Psychoanalyse griffbereit (griffbereit) - Daina Langner - E-Book

Psychoanalyse griffbereit (griffbereit) E-Book

Daina Langner

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Beschreibung

Was in einer Psychoanalyse geschieht – neu erzählt Um das älteste Psychotherapieverfahren ranken sich viele falsche Vorstellungen bis hin zu Vorurteilen. Im neuen Studiengang Psychotherapie wird die Psychoanalyse kaum noch gestreift und dennoch ist das Interesse groß. Das Buch schafft einen frischen Zugang und erklärt das »Mysterium Psychoanalyse« verständlich für alle interessierten TherapeutInnen, StudentInnen und PatientInnen. In gut zugänglicher Sprache und hilfreichen Illustrationen erklären die Autorinnen die universellen Entdeckungen, Begrifflichkeiten und Konzepte der Psychoanalyse, wie sie in der modernen Psychoanalyse angewendet werden. Zahlreiche Fallbeispiele illustrieren komplex erscheinende Sachverhalte sowohl aus der TherapeutInnen- als auch aus der PatientInnensicht. Darüber hinaus gibt das Buch einen Überblick über die vier wichtigsten Richtungen, wobei als fünfte auch die Mentalisierungsarbeit erlebbar gemacht wird. Alles andere als verstaubt: Frischer Wind, Kreativität und Resonanz in der Therapie durch Methoden der Psychoanalyse Große Zielgruppe: Sehr häufig wird in anderen Psychotherapieschulen mit psychoanalytischen Konzepten gearbeitet

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Seitenzahl: 259

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Cover for EPUB

Daina Langner | Sina Hain

Psychoanalyse griffbereit

Mit Zeichnungen von Liane Goller

Schattauer

Impressum

[email protected]

Besonderer Hinweis

Die Medizin unterliegt einem fortwährenden Entwicklungsprozess, sodass alle Angaben, insbesondere zu diagnostischen und therapeutischen Verfahren, immer nur dem Wissensstand zum Zeitpunkt der Drucklegung des Buches entsprechen können. Hinsichtlich der angegebenen Empfehlungen zur Therapie und der Auswahl sowie Dosierung von Medikamenten wurde die größtmögliche Sorgfalt beachtet. Gleichwohl werden die Benutzer aufgefordert, die Beipackzettel und Fachinformationen der Hersteller zur Kontrolle heranzuziehen und im Zweifelsfall einen Spezialisten zu konsultieren. Fragliche Unstimmigkeiten sollten bitte im allgemeinen Interesse dem Verlag mitgeteilt werden. Der Benutzer selbst bleibt verantwortlich für jede diagnostische oder therapeutische Applikation, Medikation und Dosierung.

In diesem Buch sind eingetragene Warenzeichen (geschützte Warennamen) nicht besonders kenntlich gemacht. Es kann also aus dem Fehlen eines entsprechenden Hinweises nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe

Schattauer

www.schattauer.de

© 2022 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Gestaltungskonzept: Farnschläder & Mahlstedt, Hamburg

Cover: Jutta Herden, Stuttgart

unter Verwendung einer Abbildung von © iStock/OJO Images

Gesetzt von Eberl & Koesel Studio, Kempten

Zeichnungen: Liane Goller

Gedruckt und gebunden von Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg

Lektorat: Marion Drachsel

Projektmanagement: Dr. Nadja Urbani

ISBN 978-3-608-40146-2

E-Book ISBN 978-3-608-11957-2

PDF-E-Book ISBN 978-3-608-20593-0

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Worte zum Anfang

1 Theorien der Psychoanalyse

1.1 Eine Zeit vor Freud

1.2 Begriffsklärung Psychoanalyse

1.3 Die fünf Säulen der Psychoanalyse

Empfohlene Literatur

2 Säule I: Trieb-Psychologie (ab 1890)

2.1 Zentrale Idee, auf die Therapie bezogen

2.2 Die wichtigsten Begriffe anschaulich erklärt

2.2.1 Unbewusstes

2.2.2 Das Drei-Instanzen-Modell (Ich, Es, Über-Ich)

2.2.3 Triebtheorie

2.2.4 Psychosexuelle Entwicklung

2.2.5 Regression

Empfohlene Literatur

3 Säule II: Ich-Psychologie (ab 1930/1940)

3.1 Zentrale Idee, auf die Therapie bezogen

3.2 Die wichtigen Begriffe anschaulich erklärt

3.2.1 Abwehrmechanismen

3.2.2 Ich-Funktionen

Empfohlene Literatur

4 Die therapeutische Haltung im Wandel

4.1 Von der Ein-Personen-Psychologie zur Zwei-Personen-Psychologie und zur intersubjektiven Arbeitsweise

4.2 Die wichtigen Begriffe anschaulich erklärt

4.2.1 Übertragung

4.2.2 Gegenübertragung

4.2.3 Widerstand

4.2.4 Gegenübertragungswiderstand

4.3 Abwehr- und Widerstandsanalyse in der therapeutischen Arbeit

Empfohlene Literatur

5 Säule III: Objektbeziehungspsychologie (ab 1940)

5.1 Zentrale Idee, auf die Therapie bezogen

5.1.1 Objekt-Repräsentanzen – Wie das Gegenüber verinnerlicht wird

5.1.2 Selbst-Repräsentanzen – Wie wir uns selbst verinnerlichen

5.1.3 Wie innere Objekte das Über-Ich und Ich-Ideal strukturieren

5.1.4 Innere Objekte in der Therapie

5.2 Die wichtigen Begriffe anschaulich erklärt

5.2.1 Projektion und projektive Identifizierung

5.2.2 Containment

5.2.3 Gespaltene vs. integrierte innere Objekte und Objektbeziehungen

Empfohlene Literatur

6 Säule IV: Selbstpsychologie (ab den 1970er-Jahren)

6.1 Zentrale Idee, auf die Therapie bezogen

6.2 Die wichtigen Begriffe anschaulich erklärt

6.2.1 Selbstobjekte und authentische Spiegelung

6.2.2 Regression

6.2.3 Narzissmus

Empfohlene Literatur

7 Säule V: Konzept Mentalisieren (ab Ende der 1990er-Jahre)

7.1 Zentrale Idee, auf die Therapie bezogen

7.2 Die wichtigen Begriffe anschaulich erklärt

7.2.1 Mentalisieren

7.2.2 Die prä-mentalisierenden Denkmodi

7.2.3 Körper-Modus – nur der Körper spricht

7.2.4 Teleologischer Modus – allein die Außenwelt zählt

7.2.5 Äquivalenz-Modus – allein die Innenwelt zählt

7.2.6 Als-ob-Modus – Sprechen ohne Fühlen

7.3 Mentalisieren und psychotherapeutische Kompetenz

Empfohlene Literatur

8 Störungsmodelle

Empfohlene Literatur

9 Frau Kimm – Fallbericht einer analytischen Psychotherapie

9.1 Fallbeschreibung

9.1.1 Die Symptome und die zwei Wege der Konfliktdiagnostik

9.1.2 Biografischer Hintergrund

9.1.3 Therapieplanung

9.2 Die analytische Psychotherapie

9.2.1 Frühling

Die erste therapeutische Sitzung – Die Hauptaufgabe klären anhand der Zugmetapher

Beginn der Therapie – Was es überhaupt heißt, sich auf die Couch zu legen

Die zweite therapeutische Sitzung – Gemeinsam ins Arbeiten kommen

9.2.2 Frühsommer

9.2.3 Sommer

9.2.4 Herbst

9.2.5 Spätherbst

Der phallische Konflikt am Tag und im Traum

Wandel in der privaten Welt – Teil 1: Partnerin

9.2.6 Winter

Wandel in der privaten Welt – Teil 2: Die Eltern

9.2.7 Vorweihnachtszeit

9.2.8 Jahreswechsel

9.2.9 Frühjahr

9.2.10 Pfingsten

Making-of – The story behind the book

Sachverzeichnis

Worte zum Anfang

»Was geschieht eigentlich in einer Psychoanalyse?«, fragten uns Verhaltenstherapeut:innen, Student:innen und Patient:innen und wir konnten keine Literatur benennen, wo auf wenigen Seiten für dieses Publikum in moderner Sprache eine Antwort gegeben wird. Psychoanalytische Theorien und deren Umsetzung in den psychodynamischen Therapien bleiben im Curriculum des Psychologiestudiums an den meisten Universitäten noch unbeachtet. Sie sind für Psychotherapeut:innen, die verhaltenstherapeutisch ausgebildet wurden, ebenso unzugänglich. Daraus ergibt sich, dass sowohl bei praktizierenden Psychotherapeut:innen als auch bei Student:innen, die sich noch für einen Ausbildungsweg entscheiden möchten, die Frage aufkommt, was in einer analytischen Psychotherapie eigentlich genau geschieht und welchen Mehrwert die psychoanalytischen Konzepte für die Psychotherapie bereithalten. Das ist auch eine Frage, die Patient:innen ihren Therapeut:innen stellen.

Je mehr wir uns mit den psychoanalytischen Theorien auseinandersetzten, beide aus verhaltenstherapeutisch geprägten Universitäten kommend, desto deutlicher wurde uns, wie viel die Verhaltenstherapie aus psychodynamischen Konzeptionen aufgegriffen hat. Umso erstaunter waren wir, wie wenig Anleitung wir zur konkreten Beziehungsgestaltung in der verhaltenstherapeutischen Ausbildung bekommen hatten. Neben einer generellen ressourcenorientierten Haltung hatten wir keine Anleitung, was das Verstehen der zwischenmenschlichen Dynamiken in der konkreten therapeutischen Situation angeht. Fragen tauchen auf: Was war wirklich los, wenn Patient:innen ihre Hausaufgaben nicht machten? Warum verschlechtert sich eine gute therapeutische Beziehung zunehmend? Worum geht es wirklich, wenn wir uns mit unseren Patient:innen in der Therapie verstricken, stecken bleiben, über bestimmte Punkte nicht hinwegkommen oder bei Verschlechterung keine Auslöser finden?

Die Didaktik und die Konzeption der Verhaltenstherapie sehen eine stützende und anleitende Rolle der Therapeut:innen vor. Das hilft den Patient:innen, durch Struktur und lösungsorientiertes Arbeiten wieder handlungsfähig zu werden. Ein Aspekt, dem in dieser Rolle kaum Aufmerksamkeit geschenkt wird, sind die vielen zwischenmenschlichen Prozesse in der Therapiesituation. Diese Prozesse könnten wertvolle Erkenntnisse über mögliche zwischenmenschliche Schwierigkeiten in der Vergangenheit der Patient:innen liefern. Werden diese nicht angesprochen, geht deren Heilungspotenzial verloren. Gerade weil so viele psychische Erkrankungen durch und in zwischenmenschlichen Beziehungen entstehen, ist es wichtig, eine Methodik zu kennen, um diese Prozesse in der Therapie bewusst zu machen. Gibt es keine Möglichkeit, Spuren der aktuellen und vergangenen Beziehungsschwierigkeiten direkt in der laufenden Therapiesituation aufzugreifen, geht auch eine ganz persönliche Chance für die Therapeut:innen verloren, selbst viel lebendiger zu arbeiten, d. h., eine innere Bereicherung durch Kreativität und Resonanz zu erleben, die auch die Patient:innen zu spüren bekommen. Diese Arbeitsweise könnte ebenfalls die Erschöpfung verhindern, die eine rein stützende, sehr pädagogische Arbeit mit sich bringen kann.

Was ist die Kernaussage dieses Buches?

In diesem Buch geht es darum, einen Überblick über die vier wichtigsten psychoanalytischen theoretischen Richtungen nach Pine (1990) auf Basis von Jungclaussen (2018) zu geben. Zusätzlich soll als fünfte Säule das Konzept des Mentalisierens beschrieben werden. Wichtig ist uns, die Begriffe modern und verständlich zu erklären und auch zu illustrieren.

Wir möchten beispielhaft darstellen, dass der Gewinn der psychoanalytischen Technik in einer Verlebendigung des psychotherapeutischen Prozesses besteht: Durch die systematische Erkundung des Unbewussten können verborgene zwischenmenschliche Prozesse eine Sprache bekommen. So kann ein zusätzlicher therapeutischer Zugang geschaffen werden, indem eine Methodik angewendet wird, welche die Arbeit mit den inneren Prozessen im Verlauf einer therapeutischen Sitzung ermöglicht. Dabei wird das innere Geschehen therapeutisch nutzbar gemacht, welches sich während der Sitzung zwischen Patient:in und Behandler:in entfaltet. Das birgt erhebliches Heilungspotenzial. Es bedeutet ein Sichtbarmachen von Dingen, die sonst im Verborgenen wirken. Wenn sie nicht erkannt werden, bleibt das therapeutische Potenzial dieser Prozesse ungenutzt. Dies kann auch dazu führen, dass die zwischenmenschlichen Prozesse negativ eskalieren und es zu frustrierenden Erfahrungen und Beziehungsabbrüchen kommt. Der Gewinn der psychoanalytischen Technik liegt unserer Meinung nach darin, dass sie das Potenzial hat, genau dies zu verhindern und sogar dem Ausbrennen der Therapeut:in bei der Arbeit entgegenzuwirken.

Um diese fühlbaren zwischenmenschlichen Prozesse greifbar zu machen, wurden die analytischen Konzepte auf der Basis umfangreicher klinischer Erfahrungen fortlaufend weiterentwickelt.

Das Buch beginnt mit der Erläuterung dieser Konzepte, die aus einer komplexen Sprache und umfangreichen Literatur stammen. Diese Sprache ist oft schwer zugänglich und durch die Geschichte der Psychoanalyse, welche teilweise auch auf Irrwegen verlief, stigmatisiert: ein Stigma von Machtmissbrauch, Deutungshoheit und stummen oder gar schlafenden Therapeuten hinter einer Couch. Viele der Vorstellungen in der Öffentlichkeit und der psychologischen Fachwelt über die Psychoanalyse sind bei den ersten psychoanalytischen Ideen stehen geblieben, auf die seit den 1920er-Jahren etliche Modifikationen folgten. Dieses Buch soll einen frischen und niederschwelligen Zugang zu psychoanalytischen Theorien und ihrer praktischen Umsetzung schaffen. Wir möchten bei der Betrachtung der Konzepte die Arbeit in der psychotherapeutischen Beziehung in den Fokus rücken.

Dank

Das Vereinfachen und Herunterbrechen dieser umfangreichen Literatur mit dem Ziel, Neulingen auf dem Gebiet einen Zugang zu ermöglichen, ist keine einfache Aufgabe. Großer Dank gilt allen Leser:innen: den erfahrenen oder berufseinsteigenden, den jungen, alten, männlichen, weiblichen, non-binären und queeren Psychoanalytiker:innen, Verhaltenstherapeut:innen und Fachfremden, die unsere Texte vorab gelesen und kommentiert haben. Vieles konnten wir übernehmen, manches haben wir nicht berücksichtigt, um unserem Ziel der Vereinfachung und Verführung treu zu bleiben. Je nach Perspektive und eigener Erfahrung im Bereich der Psychoanalyse mag es an einigen Stellen zu stark vereinfacht, weichgespült, verfremdet oder zu komplex und detailreich erscheinen. Da aber das Ziel die Mittel bestimmt, nehmen wir dies gerne in Kauf und wünschen viel Freude beim Lesen!

Abschließend noch eine Anmerkung in eigener Sache: Wir wünschen uns, dass die Leser:innen sofort sehen, wenn sie dieses Buch aufschlagen, dass wir uns auf alle Geschlechtsidentitäten beziehen. Unsere Form des Genderns entspricht zwar nicht den aktuell gebräuchlichen Regeln, wir empfinden es jedoch als Inklusion markierend und einfacher lesbar, mit dem weiblichen Pronomen und dem Doppelpunkt zu arbeiten. Da sich der Stil nicht gegenderter Sprache gerade erst formt, glauben wir, dass wir auch unkonventionell arbeiten und den Stil prägen können.

Daina Langner und Sina Hain,

Berlin und Freiburg, im Sommer 2022

1 Theorien der Psychoanalyse(1)

1.1 Eine Zeit vor Freud

In der Zeit, in welcher Freud und seine Schüler die Psychoanalyse begründeten, ereignete sich Folgendes (Brückner 2010, S. 102 ff.): Wilhelm Griesinger hatte die Gleichstellung von psychiatrisch und somatisch Erkrankten gefordert (1861) und verankerte die Lehre von den psychischen Störungen in der Medizin. Carl Wernicke hatte das sensorischen Sprachzentrum im Gehirn entdeckt und wurde 1906 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Auf der anderen Seite war seit 1857 die gefährliche ideologische »Degenerationstheorie« in Fachkreisen populär geworden, welche Ursachen für psychische Störungen erbtheoretisch erklärte und deren Häufung vor allem in den unteren sozialen Klassen verortete. Umso bahnbrechender war es, als der junge Freud die Ursache für die hysterischen Phänomene seiner Patientinnen in realen traumatischen Kindheitserlebnissen vermutete. Sein Schüler Sándor Ferenczi beschreibt später in einem aufrüttelnden Vortrag von 1932 die Situation der Zeit. Er spricht davon, dass generell angenommen wurde, dass Kleinkinder kaum Erinnerungsvermögen hätten, alle Erlebnisse und Erfahrungen schnell vergessen seien und keine seelischen Spuren hinterlassen würden. Damit gab es auch nicht die Idee, dass Gewalterfahrungen in der Kindheit schwere seelische Störungen mit Folgen für das gesamte Leben auslösen können. Aber genau von derartigen Kindheitserfahrungen berichteten die Patient:innen, die vornehmlich die Praxen von Freud und seinen Schülern konsultierten (Ferenczi 1932 [2018]).

1.2 Begriffsklärung Psychoanalyse(1)

Im Folgenden beziehen wir uns immer wieder auf die Theorien der Psychoanalyse(1). Diese Theorien sind der Ursprung für die psychodynamische Psychotherapie(1) (Wöller 2022), zu welcher die analytische Psychotherapie(1) (AP) und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie(1) (TP) zählen.

Die Gemeinsamkeiten beider Varianten sind:

das genaue Interesse an unbewussten Prozessen

die Nutzung des Übertragungs-Gegenübertragungs-Geschehens (→ Kap. 4) in der Therapiesituation

Die Unterschiede zwischen diesen Varianten beziehen sich vor allem auf Folgendes:

die ungleiche Nutzung der Technik der freien Assoziation(1)

die verschiedenartige Nutzung des Settings (→ Kap. 2.2.5):

AP liegend/sitzend, höherfrequent, d. h. in der Regel zwei bis drei Wochenstunden, längere Therapiedauer

TP sitzend, niederfrequent, d. h. in der Regel eine Wochenstunde, kürzere Therapiedauer

Weitere Varianten der psychodynamischen Psychotherapie beziehen sich auf die Spezifika bestimmter Störungsbilder unter Einbezug von Wissen und Interventionen aus anderen Verfahrensrichtungen.

1.3 Die fünf Säulen der Psychoanalyse(1)

Im ersten Teil des Buches wird ein Überblick über die fünf Säulen der Psychoanalyse(1) gegeben (Abb. 1-1). Die Wolke über dem Kopf der abgebildeten Therapeut:in enthält für jede Säule ein Symbol, das im weiteren Verlauf aufgegriffen wird und als Orientierung dient. Außerdem gibt es Felder in der Wolke, die nicht gefüllt sind. Das soll verdeutlichen, dass weitere Konzepte hinzukommen werden und sich die Theorien der Psychoanalyse in einer ständigen Weiterentwicklung befinden. Die Abbildung beschreibt, wie die Therapeut:in bei der Behandlung auf die Perspektiven unterschiedlicher psychoanalytischer Theorien zurückgreift.

Abb. 1-1: Die fünf Säulen der Psychoanalyse.

Im Folgenden sollen die psychoanalytischen Theorien nach der Strukturierung von Pine (1990) in vier theoretische Säulen plus einer fünften Säule, dem Konzept Mentalisieren, unterschieden werden:

Säule I: Trieb-Psychologie

Säule II: Ich-Psychologie

Säule III: Objektbeziehungspsychologie

Säule IV: Selbstpsychologie

Säule V: Konzept Mentalisieren

Empfohlene Literatur

Brückner B (2010). Geschichte der Psychiatrie. Köln: Psychiatrie-Verlag.

Ferenczi S (Hrsg) (1932 [2018]). Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind. In: Bausteine zur Psychoanalyse, Band 3. Treuchtlingen: Literaricon; 511–525.

Pine F (1990). Die vier Psychologien der Psychoanalyse und ihre Bedeutung für die Praxis. Forum Psychoanal 6: 232–249.

Wöller W (2022). Psychodynamische Psychotherapie. Lehrbuch der ressourcenorientierten Praxis. Stuttgart: Schattauer.

2 Säule I: Trieb-Psychologie(1) (ab 1890)

Die Einführung der Kausalität(1), des Unbewussten(1) und die Entwicklung psychodynamischer Modelle(1)

2.1 Zentrale Idee, auf die Therapie bezogen

Die Kernkonzepte, die Sigmund Freud entwickelte, werden heute so automatisch mitgedacht, dass ihre fundamentale Bedeutung Gefahr läuft, übersehen zu werden. Freuds Gedanke, dass es eine Kausalität geben könnte zwischen biografischem Erleben und späterer seelischer Not, bestimmt maßgeblich, wie seelisches Geschehen heute verstanden wird.

Mit Freuds Annahme der Kausalität(2) waren Menschen also nicht mehr per se gesund oder verrückt, sondern ihr Zustand wurde als Prozess des Erkrankens gedacht. Durch die Einführung dieser kausalen Denkweise wurde der Möglichkeitsraum für Heilung erweitert (Freud 1896).

Freud entwickelte seine Theorien auf der Basis vieler Erfahrungen mit Krankenbehandlungen, den eigenen und denen seiner Kollegen: Seine Patient:innen kamen mit einer deutlichen körperlichen Symptomatik, für die es keine organische Erklärung gab. Zusätzlich dazu zeigten sie erhebliche Verhaltensauffälligkeiten. Letztlich kam die entscheidende Idee durch eine Patientin Freuds, Anna O., die ihm mitteilte, dass sich ihre Symptomatik genau seit dem Moment zu verändern begann, wo sie ihm von ihren frühen, schweren Lebensereignissen berichten durfte. Sie nannte es »the talking cure(1)«, die Redekur(1) (Krutzenbichler und Esser 2010, S. 13 ff.). Daraus folgerte Freud, dass es eine Verbindung zwischen der erlebten Vergangenheit und dem aktuellen körperlichen Geschehen geben muss und dass diese Vergangenheit bzw. deren seelische Spuren bis in den aktuellen Tag wirken. Und wenn diese Verbindung nicht dem Bewusstsein zugänglich ist, muss es eine unbewusste Ebene(1) geben, auf der sich diese Prozesse abspielen. Wenn diese Prozesse stark genug sind, werden sie an der Oberfläche durch Emotionen und Verhalten sichtbar. Diese Prozesse können sogar so stark wirken, dass Symptome entstehen und Menschen erkranken.

Freud vermutete, dass die Stärke der Symptomatik durch ein inneres Konfliktgeschehen(1) entsteht. Denn er beobachtete, dass Menschen, die zu ihm in Behandlung kamen, einerseits starken gesellschaftlichen und familiären Normen unterworfen waren und andererseits, dass, sobald sie sich in einem entspannteren Zustand befanden, unterdrückte Begehren, Leidenschaften, Aggressionen aufflammten. Freud spürte, dass Menschen innerlich zerrissen waren. Er konzipierte dafür ein Modell unterschiedlicher »Instanzen(1)«, die sich im Kampf befanden: eine Instanz für verinnerlichte Normen (Über-Ich)(1), eine Instanz für die inneren Antriebe (Es)(1) und eine vermittelnde Instanz (Ich)(1). Seine Patient:innen wollten in die Gesellschaft passen, sich aber gleichzeitig auch selbst wiedererkennen und mit ihren innersten Antrieben in Kontakt kommen. Auf der Grundlage der Beobachtung des Getriebenseins entwickelte Freud die Triebtheorie(1). Diese Theorie wurde im Verlauf der klinisch-praktischen Erfahrungen immer wieder überarbeitet und verändert. Theorien zu weiteren basalen Motivationssystemen folgten (s. Storck 2018, S. 133 ff.), z. B. das Bedürfnis nach Bindung und Zugehörigkeit, das Bedürfnis nach Exploration und Selbstbehauptung bei Lichtenberg (1989).

2.2 Die wichtigsten Begriffe anschaulich erklärt

(vertiefend s. Laplanche und Pontalis 1982; Mertens 2022)

2.2.1 Unbewusstes(2)

Aus seinen klinischen Beobachtungen heraus, dass seine Patient:innen zu bestimmten seelischen Inhalten keinen Zugriff hatten, stellte Freud die revolutionäre Hypothese auf, dass es neben der bewussten Ebene, auf der Gedanken und Gefühle wahrgenommen werden, auch eine unbewusste Ebene geben muss und sogar ein Zwischenstadium, die vorbewusste Ebene. Damit stand gleichzeitig die Hypothese im Raum, dass menschliches Handeln nicht nur bewusst und willentlich ist, sondern auch durch unbewusste Antriebe geleitet wird.

Menschliches Erleben, Erinnern und Fühlen kann zwischen den genannten Ebenen verschoben werden. Zum Beispiel können Erlebnisse und Erfahrungen, welche die Gefühlswelt eines Menschen überfluten würden, in die unbewusste Ebene verschoben werden. Es kostet jedoch seelische Kraft, diese Erfahrungen auf der unbewussten Ebene zu belassen. Manchmal befördern bestimmte Eindrücke, die dem ursprünglichen Erleben ähneln, die ins Unbewusste verschobenen Erinnerungsspuren ins Vorbewusstsein, wo sie fühlbar, aber noch nicht denkbar werden. Oder sie gelangen ins Bewusstsein, wo sie plötzlich als inneres Bild auftauchen (Abb. 2-1). Menschliches Erleben ist also psychodynamisch.

Abb. 2-1: Psychodynamik als Flaschenzugmetapher(1): psychische Bewegungen (Psychodynamik) zwischen bewusstem (blau), vorbewusstem (rot) und unbewusstem (orange) Erleben.

2.2.2 Das Drei-Instanzen-Modell (Ich, Es, Über-Ich)(1)

Ein weiteres Modell, das Freud auf der Grundlage von klinischen Beobachtungen entwickelt hat, ist das Drei-Instanzen-Modell, in dem es um die Darstellung von seelischen Konflikten geht: Menschen erleben, dass sich unterschiedlichste Gefühle in ihnen regen. Und nicht immer sind diese im Einklang mit den Anforderungen der eigenen Welt und damit der Gesellschaft. An dieser Stelle entsteht ein Konflikt. Und zwar genau dann, wenn der Person beide Regungen wichtig sind, d. h. die eigenen Gefühle und der eigenen Umwelt zu gefallen, sich dazugehörig zu fühlen, den Anforderungen, z. B. Leistungs- oder Moralanforderungen, zu entsprechen.

In seinem Instanzenmodell formuliert Freud dann diese Situation so: Das Ich des Menschen muss sich mit drei Anforderungen auseinandersetzen: mit der Außenwelt, dem eigenen Begehren/Trieben (Es) und den verinnerlichten Verboten und Einschränkungen aus den frühen Beziehungserfahrungen (Über-Ich). Das Ich fühlt sich »von drei Seiten her eingeengt, von dreierlei Gefahren bedroht, auf die es im Falle der Bedrängnis mit Angstentwicklung reagiert […] So vom Es getrieben, vom Über-Ich eingeengt, von der Realität zurückgestoßen, ringt das Ich um die Bewältigung seiner ökonomischen Aufgabe, die Harmonie unter den Kräften und Einflüssen herzustellen, die in ihm und auf es wirken, und wir verstehen, warum wir so oft den Ausruf nicht unterdrücken können: Das Leben ist nicht leicht! Wenn das Ich seine Schwäche einbekennen muß, bricht es in Angst aus, Realangst(1) vor der Außenwelt, Gewissensangst(1) vor dem Über-Ich, neurotische Angst(1) vor der Stärke der Leidenschaften im Es« (Freud 1933, 1940, S. 84 [Hervorhebung d. A.]). Wobei Freud die neurotische Angst als eine Angst begreift, die entweder durch körperliche Symptome begleitet wird oder als Panikattacke (»Anfall«) auftritt, in jedem Fall »ohne ersichtliche Begründung durch eine äußere Gefahr« (Freud 1933, 1940, S. 84).

Folgendes Beispiel soll diese Situation verdeutlichen.

FALLBEISPIEL

Eine junge Frau datet seit einem Jahr Frauen. Auf einer Urlaubsreise hatte sie sich in die Köchin eines Bed & Breakfast verliebt und seitdem eingestanden, dass sie sich sexuell zu Frauen hingezogen fühlt. Bisher hat sie in ihrem Alltag und vor allem ihrer Familie gegenüber versucht, diese Gefühle auszuklammern. Auf der Hochzeit ihrer Cousine trifft sie auf eine Frau, von deren Blicken sie sich stark angezogen fühlt. Später am Abend sprechen die beiden angeregt miteinander. Zum Ende des Gesprächs sagt die andere Frau: »Ich gehe jetzt, außer mich fordert noch jemand zum Tanzen auf.«

In der Situation muss das Ich mit unterschiedlichen Anforderungen umgehen: der Realität, dass jemand in dem cis-hetero-normativen Kontext angreifend wird oder die Familie negativ reagiert, wenn die beiden Frauen zusammen tanzen, den Anforderungen des Über-Ich, das sagt: »Du darfst nicht anders sein als deine Familie«, wobei es sich um verinnerlichte Ansprüche der Eltern und der Gesellschaft handelt, und zuletzt dem Begehren des Es nach Lust und auch nach Nähe zu der spannenden Frau, die gerade vor ihr sitzt.

Laut Freud entsteht eine Realangst(2) durch die Realität, dass also die Reaktionen der Partygäste auch negativ sein könnten, die Gewissensangst(2), dass man den Ansprüchen des Über-Ich nicht genügen wird, und die neurotische Angst(2) vor der Stärke der Leidenschaften des Es.

Auch hier wird deutlich, dass Freud universelle Modelle entwickelt hat. Modelle, die für das gesamte menschliche Denken und Fühlen anwendbar und nützlich sind, nicht nur für das Verständnis von klinischer Symptomatik.

2.2.3 Triebtheorie(2)

Gegenüber der Triebtheorie von Sigmund Freud, einem Kernstück seiner theoretischen Überlegungen, existieren womöglich die größten anti-analytischen Vorbehalte. Kaum eine moderne Therapeut:in wird einer Patient:in gegenüber das Wort Trieb (Freud 1915c) verwenden, da es für zeitgenössische Ohren veraltet klingt.

Wichtig ist die Triebtheorie, da es um die Auseinandersetzung mit einer universellen Frage des menschlichen Seins geht: Was treibt mich an? Oder, wie es vielen Personen geht, die sich für eine Psychotherapie entschieden haben: Warum fühle ich nicht, was mich antreibt, wo meine Leidenschaften sind, was ich liebe? Zusammen mit der Therapeut:in kann es in der Therapie darum gehen, Zugriff zu den in Konflikt stehenden inneren Trieben, im Sinne von inneren Antrieben, zu finden. Das hat eine Verlebendigung des eigenen Erlebens zur Folge.

Trieb wird häufig fälschlicherweise mit dem Streben nach sexueller Lust gleichgesetzt. Bei Trieben(1) handelt es sich allgemein um innere Motivationen und Kräfte, die dann zu Bedürfnissen, Motiven und Affekten führen. Menschen streben nach dem Gefühl, das entsteht, wenn diese Bedürfnisse dann befriedigt werden (Helle 2019).

Diese Triebe lassen sich nach Freuds Beobachtungen in zwei Kategorien unterteilen (Freud 1933 [1940]): Zum einen gibt es den Drang nach Fülle und Lebendigkeit, die Libido(1). Diese äußert sich in den Bestrebungen von Personen etwas zu erleben, Eindrücke zu sammeln, Sex zu haben, gut Essen zu gehen … Anderseits gibt es, leider und vielleicht auch erstaunlicherweise, das menschliche Bedürfnis nach Destruktivität, Schrecken und Angst zu empfinden, sich selbst zu schaden, Gruselfilme zu schauen, bei Unfällen stehen zu bleiben … nach Freud: den Todestrieb(1). Das war der Beginn der Erforschung basaler unbewusster Motivationssysteme.

Welche Bedürfnisse und Motive ins Bewusstsein gelangen und welche Emotionen und konkretes Verhalten dann aus diesen resultieren, ist beeinflusst durch das Über-Ich im Zusammenspiel mit dem Ich. Die Triebtheorie kann also integriert werden in Freuds Strukturmodell von Ich – Es – Über-Ich (Helle 2019).

MERKE

Wichtig für die Therapie und die Patient:in ist das Verständnis, dass Menschen angetrieben sind durch unbewusste Triebe, die mit einer inneren Spannung in Zusammenhang stehen, solange sie nicht befriedigt werden. Mit dieser Spannung müssen Menschen umgehen.

Im Alltag gehen Menschen mit dieser Spannung mehr oder weniger automatisch um. Erst wenn diese innere Spannung zu stark wird, Konflikte entstehen, sie zu körperlichen oder sozialen Beeinträchtigungen führen, entsteht ein Leidensdruck und psychotherapeutische Hilfe wird notwendig. Dazu das folgende Beispiel:

BEISPIEL Das Begehren, der Wunsch nach Lebendigkeit und mehr erlebtem Leben

Einige Menschen kennen das: Abends es nicht von allein (Ich) zu schaffen, die Entscheidung rechtzeitig zu treffen, ins Bett zu gehen, weil ein innerer Drang (Es) stärker ist, noch etwas vom Tag zu erleben, den Tag noch nicht zu beenden, noch etwas Saft aus der Zitrone des Tages zu pressen. Und das, obwohl der Kopf (Über-Ich) glasklar immer wieder sagt, dass am nächsten Morgen das bittere Erwachen mit dem Weckerklingeln kommen wird.

Oder:

Die eigenen To-do-Listen wirken wie Tyrannen (Über-Ich) im eigenen Leben. Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen hat sich in ihrem Leben, in ihrem Inneren eingebrannt. So gern würde diese Person von sich aus (Ich) dem inneren Gefühl (Es), das nach Erlösung, Lebendigkeit, Freizeit ruft, nachgeben können.

In beiden Fällen scheitert das Ich. Im ersten Beispiel an der Stärke des Es und im zweiten Fall an der Stärke des Über-Ich. Und wie stark diese inneren Instanzen ausgebildet sind, hat mit der eigenen Lebens- und Lerngeschichte zu tun.

Beide Beispiele sind vielleicht noch nicht klinisch bedeutsam. Psychotherapeutische Hilfe wird dann in Anspruch genommen, wenn sich bei Personen wie im ersten Fall beispielsweise der Tag-Nacht-Rhythmus umkehrt oder sie die Arbeit verlieren. Oder wenn, wie im zweiten Beispiel, keine Erholung mehr möglich ist und die Gesundheit leidet. Meist entwickeln die Personen dann körperliche Beschwerden, oft Beschwerden des autonomen Nervensystems, wie Magenschmerzen, Verdauungsprobleme, Übelkeit, und suchen eine Psychotherapeutische Praxis auf.

Das Über-Ich steht in dem Ruf, vernünftig zu sein. Dass dem nicht immer so ist, zeigt folgendes Fallbeispiel.

FALLBEISPIEL

Eine Frau stellt fest, dass sie immer einen großen Bogen um ihre Finanzen macht, erst recht um ihre Altersvorsorge. Sie weiß, Altersarmut ist vor allem unter Frauen vertreten. Sämtliche Informationen, Tipps etc., wie sie die Sache angehen könnte, um sich selbst dadurch Sicherheit, Stabilität, Stolz, ja auch Lebensfreude (Es) zu geben, laufen ins Leere. Das ärgert sie sehr. Eines Tages beginnt sie, sich in geschütztem Rahmen unter Frauen dem Thema zu widmen. Sie sucht gemeinsam mit den anderen Frauen nach unbewusst verinnerlichten Stimmen (Über-Ich), die zu vorbewussten Überzeugungen führen, z. B.: »Alles mit Geld ist gefährlich« oder »Du selbst kannst das sowieso nicht« oder »Wer viel Geld hat, bekommt einen schlechten Charakter«. Es gelingt ihr, diese Überzeugungen freizulegen. Nun kann das Ich frei werden für die Suche nach neuen, eigenen, frischen Überzeugungen, um ihnen zu folgen. Ohne diesen Prozess in geschütztem, motivierendem Rahmen war für sie eine Verhaltensänderung zu ihren eigenen Gunsten nicht möglich.

2.2.4 Psychosexuelle Entwicklung(1)

Ein weiterer wichtiger Beitrag Freuds ist das Modell der psychosexuellen Entwicklungsphasen. Je nach Alter und Entwicklungsaufgabe des Kindes sind bestimmte Bedürfnisse wirksam und der Umgang mit ihnen muss gemeistert werden. Die Namensgebung der Phasen erscheint auf den ersten Blick seltsam und lässt sich aus Freuds Triebtheorie erklären. In jeder Phase der psychosexuellen Entwicklung werden ein vorherrschendes Bedürfnis und eine vorherrschende erogene Zone angenommen (Freud 1905d). Nützlich ist dieses Modell, um zu prüfen, wie gut die basalen Bedürfnisse im Leben der Patient:innen befriedigt wurden. Freud vermutete, dass psychisches Leid im Erwachsenenalter mit Schwierigkeiten in der Entwicklung im Kindesalter zu tun haben könnte.

Das Verständnis der psychosexuellen Entwicklungsphasen ist für die Therapeut:in wichtig, weil es den Blick für aktuelle Situationen schult, in denen Versuchungen und Versagungen (gerne benutztes Wortpaar in der Psychoanalyse) dieser Bedürfnisse zu symptomhaftem Verhalten führen.

FALLBEISPIEL

Sams Eltern erklärten Sam in der Kindheit oft für peinlich und ermahnten Sam häufig, sich zurückzuhalten. In Sams Kindheit konnte das Bedürfnis nach Bewunderung und Gesehenwerden dadurch nur mangelhaft erfüllt werden (Mangel in der psychosexuellen Entwicklung). Als erwachsener Mensch gerät Sams Bedürfnis nach Bewunderung und Gesehenwerden in Versuchung, aber Sam hat gelernt, dass dieses Bedürfnis oft nicht erfüllt wird (Versagung). Sam empfindet soziale Situationen heute als sehr belastend, die eigenen Gedanken kreisen und das Herz fängt heftig an zu schlagen, ständig muss Sam sich bei allen rückversichern, ob diese Personen Sam mögen (symptomhaftes Verhalten).

Nachdem Freud die psychosexuellen Entwicklungsphasen erstmals konzipierte, wurden diese, genau wie die Triebtheorie, mehrfach verändert und erweitert, wodurch die Namen und die Anzahl der Phasen bei den Autor:innen unterschiedlich ausfallen. Für einen Überblick werden die ersten drei Phasen näher beschrieben (nach Jungclaussen 2018) und die zentralen Bedürfnisse, um die es in ihnen geht, kurz zusammengefasst.

Orale Phase: 1. Lebensjahr Zu Beginn des Lebens steht das Bedürfnis nach Nähe (früh-oral) und Bindung (oral) im Mittelpunkt. Die engen Bezugspersonen des Säuglings haben die Aufgabe, ihn emotional und körperlich zu nähren. Gleichzeitig hat der Säugling die Aufgabe, die Differenzierung zwischen sich und seiner Bezugsperson zu lernen. Die Namensgebung der Phase entstand aus der Idee einer psychosexuelle Besetzung der Mundschleimhaut als erogener Zone, die mit lebenswichtiger Versorgung und Beruhigung verknüpft ist.

Anale Phase: 2.–3. Lebensjahr In der analen Phase strebt das Kind danach, sich neu zu erfinden und unabhängiger zu sein (Bedürfnis nach Autonomie) oder es erlebt eine Autonomieangst. Die Namensgebung der Phase entstand aus der Idee einer psychosexuellen Besetzung der Ausscheidungsorgane, als Symbolisierung von lustvollem/autonomem Festhalten oder Abgeben (anal) bzw. lustvollem Anhalten oder sich Verströmen (urethral). Das Kind erlebt in dieser frühen Phase über die grundlegenden Bedürfnisse ein erstes Gefühl der Autonomie, da es einer der wenigen Bereiche ist, in denen es Entscheidungen vollständig selbst beeinflussen kann. Damit stehen Machtkämpfe und innere Konflikte an zwischen Gehorsam und Autonomie, also zwischen Fremd- und Selbstbestimmung (Mentzos 2005, S. 98).

Phallische Phase und ödipale Phase: 3.–6. Lebensjahr In der phallischen Phase geht es um das Bedürfnis, bewundert und gesehen zu werden. Kinder entwickeln in dieser Phase Interesse und Stolz in Bezug auf die primären Geschlechtsorgane. So kam es zu der Namensgebung dieser Phase mit dem Phallus als Symbol, das geschlechtsunabhängig gedacht, jedoch auch früh in feministisch-psychoanalytischen Kreisen kritisiert wurde.

In der phallischen Phase wird auch die ödipale Phase durchlaufen, weil es in dieser Zeit eine weitere wichtige Lebensaufgabe zu meistern gibt: Es geht darum, zu lernen, den Schmerz des Ausgeschlossenseins auszuhalten, dass zwei geliebte Menschen, zu denen man in enger Beziehung steht, auch untereinander Beziehungen pflegen können (Triangulation in der elterlichen Beziehung). Gelingt dies, wird der Mensch sich nicht als drittes Rad am Wagen fühlen, sondern kann selbst auch frei sein und sich an der Beziehung der anderen erfreuen. Im Zusammenhang mit dieser Phase steht ein zentrales Konzept der Psychoanalyse, der Ödipuskomplex. Es ist ein Konzept der Triangulation, wo es um das Umwerben des einen Elternteils und das Rivalisieren mit dem anderen Elternteil geht und die Namensgebung auf die Sage des König Ödipus zurückgreift.

Wie durch die Komplexität dieser Bedürfnisse deutlich werden sollte, ist es nicht selbstverständlich, dass die psychosexuelle Entwicklung ohne Schwierigkeiten vonstattengeht. Die Themen der oralen, analen, phallischen und ödipalen Phasen bewegen die meisten Menschen bis ins Erwachsenenalter und eignen sich somit als Anhaltspunkte für die Psychotherapie.

2.2.5 Regression(1)

Regression bezeichnet eine spezifische Reaktionsweise des Menschen, sich innerlich auf frühere Entwicklungsstufen mit allen dazugehörigen Emotionen und Verhaltensweisen zurückziehen zu können. Diese Reaktionsweise kann auf unterschiedliche Art ausgelöst werden. Personen regredieren beispielsweise bei Gefahr, bei körperlichen Erkrankungen, unter toxischen Einflüssen oder bei innerpsychischen Konflikten. In der Therapie werden Übertragungsauslöser oder Informationsmangel genutzt, um den Prozess der Regression zu fördern.

Übertragungsauslöser sind Anhaltspunkte in der Therapie, welche die Patient:in an frühere Beziehungserfahrungen erinnern, wodurch auch ein Zurückfallen in Gefühl und Verhalten der damaligen Entwicklungsstufe begünstigt wird.

Informationsmangel bedeutet in diesem Kontext, dass die Patient:in durch das liegende Setting keine soziale Rückmeldung und dadurch keine neuen Informationen durch die Analytiker:in erhält, die ablenkend wirken könnten.

Übertragungsauslöser und Informationsmangel werden in der analytischen und tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie (zur Unterscheidung der Varianten → Kap. 1.2) gezielt genutzt, damit über die Regression ein Zugang zu ursprünglichen Beziehungserfahrungen entstehen kann (König 1991, S. 19 ff., S. 91 f.). In diesen Beziehungserfahrungen sind die ungelösten inneren Konflikte entstanden, die Leid verursachen, weil sie damals nicht verarbeitet wurden. Durch die Regression werden diese erfühlbar und damit behandelbar.

Die Wahl des konkreten Therapiesettings hängt sowohl vom Behandlungsziel der Patient:in als auch von deren psychischen Voraussetzungen (Indikation) ab.

Regressionsförderliches Setting (analytische Psychotherapie)