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Andrea Ploder zeichnet in ihrer Arbeit systematisch die verschiedenen Wege der Husserl-Rezeption in der Methodenliteratur nach, unterscheidet verschiedene Rezeptionsweisen und prüft ihr Verhältnis zu den Schriften Husserls. Sie leistet damit einen wichtigen Beitrag zur sozialwissenschaftlichen Methodengeschichte und zur methodologischen Grundlagendebatte der qualitativen Sozialforschung. Aus Sicht der philosophischen Husserl-Forschung ist es ein spannendes Fallbeispiel für Probleme und Potenziale einer Rezeption der Phänomenologie in den Einzelwissenschaften. Auf den ersten Blick hat die Phänomenologie Edmund Husserls mit der qualitativen Sozialforschung wenig gemeinsam: Husserl will die VorausSetzungen wissenschaftlicher Erkenntnis freilegen, keine konkreten Sinnzusammenhänge rekonstruieren. Auf Umwegen hat er die deutschsprachige qualitative Sozialforschung dennoch nachhaltig beeinflusst, wie die vorliegende AuseinanderSetzung deutlich macht. Aber wie sehen diese Umwege aus? Wer sind die zentralen Vermittlungsfiguren? Welche Teile des Husserl'schen Denkens wurden rezipiert und welche Veränderungen haben sie im Zuge der Rezeption erfahren? Die dem Buch zugrundeliegende Arbeit wurde von der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie als eine der vier besten soziologischen Abschlussarbeiten des Jahres 2012 ausgezeichnet. Die sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz hat sie mit einem Förderungsstipendium unterstützt und 2012 als eine der besten Arbeiten des Jahres prämiert.
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Seitenzahl: 374
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Die Arbeit wurde von der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie mit dem »Preis für herausragende Abschlussarbeiten« sowie mit einem Preis der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Graz ausgezeichnet.
Mit freundlicher Unterstützung der Universität Graz und des Landes Steiermark.
KARL-FRANZENS-UNIVERSITÄT GRAZ UNIVERSITY OF GRAZ
Die sich seit ca. Mitte der 1970er Jahre vollziehende Renaissance der verstehenden oder interpretativen Ansätze innerhalb der deutschsprachigen Soziologie ging einher mit einem Aufschwung der Methoden qualitativer Sozialforschung. In diesem Zusammenhang spielte nicht zuletzt die Kritik an einem rationalistischen Wissenschaftsideal und den darauf aufbauenden ‚Messverfahren’ der quantitativen Sozialforschung eine wichtige Rolle.1 Von einem Teil der scientific community wurde den nicht mehr als adäquat empfundenen quantitativen Verfahren eine qualitative Methodologie gegenübergestellt, die besser in der Lage sein sollte, die soziale Wirklichkeit empirisch zugänglich zu machen. Es folgte eine zunächst durchaus polemisch geführte Konfrontation zwischen VertreterInnen qualitativer und quantitativer Verfahren, die erst im neuen Jahrtausend in eine friedlichere Koexistenz beider ‚Lager’ innerhalb der empirischen Sozialforschung einmündete.2 Im Rahmen der methodologischen Debatten kam es nicht selten zu Bezugnahmen auf sozialtheoretische Strömungen, die zur Untermauerung des qualitativen Zugangs und als dessen ‚Vorläufer’ herangezogen wurden. Diese Bezugnahmen fielen unterschiedlich ausführlich aus und reichten von eher legitimatorischen Hinweisen bis hin zu eingehenden Auseinandersetzungen mit relevanten Werken. Zu den solcherart häufig in Einführungen zur qualitativen Sozialforschung erwähnten Autoren gehört auch Edmund Husserl. Eine detaillierte Aufarbeitung der Husserl-Rezeption innerhalb der Diskussionen um die qualitative Sozialforschung steht allerdings bis heute aus. Das vorliegende Buch von Andrea Ploder schließt in äußerst reflektierter Weise diese Forschungslücke und liefert damit einen wichtigen Beitrag zur Fachgeschichte der Soziologie bzw. Wissenschaftsgeschichte insgesamt. Zudem gibt es einen hervorragenden Einblick in für die qualitative Sozialforschung relevante Konzepte aus dem Werk Husserls, wobei das philosophische und das soziologische Fachwissen der Autorin fruchtbringend miteinander verbunden werden.
Beschäftigt man sich mit der Rezeption eines Autors oder einer Autorin innerhalb eines Faches oder eines Teilgebietes daraus, so stellt sich immer die Frage, wie eine Auswahl des zu untersuchenden Materials gestaltet werden kann, um die gewählte Fragestellung auf sinnvolle Art und Weise zu operationalisieren. Andrea Ploder ist sich der internationalen und interdisziplinären Verflechtungen des Wissenschaftssystems bewusst und nimmt daher gut nachvollziehbare Einschränkungen ihres Untersuchungsfeldes vor, um dieses handhabbar zu machen. Die Arbeit konzentriert sich auf die qualitative Sozialforschung im deutschsprachigen Raum, konkret auf jene innerhalb der Soziologie. Das untersuchte Textmaterial orientiert sich an einer von der DGS-Sektion 'Methoden der qualitativen Sozialforschung' veröffentlichten Leseliste. Neben der Aufarbeitung der unterschiedlichen Rezeptionsweisen Husserls liefert das Buch auch einen guten Einblick in andere sozialtheoretische Strömungen bzw. AutorInnen (etwa Max Weber, Alfred Schütz, Peter L. Berger und Thomas Luckmann), die die qualitative Sozialforschung beeinflusst haben, und beleuchtet deren Verhältnis zu Husserls Phänomenologie.
Im Zentrum der Analyse stehen fünf Richtungen der qualitativen Sozialforschung (die Sozialwissenschaftliche Hermeneutik, die Biographieforschung, die Ethnomethodologie, die Methodenkritik Aaron V. Cicourels und die Ethnographie), in denen Husserl ausführlicher explizit rezipiert wurde und wird. Indem das jeweilige Forschungsprogramm der AutorInnen vor-gestellt und die Bedeutung einzelner Konzepte Husserls für ebenjenes erörtert werden, wird zugleich ein sehr lesenswerter allgemeiner Überblick über die ausgewählten Ansätze gegeben. Alle Kapitel sind sorgfältig recherchiert und liefern interessante Einblicke in das Werk Husserls, die Methodologie qualitativer Sozialforschung, konkrete Rezeptionsweisen Husserls in den verschiedenen Richtungen qualitativer Sozialforschung sowie allgemein in methodische Probleme beim Aufspüren von Rezeptionsvorgängen innerhalb der Sozialwissenschaften.
Graz, im August 2014
Katharina Scherke
1 Vgl. Hopf/Müller 1995: 54–62.
2 Vgl. Rehberg 2003: 23.
1. Einleitung
2. Husserl und die Methodologie der qualitativen Sozialforschung
2.1. Verstehende Soziologie nach Max Weber
2.2. Sozialphänomenologie nach Alfred Schütz
2.3. Phänomenologische Wissenssoziologie nach Peter L. Berger & Thomas Luckmann
3. Husserl und die Methoden der qualitativen Sozialforschung
3.1. Sozialwissenschaftliche Hermeneutik
3.2. Biographieforschung
3.3. Ethnomethodologie
3.4. Methodenkritik bei Aaron V. Cicourel
3.5. Ethnographie
4. Fazit
Dank
Literatur
Anhang: Leseliste DGS-Sektion für Methoden der qualitativen Sozialforschung
Personenregister
Sachregister
Die qualitative Sozialforschung hat in den letzten dreißig Jahren im deutschsprachigen Raum stark an Bedeutung gewonnen.3 Darin spiegelt sich ein internationaler Trend, der sich in einer wachsenden Zahl an Publikationen niederschlägt. Seit 1990 wurden im deutschsprachigen und angloamerikanischen Raum zumindest neun Zeitschriften mit expliziter Ausrichtung auf qualitative Forschung gegründet,4 auch Methodenhandbücher erscheinen in großer Zahl.5
In vielen dieser Methodenhandbücher und Zeitschriften wird auf den deutschen Philosophen und Begründer der Phänomenologie Edmund Husserl Bezug genommen. Mit Blick auf das Forschungsinteresse Husserls, das von dem der Sozialwissenschaften weit entfernt war, ist das bemerkenswert. Noch bemerkenswerter ist die Tatsache, dass ein Großteil dieser Texte nicht zugleich auf Alfred Schütz verweist, der als wichtigster Vermittler von Husserls Werk an die Sozialwissenschaften gilt. Das legt eine Bedeutung Husserls für die qualitative Sozialforschung nahe, die durch seinen Einfluss auf Schütz nicht vollständig beschreibbar ist bzw. nicht in diesem Einfluss aufgeht.6
Der Einfluss der Phänomenologie, insbesondere der Sozialphänomenologie von Alfred Schütz auf die soziologische Theorie wurde bereits in mehreren Überblickswerken behandelt.7 Zur Bedeutung Husserls für die qualitative Sozialforschung liegt bisher aber nur eine nennenswerte Studie vor: Thomas S. Eberles 1984 erschienenes Werk Sinnkonstitution in Alltag und Wissenschaft. Der Beitrag der Phänomenologie an die Methodologie der Sozialwissenschaften. Eberle hat eine detaillierte Analyse der Bedeutung von Husserl für Schütz und von Schütz für die damalige interpretative Soziologie vorgelegt, die sich zu diesem Zeitpunkt (zumindest aus der Sicht von Eberle) fast ausschließlich auf die Ethnomethodologie konzentriert hat. Fast dreißig Jahre später lohnt sich eine Neuevaluierung der Rezeptionsgeschichte. In diesem Zeitraum hat sich die qualitative Forschung im deutschsprachigen Raum weitgehend etabliert, ist ausdifferenzierter, vielfältiger und methodologisch fundierter geworden. Die Bedeutung der Phänomenologie hat dabei nicht abgenommen – ganz im Gegenteil: Die Forschungsstile rund um das Programm der Sozialwissenschaftlichen Hermeneutik und die Biographieforschung boomen heute mehr denn je, und gerade hier ist der Einfluss der Phänomenologie besonders deutlich.
Vor diesem Hintergrund hat die vorliegende Studie das Ziel, die aktuelle Bedeutung der Phänomenologie Husserls für die Methoden der qualitativen Sozialforschung im deutschsprachigen Raum herauszuarbeiten. Sie rekonstruiert die Zusammenhänge, in denen Husserl in der Methodenliteratur rezipiert wird, und fragt nach der Adäquanz der Rezeption mit Blick auf das Primärwerk. Die Untersuchung versteht sich damit zum einen als Beitrag zur Soziologiegeschichte, zum anderen als Beitrag zur Selbstaufklärung der qualitativen Methodologie über ihre ideengeschichtlichen Wurzeln. Für die philosophische Husserl-Forschung kann sie ebenfalls von Interesse sein, weil sie Potenziale und Übersetzungsprobleme einer transdisziplinären Rezeption von Husserls Denken anhand eines konkreten Beispiels diskutiert.
Mit Blick auf die Breite und Vielfalt des untersuchten Forschungsfelds ist es notwendig, den Forschungsgegenstand in mehrfacher Hinsicht einzuschränken. Die erste Einschränkung ist geographisch und begrenzt den Forschungsgegenstand auf die Rezeption innerhalb der im deutschsprachigen Raum ansässigen Forschungs-Community. Sowohl in der amerikanischen als auch in der deutschsprachigen qualitativen Methodenentwicklung gibt es starke Bezüge zur Phänomenologie, jedoch mit unterschiedlichen Schwerpunkten. 8
Die zweite Einschränkung ist disziplinär: Die Untersuchung beschränkt sich auf jene Methoden der empirischen Sozialforschung, die in der Soziologie angewandt und diskutiert werden. Das bedeutet allerdings nicht, dass nur von SoziologInnen entwickelte Methoden von Relevanz wären. In der Soziologie werden häufig Methoden verwendet, die in anderen Sozialwissenschaften oder in interdisziplinären Forschungsteams entwickelt wurden, besonders reger Austausch über Methodenfragen besteht etwa mit der Pädagogik, der Psychologie, den Kommunikationswissenschaften und der Ethnologie.9 Eine Untersuchung, die diesem Umstand Rechnung tragen will, muss also auch jene Methoden berücksichtigen, die zwar in anderen Disziplinen entwickelt wurden, aber heute in der Soziologie Verwendung finden.
Die dritte Einschränkung betrifft die Art der Rezeption: Die Untersuchung umfasst nur direkte (d.i. namentliche) Bezugnahmen auf Husserl, inhaltliche Rezeptionen ohne explizite Nennung Husserls bleiben unberücksichtigt. Diese Fokussierung ist nötig, um das Unternehmen im vorliegenden Rahmen bewältigbar zu machen, führt aber zu einer starken Einschränkung des Erkenntnisanspruchs. Mit Stefan Hornbostel ist davon auszugehen, dass Wissensfragmente auf ihrem Weg in einzelne Publikationen unzählige „komplexe Transformationsprozesse“ 10 durchlaufen, die zu einer Verschleierung der ideengeschichtlichen Ursprünge dieses Wissens führen. Eine umfassende Aufarbeitung der Bedeutung Husserls für die Methoden der qualitativen Sozialforschung darf also nicht bei der direkten Rezeptionsgeschichte stehenbleiben, diese kann aber als erster Schritt und Grundlage für Folgeprojekte betrachtet werden. Die Einschränkung auf explizite Bezugnahmen hat außerdem zwei große inhaltliche Vorteile: Erstens kommen dadurch genau jene und nur jene Konzepte in den Blick, die von den AutorInnen explizit mit Husserl in Verbindung gebracht werden. Zweitens wird damit der Gefahr vorgebeugt, dass Konzepte, die in ähnlicher Form bei verschiedenen AutorInnen vorgekommen sind, fälschlicherweise Husserl zugeschrieben werden. Das könnte sowohl inhaltlich ähnliche Konzepte als auch Begriffe betreffen, die ursprünglich von Husserl stammen, sich mittlerweile aber inhaltlich ‚verselbständigt’ haben. Die damit verbundenen Interpretationsschwierigkeiten können durch die Einschränkung auf explizite Bezüge vermieden werden.
Die Methodenliteratur zur qualitativen Sozialforschung ist in den letzten Jahren geradezu explodiert. Alle einschlägigen Texte in die Rezeptionsanalyse einzubeziehen, ist daher weder möglich noch zielführend. Für eine aussagekräftige Auswahl kommen auf den ersten Blick verschiedene Kriterien in Betracht:
Zunächst wäre es naheliegend, auf die Methodenwerke zu fokussieren, die sich intensiv mit Husserl auseinandersetzen. Abgesehen davon, dass es nur wenige derartige Werke gibt, wäre das Ergebnis damit aber auf einen ganz spezifischen Ausschnitt aus der Husserl-Rezeption beschränkt. Viele einflussreiche Werke könnten nicht berücksichtigt werden und der Blick auf die Rezeption Husserls im Mainstream der qualitativen Sozialforschung wäre verstellt.
Eine weitere Möglichkeit wäre die Eingrenzung auf explizit soziologische Methodenliteratur, also auf Texte von AutorInnen, die sich der Soziologie als Disziplin zurechnen. Auch diese Strategie ist aber nur auf den ersten Blick vielversprechend. Die in der Soziologie einflussreichsten Lehrbücher zur qualitativen Forschung wurden weder ausschließlich von SoziologInnen verfasst, noch richten sie sich ausschließlich an SoziologInnen. Die meisten einschlägigen Sammelbände adressieren ein breites sozialwissenschaftliches Publikum und versammeln AutorInnen verschiedener sozial- und kulturwissenschaftlicher Disziplinen.11 Eine Eingrenzung auf Texte aus der Soziologie für die Soziologie würde also der Struktur des Feldes widersprechen.
Auch eine sprachliche bzw. zeitliche Einschränkung (etwa auf deutschsprachige Literatur oder auf Werke, die in den letzten 20 Jahren erschienen sind) spiegelt die Rezeption in der deutschsprachigen Soziologie nicht angemessen wieder, weil dort sowohl englischsprachige als auch ältere Werke rezipiert werden.
Es gilt also, eine Samplingstrategie zu wählen, die die Auswahl der zu untersuchenden Texte dem Feld selbst überlässt. Die ForscherInnen selbst sollen entscheiden, welche Werke für sie zum zentralen Lektürebestand gehören. Als Dokumentation dieser Auswahl bietet sich eine Literaturliste an, die die DGS-Sektion für Methoden der qualitativen Sozialforschung12 auf ihrer Website veröffentlicht hat und deren aktuelle Version seit 2007 verfügbar ist. Die Vorbemerkung gibt einen guten Anhaltspunkt für die Bedeutung, die die Sektion der Liste zumisst:
Der Vorstand der Sektion legt hier eine neue Leseliste für den Bereich der qualitativen Methoden vor. Zielgruppe der Leseliste sind die Mitglieder der Sektion, interessierte Kolleginnen und Kollegen sowie Studierende. Das Ziel der Leseliste ist es, einen aktuellen Überblick über wichtige, einschlägige und hilfreiche Publikationen im Bereich der qualitativen Methoden zu geben und damit auch die aktuelle Entwicklung in diesem Feld zu dokumentieren. Es ist nicht das Ziel der Leseliste, alle Neuerscheinungen oder die Publikationen der Sektionsmitglieder zu dokumentieren, sondern eine Auswahl an Publikationen anzubieten, die für die Lehre und die eigene Forschung wichtig sein können.13
Für die vorliegende Untersuchung bietet die Liste aus verschiedenen Gründen einen interessanten Ausgangspunkt: Zunächst ist davon auszugehen, dass sie das Selbstverständnis der Sektion mit Blick auf „wichtige, einschlägige und hilfreiche Publikationen im Bereich der qualitativen Methoden“ wiederspiegelt. Weiters ist anzunehmen, dass die Liste zu einer verstärkten Rezeption der gelisteten Werke in der wissenschaftlichen Forschung und Lehre führt und so eine gewisse Feedback-Wirkung entfaltet. Es gibt also Grund zur Annahme, dass die gelisteten Werke spätestens ab dem Zeitpunkt ihrer Listung die Bedeutung erlangen, die ihnen in der Vorbemerkung zugeschrieben wird.14
Die Leseliste der Sektion führt unter den Titeln Allgemeine Einführungen und Lehrbücher, Klassische Studien, Theorie und Methodologie, Forschungsansätze, Forschungsmethoden / Datentypen und Analyseverfahren 102 Titel an, davon 19 Sammelbände. Insgesamt enthält sie rund 200 selbstständige und unselbständige Werke – die Zeitschriftenaufsätze nicht mitgerechnet. Die inhaltliche Bandbreite erstreckt sich über die verschiedensten qualitativen Methodentraditionen (Grounded Theory, Biographieforschung, Ethnomethodologie, hermeneutische Verfahren, Diskursanalyse, usw.) und Datentypen (Interviewforschung, Beobachtungsstudien, Gruppendiskussionen, Foto- und Filmanalyse, Dokumentenanalyse, etc.) und umfasst darüber hinaus klassische qualitative Studien wie Malinowskis Argonauten des westlichen Pazifik (1922), die Marienthal-Studie von Jahoda, Zeisel und Lazarsfeld (1933) oder die Street Corner Society von William F. Whyte aus dem Jahr 1943.15 Die vorliegende Untersuchung konzentriert sich auf die Lehrbuchliteratur sowie einige größere Beispielstudien und lässt die Zeitschriften weitgehend außer acht.
Die vorliegende Untersuchung hat die Form einer kritischen Rezeptionsanalyse. Im Fokus steht nicht nur die Frage, welche Konzepte, Begriffe und Ideen Husserls in der Methodenliteratur rezipiert wurden und mit welchem Ergebnis, sondern vor allem auch wie diese Rezeption erfolgt ist und wie sie mit Blick auf das Primärwerk zu beurteilen ist. Im Vorfeld einer solchen Untersuchung muss zunächst geklärt werden, was unter einer Rezeption zu verstehen ist und an welchen Kriterien sie normativ gemessen werden kann. Ein elaborierter Rezeptionsbegriff ist die Voraussetzung für eine deskriptive und zugleich kritische Auseinandersetzung mit der Husserl-Rezeption in der Methodenliteratur. Eine Auseinandersetzung mit der Frage, welche Rezeptionsweisen mit Blick auf die beteiligten Forschungsprogramme, Rezeptionsmotive und Werksituationen naheliegend bzw. überhaupt möglich sind, schärft außerdem den Blick für überraschende Rezeptionsweisen und schafft einen sinnvollen Referenzpunkt für eine kritische Perspektive.
Was also ist unter dem Begriff der Rezeption zu verstehen? Welche Arten von Rezeption sind grundsätzlich denkbar, welche im vorliegenden Fall wahrscheinlich bzw. erwartbar? Und an welchen Kriterien kann ihre Adäquanz gemessen werden?
(a) Nach der Tiefe der Auseinandersetzung werden zunächst echte Rezeptionen von Pauschalverweisen unterschieden. Als ‚echte’ Rezeptionen werden in weiterer Folge explizite und inhaltlich ausgearbeitete Bezugnahmen auf ein Konzept (einen Begriff, eine Denkfigur, eine Methode, etc.) bezeichnet. Pauschalverweise weisen auf eine Quelle hin, ohne die dort formulierten Gedanken weiter zu diskutieren. Sie enthalten typischerweise keine Hinweise auf einzelne Textstellen, sondern beziehen sich ‚pauschal’ auf das Werk an sich. Innerhalb der Gruppe der echten Rezeptionen wird (je nach Differenzierungsgrad) weiter zwischen differenzierter und oberflächlicher Rezeption unterschieden, die Pole eines Kontinuums bilden. Je stärker inhaltlich auf das rezipierte Konzept eingegangen wird, desto differenzierter ist die Rezeption.
(b) Nach dem Ziel der Auseinandersetzung mit dem Ursprungstext wird zweitens (mit Thomas Eberle) zwischen exegetischen und inspirativen Rezeptionen unterschieden: Exakte exegetische Analysen sind Eberle zufolge durch das „Bestreben nach Klärung der einzelnen Komponenten und weiterer Elaboration derselben sowie dem Schließen allfälliger Lücken“16 gekennzeichnet. Die Nutzung des rezipierten Konzepts als bloße Inspirationsquelle beschreibt er als „die jedem Dogma entsagende heuristische Aneignung [… der] Konzepte mit dem Ziel, zwar […] befruchtete, aber wesentlich eigene Wege zu gehen.“17 Inspirative Rezeptionen berühren oft die Grenzen dessen, was überhaupt noch als Rezeption gelten kann. Exegetische und inspirative Rezeptionen bilden aber grundsätzlich ebenfalls ein Kontinuum: konkrete Rezeptionen sind immer mehr oder weniger exegetisch bzw. inspirativ.
(c) Nach dem Grad der Orientierung am ursprünglichen Kontext des rezipierten Konzepts wird drittens zwischen werktreuer, fortdenkender und stark modifizierender Rezeption unterschieden. Werktreue Rezeptionen belassen das Konzept in seinem ursprünglichen Kontext (ein Beispiel wäre die Erörterung der Rolle der phänomenologischen Reduktion für das Forschungsprogramm Husserls). Fortdenkende Rezeptionen entwickeln das rezipierte Konzept in engem Anschluss an seinen ursprünglichen Kontext weiter, wie es etwa Schütz mit Husserls Intentionalitätskonzept getan hat. Stark modifizierende Rezeptionen schließlich transferieren das rezipierte Konzept in einen gänzlich neuen Kontext, wodurch es starke inhaltliche Veränderungen erfährt (z.B. Ilja Masos Rezeption der Husserlschen Eidetik).
(d) Nach der Art der strategischen Einbettung der Rezeption in den rezipierenden Text wird viertens zwischen affirmativer, kritischer, anwendender und abgrenzender Rezeption unterschieden. Affirmative Rezeptionen bestätigen das rezipierte Konzept in seiner Geltung und nutzen es zur Stützung eines eigenen Denkansatzes oder Arguments. Kritische Rezeptionen beziehen sich hinterfragend und zweifelnd auf das rezipierte Konzept, anwendende Rezeptionen führen es aus bzw. setzen es um. Sie sind meist affirmativ, können aber auch kritisch zur Demonstration der Untauglichkeit der rezipierten Konzepte herangezogen werden. Wenn eigene Konzepte in kritischer Abhebung von anderen ähnlichen Konzepten unterschieden werden, wird von abgrenzenden Rezeptionen gesprochen.
(e) Nach der inhaltlichen Adäquanz wird schließlich zwischen adäquater und inadäquater Rezeption unterschieden. Auch hier handelt es sich um Pole eines Kontinuums, die auf einen normativen Maßstab angewiesen sind. Ein Hauptkriterium ist die Vereinbarkeit der Rezeption mit dem Wortlaut der Primärliteratur, sowie eine prinzipielle Vereinbarkeit mit den grundlegenden Überzeugungen Husserls. Werktreue und exegetische Rezeptionen, die mit dem Wortlaut Husserls und seinem Gesamtprogramm gut vereinbar sind, sind demnach in den meisten Fällen adäquat. Umgekehrt sind stark modifizierende oder rein inspirative Rezeptionen mit Blick auf das Primärwerk sehr wahrscheinlich inadäquat. Schwieriger wird es allerdings mit der im vorliegenden Zusammenhang weitaus größten Gruppe, den stark modifizierenden Rezeptionen. Die Adäquanz muss in diesen Fällen nicht nur an der Vereinbarkeit mit dem Primärwerk, sondern auch an der Fruchtbarkeit für den rezipierten Kontext gemessen werden. Wird ein Konzept gegen den Wortlaut des Primärtextes gelesen, gilt es jedenfalls als inadäquat. Ein Abweichend von der Werklogik oder dem Gesamtprogramm der Husserlschen Phänomenologie muss aber bei modifizierenden Rezeptionen grundsätzlich toleriert werden, solange das Konzept in einer für den Rezeptionskontext sinnvollen Weise modifiziert wird. Wichtig ist außerdem festzuhalten, dass eine aus Sicht der Husserl-Forschung inadäquate Rezeption für die qualitative Forschung dennoch von großem Wert sein kann. Garfinkels Husserl-Rezeption beispielsweise ist mit Blick auf das Primärwerk über weite Strecken inadäquat, hat aber für die Ethnomethodologie dennoch große theoretische Gewinne mit sich gebracht.
Welche Arten von Rezeption sind nun im vorliegenden Zusammenhang zu erwarten? Hier ist zunächst der Umstand zu berücksichtigen, dass es sich um einen disziplinenübergreifenden Rezeptionszusammenhang handelt. Fragestellungen, Forschungsinteressen und Gegenstände der qualitativen Sozialforschung sind von jenen der Phänomenologie verschieden. Vor diesem Hintergrund ist eine werktreue Rezeption äußerst unwahrscheinlich. 18 Exegetische Rezeptionen sind aber durchaus denkbar, wenn die eingehende Auseinandersetzung mit dem Primärtext in den Dienst einer werknahen Weiterentwicklung der jeweiligen Theorie gestellt wird (beispielsweise einer elaborierten Theorie der Intersubjektivität). Fortdenkende Rezeptionen sind grundsätzlich ebenfalls denkbar, vor allem im Bereich der Methodologie. Weil Husserls phänomenologisches Programm aber letztlich recht weit von einer Methodologie der Sozialwissenschaften entfernt ist, sind im vorliegenden Kontext in erster Linie stark modifizierende Rezeptionen zu erwarten. Anwendende Rezeptionen sind mit Blick auf das dezidiert nichtempirische Interesse Husserls nur dann vorstellbar, wenn sie mit einer starken Modifikation seines methodischen Zugangs einhergehen. Kritische oder abgrenzende Rezeptionen sind zu Beginn der Rezeptionsgeschichte unwahrscheinlich, weil Husserls Phänomenologie vor der Rezeption durch Schütz in den Sozialwissenschaften keine theoretische Größe war, an der man sich hätte abarbeiten müssen. Später ist es aber durchaus denkbar, dass zur Propagierung eines neuen Ansatzes in einem Feld, in dem Husserl bereits rezipiert wurde, auch eine abgrenzende bzw. kritische Bezugnahme auf Husserl oder einzelne seiner Konzepte erfolgt.
Husserls Werk ist umfangreich und nicht leicht zu erschließen. Neben einigen zu Lebzeiten veröffentlichten Bänden hat er mehrere Werkfragmente und zahlreiche Notizen hinterlassen, sowie eine Reihe von Rand- und Zusatzbemerkungen (die sogenannten ‚Beilagen’) zu den Handexemplaren seiner Bücher. Der Nachlass wird seit den späten 1940er Jahren mit großer Sorgfalt aufgearbeitet und in der nach wie vor erscheinenden Schriftenreihe Husserliana zugänglich gemacht. In dieser Reihe wurden fast alle seine Werke in kritischer Edition und ergänzt um Beilagen sowie thematisch einschlägige Notizen und Fragmente veröffentlicht.19
Diese Werklage, gepaart mit dem Umstand, dass Husserl sich im Verlauf seiner Schaffenszeit inhaltlich oft wiederholt, aber in Details immer wieder neu positioniert hat, macht die Orientierung in seinem Werk zu einer großen Herausforderung.20 Zudem hat sich Husserl ausführlich mit der Entwicklung und Schärfung der phänomenologischen Methode beschäftigt, aber vergleichsweise wenige tatsächliche Analysen vorgenommen. Der damit verbundene Mangel an Anwendungsbeispielen erschwert das Verstehen bzw. Erlernen der phänomenologischen Methode.21
Husserls Schaffen kann grob in drei Phasen unterteilt werden: die Frühphase (von der Philosophie der Arithmetik aus 1891 bis zu den Logischen Untersuchungen I und II aus 1900 und 1901, die Phase nach der transzendentalen Wende (ab 1905/07)22, in die insbesondere die Ideen I-III und die Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins fallen, sowie die Spätphase (ab ca. 1929), mit den Cartesianischen Meditationen, der Krisisschrift und Erfahrung und Urteil. In der Frühphase charakterisiert Husserl die Phänomenologie als deskriptive Psychologie. Nach 1903 trennt er die Psychologie als Erfahrungswissenschaft von der transzendentalen Phänomenologie als Erkenntnistheorie. Nur wenn „die empirische Beziehung ausgeschaltet“23 bleibt, kann die Phänomenologie zur Erkenntnistheorie beitragen, so Husserl in einem seiner Manuskripte. Er beginnt deshalb an einer Methode zu arbeiten, die es ihm erlaubt, „die naive Vorstellung eines bloß vorgefundenen und als es selbst zu beschreibenden Gegebenen zu überwinden“24 und auf dieser Basis eine strenge Deskription von Gegenständen unter Ausschaltung der empirischen Beziehung vorzunehmen.25 Diese Methode beschreibt er erstmals 1907 in seinen fünf Vorlesungen zur Idee der Phänomenologie.26 In der Spätphase gewinnt das Problem der Intersubjektivität immer mehr an Gewicht und Husserl entwickelt (vor allem in den Cartesianischen Meditationen und der Krisis) das Konzept der Lebenswelt. Die Lebensweltthematik verknüpft er in den Vorträgen zur Krisis mit einer Kritik an der Wissenschaftsauffassung seiner Zeit.27 In Erfahrung und Urteil legt er schließlich eine weitere Bearbeitung der eidetischen Reduktion als Methode der Wesenserkenntnis vor, die bereits in den Ideen I angelegt ist.28
Das grundsätzliche Programm der Phänomenologie benennt Husserl in kaum einem Werk so deutlich wie in dem 1910/11 erstmals erschienenen Aufsatz Philosophie als strenge Wissenschaft.29 Dort führt er die Phänomenologie als Voraussetzung einer streng wissenschaftlichen Philosophie ein. Um strenge Wissenschaft zu sein, fehlt es der Philosophie ihm zufolge an einem einheitlichen Lehrsystem, klaren Prinzipien, exakter Methode, Evidenz und Allgemeingültigkeit. Die Formulierung dieser Grundlagen sieht er als zentrale Aufgabe der Phänomenologie an.30
Husserl trennt die Phänomenologie nachdrücklich von den Wissenschaften. Nach seinem Verständnis interessieren sich die Wissenschaften für objektive Wahrheiten, die transzendentale Phänomenologie dagegen für Phänomene – also dafür, wie Gegenstände dem Bewusstsein erscheinen:
Das erkenntnistheoretische Interesse [der transzendentalen Phänomenologie …] geht nicht auf objektives Sein und auf Aufstellung von objektiven Wahrheiten für objektives Sein, somit nicht auf objektive Wissenschaft. Das Objektive gehört eben der objektiven Wissenschaft an, und was der objektiven Wissenschaft hier an Vollendung fehlt, das zu erreichen ist ihre Sache und nur ihre allein. Das transzendentale Interesse, das Interesse der transzendentalen Phänomenologie, geht vielmehr auf das Bewusstsein als Bewusstsein, es geht auf Phänomene […]. Diese Zusammenhänge zwischen wahrhaftem Sein und Erkennen klarzulegen und so überhaupt die Korrelationen zwischen Akt, Bedeutung, Gegenstand zu erforschen, ist die Aufgabe der transzendentalen Phänomenologie.31
Die Phänomenologie will also die Voraussetzung wissenschaftlicher Erkenntnis klären, nicht selbst objektive Wissenschaft sein: „Es gilt nicht, Objektivität zu sichern, sondern sie zu verstehen.“32 Sie hat erkenntnistheoretische Interessen, keine Erkenntnisinteressen im engeren Sinn. Anders als die meisten klassischen Erkenntnistheorien will sie auch kein letztes sicheres Fundament für Erkenntnis zur Verfügung stellen. Sie will vielmehr verstehen, was wir tun, wenn wir erkennen. Aus der Sicht der Phänomenologie ist „die Welt, wie sie uns erscheint – sei es in der Wahrnehmung, im praktischen Umgang oder in wissenschaftlichen Analysen –, die einzig wirkliche Welt“33. Mithilfe der phänomenologischen Methode kann zwar eine andere Einstellung auf diese Welt gewonnen werden, auch sie kann aber nicht die ‚Welt an sich’ in den Blick bekommen:
Die Realität des Gegenstandes wird nicht vor oder hinter seiner Erscheinung gesucht […]. Wie ein Gegenstand erscheint, ist nicht unwesentlich für den Gegenstand selbst. […] Die eigentliche Wesensart des Gegenstandes ist also nicht irgendwo hinter den Phänomenen verborgen, sondern entfaltet sich gerade in ihnen.34
Das methodische Anliegen von Husserls Phänomenologie lässt sich mit Sonja Rinofner-Kreidl zusammenfassen als „eine Analyse des Sinngehaltes von Erfahrungen, welche sich auf die intentionale Struktur bzw. die Form des in diesen Erfahrungen manifesten Bewusstseins konzentriert.“35 Zentral dafür ist das Konzept der Intentionalität. Es besagt, dass Bewusstsein und Gegenstand nicht unabhängig voneinander zu denken sind, sondern der Gegenstand als solcher erst in der intentionalen Bezugnahme eines Bewusstseins auf ihn konstituiert wird. Auch das Bewusstsein kann nicht unabhängig von dem Gegenstand gedacht werden, auf den es sich richtet. Erfahrungen sind also gleichermaßen mit Gegenständen wie mit dem auf sie gerichteten Bewusstsein verbunden. Der Sinngehalt einer Erfahrung ist „der objektive, sprachlich ausdrückbare (‚objektivierbare’) Gehalt verschiedener Weisen der Beziehung auf Gegenstände, Sachverhalte oder Welt überhaupt.“36 Gegenstand der Phänomenologie sind intentionale Akte und ihre Inhalte.37 Um sie untersuchen zu können, müssen sie zum Phänomen gemacht werden. Das heißt, sie müssen so betrachtet werden, dass „das den Gegenstand intendierende Erlebnis und sein Inhalt“38 sowie das Wie seines Intendiertseins in den Blick kommen. Das geschieht durch eine reflexive Bezugnahme auf das mit dem intentionalen Akt verbundene Bewusstseinserlebnis.39 PhänomenologInnen wollen „die Phänomenalität“ von Erlebnissen, den Gehalt von Erfahrungen „möglichst vorurteilslos […] und möglichst voraussetzungslos […] beschreiben“ 40.
Im Zuge der Husserl-Rezeption in der qualitativen Sozialforschung wurden einzelne Elemente aus diesem Programm herausgelöst und für die methodologische Begründung interpretativer Forschungszugänge fruchtbar gemacht. Diese Konzepte im Vorfeld geschlossen darzustellen, ist mit Blick auf das Anliegen der Untersuchung nicht zielführend. Eine stringente Einführung in Husserls Werk ist andernorts geleistet worden41 und würde weit über eine Darstellung der in der qualitativen Forschung rezipierten Konzepte hinausgehen. Stattdessen werden die rezipierten Begriffe und Konzepte in weiterer Folge jeweils direkt im Zusammenhang mit ihrer Rezeption erläutert.
Auf Basis der bisherigen knappen Einführung können aber einige Grundpositionen in Husserls Denken festgehalten werden, die für eine Einschätzung der Rezeptionsgeschichte wichtig sind:
(a) Das Anliegen von Husserls transzendentaler Phänomenologie ist dezidiert nicht empirisch. Die Reduktionen führt er als Methoden ein, um von der natürlichen Einstellung in eine transzendentale bzw. phänomenologische Einstellung zu gelangen. Er schlägt zu keinem Zeitpunkt vor, dass die Wissenschaften (insbesondere die empirischen Wissenschaften – also auch die qualitative Sozialforschung) diesen Einstellungswechsel durchführen sollen.
(b) Husserl hat den Gegenständen der Sozialwelt (Handlungen, Interaktionen, usw.) qua Gegenstand nie große Aufmerksamkeit geschenkt.42 Die Übertragung seiner Konzepte in den Gegenstandsbereich der Sozialwissenschaften ist daher ein reines Rezeptionsprodukt, das in erster Linie Alfred Schütz zuzurechnen ist.
(c) Im Fokus von Husserls Interesse stehen die Phänomene als das, was sich zeigt und wie es sich zeigt. Er betont, dass der Horizont bzw. die lebensweltliche Verortung, vor deren Hintergrund uns Gegenstände erscheinen, das Wie ihres Erscheinens mitbestimmen.
Dass Husserl in so vielfältiger und umfänglicher Weise Eingang in die Methodologie qualitativer Sozialforschung gefunden hat, ist vor diesem Hintergrund erstaunlich. Die vorliegende Untersuchung wird zeigen, dass sein Denken tatsächlich einige Transformationen durchlaufen musste, um für die Sozialforschung interessant zu werden. In dieser veränderten Form hat es sich jedoch als äußerst fruchtbar erwiesen und auch dort, wo sich die Rezeption sehr weit vom Primärwerk entfernt, wichtige methodologische Impulse gesetzt.
Außerdem hat Husserls Programm eine wesentliche Eigenschaft mit der elaborierten Diskussion über Methodologie und Methode gemeinsam, die für die deutschsprachige qualitative Forschung kennzeichnend ist.43 Beide versuchen, eine am Subjekt ansetzende Forschungshaltung als exakte, regelgeleitete Tätigkeit auszuweisen, methodologisch und epistemologisch zu begründen und ihr damit im Konzert der Wissenschaften eine gleichberechtigte Position neben den exact sciences zu verschaffen. Dass die Phänomenologie die qualitative Sozialforschung nicht in derselben Weise begründen kann wie Husserl es für die Philosophie versucht hat, ist bereits in dieser kurzen Skizze deutlich geworden. Viele Rezeptionen entfernen sich denn auch so weit vom Primärwerk, dass kaum mehr verständlich ist, warum sie sich überhaupt auf Husserl beziehen. Es liegt also die Vermutung nahe, dass die Husserl-Rezeption nicht nur methodologisch-inhaltliche, sondern auch strategische Hintergründe hat. Mit der Bezugnahme auf einen Denker, der mit dem Begriff der strengen Wissenschaft assoziiert wird, können auch wissenschaftspolitische Distinktionsgewinne verbunden sein.44
3 Vgl. zu diesem Befund auch Reichertz 2007.
4 The Qualitative Report (gegründet 1990), Qualitative Inquiry (1995), Zeitschrift für Qualitative Forschung (2000), Forum Qualitative Sozialforschung (2000), Sozialer Sinn. Zeitschrift für hermeneutische Sozialforschung (2000), Gesprächsforschung (2000), Qualitative Research (2001), International Journal of Qualitative Research (2002) und Qualitative Sociology Review (2005).
5 Vgl. für den deutschsprachigen Raum beispielsweise Bohnsack 2007 [1991], Bohnsack/Marotzki/Meuser 2006 [2003], Flick/Kardorff/Steinke 2007 [2000], Flick 2007a [1995], Rosenthal 2008 [2005], Kleemann/Krähnke/Matuschek 2009, Przyborski/Wohlrab-Sahr 2013, Strübing 2013 sowie zahlreiche Spezialeinführungen in einzelne Methoden wie etwa Deppermann 2008 [1999], Hitzler/Honer 2002 [1997], Rosenthal 1995 etc. Auch das Berliner Methodentreffen Qualitative Forschung hat in den letzten zehn Jahren viel zur weiteren Etablierung und Befestigung der qualitativen Forschung im deutschsprachigen Raum beigetragen. Vgl. für ein Zwischenresümee Mey/Mruck 2014.
6 In der Zeitschrift für Qualitative Forschung, Forum Qualitative Sozialforschung, The Qualitative Report, Qualitative Inquiry, Qualitative Research, International Journal of Qualitative Research und Qualitative Sociology Review wird Husserl zwischen Januar 2000 und April 2009 in 65 Artikeln namentlich genannt, in zwei Dritteln der Fälle ohne die gleichzeitige Nennung von Schütz. Auch in der im Rahmen dieser Untersuchung gesichteten Methodenliteratur in Form von Monographien und Sammelbänden gibt es häufig Bezugnahmen auf Husserl ohne die gleichzeitige Nennung von Schütz.
7 Vgl. unter den neueren Arbeiten zu diesem Thema etwa Srubar 2007 sowie Raab u.a. 2008, die beide auf die Sozialphänomenologie von Schütz bzw. auf die Phänomenologische Wissenssoziologie von Berger und Luckmann (2004 [1966; dt. 1969]) fokussieren. Welz 1996 widmet neben Schütz auch Husserl einen großen Teil seiner Dissertation.
8 In den USA spielen Martin Heidegger und Maurice Merleau-Ponty eine größere Rolle, die in der deutschsprachigen qualitativen Forschung bisher kaum rezipiert werden. Ansätze dazu gibt es jedoch unter anderem in der Körpersoziologie mit Bezug auf Merleau-Ponty (vgl. etwa Gugutzer 2012) und bei Herbert Kalthoff (z.B. 2014) mit Bezug auf Heidegger. In den USA ist auch der Einfluss des Pragmatismus und Symbolischen Interaktionismus noch stärker als im deutschsprachigen Raum, wo häufig an die philosophische Hermeneutik angeknüpft wird. In den letzten Jahren findet auch in den USA zunehmend eine Rezeption deutschsprachiger qualitativer Methodenliteratur statt, die maßgeblich auf die Bände von Uwe Flick (2007b, 2014) zurückzuführen ist. Umgekehrt orientiert sich der deutschsprachige Raum schon seit den 1960er Jahren stark an US-amerikanischer Methodenliteratur.
9 Das spiegelt sich unter anderem im Spektrum der Beitragenden zu dem Band Qualitative Forschung. Ein Handbuch wieder (vgl. Flick/Kardorff/Steinke 2007 [2000]: 752-755). Die disziplinäre Selbstverortung der insgesamt 47 AutorInnen reicht von der Soziologie, Europäischen Ethnologie und Ethnologie über die Erziehungswissenschaften, Sozialpädagogik, Sozialpsychologie, Psychologie und Sprachwissenschaft bis hin zur Kommunikationswissenschaft, den Rehabilitationswissenschaften und der Wissenschaftsgeschichte. Weitere Indizien sind die Zielgruppe der Zeitschrift für qualitative Sozialforschung (FQS) und das Berliner Methodentreffen Qualitative Forschung. Beide konzentrieren sich auf qualitative Methodenentwicklung und -anwendung abseits disziplinärer Grenzen.
10 Hornbostel 1997: 286.
11 Vgl. Flick/Kardorff/Steinke 2007 [2000], Ayaß/Bergmann 2006, Denzin/Lincoln 2005.
12 Die Sektion wurde 2003 gegründet und hat damit die seit 1997 bestehende Arbeitsgruppe innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Soziologie abgelöst.
13 Sektion Methoden der qualitativen Sozialforschung 2007: 1. Innerhalb der DGS gibt es noch zwei weitere (und um einiges ältere) Sektionen, die sich auf qualitative Forschung konzentrieren: Die Sektion Wissenssoziologie (vormals Sprachsoziologie) und die Sektion Biographieforschung (gegründet 1979 als Arbeitsgruppe, seit 1986 Sektion). Beide haben ebenfalls Leselisten veröffentlicht, die aber im vorliegenden Zusammenhang aufgrund ihrer starken Spezialisierung nicht berücksichtigt wurden. Für eine weiterführende Auseinandersetzung mit der Husserl-Rezeption im Umfeld der Sozialwissenschaftlichen Hermeneutik/ Hermeneutischen Wissenssoziologie und in der Biographieforschung sind diese Listen aber jedenfalls ein guter Ausgangspunkt.
14 Es gibt guten Grund zu der Annahme, dass die Liste der Deutschen Gesellschaft für Soziologie für den gesamten deutschsprachigen Bereich aussagekräftig ist. Die thematisch verwandte Sektion der Schweizer Gesellschaft für Soziologie (das Forschungskomitee Interpretative Sozialforschung) pflegt regen Austausch mit der deutschen Community, der sich in wechselseitigen Mitgliedschaften, Konferenzeinladungen und -besuchen, gemeinsamen Publikationen, der Nutzung derselben Publikationsorgane, etc. widerspiegelt. In der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie gibt es bislang keine eigene Sektion für qualitative Forschung, weshalb sich qualitativ Forschende in Österreich umso stärker an der deutschen Community orientieren.
15 Vgl. Malinowski 1979 [1922], Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel 1975 [1933] und Whyte 1981 [1943].
16 Eberle 1984: 334. Eberle sieht z.B. bei Thomas Luckmann eine exegetische Rezeption der phänomenologischen Literatur.
17 Eberle 1984: 334. Laut Eberle z.B. von Harold Garfinkel vertreten.
18 Werktreue Rezeptionen sind auch deshalb nicht zu erwarten, weil die Systematik von Husserls Werk sehr schwer zugänglich ist. Auch für ausgewiesene Husserl-ExpertInnen ist es nicht einfach, sich in dem umfänglichen Werk zurechtzufinden, Husserls Konzepte richtig miteinander in Beziehung zu setzen und im Gesamtwerk zu verorten. Seine Neigung, immer wieder von vorne anzufangen und seine ausgesprochen hohe Produktivität haben außerdem dazu geführt, dass das Werk von großen inhaltlichen Spannungen gezeichnet ist.
19 Darunter fallen auch seine „Arbeits- und Forschungsmanuskripte, die Husserl für sich selbst schrieb, auf der Suche nach der Klärung einer Frage, da er seine Überlegungen bekanntlich stets schriftlich festzuhalten pflegte“. (Biemel 1954: xvf.) Diese Manuskripte stellen für die HerausgeberInnen der Husserliana eine große Herausforderung dar. Was Walter Biemel in seiner Einleitung zum Krisis-Band der Husserliana über Husserls Arbeitsmanuskripte schreibt, benennt einen Eindruck, der sich auch bei der Lektüre einiger der zu Lebzeiten publizierten Texte Husserls einstellt: „Der Gedankengang ist manchmal sprunghaft. Husserl kündet ein Problem an, bei der Vorbereitung zur Ausarbeitung der Fragestellung läßt er sich jedoch von einem latenten Problem mitreißen, das nun in den Mittelpunkt rückt; dann wieder gibt er größere Zusammenhänge, die nur den Zweck haben, das früher Gedachte gegenwärtig zu halten. Kommt er bei einer Fragestellung ins Stocken, so geschieht es manchmal, dass er sie immer und immer wieder von neuem aufgreift, sich wiederholt, verbessert, kritisiert oder das Geschriebene einfach verwirft.“ (Biemel 1954: xvf.) Von einer abschließenden Edition von Husserls Werk kann auch rund 75 Jahre nach seinem Tod noch keine Rede sein. Vgl. die Website des Husserl-Archives Leuven (2014).
20 Vgl. dazu auch Rinofner-Kreidl 2000b. Seinem Schüler Emmanuel Levinas gegenüber hat Husserl diese Arbeitsweise einmal mit dem Schärfen eines Taschenmessers verglichen, das er als Kind geschenkt bekommen hatte – um es so scharf wie möglich zu machen, schliff er es so lange, bis die Klinge schwand. Vgl. Künne 1986: 176.
21 Der Fokus auf Methodologie unter Vernachlässigung der phänomenologischen Praxis setzt sich bis heute in großen Teilen der philosophischen Phänomenologie fort. Vgl. dazu auch Künne (1986: 176). Künne kritisiert außerdem die Tendenz der Husserl-Exegese, diesen ausschließlich beim Schärfen des Messers zu zeigen (also die Genese seines Methodenverständnisses nachzuverfolgen), statt sein Programm umzusetzen und sich den ‚Sachen selbst’ zuzuwenden.
22 Vgl. Rinofner-Kreidl 2000a: 30. 1907 hält Husserl fünf Vorlesungen über die Idee der Phänomenologie, in denen er die Reduktion als phänomenologische Methode erläutert (vgl. Husserl 1950a [1907]). In Husserls Notizen findet sich außerdem ein Hinweis darauf, dass er das Konzept der phänomenologischen Reduktion bereits im Sommer 1905 entwickelt hat: „In Seefelder Blättern (1905) finde ich schon Begriff und korrekten Gebrauch der phänomenologischen Reduktion’.“ (Husserl 1966 [Notizen aus 1893-1917]: 459).
23 Husserl zitiert nach Biemel 1950: ix.
24 Rinofner-Kreidl 2000a: 30.
25 Trotz dieser starken Neuakzentuierung seines Interesses und der Einführung der Reduktionen nach 1903 kann nicht von einem echten Bruch in Husserls Werk gesprochen werden. Seine Ausführungen in den Logischen Untersuchungen behalten auch nach 1905 ihre Gültigkeit. Husserl hält aber fest, dass dort nur Bruchstücke dessen verhandelt werden, worum es ihm in der transzendentalen Phänomenologie eigentlich geht.
26 Vgl. Husserl 1950a [1907].
27 Vgl. Husserl 1954 [Vortrag aus 1935].
28 Vgl. Husserl 1948 [1939].
29 Husserl 1965 [1910/11]. Der Text ist ursprünglich als Beitrag im ersten Jahrgang der von Heinrich Rickert herausgegebenen Zeitschrift Logos erschienen.
30 In einem Text aus dem Jahr 1996 [1993] (Soziologie als strenge Wissenschaft? Phänomenologie, kommunikative Lebenswelt und soziologische Methode) fragt Hubert Knoblauch nach der Bedeutung der Idee der strengen Wissenschaft für die Sozialwissenschaften. Er liest sie insbesondere als Aufforderung zu einer stärkeren empirischen Fundierung sozialwissenschaftlicher Theorien (93f.). Husserl bezieht den Begriff der strengen Wissenschaft dagegen mehr auf die methodologische Fundierung philosophischer Forschung nach dem Vorbild der empirischen Wissenschaften.
31 Husserl (unveröffentlichtes Manuskript) zitiert nach Biemel 1950: x, Hervorhebung im Original.
32 Husserl 1954 [Vortrag aus 1935]: 193.
33 Zahavi 2007 [2003]: 14f.
34 Zahavi 2007 [2003]: 15, Hervorhebung im Original.
35 Rinofner-Kreidl 2009: 142.
36 Rinofner-Kreidl 2009: 142.
37 Vgl. Rinofner-Kreidl 2000a: 27.
38 Rinofner-Kreidl 2000a: 27.
39 Vgl. Rinofner-Kreidl 2000a: 27.
40 Rinofner-Kreidl 2009: 143.
41 Vgl. exemplarisch Rinofner-Kreidl 2000a oder Zahavi 2003.
42 Schütz spricht in diesem Zusammenhang auch von „Husserls bedauerliche[r] Unkenntnis der konkreten Wissenschaften von der Gesellschaft“. Schütz 1971f [1957]: 107.
43 Insbesondere im Vergleich mit der US-amerikanischen Methodenliteratur wird deutlich, wie stark das Interesse der deutschsprachigen Community an theoretischer und methodologischer Auseinandersetzung und einer epistemologischen Begründung des eigenen Forschungshandelns ist.
44 Tatsächlich taucht der Begriff der methodischen Strenge bzw. des scientific rigor in der untersuchten Methodenliteratur immer wieder auf. Ein Beispiel ist Steinar Kvales Buch zur Interviewtechnik (1997). In der Diskussion einer Beispielstudie charakterisiert Kvale das methodologische Ziel der Untersuchung als Anwendung der Phänomenologie in der qualitativen Forschung und zitiert den phänomenologischen Psychologen Amedeo Giorgi: „The methodological aim of the study was to use phenomenology in the service of qualitative research: ‘We are interested in demonstrating how rigor and discipline can be applied without [...] transforming data into quantitative expressions [...] how one deals systematically with data that remain expressed in terms of ordinary language’” (Kvale 1997: 193, Giorgi 1975: 95-96 zitierend). Hier wird die Orientierung an den messenden und quantifizierenden Naturwissenschaften sehr deutlich. Um zu zeigen, dass wissenschaftliche Strenge und Disziplin auch ohne Quantifizierung erreicht werden können, soll qualitative Forschung mit den Mitteln der Phänomenologie betrieben werden. Ein weiteres Beispiel ist ein Text von Hansfried Kellner und Frank Heuberger, der erstmals 1988 in einem Alfred Schütz gewidmeten Sonderband der Studien zur Österreichischen Philosophie erschienen ist. Kellner und Heuberger diskutieren die Zurechnung einer Handlungseinheit als methodologisches Problem und schlagen vor, es konstitutionsanalytisch zu lösen. Um „verborgene Sinn- und Strukturzusammenhänge zu dechriffrieren“, ohne einem „einfachen ‚intuitionistischen’ Bemühen zu verfallen“ halten die Autoren eine ‚strenge wissenschaftliche Methode’ für angezeigt. Eine solche Methode glauben sie bei Husserl zu finden. Sie schreiben: „Die Charakteristik eines solchen Vorgehens ist im immanenten Telos einer Hermeneutik beschlossen, die darauf aus ist, […] verborgen wirkende Struktur- und Sinnzusammenhänge zu dechiffrieren. Ein solches hermeneutisches Bestreben kann aber nicht aus einem einfachen ‚intuitionistischen‘ Bemühen […] heraus […] gelingen, sondern bedarf der Umsetzung vermittels einer ‚strengen wissenschaftlichen‘ Methodik. Ohne zu beanspruchen, dass hierfür die phänomenologische Methode allein geeignet ist, scheint uns dennoch in ihr in exemplarischer Weise das Verfahren struktural hermeneutischen Vorgehens stringent zum Ausdruck gebracht. Wir folgen daher im weiteren der Husserlschen Methode, ohne auf die ihr impliziten Schritte (wie phänomenologische Deskription, Reduktion und Epoché, eidetische Variation und Konstitutionsbestimmung und hermeneutische Interpretation) genauer eingehen zu können.“ (Kellner/Heuberger 2003 [1988]: 76f.) Auch hier wird deutlich, dass Husserl in der Begründung einer stringenten qualitativen Methodologie eine strategisch wichtige Rolle zugewiesen wird.
In folgenden Abschnitt werden verschiedene theoretische Positionen vorgestellt, die für die methodologische Fundierung der qualitativen Sozialforschung bedeutsam waren: die verstehende Soziologie nach Max Weber (2.1.), die Sozialphänomenologie von Alfred Schütz (2.2.) und die Phänomenologische Wissenssoziologie von Peter L. Berger und Thomas Luckmann (2.3.). Neben den genannten waren auch andere Theoriestränge für die Entwicklung der qualitativen Methoden relevant – insbesondere der Pragmatismus und der darauf aufbauende Symbolische Interaktionismus sowie die philosophische Hermeneutik.45
Aus der Sicht der Sozialwissenschaftlichen Hermeneutik/Hermeneutischen Wissenssoziologie 46 stehen die Arbeiten von Weber, Schütz und Berger/Luckmann in einer direkten Rezeptionslinie: Zunächst hat Schütz Webers methodologischen Entwurf einer verstehenden Soziologie unter Rückgriff auf Husserl phänomenologisch angereichert. Berger und Luckmann haben die von Schütz begründete ‚Sozialphänomenologie’ wissenssoziologisch gewendet und ihr damit einen noch stärker soziologischen Akzent verliehen. Auf allen drei Stufen gibt es Bezüge zu Husserl, insbesondere bei Alfred Schütz. Hier werden die Positionen in ihrer Relevanz für die qualitativen Methoden dargestellt und ihr Bezug zu Husserl überblicksartig skizziert.47
Max Webers Werk gilt als Referenzpunkt für eine verstehende Soziologie, die heute als eine der Grundlagen qualitativer Sozialforschung betrachtet wird.48 Besondere Relevanz hat es nach wie vor für die Sozialwissenschaftliche Hermeneutik, die in einer methodologischen Linie von Weber über Schütz zu Schütz/Luckmann und Berger/Luckmann steht. Die Arbeit von Schütz’ und Husserls Stellenwert darin sind Gegenstand des nachfolgenden Kapitels (2.2.). Im vorliegenden Abschnitt wird Webers Konzept einer verstehenden Soziologie dargestellt und ein Stück weit der Frage nach der Beziehung Webers zu Husserls Werk nachgegangen.
In seinem berühmten Text zur ‚Objektivität’ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis aus dem Jahr 1904 charakterisiert Max Weber die Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft, die „die uns umgebende Wirklichkeit des Lebens […] in ihrer Eigenart verstehen [will] – den Zusammenhang und die Kulturbedeutung ihrer einzelnen Erscheinungen in ihrer heutigen Gestaltung einerseits, die Gründe ihres geschichtlichen So-und-nicht-anders-Gewordenseins andererseits.“49 Er stellt sich die Frage, „in welchem Sinn […] es ‚objektiv gültige Wahrheiten’ auf dem Boden der Wissenschaften vom Kulturerleben überhaupt“50 geben kann. Seine Antwort ist der Entwurf einer verstehenden Soziologie. Die naturwissenschaftliche Orientierung an allgemeinen Gesetzen lehnt er ab, weil sie dem Forschungsgegenstand der Soziologie nicht angemessen ist:
Für die exakte Naturwissenschaft sind ‚Gesetze’ um so wichtiger und wertvoller, je allgemeingültiger sie sind; für die Erkenntnis der historischen Erscheinungen […] sind die allgemeinsten Gesetze, weil die inhaltsleersten, regelmäßig auch die wertlosesten. […] Die Erkenntnis des Generellen ist uns in den Kulturwissenschaften nie um ihrer selbst willen wertvoll.51
Gegenstand der Sozialwissenschaften sind Weber zufolge vor allem „geistige […] Vorgänge, welche nacherlebend zu ‚verstehen’“52 sind. Die Soziologie ist demnach eine Wissenschaft von den Kulturbedeutungen gegenwärtiger und vergangener Erscheinungen. Sie interessiert sich nicht für allgemeine Gesetze, sondern für die Genese und gegenwärtige Bedeutung sozialer und kultureller Phänomene in ihrer Eigenart. Diese Phänomene begreift sie als geistige Vorgänge, die auch nur geistig (auf dem Wege des Verstehens) erfasst werden können.53
Was Weber meint, wenn er von Verstehen spricht, lässt sich am besten anhand seiner Definition der Soziologie als Wissenschaft erläutern:
Soziologie […] soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will. ‚Handeln’ soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. ‚Soziales Handeln’ aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.54
Einheit der soziologischen Analyse ist demnach das seinem (subjektiven) Sinn nach auf das Handeln anderer bezogene Handeln von Individuen.55 Ziel der Analyse ist es, dieses Handeln auf der Basis eines deutenden Verstehens ursächlich zu erklären.56
Als Verstehen bezeichnet Weber die Deutung des subjektiv gemeinten Sinns einer Handlung.57 Er geht davon aus, dass jedes sinnhafte Handeln prinzipiell verstehbar ist.58 Zu unterscheiden ist jedoch zwischen dem „aktuelle[n] Verstehen des gemeinten Sinnes einer Handlung“59 (wir verstehen den Sinn des Gedankens oder Affekts, der sich in der Handlung (z.B. den Satz ‚2x2=4’ aussprechen) ausdrückt (z.B. dass 2x2=4)) und dem erklärenden Verstehen, in dem uns die Motive der Handelnden aus dem Sinnzusammenhang, dem Kontext der Handlung heraus einsichtig werden (wir verstehen, welchen Sinn die Person A zum Zeitpunkt t mit der Äußerung des Satzes ‚2x2=4’ verbindet – z.B. eine Antwort auf eine Frage zu geben). Während wir als Alltagsmenschen fortwährend auf die Kompetenz zum aktuellen Verstehen angewiesen sind, sieht Weber die Aufgabe der Soziologie als Wissenschaft darin, soziales Handeln erklärend zu verstehen.
Aber wie können wir die Motive einer Handlung verstehen, die wir nicht selbst gesetzt haben? Laut Weber stehen uns dafür grundsätzlich zwei Wege offen: das einfühlende Verstehen „durch die nacherlebende Phantasie“60 und das intellektuelle Verstehen.61 In beiden Fällen werden Deutungen produziert, die nur vorläufige Gültigkeit haben: Jede Deutung kann grundsätzlich falsch sein, weil von äußeren Vorgängen nie eindeutig auf innere Abläufe geschlossen werden kann. Insbesondere den Selbstzeugnissen von AkteurInnen bezüglich ihrer Handlungsmotivationen kann nicht ohne weiteres vertraut werden.62 Zur Kontrolle von im Verstehensprozess generierten Deutungshypothesen empfiehlt Weber deshalb die Methoden des Vergleichs (eine „Vergleichung möglichst vieler Vorgänge […] welche sonst gleichartig, aber in dem entscheidenden einen Punkt […] verschieden geartet sind“63) und des Gedankenexperiments (das „Fortdenken […] einzelner Bestandteile der Motivationskette und der Konstruktion des dann wahrscheinlichen Verlaufs, um eine kausale Zurechnung zu erreichen“64).
Als Scharnier zwischen Verstehen und Erklären hat Weber das Konzept der Idealtypen entwickelt: Im Weg des einfühlenden oder intellektuellen Verstehens und über Recherchen zu den „konkret historischen oder typisch soziologischen Vorbedingungen“65 des zu untersuchenden Handelns müssen Forschende zunächst die Maßstäbe rekonstruieren, die zur Erklärung der in Frage stehenden Handlung relevant sein könnten: Sie müssen fragen, welches Handeln in einer gegebenen Situation objektiv richtig,66 subjektiv zweckrational oder auch nur sinnhaft verständlich gewesen wäre. Auf der Basis dieses Interpretationsvorgangs bilden sie Idealtypen, die in weiterer Folge als Vergleichsmaßstab für das Handeln dienen, das tatsächlich stattgefunden hat. Gültige Idealtypen müssen nach Weber vor allem zwei Kriterien erfüllen: Sie müssen sinnadäquat („nach den durchschnittlichen Denk- und Gefühlsgewohnheiten“67 typischerweise verstehbar) und kausaladäquat (erfahrungsgemäß wahrscheinlich68) sein. Ein guter Idealtypus ist zudem möglichst eindeutig und trennscharf (ein ‚reiner’ Typus). Konkretes Handeln wird nicht als Konkretisierung eines Typus sondern in seiner Abweichung von den Idealtypen erklärt.69
Webers Konzept der verstehenden Soziologie war für die weitere Entwicklung der interpretativen Verfahren grundlegend. Obwohl er selbst Zeit seines Lebens statistische Analysen vorgezogen hat,70 hat sein Plädoyer für eine verstehende Soziologie vielen methodischen PionierInnen als theoretischer Bezugspunkt (und Rückendeckung) gedient. Insbesondere sein Fokus auf soziales Handeln und subjektiven Sinn bestimmt die interpretativen Verfahren bis heute.71 Noch immer zielen viele Verfahren der Datenerhebung und -analyse darauf ab, Zugang zu subjektivem Handlungssinn, zu Sinnstrukturen und Spuren von Sinnsetzungen zu gewinnen.72 Bis heute ist außerdem die Typenbildung eine beliebte Strategie der interpretativen Analyse, jedoch nicht immer im Weberschen Sinn. Eine explizite Fortsetzung hat Webers Konzept des Idealtypus vor allem in der Sozialwissenschaftlichen Hermeneutik gefunden, von der weiter unten noch ausführlich die Rede sein wird.73
Ob und inwiefern Husserl die verstehende Soziologie Webers beeinflusst hat, ist schwer zu rekonstruieren. Weber erwähnt Husserl in einer Fußnote zu Über einige Kategorien der verstehenden Soziologie74,
