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In der gut hundertjährigen Geschichte der Psychoanalyse standen die einzelnen Therapeuten immer wieder vor der Aufgabe, die richtigen Theorien zu vertreten, die richtigen Behandlungstechniken einzusetzen und sich dadurch für eine richtige psychoanalytische Gruppierung zu qualifizieren. Dieser Anspruch auf das Richtige wird gegenwärtig in der Psychotherapie kaum noch vertreten. Es kann nicht mehr darum gehen, dass sich der einzelne Therapeut, die einzelne Therapeutin, mit dem identifiziert, was die jeweilige therapeutische Organisation oder Gemeinschaft als wahr, richtig und verbindlich definiert hat. Heute wird das Wesen des Psychotherapeutischen auf die Persönlichkeit des Therapeuten und auf die Anforderungen bezogen, die dieser spezielle Beruf an ihn oder sie richtet. Identität wird heute nicht mehr als Ergebnis einer Sozialisation und Eingliederung in eine Berufsgruppe aufgefasst, sondern als die persönliche Reifung einer Selbstidentität. Diese ermöglicht Therapeuten, Patienten mit sehr belasteten Lebenserfahrungen und schwierigen Beziehungsmustern zu einem neuen Gleichgewicht und einem besseren Selbstverständnis zu verhelfen.
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Seitenzahl: 76
Veröffentlichungsjahr: 2016
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PSYCHODYNAMIK Kompakt
Herausgegeben vonFranz Resch und Inge Seiffge-Krenke
Gerd Rudolf
PsychotherapeutischeIdentität
Vandenhoeck & Ruprecht
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sindim Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-647-99806-0
Weitere Ausgaben und Online-Angebote sind erhältlich unter: www.v-r.de
Umschlagabbildung: Paul Klee, Insula dulcamara, 1938/Kunstmuseum Bern/INTERFOTO
© 2016, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen /Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U.S.A.www.v-r.deAlle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlichgeschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällenbedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Satz: SchwabScantechnik, Göttingen EPUB-Erstellung: Lumina Datamatics, Griesheim
Inhalt
Vorwort zur Reihe
Vorwort zum Band
Vorwort des Autors
Vorbemerkungen
1 Der Identitätsbegriff
1.1 Verschiedene Aspekte des Identitätsbegriffs
1.2 Identität von Gruppen
1.3 Defensive und aggressive Identität
1.4 Sexuelle Identität
2 Zur Psychodynamik der Identitätsentwicklung
2.1 Lebensgeschichtliche Entwicklung der Identität
2.2 Vom Ich zum Selbst
2.3 Identität und Identitätsstörung
3 Psychotherapeutische Identität entwickeln
3.1 Persönliche Motive der Berufswahl
3.2 Psychotherapeutische Wertvorstellungen
3.3 Schwierigkeiten mit der psychoanalytischen Identität
3.4 Wissenschaftlichkeit und das Problem der Integration
3.5 Die eigene und die fremde Identität
3.6 Anspruch auf eine eigene psychotherapeutische Identität
4 Eine psychotherapeutische Identität leben
4.1 Viele Ich-Identitäten oder eine Selbst-Identität?
4.2 Das Wesen der therapeutischen Selbst-Identität
4.3 Gute Therapeuten statt richtiger Identitäten
5 Abschließende Bemerkungen
Literatur
Vorwort zur Reihe
Zielsetzung von PSYCHODYNAMIK KOMPAKT ist es, alle psychotherapeutisch Interessierten, die in verschiedenen Settings mit unterschiedlichen Klientengruppen arbeiten, zu aktuellen und wichtigen Fragestellungen anzusprechen. Die Reihe soll Diskussionsgrundlagen liefern, den Forschungsstand aufarbeiten, Therapieerfahrungen vermitteln und neue Konzepte vorstellen: theoretisch fundiert, kurz, bündig und praxistauglich.
Die Psychoanalyse hat nicht nur historisch beeindruckende Modellvorstellungen für das Verständnis und die psychotherapeutische Behandlung von Patienten hervorgebracht. In den letzten Jahren sind neue Entwicklungen hinzugekommen, die klassische Konzepte erweitern, ergänzen und für den therapeutischen Alltag fruchtbar machen. Psychodynamisch denken und handeln ist mehr und mehr in verschiedensten Berufsfeldern gefordert, nicht nur in den klassischen psychotherapeutischen Angeboten. Mit einer schlanken Handreichung von 60 bis 70 Seiten je Band kann sich der Leser schnell und kompetent zu den unterschiedlichen Themen auf den Stand bringen.
Themenschwerpunkte sind unter anderem:
–Kernbegriffe und Konzepte wie zum Beispiel therapeutische Haltung und therapeutische Beziehung, Widerstand und Abwehr, Interventionsformen, Arbeitsbündnis, Übertragung und Gegenübertragung, Trauma, Mitgefühl und Achtsamkeit, Autonomie und Selbstbestimmung, Bindung.
–Neuere und integrative Konzepte und Behandlungsansätze wie zum Beispiel übertragungsfokussierte Psychotherapie, Schematherapie, Mentalisierungsbasierte Therapie, Traumatherapie, internetbasierte Therapie, Psychotherapie und Pharmakotherapie, Verhaltenstherapie und psychodynamische Ansätze.
–Störungsbezogene Behandlungsansätze wie zum Beispiel Dissoziation und Traumatisierung, Persönlichkeitsstörungen, Essstörungen, Borderline-Störungen bei Männern, autistische Störungen, ADHS bei Frauen.
–Lösungen für Problemsituationen in Behandlungen wie zum Beispiel bei Beginn und Ende der Therapie, suizidalen Gefährdungen, Schweigen, Verweigern, Agieren, Therapieabbrüchen; Kunst als therapeutisches Medium, Symbolisierung und Kreativität, Umgang mit Grenzen.
–Arbeitsfelder jenseits klassischer Settings wie zum Beispiel Supervision, psychodynamische Beratung, Arbeit mit Flüchtlingen und Migranten, Psychotherapie im Alter, die Arbeit mit Angehörigen, Eltern, Gruppen, Eltern-Säuglings-Kleinkind-Psychotherapie.
–Berufsbild, Effektivität, Evaluation wie zum Beispiel zentrale Wirkprinzipien psychodynamischer Therapie, psychotherapeutische Identität, Psychotherapieforschung.
Alle Themen werden von ausgewiesenen Expertinnen und Experten bearbeitet. Die Bände enthalten Fallbeispiele und konkrete Umsetzungen für psychodynamisches Arbeiten. Ziel ist es, auch jenseits des therapeutischen Schulendenkens psychodynamische Konzepte verstehbar zu machen, deren Wirkprinzipien und Praxisfelder aufzuzeigen und damit für alle Therapeutinnen und Therapeuten eine gemeinsame Verständnisgrundlage zu schaffen, die den Dialog befördern kann.
Franz Resch und Inge Seiffge-Krenke
Vorwort zum Band
Identität ist das zentrale Lebensthema des spätmodernen Subjekts. Auch in der politischen Diskussion spielt Identität eine sich zunehmend laut artikulierende Rolle. Identität als reflexive Fähigkeit und Identität als Zugehörigkeit ergänzen einander zu einem janusköpfigen Begriff, der historisch gewachsen und aktuell durchdekliniert jeden Entwicklungskontext beherrscht. Auch die psychotherapeutische Identität erhebt sich als Frage, was Psychotherapie im Wesentlichen ausmacht und wie viele unterscheidbare psychotherapeutische Identitäten es geben könnte.
Gerd Rudolf hat sich in einer feinsinnigen Analyse des Themas angenommen und Erfahrungen aus einem breiten Spektrum therapeutischer Tätigkeiten, als Therapeut, Supervisor, Gutachter und Klinikdirektor, einbezogen. Es kann heute nicht mehr darum gehen, dass sich der einzelne Therapeut, die einzelne Therapeutin, mit dem identifiziert, was die jeweilige therapeutische Organisation oder Gemeinschaft als wahr, richtig und verbindlich definiert hatte. Verschiedene Aspekte des Identitätsbegriffs werden zu Beginn hervorgehoben und historisch hergeleitet. In einem zweiten Teil wird die lebensgeschichtliche Entwicklung der Identität beleuchtet, wobei der Entwicklungsstörung von Identität besonderes Augenmerk gewidmet wird. In Teil drei wird hervorgehoben, wie sich die psychotherapeutische Identität herausbildet, welche Motive zur Berufswahl führen, wie verschlungen oftmals der Weg aus verschiedenen Grundberufen in die psychotherapeutische Ausbildung ist und welchen Einfluss Lehranalyse, Selbsterfahrung und Supervision für die Ausbildung der therapeutischen Identität haben. Den grundsätzlichen Wertvorstellungen der Psychotherapie gilt ein eigener Fokus. Anspruch und Wirklichkeit geraten im Alltag manchmal in Widerspruch, wenn Wissenschaftlichkeit, Empathie und psychoanalytische Verantwortung aufeinandertreffen. Ein entscheidendes Novum ist der Weg von der Ich-Identität zur Selbst-Identität eines Therapeuten, indem eine individuelle, passende therapeutische Identität angenommen und Abhängigkeiten von Institutionen und Organisationen reflektiert werden können. Das Wesen der therapeutischen Selbst-Identität artikuliert sich in Beziehungsgestaltung, Haltungen und kultureller Einbindung. Den Abschluss bildet die Frage, was einen guten Therapeuten oder eine gute Therapeutin kennzeichnet, denn »eine psychotherapeutische Identität zu haben, bedeutet nicht, alles richtig zu machen«, wie Rudolf ausführt.
Dieser facettenreiche Streifzug durch das Identitätsthema bringt uns zum Nachdenken und ist für Therapeuten ebenso wie für Patienten oder andere Interessierte ein großer Gewinn, sind wir doch alle Menschen auf der Suche nach uns selbst.
Inge Seiffge-Krenke und Franz Resch
Vorwort des Autors
Diesem Text liegt ein Vortrag zugrunde, den ich im April 2016 zur Eröffnung der Lindauer Psychotherapiewochen halten durfte. Ich habe mich entschlossen, in dem Buch die persönliche Anrede meiner psychotherapeutischen Kolleginnen und Kollegen beizubehalten, anstatt das Thema ausschließlich versachlichend zu erörtern.
Identität ist ohnehin kein Gegenstand, der in vielen Studien wissenschaftlich untersucht worden ist und zu dem zahlreiche Befunde vorliegen. Er ist vielmehr ein schillernder Begriff, den unterschiedliche Gruppen auf verschiedene Weise mit Inhalt füllen und den sie als Argument in inneren und äußeren Diskussionen benutzen (oder missbrauchen). Das möchte ich deutlich werden lassen und abschließend einen Vorschlag erarbeiten, wie Psychotherapeuten diesen Begriff nutzen können, um das, was sie tun und was ihnen dabei wichtig ist, auf den Punkt zu bringen und für sich selbst zu verdeutlichen. Das ist ein grundsätzlich unabgeschlossenes Projekt und offen für Ergänzungen in mancherlei Richtungen.
Parallel zu der Vortragsplanung wurde ich von dem Verlag Vandenhoeck & Ruprecht und den Herausgebern eingeladen, ein Buch zu dem Thema zu erstellen – wenn auch binnen weniger Monate, was einen alt gewordenen Autor überfordert, der den Anspruch hat, nicht nur etwas zusammenzuschreiben, sondern der sich dazu auch ein paar Gedanken machen möchte. Das hat nun selbst für diesen relativ kurzen Text ein Jahr erfordert. Es war kein besonders gutes Jahr und daher bin ich dankbar für den Halt, den die konzentrierte Beschäftigung mit einem wichtigen Sachthema in schwierigen Zeiten zu geben vermag.
Vorbemerkungen
Psychotherapie ist heute ein selbstverständlicher Bestandteil der therapeutischen Versorgung, angeboten in vielen Differenzierungen: ambulant oder stationär, als ärztliche oder psychologische Psychotherapie, kassenfinanziert oder privat bezahlt, unter Einsatz unterschiedlicher Verfahren und Methoden, die auf wissenschaftlicher Grundlage und nach staatlich geregelten Ausbildungsrichtlinien in vielen Instituten vermittelt werden. Das Thema der psychotherapeutischen Identität, also die Frage, was Psychotherapie im Wesentlichen ausmacht, wurde in der Geschichte der analytisch fundierten Psychotherapien immer wieder kontrovers diskutiert. Aktuell stellt sich angesichts der Vielfalt der verwendeten Methoden die Frage, wie viele unterscheidbare psychotherapeutische Identitäten es gibt oder umgekehrt, ob es in unserer Epoche so etwas wie Identität, bezogen auf was auch immer, überhaupt noch geben kann.
Das Thema wurde in den letzten Jahren auf Tagungen und in Schriften lebhaft erörtert (z. B. Walz-Pawlita, Unruh u. Janta, 2015). Auffallend ist freilich, dass der Begriff der Identität in jüngerer Zeit in anderen Zusammenhängen, vor allem in politischen Diskussionen, immer häufiger als eine Art Kampfbegriff verwendet wird, wo es darum geht, das Engagement bestimmter Gruppen zum Beispiel für nationale Ziele zu kennzeichnen (»identitäre Bewegung, die Identitären«, etwas, das es im Duden nicht gibt, aber zunehmend in den Medien).
Im Folgenden diskutiere ich aktuelle und historische Aspekte des psychotherapeutischen Identitätsbegriffs, wobei ich der besseren Kenntnis wegen den Akzent auf die psychodynamischen Psychotherapien legen werde. Die zentrale Frage wird sein, ob sich viele unterschiedliche psychotherapeutische Identitäten unterscheiden lassen oder ob das Wesen der Psychotherapie in einer gemeinsamen psychotherapeutischen Identität gefasst werden kann.
