Quallen haben keine Ohren - Adèle Rosenfeld - E-Book

Quallen haben keine Ohren E-Book

Adèle Rosenfeld

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Beschreibung

In ihr rechtes Ohr dringen noch ein paar Töne, links herrscht Stille. Seit ihrer Kindheit befindet Louise sich in einer Zwischenwelt. Im Hellen kann Louise die Lippen der Menschen lesen. Wird es dunkler oder sind Gesichter abgewandt, driftet sie ab in einen Zustand zwischen Imagination und Realität, in einen Raum der unendlichen Möglichkeiten. Dann beginnt sie, die Hörlücken mit ihrer Fantasie zu füllen, die bevölkert ist von drei fiktiven Figuren: einem Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, einem Hund namens Zirrus sowie einer launischen Botanikerin, die Louise während der langen Monate des Nachdenkens und Zweifelns begleiten. Denn Louise steht vor einem radikalen Schritt: Ihr Gehör schwindet nach und nach, und die Ärzte raten ihr, ihr verbleibendes natürliches Gehör durch ein Cochlea-Implantat zu ersetzen. Um sich der Entscheidung zu entziehen, flüchtet sich Louise immer mehr in ihre Traumwelt, die ständig mit den großen Veränderungen in ihrem Leben kollidiert – einer beginnenden Liebesbeziehung, dem ersten Job bei der Stadtverwaltung, einer zerbrechenden Freundschaft. Doch die Zeit drängt, und Louise muss ihre Entscheidung treffen.

Quallen haben keine Ohren taucht mit kraftvoll poetischen und überraschenden Bildern ein in die Welt der Gehörlosen. Eine junge, hörbeeinträchtigte Pariserin hat sich den Fallstricken der Sprache zu stellen und erlebt die Unzulänglichkeit von Licht und Schatten. Und zugleich zeigt sich gerade in diesem Schwebezustand die Kraft der Imagination.

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Seitenzahl: 179

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Cover

Titel

Adèle Rosenfeld

Quallen haben keine Ohren

Roman

Aus dem Französischen von Nicola Denis

Suhrkamp

Impressum

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Die Wiedergabe von Gestaltungselementen, Farbigkeit sowie von Trennungen und Seitenumbrüchen ist abhängig vom jeweiligen Lesegerät und kann vom Verlag nicht beeinflusst werden.

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Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem TitelLes méduses n’ont pas d’oreilles bei Éditions Grasset & Fasquelle, Paris.Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des französischen Außenministeriums, vertreten durch die Kulturabteilung der französischen Botschaft in Berlin.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2023

© Suhrkamp Verlag AG, Berlin, 2023

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Umschlaggestaltung: Anzinger und Rasp, München

Umschlagabbildung : Katharina Schilling, Peachy, Pigment und Öl auf Leinwand, 110 × 85 cm, 2016, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2023

eISBN 978-3-518-77739-8

www.suhrkamp.de

Motto

Die Sprache ist vermutlich nur über das Unsagbare zugänglich. Und das Unentzifferbare. Der Zugang ist weder innen noch außen. Unauffindbar und doch da. Das Unfassliche ist unsere einzige, lächelnde Gemeinsamkeit.

Thierry Metz, L’Homme qui penche

Jedes Wort ist ein Loch, ein Abgrund, eine Falle.

Gherasim Luca

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Informationen zum Buch

Cover

Titel

Impressum

Motto

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Informationen zum Buch

Quallen haben keine Ohren

1.

Es war das Gebäude Castaigne, ich hatte Castagne verstanden. Bevor man wie in einem alten Western durch die doppelflüglige Tür schritt, war auf einem kleinen Schild zu lesen »Oto-Rhino-Laryngologie (HNO) und Hals- und Gesichtschirurgie, Abteilung für Implantologie«. Nur die Oto-Rhino-Laryngologie war mir vertraut. Als Kind hatte ich sie für ein Teilgebiet der Rhinozerosforschung gehalten.

In meinen Ohren pochten dumpf die Schläge meines Pulses. Ich setzte mich ganz hinten in den Gang neben einen Tisch voller Fachzeitschriften zum Thema Gehörlosigkeit, davon eine mit Erfahrungsberichten über Einsamkeit am Arbeitsplatz. Bei jeder neuen Zeile hob ich die Augen, um meinen Aufruf nicht zu verpassen, und sah auf einmal, dass sich eine Alte im Rollstuhl gegenüber von mir niedergelassen hatte, direkt vor der Zeitschrift Dreißig Millionen Gehörlose. Ich las ein paar Sätze, die in einem Kasten auf der Titelseite prangten: »Auch Sprache kann Sicherheit vermitteln oder sich zumindest absichern wollen: Manche Wörter wirken vermeintlich weniger hart, wenn man sie komplizierter macht. Taube, Blinde, Greise, Geisteskranke – man schämt sich, von Ihnen zu sprechen: ob Gehörlose, Sehbehinderte, Senioren oder Menschen mit psychischer Erkrankung, irgendwann reden wir noch von Toten als Nicht-Lebendigen.« Als ich merkte, dass die Alte oder die Seniorin oder die ältere Frau, ich wusste schon gar nicht mehr, wie ich sie nennen sollte, auf mich einschrie, unterbrach ich sie: »Wissen Sie, ich höre bestimmt auch nicht besser als Sie«, aber sie verstand mich nicht und fuhr mit ihrem krächzenden Monolog fort.

Ein Mann machte diesem Pseudodialog ein Ende: »Sie sind dran.« Ich folgte ihm in die gepolsterte Kabine, er schloss die Tür hinter mir. Ich musterte die riesige verchromte Klinke und musste unwillkürlich an die Kühlräume von Metzgern denken. Hier wurde der Klang geschlachtet, scheibchenweise, mit größter Sorgfalt. Er setzte mir vorsichtig die Kopfhörer auf, als würde er Elektroden auf einem Hühnerkopf befestigen, und gab mir einen Joystick. Die ersten Laute drangen zu mir vor, nicht alle, manche pulsierten an mein Trommelfell.

Dann waren die Wörter an der Reihe, ich sollte wie ein verletzter Papagei die Liste nachsprechen. Dabei kam oft etwas Absurdes heraus, und ich musste gegen meine Fantasie ankämpfen, die sofort in die Zwischenräume drängte.

Haar,

Zitrone,

Felsen,

Soldat,

Maiglöckchen,

Knopf,

Glaser,

Etuikleid,

Becken.

Die tiefe Stimme spulte die Wörter herunter, die allmählich leiser wurden und im Nebel verschwanden. Ich musste ihnen in der Abenddämmerung im Geiste hinterherrennen und gegen die sich abzeichnenden Landschaften ankämpfen; ein Refugium gegen die Granattrichter der Sprache. Ich war es gewohnt, in die Stille und die verlorenen Wörter abzudriften, mich von der Macht der Fantasie aufsaugen zu lassen, doch diesmal bröckelte die Wirklichkeit durch die schwindenden Klänge so stark, dass die Bilder mit neuer Kraft in mir Gestalt annahmen: in der veralteten Welt der Nachkriegszeit, in der Geschichte eines Ehemanns, der, von den Toten erstanden, in seine ländliche Gegend zurückkehrt und ein vergessenes Leben wiederentdeckt. Ich sah sein Gesicht, vom Licht zerteilt, tonlos benannte er die Dinge, um sich seiner eigenen Existenz neu zu versichern. Er sagte »Haar«, und sein Blick versank in den Locken seiner stumm schluchzenden Frau, dann schwenkten seine Augen zum Obstkorb, er sagte »Zitrone« und hob anschließend den Blick zum Fenster, durch das die zerklüftete Küste der Bretagne zu sehen war, die er mit seinem Mund als »Felsen« bezeichnete. Und er erinnerte sich, woher er kam: »Soldat«, und an all die Jahreszeiten, in denen er Soldat gewesen war. Er sagte »Maiglöckchen« und betrachtete dabei das Stückchen Frühling, das zwischen den beiden hin- und herpendelte und ihm endgültig die Brust zerriss. Er senkte den Blick, um seine tränenfeuchten Augen zu verbergen, und sagte »Knopf«, seine Uniform rief ihm all die anderen Soldaten in Erinnerung. Seine Lippen bewegten sich zu einem »Glaser«, direkt vor seinen Augen war er gestorben, doch seine Lippen murmelten weiter, was seine Frau nicht hörte, »Etuikleid« – der Glaser trug immer ein Stück vom Kleid einer geliebten Frau bei sich. Der Soldat konnte das Lächeln, das in ihm aufstieg, nicht unterdrücken, bis er »Becken« sagte, so laut, dass seine Frau zusammenzuckt und ihm erschrocken dabei zusieht, wie er sich an das im Artilleriefeuer zertrümmerte Becken jenes anderen Soldaten erinnert.

»Jetzt nehmen wir die linke Seite«, sagte der Akustiker und wies auf mein anderes Ohr. Die Geschichte des Soldaten hallte in meinem tauben Ohr nach. Die Klänge, die gegen das tote Trommelfell hämmerten, bildeten die Tonspur seiner Erinnerungen. Der Gedächtnisabdruck der Wörter hatte sich in eine Anwesenheit verwandelt.

Ich setzte mich wieder auf die Stühle vor dem Behandlungsraum, um die Schäden auf dem Audiogramm in Augenschein zu nehmen. Aufmerksam studierte ich die geschwungene Kurve auf dem karierten Papier mit den X- und Y-Koordinaten zur Schallmessung. Es sah fast aus wie die Luftaufnahme eines alliierten Landungsstrands: Die Stille hatte mehr als die halbe Seite überflutet.

2.

In der Praxis der HNO-Spezialistin schmückten Plakate von Querschnitten des Innenohrs mit ihren Rot- und Blautönen den Raum. Das Außenohr war in einem gewöhnlichen Rosa dargestellt, während das zuerst sandgelbe, karminrote und beige-rosafarbene Innenohr in ein blaues Labyrinth mündete. Das war die Cochlea. Sie ähnelte einer Weinbergschnecke, die zu lange gegart worden war.

Die Ärztin nahm an ihrem Schreibtisch Platz, die Akte mit all meinen Audiogrammen in der Hand, und artikulierte übertrieben. Das war kein gutes Zeichen, eine Implantologin, die angesichts des letzten Audiogramms wie mit einer Idiotin redete. Allmählich fühlte ich mich unbehaglich.

»Sie haben tatsächlich fünfzehn Dezibel eingebüßt, das ist viel.«

Ich erklärte ihr, wie es dazu gekommen war, oder vielmehr, wie es nicht dazu gekommen war.

Keine Vorzeichen – warum sollten die Zeichen auch vorauseilen?

Es war, einfach so, gebröckelt.

Na ja doch, es hatte durchaus zwei Einzelbilder gegeben, bei denen mir bewusst geworden war, dass der Ton abgebrochen war.

Das erste Mal in London, Anfang August, als ich einen Kaffee trank und der Kellner mich ansprach. Er stand vor mir, mit hängenden Lippen, aus seinem Mund kam kein Laut. Ich stammelte in gebrochenem Englisch, mit entgeistertem Gesicht, dass ich nicht, nichts, nicht mehr verstand. Er antwortete mir, oder vielmehr hielt ich zwischen seinen Lippen und den verrutschenden Wörtern für seine Antwort, dass mein Englisch sehr schlecht sei. Dort verlor ich die Tonspur. Mitten in London, an der Ecke Churchway und Stoneway war die Flut der Stille gewichen.

Das zweite Mal, in der Bretagne, in Plougrescant, war ich bei einem Freund zu Besuch, als die Tonspur beim Abendessen erneut einfach abriss. Ich sah sein weißes Haar und seinen Mund, der sich lächelnd in die Breite zog, die Anekdote folgte seinen Mundwinkeln und verflüchtigte sich im Wind, doch die Stille hatte sich schon wie eine bleierne Decke über die Begegnung gebreitet. Immerhin entzifferte ich »Brasilien«, er sprach wohl über seinen Vortrag. Ich lachte, weil ich eine gute Figur machen wollte.

Der Ärztin sagte ich einfach: »Das ist allmählich so gekommen, im August.«

Sie erwiderte, es sei den Versuch wert, sich im Krankenhaus einer Behandlung zu unterziehen, auch wenn das Ergebnis ungewiss sei. Anschließend gebe es noch eine andere Lösung: »ein Cochlea-Implantat«. Sie dachte an ein Implantat auf der rechten Seite, in dem noch funktionsfähigen Ohr; im linken Ohr würde sonst nur ein unverständliches Stimmengewirr entstehen. Sie erläuterte mir, dass ich nach einer langen Rehazeit, zwischen sechs und zwölf Monaten, auf allen Frequenzen besser hören würde. Die Operation wäre allerdings nicht mehr rückgängig zu machen, ich würde mein derzeitiges »natürliches« Gehör verlieren.

Die wenigen Flimmerhärchen, die mir im Ohr verblieben, erfassten die hohen sowie ein paar tiefe Töne und halfen mir, gerade noch den Sinn zu rekonstruieren, vor allem aber, die Wärme der Töne wahrzunehmen, ihre Patina aus Wind, Farbe und allem, was der Klang an Unebenheiten enthielt.

Ich betrachtete die grauen und blauen Plastikscheiben, all die verkleinerten Implantat-Modelle, die auf ihrem Schreibtisch lagen. Sie sahen aus wie Kühlschrankmagneten.

Ich hatte nichts mehr hinzuzufügen, sie gab mir die Hand, und ich griff nach ihr, so wie man sich an einen Ast klammert.

3.

Ich zog weiter zu Büro 237, damit die Sekretärin mir die Unterlagen geben konnte, und ging in das Gebäude Babinski, das nach einem Neurologen des frühen 20. Jahrhunderts benannt war. Man sah sein Porträt am Eingang auf dem kleinen touristischen Hinweisschild aus Emaille: Joseph Babinski (1857-1932).

Ich hatte erfahren, dass er vor allem für eine neurologische Untersuchung bekannt war, die darin bestand, die Fußsohlen von Erwachsenen und Säuglingen zu streicheln, um Demenzerkrankungen zu erkennen. Weniger berühmt war sein Konzept der Pithiatismus-Störung (vom griechischen Wort für »überzeugen«), das gleichwohl schwerwiegende Folgen für zahlreiche Soldaten im Ersten Weltkrieg gehabt hatte. Damals waren Kriegstraumata noch nicht offiziell anerkannt. In der Tradition von Professor Jean-Martin Charcot, dem führenden Kopf der Neurologie, hatte Babinski eine neue Form der Hysterie definiert: In Ermangelung eines offenkundigen Zusammenhangs zwischen Ursache und Wirkung litten viele Soldaten an verwaist gebliebenen Störungen.

Verwaist.

Ja, das war es bestimmt, was ich immer empfunden hatte, das Gefühl, keiner Welt anzugehören. Nicht taub genug, um der Kultur der Tauben zugeordnet zu werden, nicht hörend genug, um voll und ganz an der Welt der Hörenden teilzunehmen. Es zählte allein, was ich selbst zu sein oder nicht zu sein entschied. Die Kollateralschäden, die mein Ego und mein Selbstvertrauen übel angeknackst hatten, waren für die anderen verwaiste Störungen, die sie nur mit Mühe nachvollziehen konnten. Rührte der Mangel, der mir innewohnt, daher? Von dieser Abwesenheit, die es mit etwas Übermäßigem zu füllen galt?

»Bei dir ist immer alles schwarz-weiß«, bekam ich regelmäßig zu hören; und ich hörte vor allem das Schwarz heraus und dachte an schwarze Löcher.

»Du hörst jedenfalls, was du hören willst.«

Wie hätte ich sie vom Gegenteil überzeugen sollen?

Dabei war all das sehr real, und das Krankenhaus zoomte unbarmherzig auf das Ursprungsloch.

Meine Mutter brach neben mir in Entzücken aus: »Hast du gesehen? Das ist das erste Foto von einem schwarzen Loch«, sagte sie und deutete auf das Zeitschriftencover.

4.

Das Zimmer, in dem ich meine Sachen abstellen konnte, lag im zweiten Stock, ich hatte ein dichtes Programm und ein strikt zu befolgendes Protokoll. Eine Krankenschwester kam und stellte mir kuriose Fragen, wie solche nach meinen Waschgewohnheiten: Baden oder Duschen? Whirlpool, ja gerne.

Die Krankenschwester ließ mich niedergeschmettert zurück, dann ging auch meine Mutter. Ich konnte immer noch nicht glauben, dass ich wegen meiner Ohren hier war. Ich hatte alles getan, um sie heimlich mundtot zu machen, aber sie hatten die Macht ergriffen, mich hier zwischen diesen vier weißen Wänden eingeschlossen und gezwungen, meine Geschichte zu überdenken.

Dabei hatte ich versucht, die Frage nach all den Jahren des Leugnens und nach weiteren Jahren des Kampfs gegen das Leugnen zu klären, das Leben erst in der einen Richtung, dann in der anderen zu verbiegen, doch der Verlust hatte alles kaputtgemacht.

Die Tür öffnete sich, und ein Krankenpfleger namens Eddy trat ein, um mir das Trommelfell aufzustechen und direkt in mein Hörorgan diverse Mittel einzuspritzen. Die Betäubung brachte gar nichts, sie war nur ein Protokoll, das den Anschein erwecken sollte, man hätte alles im Griff. Schon als ich die Nadel sah, glaubte ich nicht mehr daran. Damit wollte er mir einfach ins Ohr stechen? Ich spürte, dass sich mein Trommelfell zusammenzog wie eine mit Zitrone beträufelte Auster.

Das Protokoll sah außerdem den Besuch bei einer Psychologin vor, einer großen, traurig blickenden Frau. Mit einer anmutigen Handbewegung forderte sie mich auf, mich in den Sessel ihr gegenüber zu setzen, und erklärte mir, dass diese Sitzung einen formlosen Austausch zur besseren Einschätzung meines Lebens als Hörbeeinträchtigte darstelle. Ich spulte meinen Lebenslauf herunter, eine fast mustergültige Schulzeit, ein abgeschlossenes Grundstudium – alles ohne Hilfe.

Mit ernster Miene hörte die Psychologin mir zu und zog ein erstes Fazit, wobei sie ihre Worte bereitwillig wiederholte, sobald ich die Augenbrauen hob: Ich hätte so viel Energie aufgewandt, um mich anzupassen, dass ich vermutlich am Ende meiner Kräfte sei, der kürzliche Hörverlust könne traumatische Gespenster aus der Vergangenheit reaktivieren.

Ich sei damit jedoch nicht allein, fügte sie an, alle Hörbeeinträchtigten erlebten depressive Phasen infolge der multiplen Anstrengungen, die von der hörenden Gesellschaft nicht wahrgenommen würden. Diese Energie sei schwer zu messen, und das Umfeld bekomme kaum etwas davon mit, das sei typisch für diese unsichtbare Behinderung. Das hörgeschädigte Subjekt hätte folglich die Tendenz, sich von der Umwelt abzukapseln.

Angesichts meines von Fragen zermarterten Gesichtsausdrucks wollte sie mir Trost zusprechen:

»Es gibt aber Lösungen«, sagte sie, »und dazu gehören auch Implantate.«

»Aber mit einem Implantat kann ich nie mehr so hören wie vorher.«

»Ihr Gehirn wird vergessen, was vorher überhaupt bedeutet.«

Dann setzte sie hinzu: »Es stimmt, auch Trauer spielt eine Rolle, man verliert etwas und weiß nicht, was stattdessen kommen wird.«

5.

Dieser Krankenhausaufenthalt hing vom Leben meiner Akte ab. Es wurden Papiere hineingeschoben, doch niemand las sie, es war bloß ein Pass, der meine Anwesenheit rechtfertigte. Meine Tage waren eine Abfolge von Überraschungsuntersuchungen, die im Übrigen alle überraschen sollten. »Weshalb sind Sie hier?«, »Für wie lange sind Sie hier?«, »Welche Therapie?«, eine Reihe von Gesichtern stellte eine Reihe von Fragen, weil sie nicht in die Akte schauten.

Meine Krankenakte war verlegt worden, aber man war sehr hinterher, dass ich keinen Termin verpasste. »Welchen denn?«, fragte ich. »Das sagt Ihnen meine Kollegin.« Nur waren sie alle Kollegen, und keiner schien sich gemeint zu fühlen.

Mein Vertrauen in die Ärzteschaft schwand, und das machte mich ungenießbar. Ich hasste die Visiten der Chefärzte mit ihrer Horde von Assistenzärzten im Gefolge – wie hibbelige Jugendliche, die man an einem regnerischen Tag zu einer Besichtigung von Dieppe genötigt hatte.

Die Welt wirkte beklemmend: Im Umkreis des Zimmers war ich eine Kranke, eine zukünftige Implantatträgerin. Der einzige Ort, der einen vor den Blicken anderer schützte, war die Kapelle, eine auf dem Krankenhausgelände versteckte Kapelle aus dem 17. Jahrhundert mit dem Grundriss eines griechischen Kreuzes. Obwohl ich solche Kultstätten immer gemieden hatte, fand ich jetzt in ihr den einzigen rettenden Raum. Die Kapelle war der Heiligen Rita aus dem Augustinerorden geweiht, Schwester der unmöglichen, verzweifelten Anliegen. Man konnte sich mit seinen Bitten an sie wenden. Ich habe ihr eine Nachricht geschrieben, obwohl ich wusste, dass auch sie keinen Zugriff auf meine Akte hatte.

Jeden Tag schleppte ich mich mit meinem Tropf, der an die Steinplatten stieß, dorthin, bevor ich mit meinem metallischen Hirtenstab in einer stummen Prozession langsam wieder zum Gebäude Babinski ging. Zurück in meinem Zimmer, kaute ich mein salzfreies Essen im Angesicht der erleuchteten Nacht.

Ich träumte, dass mein Soldat mich im Schlaf zudeckte und dabei sein Gesang ohne Konsonanten für mich erklang. Die Heilige Rita ließ die Rüschen ihrer Matroschkakleider flattern, die sie als Schutz vor der Kälte übereinandergezogen hatte. Das Lied ohne Konsonanten verlor sich im Schnee, die Basslinie knisterte, die Vokale erloschen bei der Berührung mit den Flocken.

Morgens hörte ich nie die Tür aufgehen, obwohl die Krankenschwester etwas rief. Die Schwestern wirkten genervt. Sogar in der HNO-Abteilung schien Schwerhörigkeit einen Klassenkampf mit den Hörenden zu bedeuten.

Am letzten Tag hatte ich noch einen Termin mit einer Spezialistin, bevor ich gehen durfte: »Die Behandlung hat bisher nicht angeschlagen«, sagte sie und reichte mir eine Hülle voller Termine.

Während ich auf den Ausgang zuging, versuchte ich, in den Gängen, den Alleen und im Garten über mein Still-Werden nachzudenken.

6.

Zurück im zivilen Leben, war die Straße eine Playmobilwelt, so unwirklich mit ihren Häuserblöcken und geraden Bahnen. Die Wurzeln der entlang der Avenuen gepflanzten Bäume wölbten den Asphalt auf. Wir hatten Oktober, und die Kastanienbäume waren nur noch Haut und Knochen. »Lass uns was trinken gehen, um deine Rückkehr zu feiern!«, schlug mein Nachbar-Freund mir vor.

Zuhause schlüpfte ich mit einer unbeschreiblichen Wohligkeit in bequeme Kleidung, um meinen geschundenen Körper einzuhüllen, und drehte mich um die eigene Achse, um mir den Raum wieder anzueignen. Sämtliche Geräusche geronnen und dehnten sich wie in einer Anamorphose, das Martinshorn auf der Straße und die Wasserspülung bildeten zischende Schwaden mit schrillen Ausschlägen.

Der Nachbar-Freund erwartete mich schon im Restaurant, sein Begrüßungskuss und seine sonore Stimme drängten die Geräuschkulisse in den Hintergrund. Ich klammerte mich an seine von hohen Tönen umkränzten Worte. Wenn mein Blick nicht an seinen Lippen hing, wirkte seine Stimme warm auf mich, die Töne waren scharf umrissen wie eine Sonnenfinsternis. Den mittleren Kern hörte ich nicht, aber durch den von den hohen Tönen gebildeten Lichtkreis konnte ich mir den Sinn erschließen. Ich konnte fast allem folgen, was er sagte, und das machte mich glücklich. Wir lachten in dieser Nacht der Rückkehr in die Welt. Dann wurde er plötzlich wieder ernst.

Gerade erzählte er mir von einem Architekten in Japan, von der Betonkirche, die er gebaut hatte und deren riesiges Kreuz als Fenster in die Chorwand eingelassen war; das Außenlicht ließ seine Form erstrahlen. Ich dachte unwillkürlich, dass dieses Bild gut zu meinem Eindruck von seiner Stimme passte: Die hohen Töne bildeten einen Kontrast, meißelten mit dem Licht des Sinns die graue und schwere mittlere Stimmlage heraus.

»Tadao Ando!«, rief er.

Und angesichts meiner ratlosen Miene erläuterte er:

»Tadao Ando, so heißt der Architekt, von dem ich dir erzählt habe.«

Seine großen blauen Augen lachten, und meine lachten ebenfalls. Der Alkohol begann, die von meinen Ohren ohne Flimmerhärchen stark beeinträchtigte Sprache ins Wanken zu bringen. Der alkoholisierte Atem erinnerte mich an den Geruch von Desinfektionsmittel. Vielleicht litt ich an einer Überdosis Artischocken. Er mochte keine und hatte sie mir alle auf den Teller geladen. Auch er war inzwischen leicht angeheitert, er wurde zusehends redseliger, und seine Blicke wurden drängender. Nach acht Tagen im Krankenhaus verstörte mich dieses feuchtfröhliche Essen in der Gesellschaft eines Mannes. Auf einmal wirkte er so traurig auf mich, ich sah den bläulichen Schein seiner Augenringe. Es steckte ein bisschen Turner in seinem Blick, seine segelschiffartigen, blauen Augen drifteten heftig in seine Ängstlichkeit ab. Für einen Augenblick glaubte ich meinen Soldaten zu sehen.

Seine Silhouette erschien hinter dem Nachbar-Freund, ihre Haare überlagerten sich, die schwarzen Locken meines Soldaten bildeten den Schatten der hellen Locken des Nachbar-Freundes.

»Wohin schaust du?«

Meine Augen vertieften sich wieder auf seine Lippen, die einen riesigen Wortstrudel bildeten, und seine Zunge schwang in seinem Mund hin und her wie eine Glocke.

Wovon sprach er? Unsere Unterhaltung bei Tisch war mir entglitten. Die Körperteile erhellen die Thematik kein bisschen – ich konnte allerdings das Begehren aufsteigen fühlen –, die Hände vermitteln die dramatische Intensität der Aussagen, sie betonen, aber offenbaren nicht. Ebenso die Augen, und das verabscheute ich sogar am meisten: Sie überprüften lediglich, ob ich verstand. Zum Glück habe ich keine blauen Augen, das immerhin hatte ich dem Leben abgetrotzt. Mit meinen schwarzen Augen ertränkte ich die phatische Funktion der Sprache, ihr gesellschaftliches Spiel. Im Dunklen lässt sich wenigstens nichts ergründen. Hinter meinen schwarzen Augen fühle ich mich in Sicherheit, mein Gegenüber weiß nie, ob ich verstehe. Hinter meinen schwarzen Augen überbrücke ich die Lücken, führe meine Ermittlung durch. Spiele Galgenraten:

»AU_GE____EN?«, fragte der Kellner.