Putins Marionetten - Birgit Jennen - E-Book

Putins Marionetten E-Book

Birgit Jennen

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Beschreibung

Wie Netzwerke in Deutschlands Wirtschaft und Sicherheitsdienste jahrzehntelang Politik zugunsten Russlands betrieben haben Nach einem mehr als drei Jahre dauernden Krieg in der Ukraine und einer Wirtschaft, die mit den Folgen daraus ringt, stellt sich die drängende Frage: Warum machte sich Deutschland so abhängig von Russland? Wirtschaftsjournalistin Birgit Jennen deckt in ihrer schonungslosen Analyse erstmals auf, wie tief die deutsch-russischen Verflechtungen tatsächlich reichten. Sie zeigt, wie Konzerne wie Siemens, BASF, VW oder die Deutsche Bank zu stillen Helfern im globalen Machtspiel Wladimir Putins wurden. Dubiose Geldflüsse wie im Fall Wirecard oder strategische Energiepartnerschaften mit Gazprom schufen ein dichtes Geflecht aus Wirtschaft, Politik und Sicherheitsdiensten – Netzwerke, die Russlands Einfluss in Deutschland weit größer machten, als bislang bekannt. Sie ließen Deutschland blind werden für die drohenden Kriegsgefahren in Europa. Putins Marionetten beleuchtet die deutsche Wirtschaftspolitik der letzten dreißig Jahre, die mit den USA wetteiferte und sich dabei Russland zuwandte, bis zum jetzigen Punkt, an dem wir uns auch mit Blick auf autoritäre Staaten wie China fragen sollten, ob nationale Sicherheit und wirtschaftlicher Profit neu gewichtet werden müssen. Das Buch legt die Hintergründe einer tiefen Spaltung zwischen Deutschland und den USA in Wirtschafts- und Sicherheitsfragen offen, benennt einige der zentralen Akteure und entzaubert den Mythos vom »fairen Makler« zwischen Ost und West, den Deutschland so lange gepflegt hat.

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Seitenzahl: 461

Veröffentlichungsjahr: 2025

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BIRGIT JENNEN

PUTINSMARIONETTEN

WIE GEHEIME NETZE IN DERDEUTSCHEN WIRTSCHAFT UNDSICHERHEITSDIENSTEN UNSAN RUSSLAND AUSLIEFERN

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.

Wir freuen uns auf eure Anregungen und [email protected]

Wichtiger HinweisDie im Buch veröffentlichten Empfehlungen wurden von Verfasser und Verlag erarbeitet und geprüft. Der Inhalt dieses Buches beruht ausschließlich auf den persönlichen Erfahrungen des Autors und erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch. Die benutzten Begrifflichkeiten sind wertfrei. Eine Garantie kann dennoch nicht übernommen werden. Ebenso ist die Haftung des Verfassers bzw. des Verlages und seiner Beauftragten für Personen­, Sach­ und Vermögensschäden ausgeschlossen.

Originalausgabe1. Auflage 2025© 2025 Deutscher Wirtschaftsbuch Verlag,Deutscher Wirtschaftsbuch Verlag GmbH, Christoph­Rodt­Straße 11, 86476 Neuburg an der Kammelwww.deutscherwirtschaftsbuchverlag.comAlle Rechte vorbehalten.

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors nicht zulässig. Das gilt gleichermaßen für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Verfilmungen und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Wir behalten uns die Nutzung der Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor. Falls die Publikation Links zu externen Webseiten Dritter enthält, haben wir auf deren Inhalte keinen Einfluss; für diese fremden Inhalte können wir keine Gewähr übernehmen. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung nicht erkennbar.

Auch wenn eine gendergerechte Sprache wünschenswert ist, gibt es aus Sicht des Verlages bisher keine befriedigende, gut lesbare Lösung. Der leichten Lesbarkeit zuliebe haben wir des Öfteren von der Doppelung männlicher und weiblicher Formen Abstand genommen. Selbstverständlich liegt es uns fern, dadurch einen Teil der Bevölkerung zu diskriminieren.

Redaktion: Matthias MichelSatz: Satzwerk Huber, GermeringKorrektorat: Christine RechbergerCover-­ und Umschlaggestaltung: www.b3k­design.de, © 2025 Andrea Schneider & diceindustriesIllustration: picture alliance | CHROMORANGE / BilderboxeBook: ePUBoo.com

ISBN Print: 978­3­69066­081­5ISBN E­Book (PDF): 978­3­69066­083­9ISBN E­Book (EPUB, Mobi): 978­3­69066­082­2

Inhalt

PROLOG

FEHLENDE PUZZLETEILE, HÄSSLICHE KOCHLÖFFEL UND ZU VIELE ZUFÄLLE

KAPITEL 1 – ZUKUNFT IM ZWIESPALT

DER WESTEN GEWINNT DEN KAMPF DER SYSTEME UND VERLIERT DEN ZUSAMMENHALT

Die Jahrtausendwende: Zwischen Finanzkrise im Westen und Neustart im Osten

Spannungsfeld Nr. 1: Sicherheitspolitik

Spannungsfeld Nr. 2: Wirtschaftsspionage

Misstrauen und verschobene Grenzen – Fazit

KAPITEL 2 – KALTER KRIEG AM FINANZMARKT

MÄNNERFREUNDSCHAFTEN UND EINE DEUTSCH-RUSSISCHE ALLIANZ FÜR RUSSISCHES GELD UND BILLIGES GAS

Das Geld, das Gas und die Ex-Geheimdienstler: Der Beginn einer deutsch-russischen Freundschaft

Petersburger Dialog: Russlands Allianz mit der deutschen Wirtschaft

Putins Liebling: Die Deutsche Bank

Kreuzzug gegen Shortseller

Putins Milliardenbrücke in den Finanzmarkt

Im Dickicht der Zuständigkeiten – Fazit

KAPITEL 3 – WIRECARD: GELDWÄSCHE IM GROSSEN STIL?

WIE EIN DUBIOSES UNTERNEHMEN ZUM GLOBAL PLAYER AUFSTEIGEN KONNTE

Eine Gründung mit Systemfehler

Der Einstieg in den US-Markt

Jan Marsalek, ein Putin-Fan, übernimmt das Ruder

Wirecard und die Russland-Experten

Notfalloperation Asien

Wirecard und das BKA

Die Polizei, dein Freund und Daten-Helfer

Versteckte Millionen und tolle Bilanzen

Rote Flaggen

Systemwechsel: Wozu hat man Partner?

Kleine Tranchen, großes Geschäft

Fazit

KAPITEL 4 – GEFANGEN IM EIGENEN NETZ

WIE SICHERHEITS- UND WIRTSCHAFTSMANAGER SICH IN PUTINS PLÄNE VERSTRICKEN LIESSEN

Die vernetzte Sicherheit

Putins Bayern-Connection

Eine neue Industrieachse wird gebaut

Fazit

KAPITEL 5 – WIESO RUSSLAND-SANKTIONEN? DAS GESCHÄFT BRUMMT

WIE DIE DEUTSCHE POLITIK SEIT DER UKRAINE-KRISE 2014 IHRE VERANTWORTUNG AN DIE WIRTSCHAFT ABGAB

Russlands Schulterschluss mit den Missionären der Wirtschaft

Kumpelwirtschaft und ihre Verbände

Der Schein trügt – Aus Gemeinnützigkeit wird eine gemeine Strategie

Nord Stream 2 – Eine Verbindung, die in die Tiefe geht

Ukraine-Krise? Es lebe Russland!

Fazit

KAPITEL 6 – DECKNAME »KOMMERZIENRAT«: BERATEN UND VERKAUFT

IM SCHATTEN DER DIENSTE FÜHRT EINE BRÜCKE VON WIEN NACH MOSKAU

Von Bayern über Wien nach Moskau

Russischer Spion oder Laufbursche zwischen Ost und West?

Vom Berater zum Brückenbauer

Marsalek und der hilfreiche Herr Gutmann

Fazit

KAPITEL 7 – EINE ABENTEUERLICHE AUSLANDSMISSION

WENN ALTGENERÄLE UND BANKER AUSSENPOLITIK BETREIBEN

Spaltpilz: Von Snowden zur Flüchtlingskrise

Jan Marsalek entdeckt Libyen und bastelt an einer Miliz

Gipfeldiplomatie in der Prinzregentenstraße

Fazit

KAPITEL 8 – WER IST DER VIERTE MANN?

ALTE HERREN AUS DEUTSCHLAND, MARSALEK UND EIN NEUER NACHRICHTENDIENST FÜR RUSSLAND-FREUNDE

Eine Giftformel und Deutschlands heißer Draht nach Moskau

Baustelle Wien: Ein Schatten-Geheimdienst der Russlandfreunde?

Österreichs Walzer mit Putin – kein Problem für Deutschland

Baustelle Wien: Die Neuordnung des BVT

Fazit

KAPITEL 9 – DAS ENDE VON WIRECARD

Eine fatale Verbindung von Moskau nach Washington

Ein Offizier, Geld in Plastiktüten und die Hoffnung auf den »Deal«

Das große Geld und ein Faible für Geopolitik

Ein US-Investor und die Wirecard-Connection

Das Kartenhaus wackelt, doch es hält

Wenn ein Spionage-Clown enttarnt werden soll und die Fernsprechanlage zum Feind wird

Auf wen ist Verlass – US-Berater oder Bayern-Connection?

Es läuft wie geschmiert

Es wird »verflucht eng« – aber bis zuletzt am großen Rad gedreht

Ein Ende – mit Schrecken

RESÜMEERUSSLAND UND DEUTSCHLAND:

SYSTEMISCHES VERSAGEN UND EIN BLICK NACH VORN

Danksagung

Anmerkungen

Über die Autorin

Prolog

Fehlende Puzzleteile, hässliche Kochlöffel und zu viele Zufälle

Das Job-Angebot kam überraschend, in jeder Hinsicht. Ich war nicht auf der Suche, und kaum etwas hätte mir ferner gelegen, als für einen russischen Staatsdienst zu arbeiten. RT DE (früher Russia Today) oder jemand, der zumindest vorgab, für das russische Staatsfernsehen zu arbeiten, bot mir unvermittelt eine Stelle an: als Reporterin in Festanstellung. Warum ich? Zum Kreml hatte ich gewiss keinen besonderen Draht, und die Vorstellung, russische Propaganda in Deutschland zu verbreiten, widersprach ungefähr allem, was ich bislang als Journalistin geschrieben hatte. Ich lehnte dankend ab.

Doch es gibt eine Vorgeschichte, und die begann im Bundestag.

Es war während der Corona-Zeit, als die Abgeordneten einen Untersuchungsausschuss einberufen hatten, der die politischen Hintergründe der Pleite des Münchner Zahlungsdienstleisters Wirecard beleuchten sollte. Stundenlang hörte ich mir die Aussagen von Zeugen an, die alle nur gutgläubig gewesen zu sein schienen. Aber je mehr ich hörte, desto weniger klar wurde die Geschichte. Vieles klang glaubwürdig, aber, wie man es auch drehte und wendete, nichts passte zusammen, das Gesamtbild war schräg. Es erschien mir wie ein Puzzle aus verschiedenen Motiven, jedes für sich irgendwie stimmig, in der Zusammenschau aber ein konfuses Durcheinander. Es fehlten die richtigen Verbindungsteile. Dann drehte ich eines der Puzzlestücke einfach mal um – und plötzlich wurde mein eigenes Leben schräg.

Ich hatte von einem Informanten vertraulich ein Papier bekommen, eine Ermittlungsakte aus Österreich. Eine Passage darin stieß mir merkwürdig auf. Ausgerechnet der Eigner jener Sicherheitsfirma, die für die sichere Kommunikation der Bundesregierung verantwortlich war, verkehrte mit den engsten Kreisen des Wirecard-Managers Jan Marsalek, der nach seiner Flucht von Interpol weltweit gesucht und in Russland vermutet wurde. War die Vertraulichkeit von Gesprächen und Verhandlungen der Kanzlerin und ihrer Minister gefährdet?

Dafür, dachte ich, würden sich bestimmt das Bundesinnenministerium und die zuständige Aufsichtsbehörde des Bundesamtes für Informationstechnik (BSI) interessieren. Als der Linken-Abgeordnete Fabio De Masi (heute BSW) bei der Bundesregierung nachfragte, hieß es, dazu lägen keine Erkenntnisse vor und für das BSI sei »ein unbestimmtes Näheverhältnis« zu Marsalek kein Anlass für eine Überprüfung der Geschäftsbeziehungen zur besagten Sicherheitsfirma. Es war Freitagabend, der Untersuchungsausschuss des Bundestages ging zu Ende. De Masi hatte inzwischen Gelegenheit, auch Angela Merkel über das Sicherheitsrisiko zu informieren. In Sachen Kommunikationssicherheit, ließ sie wissen, verlasse sie sich auf die Experten des BSI.

Während sich Bundesregierung und Sicherheitsbehörden in Stillschweigen hüllten, wurde es bei mir plötzlich laut. Eine Geschichte zu den Verbindungen zwischen Marsalek und der Sicherheitsfirma – die erste dazu überhaupt – war gerade auf den Draht gegangen, als bei mir zu Hause beim Hochfahren meines Notebooks plötzlich mit einem Knall das Ladekabel durchbrannte. So etwas kann passieren. Dumm war nur, dass ich in Urlaub fliegen wollte und auf mein Corona-Testergebnis wartete, das auch am nächsten Tag über mein Smartphone nicht mehr auffindbar war und von einem Ordner zum anderen zu wandern schien.

Kurz vor dem Abflug am Montagmorgen vom Flughafen Berlin Brandenburg ging dort plötzlich dann gar nichts mehr. Als ich den Sicherheitsmann vorsichtig fragte, wie lange die Gepäckkontrolle denn noch dauern würde, antwortete er mit starrer Miene, das sei alles sehr ernst, die Polizei ginge einem Sprengstoff-Alarm nach. Das Pärchen vor mir wurde gründlich gefilzt. Kurz zuvor hatte ich mich mit den beiden noch unterhalten und nicht den Eindruck gewonnen, dass sie vorhatten, den neuen Berliner Flughafen in die Luft zu jagen. Nun erklärten sie mir, dass ihre Bluetooth-Kamera allerlei unerwünschte Signale auffange, Sprengstoff hätten sie auf jeden Fall nicht dabei. Irgendwann sah das dann auch die Polizei so.

Kaum auf Menorca angekommen, ging es genau so weiter. Die Autovermietung hatte mir einen nagelneuen Wagen gegeben. Dank Automatikgetriebe und seiner sonstigen Ausstattung war er leicht zu bedienen und tat genau, was er sollte. Doch am nächsten Morgen machte der kleine Ford keinen Mucks mehr.

In Gedanken ging ich die Ereignisse der vergangenen vier Tage seit Veröffentlichung des Artikels durch und fragte mich, wie wahrscheinlich es wäre, dass einem in so kurzer Zeit so viele Dinge widerfuhren? Explodierende Kabel, E-Mails, die sich selbstständig machen, Bluethooth-Kameras, die bei einer Kontrolle Signale auffingen? Und nun das Auto? Alles für sich genommen nicht wild, aber in der Häufung?

Ich ahnte bereits, was die Frau, die sich am Telefon der Autovermietung meldete, mir sagen würde, wenn ich ihr von dem Ford berichten würde, der nicht mehr startet: »Das kann gar nicht sein, der Wagen ist nagelneu und funktioniert einwandfrei.« Ich würde sie wohl kaum überzeugen können, das Auto checken zu lassen, wenn ich ihr nun Geschichten von Angela Merkels Handy erzählen würde, einem untergegangenen deutschen Zahlungsdienstleister und russlandaffinen Geschäftsleuten. Zumal ich mich selbst fragte, ob ich mir das alles nur einbildete. Zufälle gibt es nun mal, bisweilen häufen sie sich, diesmal eben nach der Veröffentlichung eines Artikels über mögliche Sicherheitslücken, die auf Russland hinzuweisen schienen.

Ob das Auto wohl mit Softwaresteuerung ausgestattet sei, fragte ich am Telefon. Die Frau war spürbar genervt. Ich sei die zweite Mieterin, die dieses Auto fahre, eines der neuesten Modelle, auf dem letzten Stand der IT-Technik. Das sollte mich beruhigen, aber in diesem Moment wünschte ich mir ein betagtes Modell, keinen letzten Stand der IT-Technik, einfach nur Schaltgetriebe und Handbremse zum Ziehen. Das schien mir gerade sicherer und zuverlässiger – fälschlicherweise, wie sich später herausstellen sollte.

Zurück in Berlin ließ mich die Wirecard-Geschichte nicht los. Immer mehr Details kamen ans Licht, dubiose Geldtransaktionen und Geschäftsleute mit engen Verbindungen nach Russland. Ich fragte mich, wie es möglich war, dass sich über Jahrzehnte unter den Augen der deutschen Sicherheitsbehörden unbemerkt ein solches Netzwerk hatte entfalten können. Ich sammelte weitere Puzzlestücke, um ein klareres Bild davon zu bekommen, warum immer wieder Russland auftauchte, wenn es um die Tätigkeit von Wirecard ging oder um die sensiblen Bereiche der deutschen Sicherheit. Warum schien niemand der Sache nachzugehen?

In den Unterlagen zu Wirecard stieß ich auf einen Zeugen, der behauptete, 15 Jahre lang mit dem Konzern zu tun gehabt zu haben. Er sei persönlich bedroht worden und die dafür Verantwortlichen, so meinte er, »stehen in Verbindung mit den Sicherheitskreisen«. Er wurde nie von den Parlamentariern befragt, sodass ich mich wunderte: Was ist hier los?

Mittlerweile hatte ich mir ein sicheres Proton-Postfach zugelegt, weil ich eine Nachricht von einem Informanten erwartete, ein weiteres Ermittlungsdokument aus Österreich.

Während ich den Russlandverbindungen in Österreich und den Verbindungen in die deutsche Sicherheitspolitik nachging, beschäftigte mich erneut ein Auto, diesmal mein eigenes aus der Vorzeit der vernetzten Mobilität. Meine Tochter musste von einer Geburtstagsfeier abgeholt werden, aber als ich zu dem Wagen kam, stand der Kofferraum offen und die Batterie war leer. Anscheinend war jemand durch den Kofferraum gestiegen und hatte das Licht angeschaltet. Zwei Tage später rief mein Nachbar mich abends an, das Licht im Auto brenne schon wieder. Derselbe Trick. Und diesmal fehlte auch etwas aus dem Kofferraum. Ich vermisste einen auffälligen, mit Blumenschmuck bemalten Deko-Holzlöffel, ein echtes Unikat und hässlich wie die Nacht, weshalb ich ihn schon lange entsorgen wollte.

Ich gehe eigentlich immer denselben Weg von der S-Bahn nach Hause, an kleinen Vorgärten mit niedrigen Steinmauern entlang. Ein paar Wochen später lag mein einmalig hässlicher Holzlöffel auf einer dieser Steinmauern wie auf einem Präsentierteller.

Wann ist ein Zufall kein Zufall mehr?

Der Zufall bescherte mir schließlich einen unangenehmen Gast. Ein junger Bulgare hatte mein Ferienhaus in Brandenburg gebucht. Er gab vor, in der Gegend zu arbeiten. Als er abreiste, war der Wohnraum mit Konfetti übersät, die Stehlampe zerbrochen und die Decken und Wände so verrußt, als ob mein Feriengast die Tage bei geöffneter Kaminofentür in einer Rauchwolke verbracht hätte. Kurz: Das Ferienhaus war verwüstet.

Aus Neugierde schaute ich mir sein Profil im Internet an. Mit einer russischsprachigen IT-Sicherheitsberaterin hatte er in England eine Immobiliengesellschaft geführt. Gut ein Jahr später berichtete die Presse, dass Jan Marsalek in jener Zeit – nach seiner Flucht zwischen August 2020 und Februar 2023 – einen russlandnahen Spionagering von Bulgaren in England beauftragt haben soll, Zielpersonen, darunter Journalisten, in ganz Europa zu verfolgen.1 Der Zufall schien es nicht gut zu meinen.

Plötzlich erschienen mir meine Recherchen in einem neuen Licht: Russland hatte im Februar 2022 einen Krieg in Europa angezettelt, Deutschland steckte in einer Energiekrise. Die Frage, warum die deutschen Sicherheitsbehörden und die deutsche Politik die Gefahren, die von Russland für Europa ausgingen, jahrelang unterschätzt hatten, stellte sich mit neuer Brisanz.

War Russlands Einfluss auf die deutsche Wirtschaft in Wirklichkeit vielleicht viel größer, als die Politik es wahrhaben wollte? Und wenn ja, wie hatte es dazu kommen können? Warum musste erst ein Krieg in Europa ausbrechen, bevor auch wir einsahen, dass die Sorgen unserer Nachbarländer und Bündnispartner berechtigt waren, die schon lange vor Russlands Aggression gewarnt hatten? Viele solcher bislang beiseitegeschobenen Fragen standen plötzlich im Raum.

Während ich immer tiefer in die Recherchen zu diesem Thema eintauchte, fügte sich in dem Puzzle um Russlands Macht und Deutschlands Wirtschaft ein Teil zum anderen, und ein großes Bild wurde sichtbar.

Am Ende schrieb ich dieses Buch über Deutschlands Wirtschaftsverbindungen nach Russland, russisches Schwarzgeld und eine zerrüttete deutsch-amerikanische Sicherheitspartnerschaft. Aus vermeintlich wirtschaftsstrategischen Gründen ließ sich die Bundesrepublik gegen Verbündete in Stellung bringen und abhängig machen von russischen Geldströmen.

In den folgenden Kapiteln wird es um diesen Prozess und dessen Entwicklungsgeschichte gehen. Ausgehend und immer wieder zurückkehrend zu den skandalösen Ereignissen um den deutschen Finanzdienstleister Wirecard, bewegt sich diese Ereignis- und Recherchegeschichte auf den Feldern der Wirtschaft, ihrer Finanzmärkte und der Banken, der deutschen Sicherheitsapparate, der Nachrichtendienste und natürlich der Politik. Auf verschiedenen Ebenen enthüllt sich so ein Panorama von vielerlei Beziehungen, die in die Irre gingen. Anhand der Kriminalgeschichte von Wirecard wird der Frage nachgegangen, warum sich Politik und Wirtschaft derart willig in die Abhängigkeit locken ließen und dabei die Sicherheitsinteressen preisgaben, die sie in unser aller Interesse beachten sollten. Die Erzählung wird notwendigerweise zunächst die Details vorstellen, aber ihre Zusammenhänge werden sich von Kapitel zu Kapitel immer deutlicher zu einem Bild zusammenfügen – wie bei einem Puzzle.

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass viele der in dieser Erzählung vorkommenden und namentlich genannten Personen unwissentlich oder im guten Glauben handelten, zur Verständigung beizutragen, um eine Brücke für Deutschland nach Russland zu bauen. Mein Ziel ist nicht, Menschen an den Pranger zu stellen oder ihnen unrechtmäßiges Handeln zu unterstellen. Es geht mir darum, eine Struktur offenzulegen, die getragen wurde von einzelnen Akteuren, die sich wissentlich oder unwissentlich von Putin und seinen Freunden einbinden ließen. Die in diesem Buch geäußerten Einschätzungen basieren auf langjähriger Recherche, zahlreichen Interviews mit Abgeordneten, Experten, Behörden- und Unternehmensvertretern sowie einer umfassenden Auswertung von Unterlagen aus dem Wirecard-Untersuchungsausschuss und staatsanwaltschaftlichen Ermittlungspapieren. Sie geben meine Sicht der Entwicklungsgeschichte wieder, erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder juristische Bewertung.

Ich beschreibe im Folgenden, wie ein Wirtschaftskonflikt zwischen Deutschland und den USA das Klima im westlichen Sicherheitsbündnis zwei Jahrzehnte lang vergiftete und die Bundesrepublik blind für die Sicherheitsrisiken einer eng mit Russland verwobenen Wirtschaft werden ließ. Schon zur Millenniumswende, als Deutschland sich in der Amtszeit von Gerhard Schröder Russland zuwandte, wuchsen mit dem Ringen um neue Märkte in Ost und West die Spannungen in der Außen- und Sicherheitspolitik. (Kapitel 1)

Deutschland öffnete damals nicht nur die Schleusen für russisches Gas, sondern hielt auch die Tür offen für Schwarzgeld, das die neureiche russische Elite außer Landes bringen wollte. Über internationale Geldwäschekartelle flossen Milliarden nach Europa und in das europäische Finanzsystem. Die Deutsche Bank, die damals im US-Investmentbanking ihr Glück suchte, wurde zu Putins Bank und geriet vonseiten der USA unter Druck. Der ungehinderte Fluss schwarzer russischer Milliarden in das europäische Finanzsystem löste einen neuen Kalten Krieg auf dem Finanzmarkt aus. Die USA erklärten den internationalen Kampf gegen Geldwäsche. (Kapitel 2)

Inmitten dieser Entwicklung wurde nahe München der Zahlungsdienstleister Wirecard gegründet, der es mit den aus den USA herüberschwappenden Compliance-Regeln nicht so genau nahm. Der Konzern expandierte mit dem geldwäscheanfälligen Glücksspielgeschäft ins Ausland und steuerte, ähnlich wie die Deutsche Bank, den US-Markt an. Die aus den USA und Großbritannien daraufhin eingehenden Geldwäschewarnungen Wirecard betreffend liefen ins Leere. Nur, warum? Wenn es um die Wirtschaft ging, spielte Deutschland nach eigenen, europäischen Regeln, die Klagen aus den USA und Großbritannien prallten an den deutschen Gesetzeshütern ab. Der Konzern konnte ungehindert wachsen. (Kapitel 3)

Das Buch geht also auch der Frage nach, wie es möglich war, dass Deutschland die Gefahr nicht erkannte, die mit einer eng mit Russland verflochtenen Wirtschaft einherging. Befördert wurde die Anbindung an Putins Russland durch eine neue deutsche Sicherheitspolitik, genannt »vernetzte Sicherheit«, die der Wirtschaft und ihren Akteuren seit 2006 eine größere Rolle auch in der deutschen Sicherheitsarchitektur einräumte. Als Putin längst sein eigenes Land und die Wirtschaft autokratisch und mit Gewalt führte, wurden die wirtschaftlichen Bande, die Deutschland und Russland zusammenschweißten, noch stärker. (Kapitel 4)

Als Russland schließlich 2014 mit der Annexion der Krim einen Krieg in der Ostukraine anzettelte, hatte die Wirtschaft ein so großes Gewicht in der Politik und in der deutschen Sicherheitsarchitektur gewonnen, dass sie weitgehend freie Hand hatte, die größte Volkswirtschaft Europas noch enger an Putins Reich zu binden. Während Wirtschaft und Sicherheit dazu strikt voneinander getrennt werden sollten, traten inmitten des Ukraine-Konflikts derweil die Akteure der Wirtschaft 2014 sogar als sicherheitspolitische Vermittler der Bundesregierung in Moskau auf. Großkonzerne wie Siemens und VW pflegten die wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland nach 2014 weiter und führten die Sanktionspolitik des Westens ad absurdum. (Kapitel 5)

Viele Akteure waren nach 2014 unterwegs, die sich bemühten, die Brücken zu Russland trotz westlicher Sanktionspolitik nicht abreißen zu lassen – insbesondere zu Putins Leuten in der Regierung und dem Sicherheitskader. Auch hier nahm Wirecard, genauer gesagt der Wirecard-Manager Jan Marsalek, eine zentrale Rolle ein. Mit seiner Hilfe wurden die deutsch-russischen Beziehungen über das neutrale Österreich ausgebaut, neue Zahlungswege wurden erschlossen, die halfen, den Handel trotz Sanktionspolitik weiter aufrechtzuhalten. (Kapitel 6)

Sogar im damaligen internationalen Krisen-Hotspot Libyen mischte der deutsche Wirecard-Manager nun mit. Mit einer Miliz und russischer Hilfe versuchte er mutmaßlich, eine Grenzschutztruppe aufzubauen, um den Flüchtlingsstrom nach Europa kontrollieren zu können. (Kapitel 7)

Während vonseiten der Bündnispartner der Druck in Europa wuchs, die Brücken in der Wirtschaft und im Sicherheitsbereich abzubauen, die nach Russland führten, verteidigte eine wirtschaftsnahe Clique das Netzwerk, das über Österreich in den russischen Sicherheitsapparat hineinreichte. (Kapitel 8)

Neuen politischen Aufwind erlebten Russlands Freunde schließlich mit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten im Jahr 2016. Transatlantische Allianzen wurden nun geschmiedet und Wirecard rückte gefährlich nah an die Regierungsspitze in Deutschland heran. (Kapitel 9)

Erst mit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges wurden die Brücken, die über die Wirtschaft nach Russland führten, von der Bundesregierung aufgegeben. (Resümee)

Deutsche Sicherheitsdienste und staatliche Institutionen schienen jahrelang blind gegenüber den Gefahren zu sein, die durch eine enge Verflechtung mit Russlands Freunden für die deutsche Sicherheit ausgingen. Das Ergebnis war eine Spaltung zwischen Deutschland und den USA in der Sicherheitspolitik, die mit der zweiten Amtszeit von Donald Trump mehr denn je zutage getreten ist. Dieses Buch beschreibt die Hintergründe dieser Spaltung, benennt einige der zentralen Akteure – und entzaubert den Mythos, vom fairen Makler zwischen Ost und West, den Deutschland so lange gepflegt hat.

Kapitel 1Zukunft im Zwiespalt

Der Westen gewinnt den Kampf der Systeme und verliert den Zusammenhalt

Ich blicke zunächst 36 Jahre zurück – in eine Zeit des Aufbruchs, in der die ersten, entscheidenden Weichen gestellt wurden, die Deutschlands Russlandpolitik für Jahrzehnte prägen sollten. Es war der Moment, als die Mauer fiel und sich die politische Weltordnung grundlegend verschob. Deutschlands Selbstverständnis wurde neu definiert: als wiedervereinigte Nation, als transatlantischer Bündnispartner, der sich ein Stück weit aus den engen Bindungen der Nachkriegszeit zu lösen begann. Deutschland wollte eigene Wege gehen – und schlug in der Russlandpolitik einen selbstbewussten und wie die folgenden Kapitel zeigen werden, auch eigensinnigen Kurs ein.

November 1989: James Woolsey sitzt in seinem Apartment in Wien und schaut Fernsehen. Auf CNN laufen die Nachrichten. Erst vor sechs Tagen hat er die Leitung der US-Delegation übernommen, die dafür sorgen soll, dass die Sowjets die Anzahl ihrer schweren Waffensysteme in Europa verringern. Er blickt zum Fernseher und schreibt später seiner Frau: »Da passiert was wirklich Interessantes an der Berliner Mauer.«

CNN zeigt einen Mann, der mit einem schweren Hammer gegen die harte Betonmauer schlägt. Ein paar mit Graffiti beschmierte Stücke splittern ab. Junge Menschen klettern auf die Mauer. Woolsey schreibt weiter: »Ich freue mich auf dich und die Jungs. Ich dachte, wir können Skifahren gehen, und es wäre schön, wenn wir alle für ein paar Tage nach Prag fahren würden. Ich möchte, dass die Jungs sehen, wie ein echter stalinistischer Staat aussieht.«2

Woolsey hat in der Zeit des großen Umbruchs eine steile Karriere gemacht. Unter Präsident Ronald Reagan hat er an den START-Verhandlungen mit der Sowjetunion zur Reduzierung strategischer Atomwaffen teilgenommen, nun soll er für George H. W. Bush den Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa fixieren. Ein paar Jahre später, 1993, wird ihn der frisch gewählte Bill Clinton zum Chef des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA ernennen.

An Weihnachten 1989 kommen Woolseys Frau und die drei Söhne wie geplant aus den USA nach Europa, um gemeinsam von Wien nach Prag zu fahren. Die Straßen sind voller junger Menschen, die Transparente hochhalten und eine neue Zukunft herbeisehnen. Es ist ein milder Winter, Kinder und junge Leute haben sich auf der Karlsbrücke versammelt und machen sich auf den Weg über die Moldau in die Altstadt. Woolseys Jungs mischen sich unter sie. Es wird Gitarre gespielt, manche singen, andere rufen: »Wir werden es schaffen!« Die Tschechoslowakei ist an diesem Weihnachten längst kein stalinistischer Staat mehr, wie Woolsey seiner Familie erklärt hat. Die Samtene Revolution breitet sich auf den Straßen aus. Daran erinnert sich der frühere CIA-Chef gern, wenn er später nach seiner Zeit in Europa gefragt wird.

Dasselbe gilt für seinen Beitrag zur Wiedervereinigung Deutschlands. Die Gespräche, die er zur Abrüstung in Europa führt und die letztlich im KSE-Vertrag münden, sind schwierig, auch weil Moskau ein vereintes Deutschland nicht in der NATO belassen will. Auch Frankreich fürchtet sich vor einem starken Deutschland. Doch die Amerikaner wollen die Einheit des NATO-Sicherheitsbündnisses wahren, und wenn Deutschland es wünscht, soll es wiedervereint werden. Das ist die Politik von US-Präsident George H. W. Bush, der nun, da der Kalte Krieg sich dem Ende nähert, eine neue Weltordnung ausgerufen hat.

Um ans Ziel zu kommen, trickst Woolsey auch mal. Am Verhandlungstisch lässt er seine Position nicht klar erkennen. Die Partner mögen es nicht, vom »größten Hund am Tisch herumgeschubst« zu werden, wie er es ausdrückt. Doch im Hinterzimmer streut er unter den NATO-Repräsentanten seine Vorstellungen, die so in die Verhandlungen einfließen. Und schließlich stimmen alle zu, die Franzosen ebenso wie die Briten und die Sowjets. »Wenn das alles zusammenfällt, das richtige Timing und die richtige Reihenfolge der Ereignisse, dann kommt man auf ein vereintes Deutschland.«3 Das ist Woolseys Geschichte der deutschen Wiedervereinigung.

Zehn Jahre später, am 18. März 2000, nahm Woolsey erneut Einfluss auf den Lauf der deutschen Geschichte. In einem Artikel im Wall Street Journal erklärte er in unmissverständlicher Deutlichkeit: »Ja, meine kontinentaleuropäischen Freunde, wir haben euch ausspioniert.«4 Kein Herumdrucksen, keine Rücksicht auf Empfindlichkeiten. Gemeint war der Einsatz des NSA-Abhörsystems Echelon gegen die europäischen Verbündeten. Woolsey war nach wie vor ein harter Brocken auf dem internationalen Parkett, ein Hardliner der US-Außen- und Sicherheitspolitik – kein Wunder, hatte er doch unter dem überzeugten Antikommunisten Ronald Reagan in den Jahren des Kalten Krieges Karriere in der Verteidigungspolitik gemacht, als Aufrüstung und Stärkezeigen als das Maß der Dinge galten.

Zehn Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges sah Woolsey eine neue große Gefahr aus dem Osten, die den Westen bedroht: »Fünfundvierzig Jahre lang haben die USA gegen den Drachen [den Kommunismus] gekämpft. Jetzt ist er endlich tot, aber wir befinden uns in einem Dschungel voller giftiger Schlangen.«5 Die giftigen Schlangen, das waren nach seinem Verständnis Gefahren, die von Schurkenstaaten ausgingen und von russischen Waffen, die ihren Weg in den Nahen Osten fanden, ebenso vom organisierten Verbrechen – und auch Deutschland werde aus diesem Dschungel bedroht.

Auch diesen Kampf wollten die Amerikaner führen – und nahmen die Korruption in Russland wie in Deutschland ins Visier. Schon in der Mitte der 1980er-Jahre, in Zeiten der Perestroika, als sich die Sowjet-Diktatur aus der Lenkung der Wirtschaft zurückzog und eine neue Elite die kommunistischen Pfründen zwischen sich und dem organisierten Verbrechen aufteilte, florierten in Russland Korruption und Gewalt.

Weltweit verbreitet war die Praxis der Bestechung von Amtsträgern. Anders, so war man zumindest in Deutschland überzeugt, waren im Ausland keine lukrativen Aufträge zu bekommen, gerade auch aus Russland. Fünfundvierzig lange Jahre hatten vor allem die USA den Kapitalismus gegen den Kommunismus verteidigt und schließlich den Sieg im Kampf der Wirtschaftssysteme errungen. Nun sollte Russland die Tür in den Westen geöffnet werden. Aber wie weit? Die Amerikaner waren skeptisch. Misstrauen herrschte in weiten Teilen des Westens, vor allem mit Blick auf die sich entwickelnde Kleptokratie in der ehemaligen Sowjetunion.

In Deutschland sah man die Dinge weniger kritisch. Hier wähnte man sich am Beginn einer neuen Zeitrechnung. Das nächste Jahrhundert – besser noch das nächste Jahrtausend – sollte im Zeichen eines friedlichen und vereinten Deutschlands und Europas stehen. Die Weichen in Mitteleuropa waren auf das Zusammenwachsen von Ost und West gestellt, der Wille zu Frieden und Kooperation in ganz Europa war die Leitlinie deutscher Außen- und Wirtschaftspolitik. Die Zeit, in der der Kontinent von zwei Supermächten und ihren jeweiligen Interessen förmlich zerrissen worden war, sollte endgültig vorbei sein.

Am 31. Dezember 1999 übernahm Wladimir Putin, zunächst kommissarisch, als Präsident die Macht. Er verkörperte eine neue Politikergeneration, galt als Reformer, kündigte eine »Diktatur des Gesetzes« an, wollte in Russland »aufräumen« und das Land modernisieren. Vor dem Mauerfall hatte er fünf Jahre lang in einem Plattenbau in der Radeberger Straße in Dresden gelebt und als Offizier der Residentur des KGB in der heutigen Landeshauptstadt gearbeitet. Später würde Putin sagen, dass der Zerfall der Sowjetunion die »größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts« für ihn gewesen sei. Doch mit Putin wuchs die Hoffnung, dass die jahrzehntelange Ost-West-Spaltung endgültig Geschichte werden würde. Die Feindbilder des Kalten Krieges sollten für alle Zeit verschwinden, mit Russland würde eine Friedensordnung auf Basis von Demokratie und wirtschaftlichem Wachstum aufgebaut werden. Die Sorgen Europas wegen seiner östlichen Grenzen würden ein Teil der vergehenden Geschichte des 20. Jahrhunderts sein.

Die wirtschaftliche Zukunft der Bundesrepublik schien in diesen Jahren indes reichlich ungewiss. Die Welt hatte sich aufgeteilt in »New Economy« und »Old Economy«. Deutschlands Industriestruktur, die Wachstum und Beschäftigung in der Nachkriegszeit gesichert hatte, schien nicht mithalten zu können mit dem, was sich in den Garagen und Kellern im Silicon Valley entwickelte. Das war zumindest das Bild, das von Deutschland in der angelsächsischen Presse gezeichnet wurde.

Am 3. Juni 1999 versah der Economist einen Artikel zur Wirtschaftslage des Landes mit dem sprechenden Titel »The sick man of the euro«, angelehnt an den Ausspruch von Zar Nikolaus I., der das Osmanische Reich 1852 als »kranken Mann am Bosporus« identifiziert hatte, dessen Niedergang Europa gefährlich werden könne. »Die soziale Marktwirtschaft, die in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg weiterentwickelt wurde, […] ist so stark wie nie zuvor unter Druck«, schrieb das britische Wirtschaftsmagazin nun mit ähnlichem Hintergedanken. Das Wachstum stocke und das drängendste wirtschaftliche Problem in Europa sei die Frage, wie man die deutsche Wirtschaft wiederbeleben könne. »Die Zahlen«, resümierte der Economist wenig optimistisch, »sprechen eine düstere Sprache.«6

Die technologische Führung, die Deutschland zum globalen Exportmodell gemacht und »Made in Germany« zu einem Gütesiegel hatte werden lassen, wurde längst von den neuen globalen wirtschaftlichen Champions in Frage gestellt. Im Silicon Valley wurden fast täglich neue Unternehmen gegründet, die die Ordnung der Dinge im weltumspannenden, grenzenlosen Netz revolutionieren wollten.

Deutschland wollte nicht den Anschluss verlieren und baute mit SAP, Infineon, Siemens und der Deutschen Telekom globale Player im IT-Sektor auf. Auch hierzulande existierte eine Gründerszene, ja, sie boomte für hiesige Verhältnisse Ende der 1990er-Jahre geradezu. Aber sie hing am Tropf des US-Finanzsektors, der angelsächsischen Venture-Capital-Fonds, Investmentbanken, Rating-Agenturen und Finanznachrichtenagenturen. Eine eigene Finanzarchitektur für Risikokapital hatte Deutschland nicht. Die deutschen Banken waren zu klein und die Branche zu zersplittert, um mit den großen US-Investmentbanken wie Goldman Sachs konkurrieren zu können und der neuen Gründerszene das nötige Kapital zu sichern.

Die Jahrtausendwende: Zwischen Finanzkrise im Westen und Neustart im Osten

Deutschlands Hoffnung auf ein schnelles Wachstum der Tech-Szene erlebte im Frühjahr 2000 ein jähes Ende. Am 10. März hatte die US-Technologiebörse Nasdaq noch Höchststände erreicht, doch schon drei Tage später wurde es ruppig. Während der Chiphersteller Infineon sein Börsendebüt feierte, sackten die Kurse vieler anderer deutscher Unternehmen erdrutschartig ab. SAP verlor mehr als 5 Prozent, Siemens sogar 8 Prozent. Ein Beben bahnte sich an. Unternehmen, die bislang aufgrund einer einfachen Dotcom-Endung an den Finanzmärkten das Hundertfache ihres Buchwertes wert waren, notierten plötzlich nur noch im Pfennig- oder Cent-Bereich. Die Party mit den astronomischen Wachstumsprognosen war erst einmal vorbei. So hatten gefeierte Gründer wie Thomas und Florian Haffa (EM.TV) mit geschönten Bilanzzahlen die Anleger getäuscht. Es war der Todesstoß für den »Neuen Markt«, mit dem Deutschland von den angelsächsischen Venture-Capital-Firmen unabhängiger werden wollte. Investoren, die vor Kurzem Geld sogar in kleine Start-ups gesteckt hatten, zogen sich jetzt selbst aus vielversprechenden Digital-Unternehmen zurück. Viele der Firmen, auf die Deutschland für das anbrechende Tech-Zeitalter gesetzt hatte, verschwanden von einem Tag auf den anderen.

Zur Jahrtausendwende herrschte eine Mischung aus Sorge, den Anschluss an die wirtschaftliche Entwicklung im Westen zu verlieren, und Goldgräberstimmung mit Blick auf den unerschlossenen Osten. Da kam der Besuch Putins, der im Juni 2000 in Begleitung von mehr als hundert Regierungs- und Parlamentsmitgliedern sowie Vertretern der Wirtschaft nach Berlin reiste, gerade recht. Ein »Neustart« in den deutsch-russischen Beziehungen sollte es werden. Das Fundament sollte eine Zusammenarbeit in der Wirtschaft sein. Deutschland wolle eine führende Rolle bei der Modernisierung Russlands übernehmen, erklärte Bundeskanzler Gerhard Schröder, der in Russland einen neuen Wachstumsmotor für die schwächelnde Konjunktur erblickte.

Die Chemie zwischen beiden Ländern schien zu stimmen. Und noch mehr die zwischen den beiden Regierungschefs. Sie scherzten miteinander wie alte Kumpel. Putin lud Schröder im Anschluss zum Weihnachtsfest nach Moskau ein. Als Schröder dann im April 2001 für einen Wirtschaftsdialog mit Russland in Putins Geburtsstadt Sankt Petersburg reiste, war der Kreml-Chef für ihn bereits zum »Symbol des neuen Russlands« geworden, einer, der »seine Zukunft im europäischen Raum der gemeinsamen Werte, des Rechts und der Wirtschaft« sehe. Seinem russischen Partner sicherte der Kanzler zu: »Wir Deutsche – und Europa insgesamt – wollen Russland auf diesem Weg, wo immer wir können, nach Kräften helfen.«7

In Zeiten, in denen die angelsächsische Presse der deutschen Wirtschaft den Niedergang prophezeite, versprach Russland einen riesigen Wachstumsmarkt und gesicherte Beschäftigung. Man stand in den Startlöchern, um zu modernisieren, was Jahrzehnte brachgelegen hatte. Und von den USA wollte man sich nun auch stärker emanzipieren. Die New York Times kommentierte im Juni 2000: »Dass eine Ära vorbei ist, ist klar.« Der »letzte Vorhang für die jahrzehntelange alliierte Vormundschaft« über Deutschland nach dem Krieg sei nun gefallen. »Weniger offensichtlich sind jedoch die Ausrichtung und das Gleichgewicht einer Beziehung, die durch das Ende des Kalten Krieges ins Wanken geraten ist.«

Ein enger Vertrauter Schröders beschrieb die Lage in dem Artikel so: »Auf der einen Seite steht eine überwältigende Supermacht und auf der anderen Seite ein aufstrebendes Europa, das lernt, seine Interessen zu artikulieren. Das ist die heikle Gleichung, mit der wir nach dem Kalten Krieg konfrontiert sind.«8

Am 11. September 2001 flogen zwei von islamistischen Terroristen gekaperte Passagiermaschinen in die Zwillingstürme des World Trade Center in New York. Der Angriff tötete Tausende Menschen. Die westliche Welt wurde in Schock und Schrecken versetzt, US-Präsident George W. Bush rief den Krieg gegen den Terror aus, der die Sicherheitspolitik des Westens von nun an dominierte. Deutschland unterstützte zwar den Partner im Kampf gegen den Terrorismus, doch in eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik nach Maßgabe der US-Amerikaner ließ sich die Bundesrepublik nicht mehr einbinden. Sie wollte eigene Wege gehen.

Zwei Wochen später, am 25. September 2001, trat Putin mit einer historischen Rede vor die gewählten Vertreter des vereinten Deutschlands. Erstmals in der Geschichte sprach ein russisches Staatsoberhaupt im Bundestag von der Bereitschaft seines Landes zur Demokratie, von den kulturellen und wirtschaftlichen Bindungen beider Länder und vom Wunsch nach einem neuen Verbündeten. Es war eine Rede, die einen Neuanfang markieren sollte. Über Parteigrenzen hinweg erntete Putin Applaus und stehende Ovationen.

Dabei war der Unterton, der in seiner Rede schon damals mitschwang, eigentlich gar nicht zum Jubeln. Mit Blick auf die USA sagte der Kreml-Chef: »Heutzutage werden Entscheidungen manchmal überhaupt ohne uns getroffen. Wir werden dann nachdrücklich gebeten, sie zu bestätigen. […] Wir sollten uns fragen, ob das normal ist, ob das eine echte Partnerschaft ist.« Um dann zu verdeutlichen: »Zwischen Russland und Amerika liegen Ozeane, zwischen Deutschland und Russland liegt die große Geschichte.«9

Die Rede drückte ein tiefes Misstrauen gegen die USA aus, und folglich war klar, wo die künftigen Spannungen liegen würden. Der Kalte Krieg war längst noch nicht überwunden. Das Feindbild, das Kreml und Weißes Haus voneinander hatten, prägte nach wie vor den Umgang miteinander. Vor allem in Kreisen der Sicherheits- und Nachrichtendienste wirkte es weiter.

Spannungsfeld Nr. 1: Sicherheitspolitik

Deutschland war zwar ein Verbündeter der USA, aber dass sich das Verhältnis merklich abgekühlt hatte, war spürbar. Die Krise trat deutlich zutage, als sich Schröder im Wahlkampf 2002 offen gegen eine Beteiligung Deutschlands an einem Krieg gegen den Irak aussprach. Dem wütenden US-amerikanischen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2003 noch versuchte, den europäischen Partner auf Linie Washingtons zu bringen, erwiderte der damalige Außenminister Joschka Fischer trocken: »I am not convinced.«

Im Zuge der UN-Resolution zum Irakkrieg wuchsen die Spannungen in der Sicherheitspolitik. Ein Briefwechsel des damaligen Chefs des Bundesnachrichtendienstes, August Hanning, der den BND von 1998 bis 2005 führte, dokumentiert die Reibereien. Der BND hatte treu und redlich Informationen über angebliche Massenvernichtungswaffen des Irak an die USA weitergeleitet. In seiner Nachricht an den CIA-Kollegen George Tenet wies Hanning diesen jedoch ausdrücklich darauf hin, dass die Quelle »Curveball« nicht verlässlich und mit Vorsicht zu behandeln sei. Das hielt US-Außenminister Colin Powell nicht davon ab, die angebliche Expertise dieses »Kronzeugen« in seiner historischen Rede vor dem UN-Sicherheitsrat 2003 einzubauen, um eine Mehrheit für die Kriegsresolution gegen den Irak zu erreichen.10

Die deutschen Dienste waren »sauer« über dieses Vorgehen der USA, erinnert sich der damalige Geheimdienstkoordinator der Bundesregierung und spätere BND-Chef Ernst Uhrlau.11 Hanning hatte die Bundesregierung 2003 vor einer Beteiligung am Irak-Krieg gewarnt, der, wie er später erklärte, zu Chaos in der Region führte.12 Für ihn sei schon 2001 – nach einer CIA-Anfrage – erkennbar gewesen, dass die USA einen Militärschlag gegen den Irak planten und dafür BND-Informationen nutzen wollten. »Der Druck, den die CIA ausübte, war enorm«, erinnert sich Hanning später im Gespräch mit der Welt.13

Als nicht nur Schröder kurz nach Putins Amtsantritt eine ungewöhnliche Nähe zum neuen Machthaber im Kreml aufgebaut hatte, sondern die deutschen Nachrichtendienste ebenfalls näher an Russland heranrückten, traten Spannungen auch in dieser Hinsicht deutlich zutage. Während die britischen und amerikanischen Dienste weiterhin auf Abstand zur Führung des russischen Inlandgeheimdienstes FSB blieben, war Deutschland zusammen mit Österreich unter dem damaligen Innenminister Ernst Strasser um eine Beziehung auf Augenhöhe bemüht. Das rote Telefon des Berner Clubs, ein informeller Zusammenschluss westeuropäischer Geheimdienste, über das sich die Chefs der Inlandsdienste besprachen, klingelte häufig, wenn Russland eine internationale Sicherheitskonferenz organisierte, erinnert sich der damalige österreichische Nachrichtendienstchef Gert-René Polli.

Immer wieder versuchten die Briten, die europäischen Partner dazu zu bewegen, Distanz zu wahren und nicht mit der Spitze der Dienste zu Treffen zu erscheinen – Deutschland kümmerte das nicht. Schon als Russland 1999 eine große Sicherheitskonferenz in Sankt Petersburg abhielt, zu der zahlreiche westliche Partner geladen waren, nahm aus Westeuropa neben der Schweiz allein Deutschland mit Uhrlau auf der Ebene der Leitungsfunktion teil. Polli, der als Vertreter Österreichs gelegentlich mit der deutschen Delegation verkehrte, glaubte, die russischen Dienste seien grundsätzlich »argwöhnisch« von britischer Seite beobachtet worden, denn London pflegte ihnen gegenüber ein »sehr klares Feindbild«.14 Aus Berliner wie auch Wiener Sicht sollte nun aber genau dieses alte Feindbild endlich überwunden werden. Das Verhalten der Briten und Amerikaner gegenüber Russland schien ihnen nicht mehr zeitgemäß zu sein, Deutschland suchte die Verständigung.

Schon bevor Putin Ende 1999 als Nachfolger des zurückgetretenen Boris Jelzin an die Macht kam, hatte man im Kanzleramt also auf Arbeitsebene Kontakte zu Russlands Geheimdiensten gepflegt, wie sich der damalige Staatsminister Bernd Schmidbauer, der in den 1990er-Jahren für die Koordinierung der Geheimdienste zuständig war, später erinnerte. »Sehr langfristige« und »sehr tragende« Kontakte seien für die »bilateralen Beziehungen zu Russland« schon in seiner Zeit entstanden.15

Mit Putins Wahl zum Präsidenten am 26. März 2000 hatte auch BND-Chef Hanning schnell den Kontakt zu Russlands Inlandsgeheimdienst FSB aufgebaut, der zuvor von Putin geleitet worden war und bekanntlich vor dem Fall des Eisernen Vorhangs die Bezeichnung KGB trug. Zu DDR-Zeiten hatte Hanning als Geheimschutzbeauftragter der bundesdeutschen Dienste in der Ständigen Vertretung in Ostberlin die Freilassung politischer Häftlinge mitorganisiert, die in ostdeutschen Gefängnissen saßen. Berührungsängste zu den osteuropäischen Sicherheitsdiensten plagten ihn kaum, als mit Putin ein ehemaliger Geheimdienstchef die politische Führung Russlands übernahm.

Am 22. März 2000, vier Tage vor Putins Wahl und mitten im Tschetschenienkrieg, machte Hanning sich auf den Weg zum russischen Hauptquartier Mosdok und von dort in die abtrünnige Kaukasusrepublik. Kurz vor Hannings Ankunft war Putin mit einem Kampfflugzeug in Grosny gelandet, um die russischen Streitkräfte zu besuchen. Der Besuch des BND-Chefs stand dem in seiner Signalwirkung in nichts nach. Auch wenn der BND später glaubhaft versicherte, Deutschland habe Russland nicht im Tschetschenienkrieg unterstützt,16 so schien der Auslandsnachrichtendienst die Nähe zu Putins Geheimdiensten zu suchen. Von russischen Streitkräften und dem FSB ließ Hanning sich damals in das Krisengebiet eskortieren.17 Die Reise war nach einem Besuch Uhrlaus beim FSB-Chef Nikolaj Patruschew vereinbart worden. Wie Putin war auch Patruschew einst in der DDR stationiert gewesen, sprach fließend Deutsch und suchte eine Verbindung zu Deutschland.

Dass das der CIA nicht gefallen konnte, liegt auf der Hand.

Ex-BND-Chef Hanning beschrieb das deutsch-amerikanische Verhältnis in Sicherheitsfragen im Untersuchungsausschuss zum NSA-Abhörskandal Jahre später wie folgt: Die USA seien der Elefant und Deutschland das Pony. Die Zusammenarbeit mit den Amerikanern sei »nicht einfach«. Die USA seien zwar der wichtigste Verbündete in Sicherheitsfragen, bei der Kooperation müsse man aber »aufpassen«, dass nationale Interessen und Deutschlands Souveränität, die nationale Selbstbestimmung, geschützt blieben. Die Interessen beider Länder in der Sicherheitspolitik seien nicht immer identisch. Allerdings, fügte er hinzu, sei das Pony manchmal schneller als der Elefant.18

Spannungsfeld Nr. 2: Wirtschaftsspionage

Für die Distanz, die Anfang der 2000er-Jahre zwischen den USA und der deutschen Regierung spürbar wurde, war auch einer der größten Wirtschaftsspionage-Skandale der europäischen Geschichte verantwortlich. Der britische Journalist Duncan Campbell hatte dem Europaparlament in einem umfassenden Bericht dargelegt, wie die Briten und die NSA mithilfe eines globalen Überwachungssystems Telefongespräche, Faxe und E-Mails über Satelliten abgehört hatten. Auch sensible Daten von europäischen Unternehmen waren von Echelon, so der Name des Systems, betroffen.19 Dies schien zu bestätigen, was man beim Verfassungsschutz bereits vermutet hatte: dass die Amerikaner ihre Partner ausspionierten, um der eigenen Industrie einen Vorteil zu verschaffen. Der europäische Flugzeugbauer Airbus Industries, der gegründet worden war, um von den USA unabhängiger zu werden, hatte bereits 1994 beklagt, dass ein Großauftrag mit Saudi-Arabien geplatzt sei, weil sich die NSA eingeschaltet und Informationen an den US-Konkurrenten Boeing geleakt hatte. Der Vorwurf konnte allerdings nie bewiesen werden.

Dass die Amerikaner in Europa Abhörstationen betrieben, war indes kein Geheimnis. Wie riesige weiße Pilze ragten die Radome, die Radarkuppeln im bayerischen Bad Aibling in die Höhe. Peilrichtung: Ost-Südost – Russland, Irak, Serbien. Als bekannt wurde, dass die Anlage auch dem Ablauschen von deutschen Wirtschaftsinformationen diente, war Bayerns damaliger Ministerpräsident Edmund Stoiber nach eigenen Worten »überrascht und empört«. Er beschwerte sich beim US-Botschafter und auch der damalige Geheimdienstkoordinator Uhrlau intervenierte.

Es musste hektische Aktivitäten gegeben haben, berichtete der Sicherheitsexperte Erich Schmidt-Eenboom später.20 Die USA sollten sich aus der Anlage in Bad Aibling zurückziehen, wurde gefordert. Doch diese Ansicht wurde vom amerikanischen Partner nicht geteilt, für die Krisengebietsüberwachung im Nahen Osten war, so hieß es, die Lauschstation in Bad Aibling zu wichtig, als dass sie aufgegeben werden könne.

In dieser Zeit meldete sich James Woolsey mit seinem mittlerweile berühmten Namensartikel im Wall Street Journal zu Wort und gestand ein, dass die NSA Unternehmen bespitzele. Wie eine Entschuldigung klang, was er mitteilte, aber nicht. »Stellt euch auf den Boden der Tatsachen. Sicher ist die europäische Technologie in wenigen Gebieten der amerikanischen überlegen, aber, um dies so nett wie möglich zu sagen, die Zahl dieser Gebiete ist sehr, sehr, sehr klein. Die meiste europäische Technologie lohnt den Aufwand gar nicht, sie zu stehlen.«21

Das saß. Aber wenn es darum ging, die Wogen in Deutschland zu glätten, dann gelang dies ganz offensichtlich nicht. Denn Woolsey machte vor allem auch unmissverständlich klar, dass die USA Schmiergeldzahlungen deutscher Unternehmen im Ausland im Visier hatten. »Warum bestecht ihr?«, fragte er. »Es liegt nicht daran, dass eure Unternehmen von Natur aus korrupter sind.« Vielmehr liege es am System des wirtschaftlichen Dirigismus, also der staatlichen Einflussnahme auf die Wirtschaft. »Es ist so viel einfacher, weiterhin Bestechungsgelder zu zahlen.« Die Schmiergeldpraxis bezeichnete er gar als »national culture« in Europa.

Im Kern verteidigten die USA zur Jahrtausendwende den amerikanischen Kapitalismus mit Mitteln der Nachrichtendienste. Dass es dabei nicht immer nur allein um Sicherheitsinteressen ging, lag auf der Hand. Wie die deutschen, so wollten natürlich auch amerikanische Firmen weltweit und vor allem nach Russland expandieren. Schon 1998 hatte Washington den International Anti-Bribery Act erlassen, wonach die strengen US-Anti-Korruptionsregeln auch ausländische Firmen in den USA bei Schmiergeldzahlungen unter Strafe stellten. Konzernen drohten damit hohe Geldstrafen, Managern sogar Haftstrafen, wenn sie mit unlauteren Mitteln Aufträge im Ausland an Land zu ziehen versuchten. Schmiergeldzahlungen waren in jenen Jahren eine gängige Praxis, vor allem wenn es um die Expansion nach Russland ging. Die russische Wirtschaft war ein Überbleibsel des Kommunismus. Vetternwirtschaft und Korruption waren auch unter den Staatsdienern in den Behörden allgegenwärtig. Es war ein offenes Geheimnis in den Wirtschaftsverbänden, dass in Russland die Uhren anders tickten: Wer mit Beamten oder dem Kreml Geschäfte machen wollte, müsse den Amtsträgern schon mal was in die Tasche stecken, hieß es hinter vorgehaltener Hand in den Verbänden der deutschen Industrie. Bakschisch zu zahlen, galt als Kavaliersdelikt. Zur Jahrtausendwende sollte sich das nun aber ändern. Die Amerikaner erwarteten von ihren internationalen Partnern, allen voran von den deutschen Behörden, dass sie sich dem Kampf gegen Korruption anschließen und wie sie Jagd auf Unternehmen machen würden, die gegen ihre Compliance-Standards verstießen.

Wie Woolseys Ankündigung in deutschen Führungsetagen, etwa bei Siemens, ankam, wo gut sechs Jahre später der größte Schmiergeldskandal der deutschen Geschichte aufgedeckt wurde, lässt sich nur erahnen. Zusammen mit deutschen Behörden verhängten die US-Börsenaufsicht SEC und das US-Justizministerium schließlich eine Rekordstrafe gegen den deutschen Industrieriesen. Siemens hatte, wie es in der SEC-Anklage hieß, ein weltumspannendes Netz »beispiellos in Umfang und Reichweite« aufgebaut, um mittels Schmiergeldzahlungen im Ausland zu expandieren.

Doch längst nicht jeder glaubte Woolsey, wenn er behauptete, die Amerikaner würden deutsche Firmen nicht zu ihrem eigenen wirtschaftlichen Nutzen ausspähen. Der Verdacht der Wirtschaftsspionage stand im Raum.

Das Europäische Parlament verabschiedete Anfang September 2001 mit großer Mehrheit den Abschlussbericht zum Echelon-Skandal. Der Berichterstatter des Parlaments, der bayerische EU-Abgeordnete und Verfassungsexperte Gerhard Schmid, wurde in seiner Rede deutlich: Er sprach von einem »unfreundlichen Akt«, einem »Skandal zwischen Verbündeten« und »Cowboymentalität«. Was die Bestechungsvorwürfe angehe, so Schmid, müsse erwähnt werden, dass US-Firmen dieselben Methoden anwenden würden.22 Die Resolution des EU-Parlaments wurde sechs Tage vor den Terroranschlägen vom 11. September auf das World Trade Center erlassen. 2002 wurde Schmid die Bayerische Verfassungsmedaille in Gold für besondere Verdienste um die deutsche Verfassung verliehen und zwei Jahre später das Bundesverdienstkreuz.

Während in Kreisen des Verfassungsschutzes das Misstrauen wuchs, dass die Amerikaner Daten, die sie sammelten, nicht nur zur Terrorabwehr, sondern auch für wirtschaftliche Zwecke nutzen könnten, weitete der Bundesnachrichtendienst die Zusammenarbeit mit den USA beim Austausch von Daten nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 jedoch noch aus. Der BND lieferte fortan umfassende Informationen an die USA – darunter, wie sich später zeigte – unwissentlich auch Daten über europäische Unternehmen wie EADS Airbus.

Nach dem 11. September geriet vor allem auch der Finanzsektor ins US-amerikanische Visier. Der Kampf gegen den Terror führte dazu, dass die USA die internationalen Finanzströme gezielter kontrollieren und nachverfolgen wollten. Im Rahmen des Terrorist Finance Tracking Program (TFTP) gewährte die Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication (Swift) den USA später umfassend Zugang zu europäischen Finanzkommunikationsdaten. Dazu zählten Absender, Empfänger sowie die Höhe der Summen, die EU-Banken international transferierten. CIA, FBI und das US-Finanzministerium konnten im Rahmen des internationalen Kampfes gegen den Terror damit jeder größeren internationalen Zahlung nachgehen. Vizepräsident der Swift-Beratungsgesellschaft Booz Allen Hamilton wurde 2002 übrigens James Woolsey, der bekanntlich auch die Schmiergeldpraxis deutscher Konzerne im Blick hatte.

Deutschlands Solidarität mit den USA nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass besonders in Bayern die Sorge groß war, dass deutsche Firmen ausspioniert werden könnten.

Der bayerische Verfassungsschutz und das zuständige Innenministerium beobachteten nach dem Echelon-Skandal das Treiben der Amerikaner genauer und trieben zusammen mit der Wirtschaft die Spionageabwehr voran.

»Wirtschaftsspionage ist Realität«, fasste der damalige Staatssekretär des bayerischen Innenministeriums, Hermann Regensburger, in einem Newsletter der Industrie- und Handelskammer Nürnberg im Oktober 2001 die Situation aus bayerischer Sicht zusammen. Auch westliche Staaten setzten ihre Geheimdienste für Spionage zugunsten der eigenen Wirtschaft ein. »Gerade Bayern mit seinen bedeutenden Wirtschaftsunternehmen in den Bereichen Luftfahrt, Rüstung, Wehrtechnik, Computertechnik/-software, mit seinen Forschungs- und Entwicklungsbereichen von High-Tech-Unternehmen […] [ist] besonders gefährdet.«

Der durch Ausspähen entstehende Schaden sei für die Firmen und ihre Wettbewerbsfähigkeit »gar nicht hoch genug« anzusetzen. Als Folge der Zunahme staatlicher Spionage habe der Verfassungsschutz seine Arbeit intensiviert. »Wirtschaftsspionage kann nur in einem engen Zusammenspiel von Wirtschaft und Verfassungsschutz wirksam abgewehrt und bekämpft werden.« Das Landesamt für Verfassungsschutz nehme diese Aufgabe »sehr ernst«.23

Regensburger hatte damit ein Tabu gebrochen: Er hatte nicht, wie üblich, Russland oder China für Wirtschaftsspionage in Deutschland verantwortlich gemacht, sondern ganz offen die USA und das von ihnen betriebene »weltumfassende Abhörsystem« angeprangert.

Unterstützt wurde die Initiative laut Regensburger von Bayerns langjährigem Innenminister Günther Beckstein. Und dessen einstiger Büroleiter für Sicherheitsfragen, Klaus-Dieter Fritsche, war als damaliger Vize des Verfassungsschutzes und anschließend als Koordinator der Nachrichtendienste im Bundeskanzleramt darauf bedacht, Deutschlands Souveränitätsrechte zu verteidigen. Fritsche erklärte im NSA-Untersuchungsausschuss, dass es schon früh Hinweise für den Verdacht auf US-Wirtschaftsspionage gegeben habe, woraufhin die Zusammenarbeit mit den Amerikanern »angepasst« worden sei.

Misstrauen und verschobene Grenzen – Fazit

Um das Jahr 2000 schien sich die Grenze des Möglichen fast täglich zu verschieben. Fortschritt durch Technik hatte jahrzehntelang das Selbstverständnis in den Wirtschaftsetagen geprägt. Diesen Wettbewerbsvorsprung wollte man sich auch in Zeiten einer Tech-Revolution nicht nehmen lassen. Man wollte mitmischen in den neuen Märkten im Osten wie im Westen. Doch die Welt hatte sich verändert und Deutschland hatte den Ruch eines industriellen Auslaufmodells, dessen Zukunft am seidenen Faden hing. Die deutsche Industrie drängte mit Elan in Richtung Osten, wo das künftige Wachstum entstehen sollte – als Motor der Weltwirtschaft im kommenden Jahrzehnt.

Von Briten und Amerikanern wollte man sich in der Wirtschaftspolitik nicht gängeln lassen, schon gar nicht, wenn es um die wirtschaftliche Zukunft des Landes und die Anbindung an Russland ging. Die neue Welt war multipolar, davon war man überzeugt, und die Türen in diese neue Welt wollte sich Deutschland auch von der amerikanischen Supermacht nicht versperren lassen. Je mehr sich die Bundesregierung Russland zuwandte, umso größer wurde das Misstrauen innerhalb des Verteidigungsbündnisses. Der von den USA ausgerufene Kampf gegen Korruption schien da nur ein Mittel zu sein, Deutschland und Russland im Wettbewerb um neue Märkte auszubremsen. Die Furcht, von den USA in der Wirtschaft ausspioniert zu werden, griff um sich. Konkurrenzdenken zersetzte die transatlantische Partnerschaft. »Die heute übliche Wirtschaftsspionage mag nicht mehr durch die militärische Spannungslage ausgelöst und gesteuert sein, sondern von wirtschaftlichen und technologischen Forderungen, auch wenn es keine Feindbilder mehr gibt«, beschrieb der ehemalige BND-Präsident Hans-Georg Wieck später das Spannungsfeld im westlichen Verteidigungsbündnis in einem Interview, das er auf seiner Webseite veröffentlichte. Und er fügte hinzu: »Das mag den Beobachter überraschen – aber der wirtschaftliche Wettbewerb hat an Bedeutung gewonnen.«

Wieck hatte den Auslandsnachrichtendienst zu Zeiten der Wende geführt und wusste, wohin die deutsche Sicherheitspolitik steuerte. »Abwehr von Spionage befreundeter Nationen gegen das eigene Land ist eine nationale Pflicht, die auch wahrgenommen wird.« Denn: »Die starke Stellung der deutschen Wirtschaft auf dem internationalen Markt beruht auf ihrer hohen technologischen Wettbewerbsfähigkeit, und nicht auf der Wettbewerbsfähigkeit der Arbeitskosten und der Preisgestaltung.«

Zusammengefasst lässt sich schlussfolgern, die deutschen Sicherheitsdienste machten es sich zur Aufgabe, US-Spionage konsequent abzuwehren, um nichts weniger als die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit des Landes zu sichern. Mit den Mitteln der Nachrichtendienste sollte Deutschland nun seine Wirtschaftsinteressen gegenüber den USA verteidigen.

Das war das Mindset, das mit Putins Amtsantritt in Deutschland zur Millenniumswende herrschte. Eine von Wirtschaftsinteressen geleitete Sicherheitspolitik vergiftete das Klima unter den Bündnispartnern. Putin dürfte dies als Steilvorlage gedient haben, um über die deutsche Wirtschaft Einfluss auf den Kurs der deutschen Sicherheitspolitik zu nehmen. Was ihm durchaus zu gelingen schien. Der Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen blieb zwei Jahrzehnte lang das unangefochtene Mantra der deutschen Russlandpolitik – selbst für die Sicherheitsdienste. Dafür bot der Kreml-Chef Deutschland, wonach die Wirtschaft des Landes lechzte: billiges russisches Gas und Milliarden von russischem Schwarzgeld, das nach Europa fließen würde. Ein Konflikt über Gas und Geldwäsche war damit schon im Jahr 2000 zwischen Deutschland und den USA vorprogrammiert.

Kapitel 2Kalter Krieg am Finanzmarkt

Männerfreundschaften und eine deutsch-russische Allianz für russisches Geld und billiges Gas

Auf einer rostroten Troika, einem von drei Pferden gezogenen Schlitten, sitzt breit lachend Bundeskanzler Gerhard Schröder, neben ihm lehnt zurückhaltend lächelnd der neue Kreml-Chef. Im Januar 2001 sind Schröder und seine damalige Gattin Doris Schröder-Köpf zu Besuch in der einstigen Zarenresidenz Kolomenskoje für ein Treffen mit den Eheleuten Wladimir Putin und Ljudmila Alexandrowna Putina. Die Bilder gehen um die Welt.

Dem Präsidenten sei wichtig, mit dem Kanzler ein neues Vorgehen in der Schuldenpolitik zu vereinbaren, hat der Kreml vor dem Besuch verlautbaren lassen. Würde Deutschland auf die Rückzahlung von Krediten aus Sowjetzeiten bestehen, bedeute das den Ruin für Russland. Moskau schlägt daher einen Deal vor: Als Ausgleich für die ausstehenden Altschulden wolle man der deutschen Industrie in Russland unter die Arme greifen.24

Putin öffnete der deutschen Wirtschaft die Tür in sein Reich, dafür sollte die Bundesrepublik auf einen Teil der Schulden verzichten und helfen, das Devisenproblem des Landes zu lösen. Im Jahr 2000 war Russland fast blank. Die Reichen brachten ihre Rubel ins Ausland, sie suchten einen sicheren Hafen für ihr Geld, das unversteuert einen Weg nach Europa suchte.

Kurz vor dem Machtwechsel im Kreml waren US-Ermittler auf Milliarden gestoßen, die aus Russland über dunkle Kanäle in andere Staaten geschleust wurden. Sie gingen von bis zu 15 Milliarden Dollar aus, die von russischen Geschäftsleuten mit Verbindungen zur Mafia oder zum Kreml illegal in den Westen transferiert wurden. Und ein Ende war nicht in Sicht, im Gegenteil. »Je tiefer wir graben, desto mehr finden wir«, wurde ein Ermittler zitiert. Die Herkunft des Geldes blieb ebenso im Unklaren wie die Drahtzieher hinter den Geschäften.25 »Geldwäsche für den Jelzin-Clan?«, mutmaßte der Spiegel dazu schon im Sommer 1999. Das mag so gewesen sein, aber später zeigte sich, dass unter Putins Führung noch etliche weitere Milliarden in den Westen fließen würden.

Mit Putins Amtsantritt hatten die USA den internationalen Kampf gegen Geldwäsche ausgerufen. Die Geldflüsse, die aus Russland nach Europa, vor allem nach Deutschland und über Umwege in die USA strömten, wurden genauestens verfolgt. Mit dem Machtwechsel im Kreml bahnte sich damit ein neuer Kalter Krieg gegen russisches Schwarzgeld an, ausgetragen auf dem europäischen Finanzmarkt.

Die rasante Entwicklung immer neuer und schwer zu durchdringender Finanzinstrumente schien Tür und Tor zu öffnen für unerwünschte Eindringlinge, die man nicht in die Herzkammer des amerikanischen Kapitalismus, den Finanzmarkt, lassen wollte. Mit dem Kampf gegen Geldwäsche verteidigten die USA nichts weniger als das weltweite Finanzsystem. Dieser Kampf richtete sich nun nicht nur gegen Russland und seine neureiche Elite, die russisches Geld und Putins Einfluss in den Westen trug. Auch die Geschäftspartner in Europa, Banken und Unternehmen, die mit Russland Business machen wollten, gerieten in das politische Spannungsfeld.

Die Sorge, dass mit russischem Schwarzgeld auch Putins Vasallen ihren Weg nach Europa finden könnten, um westliche Strukturen zu untergraben, war nicht ganz unbegründet. Die neureichen Milliardäre, die ihr Geld im Westen anlegen wollten, hatten ihr Vermögen in den sich auflösenden sowjetischen Kadern gemacht und sich die kommunistischen Reichtümer mit russischen Mafiabossen geteilt. Da war die Gefahr groß, dass mit der Öffnung der Wirtschaftsblöcke nicht nur der Handel florierte, sondern auch das Geld von kriminellen Banden und dem russischen Geheimdienst einen Weg in den Westen finden würde. Korruption und Geldwäsche drohten sich breitzumachen.

Doch davon wollte Putin nichts wissen. Von den Amerikanern wollte er sich nicht Transparenz und gute Geschäftsführung lehren lassen, sondern selbst die Kontrolle über die reichen Oligarchen übernehmen, die für ihn Russlands Einfluss in der Welt mehren sollten. Mit seinem Amtsantritt war der Kampf gegen Geldwäsche, in den auch hierzulande viele, gerechtfertigt oder nicht, hineingezogen wurden, zum Politikum geworden. »Follow the Money« war die Devise der Amerikaner, wenn es darum ging, Russlands Einfluss in Europa, insbesondere auch in Deutschland, zu kontrollieren. Deutschland sollte sich dem von den USA ausgerufenen Vorgehen anschließen. Wachsamkeit wurde von deutschen Aufsichtsbehörden gefordert, die dem Geld, das nach Europa strömte, nachgehen sollten. Doch das Gegenteil geschah, im Kampf gegen Geldwäsche ging man getrennte Wege. Die Herkunft des Geldes, ob es am russischen Fiskus vorbei im Geschäft mit der russischen Mafia verdient worden war oder aus den Kassen von Putins Geheimdienstkader stammte, schien deutsche Behörden kaum zu interessieren. Die Türen für russisches Geld standen sperrangelweit offen. Auch Deutschland wollte sich von den USA nicht in die Wirtschafts- und Russlandpolitik hineinreden lassen. Die politischen Weichen waren seit Putins Treffen mit Schröder im Juni 2000 auf Neustart und Öffnung der Märkte gestellt. Wandel durch Handel sollte die deutschrussischen Beziehungen prägen. Beim Ausbau der Geschäfte wollte die Wirtschaft freie Hand haben. Wer mit den superreichen russischen Milliardären ins Geschäft kam, durfte nicht danach fragen, ob ihre Gelder daheim legal versteuert wurden oder nicht. Während die US-Geldwäschejäger dem russischen Geld folgten, stellten sie fest, dass unter Putins Führung komplexe System in Europa entwickelt wurden, die allein der Geldwäsche dienten. Schon 2006 wurde das internationale Recherchenetzwerk Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) gegründet, das mit hiesigen Medien zusammenarbeitete, von der US-Regierung, wie sich später zeigte, mitfinanziert wurde und russischen Geldwäschekartellen nachging. Was im Laufe der Jahre ans Tageslicht kam, war alarmierend: Nicht nur russisches Geld floss in Milliardensummen über deutsche Banken »gewaschen« in das Finanzsystem und die USA, auch Putins Freunde und dessen Geheimdienstleute konnten diese Kanäle für ihre Zwecke nutzen, ohne dass deutsche Behörden eingriffen. So spaltete der von den USA ausgerufene Kampf gegen Geldwäsche nicht nur Russland und die USA, sondern entzweite die westlichen Bündnispartner selbst. Ein jahrzehntelanger Konflikt mit den USA im Umgang mit russischer Geldwäsche war vorherbestimmt.