstickt ist. Wann das war, weiß ich nicht, weil mich niemand davon in Kenntnis gesetzt hat. Sechs Monate später war ich mit meinem Besuch aus Moskau in der Gegend. Ein Dorf weiter traf ich meinen Onkel Gerhard. Er fiel aus allen Wolken, dass ich nichts vom Tod meiner Tante Helga, seiner Frau und vom Alten wusste. Er war es, der es mir gesagt hat.
Meine liebe Tante Helga, die ich sehr gemocht habe, starb ebenfalls in diesem Zeitraum. Selbst diese Information gab man mir nicht weiter. Niemand von unserer riesigen Familie hat mich je kontaktiert. Als ich meine Schwester zur Rede stellte, tischte sie mir die Lüge auf, dass sie mich von einem Detektiv professionell habe suchen lassen, weil sie keine Adresse hatte. Ich wohnte damals in Frankfurt und war seit vielen Jahren als Journalist tätig und hatte seit fast einem Jahrzehnt eine eigene Website. In jenen Tagen, so wie heute, gibt es weltweit nur zwei Mario Dieringer. Der eine ist ein Österreicher und der andere schreibt dieses Buch. Ich bin nach wie vor fassungslos, wie verlogen, verschlagen und von Grund auf schlecht mancher dieser Brut ist. Der Zorn, der in diesen Zeilen mitschwingt, ist nicht gut und ich schäme mich dafür. Es sollte erledigt sein. Ist aber nicht so. Aber ich arbeite daran.
Ich konnte den Alten nicht mehr schlagen und ich musste ihn nicht mit einem Messer abstechen. Gut so. Karma wirkt und in diesem Fall ging das schneller, als ich es für möglich gehalten hätte. Naturgemäß hat die Tatsache, dass ich ihm so oft den Tod mit anschließender Hölle wünschte, mein eigenes Karma-Konto nicht positiv besetzt. Heute sehe ich viele Faktoren anders. Als Kind konnte ich das nicht. Mit Todesangst im Herzen möchte man nur, dass es aufhört. Ich hatte das Gefühl, dass nur sein Ableben mich retten könnte. Ich wusste nicht, dass die eigene Rettung möglich ist. Dazu fehlte mir reichlich Wissen.
Nach Berlin zu ziehen war eine Zuflucht suchen. In der Hauptstadt durfte ich lebendig sein. Der Alte spielte vordergründig keine Rolle mehr. Das dachte ich zumindest. Heute bin ich sicher, dass der Kerl tief in meiner Seele hockt und mich dann und wann böse anschreit und auf die nichts nützende Unzulänglichkeit hinweist. Es gibt Tage, da denke ich, dass ich selbst zum Scheißen zu blöd zu bin. Meine Panikattacken haben unmittelbar mit ihm zu tun. Das Gefühl, dass gleich etwas Lebens- bedrohliches passieren wird, jagt mich hin und wieder, wenn auch selten durch den Tag. In solchen Momenten bekomme ich kaum Luft und meine Gedärme explodieren förmlich. Ich fange an zu zittern, als ob ich Parkinson im letzten Stadium hätte. Mitunter versagt mir die Stimme und ich kann mit der Arbeit nicht weitermachen. Ich schlucke und kann die Angst nicht runterschlucken. Der Schluckreflex setzt aus. Das führt zu weiterer Panik. Dann ist er wieder da und prügelt auf mich ein. Er ist omnipräsent und es gelingt mir nicht, stolz zu sein. Ich fühle mich, den Nichtsnutz. Mitunter frage ich mich, warum ich das aushalten soll. Ich muss mir das nicht antun. Ich könnte mich aus dem Staub machen. Neben dem Suizid gibt es Möglichkeiten, die netter sind, um die Panikattacken hinter sich zu lassen. Ich weiß das. Aber trotzdem hängen die dunklen Wolken über mir und das Donnern seiner Worte machen mein Sein nicht immer lebenswert oder fortführenswert.
Durch ihn und meine Mutter habe ich mein Ich verloren. Es war klein. Es war nicht fertig und schon wurde es aus meinem Leben gerissen. Ersetzt wurde es mit einer unendlichen Leere, die mit Trauer, Wut, Schmerz, Zweifel und Enttäuschung ummantelt worden ist. Ich habe das nicht lange ausgehalten und wendete mich von meinem Inneren ab und suchte im Außen nach dem, was mir so brutal entrissen wurde. Um mich zu schützen, baute ich eine Mauer auf. Einen Schutzwall aus Abenteuer, Belanglosigkeiten, Reisen, großen Wohnungen, Drogen, Sex und unzähligen Bekannten. Dieser Wall ließ nichts von außen an mich herankommen. Gleichzeitig sorgte er dafür, dass mein Inneres nicht mehr rausschauen konnte. Es war schwierig bis unmöglich, eine erfüllende Realität zu bauen, die ich zwar innen fühlte, doch sie konnte kaum nach außen gelangen, um am Entstehungsprozess meiner Lebensbahn einen wichtigen Anteil zu haben. Das erzeugte zusätzlich Depressionen, die viele Jahre später im Suizidversuch endeten. Damit einher begleitete mich das Gefühl, der einsamste Mensch der Welt zu sein.
Jetzt, Jahre später, in denen sich zahlreiche Probleme gelöst haben und ich eine andere Person bin, ist die bedrohliche Leere weg. Aber ich fühle mich weiterhin wie ein verwaistes Menschenkind, selbst wenn ich in den Armen eines Mannes liege, der sagt, er würde mich lieben. Ob sich das jemals ändern wird?
Ich war keine zehn Jahre alt und schon ein gebrochener Bub. Meine Tagträume vom Leben und Reisen in alle Länder dieser Erde machten die Tage erträglich. Die Hoffnung, dass es in ferner Zukunft besser sein würde, bewahrte mich vor Dummheiten. Aber es gab Momente, reichlich davon, in denen mein Lebenswille erlosch. Vor allem wenn ich feststellte, dass keine der Bemühungen die Ergebnisse der mir aufgetragenen Arbeiten etwas änderten oder zu nennenswerten Erfolgen führten.
Der Tiefpunkt war im Sommer 1975 erreicht. Mit neun Jahren hatte ich keine Perspektive mehr und ich zählte die Wochen meines Lebens anhand der Anzahl der Schläge ab. Ich hatte erneut eine Handvoll Prügel hinter mir. Der Alte war besoffen nach Hause gekommen und bei der anschließenden Gartenarbeit, die er mit literweise Weinschorle versüßte, konnte ich nichts richtig und gut genug ausführen. Später am Abend hat er mit einem vollen Senfglas nach meiner Mutter geworfen und bis spät in der Nacht wurden Türen geschlagen. Die beiden schrien um die Wette und unter Androhung von Gewalt verharrten wir alle vor dem Fernseher. Die Atmosphäre war vergiftet wie eh und je und den Umständen entsprechend mies. Als die beiden sich keifend eine Schrei-Schlacht geliefert haben, bin ich vom Sofa aufgesprungen und habe gebrüllt und geheult. „Könnt ihr nicht einmal aufhören, Euch anzuschreien!?“ Ich habe es einfach nicht länger ertragen. Wutentbrannt sprang der Alte vom Sofa auf und prügelte auf mich ein, bis ich in der Wohnzimmerecke lag und keinen Mucks mehr von mir gegeben habe.
Am folgenden Tag bin ich mit meinem dunkellila-Glitzer-Rollkragenpullover in die Schule gegangen. Der Unterricht war täglich um kurz nach zwölf zu Ende. Damals hat meine Mutter nur wenige Meter von unserem Haus entfernt in einem Keller, zusammen mit ein paar anderen Frauen, als Näherin gearbeitet. Wenn ich von der Schule kam, holte ich sie ab und es gab ein schnelles Mittagessen. Danach ist sie wieder arbeiten gegangen. Als sie an diesem Tag fort war, habe ich einen Zettel genommen und mit Bleistift einen Abschiedsbrief geschrieben.
Abenteuerspielplatz, den ich oft zusammen mit Freunden aufgesucht hatte. Wir kletterten die Steilwand hoch, spielten Verstecken. Waren wir nicht im Steinbruch, sind wir mit Taschenlampen bewaffnet kilometerweit in den großen Rohren unterwegs gewesen, in denen der dorfeigene Bach, die Starzel, floss.
Ich kannte die bröckelige Felswand in- und auswendig und es war klar, dass ich hoch oben über die steile Bruchkante in die Tiefe springen konnte. Ich würde mindestens 30 Meter fallen, aufschlagen, mir das Genick brechen und wäre tot. Mein Fahrrad hatte ich zwischen den Büschen versteckt. Ich wollte nicht gleich gefunden werden. Ich machte mich an den Aufstieg, den ich zu diesem Zeitpunkt bereits unzählige Male absolviert hatte. Mein Herz schlug lauter als jeder Presslufthammer. Ich wollte tot sein, aber nicht sterben. Ich wollte springen, aber keine Schmerzen haben. Eigentlich wollte ich nur weg. Raus aus dieser Familie, die keine war. In den Wochen zuvor hatte ich oft unter Tränen davon gesprochen, in ein Internat zu wollen. Selbstverständlich kam das nicht in die Tüte. Wir waren arme Schlucker. Wie sollten sich ein Maurer und eine ungelernte Näherin ein Internat leisten können? Eine elitäre Bildungseinrichtung für einen Träumer, der nicht mal anständig rechnen konnte und zu doof war, das Einfachste zu begreifen? Ich hatte keine Zukunft mehr.
