Psychodynamische Supervision - Gitta Binder-Klinsing - E-Book

Psychodynamische Supervision E-Book

Gitta Binder-Klinsing

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Beschreibung

Supervisionen sind aus der Psychotherapie nicht mehr wegzudenken. Die regelmäßige Fallsupervision stellt einen bedeutsamen Baustein dar, der die Sicht auf die Patienten erweitert und zum wachsenden professionellen Können der Behandler beiträgt. Gitta Binder-Klinsing stellt die wichtigen Konzepte der Supervision, die Aufgaben des Supervisors und das komplexe Zusammenspiel von mindestens drei Personen – Patient, Therapeut und Supervisor – dar. Unterschiedliche Arbeitsstile der Supervisoren und die Entwicklungen neuerer professioneller Modelle werden fassbar und anhand von Fallbeispielen verdeutlicht.

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Seitenzahl: 75

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Herausgegeben vonFranz Resch und Inge Seiffge-Krenke

Gitta Binder-Klinsing

Psychodynamische Supervision

Vandenhoeck & Ruprecht

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-647-99795-7

Umschlagabbildung: Paul Klee, Blick aus Rot, 1937/akg-images

© 2016, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen /

Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U.S.A.

www.v-r.de

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Satz: SchwabScantechnik, Göttingen

Inhalt

Vorwort zur Reihe

Vorwort zum Band

1Was ist psychodynamische Supervision?Eine erste Annäherung

1.1Aktuelle Fragen

1.2Definition und Aufgaben von Supervision

2Historischer Kontext: Von der Kontrollanalyse zur professionellen supervisorischen Beziehung

2.1Freud als »archetypical supervisor«: Der deutende Supervisor im patientenzentrierten Modell

2.2Multiple Perspektivenerweiterungen:Das intersubjektive Modell der Supervision

3Komplexe Herausforderungen an Supervision

3.1Deklaratives Wissen und implizites Können

3.2Professionelle Differenzierung

3.3Ziele, Funktionen, Rahmung

3.4Die Asymmetrie von Können, Verantwortung und Macht bei Gleichwertigkeit der Subjekte

3.5Polaritäten und Paradoxien zwischen Erkennen und Erfahren

4Arbeitsstile und Entwicklungsprozesse von Therapeuten und Supervisoren

4.1Unterschiedliche Arbeitsstile

4.2Entwicklung professionellen Könnens als Stufenmodelle

5Übertragungskonzepte in der Supervision

5.1Triangulierung

5.2Spiegelung

5.3Parallelprozesse

5.4Container-Contained-Modell

6Forschung

7Interne Reflexion, Qualitätssicherung und Ausbildung

7.1Intervision und Supervision

7.2Ausbildung und Evaluation

7.3Überlegungen zur Praxis gemeinsamer Aus- und Fortbildung

Literatur

Vorwort zur Reihe

Zielsetzung von PSYCHODYNAMIK KOMPAKT ist es, alle psychotherapeutisch Interessierten, die in verschiedenen Settings mit unterschiedlichen Klientengruppen arbeiten, zu aktuellen und wichtigen Fragestellungen anzusprechen. Die Reihe soll Diskussionsgrundlagen liefern, den Forschungsstand aufarbeiten, Therapieerfahrungen vermitteln und neue Konzepte vorstellen: theoretisch fundiert, kurz, bündig und praxistauglich.

Die Psychoanalyse hat nicht nur historisch beeindruckende Modellvorstellungen für das Verständnis und die psychotherapeutische Behandlung von Patienten hervorgebracht. In den letzten Jahren sind neue Entwicklungen hinzugekommen, die klassische Konzepte erweitern, ergänzen und für den therapeutischen Alltag fruchtbar machen. Psychodynamisch denken und handeln ist mehr und mehr in verschiedensten Berufsfeldern gefordert, nicht nur in den klassischen psychotherapeutischen Angeboten. Mit einer schlanken Handreichung von 60 bis 70 Seiten je Band kann sich der Leser schnell und kompetent zu den unterschiedlichen Themen auf den Stand bringen.

Themenschwerpunkte sind unter anderem:

–Kernbegriffe und Konzepte wie zum Beispiel therapeutische Haltung und therapeutische Beziehung, Widerstand und Abwehr, Interventionsformen, Arbeitsbündnis, Übertragung und Gegenübertragung, Trauma, Mitgefühl und Achtsamkeit, Autonomie und Selbstbestimmung, Bindung.

–Neuere und integrative Konzepte und Behandlungsansätze wie zum Beispiel übertragungsfokussierte Psychotherapie, Schematherapie, Mentalisierungsbasierte Therapie, Traumatherapie, internetbasierte Therapie, Psychotherapie und Pharmakotherapie, Verhaltenstherapie und psychodynamische Ansätze.

–Störungsbezogene Behandlungsansätze wie zum Beispiel Dissoziation und Traumatisierung, Persönlichkeitsstörungen, Essstörungen, Borderline-Störungen bei Männern, autistische Störungen, ADHS bei Frauen.

–Lösungen für Problemsituationen in Behandlungen wie zum Beispiel bei Beginn und Ende der Therapie, suizidalen Gefährdungen, Schweigen, Verweigern, Agieren, Therapieabbrüchen; Kunst als therapeutisches Medium, Symbolisierung und Kreativität, Umgang mit Grenzen.

–Arbeitsfelder jenseits klassischer Settings wie zum Beispiel Supervision, psychodynamische Beratung, Arbeit mit Flüchtlingen und Migranten, Psychotherapie im Alter, die Arbeit mit Angehörigen, Eltern, Gruppen, Eltern-Säuglings-Psychotherapie.

–Berufsbild, Effektivität, Evaluation wie zum Beispiel zentrale Wirkprinzipien psychodynamischer Therapie, psychotherapeutische Identität, Psychotherapieforschung.

Alle Themen werden von ausgewiesenen Expertinnen und Experten bearbeitet. Die Bände enthalten Fallbeispiele und konkrete Umsetzungen für psychodynamisches Arbeiten. Ziel ist es, auch jenseits des therapeutischen Schulendenkens psychodynamische Konzepte verstehbar zu machen, deren Wirkprinzipien und Praxisfelder aufzuzeigen und damit für alle Therapeutinnen und Therapeuten eine gemeinsame Verständnisgrundlage zu schaffen, die den Dialog befördern kann.

Franz Resch und Inge Seiffge-Krenke

Vorwort zum Band

Supervisionen sind aus der psychodynamischen Therapie nicht mehr wegzudenken: Sowohl im Katalog für die Ausbildung zum tiefenpsychologisch fundierten Therapeuten und Psychoanalytiker als auch in der alltäglichen Praxis von niedergelassenen Therapeuten und Therapeutinnen nimmt die Supervision von Fällen einen zunehmend wichtigen Raum ein. Auch im stationären Setting von psychosomatischen Kliniken, von Kliniken für Psychiatrie und Kinder- und Jugendpsychiatrie stellt die regelmäßige Fallsupervision einen bedeutsamen Baustein dar, der die Sicht auf die Patienten erweitert und die Kompetenz der Behandelnden herausfordert und stimuliert. Bislang gibt es kaum Arbeiten, die die wichtigen Konzepte der Supervision, die Aufgaben des Supervisors und das komplexe Zusammenspiel von mindestens drei Personen (Patient, Therapeut und Supervisor) kritisch aufarbeiten und reflektieren.

Dies ist nun mit diesem Band von Gitta Binder-Klinsing gelungen. Supervision ist in Zeiten der intersubjektiven Wende in der Psychotherapie und der emanzipatorischen Bestrebungen der Patienten von einer autoritativen Hilfestellung für Therapeuten durch Experten zu einer gemeinsamen Suche nach Verständnismöglichkeiten in einem Kompetenzrahmen geworden. Gitta Binder-Klinsing vermag es, das komplexe Thema in seiner Breite und Tiefe spannend und verständlich darzustellen. Ausgehend vom historischen Kontext, in dem Freud als väterlicher Berater mit voller Deutungshoheit vorgestellt wird, bis hin zu den schwierigen Fragestellungen, denen sich Therapeuten heute inmitten von »Polaritäten und Paradoxien« gegenübersehen, führt uns die Autorin durch alle Labyrinthe des supervisorischen Geschehens und verdeutlicht sie an Fallbeispielen. Unterschiedliche Arbeitsstile der Supervisoren und die Entwicklungen neuerer professioneller Modelle werden fassbar, die Notwendigkeit der curricularen Einbettung in die Weiterbildung deutlich. Erste Ergebnisse zur Qualitätssicherung werden dargestellt und zeigen Forschungsmöglichkeiten in diesem spannenden Feld auf.

Ein im besten Sinne kompaktes und inhaltsreiches Buch.

Inge Seiffge-Krenke und Franz Resch

1Was ist psychodynamische Supervision? Eine erste Annäherung

Die Frage danach, wie psychoanalytisches Arbeiten gelernt, gelehrt und verbessert werden kann, beschäftigt die Psychoanalyse von Anbeginn. Konflikte um die zunächst »Kontrollanalyse« genannte Supervision spielten dabei eine zentrale Rolle, insbesondere seit ihrer Einführung als ein Teil der strukturierten dreistufigen Ausbildung zum Psychoanalytiker in Berlin. Es wird nicht nur bis heute um ihre Aufgaben, ihre Ziele und ihre Gestaltung gerungen, sondern zunehmend rücken auch Fragen der Ausbildung und Supervision der Supervisoren in den Vordergrund. Zugleich werden Widersprüche und Paradoxien sichtbar, die nicht aufgelöst werden können. Wenn sie aber reflektiert werden, können sie »contained« werden und zu einer Vertiefung professionellen Könnens beitragen.

Die historischen Veränderungen angesichts der intersubjektiven Wende der Psychoanalyse bilden sich hierbei auch im Verlust der Deutungsmacht des psychodynamisch arbeitenden Supervisors ab und erfordern eine zeitgemäße Definition von Supervision. Dabei soll hier »psychodynamische Supervision« als übergeordneter Begriff für Supervision auf der Grundlage psychoanalytischer Konzepte herangezogen werden, ohne auf die komplexe Diskussion der Unterschiede von Psychoanalyse und Psychotherapie einzugehen (vgl. dazu Körner, 2016).

1.1Aktuelle Fragen

Die lange Auseinandersetzung um das Verständnis psychoanalytischer Supervision spiegelt zentrale Entwicklungen der Psychoanalyse hin zu intersubjektiven Konzepten wider und kann als allmähliche Herausbildung einer relationalen Auffassung auch von psychodynamischer Supervision verstanden werden.

Unter einer relationalen Sichtweise gestalten idealtypisch zwei Subjekte in einem wechselseitigen Prozess intersubjektiver Verwobenheit ihre Beziehung, was Mitchell poetisch wie folgt beschrieben hat: »Like Escher’s Drawing Hands, the interpersonal and the intrapsychic realms create, interpenetrate, and transform each other in a subtle and complex manner« (1988, S. 9).

Dieses Bild könnte man als Leitvorstellung dafür heranziehen, wie Supervision zu einem Lernmodell für intersubjektiv verstandenes psychodynamisches Arbeiten werden kann, in dem das Erlernen von Technik und der Zuwachs von therapeutischem Können verwoben sind mit persönlichem Wachstum. Voraussetzung hierfür ist, dass der Supervisor die Bereitschaft aufbringt, nicht nur die Theorie zu lehren und die klinischen Aspekte des Falls zu untersuchen, sondern auch wagt, sich als einbezogenen Teilnehmer zu verstehen, der offen dafür ist, auch die Aspekte der supervisorischen Beziehung und ihres Kontextes zu reflektieren.

Das Medium der Supervision ist unter diesem Vorgehen konsistent mit den Aussagen der klinischen Theorie und die transgenerationale Weitergabe von psychoanalytischem Können kann so im Rahmen einer professionellen Beziehung mit den »Mitteln« der Psychoanalyse angestrebt werden.

Dies verhindert auch, dass sich Supervision in einem theoretischen Vakuum abspielt (Canestri, 2007). Die im relationalen Konzept eingebundene Kontextualisierung ermöglicht zudem die Einbeziehung sozialer Aspekte und des institutionellen Umfelds. Das bedeutet dann zum Beispiel auch, die Reflexion der Subjektivität in der Supervision auch auf zentrale und kritische Aspekte der supervisorischen Beziehung selbst wie zum Beispiel der kontextabhängigen Macht- oder Rollenasymmetrie erweitern zu können. Diese Asymmetrie ist der therapeutischen und supervisorischen Beziehung inhärent, selbst wenn der Supervisor in einem relationalen Konzept der Psychoanalyse keine Deutungsmacht und keinen privilegierten Zugang zur Wahrheit beansprucht.

Für die Vorstellung, welches Modell für den Zugang zu Erkenntnis und Erfahrung in der psychodynamischen Therapie und Supervision dabei angemessen ist, erweisen sich zwei Themenkomplexe als bedeutsam, die um die Fragen kreisen: Wissenschaft oder Kunst? Medizinisches oder kontextuelles Modell? Diese unterschiedlichen Perspektiven bestimmen entscheidend mit, wie psychodynamische Supervision gesehen wird: eher als Lehre und Weitergabe von Wissen und Theorie zur Aneignung einer korrekten Technik oder eher als Selbsterfahrungsprozess mit intensiver Analyse auch von Übertragungs- und Gegenübertragungsgefühlen, zuweilen bis hin zu therapeutischen Implikationen.