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»Es wird vorübergehen, alles hört irgendwann auf, es wird ein Jahr geben, einen Tag, einen Augenblick: Der Diktator von gestern, einsam in einer Leichenhalle, jetzt nur noch ein toter alter Mann.« Diese Zeilen der Punkband Pornofilmy sprechen vielen russischen Aktivist*innen und Künstler*innen aus der Seele. Mit tiefer Ablehnung blicken sie auf die Politik ihres Landes, verurteilen den Angriffskrieg auf die Ukraine und kritisieren die Herabsetzung von Kultur zum Propaganda-Instrument. Sie wünschen sich ein anderes Russland, eines ohne Putin. Mit ihrer Kunst, Musik und Literatur stellen sie sich gegen den nationalistischen und queerfeindlichen Mainstream. Statt patriotischer Kunst machen sie Gegenkultur – Punk statt Putin. Norma Schneider führt in die Ideologie des Putin-Regimes ein, stellt die offizielle Kulturpolitik in Russland vor, beschreibt den Umgang des Staates mit oppositioneller Kunst zwischen Repressionen und Versuchen der Vereinnahmung. Demgegenüber steht ein lebendiges Porträt der russischen Gegenkultur, in dem die Underground-Szene, Anti-Kriegs-Lieder und queere Literatur genauso Platz finden wie feministische Selbstorganisation, Putin-Memes und künstlerischer Protest im öffentlichen Raum. »Punk statt Putin« zeigt die Entwicklung der russischen Gegenkultur unter Putin – und wie sie sich seit Beginn des Angriffskrieges verändert hat.
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Seitenzahl: 237
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Norma Schneider
Gegenkultur in Russland
Norma Schneider, geboren 1988, studierte Philosophie, Soziologie und Germanistik. Sie lebt als freie Journalistin, Autorin und Lektorin in Frankfurt am Main. Als Pussy Riot 2012 vor Gericht standen, begann sie, sich für Punk und Protest in Russland zu interessieren. Seitdem hat sie sich intensiv mit verschiedenen Formen russischer Gegenkultur beschäftigt – und mit der Ideologie des Putin-Regimes. Sie schreibt Literaturkritiken und Artikel über Kultur, Protest und die LGBTQ-Community in Osteuropa und dem postsowjetischen Raum, u. a. für taz, nd.Aktuell, FAZ und Jungle World.
Gefördert von:
Gefördert von:© Ventil Verlag UG (haftungsbeschränkt) & Co. KG, Mainz, 2023
Abdruck, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Erlaubnis des Verlags. Alle Rechte vorbehalten.
In Kooperation mit Tapete Records
ISBN print 978-3-95575-202-6
ISBN epub 978-3-95575-628-4
Lektorat: Jonas Engelmann
Covergestaltung: Oliver Schmitt
Ventil Verlag, Boppstr. 25, 55118 Mainz
www.ventil-verlag.de
Einleitung
Teil IDer Mainstream: Wogegen ist die Gegenkultur?
Elemente der staatlichen Ideologie
Die Mainstream-Kultur und ihre ideologische Funktion
Gegenkultur – Annäherungen an einen Begriff
(Möglichkeits-)Räume
Themen und Merkmale
Rechte Gegenkultur
Der Krieg ändert alles
Die Rolle des Staates – Repression und Aneignung
Willkür
Verschleierte Repressionen, schwammige Gesetze und der rechte Mob
Aneignung und Vereinnahmung
Verschärfung der Situation seit Beginn des Angriffskrieges
Teil IIMusik: Von Subkultur, viralen Hits und Liedern gegen den Krieg
Eine kurze Reise in die Punk- und Antifaszene mit freundlicher Unterstützung von Moscow Death Brigade
Ernster als ihr Name: die Punkband Pornofilmy
Zwischen Musik und Aktivismus: feministische Punkbands
Russland als Horrormärchen: IC3PEAK
Queere Musik im Exil: Bogolepov
Protestmusik seit dem 24. Februar – eine Playlist gegen den Krieg
Literatur: Von Dystopien, queeren Bestsellern und Lyrik auf Telegram
Literaturbetrieb und Underground – Räume für kritische Literatur
Zerstörung der Idylle: Vladimir Sorokin
Tatarische Identität und dekoloniales Schreiben: Dinara Rasuleva
Poesie und Anarchismus: Pasha Nikulin
Oppositionelle Literatur in deutscher Übersetzung – eine Leseliste
Gegenkultur online
Memes
Protestperformances im öffentlichen Raum
No Future? Wie es weitergehen könnte
Literatur
Dank
Russland ähnelt einer verfaulten Kugel, einem hässlichen Klumpen mit einer Schicht Blattgold drumherum, im Inneren aber ist alles vollgestopft mit Abfall, mit Trash-Food, Trash-Ideologie und Trash-Kultur, mit Bruchstücken von Religion, Bruchstücken von sowjetischem Kitsch, Bruchstücken eines toten Imperiums.
– Kirill Medwedew
Mein Russland sitzt im Knast
Aber glaub mir,
Das geht vorbei!
Was für ein dunkles Jahrhundert das ist
Ich stelle mir vor, dass in der Ferne
Ein vergessenes Licht der Hoffnung scheint, glaub mir nur,
Es wird ganz sicher vorbeigehen
Alles wird vorübergehen, alles hört irgendwann auf,
Es wird ein Jahr geben, einen Tag, einen Augenblick
Der Diktator von gestern einsam in einer Leichenhalle
Jetzt nur noch ein toter alter Mann
– Pornofilmy
Am 16. März 2022 wurde das Theater der ukrainischen Hafenstadt Mariupol, in dem Hunderte Menschen Schutz gesucht hatten, von russischen Bomben getroffen. Bis zu 600 Zivilist*innen, darunter viele Kinder, sollen bei dem Angriff gestorben sein. Monate später haben die russischen Besatzer*innen die Ruinen des Theaters hinter einem Gerüst versteckt und darüber eine bedruckte Plane gespannt, auf der mit Porträts und Zitaten berühmter Schriftsteller der klassischen russischen Literatur gehuldigt wird.
Ein treffenderes Bild dürfte sich kaum finden lassen für die ideologische Rolle, die Kultur für den russischen Staat spielt: Sie verdeckt buchstäblich die Gewalt des Regimes mit schönen Formulierungen und großen Namen. Kunst und Literatur sind für die Regierung Putin ein politisches Instrument.
Es verwundert also nicht, dass seit dem Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine im Februar 2022 viele kritische Beiträge über die Rolle der russischen Kultur geschrieben wurden. Ukrainische Intellektuelle wie Oksana Sabuschko, aber auch einige russische Oppositionelle, sehen in der russischen Kultur eine Wegbereiterin des Krieges, bezeichnen sie als die ideologische Kehrseite des imperialistischen Krieges, lesen die russischen Literaturklassiker als Verherrlichung von Gewalt und Unterdrückung. Ukrainer*innen riefen zum Boykott russischer Kulturerzeugnisse auf und forderten, sich stattdessen endlich der ukrainischen Kultur zuzuwenden, für die man sich bisher in Westeuropa wenig interessiert hat. Der Moskauer Künstler Danila Tkachenko sagte in einem Interview mit Radio Svoboda auf die Frage, ob er es richtig fände, dass russische Kultur »gecancelt« werde: »Das große Problem ist, dass die russische Kultur zu einer vollkommen konformistischen Kultur geworden ist. Eigentlich ist das ihr Ende. […] Ich denke, dass das Letzte, worüber man sich jetzt Sorgen machen muss, die russische Kultur ist. Das Konzept der ›russischen Kultur‹ ist imperial in seinem Kern.«
So wichtig diese Kritik am Konformismus und an der ideologischen Funktion der russischen Kultur ist, sie lässt außer Acht, dass es »die« russische Kultur nicht gibt. Kunst, Musik und Literatur aus Russland auf das zu reduzieren, was der russische Staat unter Kultur versteht und was ihm zur Rechtfertigung seiner Politik und zur Verschleierung seiner Gewalt dient, würde bedeuten, die vielen russischen Kulturschaffenden und Künstler*innen zu ignorieren, die sich klar gegen das Regime und den Krieg positionieren. Ihre Kunst ist nicht Konformismus, sondern Mittel zum Protest. Danila Tkachenko gehört selbst zu diesen oppositionellen Künstler*innen, die eine andere Form der russischen Kultur repräsentieren: Zum Tag des Sieges am 9. Mai 2022 hatte er eine künstlerische Intervention in Moskau geplant. Blaue und gelbe Rauchbomben sollten die Militärparade in die Farben der ukrainischen Flagge hüllen. Die Aktion, die in letzter Minute vom Inlandsgeheimdienst FSB verhindert wurde, ist nur eines von unzähligen Beispielen dafür, dass dem konformistischen Mainstream der russischen Kultur kritische, oppositionelle Formen von Kultur gegenüberstehen – Gegenkultur.
Es ist ohne Zweifel überfällig, auch hierzulande russische Kultur kritischer zu betrachten, genauer hinzusehen und zu analysieren, ob Künstler*innen – die Klassiker genauso wie die aktuellen – in ihren Werken autoritäre und imperialistische Ideologie reproduzieren, die dem Putin-Regime zur Rechtfertigung seiner Taten dient. Dazu gehört auch, Literatur und Kunst aus Russland nicht mehr bloß mit naiver Bewunderung zu begegnen, sondern zu verstehen, dass die Erzählung von der »großen« russischen Kultur dem Staat als Soft Power dient, mit der er sein Image im Ausland aufbügeln will: Wer uns Schwanensee und Anna Karenina geschenkt hat, kann so böse nicht sein. Aber gleichzeitig wäre es fatal, gegenwärtige russische Kultur auf diese Rolle zu reduzieren und anzunehmen, sie sei stets nur regierungstreu oder zumindest unpolitisch.
Die Geschichte der russischen Kultur ist auch eine Geschichte der Opposition und der politischen Verfolgung. Viele der bekanntesten russischsprachigen Schriftsteller*innen und Künstler*innen waren in Gefangenschaft oder im Exil, ihre Werke wurden verboten. Dazu gehören Klassiker wie Dostojewski und Tolstoi genauso wie viele Autor*innen aus der Zeit der Sowjetunion, zum Beispiel Anna Achmatowa oder Boris Pasternak. Das macht deutlich, dass es – heute genauso wie im Verlauf der russischen Geschichte – unterschiedliche Arten gab und gibt, wie Kultur auf die politische Wirklichkeit reagiert. Ein nicht unerheblicher Teil der russischen Kultur stellt sich seit Jahren gegen die staatliche Politik und Ideologie in Russland, lässt sich nicht instrumentalisieren und schreibt gegen einen konservativen, nationalistischen, imperialistischen Mainstream an, analysiert diesen, stellt ihn bloß – und trägt damit dazu bei, zu verstehen, wie es so weit kommen konnte.
Von diesem Teil der russischen Kultur, der die Gewalt des Staates nicht verschleiert, sondern aufdeckt, handelt dieses Buch. Von einer Gegenkultur, von Künstler*innen, die sich als Gegner*innen des Putin-Regimes sehen, die in ihrer Musik, ihren Gedichten, ihren Memes oder ihren Performances Protest gegen das Regime ausdrücken oder zumindest etwas formulieren, das im Widerspruch zur staatlichen Ideologie steht. Der Begriff Gegenkultur ist dabei in einem weiten Sinne zu verstehen: Gemeint sind damit die verschiedensten künstlerischen Formen, die sich gegen den Mainstream und gegen das von staatlicher Seite politisch Gewollte richten, es kritisieren oder zumindest herausfordern. Deswegen kommen in diesem Buch sowohl die Punk- und Undergroundszene als auch etablierte Schriftsteller*innen vor. Und alles dazwischen.
Ich habe die Arbeit an diesem Buch lange vor dem 24. Februar 2022 begonnen. Es werden deshalb zwei sehr unterschiedliche Welten darin vorkommen: Auf der einen Seite der autoritäre Staat, der sich seit dem Jahr 2000 unter Putin herausbildete und der zwar in den letzten Jahren zunehmend repressiver wurde, in dem aber gleichzeitig immer Spielräume vorhanden waren – und oppositionelle Künstler*innen und Aktivist*innen, die diese genutzt haben. Und auf der anderen Seite die Diktatur, die seit Beginn des Angriffskrieges in Russland entsteht und die ihren Gegner*innen nur noch die Wahl lässt zwischen Exil, Schweigen und Gefängnis. Ich habe versucht, beide Welten zu zeigen und zu beschreiben, welche Möglichkeiten die Gegenkultur in Russland in den letzten Jahren hatte, welche sie seit Beginn des Angriffskrieges 2022 noch hat – und welche sie in Zukunft vielleicht noch haben wird.
Dabei geht es aber nicht nur um Repressionen. In den westlichen Medien hört man meistens nur dann von russischer Gegenkultur, wenn jemand dafür ins Gefängnis kommt. Das möchte ich ändern. Über Repressionen zu schreiben ist wichtig. Sie sind auch in diesem Buch an vielen Stellen Thema. Gleichzeitig soll die Repression nicht im Vordergrund stehen. Sondern die vielen interessanten und herausfordernden Formen und Inhalte, die oppositionelle Künstler*innen in Russland erzeugen, und ihr kreativer Umgang mit einer Lage, die ziemlich verzweifelt ist.
Als ich begann, mich für das Thema zu interessieren, war ich sehr überrascht, wie wenig es darüber zu lesen gab. Über Pussy Riot wurde breit berichtet, aber das war es dann auch schon. Ich wollte mehr wissen. Ich wollte verstehen, was es bedeutet, politische Kunst zu machen in einem Land, in dem Menschen für mehrere Jahre ins Straflager gesperrt werden, weil sie einen Punksong in einer Kirche gesungen haben. Welche Themen die Künstler*innen umtreiben, welche Formen ihre Kunst annimmt, welche Möglichkeiten sie haben oder nicht haben, wie sie sich vor staatlichen Repressionen schützen. Ob sie mit ihrer Kunst etwas verändern, das Regime und seine Anhänger*innen herausfordern wollen – oder ob es ihnen mehr darum geht, Räume zu schaffen, in denen sie sich frei ausdrücken können, unter Gleichgesinnten. Ich habe mich immer tiefer in die russische Gegenkultur eingegraben, vor allem in die Musik und die Literatur, und habe angefangen, Russisch zu lernen. Ich entdeckte immer mehr, das mich interessierte und überraschte, und aus meiner Neugier wurde eine journalistische Recherche.
Dieses Buch ist das Ergebnis. Es ist mein Blick auf die russische Gegenkultur, und mir ist klar: Es ist ein äußerst begrenzter Blick. Er ist geprägt von persönlichen Vorlieben für bestimmte Kunstformen und Stile, und davon, dass ich von außen, aus dem westeuropäischen Kontext, auf Russland blicke. Ich war zwar einige Male in Russland, habe Künstler*innen und Expert*innen von dort interviewt, aber ich habe nicht intensiv vor Ort zu diesem Thema recherchiert. Den Plan dafür gab es, aber es kamen erst die Pandemie und dann der Krieg dazwischen. Das bedeutet, dass die Beispiele, die ich im Buch vorstelle, vor allem solche sind, die auch »von außen«, also vor allem mittels Internetrecherche, zugänglich sind. Mir ist also mit Sicherheit vieles verborgen geblieben. Denn ein großer Teil der Gegenkultur findet auf lokaler Ebene statt und erregt keine mediale Aufmerksamkeit. Aber ich habe mich bemüht, nicht nur über diejenigen zu schreiben, über die ohnehin häufig in den westlichen Medien berichtet wird – zum Beispiel, weil sie dem westlichen Bild eines typischen russischen Oppositionellen entsprechen oder weil sie von besonders harten Repressionen betroffen sind.
Im ersten Teil des Buches geht es vor allem um den Kontext, in dem sich die russische Gegenkultur bewegt. Ich werfe einen Blick auf die staatliche Ideologie und Kulturpolitik und damit auf den politischen und kulturellen Mainstream, gegen den sich die Gegenkultur richtet. Darauf folgen einige allgemeine Gedanken zur oppositionellen Kunst in Russland: Über ihre Möglichkeiten, ihre Themen und Merkmale, über das Phänomen der rechten Gegenkultur und darüber, welche Rolle der Krieg gegen die Ukraine als Thema spielt. Abgeschlossen wird dieser Teil mit einer Betrachtung der Rolle des Staates. Es geht dabei vor allem um Repressionen und Versuche, oppositionelle Künstler*innen zum Schweigen zu bringen, aber auch um Aneignung und Vereinnahmung.
Im zweiten Teil wird es dann konkreter. Ich schreibe über verschiedene Formen von Gegenkultur und stelle einzelne Künstler*innen genauer vor. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Musik und Literatur. Es geht unter anderem um die Punkszene, um Lieder gegen den Krieg, um Underground-Literatur und das, was innerhalb des Literaturbetriebs noch möglich ist. Die Künstler*innen, die ich für diese Kapitel interviewt habe, sprechen über Perspektivlosigkeit und Protest, über Exil und den Willen, trotz allem in Russland zu bleiben, über queere Kunst und den Kampf mit der eigenen Identität. Anschließend werfe ich in zwei kürzeren Kapiteln noch einen Blick auf die Rolle des Internets für die Gegenkultur, wobei ich mir vor allem politische Memes genauer anschaue, und auf eine Form von künstlerischem Protest, die in Zeiten, in denen weder Demonstrationen noch klare Anti-Kriegs-Botschaften mehr erlaubt sind, eine besonders wichtige Rolle spielt: Stumme Protestperformances im öffentlichen Raum.
Viele wichtige Kunstformen habe ich nicht berücksichtigt. Weder schreibe ich ausführlich über bildende Kunst noch über Film oder Theater. Das Bild von der russischen Gegenkultur, das ich in diesem Buch entwerfe, ist kein umfassendes. Ich habe Beispiele gewählt, die man ebenso gut durch andere Beispiele ersetzen könnte, von denen ich aber hoffe, dass sie einen Eindruck vermitteln können von der Vielfalt der russischen Gegenkultur, von dem, was die einzelnen Künstler*innen verbindet, und von dem, was sie trennt.
Dabei kann es sich allerdings nur um eine Momentaufnahme handeln, die Lage in Russland ist alles andere als stabil, es passieren ständig weitere unfassbare Dinge, mit denen man vielleicht hätte rechnen müssen, aber von denen man doch gehofft hatte, sie träten nicht ein. Als die ersten Textteile für dieses Buch entstanden, hatte ich weder mit der Eskalation des Krieges in der Ukraine zur großangelegten Invasion gerechnet noch damit, dass der russische Staat so weit gehen würde, sämtliche queeren Inhalte zu verbieten. Was noch alles passieren kann in der Zeit zwischen Fertigstellung und Druck dieses Buches, will ich mir gar nicht ausmalen. Sobald es erscheint, wird es also schon veraltet sein. Aber ich bin sicher, dass ich trotzdem einige wichtige allgemeine Tendenzen aufzeige, die weiter relevant bleiben. Ich hoffe, dass dieses Buch erst der Anfang ist für viele Bücher, die in Zukunft zu diesem Thema geschrieben werden – denn bisher sind es sehr wenige. Vor allem hoffe ich aber, dass es neugierig macht und mehr Menschen dazu bringt, sich mit oppositionellen russischen Künstler*innen zu beschäftigen, ihre Musik zu hören und ihre Bücher zu lesen. Sie können unsere Unterstützung gebrauchen und es lohnt sich, ihnen zuzuhören.
Frankfurt am Main im November 2022
WOGEGEN IST DIE GEGENKULTUR?
Um zu verstehen, wie die Gegenkultur in Russland funktioniert, in welcher Situation sich kritische Künstler*innen, Musiker*innen und Autor*innen befinden und inwiefern sich ihre Kunst gegen den Mainstream richtet, ist es wichtig, zu verstehen, was diesen Mainstream ausmacht. Wie sieht die »offizielle« Kultur in Russland aus, das, was der Regierung genehm ist? Welche Ideologie steckt dahinter und wie wird durch sie der Umgang mit Kunst, Musik und Literatur in der russischen Gesellschaft beeinflusst?
Dass die Ideologie des Putin-Regimes von einem aggressiven Nationalismus, imperialem Denken und einer Abwertung des »Westens« als Synonym für Demokratie, Liberalismus und Diversität gekennzeichnet ist, ist seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine überdeutlich sichtbar geworden. Doch wenn man auf die Entwicklungen in Russland während der letzten zehn, fünfzehn Jahre zurückschaut, erscheint die aktuelle Eskalation nur als die Zuspitzung einer Tendenz, die sich schon länger deutlich abzeichnete. Und zwar nicht nur in Form von politischen Entscheidungen, sondern auch in der Herausbildung einer staatlichen Ideologie, einer künstlich erzeugten nationalen Identität, die über Bildung, Medien und Kultur fest in den Köpfen der Bürger*innen verankert werden soll.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion war in Russland ein ideologisches Vakuum entstanden: Die sowjetischen Werte galten nicht mehr, aber auch die neuen Werte der kapitalistischen Freiheit hielten nicht, was sie versprachen. In den neunziger Jahren, die heute auch als »die wilden Neunziger« bezeichnet werden, war das Leben in Russland von Unsicherheit geprägt. Gewalt, Kriminalität, Drogen und Armut gehörten für viele Menschen zum Alltag, während einige wenige es schafften, im aggressiven neuen Kapitalismus sehr schnell sehr reich zu werden. Die Reformen der Regierung Jelzin konnten wenig gegen die Instabilität ausrichten. Das ließ in der Bevölkerung den Wunsch nach Stabilität entstehen und machte die Bürger*innen empfänglich für klare Werte wie Nation, Familie und Kirche. Religiöse Sekten und nationalistische Gruppen hatten starken Zulauf. Gleichzeitig waren eine sichtbare Zivilgesellschaft und Meinungspluralität vorhanden. Es gab noch keine repressive staatliche Ideologie, die die Richtung vorgab.
Das änderte sich mit dem Beginn der 2000er Jahre und der Wahl von Wladimir Putin als Nachfolger Jelzins. Präsident Jelzin hatte in seiner Neujahrsansprache zur Jahrtausendwende seinen Rücktritt verkündet und Putin, der zu dieser Zeit Ministerpräsident war, übernahm kommissarisch die Amtsgeschäfte. Aus den Präsidentschaftswahlen im März 2000 ging Putin dann im ersten Wahlgang als Sieger hervor. Putin galt von Anfang an als Hardliner, der durchgreift und für Ordnung sorgt. Sein Amtsantritt fiel in unsichere Zeiten: Anschläge und Geiselnahmen, für die tschetschenische Terroristen verantwortlich gemacht wurden, erschütterten das Land. Es trug enorm zu Putins Popularität bei, dass er sich als Kämpfer gegen den Terrorismus in Szene setzte, indem er Militäreinsätze in Tschetschenien befahl.
In seinen ersten Amtszeiten trieb Putin die Zentralisierung der politischen Macht voran und unter seiner Regierung begann sich eine neue konservativ-autoritäre Ideologie herauszubilden, die schließlich zur offiziellen staatlichen Doktrin wurde. Patriotischer Unterricht in den Schulen und regierungsnahe Jugendorganisationen sollten dabei helfen, ein neues nationales Bewusstsein zu schaffen. Das Jahr 2012 kann als ein Wendepunkt betrachtet werden. Putin kehrte ins Präsidentenamt zurück, nachdem eine Amtszeit lang Dmitri Medwedew seinen Platz eingenommen hatte, weil die Verfassung nur zwei aufeinanderfolgende Amtszeiten zulässt. So gab Putin seiner dritten Amtszeit zwar den Anschein von Verfassungsmäßigkeit, machte aber gleichzeitig deutlich, dass er nicht vorhatte, die demokratischen Strukturen zu achten.
Das System wurde autoritärer und repressiver und machte einen großen Schritt nach rechts. Die ideologische Einflussnahme durch den Staat wuchs und eine offizielle Erzählung entstand, wie die Geschichte und Gegenwart Russlands zu verstehen seien. In dieser Erzählung ist der Sieg über den Faschismus der zentrale historische Bezugspunkt, wovon ausgehend allerdings ein Bild von Russland als einer Großmacht mit militärischer wie kultureller Überlegenheit entsteht, die in der Gegenwart zum heroischen Verteidiger traditioneller Werte geworden ist, die vom »Westen« verraten werden. Diese Regierungsversion der Wirklichkeit fand ihren Ausdruck in repressiven Gesetzen wie dem gegen die Verbreitung »homosexueller Propaganda« und einer Stärkung des Konservatismus und Nationalismus in den Medien und dem offiziellen Verständnis von Kultur. Der nationalistische Ideologe Wladimir Medinski wurde zum Kulturminister ernannt, womit der Phase einer vergleichsweise liberalen Haltung des Staates zur Kultur, die Raum für experimentelle Formen ließ und die Förderung kontroverser Projekte ermöglichte, ein Ende bereitet wurde. Kultur hatte von nun an der nationalen Identitätsbildung und der Vermittlung konservativer Werte zu dienen.
Mit der Annexion der Krim im Jahr 2014, die von vielen Bürger*innen begrüßt wurde, verschärfte sich die Lage weiter. Es entstand eine patriotisch aufgeladene Atmosphäre, die mit der neuen Ideologie von der großen russischen Geschichte, Tradition und Kultur unterfüttert wurde. Es ist nicht leicht, diese staatliche Ideologie, die den politischen und kulturellen Mainstream im heutigen Russland ausmacht, zu beschreiben. Das liegt daran, dass es »eher die Imitation einer Ideologie ist als eine echte Ideologie«, wie die Politikwissenschaftlerin Lena Jonson schreibt. Oder eine »Trash-Ideologie«, wie der antifaschistische Dichter und Essayist Kirill Medwedew es ausdrückt.
Sie ist zusammengesetzt aus ideologischen Bruchstücken, die sich nur deshalb nicht gegenseitig ausschließen, weil sie aus ihrem Kontext herausgelöst wurden. So konnten die sowjetische Vergangenheit und die orthodoxe Kirche, die historisch im Widerspruch zueinander stehen, zur Grundlage des neuen nationalen Selbstverständnisses werden: Diese Strategie geht auf, weil es gar nicht um die tatsächliche Sowjetunion oder sozialistische Ideale geht, sondern um das Gefühl der nationalen Größe und Überlegenheit und um den Kollektivismus. Es geht auch nicht um Gott oder die Bibel, es geht um konservative Identität und klare Vorgaben dafür, was »normal« und »natürlich« ist.
Die Journalistin Irina Rastorgueva schreibt in ihrem Buch Das Russlandsimulakrum, dass »das Schlimmste an dieser neuen Ideologie ist, dass sie keine Idee hat, sie bleibt leere Rhetorik, die versucht, aus nichts etwas zu machen«. Der Konservatismus dieser Ideologie hat keine tatsächliche Tradition, auf die er sich beruft. Stattdessen entsteht aus den zusammengewürfelten Bruchstücken eine fiktive Tradition, die keine Basis in der Geschichte hat, sondern sich aus ihr herauspickt, was nützlich ist. Der Literaturwissenschaftler Ilya Kalinin drückt es folgendermaßen aus: »Anstelle der ›organischen Formen‹ des Konservatismus der Vergangenheit haben wir es mit ›genetisch veränderten Produkten‹ zu tun, die in den Laboren der Kulturpolitik gezüchtet werden.«
Die so künstlich hergestellte konservative Ideologie ist inhaltlich entleert, aber sie erfüllt dennoch die Funktion, für Zusammenhalt und Stabilität in der Gesellschaft zu sorgen, die Bürger*innen im Namen der großen, starken Nation gegen die inneren und äußeren Feinde zu vereinen. Die Substanzlosigkeit der Ideologie, die bloß über Schlagworte funktioniert, und ihre gleichzeitig sehr gut funktionierende Bindungskraft wird bei den gegenwärtigen Rechtfertigungen für die Invasion der Ukraine überdeutlich: Vonseiten der Regierung wird die Lüge verbreitet, »gegen Nazis« zu kämpfen. Eine Behauptung, die nichts mit der Realität zu tun hat, aber zum Schlagwort »Sieg über die Nazis im Großen Vaterländischen Krieg« (wie der Zweite Weltkrieg in Russlands patriotischer Deutung heißt) passt. Außerdem wird im Krieg gegen die Ukraine bzw. der »Spezialoperation«, so die euphemistische offizielle Bezeichnung, laut staatlicher Propaganda »für die Wahrheit« gekämpft. Ein Schlagwort, das gut klingt und sogar funktioniert, wenn es von einer Regierung verwendet wird, die das Lügen wie kaum eine andere perfektioniert hat. Wer steht schließlich nicht gerne auf der Seite der Wahrheit?
So ist es am Ende eben doch etwas Reales, das diese künstliche, fiktive Ideologie schafft: Nämlich eine Rechtfertigung von Gewalt – sei es die Gewalt eines imperialen Angriffskrieges auf der Basis fiktiver, verdrehter Darstellungen von Geschichte und Gegenwart, sei es die Gewalt der Ausgrenzung derjenigen, die nicht dem fiktiven Bild von »normaler«, »traditioneller« Lebensweise entsprechen. Denn auch wenn diese Ideologie keine Substanz hat, einen Inhalt hat sie sehr wohl.
Laut Lena Jonson enthält der neue russische Konservatismus zum einen Motive aus der europäischen konservativen Tradition: der »Glaube an die Idee der Nation« und »an den starken Führer, der den Staat und ein geeintes Volk verkörpert«. Staatliche Souveränität wird in diesem Verständnis höher gewertet als universelle Rechte. Zum anderen finden sich Komponenten, die an den italienischen und deutschen Faschismus sowie an »gegenwärtige ›neue rechte‹ Bewegungen in Europa« erinnern.
Kategorien wie »Nation« und »Nationalcharakter« spielen eine entscheidende Rolle in der staatlichen Ideologie – letztlich ist die Bestimmung dieser Begriffe und damit verbunden die Schaffung und Aufrechterhaltung einer nationalen Identität und eines starken Patriotismus in der Bevölkerung ihr Ziel. Interessant ist, dass die staatliche Ideologie gleichzeitig betont, dass Russland ein Vielvölkerstaat ist, in dem nicht nur ethnische Russ*innen, sondern Angehörige vieler verschiedener Volksgruppen leben. Diese werden aber nicht als gleichberechtigt angesehen, sondern das Russische hat Vorrang, wie der Titel eines Artikels von Putin aus dem Jahr 2012 zeigt: »Die Selbstbestimmung des russischen Volkes: Eine Vielvölkerzivilisation mit russischem Kern«. So wird die Anerkennung der Pluralität bloß zu einem Mittel, um den »russischen Kern« in seiner Einheit zu stärken. Denn so kann sich jede*r als Teil von etwas Großem fühlen – und wer Teil von etwas Großem ist, überlegt es sich vielleicht zweimal, separatistische Anstrengungen zu unternehmen.
Ein Konzept, mit dem versucht wird, einen Begriff des Russischen zu schaffen, der mehr als ethnische Russ*innen meint und gleichzeitig keinen Zweifel lässt an der russischen Überlegenheit, ist die sogenannte »Russki Mir«, die »Russische Welt«. Dabei geht es aber weniger um verschiedene Volksgruppen innerhalb Russlands als darum, anderen slawischen Völkern ihre eigene kulturelle Identität abzusprechen und sie zu einem Teil ebenjener »russischen Welt« zu erklären. Putin definierte den Begriff im Jahr 2006 folgendermaßen: »Die russische Welt kann und muss alle vereinen, denen das russische Wort und die russische Kultur teuer sind, wo immer sie auch leben, in Russland oder außerhalb. Verwenden Sie diesen Ausdruck so oft wie möglich – Russische Welt.«
Das Konzept, so der Slawist Ulrich Schmid, »betont die soziale Bindungskraft der russischen Sprache und Literatur, der russischen Orthodoxie und eine gemeinsame ostslawische Identität«. Die »russische Welt« ist größer als die Russische Föderation – und damit ein Instrument, um imperiale Ansprüche zu formulieren.
Worin genau aber das nationale Selbstverständnis besteht, ist schwer zu sagen, wenn so viele unterschiedliche Bruchstücke von Ideologie und Identität kontextlos zusammengeworfen werden. Deshalb definiert sich die russische nationale Identität inhaltlich vor allem negativ – über die Bestimmung von inneren und äußeren Feinden, wie Lena Jonson schreibt. Von Feinden kann man sich abgrenzen und ihre (tatsächliche oder bloß vorgestellte) Existenz vermittelt das Gefühl von Zusammenhalt, aber auch von Überlegenheit und Stärke, denn dass Feinde sich für Russland interessieren, bedeutet in dieser Logik, dass es dort etwas von Wert zu holen gibt oder das Land von anderen als Bedrohung wahrgenommen wird. Feinde lenken von inneren Missständen ab und dienen als Sündenbock für Probleme. So sind an der niedrigen Lebensqualität in Russland laut staatlichen Medien vor allem die westlichen Sanktionen schuld. Oder wie Rastorgueva es formuliert: »Es ist albern, sich über hohe Preise zu beschweren, wenn es überall Feinde gibt und man das Mutterland retten muss.«
Der Lieblingsfeind der russischen Regierung ist der Westen. Er steht für eine abzulehnende alternative Ordnung, »die durch die Symbole und Werte der Demokratie, des Liberalismus und der Rechtsstaatlichkeit repräsentiert wird«, wie Jonson schreibt. Dort ist laut der offiziellen Propaganda alles viel schlimmer als in Russland. Um diese Behauptung zu untermauern, werden entweder Horrorgeschichten erfunden (etwa dass in Europa Sex mit Kindern und mit Tieren legal sei) oder die Technik des »Whataboutism« verwendet: Immer wenn ein Missstand in Russland zur Sprache kommt, wird auf diesen mit dem Hinweis auf einen angeblich viel größeren Missstand im Westen geantwortet. So kontert die russische Propaganda, wenn Einschränkungen von Rede- und Pressefreiheit in Russland thematisiert werden, mit der Behauptung, dass es doch gerade der Westen sei, wo man nichts mehr sagen dürfe, wo die Cancel Culture dominiere und man Angst haben müsse, »traditionelle« Standpunkte einzunehmen. In Russland dagegen herrsche selbstverständlich Redefreiheit, das sei sogar in der Verfassung garantiert.
Bei der Ablehnung und Abwertung des Westens dienen nicht mehr nur die USA als klassisches Feindbild. In den letzten Jahren ist auch eine wachsende Abgrenzung von Europa zu beobachten, das gerne auch mal »Gayropa« genannt wird – und so albern dieser Begriff klingen mag, er fasst das Feindbild gut zusammen: Ein Europa, das sich von vermeintlichen Minderheiten dominieren lässt, das von Schwulen und Migrant*innen vom rechten Weg abgebracht wird. Im offiziellen Regierungsdokument Grundlagen der staatlichen Kulturpolitik von 2014 wird Putin dazu folgendermaßen zitiert:
»Wir sehen, dass viele euro-atlantische Länder ihre Wurzeln, einschließlich der christlichen Werte, die die Grundlage der westlichen Zivilisation bilden, aufgegeben haben. Moralische Grundsätze und jede traditionelle Identität – national, kulturell, religiös oder auch sexuell – werden verleugnet. Es wird eine Politik verfolgt, die großeFamilien mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften gleichsetzt und den Glauben an Gott mit dem Glauben an Satan. […] Und sie versuchen, dieses Modell aggressiv allen Menschen, der ganzen Welt, aufzuzwingen. Ich bin überzeugt, dass dies auf direktem Weg zu Degradierung und Primitivierung führt, zu einer tiefgreifenden demografischen und moralischen Krise.«
Das heutige Russland definiert sich sehr stark darüber, dass es sich als Verteidiger der sogenannten traditionellen Werte inszeniert, die von allen anderen, und zwar vor allem von Europa, verraten werden. Es ist – auch vor dem Hintergrund des imperialistischen Angriffskriegs auf die Ukraine – wichtig zu betonen, dass diese Abgrenzung von Europa vor allem ideologisch und politisch ist und nicht geographischer Natur. Ein Europa, das die »traditionellen Werte« nicht verrät, sondern nach ihnen lebt, gilt als durchaus wünschenswert. Der ehemalige Präsident Dmitri Medwedew sprach im April 2022 bereits von einem zukünftigen »Eurasien von Lissabon bis Wladiwostok«. Die Ideologie des Neo-Eurasismus ist bei der radikalen Rechten in Russland beliebt, sie geht von einem europäisch-asiatischen Reich unter russischer Führung aus.
In den neueren Entwicklungen der staatlichen Ideologie sieht sich Russland also nicht so sehr als Gegenpol zu Europa denn als Verteidiger eines »eigentlichen«, besseren Europas. Nicht die europäischen Werte werden abgelehnt, sondern deren »Verrat« durch Toleranz, die Abkehr vom christlichen Glauben und den Multikulturalismus. Die Aufklärung und der Humanismus zählen demnach wohl nicht zu den europäischen Werten.
Russland als Verteidiger und Bewahrer – das ist ein Bild, das bei vielen gut ankommt. Denn die Verlustangst steckt tief im gesellschaftlichen Bewusstsein, schreibt Ilya Kalinin. Als ein »Komplex des verlorenen Imperiums«, der aus dem Verlust von staatlicher Größe, Macht, Sicherheit, aber auch einer klaren Ideologie und klaren Werten nach dem Ende der Sowjetunion entstanden ist. Wenn also behauptet wird, die »traditionellen Werte« seien in Gefahr, fällt das auf fruchtbaren Boden. »Die Erzeugung dieser Verlustängste wird benutzt, um die Gesellschaft zu mobilisieren, die sich zur Verteidigung des Bedrohten erheben muss. Mit anderen Worten: Die Tradition ist gerade deshalb so wertvoll, weil andere versuchen, sie uns zu rauben«, fasst Kalinin es zusammen.
