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Angehörige sind keine Randfiguren. Sie sind Mitbetroffene & emotional hoch involviert, innerlich zerrissen zwischen Liebe, Last und Loyalität. Pflegekräfte, Mediziner und Apotheker begegnen ihnen täglich: Angehörigen, die trösten, fordern, zweifeln, kontrollieren und oft selbst nicht wissen, wie sie dieser Rolle gerecht werden sollen. Wer Angehörige psychologisch versteht, reduziert Missverständnisse, entschärft Konflikte und entlastet langfristig das eigene Team. Eine Investition, die sich doppelt auszahlt: menschlich und organisatorisch. Dieses Buch bietet einen psychologischen Schlüssel zur inneren Welt von Angehörigen. Es zeigt klar und praxisnah, wie Angehörige denken, fühlen und handeln und was sie von Fachkräften wirklich brauchen, um nicht selbst zu zerbrechen. Das Wissen stärkt die professionelle Angehörigenarbeit, erhöht Handlungssicherheit und eröffnet neue Wege der Kooperation im Versorgungsalltag. Fundiert, verständlich und berührend verbindet das Buch wissenschaftliche Erkenntnisse mit alltagsnahen Beispielen, Fallvignetten und überraschenden Aha-Momenten & für alle, die professionell helfen und dabei selbst stabil bleiben wollen.
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Seitenzahl: 411
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Cover
Titelei
Vorwort
Teil I Die Situation verstehen
1 Was es bedeutet, Angehöriger eines Patienten zu sein
1.1 Wer gilt als Angehöriger?
1.2 Die herausfordernden Funktionen der Angehörigen
1.3 Die psychische Realität hinter der Angehörigenrolle
1.3.1 Emotionaler Overload
1.3.2 Multitasking und neue Rollenübernahmen kosten Kraft
1.3.3 Verschiebung von Beziehung und Macht, Abhängigkeiten entstehen
1.3.4 Die Krankheit bestimmt alles
1.4 Belastungsfaktoren entstehen
1.4.1 Grundbedürfnisse werden gekappt
1.4.2 Besondere Risikofaktoren wirken sich aus
1.4.3 Eine Überlastungsspirale entsteht
1.5 Angehörige sind Menschen im Krisenmodus
1.6 Zusammenfassung und Schlussfolgerung
2 Wissenswertes über Gefühle
2.1 Warum Gefühle für Angehörige und Fachkräfte so bedeutsam sind
2.2 Mit Gefühlen gut umgehen
2.2.1 Wie wir Gefühle für unsere Stabilität und unsere Bewältigung nutzen können
2.2.2 Mitleid oder Mitgefühl?
2.3 Einladung zur Reflektion
2.3.1 Was spüre ich – und was zeige ich?
2.3.2 Emotionale Selbsterlaubnis im Arbeitsalltag
2.3.3 Was triggert mich bei Angehörigen?
2.4 Zusammenfassung
3 Die Gefühlswelt der Angehörigen
3.1 Angst – wenn Angehörige sich sorgen, zweifeln oder fürchten
3.1.1 Psychologischer Hintergrund: Was ist Angst?
3.1.2 Wie Angehörige mit ihren Ängsten umgehen können
3.1.3 Tipps für Fachkräfte – Umgang mit ängstlichen Angehörigen
3.2 Hilflosigkeit – Wenn Angehörige nicht mehr weiterwissen
3.2.1 Psychologischer Hintergrund: Warum Angehörige in Hilflosigkeit feststecken
3.2.2 Wie Angehörige mit ihrer Hilflosigkeit umgehen können
3.2.3 Tipps für Fachkräfte – Umgang mit hilflosen Angehörigen
3.3 Schuld –Wenn Angehörige sich (über-)verantwortlich fühlen
3.3.1 Psychologischer Hintergrund: Was sind Schuldgefühle?
3.3.2 Wie Angehörige mit Schuldgefühlen umgehen können
3.3.3 Tipps für Fachkräfte – Umgang mit schuldgeplagten Angehörigen
3.3.4 Sonderfall »Paraloyalität«
3.4 Scham – Wenn Angehörige sich oder den Patienten verstecken möchten
3.4.1 Psychologischer Hintergrund: Was sind Schamgefühle?
3.4.2 Wie Angehörige mit ihren Schamgefühlen umgehen können
3.4.3 Tipps für Fachkräfte – Umgang mit beschämten Angehörigen
3.5 Ärger, Wut, Zorn – Wenn Angehörige sich aufregen oder verletzt fühlen
3.5.1 Psychologischer Hintergrund: Wut und Aggression
3.5.2 Wie Angehörige mit ihrer Wut und Aggression umgehen können
3.5.3 Tipps für Fachkräfte – Umgang mit Wut und Aggression bei Angehörigen
3.6 Trauer – Wenn Angehörige loslassen müssen
3.6.1 Psychologischer Hintergrund: Trauer
3.6.2 Wie Angehörige mit ihrer Trauer umgehen können
3.6.3 Tipps für Fachkräfte – Umgang mit trauernden Angehörigen
3.7 Liebe – Wenn Angehörige lieben und darunter leiden
3.7.1 Psychologischer Hintergrund: Was hinter der Liebe sichtbar wird
3.7.2 Wie Angehörige mit der Zumutung der Liebe umgehen können
3.7.3 Tipps für Fachkräfte – wenn Angehörige aus Liebe an ihre Grenzen kommen
3.8 Gefühllosigkeit – Wenn Angehörige nichts mehr spüren
3.8.1 Psychologischer Hintergrund: Die schützende Starre
3.8.2 Wie Angehörige mit innerem Rückzug umgehen können
3.8.3 Tipps für Fachkräfte – Umgang mit emotional distanzierten Angehörigen
3.9 Zusammenfassung
II Die Bewältigung unterstützen
4 Wenn Angehörige eine Pflegeentscheidung treffen müssen
4.1 Soll ich, will ich oder lieber nicht?
4.1.1 Wieviel Pflege ist nötig?
4.1.2 Vom Wollen, Sollen, Müssen – Die Psychologie des Commitments
4.1.3 Die Beziehung zum Pflegebedürftigen – (Vor-)Geschichte zählt
4.1.4 Die eigene Lebensrealität – Familie, Beruf, Ressourcen
4.1.5 Wille und Sicht des Patienten
4.2 Schwierige Situationen rund um die Pflegeentscheidung
4.3 Einladung zur Reflektion
4.4 Zusammenfassung
5 Alltag im Ausnahmezustand – Wie Sie pflegende Angehörige im Alltag stärken
5.1 Der Überforderung entgegenwirken
5.1.1 Wer redet mit, wer trägt mit?
5.1.2 Vereinbarkeit ist kein Luxus
5.1.3 Planung: flexibel und tragfähig
5.1.4 Entlastungsnetzwerk aufbauen – jetzt, nicht später!
5.1.5 Reflektionsimpulse für Fachkräfte
5.2 Mut machen
5.2.1 Wie Sie Angehörigen Mut vermitteln
5.2.2 Reflektionsimpulse für Fachkräfte
5.3 Den Aufmerksamkeitsfokus konstruktiv lenken
5.3.1 Reflektionsimpulse für Fachkräfte
5.4 Zusammenfassung
6 Die Herausforderung »Selbstfürsorge«
6.1 Was Selbstfürsorge ist
6.1.1 Warum Selbstfürsorge für pflegende Angehörige unerlässlich ist
6.1.2 Was Selbstfürsorge konkret bedeutet
6.2 Warum Selbstfürsorge und Hilfe annehmen schwerfallen
6.2.1 Das schlechte Gewissen steht dagegen – »Ich kann mich doch nicht einfach um mich kümmern«
6.2.2 Glaubenssätze können es schwer machen – »Ich bin stark und brauche keine Hilfe«
6.2.3 Bedürfnisse werden nicht ernst/nicht wahrgenommen
6.3 Einladung zur Reflektion
6.4 Zusammenfassung
7 Wirksame Regeneration
7.1 Schluss mit den Mythen
7.2 Prinzipien gelingender Regeneration
7.2.1 Fünf Komponenten wirksamer Regeneration
7.2.2 Gezieltes Auftanken nach dem Matching-Prinzip
7.2.3 Reflektieren und adjustieren erforderlich
7.3 Prävention und Erholung
7.3.1 Immer wieder abschalten und den Kopf frei bekommen
7.3.2 Pausen nutzen
7.3.3 Kraft-Räume zum Auftanken aufsuchen
7.3.4 Bewegung nutzen
7.3.5 Soziales Netz haben bzw. in Kontakt gehen
7.4 Akut-Interventionen und Nothilfe
7.4.1 Problemorientiertes Coping – die Situation verändern
7.4.2 Emotionsorientiertes Coping – den Bezug zur Situation verändern
7.4.3 Bewertungsorientiertes Coping – eine Neubewertung vornehmen
7.5 Einladung zur Reflektion
7.6 Zusammenfassung
Teil III Schwierige Situationen meistern
8 Der Einsatz von Humor
8.1 Was ist Humor?
8.2 Wie wirkt Humor? Psychologische Funktionen von Humor
8.3 Humoreinsatz von Angehörigen
8.3.1 Schutzschild – Humor als emotionale Rüstung
8.3.2 Perspektivwechsel – wenn das Leben anders spielt als geplant
8.3.3 Erleichterung – Humor als atmosphärischer Türöffner
8.3.4 Stressreduktion – Humor als Beziehungsstifter
8.3.5 Was bedeutet das?
8.4 Humor seitens Pflegekräften oder Ärzten gegenüber Angehörigen
8.5 Wie erzeugen wir Humor?
8.5.1 Wie lässt sich Humor anderen gegenüber einsetzen?
8.5.2 Gibt es im Humoreinsatz auch NoGos zu beachten?
8.5.3 Einladung zur Reflektion
8.6 Zusammenfassung
9 Gewalt in der häuslichen Pflege – ein Tabuthema mit vielen Gesichtern
9.1 Was genau ist Gewalt? Und was nicht?
9.1.1 Woher kommt Gewalt? Psychologischer Hintergrund
9.2 Wie sieht Gewalt in einer Pflegesituation aus?
9.2.1 Gegen wen richtet sich die Gewalt?
9.2.2 Typische Gewaltformen in der Pflegesituation
9.3 Wie kommt es dazu? Einflussgrößen und Randbedingungen von Gewalt
9.3.1 Determinanten aggressiven Verhaltens
9.3.2 Auslöser für Gewalt in der Patientenbegleitung
9.3.3 Gewaltspirale
9.4 Was tun zur Vorbeugung: Prävention
9.4.1 Tipps für den Angehörigen
9.4.2 Was können Sie als außenstehende Fachkraft präventiv tun? (Gewalt-Prophylaxe bei den Angehörigen)
9.5 Was tun im Akutfall: Intervention
9.5.1 Tipps für den Angehörigen
9.5.2 Was können Sie als außenstehende Fachkraft tun?
9.6 Gewalt unter Angehörigen – wenn Familien zum Konfliktherd werden
9.7 Einladung zur Reflektion
9.8 Zusammenfassung
10 Verlustangst verstehen und bewältigen
10.1 Realistisch über das Leben (und den Tod) denken
10.2 Eine eigene Haltung zu Tod und Sterben entwickeln
10.3 Verlustangst bewältigen
10.4 Die soziale Unterstützung in den Fokus rücken
10.5 Wie können Sie als Fachkraft den Angehörigen bei alldem unterstützen?
10.6 Zusammenfassung
11 Fazit – Angehörige verstehen, begleiten, stärken
Teil IV Verzeichnisse
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Cover
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Impressum
Inhaltsbeginn
Die Autorin
Prof. Dr. Lioba Werth ist Diplom-Psychologin, Professorin für Wirtschafts-, Organisations- und Sozialpsychologie und neben ihrer inhaltlichen Expertise bereits seit Kindesbeinen mit familiären Pflege- und Krankheitssituationen konfrontiert. Diese fachlich wie menschlich zu begleiten, ist ihr eine Herzensangelegenheit.
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
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Umschlagabbildung: kovalto1 - stock.adobe.com1. Auflage 2026
Alle Rechte vorbehalten© W. Kohlhammer GmbH, StuttgartGesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Heßbrühlstr. 69, 70565 [email protected]
Print:ISBN 978-3-17-045502-3
E-Book-Formate:pdf: ISBN 978-3-17-045503-0epub: ISBN 978-3-17-045504-7
Dieses Buch ist all jenen gewidmet, die als Professionelle Begleiter vor der Aufgabe stehen, Patienten wie Angehörige zu beraten und zu begleiten und sich fundiertes, psychologisches Hintergrundwissen aneignen möchten. Es beleuchtet und erläutert die herausfordernde und in Teilen auch überfordernde Situation des Angehörigen.
Wie dieses Buch zu lesen gedacht ist/aufgebaut ist
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In ▸ Teil I werden der Angehörige und sein Erleben, die Herausforderungen und Risiken in seiner Patientenbegleitung dargestellt. Im Speziellen wird das psychologische Hintergrundwissen dessen beschrieben, sodass Sie ein Grundverständnis für seine Situation, Rolle und Beanspruchung erhalten.
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In ▸ Teil II wird erläutert, wie für Angehörige die Bewältigung dieser Belastungsphase gelingen kann, im speziellen über Regeneration und Selbstfürsorge. So wird vermittelt, was sich hier vorausschauend tun lässt und was wiederum im Akutfall hilfreich ist.
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▸ Teil III ist schwierigen Situationen gewidmet, die im Zuge einer sehr belastenden Patientenbegleitung auftreten können. Dabei wird es zum einen um die Gratwanderung gehen, wie Humor in der Patientenbegleitung eingesetzt werden kann, auf welche Weise er hilfreich und wann er eher schädlich ist. Zum Zweiten wird dargestellt, was sich hinter Verlustängsten von Angehörigen verbirgt, was sie verschärft und was wiederum entlastend wirkt. Zum dritten wird die Extremsituation thematisiert, dass in der Patientenbegleitung Gewalt auftritt, sei es vom Patienten ausgehend oder vom Begleiter. So wird erläutert, was einer solchen Eskalation typischerweise vorausgeht, woran man die Gefahr frühzeitig erkennen und sie abbiegen kann – und sollte dies nicht gelingen, wie man eingreifen kann.
Dieses Buch schafft Bewusstsein – für das, was Angehörige leisten und für das, was sie manchmal überfordert. Es zeigt auf, an welchen Stellen Sie als Fachkraft verstehen, eingreifen oder unterstützen können, sodass Sie die Angehörigen besser verstehen, gezielter entlasten und somit professioneller agieren. Und wenn Sie dabei das eine oder andere über sich selbst verstehen und diese Erkenntnis für Ihr eigene Rolle im Privaten nutzen können, dann ist das eine durchaus beabsichtigte Nebenwirkung.
An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass das vorliegende Werk teilweise inhaltliche Überschneidungen mit meinem Buch Der kleine Angehörigenbegleiter(2024, Norderstedt: BoD) aufweist. Während sich Der kleine Angehörigenbegleiter jedoch gezielt als Ratgeber an die Angehörigen selbst richtet, liegt der Fokus in diesem Buch auf Ihnen als Fachkraft.
September 2025
Lioba Werth
Zur Orientierung im Buch: Piktogramme
Lernziele Übung/Reflexion
Beispiel aus der Praxis Checkliste
v Tipp/Info Zusammenfassung/Merksatz
Zugunsten einer lesefreundlichen Darstellung wird in diesem Text bei personenbezogenen Bezeichnungen in der Regel die männliche Form verwendet. Diese schließt, wo nicht anders angegeben, alle Geschlechtsformen ein (weiblich, männlich, divers).
Sie sind Mediziner, Pflegefachkraft, Patientenbegleiter, im Hospizdienst tätig oder in vergleichbarer Weise in einem helfenden Beruf und unterstützen Patienten. Sicherlich sind Sie ein großartiger Experte in Ihrem Fachgebiet. Dennoch haben Sie vermutlich immer mal wieder erlebt, dass Sie zwar dem Patienten gut helfen können, der Angehörige sich jedoch mit der Situation schwer tut, sich selbst im Wege steht oder es sogar den Beteiligten (sei es dem Patienten oder auch Ihnen) nochmals schwerer macht als nötig.
Angehörige bringen Hoffnung – und Erwartungen. Sie organisieren – und kontrollieren. Sie helfen – und sind selbst am Limit. Angehörige sind mehr als Begleiter: Sie sind emotionale Mit-Betroffene. Ihre Rollen sind vielschichtig, ihre Belastungen real. Sie sind Träger von Geschichten, familiären Mustern, unausgesprochenen Schuldgefühlen, Ängsten, Loyalitätskonflikten. Kurzum: Sie sind hochrelevante Akteure im Genesungsprozess – und zugleich selbst verletzlich. Kein Wunder also, dass sie Ihnen so manches Mal kompliziert, uneinsichtig, fordernd oder auch störend erscheinen.
Dieser erste Buchteil lädt Sie dazu ein, Angehörige psychologisch zu verstehen:
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Was genau ist ihre Rolle?
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Welche Herausforderungen erleben sie?
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Welche Dynamiken bringen sie ins Behandlungsteam?
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Und wie gelingt der professionelle Umgang mit ihnen?
Denn wer als Angehöriger einen Patienten begleitet, tritt oft ohne Vorbereitung in eine neue Welt ein – eine Welt, in der Rollen sich verschieben, alte Sicherheiten bröckeln und Gefühle in ungewohnter Intensität auftauchen. In diesem Teil geht es darum, diese Welt des Angehörigen zu verstehen.
▸ Kap. 1 beleuchtet, was es bedeutet, Angehöriger zu sein – welche Aufgaben, Erwartungen und psychischen Belastungen sich daraus ergeben.
▸ Kap. 2 erklärt, warum Gefühle keine Nebensache sind, sondern zentral für die Bewältigung – und wie man mit ihnen konstruktiv umgehen kann.
▸ Kap. 3 widmet sich der Gefühlswelt der Angehörigen im Detail – von Angst, Hilflosigkeit und Schuld über Scham, Wut und Trauer bis hin zu Liebe und Gefühllosigkeit.
Sie erfahren, welche psychologischen Mechanismen dahinterstecken und welche Wege es gibt, mit ihnen umzugehen.
Was wären Patienten – und was wäre unsere Gesellschaft – ohne sie: die Angehörigen! Sie sind emotionale Stabilisatoren, logistische Möglichmacher, Dolmetscher für Bedürfnisse und oft auch stille Helden. Und: Sie sind nicht immer einfach.
Da können Sie als Pflegekraft oder Behandler sicherlich ein Lied von singen. Sie werden nicht selten erleben, dass Angehörige Ihnen die Arbeit nicht erleichtern, sondern manchmal sogar erschweren. Genau deshalb ist es wichtig, sie zu verstehen – psychologisch, emotional und im Hinblick auf ihre soziale Rolle. Denn nur wer die Innenwelt der Angehörigen versteht, kann sie zu Verbündeten machen und damit im Sinne der Patienten handeln sowie zugleich auch sich selbst den Arbeitsalltag leichter machen.
Lernziele
Nach der Lektüre dieses Kapitels können Sie:
•Angehörige im medizinisch-pflegerischen Kontext psychologisch definieren und erkennen, dass Nähe, Verantwortung und emotionale Bindung entscheidender sind als biologische Verwandtschaft.
•Die unterschiedlichen Rollen und Aufgaben von Angehörigen benennen – von emotionaler Begleitung bis zur Organisation von Pflegeleistungen.
•Die Bedeutung von Angehörigen für den Behandlungsprozess erfassen – insbesondere in Bezug auf Lebensqualität, Entscheidungsfindung und Versorgungskontinuität.
•Die emotionale und organisatorische Belastung von Angehörigen einschätzen und erste Hinweise auf Überforderung erkennen.
Was macht einen Menschen zu einem »Angehörigen«? Es ist nicht die Biologie, nicht der Name auf dem Klingelschild – sondern das innere Band: Im psychologisch-medizinischen Kontext ist nicht das Verwandtschaftsverhältnis entscheidend dafür, wer als Angehöriger gilt, sondern das Maß an Verantwortung, Sorge, emotionale Verbundenheit. Angehörig ist, wer Verantwortung empfindet, sich zugehörig fühlt und unterstützend handelt – unabhängig davon, ob es sich um einen Partner, Freundin, Nachbar oder das eigene Kind handelt (Klie, 2014; George & George, 2003).
In diesem Sinne erstreckt sich die Pflegeverantwortung eines Angehörigen im privaten Bereich typischerweise auf folgende Zielgruppen (Ehrlich & Kelle, 2021):
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48,6 % pflegen (Schwieger-) Eltern
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18,0 % pflegen (Ehe-) Partner
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11,0 % pflegen (erwachsene) Kinder
•
22,5 % pflegen andere Personen
Definition
Angehörige sind all diejenigen Personen, die sich in einer vertrauten, häufig auch verpflichtenden Nähe zum Patienten befinden und Verantwortung empfinden, sich zugehörig fühlen und zur Unterstützung bereit sind (George & George, 2003, S. 16; Reifegerste, 2019).
Als sog. pflegende Angehörige gelten alle einer pflegebedürftigen Person nahestehenden Menschen, die dieser regelmäßig und nicht erwerbsmäßig bei der Lebensführung helfen (ZQP, 2025a).
Drei Beispiele von Angehörigen
Die Tochter, die täglich nach der Arbeit zu ihrem Vater ins Heim fährt, um ihm beim Essen zu helfen – auch wenn er sie kaum noch erkennt.
Der Ehemann, der auf Station täglich die Vitalwerte der Frau hinterfragt, weil er sich ohnmächtig und verantwortlich zugleich fühlt.
Die Nachbarin, die für die alleinstehende Dame im Haus einkauft und zur ärztlichen Kontrolle begleitet – aus Mitgefühl und Pflichtgefühl.
Diese Personen leisten Pflege auf unterschiedlichsten Ebenen – körperlich, emotional, organisatorisch. Alle drei verbindet: Sie sind psychologisch involviert.
Welche Aufgaben übernehmen Angehörige? Die Bandbreite reicht von körperlicher Pflege über organisatorische Aufgaben bis hin zur emotionalen Begleitung (Reifegerste et al., 2017; Werth, 2024, S. 15 f.). Sie begleiten Patienten bei der Nahrungsaufnahme, motivieren zum Trinken oder Bewegen, lesen vor, erzählen Geschichten, hören zu. Auch wer »nur« telefoniert, Arzttermine koordiniert oder die Wäsche bringt, übernimmt Pflegeverantwortung. Angehörige begleiten, trösten, erinnern, strukturieren, motivieren – oft über Monate und Jahre hinweg. Sie sind damit nicht nur stille Mitläufer, sondern aktive Mit-Gestaltende des Krankheitsverlaufs.
Definition
Unter Pflegeverantwortung fallen nicht nur körperliche Tätigkeiten, sondern auch Einkäufe, Gespräche, Begleitung zu Arztbesuchen oder die emotionale Unterstützung im Alltag. Auch das Organisieren von Dingen im Hintergrund, das Zusammenhalten der Fäden ist eine Form der Pflegeverantwortung bzw. Wahrnehmung von Pflegeaufgaben im weiteren Sinne.
Konkret heißt das: Angehörige ...
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übernehmen (anteilig) Pflege zu Hause oder in Einrichtungen (Lamura et al., 2006) oder helfen im Alltag (bspw. Kochen, Körperpflege, Transport, Behördendinge; Rosland et al., 2011).
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organisieren Pflegeleistungen und begleiten zu Arztbesuchen.
•
wählen Pflegeeinrichtung aus und begleiten den Übergang.
•
stimmen sich mit Pflegenden ab und liefern wertvolle Informationen zu Bedürfnissen, Vorlieben und Gewohnheiten eines Patienten (Woods et al., 2009).
•
treten als Bevollmächtigter oder Betreuer auf, wenn Patienten ihren Willen nicht selbst vertreten können. Sie treffen somit zentrale Gesundheitsentscheidungen für den Patienten, der selbst noch nicht oder nicht mehr dazu in der Lage ist.
•
recherchieren Gesundheitsinformationen oder helfen, diese zu verstehen (Reifegerste et al., 2017). Viele medizinische und pflegerische Entscheidungen werden nicht allein vom Patienten getroffen, sondern in seinem sozialen Umfeld besprochen und sind damit auch beeinflusst von den Vorstellungen und Einschätzungen der Angehörigen (Epstein, 2013; George & George, 2003).
•
stärken das Selbstvertrauen des Patienten, besonders in der Kommunikation mit den Fachkräften, sodass dieser seine Wünsche besser geltend machen kann.
•
leisten emotionale Unterstützung (Wilz & Meichsner, 2015). Sie teilen das emotionale Erleben des Patienten, durchleben mit ihm die Höhen und Tiefen seiner Krankheitsbewältigung.
Studien zeigen: Männer übernehmen in der Patientenbegleitung häufiger organisatorische Aufgaben, Frauen sind eher in körperlich-pflegerischer Rolle aktiv (Büscher et al., 2023).
Fallbeispiele der Angehörigenrolle
Fall 1: Die Tochter als Dreh- und Angelpunkt
Frau M., 49 Jahre, betreut ihren Vater, der nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt ist. Sie organisiert einen ambulanten Pflegedienst, kümmert sich um Medikamente, besucht ihn täglich nach der Arbeit und spricht mit Ärzten und Versicherungen.
Fall 2: Der Ehemann als emotionaler Anker
Herr M., 76 Jahre, besucht seine an Demenz erkrankte Frau täglich im Pflegeheim. Er liest ihr Gedichten vor, singt alte Lieder und bringt ihr Lieblingsparfum mit. Die Pflegenden sagen: »Wenn er da ist, blüht sie auf.«
Fall 3: Der Nachbar als Notfallhelfer
Herr K., 62 Jahre, ist kein Verwandter. Aber seitdem seine alleinlebende Nachbarin ins Krankenhaus musste, ist er zur Bezugsperson geworden: bringt Post, füttert die Katze, hält Kontakt zur Station und koordiniert Angehörige aus der Ferne.
Fazit
Angehörige tragen maßgeblich zur Genesung und Lebensqualität bei. Sie sind emotionale Anker, Beistand in Entscheidungen, Gedächtnisstütze und Motivator. Sie haben Einfluss – auf medizinische Entscheidungen, auf das Erleben von Krankheit, auf die Kommunikation mit dem Behandlerteam (Epstein, 2013; George & George, 2003; Reifegerste, 2019). Pflegeverantwortung der Angehörigen ist oft nicht direkt sichtbar – bis sie fehlt und deutlich wird, wie entscheidend ihr Beitrag ist.
Checkliste: Woran Sie erkennen, dass jemand »Angehöriger« ist – unabhängig vom Verwandtschaftsgrad
•Die Person ruft regelmäßig in der Einrichtung an, auch ohne konkrete Anfrage.
•Sie bringt persönliche Gegenstände, Lieblingsspeisen oder Zeitungen vorbei.
•Sie äußert sich emotional über das Wohlbefinden des Patienten.
•Sie fragt nach Informationen, auch wenn sie selbst nicht offiziell verantwortlich ist.
•Sie kennt Alltagsgewohnheiten und Vorlieben der Person genau.
Wie fühlt es sich an, Angehöriger eines Patienten zu sein? Einen Menschen zu begleiten, ist ein Glück und es ist ein Schmerz. Das Leid des einen ist die Sorge des anderen. Es ist zum einen ein unglaubliches Geschenk, denn Geben ist seliger als Nehmen. Es macht Freude, wenn es läuft, man sieht, dass man dem anderen helfen, ihm guttun kann. Zum anderen kostet es zugleich unfassbar viel Energie, vermutlich mehr, als der Angehörige eigentlich hat.
Denn einen Patienten zu begleiten, ist keine einfache Sache, sondern ein emotional und energetisch höchst anspruchsvolles Unterfangen. Dies gilt selbst dann, wenn man bis dato ein gut eingespieltes, sich blind verstehendes Miteinander hatte. Das Verhältnis ändert sich und die Situation überrollt einen. Und zwar drastisch! Nachfolgend erfahren Sie, was die größten Herausforderungen sind.
Führen Sie sich einfach mal vor Augen, was ein Angehöriger erlebt, der bspw. ins Krankenhaus gerufen wird, weil ein Familienmitglied einen Schlaganfall hatte. Was sieht der Angehörige am Krankenbett?
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Nicht nur den Patienten. Sondern einen zutiefst vertrauten Menschen – voller gemeinsamer Geschichten, Hoffnungen, Kämpfe, Liebe.
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Das frühere Leben. Er sieht den starken Vater, der früher das Haus gebaut hat. Die Mutter, die immer alles geregelt hat. Den Partner, der mit ihm getanzt hat. Das Kind, das eben noch wild Fußball gespielt hat.
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Den eigenen Verlust. Im Blick auf den gebrechlichen Körper, die Wunde, die angeschlossenen Maschinen, das nachlassende Gedächtnis, sieht er vor allem eins: »Ich verliere dich.« oder: »Ich habe dich schon verloren (an die Krankheit).«
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Die eigene Angst. Es tauchen Ängste in ihm auf: »Was, wenn mir das auch passiert? Wenn mein Älterwerden auch einmal so aussehen wird? Was, wenn ich jetzt verantwortlich bin – und versage?«
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Schuldgefühle. Es kommen Schuldgefühle hoch: »Habe ich zu wenig getan? Habe ich etwas übersehen? Muss ich mich jetzt kümmern, weil ich's früher nicht getan habe? Besuch(t)e ich ihn oft genug? Hätte ich früher helfen müssen?«
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Eine Zukunft, die er nicht will. Vor seinem inneren Auge sieht er: Einen Rollstuhl. Einen Pflegedienst. Einen leeren Platz am Tisch oder im eigenen Bett. Ein verändertes Leben. Und davor hat er Angst.
Deshalb ist der Blick des Angehörigen oft
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verklärt (weil er festhält am Alten),
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verzweifelt (weil er merkt, es ist nicht mehr wie früher),
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fordernd (weil er hofft, dass irgendjemand das Rad der Zeit zurückdreht).
Der Angehörige sieht und erlebt folglich etwas ganz anderes als Sie als Außenstehender – und dies lässt ihn verständlicherweise innerlich in Aufruhr geraten. Und wenn Sie das im Hinterkopf haben, können Sie die »schwierige Angehörigenforderung« Ihnen gegenüber vielleicht eher einordnen als leisen Hilferuf: »Bitte macht ihn wieder ganz. Ich halte es sonst nicht aus.« (Zur ausführlichen Darstellung einzelner Emotionen ▸ Kap. 3)
Die bisherigen Rollen, die man miteinander hatte, verschieben sich. Angehörige werden plötzlich alles in einem: Pflegekraft, Mutmacher, Ruhepol, Verwaltungsinstanz, Dolmetscher medizinischer Informationen. Sie springen empathisch in diese Rollen, getragen von Zuneigung oder/und Pflichtgefühl. Doch viele dieser Rollen widersprechen einander oder sind kaum miteinander vereinbar – und sie erschöpfen.
Dabei ist nicht entscheidend, ob diese Veränderung schleichend oder aber disruptiv (also bspw. durch einen Unfall oder eine überraschende Diagnose) hervorgerufen wurde. Niemand sucht sich diese Zusatzrollenübernahme (insbesondere dauerhaft) wirklich aus, sondern sie »wächst« einem zu und ist damit häufig mit ambivalenten Gefühlen verbunden (▸ Kap. 3.7.3, ▸ Kap. 4.2, ▸ Kap. 4.3, Ambivalenz).
Tipp
Die wichtigste Rolle, die Angehörige haben – und die sie auch nicht abgeben können – ist die der emotionalen Begleitung. Wenn sie durch andere Rollen überfordert sind, bleibt für diese keine Kraft. Dann ist der Patient zwar »satt und sauber« – aber emotional allein. Und das wäre schade. Alles andere lässt sich organisieren oder delegieren, emotionaler Beistand hingegen nicht.
In der entstandenen »Patient-Angehöriger-Situation« verändert sich das Miteinander:
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Kompetenzen verschieben sich,
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Abhängigkeiten entstehen und
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zuvor ausbalancierte Beziehungen geraten in Schieflage.
Was einst auf Augenhöhe geschah, fühlt sich nun asymmetrisch an – für beide Seiten. Der eine braucht Hilfe, die andere Person wird zur Hauptverantwortlichen. Das belastet und kann unbewusste Widerstände, Schuldgefühle oder Aggressionen auslösen. Schauen wir es uns nachstehend einmal genauer an.
Das veränderte Machtgefüge. Die neuen Rollen führen zu einem Wechsel im »Machtgefüge«: Wer vormals Entscheidungen traf, wird nun abhängig. Während der Patient von den Hilfestellungen des Angehörigen abhängig ist, erweist sich der Angehörige wiederum als abhängig vom Pflegebedarf und den Auswirkungen der ganzen Pflegesituation auf das eigene Leben, das er derzeit nicht so leben kann, wie es geplant war. Der Angehörige übernimmt Aufgaben, für die er sich vielleicht nicht gewappnet fühlt. Oder andersherum: Der bisher stärkere Part im Familiensystem rückt plötzlich in den Hintergrund, weil alle Aufmerksamkeit auf die erkrankte Person fällt. Beide erleben Kontrollverlust – auf unterschiedliche Weise.
In Abhängigkeiten zu leben ist immer schwierig und widerstrebt dem natürlichen Bedürfnis nach Einflussnahme und Autonomie (Lammers et al., 2016). Wundern Sie sich daher nicht, wenn es bei den Beteiligten (Patient wie Angehörigem) zu rebellischem, aggressivem oder resigniertem Verhalten kommt; es wäre eine natürliche Reaktion auf die erlebte Machtverschiebung.
Illustration
»Möglicherweise war der Patient bislang der machtvollere Part in der Beziehung (bspw. war er der Geldverdiener, erledigte alle Formalitäten, traf alle wichtigen Entscheidungen etc.) und ist nun »außer Gefecht gesetzt« und damit »entmachtet«. Den Angehörigen/Begleiter manövriert dies daraufhin in gänzlich unvertraute Bereiche, in denen er besagte Aufgaben nun übernehmen muss.
Oder aber umgekehrt, der Angehörige war bislang der machtvollere Part, bestimmte mit seinen Aktivitäten und Entscheidungen das Familiengeschehen und wird nun durch die Zentrierung rund um den Patienten in die »defensive« Begleiterrolle geschickt und muss sein Leben gewaltig umkrempeln und hintenanstellen. Beide Szenarien werfen im jeweils eigenen Leben Vieles durcheinander.« (aus Werth, 2024, S. 28)
Zerbrechende Symmetrie – wenn das Gleichgewicht kippt. »Eine vorher symmetrische Beziehung, in der es in der Regel ein wechselseitiges Geben und Nehmen gab, wird zu einer einseitigen Beziehung: Die Betroffenen sind plötzlich in der Patientenrolle und haben alle Hände voll mit sich selbst zu tun. Die Angehörigen sind in der Rolle der Kümmerer. Diese Einseitigkeit ist zunächst eine sinnvolle Krisenreaktion. Auf längere Sicht kann sie problematisch werden, wenn nämlich nur noch die Belastung der Betroffenen im Vordergrund steht und die Belastungen der Angehörigen daneben keinen Raum mehr finden.« (aus Wickert, 2021, S. 4)
Tipp
Kommunikation wieder symmetrisch gestalten – auch durch das Teilen eigener Gefühle. Nicht nur zuhören, sondern sich selbst auch mitteilen. Nur so entsteht echte Beziehung.
Die Krankheit des Patienten rückt ins Zentrum der Aufmerksamkeit und das ist aus mehrerlei Gründen sehr verständlich:
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Sie ist der Taktgeber für den Tagesablauf oder die notwendigen Handlungen.
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Sie hat das Leben des Patienten wie das des Angehörigen gehörig aus der Spur gebracht.
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Sie bringt Sorgen und ständige Wachsamkeit mit sich.
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Sie verändert die Tagesform, womit sich alle Beteiligten täglich neu arrangieren müssen.
Die Folge: Angehörige stellen einen Großteil ihrer Bedürfnisse zurück (▸ Kap. 1.4). Sie passen ihr Leben der Krankheit an und geben dabei oft das eigene Leben – zumindest vorübergehend – auf.
Dies geschieht, weil die Angehörigen von der Dynamik des Geschehens »verschluckt« bzw. vereinnahmt werden, sich das Leben des Patienten und das des pflegenden Angehörigen vermischen und zwar so sehr, dass sich das des Angehörigen nahezu auflöst und er das des Patienten mehr oder minder mitlebt. Das eigene Leben wird unbemerkt vom Leben des Patienten überlagert. Die Angehörigen »leben mit« – und verlieren sich. Dass sie sich selbst dabei vergessen, ist ihnen nicht vorzuwerfen, sondern der Dynamik der Situation geschuldet.
Tipp
Als Behandler können Sie Ihrerseits dazu beitragen, genau diesen (unguten) Verlauf zu beeinflussen und helfen, hier die richtigen Grenzen zu ziehen. Machen Sie das Leben der Angehörigen wieder sichtbar. Ermutigen Sie zur gesunden Abgrenzung, nicht zur Aufgabe des eigenen Lebens.
Herausforderungen für Angehörige
•Emotionale Überforderung
•Multitasking und Multi-Rollenübernahmen
•Neue Machtverhältnisse/Abhängigkeiten
•Beziehung verliert Symmetrie
•Krankheit dominiert den Alltag und das Denken
•Eigene Bedürfnisse »verschwinden«
Pflege kann erfüllend sein, zugleich aber auch (oder sogar in den meisten Fällen) extrem belastend. Obgleich Angehörige oftmals Helden des Alltags sind, so sind sie dennoch keine Superhelden, die immun und unversehrbar sind. Im Gegenteil: Pflegende Angehörige sind Mitbetroffene – mit allen Konsequenzen. Sie tragen Verantwortung, oft rund um die Uhr. Sie sind emotionale Stabilisatoren, Lebensmanager, Ansprechpartner für Pflegekräfte – und dabei selbst oft erschöpft, überfordert oder unsichtbar. Während sie sich kümmern, begleiten, trösten, organisieren, verlieren sie dabei manchmal das Wertvollste: sich selbst. Lassen Sie uns daher einen genaueren Blick werfen auf die konkreten Belastungsfaktoren.
In der Fachliteratur gelten pflegende Angehörige als die »unsichtbaren, zweiten Patienten«, da sie durch
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chronischen Stress,
•
körperliche Erschöpfung,
•
erhöhtes Risiko für Depression, u. ä.
auffallen (Cuijpers, 2005; Ernst & Weißflog, 2013; Pinquart & Sörensen, 2003; Schulz & Beach, 1999, Schulz & Sherwood, 2008; Wilz & Meichsner, 2012).
Dass Pflege anstrengend ist und auch belastend sein mag, liegt auf der Hand, doch warum werden pflegende Angehörige dabei selbst krank? Schließlich hat Pflege doch auch ihre schönen Seiten, kann Freude machen, eine wohltuende Nähe erzeugen und vieles mehr (Pendergrass et al., 2023; ZQP, 2025b). Was also liegt hier vor, dass das Ganze so kippen kann?
Die Antwort gliedert sich wie das nachfolgende Kapitel in drei Teile:1
1.
Zum einen geraten pflegende Angehörigen in einen Prozess gekappter Grundbedürfnisse (▸ Kap. 1.4.1), mit dem sie adäquat umgehen sollten.
2.
Da dies meistens nicht gut gelingt, ist es typisch, dass sie in eine sogenannte Überforderungsspirale geraten (▸ Kap. 1.4.2), aus der sie meist nur mit professioneller Hilfe wieder aussteigen und
3.
es können zusätzlich noch spezielle Risikofaktoren vorliegen, die die Belastung nochmals verstärken (▸ Kap. 1.4.3).
Spätestens dann, wenn nicht bereits vorher, sind entsprechende Belastungs- und Krankheitssymptome auch bei den pflegenden Angehörigen vorzufinden.
Pflegende Angehörige übernehmen in der Regel zahlreiche Aufgaben zusätzlich zu ihrem bisherigen Alltag. Um dies zu leisten, stellen sie oft unbewusst ihre eigenen Bedürfnisse zurück. Gleichzeitig sind sie emotional stark involviert, sorgen sich um die betreute Person und tragen Verantwortung. Das bedeutet: Neben der psychischen Belastung werden oft auch die eigenen Grundbedürfnisse stark eingeschränkt – im Extremfall sogar vollständig vernachlässigt.
Der Begriff »Grundbedürfnisse« ist nicht zufällig gewählt. Sie bilden die Basis für körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden. Werden sie über längere Zeit nicht erfüllt, kann das zu physischen und psychischen Problemen führen – im schlimmsten Fall sogar lebensbedrohlich. Im Pflegekontext sind insbesondere folgende Bereiche betroffen: (in Anlehnung an Maslow, 1943; von Witzleben, 2019):
Menschen brauchen ein gewisses Maß an Stabilität und Vorhersehbarkeit. Wenn diese fehlt, geraten wir aus dem Gleichgewicht – und genau das passiert pflegenden Angehörigen häufig:
•
PhysiologischSchlaf, Ernährung und Bewegung bilden die Grundlage für Gesundheit und Erholung. Viele pflegende Angehörige schlafen schlecht oder fragmentiert, weil sie Sorgen haben oder nachts auf den Patienten achten müssen. Ähnlich ungesund verläuft die Ernährung: Mahlzeiten werden oft vernachlässigt, entweder aus Zeitmangel, Stress oder fehlendem Appetit. Und für Bewegung und Sport fehlt (vermeintlich) neben der Patientenbegleitung die Zeit. Solche Einschränkungen schwächen den Körper und mindern die Fähigkeit, den Alltag zu bewältigen.
•
SicherheitsbezogenStabilität, Schutz und Verlässlichkeit gehören ebenfalls zu den Grundbedürfnissen. Möglicherweise ist durch die Erkrankung des Patienten ein Gehalt weggebrochen. Vielleicht ist aber auch durch den Einsatz des pflegenden Angehörigen dessen Arbeitszeit gedrosselt und damit das Einkommen reduziert oder es sind Erkrankung und Pflege so teuer, dass dies die Betreffenden in Nöte versetzt. So bedingte finanzielle Engpässe, unsichere Arbeitszeiten oder unvorhersehbare Krankheitsverläufe des Patienten erhöhen den Druck zusätzlich. Die ständige Anpassung an Unvorhergesehenes zehrt an den Kräften und macht den Alltag schwer planbar.
Menschen sind soziale Wesen. Kontakte zu Familie, Freunden oder in sozialen Gruppen sind essenziell für emotionale Stabilität und das Gefühl von Zugehörigkeit. Pflegende Angehörige schränken diese Kontakte häufig stark ein, weil sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Pflege richten.
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Soziale KontakteFreundschaften, Austausch und Zuwendung nähren die eigene Kraft. Sie geben Energie, ermöglichen Erholung und tragen zum emotionalen Gleichgewicht bei. Soziale Kontakte werden jedoch von pflegenden Angehörigen häufig gekappt, nach dem Motto: »Ich kann ja nicht irgendwo hingehen, während der Patient allein zuhause ist.« (Detailliertere Ausführungen hierzu finden Sie in ▸ Kap. 7.3.5) Fachkräfte können Angehörige unterstützen, ihre sozialen Kontakte und Rückzugsmöglichkeiten bewusst zu pflegen.
•
WertschätzungWer nur für andere sorgt, bekommt oft selbst wenig Anerkennung. Die fehlende Rückmeldung oder Bestätigung kann langfristig das Selbstwertgefühl beeinträchtigen. Im Pflegefall reduzieren Angehörige ihr ganzes Leben so sehr auf den Patienten, dass er oft der Einzige ist, der ihnen noch Anerkennung geben könnte; was ihn aber ggf. überfordert oder ihm je nach Krankheitsstand gar nicht mehr möglich ist. Dann gehen sie nicht nur leer aus, sondern laufen auf der Suche nach Befriedigung ihrer Bedürfnisse auch leer. Daher sind das, trotz Pflegeverantwortung, in Kontakt bleiben mit Freunden sowie der Beruf oder eine andere Tätigkeit (Ehrenamt, Vereinsarbeit etc.) etwas sehr Wichtiges, um beide Bedürfnisse zu befriedigen.
Eigene Hobbys, berufliche Tätigkeiten oder persönliche Projekte fördern Sinn, Freude und Selbstwert. Pflegende Angehörige müssen häufig auf diese Aktivitäten verzichten und erleben dadurch Einschränkungen in ihrer Autonomie. Auf Selbstverwirklichung kann ein Mensch gut für eine Zeit verzichten, wenn er dies als sinnhaft und wichtig ansieht (so bspw. auch zugunsten der Kindererziehung), doch auf Dauer wird es ohne einen Sinn und ohne das Ausleben eigener Talente und Interessen schon eng werden auf der eigenen Zufriedenheits- und Wohlbefindensskala. Es gilt also, beides – wenn auch in abgeschwächter Form – unter einen Hut zu bekommen.
•
Bedeutung eigener InteressenSelbstverwirklichung gibt Energie, stärkt die Persönlichkeit und trägt dazu bei, auch schwierige Phasen besser zu meistern. Pflege darf nicht die einzige Quelle von Sinn und Identität werden. Eine Balance zwischen Patientenbetreuung und eigenen Bedürfnissen ist entscheidend.
Sie sehen, wie massiv und umfangreich die Auswirkungen gekappter Grundbedürfnisse sind. Die Verletzung der eigenen Kernbedürfnisse führt – auch wenn Angehörige dies selbst nicht unmittelbar bemerken – zu Stress und Unbehagen, Überlastungsreaktionen oder auch zu Ängsten. Doch es ist möglich, gegenzusteuern: Wer sich der eigenen Bedürfnisse bewusst ist, kann gezielt für Erholung, Selbstfürsorge und emotionale Balance sorgen. Fachkräfte haben hier eine wichtige Rolle: Sie können Angehörige anleiten, unterstützen und Entlastung ermöglichen (siehe Überblick in ▸ Tab. 1.1; sowie sog. Selbstfürsorge betreiben; lesen Sie dazu ▸ Kap. 6, Selbstfürsorge). Besondere Risikofaktoren, die die Situation zusätzlich erschweren, sollten ebenfalls berücksichtigt werden. Dies wird im nachfolgenden ▸ Kap 1.4.2 dargestellt.
Tab. 1.1:Grundbedürfnisse pflegender Angehöriger erkennen und stärken.
Bedürfnisbereich
Anzeichen, dass das Bedürfnis eingeschränkt ist/Beispiel
Praktische Handlungsoptionen für Fachkräfte
Schlaf & Erholung
Viele Angehörige schlafen schlecht – aus Sorge oder wegen nächtlicher Pflegeeinsätze. Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, Gereiztheit.
Gespräch über Schlafmöglichkeiten; kurze Ruhepausen einplanen; ggf. externe Unterstützung organisieren (z. B. Nachtdienst, Betreuungshilfe).
Ernährung & Bewegung
Angehörige kochen für andere, vergessen aber selbst regelmäßige oder gesunde Mahlzeiten. Mangelnde Bewegung und unregelmäßige Ernährung schwächen Körper und Psyche.
Angehörige motivieren, regelmäßige Mahlzeiten einzubauen; kleine Bewegungseinheiten vorschlagen; praktische Tipps zur Ernährung geben.
Sicherheit & Stabilität
Unsicherheit über Pflegeabläufe, finanzielle Sorgen, unvorhersehbare Veränderungen im Alltag.
Klare Abläufe und Strukturen anbieten; Informationen über finanzielle, soziale und rechtliche Hilfen bereitstellen; Routinen etablieren.
Soziale Kontakte & Nähe
Viele verzichten aus Pflichtgefühl auf eigene Kontakte und geraten dadurch in soziale Isolation.
Austausch mit Familie/Freunden fördern; Selbsthilfegruppen empfehlen; Zeiten für soziale Kontakte einplanen.
Wertschätzung & Anerkennung
Gefühl, dass eigene Leistung nicht gesehen wird; fehlende Rückmeldung oder Bestätigung.
Anerkennung ausdrücken, Lob aussprechen; Erfolge sichtbar machen; Angehörige in Entscheidungen einbeziehen.
Selbstverwirklichung & Autonomie
Alles dreht sich nur noch um den Patienten. Frage: »Was gibt meinem Leben Sinn? Wo bleibt meine Identität?«
Möglichkeiten schaffen, eigene Tätigkeiten oder Hobbys beizubehalten; kleine Zeitfenster für Selbstbestimmung einplanen; Prioritäten klären.
Kurz-Check für die Praxis:
•Welche Grundbedürfnisse werden gerade am stärksten eingeschränkt?
•Wo kann kurzfristige Unterstützung angeboten werden?
•Welche längerfristigen Strukturen (Hilfsangebote, Entlastungsdienste) lassen sich aufbauen?
•Wird regelmäßig nachgefragt, wie es dem Angehörigen körperlich und emotional geht?
Gekappte Grundbedürfnisse: Wenn Selbstfürsorge auf der Strecke bleibt
Pflegende Angehörige geraten häufig in eine Bedürfnisfalle. Sie stellen eigene Grundbedürfnisse zurück – aus Liebe, Loyalität oder Pflichtgefühl. Doch wer dauerhaft eigene Bedürfnisse übergeht, brennt aus.
Neben den bereits beschriebenen allgemeinen Herausforderungen der Pflege gibt es zusätzliche Bedingungen, die die Belastung von Angehörigen deutlich verstärken können. Diese Risikofaktoren lassen sich in drei Bereiche einteilen (▸ Tab. 1.2; Cartaxo et al., 2023; Rodríguez-González et al., 2021 u. a.):
1.
Eigene Voraussetzungen des Angehörigen
2.
Soziales Umfeld
3.
Patient bzw. Pflegesituation
Diese Faktoren wirken direkt stressverstärkend, während soziale Unterstützung und Ressourcen ihre Wirkung abmildern können.
Tab. 1.2:Risikofaktoren für eine höhere Belastung der pflegenden Angehörigen.Anmerkung: * kennzeichnet die Faktoren mit besonders starkem Einfluss auf die Belastung.
pflegender Angehöriger
soziales Umfeld
Patient & Pflegesituation
•Abhängigkeitslevel (keine Wahl bei der Übernahme der Pflege)*
•soziodemografische Merkmale (wie niedrige Bildung)*
•Gesundheitszustand (wie Depression)*
•emotionale Faktoren
•wenig soziale Unterstützung
•soziale Isolation
•finanzielle Stressoren
•hohe Anzahl an Pflegestunden und Pflegeintensität*
•Zusammenleben
•kognitive Einschränkungen
•herausfordernde Verhaltensweisen*
Keine Wahlfreiheit. Wer die Pflege »aufgedrängt« bekommt – z. B. durch familiäre Verpflichtungen oder als Einzelkind – erlebt die Situation oft als fremdbestimmt. Dies erschwert die Situation anzunehmen und mit ihr umzugehen und erhöht den Stress. Fachkräfte können Angehörige darin unterstützen, die Pflege bewusst anzunehmen (oder auch abzulehnen) und Gestaltungsspielräume zu erkennen (»Ich habe mich bewusst entschieden, mich dieser Aufgabe zu widmen«).
Tipp für den Angehörigen
»Hilfreich ist es in diesen Fällen daher – auch wenn die Situation nun bereits eingetreten ist und die Pflege vielleicht schon ›läuft‹ – sich bewusst FÜR die Situation zu entscheiden (nach dem Motto ›Ich habe sie zwar mir nicht ausgesucht bzw. gewählt, aber da sie nun mal da ist, sage ich jetzt Ja dazu‹ und nicht ›... füge ich mich, alles andere hat ja eh keinen Zweck‹). Hintergrund ist, dass es im psychologischen Sinne einen enormen Unterschied macht, ob man eine Situation entschieden annimmt oder ob man sich diesbezüglich als hilflos und Opfer wahrnimmt. Sobald man sich (auch im Falle einer ›nachgeschobenen Entscheidung‹, nach dem Motto: ›wenn ich schon muss, dann will ich es nun auch wollen‹) ›entschieden‹ hat, kann sich mehr Selbstgestaltungspotential in einem entfalten, was einen freier sein lässt und dem Ganzen Schwere nimmt.« (aus Werth, 2024, S. 49)
Bildung und Informationskompetenz. Ein niedriger Bildungsstand kann dazu führen, dass wichtige Informationen nicht verstanden oder umgesetzt werden, was das Gefühl von Kontrollverlust verstärkt. Höher gebildete Angehörige können Aufgaben oft strukturierter angehen und gewinnen mehr Kompetenzgefühl.
Gesundheitszustand. Vorbestehende Erkrankungen, insbesondere Depressionen, machen pflegende Angehörige anfälliger, denn sie führen auf allen Ebenen (kognitiv, somatisch wie emotional) zu einer Vorbelastung, durch die man einer neuen Belastung kaum gewachsen ist – und Pflege ist definitiv eine solche. Umgekehrt kann sich die neue Belastung erschwerend auf den (depressionsbezogenen) Krankheitsverlauf auswirken (Del-Pino-Casado et al., 2021; Yu et al., 2021).
Emotionale Faktoren. Sorge um den Patienten, Angst vor Verlust, Schuldgefühle, Überforderung oder Konflikte mit anderen Familienmitgliedern (Kienle et al., 2006) belasten emotional stark. Schließlich leiden Angehörige mitunter auch unter einer tatsächlichen (oder wahrgenommenen) Stigmatisierung aufgrund der Erkrankung des Patienten, so bspw. im Falle von Demenzerkrankungen oder geistigen Behinderungen der Patienten (Mak & Cheung, 2008; Werner & Shulman, 2014).
Mangelnde Unterstützung. Wer wenig Hilfe von Familie, Freunden oder anderen sozialen Kontakten erhält, trägt die gesamte Last allein. Das steigert das Risiko von Überlastung und Überforderung erheblich, psychisch wie physisch.
Isolation. Pflegende Angehörige vernachlässigen oft eigene Kontakte oder sind räumlich isoliert. Dies reduziert soziale Rückhalt und verstärkt Einsamkeitsgefühle.
Finanzielle Belastungen. Pflege kann finanziell stark belasten – sei es durch weggefallene Einnahmen, höhere Ausgaben oder fehlende Mittel für Unterstützungsleistungen (z. B. Haushaltshilfe, Betreuungspersonen) (▸ Kap. 1.4.1, Grundbedürfnisse).
Pflegestunden & Intensität. Je mehr Zeit und Aufmerksamkeit die Pflege erfordert, desto höher die Belastung. Zusammenleben mit dem Patienten kann diese Intensität weiter steigern, da kaum Abstand möglich ist. Ein eigenes Leben neben der Pflege zu leben, die eigenen Kraftquellen nicht abzuschneiden, ist ein bedeutsamer Puffer. Ausschließlichkeit, Einseitigkeit sind riskant – Abstand gewinnen, aktiv aus der Situation gehen können, sind notwendig und regenerierend.
Kognitive Einschränkungen. Wann immer Angehörige mit einem Patienten nicht mehr vollständig kommunizieren können, ist die Situation für sie besonders anstrengend. Insbesondere, wenn sie »rätseln« und Entscheidungen treffen, ohne die Bedürfnisse des Patienten klar zu erkennen oder bedienen zu können, ist ihre Belastung deutlich erhöht.
Herausforderndes Verhalten. Nicht zuletzt entsteht eine erhöhte Belastung für den pflegenden Angehörigen, wenn der Patient sogenannte herausfordernde Verhaltensweisen aufweist (Hergert & Cimino, 2021; Kim et al., 2021; Rodríguez-González et al., 2021). Der Begriff herausforderndes Verhalten wird in der Pflege für Menschen genutzt, die sich bedingt durch ihre Erkrankung so verändern, dass ihr Verhalten die Lebensqualität von Angehörigen, Pflegenden oder ihnen selbst beeinträchtigt (bspw. durch Verhaltensweisen wie Apathie, Agitiertheit, Aggressionen, Schmieren, Schreien; Büschi & Calabrese, 2021; James & Jackman, 2019). Wann immer Patienten herausfordernd werden, bspw. weil sie in Widerstand gehen, sind dies Momente, in denen es den Pflegenden besonders an die Substanz geht.
Halten wir fest: Pflegende Angehörige tragen eine enorm hohe Last – egal, ob sie stundenweise, tageweise oder rund um die Uhr pflegen, in allen Fällen wird es sie belasten und sollten sie dies nicht alleine schultern! Sie sollten andere mit einbeziehen, auf die sie etwas abladen können, seien es Profis oder Privatpersonen. Denn ein Paar Schultern ist definitiv zu wenig für eine Pflegesituation! Die Pflegepraxis zeigt jedoch: Pflegende Angehörige lassen sich deutlich zu wenig unterstützen und geraten unter anderem auch dadurch in eine Überforderungsspirale (▸ Abb. 1.1).
Abb. 1.1Typische Überforderungsspirale eines Angehörigen.
Wie kommt es dazu, dass zu wenig Unterstützung angenommen wird? Die Gründe dafür sind vielfältig:
•
Es besteht Unklarheit darüber, wo Ansprechpartner und wichtige Informationen herzubekommen sind (▸ Kap. 5.1.3). Mit welcher Frage wendet man sich an wen? Damit suchen Angehörige möglicherweise an den falschen Stellen und bei den falschen Personen nach Unterstützung und sind insgesamt schlecht informiert, bspw. auch über die Erkrankung, Behandlung und das weitere Vorgehen.
•
Hinzu kommt eine mangelnde Kenntnis möglicher Unterstützungsoptionen (▸ Kap. 5.1.3). Welcher Verband oder Pflegeanbieter, welche Selbsthilfegruppe, Betreuungshilfe, Beratungsstelle sind relevant? Greifen bereits Pallativnetz und Hospizdienst für den Patienten oder ein anderes Unterstützungsnetz?
•
Oftmals fehlen Unterstützungsangebote (personell, finanziell, zeitlich, räumlich; ▸ Kap. 5.1.3). Selbst wenn Angehörige Kenntnisse über die Optionen haben, bedeutet das nicht, dass es tatsächlich auch eine Chance gibt, diese wahrzunehmen. Allzu oft hört man, dass alle zur Verfügung stehenden Plätze belegt, die Wartelisten lang, die finanziellen Möglichkeiten zur Wahrnehmung nicht gegeben sind oder aber kein Angebot vor Ort (nur in allzu großer Entfernung) vorhanden ist.
•
Nicht zu unterschätzen ist aber auch die eigene innere Schwierigkeit der Angehörigen, die Unterstützungsangebote tatsächlich in Anspruch zu nehmen: Unterstützung anzunehmen bedeutet, zu zeigen, dass man sie für relevant und nötig hält. Wie weiter vorne bereits erwähnt (▸ Kap 1.3.4), erleben Angehörige oft die Schwierigkeit, ihr eigenes Leben neben dem Patienten weiterzuleben (nach dem Motto »ich kann mir das doch nicht abnehmen lassen und in die Sauna gehen, während mein Patient da vor sich hin leidet ...«). Des Weiteren spielen hier ein schlechtes Gewissen oder Schuldgefühle sowie Glaubenssätze mit rein (▸ Kap. 6.2). Und so bleiben selbst die wenigen bestehenden Unterstützungsmöglichkeiten oftmals ungenutzt (siehe ausführliche Darstellung hierzu in ▸ Kap. 6, Selbstfürsorge, Einwände und Hindernisse).
•
Schließlich kommen noch weitere Belastungen oder Konflikte hinzu: bspw. innerhalb der Angehörigen (wer pflegt wie viel, wer wird bevorzugt etc.) oder seitens der eigenen Familie (»immer bist du bei Oma und nie bei uns«) und die eigene Belastbarkeit wird »runtergeschluckt« oder »hingenommen«.
Letztendlich führen die oben genannten Aspekte dazu, dass Angehörige nahezu alles alleine schultern – ihren Alltag, den des Patienten (sofern sie dazwischen noch unterscheiden können), das Management sowie die hohe emotionale Belastung.
Diese Überlastungsspirale hat schwerwiegende Folgen:
•
Es kommt zu Erschöpfungszuständen, Schlafstörungen, Essstörungen und Stimmungsschwankungen.
•
Typisch sind ebenfalls Angststörungen, depressive Verstimmungen und posttraumatische Belastungsreaktionen.
•
Auch aktive oder passive Gewalt der (pflegenden) Angehörigen gegenüber der gepflegten Person kann ein Ausdruck einer Überforderung und Überlastung des Angehörigen sein (▸ Kap. 9.4.2, Gewalt unter Angehörigen).
Beispiele, wenn aus Fürsorge Erschöpfung wird
•Die Ehefrau, die ihren dementen Mann rund um die Uhr betreut – und seit Monaten niemandem mehr von ihrer inneren Not erzählt.
•Der Sohn, der täglich auf der Palliativstation ist, aber nicht mehr schlafen kann, weil ihn Schuldgefühle und Kontrollverlust zerreißen.
•Die Freundin, die aus Loyalität hilft – und dabei ihre berufliche Existenz aufs Spiel setzt.
Alle drei stehen stellvertretend für eine stille Krise: die Selbstaufgabe in der Fürsorge.
Checkliste: Woran erkennen Sie die Überlastung eines Angehörigen?
Sie sollten auf typische Anzeichen/Frühwarnzeichen achten:
•Gereiztheit, Weinen ohne klaren Auslöser
•Schlafstörungen, Erschöpfung, Konzentrationsprobleme
•Rückzug von Freunden, Hobbies, Beruf
•Schuldgefühle, auch bei kurzen Auszeiten
•Körperliche Beschwerden ohne medizinische Ursache
Tipp
Ihre Rolle als Fachkraft: Hinhören. Wahrnehmen. Ansprechen. Und vor allem: ent-schuldigen, im wahrsten Sinne des Wortes.
Ganz gleich ob jemand von jetzt auf gleich oder eher nach und nach pflegender Angehöriger eines Patienten wird – er wird zum Krisenmanager befördert, Widerstand zwecklos. Und wer sich in diesem Krisenmodus wiederfindet, funktioniert anders als Menschen, die nicht in einer Krise stecken. Werfen Sie daher nachfolgend einen kurzen Blick darauf, was es im psychologischen Sinne bedeutet, im Krisenmodus zu sein.
Was ist eine Krise? In der Psychologie bezeichnet der Begriff »Krise« eine Situation, in der eine Person ein Ereignis oder veränderte Lebensumstände nicht mehr angemessen bewältigen kann. Einfach gesagt: Eine Krise ist eine Zuspitzung einer schwierigen Lebenslage, die an die Grenzen der eigenen Bewältigungsfähigkeit führt.
Eine Krise entsteht typischerweise, wenn:
•
sich das bisher geplante oder gewohnte Leben abrupt verändert, etwa durch die Übernahme einer Pflegeverantwortung,
•
die gewohnten Strategien zur Problemlösung nicht ausreichen, weil Zeit, Energie oder Wissen nicht mehr genügen, oder weil die gewohnten Erholungsphasen unterbrochen sind.
Das Wort »Krise« stammt aus dem Griechischen und bedeutet »Veränderung«. In einer Pflege- oder Betreuungssituation ist diese Veränderung deutlich spürbar: Plötzlich steht man vor Herausforderungen, die eine Anpassung erzwingen und einen Wendepunkt markieren. Entsprechend lässt sich eine Krise anhand folgender Merkmale charakterisieren (Stangl, 2020):
1.
ÜberforderungBetroffene erleben, dass sie mit der Situation nicht mehr zurechtkommen. Die alltäglichen Aufgaben erscheinen zu viel, die Belastung übersteigt die eigenen Ressourcen.
2.
Verlust des inneren GleichgewichtsWenn gewohnte Strategien versagen, entsteht ein Gefühl von Spannung, Unsicherheit und Bedrohung. Die innere Balance wird gestört, die emotionale Stabilität leidet.
3.
Gefühl der HandlungsunfähigkeitViele Betroffene fühlen sich gelähmt, fassen keine klaren Gedanken und können keine Schritte zur Problemlösung mehr umsetzen. Dies erzeugt Hilflosigkeit, Energielosigkeit und führt dazu, dass alltägliche Aufgaben nicht mehr bewältigt werden.
4.
AngstKrisen gehen fast immer mit Angst einher – vor dem Unbekannten, vor weiteren Veränderungen oder davor, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein (siehe dazu ausführliche Erläuterungen in ▸ Kap. 3.1). Diese Angst kann das Selbstwertgefühl stark belasten.
5.
Druck.Eine Krise zeigt, dass eine Veränderung unvermeidlich ist. Je zugespitzter die Situation, desto stärker der empfundene Druck. Betroffene leiten diesen Druck oft unbewusst auf andere weiter, zum Beispiel auf Fachkräfte.
Chancen und Risiken. Eine Krise ist nicht nur eine Belastung, sondern auch eine Gelegenheit zur Veränderung. Sie zwingt dazu, alte Gewohnheiten zu überdenken, neue Lösungen zu suchen und sich weiterzuentwickeln. Gleichzeitig birgt sie Risiken: Wird sie nicht bewältigt, kann dies zu anhaltender Überforderung, emotionalem Stress oder Konflikten führen.
Krisen erfordern daher mehr als bloße Erholung. Es braucht bewusste Strategien zur Bewältigung, Orientierung und Unterstützung – sowohl für die pflegenden Angehörigen als auch für die Fachkräfte, die sie begleiten.
Was bedeutet dies für Sie als Fachkraft?
Sie werden Angehörige in einer akuten Belastungssituation antreffen – manchmal in offener Verzweiflung, manchmal hinter einer Fassade aus Kontrolle oder Pflichtbewusstsein. Es ist Ihre Aufgabe, diesen Krisenzustand psychologisch zu erkennen, empathisch zu deuten und professionell darauf zu reagieren. Angehörige brauchen dann keine Lösungen auf Knopfdruck, sondern das Gefühl, gesehen zu werden. Achten Sie auf Signale wie Rückzug, Gereiztheit, übermäßige Fürsorge oder Misstrauen – all das kann Ausdruck einer inneren Krise sein.
