Psychologie - Rainer Maderthaner - E-Book

Psychologie E-Book

Rainer Maderthaner

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Beschreibung

Das Grundlagenwerk zur Psychologie - neu überarbeitet! Der Band soll in der 3., überarbeiteten Auflage den kleinsten gemeinsamen Nenner an psychologischem Grundwissen aufzeigen. Die einzelnen Kapitel verschaffen Einblicke in das Wissenschaftsverständnis und die Methoden der Psychologie sowie in wichtige Bereiche der psychologischen Forschung (Gehirnfunktionen, Bewusstsein, Wahrnehmung, Lernen, Denken etc.), ergänzt um praktische Anwendungsbeispiele. Multiple Choice Fragen und Antworten ergänzen das Buch. Erhältlich über utb.de.

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Seitenzahl: 597

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Prof. Dr. Rainer Maderthaner lehrt Psychologie an der Universität Wien und an der Fachhochschule Wr. Neustadt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Angaben in diesem Lehrbuch erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung ohne Gewähr, eine Haftung des Autors oder des Verlages ist ausgeschlossen.

3., vollständig überarbeitete und ergänzte Auflage

Copyright © 2021 Facultas Verlags- und Buchhandels AG

facultas, Universitätsverlag, Stolberggasse 26, 1050 Wien, Österreich

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und der Verbreitung sowie das der Übersetzung, sind vorbehalten.

Abbildung am Umschlag wurde erstellt mit Magic-3D, Highware

Gestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

Satz: grafzyx.com

Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg

Printed in Germany

utb-Nummer 2772

ISBN 978-3-8252-5540-4 (Printausgabe)

ISBN 978-3-8385-5540-9 (Online-Leserecht)

ISBN 978-3-8463-5540-4 (E-PUB)

Vorwort zur dritten Auflage

Seit der letzten Auflage des Buches im Jahr 2017 verschärften sich in der menschlichen und in der natürlichen Umwelt eine Reihe bedrohlicher Tendenzen. Aktuellen Berichten des „Club of Rome“ entsprechend schreitet die Klimaerwärmung massiv voran (Auftauen des Permafrostes …), Umweltkatastrophen häufen sich (Waldbrände, Unwetter …), die Umweltverschmutzung nimmt weiterhin zu (Mikroplastik …), die Labilität des Finanzkapitalismus verhindert eine stabile Wirtschaftsentwicklung (Spekulation, Wettgeschäfte …), soziale Spannungen und kriegerische Auseinandersetzungen wachsen (Arm-Reich-Diskrepanz, religiöse Konflikte …), Nahrungs- und Energieressourcen vermindern sich (Wüstenbildung …), diktatorische Entwicklungen bedrohen Demokratien („Trumpismus“ …) und die Beherrschung von Pandemien (COVID-19 …) scheint aufgrund zunehmender Mobilität und Kontaktintensität immer schwieriger zu werden.

Es sind in Zukunft dramatische gesundheitliche und wirtschaftliche Schäden zu erwarten, welche auch die Psyche der Menschen in vielfältiger Weise belasten werden: Ängste, depressive Verstimmungen, Aggressionen, Hilflosigkeitsgefühle, Verlust von Empathie, soziale und nationale Vorurteile, Suche nach „Sündenböcken“ und Demokratieverdrossenheit werden daher zunehmen. Psychologinnen und Psychologen werden somit zukünftig vermehrt therapeutisch gefordert sein. Wesentlich und bisher zu wenig beachtet werden sie aber auch Aufgaben der psychologischen Aufklärung hinsichtlich eines möglichen nachhaltigen Lebens und einer realistischen Wegweisung in eine glückliche Zukunft aufzeigen müssen, um unsere Resilienz zu fördern und unser dringend nötiges Engagement für die Zukunft zu stützen.

Die Psychologie darf nicht nur als Mittel der Anpassung an inhumane Zukunftsszenarien wirksam werden, sondern sie muss auch als Wegbereiter für ein positives, nachhaltiges und aktionistisches Weltbild des Menschen nutzbar sein. Psychologische Erkenntnisse haben insofern auch anthropologische Bedeutung, als sie Möglichkeiten und Begrenzungen sowie den Entwicklungshorizont menschlicher Existenz aufzeigen und damit „evidenzbasierte“ Einsichten in eine humane Zukunftsgestaltung eröffnen. Psychologisches Fachwissen zeigt etwa systematische Verfälschungen in der Wahrnehmung von Mitmenschen auf; es hilft, Denkfehler beim Problemlösen zu vermeiden; es liefert Praktiken zur Angst- und Stressbewältigung, bietet Regeln für verbesserte Kommunikation und Kooperation an und spezifiziert in der Wohlbefindens- und Glücksforschung jene Faktoren, die für ein erfülltes Leben der/des Einzelnen oder von Bevölkerungsgruppen nötig sind. Psychologie muss mit anderen Worten stärker wertorientiert und wieder humanistisch werden, um ihrer Verantwortung als menschen- und weltbildgestaltende Wissenschaft gerecht zu werden.

Hinsichtlich der Neugestaltung des Buches bedanke ich mich für wichtige Fehlerkorrekturen bei Marius Wagner, einem äußerst gewissenhaften Leser des Buches. Besonderer Dank für das Zustandekommen der neuen Auflage gebührt dem Facultas-Verlag, insbesondere Frau Dr. Mannsberger-Nindl und Frau Mag. Tatzreiter, welche mir in vielerlei Hinsicht bei der Überarbeitung des Buches wesentlich entgegenkamen. Elijah Uher und Asya Efe leisteten einen wertvollen Beitrag für die Ergänzung und Korrektur des Literaturverzeichnisses. Meiner Tochter, Dr. med. Lydia Maderthaner, verdanke ich wichtige Einsichten aus den mit ihr geführten forschungsbezogenen Diskussionen. Meine Lebenspartnerin, Dr. med. Eva Uher, ließ nicht nur meine zeitweise erlahmende Motivation nicht gelten, sondern war auch stets bereit, auf thematische Fragen und kritische Punkte einzugehen und setzte in den zahlreichen Gesprächen wichtige Lösungsimpulse.

Rainer Maderthaner

Vorwort zur zweiten Auflage

Auch Bücher, welche vorgeben, nur den „kleinsten gemeinsamen Nenner“ psychologischen Wissens zu erfassen, kommen mit Fortschreiten dieses Wissens in die Jahre. Für die Aktualisierung des vorliegenden Werks waren daher viele neuere Forschungsergebnisse bzw. Literaturverweise aus verschiedenen Hauptthemengebieten der Psychologie einzuarbeiten. Modifikationen ergaben sich vor allem im Methodenkapitel, beim Thema Bewusstsein und im Kapitel Gesundheit, bei dem vor allem neue statistische Daten einzuarbeiten waren. Manche Abschnitte konnten aus aktueller Sicht sogar gekürzt werden, sodass Raum für ein weiteres Kapitel entstand. Da Erotik und Sexualität zu den Grundbedürfnissen menschlicher Existenz zählen, Einstellungen zur sexuellen Orientierung in vielfältiger Weise zwischenmenschliche Beziehungen beeinflussen und Cybersex in den letzten Jahren eine unübersehbare Internet-Präsenz erreicht hat, fiel die Entscheidung auf den Themenkreis Sexualität. Allgemeine Zielsetzung war, weitgehend gesicherte und in Fachkreisen anerkannte Wissensinhalte der Psychologie möglichst kompakt zu präsentieren.

Aufgrund des begrenzten Umfanges des Buches konnten spezielle Probleme der Psychologie, die in den letzten zehn Jahren in der Fachwelt kontrovers diskutiert wurden, nicht aufgegriffen werden, wie etwa die Problematik der Replikation psychologischer Untersuchungen („Krise der Psychologie“), die Diskussion zur Lage der Allgemeinen Psychologie oder die Bestrebungen der eventuellen Abspaltung einer Psychotherapie-Psychologie („Einheit des Faches“). Für Interessenten sind diese Themen jedoch in den letzten Jahrgängen der Psychologischen Rundschau der Deutschen Gesellschaft für Psychologie kompakt nachlesbar. Nur peripher eingegangen werden konnte im Buch 1.) auf die in den letzten Jahrzehnten problematisch zunehmende Diversifikation im Fach, d.h. das inhaltliche Auseinanderdriften der Subdisziplinen und deren wiederholte Beforschung gleicher Inhalte, 2.) auf die statistisch-methodischen Schwächen in der Forschung, wie etwa die immer noch verbreitete Nutzung der Korrelationsrechnung für Effektanalysen, 3.) auf die zu geringe Komplexität psychologischer Prognosemodelle (z.B. Vernachlässigung von Multikausalität und bedingter Kausalität) sowie 4.) auf mangelnde (formale) Integration und Kodifizierung psychologischer Erkenntnisse („Theoretische Psychologie“), mit dem Zusatznutzen einer effizienteren Forschungsplanung zur systematischen Beseitigung von Lücken im psychologischen Wissenskanon.

Für fachliche Anregungen, kritisches Feedback oder Korrekturlesen für die zweite Auflage des Buches bedanke ich mich besonders bei Univ.-Prof. Dr. Giselher Guttmann, Mag. Reinhard Schott sowie bei meiner Tochter Dr. med. Lydia Maderthaner, während mir Diskussionen mit Mirjam Uher, B.Sc., und Elijah Uher psychologische Themen aus der Sicht der jungen Generation näherbrachten.

Meiner Lebenspartnerin, Dr. med. Eva Uher, bin ich in vielfältiger Hinsicht zu Dank verpflichtet, vor allem aber für die konstante Ermunterung zu einer Neuauflage des Buches, für sexualkundliche Informationen zum neuen Kapitel sowie für das verständnisvolle Hinnehmen privater Einschränkungen zugunsten der Buchbearbeitung.

Rainer Maderthaner

Vorwort zur ersten Auflage

Das vorliegende Buch will einen kompakten, verständlichen Überblick über die Grundlagen und Forschungsbereiche der Psychologie liefern. Es wendet sich an Studienanfänger im Fach Psychologie sowie an Nebenfachstudierende aus den Human- und Sozialwissenschaften, aber auch an Angehörige angrenzender Berufe, und darüber hinaus an alle, die sich für die Erkenntnisse der empirischen Psychologie interessieren. Von anderen Einführungswerken unterscheidet es sich vor allem dadurch, dass es sich auf die fundamentalen Wissensinhalte der akademischen Psychologie beschränken möchte, das heißt auf jene psychologischen Erkenntnisse, die mit ihrem wissenschaftlichen und praktischen Erklärungswert innerhalb der Scientific Community allgemein akzeptiert sind. Angestrebt war also gewissermaßen der kleinste gemeinsame Nenner all dessen, was gegenwärtig im Fach Psychologie gelehrt wird, und gleichzeitig eine Integration und Zusammenfassung dieses psychologischen Wissensbestands. Dass man dennoch viele relevante Wissensinhalte vermissen kann, liegt an der extremen Breite des aktuellen Wissensbestands, an der notwendigen Beschränkung auf den Buchumfang sowie an der Unvermeidlichkeit einer individuellen Schwerpunktsetzung.

Bei der Auswahl der Kapitel wurde nicht von den universitär gelehrten Subdisziplinen ausgegangen (Allgemeine Psychologie, Biologische Psychologie, Methodenlehre etc.). Die Einteilung erfolgte vielmehr nach jenen Phänomenen, die den wichtigsten psychischen Abläufen zugrunde liegen: Bewusstsein, Wahrnehmung, Lernen, Gedächtnis, soziale Prozesse usw. Dadurch sollte einem fachspezifischen Isolationismus entgegengewirkt und dem Bestreben nach Wissensintegration Rechnung getragen werden. Vorausgehend erschien es wichtig, die Entwicklungslinie aufzuzeigen von den philosophischen und religiösen Strömungen des Altertums bis zu den Grundlagen des heutigen empirischen Wissenschaftsverständnisses in der Psychologie. Das Kapitel über Statistik und Methodenlehre umreißt danach das Forschungsinstrumentarium einer Psychologie, wie sie heute gelehrt wird. Bei der Auswahl der Literaturverweise im Text wurde möglichst sparsam vorgegangen, einerseits, um den Lesefluss nicht unnötig zu stören, und andererseits, um auch optisch – neben der notwendigen Empirie – der theoretischen Integration und inhaltlichen Zusammensicht Raum zu geben. Die verwendeten Literaturzitate wurden nach wissenschaftlicher Bedeutsamkeit (z.B. Zitierhäufigkeit in Fachpublikationen), nach vermuteter Verfügbarkeit in Fachbibliotheken bzw. Fachliteraturdatenbanken sowie nach ihrer Aktualität ausgesucht.

Bedanken möchte ich mich bei all jenen Kolleginnen und Kollegen der Fakultät für Psychologie an der Universität Wien, die mich mit wertvollen Hinweisen, fachlicher Kritik und nützlichen Anregungen unterstützt haben, besonders bei Brigitte Flatschacher, Mag. Reinhard Schott, Mag. Günther Schreder, Mag. Julia Keil, Mag. Alice Stoffel, Mag. Julia Puaschunder, Mag. Michael Peter, Dr. Ingrid-Marianne Braunschmid, MMag. DDr. Martin Voracek, Prof. Dr. Herbert Bauer, Prof. Dr. Werner Herkner sowie Dekanin Prof. Dr. Eva Dreher.

Auch die fachlichen Diskussionen mit Dr. Peter Hexel, Dr. Wolfgang Knopf, Günther Gettinger und Maryam Bigdeli gaben mir wertvolle praxisbezogene Anregungen.

Der Verlag zeigte viel Geduld bei meinen ausführlichen Vorarbeiten und unterstützte mich beharrlich, vielen Dank an Sabine Kruse, Sigrid Wieser und Sandra Illibauer. Bei Wolfgang Straub möchte ich mich für seine präzise und verständige Lektoratstätigkeit bedanken. Auch dem Grafik-Team Graf+Zyx gilt mein Dank für seine anspruchsvolle Arbeit.

Besonders verbunden bin ich meiner Frau, Dr. Maria Maderthaner, die nicht nur alle Kapitel mehrfach gelesen hat und mir mit produktiver Kritik zur Seite stand, sondern von der ich auch so manche prägnante Formulierung übernommen habe. Meine Tochter, Lydia Maderthaner, trug mit ihrem konstanten Interesse, ihrem fröhlichen Engagement und ihrer jugendlichen Begeisterung für psychologische Fragestellungen dazu bei, dass ich immer den Eindruck hatte, mit psychologischem Wissen und Forschen am Puls des Lebens zu sein.

Rainer Maderthaner

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Trivialpsychologie und Psychologie als Wissenschaft – 1.2 Seelenvorstellungen und Religion – 1.3 Philosophie als Vorläuferin der Psychologie – 1.4 Die Entwicklung der akademischen Psychologie

2 Definition, Ziele und Positionen der Psychologie

2.1 Definitionen von Psychologie – 2.2 Allgemeine Zielsetzungen wissenschaftlicher Psychologie – 2.3 Kontroversielle Grundannahmen der Psychologie – 2.4 Gegenwärtige Forschungsorientierungen der Psychologie

3 Forschungsmethodik der Psychologie – Grundbegriffe der psychologischen Methodenlehre und Statistik

3.1 Wissenschaftlichkeit – 3.2 Von der Empirie zur Theorie – 3.3 Fälle und Variablen – 3.4 Kausalität und Wahrscheinlichkeit – 3.5 Relationen und Funktionen – 3.6 Beschreibende und hypothesenprüfende Statistik – 3.7 Forschungsmethoden der Psychologie – 3.8 Forschungsablauf

4 Psyche und Bewusstsein

4.1 Menschliche Informationsverarbeitung – 4.2 Bewusstseinszustände – 4.3 Besondere Aspekte des Bewusstseins

5 Wahrnehmung und Interpretation

5.1 Psychophysik – 5.2 Biologische Grundlagen visueller Wahrnehmung – 5.3 Raumwahrnehmung – 5.4 Objektwahrnehmung – 5.5 Gesichtswahrnehmung – 5.6 Bewegungswahrnehmung – 5.7 Farbwahrnehmung – 5.8 Akustische Wahrnehmung – 5.9 Andere Sinne

6 Lernen und Anpassung

6.1 Umwelt und Verhalten – 6.2 Aktivierung und Lernen – 6.3 Speicherstrukturen des Gehirns – 6.4 Neuronale Netzwerkmodelle – 6.5 Habituation – 6.6 Prägungsartiges Lernen – 6.7 Klassische Konditionierung – Signallernen – 6.8 Instrumentelles Konditionieren – Erfolgslernen – 6.9 Fertigkeiten – Motorisches Lernen – 6.10 Kognitives Lernen – Kategorien, Begriffe und Schemata – 6.11 Imitationslernen – Beobachtungslernen – Modelllernen

7 Gedächtnis und Wissen

7.1 Einprägen und Vergessen – 7.2 Kurzzeitspeicherung – 7.3 Langzeitspeicherung – 7.4 Komponenten des Langzeitgedächtnisses – 7.5 Stadien der Gedächtnisbildung – 7.6 Gedächtnisregeln – 7.7 Die PQ4 R-Methode

8 Problemlösen – Denken – Intelligenz

8.1 Definition von Problemen – 8.2 Problemkategorisierung und Problemräume – 8.3 Förderliche und hinderliche Einflüsse auf das Problemlösen – 8.4 Denken und Schlussfolgern – 8.5 Entscheidungsfindung und Urteilsbildung – 8.6 Intelligenz – Geistige Leistungsfähigkeit

9 Emotion – Motivation

9.1 Affekte – Gefühle – Stimmungen – 9.2 Funktionen von Emotionen – 9.3 Emotionstheorien – 9.4 Phasen und Komponenten von Emotionen – 9.5 Klassifikation von Emotionen – 9.6 Motivation – Bedürfnisse – Motive – 9.7 Hunger – 9.8 Aggression und Dominanz – 9.9 Leistungs- und Arbeitsmotivation

10 Soziale Prozesse

10.1 Soziale Wahrnehmung – 10.2 Einstellungen – 10.3 Einstellungsänderung und sozialer Einfluss – 10.4 Autorität und Gehorsam – 10.5 Soziale Beziehungen – 10.6 Kommunikation – 10.7 Gruppenprozesse

11 Sexualität

11.1 Sexualverhalten – 11.2 Sexuelle Orientierung – 11.3 Sexualität und Internet – 11.4 Sexualität und Aggression

12 Gesundheit – Krankheit

12.1 Wohlbefinden und Lebensqualität – 12.2 Gesundheit – 12.3 Krankheit und Mortalität – 12.4 Psychische Störungen – 12.5 Stress – 12.6 Stressbewältigung (Coping) – 12.7 Bindungsstil – 12.8 Psychologische Intervention – Psychotherapie

13 Anhang

Abbildungsnachweis – Literaturverzeichnis – Register

Einleitung | 1

Inhalt

1.1 Trivialpsychologie und Psychologie als Wissenschaft

1.2 Seelenvorstellungen und Religion

1.3 Philosophie als Vorläuferin der Psychologie

1.4 Die Entwicklung der akademischen Psychologie

Trivialpsychologie und Psychologie als Wissenschaft

| 1.1

Jeder Mensch sammelt im Laufe seines Lebens Erfahrungen mit sich selbst sowie mit anderen und erwirbt somit ein beträchtliches, oft subjektiv gut bestätigtes Allgemeinwissen über Psychologie. „Dieses Wissen wird häufig ‚naive Psychologie‘, ‚Volkspsychologie‘ (engl. folk psychology), ‚Laienpsychologie‘ (engl. lay psychology)“ oder – soweit es übereinstimmt mit wissenschaftlichen Erkenntnissen – Popularpsychologie genannt (Schönpflug, 2000, 26). Nicht selten konkurrieren aber solche persönlichen Überzeugungen mit fachwissenschaftlichen Erkenntnissen, wie sich an manchen sogenannten Lebensweisheiten zeigt, die nicht unbedingt nur der Lebenserfahrung entspringen, sondern manchmal auch in Bequemlichkeit, Ängsten, Wünschen, allgemeinen Vorurteilen und Vorbildern wurzeln (Box 1.1).

Merksatz

Kaum eine andere Wissenschaft hat so viele Bezüge zu Alltagserfahrungen wie die Psychologie, weshalb ihre Erkenntnisse oft tatsächlich oder scheinbar in Widerspruch zu subjektiv gewonnenen Einsichten stehen.

In dieser Konkurrenzsituation zwischen natürlich und wissenschaftlich gewonnenen Erkenntnissen entwickelte sich die akademische Psychologie – repräsentiert durch wahrscheinlich mehr als 200.00 Psychologen in der ganzen Welt (Schönpflug, 2000; Pawlik, 1985). Sie ist gekennzeichnet durch ein Instrumentarium exakter, zumeist den Naturwissenschaften entliehener Methoden (statistische Auswertungsverfahren, mathematische Modelle, standardisierte Tests etc.). Oft führte diese naturwissenschaftliche Orientierung zwar zu methodenbedingten Beschränkungen der erforschten Phänomene, doch verhalf sie in etwa 150 Jahren psychologischer Forschung bereits zu umfassenden und verlässlichen Erkenntnissen in allen Anwendungsbereichen.

Box 1.1 |Sogenannte „Lebensweisheiten“, die alle falsch sind

ŸŸ• Aggressionen sollten abreagiert werden, wenn man sie loswerden möchte.

ŸŸ• In Liebesbeziehungen ziehen sich Gegensätze an.

ŸŸ• Aus der Handschrift eines Menschen lässt sich sein Charakter ablesen.

ŸŸ• Wenn man an Ängste nicht denkt, verliert man sie mit der Zeit.

ŸŸ• Im Allgemeinen verwenden wir nur etwa 10 % unseres Gehirns.

ŸŸ• Nur wenn man die Ursache einer psychischen Störung kennt, kann sie auch geheilt werden.

ŸŸ• Das Grundwissen wissenschaftlicher Psychologie ist die Psychoanalyse.

ŸŸ• Jeder Mensch kann hypnotisiert werden.

ŸŸ• Psychologinnen und Psychologen können in relativ kurzer Zeit ihre Mitmenschen durchschauen.

In Anlehnung an Dörner & Selg (1996), Forgas (1999), Schönpflug (2000) sowie Passer & Smith (2004).

Rückschaufehler: engl. hindsight bias

Die Schwächen des Laienurteils offenbaren sich oft schon am Beispiel des sogenannten gesunden Menschenverstandes. Hier hat sich in psychologischen Studien nicht selten das genaue Gegenteil dessen herausgestellt, was im „common sense“ angenommen wird (Box 1.2).

Verzerrungen der Realität liefert zum Beispiel der Rückschaufehler, der uns vergangene Ereignisse aus dem Blickwinkel der Gegenwart uminterpretieren lässt. Eigene Prognosen, etwa über die Karrierechancen eines Jugendlichen, über den Ausgang einer Wahl oder über die Wirtschaftsentwicklung, werden im Nachhinein gerne entsprechend der tatsächlichen Entwicklung „korrigiert“. Ähnlichen Irrtümern unterliegt die Einschätzung der Geschwindigkeit geistiger Leistungen. So schätzt man die Dauer, die die Lösung der Anagramme SERWAS und TESSMY braucht, mit ungefähr zehn Sekunden, während es tatsächlich durchschnittlich etwa drei Minuten sind (Lösung: WASSER und SYSTEM; Myers, 2005, 23). Dieser I-knewit-all-along-Effekt zeigt unser Bedürfnis auf, recht zu behalten (Box 1.3; Hölzl & Kirchler, 2005).

Sagt einem das wirklich der „gesunde Menschenverstand“? | Box 1.2

1. Erstgeborene neigen mehr / weniger dazu, die Gesellschaft anderer zu suchen als nachgeborene Geschwister.

2.Europäer kommunizieren Emotionen mit ähnlichen / anderen Gesichtsausdrücken wie / als die Eingeborenen Neuguineas.

3.Das Aussehen des Menschen hat einen / keinen Einfluss darauf, ob man ihn eines Verbrechens für schuldig befindet.

4.Wenn einem sehr kompetenten Menschen eine Ungeschicklichkeit unterläuft, nimmt seine Attraktivität in den Augen anderer zu / ab.

5.Wenn ein Versuchsleiter von Probanden verlangen würde, einem anderen gefährliche Elektroschocks zu verabreichen, würde sich die Mehrheit weigern / nicht weigern.

(Lösung: 1: mehr, 2: ähnlichen, 3: einen, 4: zu, 5: nicht weigern)Forgas, J. P. (1999, 6)

Viele scheinbar widersprüchliche Erfahrungen des Alltages können durch psychologische Experimente präzisiert und unter Bezugnahme auf die Eigenheiten der menschlichen Informationsverarbeitung aufgeklärt werden. Beispiele dafür sind optische Täuschungen („impossible figures“, s. Kap. 5.) oder die Tendenz, Probleme selbst dann noch nach altbewährten Rezepten zu lösen, wenn es eigentlich viel einfachere Wege gäbe („Analogietendenz“; s. Abschn. 8.3.2).

Box 1.3 |Befragung: „Hätte ich auch so gewusst ...“

In einer Studie über die Genesungsdauer nach Unfällen (Rogner, Frey & Havemann, 1987) wurde festgestellt, dass verletzte Personen häufig dann eine längere Krankenhausaufenthaltsdauer hatten, wenn sie glaubten, sie hätten den Unfall vermeiden können. Dies war für manche eine Überraschung, denn grundsätzlich wäre es auch denkbar gewesen, dass die Genesungsdauer kürzer ist, wenn die verletzten Personen aufgrund der Vermeidbarkeit ihres Unfalles ein schlechtes Gewissen hätten und deshalb vielleicht bestrebt wären, schneller wieder gesund zu werden. In einer Befragung (Hoyos, Frey & Stahlberg, 1988) wurde jeweils einer Studentengruppe das richtige und einer anderen das falsche Ergebnis mitgeteilt: In beiden Gruppen behaupteten ca. 85 % der Personen, sie hätten das Ergebnis vorhersagen können.

1.2 |

Seelenvorstellungen und Religion

Für die meisten frühen Kulturen und Naturreligionen bedeutete Seele die Lebenskraft schlechthin, welche zum Zeitpunkt des Todes den menschlichen Körper verlässt. Dieses Lebensprinzip in den Lebewesen wird seit Aristoteles („De Anima“) auch als „Entelechie“ bezeichnet. In vielen Religionen oder Philosophien wird die Seele daher mit Bildern des Windes, Wehens, Hauches oder Atems charakterisiert, woraus sich in den verschiedenen Sprachen die Bezeichnung ableitet: griechisch: „psyche“ und „pneuma“; lateinisch: „spiritus“ und „anima“; hebräisch: „ruach“; indisch: „atman“ (Bibliografisches Institut & Brockhaus, 2002).

Im Christentum, Judentum und im Islam ist die Seele eine dem Menschen eingehauchte „Wesenheit“, die für seine Individualität – auch über den Tod hinaus – bestimmend ist (1. Moses 2: „Da machte Gott der Herr den Menschen [...] und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase“). Im Hinduismus, Buddhismus oder in der altgriechischen Philosophie (Box 1.4) lebt die Seele nach dem Tod ebenfalls weiter, ist aber dem Kreislauf der Seelenwanderung und der Wiedergeburt unterworfen („Reinkarnation“).

Altgriechische Seelenlehre (Orphiker, 6. Jahrhundert v. Chr. ) | Box 1.4

ŸŸ• Zu einem Körper gehört nur eine Seele (die Seele kann den Körper kurzzeitig verlassen: Schlaf, Ekstase).

ŸŸ• Eine Seele kann nacheinander verschiedenen Körpern angehören – Seelenwanderung.

ŸŸ• Die Seele existiert nach dem Tode (des Körpers) weiter – Unsterblichkeit.

ŸŸ• Seelen können auch ohne Körper leben (z.B. auf der „Insel der Seligen“).

Rohde, E. (1898/1980; zit. aus Schönpflug, 2000, 52)

griech. „mythos“: Erzählung

In fast allen Schriften der frühen Hochkulturen (z.B. Ägypten, China, Indien) finden sich Gedanken, die auf Erklärungen der Welt, der Natur und des Menschen hinauslaufen. Offenbar bestand beim Menschen immer schon das Bedürfnis, über das Hier und Jetzt hinaus zu spekulieren. Erklärungsversuche lieferten die Mythen - und Religionen der jeweiligen Epochen. In den meisten Mythen finden sich Vorstellungen über die Entstehung von Göttern („Theogenese“), des Weltalls („Kosmogenese“) und des Menschen („Anthropogenese“), wohl um die Gegenwart besser interpretierbar und die Zukunft besser vorhersagbar zu machen (Schönpflug, 2000, 43; s. auch Hergovich, 2005).

Die Anthropomorphisierung bezeichnet eine Weltsicht, bei der hinter Naturereignissen Götter, Dämonen oder Geister mit menschlichen Eigenschaften vermutet werden.

Insbesondere die sogenannte Anthropomorphisierung der Welt dürfte Ängste reduziert und eine subjektive Handlungssicherheit geschaffen haben. Die Möglichkeit, sich in Götter, Geister oder auch Dämonen einzufühlen und mit ihnen auf diese Weise irgendwie zu kommunizieren, bot offenbar subjektive Chancen, ihre Unterstützung zu erflehen oder sie zu besänftigen.

Bekanntlich ist Religiosität auch eine Hilfe bei der Bewältigung der menschlichen Urangst vor dem Tod als unvermeidliches Endstadium des Daseins. Hier beruhigt der Glaube an eine unsterbliche Seele, die nach dem Ableben des Körpers in einer anderen Welt („Jenseits“) oder in einem anderen Körper („Seelenwanderung“) weiterexistiert.

Angesichts der permanenten Erfahrungen von Ungerechtigkeit im Leben tröstet wohl auch die Hoffnung auf eine ausgleichende Gerechtigkeit in einer anderen Welt (Ägypten: „Totengericht“; Judentum, Islam und Christentum: „Paradies“; indische Religionen: „Nirwana“) und motiviert zu sozialen („guten“) Handlungen. Daneben fördern religiöse Praktiken Sozialkontakte, Gruppenbildung und Gemeinschaftsgefühl und dienen so den sozialen Bedürfnissen des Menschen. Dass andererseits Religion und Glaube oft auch Unrecht schufen und zur Sicherung von Macht missbraucht wurden, liegt im Wesen aller Ideologien und Glaubensinhalte.

Eine der wichtigsten psychologischen Wurzeln der Religionsausübung war jedenfalls sicher die Wahrnehmung von Hilflosigkeit und Angst angesichts der Schwierigkeit, die naturgesetzlichen Zusammenhänge im Kosmos, in der Natur und im eigenen Leben zu durchschauen, sie vorherzusagen und zu kontrollieren. Hier schafft der Glaube an ein allwissendes und allmächtiges Wesen Sicherheit.

Ein weiteres menschliches Bedürfnis ist jenes nach Lebenssinn. Ein Bündnis mit einem göttlichen Wesen („Theismus“), oder zumindest eine ideelle Verbundenheit mit einem allgemeinen höchsten Prinzip („Deismus“), kann dem oftmals als armselig empfundenen Dasein eine höhere Bedeutung und Zielsetzung verleihen.

Öfter, als man üblicherweise bedenkt, stehen auch innersubjektive Erfahrungen mit der sogenannten objektiven Realität in Widerspruch: Träume, Wahrnehmungsillusionen, Fantasien, Fieberdelirien, Rauschzustände, Halluzinationen, aggressive oder ängstliche Stimmungen dürften bereits dem Frühmenschen als Hinweise dafür gegolten haben, dass seelische Vorgänge gegenüber der materiellen Welt eine gewisse Autonomie aufweisen. Deshalb die „Ideenwelt“ als eigenständige, mit der „Sinneswelt“ manchmal konkurrierende Form der Existenz zu begreifen, lag also durchaus nahe.

Ein eher spekulativer Ansatz in dieser Richtung zur Erklärung des frühen Gottesglaubens stammt von Julian Jaynes, einem Psychologen der Universität Princeton. In seinem 1976 publizierten Werk „The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind“ vertritt er die Meinung, dass der Mensch bis in die Zeit um 1000 v. Chr. noch kein reflexives (selbsteinsichtiges) Bewusstsein wie heute besaß, sondern nur eine sogenannte „bikamerale Psyche“ („bicameral mind“; Box 1.5).

„Bicameral Mind“ | Box 1.5

Julian Jaynes (Psychologieprofessor in Princeton) stellte aufgrund antiker Texte aus der Zeit von 3000- bis etwa 700 v. Chr. (Sumer, Babylon, Ägypten, Mayakultur, ...) die Hypothese auf, dass die damaligen Menschen noch kaum über ein introspektives (sich selbst wahrnehmendes) Bewusstsein verfügt hätten, sondern nur über eine „bikamerale“ Psyche.

Darunter versteht Jaynes (1976/1993) eine relativ unabhängige Arbeitsweise beider Gehirnhälften, bei der die rechte Hälfte akustische oder visuelle Halluzinationen in die linke Gehirnhälfte projiziert, welche als „Stimmen“ oder „Erleuchtungen“ von Göttern interpretiert worden sein könnten. Jaynes bezeichnet solche halluzinierten „Götterstimmen“ als neurologische Imperative, welche vielleicht erzieherische oder sittliche Anweisungen (soziale Kontrolle!) zum Ausdruck brachten.

Der Glaube an Gott oder Götter könnte schließlich sogar die evolutionäre Entwicklung der menschlichen Art mitbestimmt haben. Der Soziobiologe Edward O. Wilson (1980) fragt etwa in seinem Buch „Biologie als Schicksal – Die soziobiologischen Grundlagen menschlichen Verhaltens“, ob nicht „Religion eine List der Gene“ sei. Religiöse Einstellungen erbrächten Überlebensvorteile für die Menschheit, indem eine Festigung der persönlichen Identität erreicht, altruistisches Verhalten gefördert und individuelle Opferbereitschaft zugunsten der Gemeinschaft gestützt wird. Wilson meint daher: „Der menschliche Geist hat sich so entwickelt, dass er an Götter glaubt, nicht an Biologie“ (Wilson, 2000, 348; s. auch Dawkins, 2006).

1.3 |

Philosophie als Vorläuferin der Psychologie

Im frühen Griechenland galten Politik und Ökonomie als Lehrgebiete zur Erlangung eines „guten Lebens“, in Verbindung mit vielen praktischen Regeln für das „Haus“ (griech. „oikos“) und für die „Stadt“ (griech. „polis“). Der Naturphilosoph Thales von Milet (625– 547 v. Chr.) kann als erster Philosoph im Sinne der abendländischen Denktradition gelten, da er Naturphänomene nicht mehr mythisch, sondern rational zu erklären versuchte (z.B. Vorhersage der Sonnenfinsternis im Jahre 585 v. Chr.). Er war einer der „Sieben Weisen“, die auch Regeln für eine vernünftige Lebensführung und für die Einschätzung sozialer Situationen entwickelten.

Eine gute Lebensführung wurde in der Antike oft mit seelischer Gesundheit in Verbindung gebracht, wie etwa bei den Pythagoräern, die in klosterähnlichen Gemeinschaften in Süditalien lebten und gemäß der „orphischen Lehre“ den (minderwertigen) Körper als Gefängnis der (höherwertigen) Seele betrachteten. Der Seele wurde potenziell die Teilhabe an einer höheren ideellen, nicht an die aktuelle Lebenswelt gebundenen Wirklichkeit zugeschrieben – vorausgesetzt, sie gelangt zu Ordnung und Harmonie. Um dies zu erreichen, glaubte man im Wesentlichen an vier Bildungswege: 1. Beschäftigung mit Mathematik und Astronomie („Theorie“), 2. Befassung mit Kunst und Musik, 3. Askese (Mäßigkeit im Triebleben) und 4. die Pflege von Freundschaften (gemeinsame Verantwortung, Gemeinschaftseigentum). Je nach Qualität der Lebensführung im Sinne der angegebenen Regeln sollte der Mensch in unterschiedlichem Ausmaß Zugang zum Göttlichen und zur absoluten Harmonie erreichen, mit der Chance auf eine (hochwertige) Wiedergeburt (Capelle, 1953, zit. nach Schönpflug, 2000).

In weiterer Folge kam es im antiken Griechenland zu einer philosophischen Blüte, in der bereits viele Erkenntnisse seelischer Prozesse (z.B. Logik, Ethik) und etliche wissenschaftliche Grundfragen (z.B. nach dem „Erkenntnisursprung“ und der „Erkenntnisgültigkeit“) vorweggenommen wurden. Die in psychologischer Hinsicht bedeutendsten Philosophen des Altertums waren Sokrates, Platon und Aristoteles, von denen bis in die Neuzeit wichtige Denkanregungen für die Analyse geistiger und emotionaler Prozesse ausgingen.

Jahrhunderte später haben unter religiösem Vorzeichen Augustinus und Thomas von Aquin die antike Philosophietradition weitergeführt, allerdings mit jeweils unterschiedlichem Ausgangspunkt im neoplatonistischen bzw. neoaristotelischen Ansatz. Für den ursprünglich in Rhetorik geschulten, skeptizistisch eingestellten Augustinus war nach seiner christlichen Bekehrung die innere Erfahrung die letzte Gewissheit, während Thomas von Aquin – etwa 900 Jahre später – als wahrscheinlich bedeutendster Kirchenlehrer („doctor ecclesiae“) stärker empiristisch und rationalistisch (intellektuell) orientiert war.

Die Neuzeit ist im Wesentlichen durch die Gegensätzlichkeit zwischen rationalistischer und empiristischer Erkenntnisorientierung geprägt, wobei Rene Descartes und Christian Wolff der ersteren und David Hume der zweiten Richtung zuzuordnen sind. Kant hat mit seiner Vermittlungsposition eine „kopernikanische Wende“ in der Erkenntnistheorie eingeleitet, indem er nicht nur das, was erkannt werden soll, zu analysieren vorschlägt, sondern auch die Anschauungs- und Denkformen als die Voraussetzungen für Erkenntnisse. Der Verstand könne nichts begreifen, was nicht bereits zuvor in der sinnlichen Erfahrung gegeben gewesen sei. Doch die Sinne allein könnten ohne Verstand ebenfalls keine Erkenntnisse liefern.

Die Phase vor der Institutionalisierung der Psychologie in den Labors und an den Universitäten war durch die allgemeine Begeisterung der Wissenschaftler für die Fortschritte der Naturwissenschaften charakterisiert.

Merksatz

Seit etwa 2500 Jahren erfährt die Seele in der abendländischen Kultur eine religiöse Interpretation und wurde zunehmend auch als Gegenstand der philosophischen und wissenschaftlichen Analyse gesehen.

Die Mathematik als Grundlagendisziplin naturwissenschaftlicher Fächer wurde immer stärker auch für die empirisch-wissenschaftliche Aufklärung psychischer Prozesse eingefordert, was sich klar in Herbarts und Fechners Lehrbüchern manifestiert. Ebenso bedeutend war in dieser Zeit der Aufschwung der Physiologie und der Medizin, sodass auch von dort wichtige Beiträge für eine Neukonzeption der bisher philosophisch dominierten Psychologie kamen. Wesentlich war schließlich Darwins „Evolutionstheorie“ als denkrevolutionärer Ansatz zur Erklärung der Menschheitsentwicklung, welche bis zu diesem Zeitpunkt nur religiös begründet werden konnte („Schöpfungsgeschichte“). Der bei Wissenschaftlern vor dem 19. Jahrhundert noch stark verbreitete Widerstand, die Entstehung des Menschen und seine seelische Existenz (in Widerspruch zur Kirche) unabhängig von religiösen Glaubenspostulaten zu diskutieren („Gottesbeweise“), wurde mit Darwin zunehmend aufgebrochen.

1.4 |

Die Entwicklung der akademischen Psychologie

Dem Enthusiasmus über die neue Idee einer naturwissenschaftlichen Aufklärung psychischer Strukturen und Abläufe (Helmholtz, Fechner, Wundt) folgten Gegenreaktionen sowohl von geisteswissenschaftlicher Seite (z.B. Dilthey) als auch im Sinne einer stärkeren Betonung des dynamischen und intentionalen Charakters psychischer Prozesse (z.B. James, Freud).

Der wissenschaftliche Aufbruch der Psychologie hatte in den USA und in Europa die Gründung von psychologischen Zeitschriften (z.B. „American Journal of Psychology“, 1887; „Zeitschrift für Psychologie“, 1890), von psychologischen Vereinigungen („American Psychological Association“, 1892; „Gesellschaft für Experimentelle Psychologie“, 1904) und von mehr als 40 Forschungs- und Lehreinrichtungen (Laboratorien, Institute, Seminare) zur Folge (Schönpflug, 2000).

Die frühen Dekaden des 20. Jahrhunderts (Box 1.6) waren durch gegensätzliche Forschungsansätze gekennzeichnet (Experimentalpsychologie, Psychoanalyse, Gestaltpsychologie, Behaviorismus), deren Vertreter sich in den 1920er- und 1930er-Jahren heftige Streitigkeiten lieferten. Dieser Wettbewerb verschiedener theoretischer Richtungen wurde von Karl Bühler (1927) in Wien als „Aufbaukrise“ interpretiert, der er sein methodenpluralistisches Integrationskonzept entgegensetzte. Psychologische Forschung sollte sowohl kontrollierte Selbstbeobachtung, systematische Verhaltensbeobachtung als auch die hermeneutische Interpretation einbeziehen (Benetka & Guttmann, 2001, 129–131). In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg (Box 1.7) setzte sich auch im deutschsprachigen Raum der angloamerikanische Trend zu einer naturwissenschaftlich orientierten, empirisch-statistischen Psychologie weiter fort (Haggbloom et al., 2002), welcher sich bis heute an den meisten europäischen, amerikanischen und asiatischen Universitätsinstituten erhalten hat.

Erste Hälfte des 20. Jahrhunderts | Box 1.6

ŸŸ•Freud, Sigmund (1856–1939): „Traumdeutung“ (1900), Aufzeigen des Einflusses psychodynamischer Vorgänge (unbewusste Triebe, Konflikte) auf das menschliche Verhalten und psychische Störungen („Neurosen“), Begründung der Psychoanalyse

ŸŸ•Watson, John (1878–1958): „Psychology as a behaviorist views it“ (1913), Ablehnung von Introspektion und allen damit verbundenen Begriffen (Bewusstsein, Wahrnehmung, Vorstellung, Wille etc.), ausschließliche Konzentration auf objektiv fassbare Reize und Verhaltensweisen sowie auf deren Zusammenhangsbeschreibung

ŸŸ•Stern, William (1871–1938): „Psychologie der frühen Kindheit“ (Stern & Pawlik, 1911/1994), Entwicklung der Grundidee einer Messung von Intelligenz (IQ, Anfänge der Differentiellen Psychologie)

ŸŸ•Bühler, Karl (1879–1963): „Die Krise der Psychologie“ (1927), Interpretation des Widerstreites der Schulen als „Aufbaukrise“ und Vorschlag eines Methodenpluralismus in der Psychologie: 1. Beobachtung (Verhalten) – 2. Introspektion (Erleben) – 3. Interpretation (Deutung von Texten)

ŸŸ•Skinner, Borrhus (1904–1990): Seit Anfang der Dreißigerjahre grundlegende Publikationen über (operante) Konditionierung (Verstärkung, Löschung, Shaping), Begründer der Verhaltenstherapie und Verfechter eines konsequenten Einsatzes von Lerntheorien in der Pädagogik

ŸŸ•Maslow, Abraham (1908–1970): „A theory of human motivation“ (1943), Motivationstheorie mit Bezügen zum Funktionalismus, zur Gestaltpsychologie und zur Tiefenpsychologie; Interpretation des Menschen als zielstrebiges Wesen, das sich an einer Hierarchie von Bedürfnissen orientiert

ŸŸ•Rohracher, Hubert (1903–1973): „Einführung in die Psychologie“ (1946), Betonung des Experiments als psychologisch-wissenschaftliche Methode, Rückführung psychischer Prozesse auf spezifische neuronale „Erregungskonstellationen“ im Gehirn

Box 1.7 |Zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts

ŸŸ•Rogers, Carl (1902–1987): „Client-centered Therapy“ (1951), Betonung der Einzigartigkeit, Autonomie und Eigenverantwortlichkeit des Menschen, humanistische Gegenposition zu Behaviorismus und Psychoanalyse

ŸŸ•Lorenz, Konrad (1903–1989): „Das sogenannte Böse“ (1963), Interpretation auch der menschlichen Psyche als Produkt ihrer umweltbezogenen Anpassungsleistungen im evolutionären Entwicklungsprozess

ŸŸ•Holzkamp, Klaus (1927–1995): „Kritische Psychologie“ (1972), neomarxistisch fundierte psychologische Forschung und Praxis; Hauptkritik: Die „bürgerliche“ Psychologie betrachte das Individuum abgelöst von seinen gesellschaftlichen Bedingungen und ignoriere die bestehenden, bewusstseinsbestimmenden „Produktions- und Herrschaftsinteressen“

ŸŸ•Lindsay, Peter H. & Norman, Donald A.: „Human Information Processing. An Introduction to Psychology “ (1977), konsistente Darstellung von Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Vorstellung, Lernen, Denken und Handeln als Ergebnisse neuronaler bzw. psychischer Informationsverarbeitung

ŸŸ•Anderson, John R.: „Cognitive Psychology and its Implications“ (1980), Gesamtdarstellung einer kognitionswissenschaftlichen Sicht psychologischer Prozesse (ACT-Modell als Prototyp eines Gesamtmodells; s. 3.7.8)

ŸŸ•Rumelhart, David E. & McClelland, James L.: „Parallel Distributed Processing: Explorations in the Microstructure of Cognition“ (1986), Hinweis auf simultane Verarbeitungsprozesse im Zentralnervensystem, Annahme überwiegend autonom arbeitender psychischer Module

Etwa ab 1960 löste dabei der Kognitivismus („Kognitive Wende“) den vor allem in den USA dominierenden Behaviorismus ab. Das Verhalten des Menschen wird nun nicht mehr durch einfache „ReizReaktions-Modelle“ erklärt, sondern durch komplexe, hierarchische Regulationsprozesse eines kognitiven Systems, dem psychische Funktionen zugeschrieben werden (Interpretation, Klassifikation, Lernen, Denken, Urteilen etc.). Die Zeit zwischen 1960 und 1970 war durch den sogenannten „Methodenstreit“ unter deutschsprachigen Psychologen gekennzeichnet, bei dem Erich Mittenecker, Peter Hofstätter, Gustav Lienert und Kurt Pawlik erfolgreich für die Anwendung eines statistischen Methodenkanons in der Psychologie eintraten, wie er durch die amerikanische Psychologie bereits vorgezeichnet war. Ab dieser Zeit kam es an deutschsprachigen Universitäten zu Zuwachsraten an Studenten im Ausmaß von 800- bis 1000 Prozent – übrigens meist ohne entsprechende Aufstockung des wissenschaftlichen Personals (s. auch Benetka, Benetka & Guttmann, 2001).

Wissenschaftliche Paradigmen sind normative disziplinspezifische Grundüberzeugungen über wissenschaftliche Praktiken, Methoden und Theorien.

Neben dem vorherrschenden wissenschaftlichen Paradigma in der psychologischen Lehre behaupten sich – zumindest in praxisorientierten, pädagogischen und therapeutischen Nischen – auch einige mit dem „Mainstream“ konkurrierende Strömungen der Psychologie, wie etwa die Psychoanalyse, die Humanistische Psychologie, die geisteswissenschaftliche und die Kritische Psychologie. Da sich Englisch weltweit als Wissenschaftssprache durchsetzt, steigt zudem auch innerhalb des Fachs Psychologie die Berücksichtigung und Bedeutungseinschätzung englischer und amerikanischer Veröffentlichungen.

Merksatz

Die Entwicklung der akademischen Psychologie begann vor etwa 150 Jahren und erfuhr in den letzten Jahrzehnten eine rasante Ausweitung in Forschung und Praxis.

Welche Bedeutung bestimmte Psychologinnen und Psychologen im 20. Jahrhundert auf die Entwicklung der modernen Psychologie hatten, lässt sich heute kaum objektiv abschätzen. Ein oft kritisierter Ansatz liegt darin, die Qualifikation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auf Basis der Frequenz abzuschätzen, mit der sie in Fachpublikationen zitiert werden („Science Citation Index“). In einer amerikanischen Studie (Haggbloom et al., 2002) wurde der Versuch unternommen, die bekanntesten, einflussreichsten und anerkanntesten Psychologinnen und Psychologen des 20. Jahrhunderts so zu bestimmen, dass man verschiedene Kennwerte zusammenrechnete: die Häufigkeit der Zitate in Fachjournalen sowie in Einführungswerken, die von der Person geprägten Fachausdrücke („Eponyme“), die Anzahl von Ehrungen und das Ergebnis von Meinungsbefragungen unter amerikanischen Fachpsychologinnen und -psychologen. Auf die ersten fünf Plätze kamen dabei Burrhus Skinner, Jean Piaget, Sigmund Freud, Albert Bandura und Leon Festinger.

Zusammenfassung

Fast jeder Mensch bildet sich im Laufe seines Lebens gewisse psychologische Meinungen und Überzeugungen, oft in der Art von „Lebensweisheiten“ oder des subjektiven Gefühls von „Menschenkenntnis“. Diese als Trivialpsychologie bezeichneten Einstellungen stehen aber nicht selten in Widerspruch zu wissenschaftlichen Ergebnissen. Hinzu kommt das Bedürfnis des Menschen, in Fragen der Lebens- und Menscheneinschätzung recht zu behalten.

Für die Entwicklung von Seelenvorstellungen und religiösen Ideologien kann eine Reihe möglicher Gründe angeführt werden: 1. Durch eine Anthropomorphisierung der Welt, in welcher Götter, Dämonen und Geister mit menschlichen Zügen existieren, wird diese leichter verstehbar und vermeintlich besser beeinflussbar. 2. Die Furcht vor dem Tod wird durch die Annahme einer unsterblichen Seele, des Weiterlebens im Jenseits oder die Vorstellung von einer Seelenwanderung gemindert. 3. Religiöse Vorstellungen fördern das Vertrauen in eine gerechte Welt und eine faire Lebensordnung, in der gute und schlechte Taten über ein Totengericht im Paradies oder Nirwana abgegolten werden. 4. Religionen haben zumeist auch eine gesellschaftliche und soziale Ordnungsfunktion (Stärkung sozialer Verbundenheit, Machtsicherung). 5. Subjektiver Lebenssinn wird erlangt durch das „Bündnis“ mit (einem) höheren idealen Wesen. 6. Die Annahme einer Körper-Seele-Dichotomie liefert einfache Erklärungen für außergewöhnliche Erfahrungen (durch Träume, Fieberdelirien, Ekstase, Drogenerfahrungen, Schädelverletzungen). 7. Frühe gehirnorganische Entwicklungen könnten das Hören von Stimmen begünstigt haben („Bicameral Mind“). 8. Durch die Evolution hat sich möglicherweise eine genetische Disposition für Gottesglaube und Religiosität herausgebildet.

In der griechischen Philosophie vollzogen sich die ersten Schritte von einer spekulativen, mythischen und religiösen Auffassung der Seele in Richtung einer rationalistischen und empiristischen Betrachtungsweise. Vor allem aber die Philosophen der Neuzeit (z.B. Hume, Descartes, Kant) mit ihren verschiedenen Erklärungskonzepten für menschliche Erkenntnisgewinnung können als Wegbereiter einer wissenschaftlichen Analyse der Seele und des Bewusstseins gelten. Im vorletzten Jahrhundert schließlich, im Zuge des allgemeinen Fortschritts der Naturwissenschaften, entstanden in Europa und in Amerika die ersten psychologischen Labors und Institute. In den letzten hundert Jahren fand die empirische Psychologie als akademische Disziplin weltweit Eingang in die universitäre Forschung und Lehre und befindet sich derzeit in einem explosiven Wachstum, sowohl was die Studierendenzahlen als auch was die psychologischen Tätigkeitsfelder betrifft.

Fragen

1. Wodurch unterscheidet sich „Volkspsychologie“ bzw. „Laienpsychologie“ von „Populärpsychologie“?

2. Wie verlässlich ist der „gesunde Menschenverstand“?

3. Weshalb müssen auch plausible und trivial erscheinende Phänomene des Alltags wissenschaftlich untersucht werden?

4. Welche Bedeutung hat Psychologie für alltägliche Lebenssituationen?

5. Welche Erklärungsansätze kommen für die Entstehung von Religiosität und Seelenvorstellungen infrage?

6. Was versteht man unter dem „Rückschaufehler“?

7. Von welchen Annahmen geht das Konzept des „Bicameral Mind“ aus?

8. Welche gegensätzlichen Strömungen zur Aufklärung seelischer Prozesse kennzeichneten die Neuzeit?

9. Welche Wissenschaftsentwicklungen im 19. Jahrhundert förderten die Entstehung einer akademischen psychologischen Disziplin?

Literatur

Allesch, C. G. (2004). Geschichte und Systeme der Psychologie. Salzburg

Benetka, G. (2002). Denkstile der Gegenwart. Wien

Benetka, G. (2016). „Ich werde Naturforscher“. Giselher Guttmann im Gespräch mit Gerhard Benetka über sich und die akademische Psychologie in Österreich 1955- bis heute. Wien

Fernuniversität Hagen (2007). Interessante Links zur Psychologiegeschichte. http://psychologie.fernuni-hagen.de/PGFA/ (15.3.2016)

Hinterhuber, H. (2001). Die Seele. Natur- und Kulturgeschichte von Psyche, Geist und Bewusstsein. Wien

Lück, H. E. (2009). Geschichte der Psychologie. Strömungen, Schulen, Entwicklungen. Stuttgart

Lück, H. E., Grünwald, H., Geuter, U., Miller, R. & Rechtien, W. (1987). Sozialgeschichte der Psychologie. Eine Einführung. Opladen Schönpflug, W. (2013). Geschichte und Systematik der Psychologie. Ein Lehrbuch für das Grundstudium. Weinheim

Definition, Ziele und Positionen der Psychologie | 2

Inhalt

2.1 Definitionen von Psychologie

2.2 Allgemeine Zielsetzungen wissenschaftlicher Psychologie

Beschreiben

Erklären

Vorhersagen

Verändern

2.3 Kontroversielle Grundannahmen der Psychologie

Leib – Seele

Anlage – Umwelt

Vergangenheit – Gegenwart

Freier Wille – Determiniertheit

Bewusst – unbewusst

Allgemeingültigkeit – Einzigartigkeit

Wertfreiheit – Wertbekenntnis

Objektivität – Subjektivität

Zergliederung – Ganzheitlichkeit

Statik – Dynamik

Quantitativ – qualitativ

2.4 Gegenwärtige Forschungsorientierungen der Psychologie

Definitionen von Psychologie

| 2.1

Das Wort Psychologie bedeutet, wie erwähnt, „Seelenkunde“ oder „Seelenlehre“ (griech. „psyche“: Hauch, Leben, Seele; griech. „logos“: Wort, Begriff). Die Auffassungen darüber, was unter Seele verstanden wird, unterscheiden sich jedoch ziemlich. Nachfolgend sollen einige innerhalb des Wissenschaftsfaches Psychologie verbreitete Definitionen und Umschreibungen für „Psychologie“ präsentiert werden.

„Die Psychologie ist eine empirische Wissenschaft. [...] Ihr Gegenstand ist das (zumeist menschliche) Erleben und Verhalten, ihr Ziel ist es, allgemeingültige Aussagen über diesen Gegenstand zu machen – ihn zu beschreiben, beobachtbare Regelmäßigkeiten und Zusammenhänge aufzudecken, diese zu erklären, und womöglich Vorhersagen zu machen“ (Hofstätter & Wendt, 1974, 1). In ähnlicher Weise versteht Traxel (1974, 15) die Psychologie als Erfahrungswissenschaft, die als ein „System methodisch gewonnener Aussagen über einen bestimmten Gegenstand“ zu definieren ist.

Merksatz

Psychologie untersucht die Zustände und Veränderungen des Verhaltens, des Erlebens und des Bewusstseins.

Als zentral für die Definition von Psychologie wird oft die Angabe des Forschungsgegenstands angesehen, mit dem sich das Fach zu beschäftigen hat. Bourne und Ekstrand (1992, 2) formulieren: „Die Psychologie ist die wissenschaftliche Erforschung von Verhalten.“ Bei dieser breiten Definition könnte das Missverständnis entstehen, es sei nur das „äußere“ (beobachtbare) Verhalten gemeint. In Rohrachers international viel beachtetem Werk „Einführung in die Psychologie“ gelten dagegen die bewussten Prozesse mit ihren Auslösern und Effekten als Hauptcharakteristikum des Forschungsfelds der Psychologie: „Psychologie ist die Wissenschaft, welche die bewußten Vorgänge und Zustände sowie ihre Ursachen und Wirkungen untersucht“ (Rohracher, 1965, 7). Hier werden die zahlreichen unbewussten, automatisch ablaufenden psychischen Vorgänge noch vernachlässigt, zumindest aber ergibt sich eine Abgrenzung zu anderen Humanwissenschaften.

Zimbardo und Gerrig (1999, 2) definieren: „Gegenstand der Psychologie sind Verhalten, Erleben und Bewusstsein des Menschen, deren Entwicklung über die Lebensspanne und deren innere (im Individuum angesiedelte) und äußere (in der Umwelt lokalisierte) Bedingungen und Ursachen.“ Diese Definition ist bereits spezifischer. Die Bedeutung „innerer“ (introspektiver) Prozesse für die psychologische Forschung – der europäischen Tradition entsprechend – wird ebenso angesprochen wie der Aspekt des „Interaktionismus“ mit Einflüssen seitens der Umwelt.

Regulation ist eine Steuerung, welche die Stabilität eines dynamischen Systems aufrechterhält.

Mandler (1979, 32) dagegen formuliert: Psyche ist ein komplexes, einem Individuum zugeschriebenes Informationsverarbeitungssystem, „das Input verarbeitet (einschließlich dem Input aus seinen eigenen Handlungen und Erfahrungen) und Output an die verschiedenen Subsysteme und die Außenwelt abgibt.“ In dieser Umschreibung des Forschungsfeldes der Psychologie wird Mandler sowohl den unbewussten als auch den bewussten Prozessen gerecht, indem er die Psyche als komplexes Regulationssystem definiert, innerhalb dessen dem Bewusstsein nur eine „Lupenfunktion“ zukommt (s. unten).

Merksatz

Psychologie ist eine Erfahrungswissenschaft, die in möglichst erschöpfender Breite und mit möglichst großer Realitätsnähe die Psyche bzw. ihre „Produkte“ erforscht, nämlich das Verhalten, Erleben und Bewusstsein von Lebewesen.

Interdisziplinarität ist die Zusammenarbeit verschiedener Wissenschaftsdisziplinen zur Lösung eines Problems. Transdisziplinarität erfordert den Einbezug von Praktikerinnen und Praktikern in den wissenschaftlichen Diskurs.

Dörner und Selg (1996, 20) definieren im Sinne der Kybernetik: Psychologie ist die „Wissenschaft von den offenen oder variablen Regulationen“ (Bischof, 2016). Als „offen“ werden Regulationen dann bezeichnet, wenn sie „nicht genau durch genetische Vorprogrammierungen“ festgelegt sind (Dörner & Selg, 1996, 20). Gemeint sind kybernetische Regelsysteme, die sich plastisch entwickeln können (z.B. Lern- und Denkvorgänge) und nicht genetisch fixiert sind (z.B. Reflexe oder Erbkoordinationen). Dass die Unterscheidung zwischen variablen und stabilen Regulationen auf empirischer Basis – zumindest bis heute – noch äußerst schwerfällt, erschwert allerdings die Anwendung dieser Definition.

Dörner und Selg (1996, 24) formulieren weiter: „Gegenstand der Psychologie kann alles werden, was erlebbar ist und / oder sich im Verhalten äußert [...]“. Übereinstimmend mit einigen vorigen Definitionen werden hier introspektives Erleben und beobachtbares Verhalten als gleichwertige Datenquellen der Psychologie verstanden. Vorteilhaft an dieser breiten, aber pragmatischen Definition erscheint außerdem ihre Orientierung in Richtung Interdisziplinarität - und Transdisziplinarität, ohne die eine erschöpfende und realitätsnahe Erklärung psychischer Phänomene kaum möglich ist.

Allgemeine Zielsetzungen wissenschaftlicher Psychologie

| 2.2

In verbreiteten Einführungswerken der Psychologie (vgl. etwa Bourne & Ekstrand, 2005; Gerrig & Zimbardo, 2008; Ulich, 2000) finden sich – gut vergleichbar mit anderen empirischen Sozial- und Humanwissenschaften (wie etwa der Soziologie, der Ökonomie oder der Medizin) – vier Hauptziele für die Wissenschaftsdisziplin Psychologie:

Box 2.1 |Häufige Artefakte bei Befragungen

ŸŸ• Unklarheiten in der Formulierung von Fragen (z.B. Mehrdeutigkeit, zu komplizierte Sätze)

ŸŸ• Fehlinterpretationen von Anweisungen („Instruktionen“)

ŸŸ•Sequenzeffekte (Ermüdung, „Trainingseffekte“)

ŸŸ•Hawthorne-Effekt (sich beobachtet oder analysiert zu fühlen, erhöht zumeist die Leistungsbereitschaft)

ŸŸ• Mangelnde Bereitschaft zur Selbstenthüllung (bei privaten Inhalten)

ŸŸ• Motive zur Selbstdarstellung, Effekt der sozialen Erwünschtheit (bei Interviewpartnerinnen und -partnern einer Befragung einen bestimmten Eindruck zu hinterlassen, sich nicht zu blamieren etc.)

ŸŸ• Befürchtung negativer Konsequenzen (Zweifel an anonymer Verarbeitung der Daten)

ŸŸ•Sponsorship-Bias (Vermutungen über die Absichten der Auftraggeberinnen und -geber von Befragungen)

ŸŸ•Kontext-Effekte (z.B. Einfluss von Stimmungen)

ŸŸ•Urteilsheuristiken (pragmatische, zeitsparende und oft unlogische Art der Schlussfolgerungen)

ŸŸ•Anwesenheitseffekte (Beeinflussung des Antwortverhaltens durch anwesende Personen)

In Anlehnung an Bortz & Döring (1995)

2.2.1 |

Beschreiben

Merksatz

Die Beschreibung von Forschungsphänomenen in der Psychologie (Datenerhebung) geschieht hauptsächlich über Selbst- und Fremdbeobachtung, Befragung, Messung, Experiment, Test, Textanalyse, Inhaltsanalyse, Skalierung, Simulation oder Fallstudien, wobei einer verfälschungsfreien Erfassung der Daten besondere Beachtung geschenkt wird (Gütekriterien).

Darunter versteht man das (möglichst) präzise, systematische und theoriegeleitete Erfassen von Informationen (Daten) über die zu untersuchenden psychischen Phänomene. Häufig verwendete Erhebungsverfahren sind Selbst- und Fremdbeobachtungen, Befragungen(Interviews), Experimente, Tests, nichtreaktive Verfahren (z.B. Archive, Abnützungsgrad von Böden oder Gebrauchsgegenständen), Textanalysen (z.B. Tagebücher), Inhaltsanalysen (Häufigkeit und Bedeutung verwendeter Begriffe), Skalierungen (Semantisches Differential bzw. Polaritätsprofil), Simulationen (z.B. Computermodelle, Szenarien), hirnelektrische Ableitungen (z.B. EEG), Messungen (z.B. Reaktionszeiten) oder Labordaten (z.B. blutchemische Werte). Die Auswahl der Beschreibungsmittel von psychologischen Phänomenen richtet sich primär nach der wissenschaftlichen Grundorientierung der forschenden Person, nach der Art des Phänomens, und bei quantitativen Daten auch nach deren statistischer Verwertbarkeit.

Als Objektivitätsproblem bezeichnet man die Schwierigkeit, Daten unverfälscht zu erfassen (Box 2.1). Bei diagnostischen Verfahren zur Beschreibung von Störungsbildern oder Personenmerkmalen werden hohe Gütekriterien gefordert, die sinngemäß für alle psychologischen Datenerhebungen gelten (s. 3.6):

1.Objektivität: Sie ist umso größer, je ähnlicher die Daten bei unterschiedlichen datenerhebenden Personen sind.

2.Reliabilität: Die sogenannte „Zuverlässigkeit“ von Daten ist umso größer, mit je weniger Erhebungsfehlern sie überlagert sind.

3.Validität: Die „Gültigkeit“ von Daten nimmt in dem Maße zu, in dem sie tatsächlich jene Eigenschaft beschreiben, die registriert werden soll (z.B. Intelligenz und nicht auch Konzentration oder Bildung).

Daneben sollten jedoch noch weitere Qualitätsanforderungen an psychologische Daten gestellt werden, nämlich bezüglich der Skalierung (Wiedergabe korrekter Quantitäten), der Normierung (Normen bzw. Bezugssysteme für Ergebnisse sollen vorhanden sein), der Fairness (Daten über verschiedene soziale Gruppen dürfen nicht systematisch verfälscht sein), der Ökonomie (der Aufwand der Datenerhebung soll vertretbar sein), der Zumutbarkeit (Konsequenzen für Probanden sowie deren Akzeptanz sind zu berücksichtigen), der Unverfälschbarkeit (Ergebnisse sollen nicht manipulierbar sein) und der Nützlichkeit (Daten sollen zweckentsprechend sein).

2.2.2 |

Erklären

Eine zweite wichtige Zielsetzung der Psychologie ist die Erklärung der beobachteten oder gemessenen Phänomene. Dies geschieht durch Gesetze- oder durch deren Zusammenfassungen, die Theorien. Diese werden durch Ableitung von Hypothesen über zu erwartende Ergebnisse in empirischen Untersuchungen getestet. Die Resultate dieser Befragungen, Experimente oder Beobachtungen werden inhaltlich interpretierend (qualitativ) oder statistisch (quantitativ) auf Gesetzlichkeiten überprüft und mit den hypothetisch postulierten Zusammenhängen verglichen. Stimmen die empirisch gefundenen Zusammenhänge mit den erwarteten überein, dann spricht man von einer Verifikation der Hypothesen, im gegenteiligen Fall von deren Falsifikation. Eine solche Hypothesentestung setzt die Formulierung einer Theorie oder zumindest die Vorannahme einer Gesetzlichkeit voraus. In diesem Falle spricht man von einer konfirmativen (bestätigenden) Vorgangsweise, im Gegensatz zu einem explorativen Verfahren, wenn es darum geht, an einem Pool gewonnener Daten unbekannte Zusammenhänge erst zu finden.

Merksatz

Hypothesen sind wissenschaftlich begründete Annahmen (Wenn-dann-Aussagen) über Zusammenhänge von Ereignissen. Bestätigte Hypothesen nennt man Gesetze. Als Theorie bezeichnet man zumeist ein System von Gesetzen.

Gesetze und Hypothesen sind zumeist in Form von „Wenndann-Aussagen“ formuliert und beziehen sich auf vermutete Kausalzusammenhänge in der Realität. Die „Wenn-Komponente“ von Hypothesen beschreibt jeweils die Ursachen, Bedingungen oder Auslöser von Wirkungen, während die Effekte oder ausgelösten Veränderungen in der „Dann-Komponente“ formuliert werden (Box 2.2; Westermann, 2000). Ein Beispiel eines Gesetzes aus der Kognitionsforschung (Yerkes-Dodson-Gesetz): Eine zu hohe oder zu niedrige psychophysiologische Aktivierung (Wenn-Komponente) verringert die Konzentrations-, Denk- und Gedächtnisleistungen (Dann-Komponente).

Merksatz

Wichtige Qualitätskriterien für Gesetze und Theorien sind ihr Grad an Repräsentativität, ihr Realitätsbezug sowie ihre zeitliche und situative Stabilität.

Ein grundlegendes Problem bei der Interpretation von Untersuchungsergebnissen, das sogenannte Repräsentativitätsproblem, ist die Frage nach der Verallgemeinerbarkeit, nämlich danach, wie gut von den jeweils beobachteten Daten – den Fällen der Stichprobe – auf die Grundgesamtheit bzw. Population zu schließen ist (s. auch Replikationsproblem; Open Science Collaboration, 2015).

Eine andere Unsicherheit besteht darin, ob die abstrakt formulierten Theorien eine inhaltliche Entsprechung in den empirisch ausgewählten Untersuchungsverfahren finden: Die Rede ist vom Operationalisierungsproblem bzw. Validitätsproblem. Hier geht es etwa darum, ob die Intelligenz eines Menschen (d.h. die abstrakte Annahme über die geistige Leistungsfähigkeit einer Person) tatsächlich durch spezielle Intelligenzaufgaben eines Tests erfassbar bzw. ob die theoretische Vorstellung über Intelligenz anhand von anschaulich-konkreten Daten überprüfbar ist.

Weiters ist im sozialwissenschaftlichen Bereich kaum davon auszugehen, dass eine einmal gefundene Gesetzmäßigkeit an allen möglichen Orten, zu allen möglichen Zeiten und unter allen möglichen Umständen gilt, was als Reliabilitätsproblem bezeichnet wird (Bortz & Döring, 1995; Schnell, Hill & Esser, 2005). Zur Überprüfung der Reliabilität von Ergebnissen bedient man sich verschiedener statistisch gestützter Methoden, bei denen zum Beispiel ein Test für eine psychische Eigenschaft bei gleichen Personen wiederholt eingesetzt wird („Retest-Reliabilität“) oder die Ergebnisse verschiedener Tests zur gleichen Eigenschaft miteinander verglichen werden („Paralleltest-Reliabilität“).

Eine für die Verlässlichkeit von Forschungsergebnissen wichtige Bedingung ist deren Replizierbarkeit bzw. Reproduzierbarkeit, welche in letzter Zeit in mehreren Disziplinen nicht zufriedenstellend ausfiel (Baker, 2016), sodass Verbesserungen im Forschungsprozess vorgeschlagen wurden (Erdfelder & Ulrich, 2018; Fiedler, 2018).

Vorhersagen

| 2.2.3

Die Formulierung von Gesetzen dient auch zur Erstellung von Prognosen. Wenn zum Beispiel über einen spezifischen Sachverhalt Informationen gegeben sind, dann können unter Verwendung der psychologischen Gesetze Rückschlüsse auf weitere nicht bekannte Merkmale des Sachverhalts gezogen werden (Box 2.2). In der Fachliteratur ist der Fundus an psychologischen Vorhersagen unüberschaubar groß, und die Prognosegüte für zahlreiche Praxissituationen ist vielversprechend (Frey, Hoyos & Stahlberg, 1988; Baumann & Perrez, 1990, 1991; Schwarzer, 1997; Hellbrück & Fischer, 1999; Süss & Negri, 2019 usw.): Welche Erziehungsmaßnahmen fördern eine gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen? Welche häuslichen Bedingungen sind Voraussetzungen für gute Schulleistungen? Welche Kommunikationsformen erleichtern die berufliche Kooperation? Welche Einflüsse hat die Lebensumwelt auf das Wohlbefinden? Wie kann man am besten Ängsten und Depressionen begegnen? Wie lernt man am schnellsten große Stoffmengen?

Box 2.2 |Prognosen durch Gesetze

Bekannte Vorinformationen (Prämissen):

Person X ist sprachbegabt.

Person X ist lernmotiviert.

Person X hat gute Lernbedingungen.

Gesetze (Prämissen):

Wenn eine Person sprachbegabt und lernmotiviert ist sowie gute Lernbedingungen vorfindet, dann erzielt sie höchstwahrscheinlich gute Lernleistungen in Fremdsprachen.

Schlussfolgerung (Konklusion): Person X wird sehr wahrscheinlich gute Lernleistungen in Fremdsprachen erbringen.

Merksatz

Aus psychologischen Gesetzen können vielfältige Vorhersagen über psychische Strukturen oder Abläufe und über deren Abhängigkeit von Umweltbedingungen abgeleitet werden.

Grundsätzlich können Vorhersagen über die Struktur von psychischen Phänomenen (z.B. Intelligenzstruktur, Persönlichkeitsstruktur, Einstellungsprofil) und über deren Dynamik (z.B. Reifungsprozesse, geistige Entwicklung, Entstehung psychischer Störungen) getroffen werden. Ähnlich wie bei politischen Wahlprognosen hängt auch im psychischen Bereich der Erfolg der Vorhersagen wesentlich von der Güte der verwendeten Theorien und der mathematisch-statistischen Prognoseverfahren ab.

Verändern

| 2.2.4

Eine dauerhafte Veränderung bzw. Optimierung menschlichen Erlebens und Verhaltens (die Veränderung von Gefühlen, Einstellungen, Motiven, Entscheidungen etc.) lässt sich in den meisten Fällen nicht allein durch Vermittlung von Einsichten (z.B. über Kindheitstraumen), durch Anwendung „psychologischer Tricks“ (z.B. paradoxe Intervention) oder durch einzelne suggestive Maßnahmen (z.B. Hypnose) bewerkstelligen, sondern es sind sehr oft komplexe Vorgangsweisen nötig. Dabei müssen nicht nur die Klientinnen und Klienten, sondern auch deren soziale und physische Umfelder einbezogen werden. Der beratenden, pädagogischen oder therapeutischen Anwendung solcher Veränderungsprogramme gehen oft umfangreiche Studien an hunderten Versuchspersonen voraus, um den Erfolg unter möglichst vielen Bedingungen sicherzustellen.

Arten psychologischer Intervention | Box 2.3

ŸŸ• Beobachtungen und Befragungen (haben an sich schon indirekte Auswirkungen, z.B. durch Reflektieren des eigenen Verhaltens oder durch Problematisieren von Befragungsinhalten)

ŸŸ• Kommunikationsstil (kann meinungsbildend, kommunikationsfördernd und konfliktlösend wirken, z.B. durch Maßnahmen der Moderation oder Mediation)

ŸŸ• Aufklärung und Bildung (vermittelt psychologisches Wissen und Können, z.B. über optimales Lernen, Möglichkeiten der Stressbewältigung)

ŸŸ• Beratung (Schulberatung, Berufsberatung, Erziehungsberatung, Coaching etc.)

ŸŸ• Training (z.B. Entspannungstechniken, Lerntechniken, Kommunikations- und Kooperationstraining, Elterntraining)

ŸŸ• Therapie (z.B. Kognitive Verhaltenstherapie, Gesprächstherapie)

ŸŸ• Umweltgestaltung und Partizipation (z.B. Mitwirkung bei Planungen für menschengerechtes Wohnen und Siedeln, für eine humane Arbeitsplatzgestaltung oder für eine zukunftsfähige Mobilität)

Die Liste möglicher psychologischer Einflussnahmen ist relativ groß und beginnt schon damit, dass Personen sich anders verhalten, wenn sie sich beobachtet fühlen. Ein gutes Beispiel dafür ist der sogenannte Hawthorne-Effekt, nach den amerikanischen „Western Electric Hawthorne Works“ in Chicago benannt, einer Fabrik, in der in den Jahren 1924- bis 1927 Elton Mayo den Einfluss von Arbeitsbedingungen auf die Produktivität testete: Er kam zum Schluss, dass man mehr zu leisten bereit ist, wenn man sich (z.B. im Zuge einer wissenschaftlichen Untersuchung) beobachtet fühlt (Flick et al., 1995).

Der Kommunikationsstil nimmt in mehrfacher Weise Einfluss: Kommunikationspsychologisch geschulte Moderatorinnen und Moderatoren können in Diskussionsrunden den Meinungsaustausch und die Konfliktbewältigung wesentlich dadurch fördern, dass sie eine partnerschaftliche Atmosphäre mit fairen Regeln für die Argumentation schaffen (Montada & Kals, 2013). Durch Kommunikationstechniken – wie dem „Partnerzentrierten Gespräch“, dem „Kontrollierten Dialog“ und der „Themenzentrierten Interaktion“ – sinkt in Partnerschaften, Arbeitsgemeinschaften und Firmen die Streithäufigkeit, während die Kooperationsfähigkeit steigt.

Bereits wesentlich aufwendiger gestaltet sich der Einsatz psychologischen Wissens für Beratungstätigkeiten im Bildungs-, Arbeits- und Therapiebereich. Ähnlich wie in der Medizin werden hier vorerst die jeweiligen Ausgangsbedingungen erhoben (Anamnese) und die Probleme und Störungen festgestellt bzw. analysiert (Diagnose). In manchen Fällen sind umfangreiche Testungen, wie etwa zur Feststellung der Begabungsorientierung, der Interessenausrichtung, des Motivationsprofils oder der allgemeinen Problemsituation der Klientinnen und Klienten, nötig.

Besonders spezialisiert und auf die Art und Bedingtheit der behandelten Störung maßgeschneidert (s. Reinecker, 2003 a) sind die in der empirischen Psychologie entwickelten Therapieverfahren (insbesondere Verhaltenstherapie, Gesprächstherapie, Familientherapie). Sie sind im Rahmen eines Psychologiestudiums aufgrund des hohen Übungsbedarfs und der nötigen Supervision nicht ausreichend lern- und trainierbar und müssen daher in anspruchsvollen Zusatzausbildungen nach dem Studium vermittelt werden (z.B. in Österreich die postgraduale Ausbildung für „Klinische und Gesundheitspsychologie“ und / oder für „Psychotherapie“).

Merksatz

Auf Basis psychologischer Gesetze und Theorien konnte eine große Vielfalt von Maßnahmen (Interventionen) zur Veränderung problematischen Verhaltens, Erlebens und Bewusstseins entwickelt werden.

Weitere nicht unwichtige Einflussmöglichkeiten der Psychologie liegen im Bereich der Evaluation (Wottawa & Thierau, 2003) und Intervention im Wohn-, Wirtschafts-, Arbeits- und Bildungsbereich. Über die sogenannte „User Needs Analysis“ (UNA), „Post Occupancy Evaluation“ (POE) oder „Environmental Impact Analysis“ (EIA) lassen sich zum Beispiel wichtige Lebensbedürfnisse des Menschen ermitteln und Vorschläge für deren Befriedigung erarbeiten sowie eine allgemeine Verbesserung der Lebensumstände schaffen (Harloff, 1993). In neuerer Zeit werden immer mehr moderne Technologien auf ihre psychologische Nutzbarkeit hin untersucht (EDVArbeitsplätze, Internet-Aktivitäten, E-Learning, Teleworking etc.).

Kontroversielle Grundannahmen der Psychologie

| 2.3

Seit etwa 1960 hat sich an den universitären Psychologieinstituten im deutschen Sprachraum eine „Mainstream-Psychologie“ durchgesetzt, nämlich jene mit naturwissenschaftlicher, empirisch-statistischer Orientierung. In den Achtzigerjahren meinte Hofstätter (1984, 103): „Die Konflikte zwischen den Richtungen und Schulen gehören fast überall in der Psychologie der Vergangenheit an“, und begründete dies damit, dass kaum mehr der Anspruch erhoben werde, mit „gleichen Prinzipien die verschiedenen Problemfelder“ der Psychologie aufzuklären. Tatsächlich ist seit den späten Sechzigerjahren die Heftigkeit der Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Strömungen innerhalb der Psychologie erheblich zurückgegangen, was aber nicht gleichzeitig bedeutet, dass die wechselseitige Akzeptanz zugenommen hätte. Immer noch bestehen zwischen Angehörigen des Faches – vor allem aber zwischen Praktikern und Forschern – erhebliche Meinungsunterschiede darüber, was unter wissenschaftlichem Vorgehen zu verstehen ist, welche Themen als forschungswürdig anzusehen sind und was als allgemein verbindlicher Wissensbestand der Psychologie zu betrachten ist.

Merksatz

Wie in jeder anderen Wissenschaft können auch in der Psychologie die allgemeinen theoretischen Grundfragen nur ansatzweise und partiell überprüft werden.

Auch wenn sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zumeist nicht explizit zu ihren inhaltlichen oder methodischen Grundannahmen (Forschungsaxiomen) bekennen, so lassen sich Letztere doch aus den gewählten Fragestellungen und den verwendeten Methoden manchmal indirekt erschließen. Bourne und Ekstrand (2005) sowie Hofstätter (1984) zeigen eine Reihe solcher impliziter Grundannahmen innerhalb der Psychologie auf, die sich oft mit den inhaltlichen oder methodischen Grundfragen des Faches decken. Nachfolgend sollen einige davon angeführt und kurz charakterisiert werden.

2.3.1 |

Leib – Seele

Merksatz

Zur Beziehung zwischen körperlichen und seelischen Prozessen gibt es verschiedene Auffassungen, die sich jedoch in der Praxis kaum auf die wissenschaftliche Erkenntnisgewinnung auswirken.

Bereits seit Jahrtausenden wird in der Philosophie und in der Religion die Beziehung zwischen Leib und Seele – mehr oder weniger dogmatisch – zu beantworten versucht (s. dazu etwa Jüttemann, Sonntag & Wulf, 1991; Hinterhuber, 2001). Offensichtlich handelt es sich hierbei um eine ontologische, grundsätzlich nicht lösbare Fragestellung, die am ehesten mit jener Frage in der Physik vergleichbar ist, ob das Licht aus Teilchen oder aus Wellen besteht. Hinsichtlich der Leib-Seele-Problematik können prinzipiell drei Auffassungen vertreten werden:

1. Neben einer materiellen Welt gibt es – parallel dazu – auch noch eine geistige Welt („Dualismus“), beide wirken aufeinander ein („Wechselwirkungslehre“).

2. Alle beobachteten oder erlebten Phänomene bestehen nur aus einer Wesenheit, nämlich entweder aus materieller oder aus geistiger Substanz (Materialismus – Idealismus).

3. Geistiges und Körperliches sind nur zwei Seiten ein und derselben Wirklichkeit (Identitätslehre).

Der dritte Ansatz ist für die psychologische Forschung der fruchtbarste, weil er am ehesten die Gesetze der „inneren“ und der „äußeren“ Welt zusammenführt (s. dazu 4.1).

Anlage – Umwelt

| 2.3.2

Die Frage, wie stark das Verhalten des Menschen durch seine Anlagen (endogen) oder durch seine Umwelt (exogen) beeinflusst wird, ist im Zeitalter der Gentechnik höchst aktuell. Sind Persönlichkeitseigenschaften, Intelligenz, Begabungen, männliches oder weibliches Rollenverhalten angeboren oder durch (frühe) Lernprozesse erworben?

| Abb 2.1

In einer umfangreichen Analyse von 111 Studien über die Intelligenzausstattung von Verwandten (Bouchard & McGue, 1981; zit. nach Bourne & Ekstrand, 1992) zeigte sich bei eineiigen Zwillingen (Personen mit gleichem Erbgut) eine Übereinstimmung in den Intelligenzleistungen von 74 %, wenn sie gemeinsam aufgewachsen sind, und von nur 52 %, wenn sie in unterschiedlichen Familien heranwuchsen. Bei anderen Verwandtschaftsbeziehungen stimmten die Intelligenzquotienten nur mehr zwischen 36 und 6 % überein.

Merksatz

In welchem Ausmaß Anlage oder Umwelt auf die Entwicklung des Menschen Einfluss nehmen, kann nicht pauschal beantwortet werden, sondern ist je nach Art der untersuchten Eigenschaft, Alter und Lebenssituation einer Person unterschiedlich zu beurteilen.

Die Psychologie beschäftigt sich seit mehr als einem Jahrhundert mit diesen Fragen, besonders mithilfe der Zwillingsforschung, da bei eineiigen Zwillingen die genetischen Anlagen gleich sind und somit Unterschiede im Verhalten nur auf Umwelteinflüsse und Lernprozesse zurückgeführt werden können (Abb. 2.1). Auch Effekte von Förderungsprogrammen oder familiäre Häufungen von Begabungen (z.B. Familie Bach) waren Gegenstand von Studien. Das Hauptergebnis ist, dass eine Abschätzung der Dominanz von Anlage oder Umwelt pauschal nicht möglich scheint (s. etwa Olson et al., 2001), sondern dass je nach Alter, Persönlichkeitseigenschaften und Lebenssituation genetische oder situative Einflüsse in unterschiedlichem Ausmaß wirksam werden. Untersuchungen zu dieser Fragestellung werden in den folgenden Kapiteln noch genauer dargestellt (s. auch Rutter et al., 2001).

2.3.3 |

Vergangenheit – Gegenwart

In welchem Ausmaß sind wir durch unsere Vergangenheit determiniert? Wie stark legen bereits vergangene Erfahrungen (z.B. Kindheitserlebnisse) unsere gegenwärtige emotionale und geistige Konstitution fest, und wie veränderbar sind unsere erworbenen Einstellungen und Gewohnheiten?

Aus der entwicklungspsychologischen Forschung ist etwa bekannt, dass durch frühkindliche Verwahrlosung – zum Beispiel durch frühe mehrmonatige Heimaufenthalte (Hospitalismus) – schwerste Beeinträchtigungen in der Gefühls- und Sozialentwicklung entstehen können (s. auch Bindungsstil, 12.7). Ein ähnliches Phänomen konnte bei Schimpansen nachgewiesen werden (Harlow & Harlow, 1962). Sozial- und lernpsychologische Studien zeigten außerdem auf, dass große Teile unserer sozialen Verhaltensweisen wie auch Beziehungsmuster bereits in frühen Jahren „latent“ durch Beobachtung erworben werden (s. 6.11). Aufgrund von Erfahrungen entwickeln wir zudem Vorurteile - und Stereotypien (s. Kap. 11), und oft überschatten auch angstvolle oder aggressive Vorerfahrungen das private oder berufliche Leben (s. Kap. 12).

Merksatz

Zweifellos sind Erleben und Verhalten stark durch vergangene Erfahrungen geprägt, deren Auswirkungen können jedoch durch neue Erfahrungen modifiziert werden.

Allerdings bewies die psychologische Forschung gerade auch die Änderungs- und Lernfähigkeit des Menschen in allen diesen Bereichen. Der daraus resultierende „Milieuoptimismus“, die Betonung der umweltbedingten Plastizität menschlichen Erlebens und Verhaltens, wird verständlicherweise weniger geteilt in Forschungsbereichen mit starkem medizinischen oder biologischen Einschlag.

Freier Wille – Determiniertheit

| 2.3.4

Haben wir einen freien Willen? Kann es Freiheit überhaupt geben, wenn Verhaltensweisen kausal erklärt werden können? Wie kann dann allerdings jemand zur Verantwortung gezogen werden, wenn er seine Entscheidungen nicht frei treffen kann?

Prinz (2004, 201) kommt zu dem Schluss, dass aus naturwissenschaftlicher Sicht die Annahme eines Indeterminismus und der damit verbundene Erklärungsverzicht inakzeptabel sei und dass deshalb „für Willensfreiheit als theoretisches Konstrukt im Rahmen der wissenschaftlichen Psychologie kein Platz“ sei. Aus dieser Sicht ist der freie Wille eine „Illusion, wenngleich vielleicht eine, die dem Menschen hilft, mit seiner Natur zurecht zu kommen“ (Markowitsch, 2004, 167). Dagegen kann man einwenden, dass sich eine vollständig kausal determinierte Wirklichkeit mit ihren zahlreichen Wechselwirkungen und Rückkoppelungen zwar postulieren, aber nicht nachweisen lässt, weil Prozesse nicht beliebig genau registriert werden können („Chaostheorie“; Kriz, 1992).

Merksatz

Der Widerspruch zwischen der Annahme einer kausal determinierten Welt und dem subjektiven Empfinden eines freien Willens kann gelöst werden, indem Letzterer als Ausmaß der Einsicht in kognitiv begründete Entscheidungsalternativen und damit partieller Unabhängigkeit von situativen Zwängen interpretiert wird.

Im Gegensatz zu radikal deterministischen Standpunkten könnte Freiheit allerdings auch das Erkennen von Handlungsalternativen bedeuten. Je mehr Möglichkeiten des Handelns bewusst erkannt werden, desto größer sind der Freiheitsgrad und die Selbstverantwortlichkeit beim jeweiligen Individuum. Goschke (2004, 188) meint dazu: „Im Laufe der Evolution unterschiedlicher Formen der Verhaltenssteuerung ist es zu einer zunehmenden Abkoppelung der Reaktionsselektion von der unmittelbaren Reizsituation und Bedürfnislage gekommen, womit gleichzeitig ein Zuwachs an Freiheitsgraden der Verhaltenskontrolle verbunden war“, und weiter: „Die Freiheitsgrade, die sich aus der Fähigkeit zur antizipativen Verhaltensselektion und Selbstdetermination ergeben, begründen insofern die einzige Form von Willensfreiheit, die wir wollen können, wenn wir einem naturalistischen Weltbild verpflichtet sind“. Die Handlungsfreiheit eines Menschen ist demnach umso größer, je mehr Einsicht er in die Voraussetzungen, Bedingungen und Konsequenzen seines Handelns hat. Ein solcher Standpunkt wird heute wahrscheinlich von den meisten Psychologinnen und Psychologen vertreten.

Von dieser Warte aus erscheinen die Annahmen eines freien Willens und einer kausal vollständig determinierten Welt logisch nicht widersprüchlich, weil es sich im einen Fall um die Selbstbeobachtungsperspektive und im anderen Fall um die Fremdbeobachtungsperspektive handelt (Kuhl, 1996). Die Entscheidungen eines erwachsenen Individuums sind insofern prinzipiell frei, als sie mit dem Erreichen geistiger Reife und Mündigkeit bewusst reflektiert werden können (eine umfassende Diskussion dieser Thematik liefern Cranach & Foppa, 1996; auch Lukas, 2004).

2.3.5 |

Bewusst – unbewusst

Merksatz

Der Großteil psychischer Informationsverarbeitung erfolgt automatisch und wird nicht bewusst kontrolliert. Bewusstsein wird dann eingeschaltet, wenn unbekannte Informationen auftreten, genauere Analysen von Kognitionen anstehen oder neue Handlungen zu entwerfen sind.

Viele Menschen sind davon überzeugt, ihr Verhalten sei überwiegend bewusst kontrolliert. In welchem Ausmaß steuern jedoch auch unbewusste psychische Prozesse unser Erleben und Verhalten? Wenn man wie der Physiologe Keidel (1963) lediglich die neuronale Ausstattung des Menschen betrachtet und die „Kanalkapazität“ (Durchflussgeschwindigkeit) der menschlichen Informationsverarbeitung abschätzt, dann erhält man 109 bit/s für Sinnesorgane, 107 bit/s für die Verhaltensorgane, und nur etwa 102 bit/s entfallen auf das Bewusstsein. Exaktere Untersuchungen über die kontrollierte versus automatisierte Verarbeitung von Informationen stammen von Schneider und Schiffrin (1977), die ebenfalls die engen Grenzen einer bewussten Steuerung menschlicher Lebensäußerungen aufzeigen. Wir müssen also allgemein davon ausgehen, dass die überwiegende Mehrheit psychischer Prozesse automatisch abläuft und dass sich nur dann das Bewusstsein einschaltet (als „psychische Lupe“ nach Mandler, 1979), wenn die automatischen Programme nicht mehr zum gewünschten Ergebnis führen, wenn neue Aufgaben gelöst werden müssen oder wenn gespeicherte Erfahrungen einer geistigen Analyse unterzogen werden (s. dazu auch Kap. 4).

Allgemeingültigkeit – Einzigartigkeit

| 2.3.6

nomothetisch: gesetzgebend, gesetzesfindend ideografisch: das Einzelne beschreibend

Merksatz

Eine Beschreibung der psychischen Beschaffenheit des Menschen erfordert sowohl generalisierende als auch spezifizierende Vorgehensweisen.

Sind alle Menschen gleichartig strukturiert, sodass sich für alle allgemeinpsychologische Gesetze formulieren lassen, oder sind Menschen hinsichtlich ihrer Persönlichkeit, ihrer Einstellungen und ihrer Denkweise so unterschiedlich, dass für jede Person ein eigenes theoretisches Modell erstellt werden muss? Die erste Annahme entspricht eher der nomothetischen, die zweite der ideografischen