Queer Kids - Christina Caprez - E-Book

Queer Kids E-Book

Christina Caprez

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Beschreibung

Was bedeutet queer sein als junger Mensch heute? In diesem Buch erzählen 15 Kinder und Jugendliche, die sich ausserhalb klassischer Geschlechterstereotype bewegen, aus ihrem Leben: das Grundschulkind, das genau weiss, dass es ein Mädchen ist, obschon alle denken, es sei ein Junge. Der schwule Jugendliche auf dem Land, der in der Schule isoliert ist und im Chat Gleichgesinnte findet. Und die nonbinäre Aktivist*in, die ihre «Falschsexualität» selbstbewusst nach aussen trägt.  Das Buch hilft zu verstehen, warum Fragen der Geschlechtsidentität, der sexuellen Orientierung und des Selbstausdrucks für Jugendliche heute ein brennendes Thema sind.  Die Porträts werden begleitet von Interviews mit Fachpersonen aus der Forschung zu LGBTQ+ an Schulen, aus der Schulsozialarbeit und aus der Medizin im Umgang mit jungen trans Menschen.

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EPUB
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Seitenzahl: 282

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Was bedeutet es, heute als junger Mensch queer zu sein? In diesem Buch erzählen 15 Kinder und Jugendliche aus ihrem Leben: das Grundschulkind, das genau weiss, dass es ein Mädchen ist, obschon alle denken, es sei ein Junge. Der schwule Jugendliche auf dem Land, der in der Schule isoliert ist und einen Treffpunkt für Queers gründet. Und die non-binäre Aktivist*in, die ihre «Falschsexualität» selbstbewusst nach aussen trägt.

Das Buch hilft zu verstehen, warum Fragen der Geschlechtsidentität, der sexuellen Orientierung und des Selbstausdrucks für Jugendliche heute ein brennendes Thema sind.

Die Porträts werden begleitet von Interviews mit den Fachpersonen Ad J. Ott (Forschung zu lgbtq an Schulen), Lydia Staniszewski (Schulsozialarbeit) und Dagmar Pauli (Medizin im Umgang mit jungen trans Menschen).

Veranstaltungen und Informationen: www.queerkids.ch

Foto Ayşe Yavaş

Die Autorin

Christina Caprez, geboren 1977, Soziologin und Historikerin, war Redaktorin bei Radio Srf 2 Kultur und arbeitet heute als freie Journalistin und Autorin. Sie realisiert Radio-, Film und Buchprojekte sowie Moderationen im Bereich Familie, Migration, Religion, Geschlecht und Sexualität. Die Idee für das vorliegende Buch kam ihr bei einem Workshop mit dem Verein abq an einer Sekundarschule. Im Limmat Verlag erschienen von ihr «Familienbande. 15 Porträts», «Die illegale Pfarrerin. Das Leben von Greti Caprez-Roffler 1906–1994» sowie «Wann, wenn nicht jetzt. Das Frauenhaus in Zürich». Christina Caprez lebt mit ihrer Familie in einer Wohngemeinschaft bei Zürich.

Foto Andrea Rufener

Die Fotografin

Judith Schönenberger, geboren 1977, Künstlerin, freischaffende Fotografin, Gymnasiallehrerin für Bildnerisches Gestalten und Dozentin für Fotografie sowie Leiterin des gestalterischen Vorkurses und Propädeutikums der «neuen schule für gestaltung bern» am Campus Muristalden in Bern. Auszeichnungen, Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland. Zahlreiche Porträtserien sowie Fotoarbeiten zu Fragen der Geschlechtsidentität und der Auflösung von Geschlechtergrenzen. Judith Schönenberger lebt mit ihrer Regenbogenfamilie in einem kleinen Dorf in der Nähe von Bern.

Christina Caprez

Queer Kids

15 Porträts

Mit Fotografien von Judith Schönenberger

Limmat Verlag

Zürich

Für Romeo Koyote Rosen

Inhalt

Einleitung

Lia, 10 «Für die Kinder war ich die ganze Zeit schon ein Mädchen.»

Christelle, 17 «Vielleicht komme ich mal mit einer Frau nach Hause. So what?»

Luan, 14 «Es gibt genug Kinder, die geschützt werden müssen, aber doch nicht vor dem Genderstern!»

Max, 15 «Meine Online -Kontakte waren meine besten Freunde.»

Ad J. Ott «Zwei Drittel der queeren Jugendlichen fühlen sich an der Schule unwohl.»

Benicio, 15 «Es gibt viele Wege, wie man sich non-binär fühlen kann.»

Samira, 16 «Wenn ich sie umarmte, schlug mein Herz richtig fett.»

Rayyan, 15 «Die meisten Jugendlichen denken viel mehr nach, als die Eltern meinen.»

Lara, 15 «Was man gegen Mobbing tun kann? Nichts.»

Lydia Staniszewski «Queerfeindlichkeit kann alle treffen.»

Corsin, 17 «Mit dem Queer Point wollen wir im Kanton Uri ein Zeichen setzen.»

Élodie, 17 «Meine Gefühle für dieses Mädchen sind nicht anders, als wenn ich Gefühle für einen Jungen habe.»

Sam, 18 «Ich kenne viele Leute, die neurodivergent und queer sind.»

Lou, 16 «Liebe Eltern, schlussendlich ist es das Leben des Kindes!»

Dagmar Pauli «Wir alle können von einer Entwicklung profitieren, bei der unser Geschlechterkorsett sich erweitert.»

Aurelia, 19 «Sollen sie nur gucken, wenn ich mit meiner Freundin durchs Dorf laufe!»

Yaro, 20 «Ich habe alles getan, um das Wort ‹schwul› zu vermeiden.»

Charlie, 20 «Mich in meinem Körper wohlzufühlen, gab mir eine grosse Freiheit zurück.»

Queer Kids «Wir haben alle schon früh gewusst, was wir wollen und was uns guttut.»

Glossar

Einleitung

Lia weiss, seit sie denken kann, dass sie ein Mädchen ist, obschon sie bei der Geburt als Junge registriert wurde. Samira ist überglücklich verliebt, muss ihre Liebe aber vor den Eltern verstecken. Und Corsin fühlt sich in seinem Bergdorf einsam und gründet einen Treffpunkt für queere Jugendliche. Lia, Samira, Corsin und zwölf weitere Kinder und Jugendliche erzählen in diesem Buch ihre Geschichte – stellvertretend für die vielen Heranwachsenden, die sich irgendwo auf dem lgbtqia+-Spektrum verorten.

Jugendliche sind heute informierter und sensibilisierter als noch vor ein paar Jahren, queere Schüler*innen wagen häufiger ein Coming-out. In Umfragen identifizieren sich immer mehr als nicht oder nicht ausschliesslich heterosexuell, in der letzten Zürcher Jugendbefragung gar 26% der weiblichen und 9% der männlichen Jugendlichen in der neunten Klasse. Zugleich ist das Klima in vielen Schulen rau. Homo- und Transfeindlichkeit treten teils sehr gewaltsam zutage. «Schwul» als Schimpfwort ist auf dem Pausenplatz gang und gäbe und Mobbing weitverbreitet. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass queere Jugendliche ein höheres Risiko für Suchterkrankungen, Depressionen und Suizidversuche haben. Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, dass Eltern, Lehrpersonen, Schulsozialarbeitende und andere Erwachsene, die mit Jugendlichen zu tun haben, informiert und sensibilisiert sind. Zwar existieren Ratgeberbücher zum Thema. Was fehlt, ist jedoch die Sicht der Kinder und Jugendlichen. In diesem Buch kommen sie zu Wort.

Für meine Recherche habe ich mit rund zwei Dutzend Kindern und Jugendlichen gesprochen. Gefunden habe ich sie über Kontakte aus früheren Projekten, im Bekanntenkreis, durch einen Aufruf auf Instagram und durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Es war mir wichtig, eine möglichst grosse Bandbreite an Lebensentwürfen abzubilden: zwischen Grundschulalter und Volljährigkeit, in einer Berufsausbildung und im Gymnasium, Teil einer queeren Community und ausserhalb. Die porträtierten Jugendlichen leben in der Stadt oder auf dem Land, sprechen zu Hause Deutsch oder eine andere Sprache, wachsen mit oder ohne Religion auf. Gemeinsam ist ihnen die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechtsidentität, sexuellen Orientierung und/oder Geschlechterrolle sowie die Lebensphase.

Was bedeutet es, als Teenager hier und heute zu entdecken, dass man nicht den heteronormativen Erwartungen entspricht? «Ich bin lesbisch, und solange wir nicht darüber reden, geht es allen gut», erzählt Aurelia. Und Max räumt ein: «Ich würde gern sagen, dass ich stolz bin. Aber ehrlich gesagt habe ich vor allem Angst, so zu sein.» Luan kann erst nach langem Ringen mit sich sagen: «Heute empfinde ich es als ein sehr schönes Gefühl, schwul zu sein.» Keiner der Jugendlichen ist sich beim Coming-out sicher, dass Erwachsene und Gleichaltrige positiv reagieren werden. Aber für die meisten ist der Schritt mit grosser Erleichterung und neuen Erkenntnissen verbunden. Etwa für die bisexuelle junge Frau, die sich fragt, wieso sich die meisten Menschen eigentlich nur in ein Geschlecht verlieben können.

Das Jugendalter ist für jede Person eine Zeit der Selbstfindung, des Ausprobierens und Verwerfens, bis sie einen Weg findet, der ihr entspricht. Und auch dieser Weg kann ein vorläufiger sein und kann sich im Verlauf des Erwachsenenlebens ändern. Die Aufgabe von Eltern und Lehrpersonen ist es, die Heranwachsenden auf diesem Weg zu begleiten. Was aber, wenn dieser Weg durch Gebiete führt, über die die erwachsene Person kaum etwas weiss, die ihr gar fremd sind? Die Jugendlichen in diesem Buch beschreiben es als enorm hilfreich, auf Social Media die eigene sexuelle Orientierung gespiegelt zu sehen oder in einem kleinen Freund*innenkreis andere Namen und Pronomen ausprobieren zu können, um herauszufinden, was sich stimmig anfühlt. Eltern und Lehrpersonen gestehen ihnen diesen Raum jedoch oft nicht zu und reagieren skeptisch, wenn ihnen ein Kind anvertraut, dass es nicht cis oder nicht hetero ist.

Viele Erwachsene schauen verwundert auf die junge Generation. Sie sind mit der Vorstellung aufgewachsen, jeder Mensch sei entweder Mann oder Frau, und reagieren mit Verunsicherung, wenn sich Jugendliche als non-binär identifizieren und althergebrachte Geschlechterkategorien infrage stellen. Solche Gedanken scheinen manchen Erwachsenen absurd. «So absurd, wie es etwa für Menschen des 18. Jahrhunderts geklungen haben mag, wenn jemand die Gleichberechtigung von Schwarzen Menschen oder Frauen einforderte», schreibt die Jugendpsychiaterin Dagmar Pauli in ihrem lesenswerten Buch «Die anderen Geschlechter». Sie legt den Erwachsenen einen unvoreingenommenen Blick auf die junge Generation nahe: «Wir müssen uns auch der Möglichkeit öffnen, dass hier vielleicht eine völlig neue Denkweise heranreift, der wir uns stellen müssen; ein Wertewandel, der unsere Gesellschaft nachhaltig beeinflussen wird.»

Dagmar Pauli ist eine der drei Fachpersonen, die in diesem Buch Hintergründe zur Lebensrealität der porträtierten Jugendlichen liefern und Fragen beantworten, die sich Erwachsene oft stellen. Ad J. Ott von der Pädagogischen Hochschule Bern gibt Einblick in die Forschung zur Situation von lgbtq-Jugendlichen heute. Eine Erkenntnis daraus: Schon kleine Kinder haben die Abwertung von Menschen, die nicht heterosexuell sind oder nicht den Geschlechternormen entsprechen, verinnerlicht. Queere Kinder und Jugendliche schämen sich oft für ihr Anderssein und geben sich selbst die Schuld dafür. Dies auch, weil das Thema sexuelle und geschlechtliche Vielfalt bis heute nicht selbstverständlich und unaufgeregt Teil des Unterrichts ist. Vor diesem Hintergrund empfiehlt die Sozialarbeiterin Lydia Staniszewski Erwachsenen, mit Kindern und Jugendlichen über Queerfeindlichkeit, Sexismus und Rassismus zu sprechen, und gibt Hinweise, wie Schulen und Jugendtreffs eine Atmosphäre schaffen können, in der sich alle Jugendlichen wohlfühlen.

In diesem Buch erzählen 15 Kinder und Jugendliche aus ihrem Leben und zeigen sich auf einem Foto. Dabei war es mir wichtig, Sichtbarkeit herzustellen und zugleich Porträtierte zu schützen, die in ihrem Umfeld nicht out sind. Manche mussten oder wollten ihr Gesicht verbergen, teilweise wurden auch Namen und Eckdaten geändert. Andere wollten auf dem Foto erkennbar sein, wie etwa Sam, der sagt: «Ich kann zeigen: Eine Person, die viel Bullshit erlebt hat, steht trotzdem stark oder sogar noch stärker als vorher da.» Das letzte Wort haben die Kinder und Jugendlichen. In einem Gruppengespräch kommentieren sie die Interviews mit den Fachpersonen und tauschen sich darüber aus, wie es sich anfühlt, das eigene Leben in einem Buch wiederzufinden.

Vor 12 Jahren erschien mein Buch «Familienbande». Darin porträtierte ich verschiedene Konstellationen, von Patchwork- über Regenbogenfamilien bis hin zu Wohngemeinschaften mit Kindern. Damals hiess es, homosexuelle Eltern seien egoistisch, weil sie ihre Kinder Mobbing aussetzten. Auch die Erziehungsfähigkeit schwuler Männer wurde teilweise infrage gestellt. Seither hat sich viel verändert: Andere Familienformen als die heterosexuelle Kleinfamilie sind selbstverständlicher geworden, die Ehe für alle erlaubt es auch gleichgeschlechtlichen Paaren, ein Kind zu adoptieren oder mittels Samenspende zu zeugen. Heute entzündet sich die Kritik mehr am Umgang mit trans Kindern und Jugendlichen und an der geschlechtergerechten Sprache. lgbtqia+-Themen werden polarisiert diskutiert und politisch instrumentalisiert. Zugleich sind queere Lebensentwürfe – zumindest hierzulande – akzeptierter denn je.

Mit diesem Buch hoffe ich, zu einer unaufgeregten Diskussion beizutragen. Dialog und Vermittlung liegen mir bei diesem Thema besonders am Herzen. Darum plane ich eine Reihe von Lesungen und Gesprächen, für ein Publikum jeden Alters. Aktuelle Veranstaltungen sowie weitere Informationen zum Buch finden sich auf www.queerkids.ch.

Die Begegnungen mit den Jugendlichen waren für mich sehr inspirierend. Wenn ich abends im Bett lag und einzuschlafen versuchte, gingen mir manche Gespräche noch nach. Etwa das mit Christelle, die fragte: «Wie willst du wissen, dass es noch etwas anderes gibt, wenn es dir nicht beigebracht wird?» Ich malte mir eine Welt aus, in der schon kleine Kinder von der ganzen Vielfalt des Lebens erfahren. Eine Welt, in der Erwachsene auf ein Coming-out nicht mit der Frage «Bist du sicher?» reagieren, sondern mit der Antwort: «Ich freue mich für dich, dass du das herausgefunden hast. Ich unterstütze dich, wo auch immer dein Weg dich noch hinführen wird.» Mein grosser Dank gilt allen Jugendlichen, die mir ihre Geschichte erzählt haben. Euch gehört die Zukunft.

Christina Caprez, im Sommer 2024

Lia, 10 «Für die Kinder war ich die ganze Zeit schon ein Mädchen.»

#Fussball #Jugendtreff #Trans

#Community #Film

Lia lebt mit ihren Eltern in einer Drei-Zimmer-Altbauwohnung in Bern. Am Eingang begrüsst mich eine aufgeweckte Zehnjährige in einem weiten violetten Strickpulli und verwaschenen Jeans. Die blonden glatten Haare reichen ihr bis zum Kinn, an einem Lederband um den Hals trägt sie einen hellblauen Fischschwanz als Anhänger. Wir setzen uns im Wohnzimmer an den Esstisch. Lias Mutter stellt Nüsse und Saft bereit und verschwindet dann im Nebenraum.

Vor Lia auf dem Tisch liegt ein Heft aus Klarsichthüllen. Die Fünftklässlerin hat in Regenbogenfarben den Titel «Meine Biografie von Lia, 5/6 D» gezeichnet, daneben die Sprüche: «Angst beginnt im Kopf. Mut auch» und «Du musst nicht spitze sein, um anzufangen. Aber du musst anfangen, um spitze zu werden.» Ein Foto zeigt Lia als Kleinkind zwischen ihren Eltern, alle drei tragen Sonnenbrillen. Lia, mit kurzen blonden Locken, trägt die pinke Brille verkehrt herum auf der Nase und lacht keck in die Kamera.

Ich bin Lia, und mich interessiert eigentlich fast alles, was mit Sport zu tun hat: Ich schwimme sehr gern, und ich spiele in einem Fussballclub. Ich höre mega gern Musik und tanze. Ich gehe ins Modern Ballett, das ist ein bisschen alle Tanzrichtungen zusammengemixt. Ich mache sehr gerne Handarbeiten, Stricken zum Beispiel. Und ich treffe mich gerne mit meinen Freundinnen. Wir laufen im Quartier herum oder gehen ins Schwimmbad. Ich habe mich entschieden, bei diesem Buch mitzumachen, weil mich das Thema interessiert. Wenn es andere Kinder gibt, die auch trans sind, die mehr darüber wissen wollen.

Vor Kurzem mussten wir in der Schule eine Biografie über uns und unsere Familie schreiben. Wir konnten die Themen selber wählen, und da habe ich eben auch über trans geschrieben, weil das ein wichtiger Teil meines Lebens ist. Seit ich zweieinhalb Jahre alt bin, wollte ich immer ein Kleidchen anziehen. Ich trug oft einen Rock von Mama über den Schultern, sodass es aussah wie ein Kleid. Dann hat mich meine Mama mit Lippenstift schminken müssen, und wir haben Prinzessin gespielt, stundenlang, fast jeden Tag, auch mit meinem Papa. Im Kindergarten wollte ich in jedem Spiel «Lia» heissen. Ich wollte nur noch pinke Sachen anziehen, und ich fand «Anna und Elsa» aus dem Disneyfilm «Frozen» toll. Meine Eltern haben sich dann beraten lassen, ob es nur eine Phase ist. Ich habe meinen Eltern auch gesagt, dass ich ein Mädchen sein und Lia heissen will. So haben sie bald gemerkt, dass es keine Phase ist. Am Anfang fiel es ihnen noch schwer. Wenn ich hingefallen bin, riefen sie mich bei meinem Jungennamen und korrigierten sich dann schnell.

Als ich viereinhalb Jahre alt war, haben wir einen Kuchen gebacken und sind damit in den Kindergarten gegangen. Wir haben dann halt gesagt, dass ich jetzt die Lia bin. Für die Kinder war das kein Ding, für sie war ich die ganze Zeit schon ein Mädchen. Weil ich vorher schon immer gesagt hatte, dass ich ein Mädchen bin und Lia heissen will. Das ist jetzt in der Schule fast mehr ein Ding, da gibt es Kinder, die fies zu mir sind. So in der dritten Klasse hat es angefangen. In der Tagesschule (Betreuung ausserhalb des Unterrichts) haben sie gerufen: «Hallo, du Junge!» Sie haben laut herumgeschrien und allen gesagt, dass ich ein Junge sei. Jetzt in der Fünften haben ein paar Kinder einmal beim Mittagessen gespottet: «Ich verstehe es nicht, wie man so sein kann!» Sie hörten nicht auf zu lästern. Es war zwar eine erwachsene Person im Raum, aber die Kinder sprachen so leise, dass sie es nicht hören konnte. Immer, wenn ich es der Erwachsenen sagen wollte, sagten sie: «Wir hören auf, sorry, sorry!» Aber dann machten sie trotzdem weiter. Da bin ich mega ausgerastet und habe geschrien: «Jetzt haltet alle eure Fresse!» Ich rannte nach draussen, und zwei Freundinnen kamen mir nach. Es lag Schnee, und wir taten so, als wären die fiesen Kinder ein Schneeball. Wir schlugen mega fest auf den Schnee. Die Lehrerin schimpfte dann mit den Kindern, die mich ausgelacht hatten. Seither haben sie es nicht mehr gemacht, und ich hoffe, es bleibt auch so.

Ich habe dreimal eine neue Lehrerin bekommen: in der ersten, dritten und fünften Klasse. Jedes Mal haben meine Eltern vorher mit der Lehrerin geredet und ihr gesagt, dass ich ein trans Mädchen bin. Dieses Jahr war ich bei dem Gespräch dabei. Nervös war ich nicht, denn die Lehrerinnen haben es alle super akzeptiert. Wenn jemand fies zu mir war, waren sie immer auf meiner Seite. Fragen haben sie schon gestellt, aber nie dumme Fragen. Sie fragten zum Beispiel, wie sie mir helfen könnten, wenn ich gemobbt würde und es mir deswegen schlecht geht. Sie redeten auch an einem Elternabend darüber: «Es gibt ein Kind in der Klasse, das trans ist.» Die Eltern der anderen Kinder haben es alle super angenommen und verstanden.

In der Vierten hatten wir Schwimmunterricht mit einer anderen Klasse. Dort habe ich mich bei den Mädchen umgezogen. Ich nahm einfach ein Handtuch um die Hüfte. Im Sport war es nie ein Problem, da müssen wir uns ja nie nackt ausziehen, nur die Sportsachen an- und ausziehen. Der Sportunterricht ist bei uns nicht getrennt, Mädchen und Jungs turnen zusammen. Und wenn, würde ich zu den Mädchen gehen. Die Lehrerinnen sagen, ich darf entscheiden, wo ich hingehe.

Ich wusste früher nicht, was trans ist. Ich sagte halt einfach: «Ich bin ein Mädchen.» Ein Mädchen oder eine Frau ist für mich eine Person, die sagt: «Ich bin ein Mädchen» oder «Ich bin eine Frau». Wenn irgendein Junge als Witz sagt: «Ich bin eine Frau», dann ist er keine Frau. Aber sonst, wenn jemand sagt: «Ich bin eine Frau», dann ist diese Person eine Frau. Das ist für mich ganz klar. Es gibt auch Menschen, die sagen: «Ich bin eine Frau und ein Mann, manchmal so, manchmal so.» Das gibt es auch. Aber man kann jetzt nicht jeden Tag switchen von einem zum anderen. So im Stil: «Heute bin ich eine Frau, und eine Woche später, ah nein ich bin doch ein Mann, ah nein, ich bin doch eine Frau.»

Lia streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ich frage sie nach Büchern, die ihr geholfen haben, besser zu verstehen, was mit ihr los ist. Sie springt auf und holt zwei: eine Sammlung von Kurzgeschichten über Transgeschlechtlichkeit und ein Kinderbuch über einen Jungen, der gerne Mädchenkleider trägt.

Das hier ist cool: «Von sie zu er zu mir». Und ich habe noch eines, das heisst «Kicker im Kleid». Diese Bücher sind mir wichtig, weil ich etwas über das Thema wissen will. Hier im Quartier kenne ich keine trans Leute, und dann fühlt man sich manchmal allein. Wenn ich so ein Buch lese, habe ich das Gefühl, ich bin nicht allein damit.

Letzten Sommer bin ich mit meiner Mama auf eine grosse Demonstration gegangen. Wir waren ganz regenbogenfarbig angezogen. Es waren viele Leute da, und es gab eine lange Drag Show und ein paar Vorträge von Menschen, die trans sind, und solchen, die nicht trans sind. Da habe ich auch gemerkt, dass ich nicht allein bin. Trans Leute und schwule und lesbische Menschen haben nichts direkt miteinander zu tun. Aber sie gehören halt alle zu queer. Und ich finde, man soll sich gegenseitig unterstützen. Wenn man an eine Demonstration geht, dann kämpft man ja nicht nur für sich, sondern für das ganze lgbtqia+. Da gibt es ja Tausende Fachbegriffe für alles. Aber alles gehört zu lgbtqia+, und alle sind anders als Menschen, die sich in ihrem Geschlecht wohlfühlen oder wenn Mann und Frau zusammenleben. Und wenn man anders ist, hat man halt manchmal auch Angst, dass Leute, die man gernhat, einen plötzlich doof finden und nichts mehr mit einem zu tun haben wollen. Und dann muss man sich einfach gegenseitig unterstützen.

Ich habe manchmal Angst, dass Leute, die ich gernhabe, mega doof reagieren, wenn ich ihnen sage, dass ich trans bin. Dass sie finden: «Mit dir will ich nichts mehr zu tun haben.» Das ist zum Glück noch nie vorgekommen. Ich weiss noch ganz genau, wie ich es meiner besten Freundin gesagt habe. Damals waren wir sieben. Wir hörten Musik und tanzten. Ich schaltete die Musik aus und sagte ihr: «Ich war früher ein Junge. Ich wollte aber ein Mädchen sein. Und jetzt bin ich ein Mädchen.» Und sie so: «Okay, ja, kein Problem für mich. Können wir weitertanzen?» Sie hat es einfach super akzeptiert.

Auch aus meiner Klasse kam nie eine schlechte Reaktion. Wenn sie Fragen stellten, waren sie immer mega rücksichtsvoll: «Du, ich hätte eine Frage, du musst sie nicht beantworten, aber du kannst, wenn du willst.» Dann habe ich die Frage auch meistens beantwortet. Sie fragten: «Was ist denn, wenn du eine Vagina haben möchtest, geht das denn?» Ich sagte dann: «Ja, das ist dann eine Geschlechtsangleichung. Und wenn ich Brüste haben möchte, muss ich zuerst Hormonblocker nehmen, und dann bekomme ich irgendein Mittel, das meine Brust wachsen lässt. So entwickelt sich der Körper immer mehr zu einem weiblichen Körper.»

Es gab nur zwei schlechte Reaktionen von Erwachsenen. Einer von ihnen gehört zu unserer Familie. Er konnte es wegen der Religion nicht gut annehmen. Ich war damals noch ganz klein. Mittlerweile hat er Verständnis dafür, er brauchte halt Zeit. Jetzt hat er mich mega gern, und ich habe ihn auch gern. Die andere Person war eine Bekannte meiner Eltern, die im selben Quartier wohnte. Als meine Eltern ihr sagten: «Unser Kind ist trans», meinte sie: «Das gibt es nicht!» Als hätte sie die Antwort vorbereitet: «Das gibt es nicht! Das gibt es nicht!» Seither haben meine Eltern sie nie wieder gesehen. Diese Frau ist doch ein Erbsenhirn! Nein, ich verstehe diese Leute nicht. Zu sagen: «Es gibt trans nicht», ist genauso, wie wenn man sagen würde: «Es gibt keine Leute mit kurzen Haaren» oder «Es gibt keine Leute, die blau gerne haben». Es ist wirklich absurd. Ich verstehe es nicht.

Ich weiss, dass das irgendwann einmal kommen wird, dass jemand sagt: «Mit dir möchte ich keine Zeit mehr verbringen!», oder dass mir doofe Menschen begegnen. Dann bin ich sicher traurig. Der Person sage ich dann vielleicht: «Ich würde gern noch Zeit mit dir verbringen, aber wenn du das sagst, will ich auch keine Zeit mehr mit dir verbringen, weil du Menschen nicht so annehmen kannst, wie sie sind.» Man muss einfach denken: «Okay, du hast kein Verständnis dafür, das ist dein Problem, nicht meines. Ich bin immer einen Schritt voraus. Ich kann Menschen so annehmen, wie sie sind.» Diesen Rat hat mir ein Freund meiner Eltern gegeben, der auch trans ist. Mit ihm konnte ich reden, als die Kinder in der Schule so fies zu mir waren. Er sagte mir: «Wenn man Menschen nicht so akzeptieren kann, wie sie sind, dann kommt man nicht weit im Leben.» Es ist gut, wenn man mit jemandem sprechen kann, der halt ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Ich kann mit meinen Eltern super über meine Sorgen reden, aber sie verstehen mich glaube ich nicht so, wie mich eine transPerson bei diesem Thema versteht.

Wenn ich jemanden kennenlerne, dann sage ich nicht sofort: «Ja, weisst du, ich bin trans.» Ich finde sowieso: Niemand muss sich outen. Das ist ja etwas Persönliches. Wenn ich in zwei Jahren in die Siebte komme und in einer neuen Klasse bin, will ich es den anderen Kindern sagen. Trans zu sein ist ein Teil meines Lebens. Da kann niemand etwas dafür, ich bin einfach so geboren. Ich möchte, dass sie es wissen, damit es nachher nicht die ganze Zeit so dumme Fragen gibt. Damit niemand mich blöd anspricht: «Bist du dieses trans Kind?» Meiner Mama ist das einmal passiert. Eine Frau sprach sie auf der Strasse an: «Sind Sie nicht die Mutter dieses trans Kindes?» Einfach so! Meine Mutter hatte keine Ahnung, wer diese Person ist!

Mit meinem Körper geht es mir momentan gut. Aber ich würde schon gern, wenn ich älter bin, die Geschlechtsangleichung machen. Vor kurzem sind wir zu einer Besprechung ins Inselspital gegangen. Aber dort hat es uns nicht so gut gefallen. Ich kam rein, und der Arzt sprach mich direkt mit dem falschen Namen an, mit dem Jungennamen. Er sagte auch: «Wir geben erst mit 16 Hormonblocker.» Ich so: «Aber mit 16 hört doch die Pubertät auf? Was bringen dann noch die Hormonblocker?» Da sagte er: «Dann lieber einmal mehr rasieren.» Ich so: «Ich möchte mich aber nicht rasieren!» Danach sind wir nach Basel ins Spital. Dort sagten sie: «Die Hormonblocker geben wir, wenn die Pubertät anfängt.»

Jetzt gehe ich drei- bis viermal im Jahr dorthin. Sie untersuchen mich und nehmen mir Blut ab. Wenn die Pubertät eingesetzt hat, bekomme ich Hormonblocker. Ich habe mir immer vorgestellt, das seien so Tabletten, die man zweimal in der Woche einnimmt. Aber es sind Spritzen, die man einmal im Monat ins Bein bekommt. Das ist eine komische Vorstellung. Ich hasse Spritzen. Aber sie sagten mir auch, ich bekomme dann ein Pflaster, das die Stelle am Bein betäubt, so spüre ich die Spritze gar nicht. Und wenn ich die Hormonblocker nicht mehr brauche, bekomme ich etwas, damit die Brüste wachsen. Und wenn ich das dann immer noch will, kann ich ab 18 die Geschlechtsangleichung machen. Es gibt halt bei fast jeder transPerson so eine zwei- oder dreiprozentige Wahrscheinlichkeit, dass es sich noch ändert. Aber ich glaube, das wird bei mir nicht passieren.

Ich hatte schon manchmal den Wunsch, ich wäre als Mädchen geboren, weil dann alles viel einfacher gewesen wäre. Dann hätte ich mich nie outen müssen, hätte nie dumme Sprüche abbekommen und müsste nie Blocker nehmen. Aber ich bin so, wie ich bin, und es ist gut, so wie ich bin. Ich finde es auch cool, weil man ist halt etwas – keine Ahnung, wie soll ich das sagen – etwas Besonderes, das eigentlich gar nicht so besonders ist. Also etwas Besonderes, das eigentlich trotzdem normal ist. Aber ich sage nicht jeder zweiten Person: «Ich bin im Fall trans und das ist mega cool.»

Für mich sind Mädchen und Jungen eigentlich gleich. Ich finde es mega bescheuert, dass man aufwächst und weiss: Die Jungen bekommen einen blauen Schlafanzug mit einem Auto oder Bagger drauf und die Mädchen einen pinken mit einer Prinzessin oder einer Fee drauf. Lasst doch das Kind selber entscheiden, was seine Lieblingsfarbe ist und ob es lieber Bagger oder Prinzessinnen hat! Ein zweijähriges Kind kann nicht sagen: «Ich habe lieber Feen» oder «Ich habe lieber Bagger». Das sagt: «Bagg!» Baggy, Bagger, Brei – für was steht Bagg? Es ist immer noch so: Mädchen spielen mit Mädchen und Jungen mit Jungen. Also ich verstehe mich mit fast allen Jungs in meiner Klasse gut. Wenn ich ein Junge geblieben wäre, hätte ich wahrscheinlich mehr mit Jungen zu tun und weniger mit Mädchen, aber ich glaube, ich hätte schon auch Mädchen als Freundinnen. In den ersten Jahren fand ich Pink und Rosa und Prinzessinnen und Einhörner toll. Ich und meine Freundinnen, wir konnten alle «Anna und Elsa»-Lieder auswendig und wünschten uns «Elsa»-Tutus. So ab der zweiten, dritten Klasse findet man das dann mega peinlich.

Auf dem Fussballplatz in der Schule mussten wir Tage abmachen, an denen wir Mädchen in der Pause spielen dürfen. Weil, wenn wir auf das Fussballfeld kamen, haben die Jungs den Mädchen nie den Ball gegeben. Was ich auch wirklich ganz schlimm finde: Es gab bisher erst ein- oder zweimal einen Mädchen-Fussballtag, und wenn wir am Spielen waren, rannten die Jungen einfach aufs Feld und fingen an zu spielen. Obwohl Mädchen-Fussballtag war. Es gab daneben einen Platz, wo man auch spielen kann, und die Jungs hätten dort spielen können. Aber sie kamen aufs Fussballfeld und sagten den Mädchen: «Ihr müsst jetzt weggehen, jetzt spielen wir hier.» Und dann fingen sie an zu spielen.

Damit die Mädchen solche Sachen bereden können, gibt es im N6– das ist der Jugendtreff hier im Quartier – einen Mädchenabend. Und weil die Jungs auch einen Jungenabend wollten, gibt es das jetzt auch. Eigentlich finde ich es ein bisschen unnötig, dass es getrennt sein muss. Seit kurzem gibt es im N6 auch einen Regenbogentreff. Da möchte ich unbedingt mal hingehen, um andere trans Kinder kennenzulernen. Weil die halt in der gleichen Zeit wie ich geboren sind. Vor dreissig Jahren war es noch anders, da hat man es noch gar nicht angenommen. Jetzt akzeptiert man es schon mehr, aber man wird immer noch gemobbt deswegen. Und wer weiss, wie es in vierzig Jahren ist. Entweder hat es sich wieder zurückentwickelt, oder es bleibt so, wie es jetzt ist, oder es entwickelt sich weiter. Ich hoffe, dass es sich weiterentwickelt.

Wenn ich erwachsen bin, möchte ich Schauspielerin werden wie meine Eltern. Ich habe schon in einem Weihnachtsmärchen und in einem Film mitgespielt. In dem Film ging es um ein trans Mädchen, die hiess Nina. Ich spielte Ninas Freundin. Da habe ich das Leben als Schauspielerin kennengelernt. Es ist halt schon cool, im Rampenlicht zu stehen. Ich bin gern im Mittelpunkt. Am liebsten würde ich Musical-Darstellerin werden. Ich würde gern in der Schweiz bleiben oder irgendwohin gehen, wo Schauspiel recht gross ist.

Ich würde vielleicht gern mal heiraten. Welches Geschlecht die Person hat, ist mir egal. Hauptsache, ich habe die Person gern und die Personhat mich gern, und wir wollen beide heiraten. Es kommt ja nicht nur auf das Geschlecht an bei einer Beziehung. Auch nicht darauf, ob man die Person schön findet oder nicht. Sondern mehr auf den Charakter und ob man die Person gernhat.

Christelle, 17 «Vielleicht komme ich mal mit einer Frau nach Hause. So what?»

#Ländlich #Heteronormativität #Dating #Baubranche #Schreiben

Christelle hat meinen Aufruf für dieses Buch auf Instagram bei der Plattform Queerkaff aus Obwalden gesehen. Sie lebt im Nachbarkanton Nidwalden, im Hauptort Stans. Für unser Gespräch lädt sie mich ins Haus einer Freundin ein, das sei näher am Bahnhof als ihr Elternhaus. Der kurze Spaziergang dorthin führt durch die Altstadt, am Dorfplatz mit der monumentalen Kirche St. Peter und dem Denkmal für den Stanser Helden Winkelried vorbei. Ich staune über die repräsentativen Bürgerhäuser. In einem von ihnen empfängt uns die Mutter der Freundin. Stolz zeigt sie uns das verwinkelte Haus mit dem historischen Täfer, und ebenso stolz erzählt sie von ihrer Tochter, die ebenfalls queer sei und in Bern studiere. Während des Interviews geht die Mutter der Freundin in den Garten, Christelle und ich nehmen in der Küche Platz. Sie trägt einen schwarzen Kapuzenpulli, einen braunen Pferdeschwanz und Silberohrringe.

Es ist recht speziell für mich, über meine sexuelle Orientierung zu reden. Halt auch, weil jemand Fragen stellt, weisst du, was ich meine? Sonst nimmt das die Leute nicht so wunder, habe ich das Gefühl. Meine Freunde haben nie gefragt, wie das entstanden ist. Vermutlich auch, weil es für sie so normal ist. Mein Gott, dann stehst du halt auch auf Frauen, das ist nicht so ein Thema. Wenn ich mich labeln müsste, dann wäre es wahrscheinlich pansexuell. Aber ich kann mich mit dem Label nicht so identifizieren. Darum sage ich einfach, ich bin queer.

Es ist ein Thema, über das ich eigentlich gerne mehr sprechen würde, aber irgendwie gibt es nicht so oft die Gelegenheit. Es interessiert mich auch bei anderen, wie ihr Findungsprozess gelaufen ist. Ich muss sagen, mir ist es eigentlich recht leichtgefallen. Ich kenne andere, die viel mehr gestruggelt haben, das bei sich zu akzeptieren. Das war bei mir anders. Aber rückblickend war es doch auch ein jahrelanger Prozess. Ich bin froh, habe ich nicht so gegen mich gekämpft.

Ich bin hier in Nidwalden aufgewachsen, eigentlich ganz konventionell: Mutter, Vater, älterer Bruder. Der erste Kontakt in der Familie mit dem Thema Queersein war, als sich mein Cousin als schwul geoutet hat. Er lebt jetzt auch mit seinem Partner zusammen, und sie versuchen, ein Kind zu bekommen. Meine Tante und mein Onkel sind Bauern, die hatten da schon noch zu beissen. Sie fragten sich: Wer übernimmt jetzt den Hof? Aber meine Eltern haben das eigentlich recht gut aufgenommen. Ich habe nicht das Bedürfnis, mich explizit bei ihnen zu outen, aber in meinem Zimmer hängt eine Regenbogenflagge. I guess, they know. Meine Mutter sagt auch nicht: «Wenn du dann mal einen Mann hast», sondern «Wenn du dann mal eine Person hast». Vielleicht komme ich mal mit einer Frau nach Hause, so what? Aber es ist ja ein mega Privileg, das denken zu können. Es gibt viele Jugendliche, die so etwas bei ihren Eltern nie bringen könnten.

Vor etwa fünf Jahren habe ich gemerkt, dass ich auch auf Mädchen stehe. Das war ein schrittweiser Prozess. Als Kind kennt man ja nichts anderes als Heterosexualität, weil unsere Gesellschaft so heteronormativ ist. Wie willst du wissen, dass es noch etwas anderes gibt, wenn es dir nicht beigebracht wird? Damals gab es auch ein Mädchen in meiner Klasse, die sagte, sie sei bisexuell. Irgendwann fragte ich mich: Könnte ich mir auch vorstellen, mich in eine Frau zu verlieben? Eine Beziehung zu haben mit einer Frau? Und als die Antwort nicht Nein war, war es klar. Dann auch die ersten Celebrity Crushes: Keira Knightley und Jennifer Lawrence … Von da an war es für mich nicht mehr denkbar, dass ich nur auf Männer stehen könnte. Wenn es doch Frauen gibt! Weisst du, wie ich meine?

Zuerst dachte ich, ich bin bisexuell. Dann lernte ich auf Social Media, dass es Leute gibt, die sich gar nicht diesen binären Geschlechtern zuordnen. Da fragte ich mich: Wieso schliesst du das aus? Eben. Ich bin halt schon der Meinung, man verliebt sich in einen Menschen. Ich finde es seltsam, dass die meisten Leute sich nur in ein Geschlecht verlieben können. Letzthin habe ich mit einem Freund darüber gesprochen, der schwul ist. Ich finde es auch bei ihm speziell, dass er nur auf Männer steht. Es klingt vielleicht seltsam, das zu sagen, weil das ja die Normalität ist. Es ist mega in unseren Köpfen drin.

Mein erstes Coming-out hatte ich aus Versehen, da war ich ungefähr 13. Ein Mädchen hat mich darauf angesprochen, dass ein Freund von mir anscheinend bisexuell sei. Da habe ich gesagt: Ich weiss, ich ja auch. Dann sie so: Was?! Und ich: Ja. Das war einfach so ein Versehen, vielleicht, weil das für mich schon damals so normal war. Es war so obvious, weil ich auch über Frauen geredet habe, wie andere über Männer reden. Als ich meinen Freunden dann sagte: Ah ja, übrigens, ich stehe auch auf Frauen, sagten sie nur: Das wissen wir doch schon lange! Vielleicht hängt es aber auch mit meiner Attitude zusammen. Das klingt frech, aber ich bin der Meinung: Wer es nicht akzeptieren kann, gehört nicht in mein Leben. Das dachte ich schon mit zwölf, was ich, rückblickend, ziemlich lustig finde. Es ist aber nicht so, dass ich mich nur über mein Queersein definiere. Ich stelle mich nicht vor und sage: Übrigens, Fun Fact, ich bin queer. Meine Sexualität ist zwar ein Teil von mir, aber ich bin nicht meine Sexualität.