Rahmat lebt - Dieter Jacobi - E-Book

Rahmat lebt E-Book

Dieter Jacobi

4,9

Beschreibung

Rahmat war zwölf Jahre alt, als er 1990 in Kabul beim Spielen auf eine Mine trat und beide Beine verlor. Er steht hier für alle zivilen Opfer von Kriegen und Naturkatastrophen, die Dieter Jacobi während seiner chirurgischen Arbeit im Auftrag des Internationalen Roten Kreuzes anvertraut haben. Die Aufzeichnungen aus seinem Einsatztagebuch lassen erkennen, dass die Fernsehbilder immer nur einen oft subjektiven Bruchteil der Wirklichkeit von Katastropheneinsätzen wiedergeben können. Unter welch schwierigen und oft lebensbedrohlichen Bedingungen die internationalen Hilfsorganisationen tatsächlich vor Ort arbeiten müssen, ist kaum bekannt. Das betrifft nicht nur die humanitäre Hilfe bei Naturkatastrophen, sondern auch die Nichteinhaltung der Genfer Konventionen und des Humanitären Völkerrechts bei Kriegseinsätzen. Auch wenn der Autor manchmal eine Ahnung von der Vergeblichkeit seines humanitären Engagements empfindet, lässt er sich nicht beirren. Die Passion für seinen Beruf, die Chirurgie, treibt ihn immer wieder in die Krisengebiete dieser Erde. Für sich selbst lehnt er die Bezeichnung Gutmensch ab, ihn interessiert die menschliche Dimension, die Begegnung mit den Opfern und mit denen, die, wie er, einfach helfen wollen. Er muss die Menschen lieben: Trotz aller Schrecknisse hat sich Dieter Jacobi seinen versöhnlichen Humor bewahrt.

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Seitenzahl: 661

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Dieter Jacobi

Rahmat lebt

Dieter Jacobi

Rahmatlebt

Als Rotkreuz-Arzt in den Krisengebieten

dieser Erde

Erfahrungen –Erlebnisse– Reflexionen

Westkreuz-Verlag GmbH Berlin/Bonn

Bibliographische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

E-Book-Ausgabe:

ISBN 978-3-929592-94-06-0

© 2013 Westkreuz-Verlag GmbH Berlin/Bonn

Herstellung: Westkreuz-Druckerei Ahrens KG Berlin/Bonn

E-Book Umsetzung: KOMAG mbH Berlin/Brandenburg

Zur Erinnerung

an unsere toten Freunde

aus Novye Atagi in Tschetschenien

und Lugufu in Tansania

Vorwort

Wenn ich gelegentlich unter Freunden und Bekannten frage, was versteht ihr unter dem Roten Kreuz, folgt nach anfänglichem Schweigen schließlich stotternd... hm, ja, das Rote Kreuz ruft zum Blutspenden auf. Das Rote Kreuz besitzt Krankenhäuser und Altersheime. Es stellt Erste-Hilfe-Posten und organisiert Notarztdienste. Und was noch? Nun ja, was du so machst, Kriegsverwundete, Flüchtlinge und so...

Es ist vielleicht nicht erstaunlich, nachdem wir hier seit über 60 Jahre im Frieden leben, dass die ursprüngliche Aufgabe, die originäre Rotkreuz-Idee, nämlich die Betreuung von Kriegsverletzten, in unserem Bewusstsein so weit in den Hintergrund getreten ist. Die Grundidee der Verwundetenversorgung wurde im Laufe der mehr als 140 Jahre, die das Rote Kreuz besteht, auf einen immer größeren Kreis von vom Krieg Betroffener ausgeweitet. Der internationale Einsatz für Opfer von bewaffneten Konflikten, der schließlich auch auf die Leidtragenden von anderen weltweiten Katastrophensituationen ausgedehnt wurde, bleibt das zentrale Anliegen der Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung.

Dieses Buch erzählt zwar von dieser internationalen Rotkreuz-Arbeit und auch von der Geschichte und der Struktur der Bewegung, aber es ist kein Rotkreuz-Handbuch. Es ist ein persönlicher Bericht über meine Einsätze in den vergangenen 17 Jahren, über die Begegnung mit der manchmal unfassbar grausamen Wirklichkeit, mit der sich Opfer von Kriegen und anderen Katastrophen auseinandersetzen müssen und über unsere Bemühungen und Möglichkeiten, ihnen dabei unter die Arme zu greifen. Ich singe nicht „Das Lied vom braven Mann“, sondern ich berichte von Menschen mit ihren Stärken und Schwächen, die Freude und Befriedigung darin finden, anderen, die in Not geraten sind, zu helfen.

Bei der andauernden Konfrontation mit dem Leiden und Sterben der Opfer, wie es auch heute überall in der Welt stattfindet, bleiben kritische Fragen nicht aus: Können wir nicht noch besser, noch schneller sein? Und können wir nicht mehr tun, um solche entsetzlichen Gemetzel, wie es Kriege nun mal sind, zu verhindern? Ja, ich weiß, wir müssen neutral bleiben, und das Rote Kreuz ist keine pazifistische Organisation. Die Parole „Sei menschlich auch im Krieg“ ist eine großartige Idee, aber wir hecheln damit immer nur hinterher. Wir verbinden den Verwundeten und sollten eigentlich bei dem weltweiten Ruf, mit dem Einfluss und mit der Stärke der Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung intensiver für den Frieden kämpfen, der Tod und Verwundung verhindert. Als Mediziner kann man mir nicht die Einstellung verübeln: Vorbeugen ist besser als Heilen.

Und heißt es nicht im Originalwortlaut der Definitionen der sieben Grundsätze der Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung bei dem Prinzip Menschlichkeit: Sie (die Bewegung) fördert gegenseitiges Verständnis, Freundschaft, Zusammenarbeit und einen dauerhaften Frieden unter den Völkern. Rahmat lebt und die Rotkreuz-Idee lebt! Aber können wir nicht, müssen wir nicht noch besser, noch friedenskämpferischer sein?

Doch hier ist erst eimal Rahmat, mit dessen Geschichte die Idee zu diesem Buch überhaupt entstand.

Das Kreuz angefasst, ist halbe Last.

Sprichwort

Rahmat

Kabul, im Oktober 1990. Auf den Gipfeln des Hindukusch, im Nordwesten, liegt bereits Schnee. Am Tag ist es noch sommerlich warm, aber nachts wird es schon empfindlich kühl. In unseren Zimmern werden Ölöfen aufgestellt. Auch die Mudschahedin in den Bergen, die seit Monaten die Stadt mit Raketen eindecken und damit für einen nicht endenden Zustrom von verstümmelten Patienten in unser Rotkreuz-Krankenhaus sorgen, beginnen wohl zu frieren. Der teuflische Lärm der explodierenden Geschosse um uns herum lässt deutlich nach.

Im Krankenhaus ist es ungewöhnlich ruhig, als wir morgens unseren Dienst beginnen. Kerstin, unsere schwedische Anästhesistin, schlägt erst einmal einen Kaffee vor. OP-Schwester Aline und ich stellen Tassen auf den Tisch und nehmen die Kanne aus der Maschine. Sie ist Tag und Nacht in Betrieb. Kaffee ist unser Überlebenselixier. In diesem Moment fährt mit Blaulicht und Sirene ein schrottreifer Krankenwagen an der Aufnahme vor. Drei Krankenbahren werden ausgeladen. Eine junge Frau rennt schreiend hinter den Trägern her. Als wir in die Ambulanz kommen, mühen sich Schwestern bereits um drei verletzte Kinder. Sie werden entkleidet, Blutdruck gemessen, Blut abgenommen, Infusionen angeschlossen, hundertfach geübte Routine. Die beiden weinenden Mädchen haben anscheinend nur oberflächliche Verletzungen. Der Junge, etwa zwölf Jahre alt, ist bewusstlos. Beide Beine sind abgerissen, das rechte in Hüft-, das linke in Kniehöhe. Der Junge ist auf eine Mine getreten, während seine Schwestern in der Nähe spielten und nur von einigen Splittern getroffen wurden. Die Krankenschwester an der Untersuchungsliege schüttelt mit dem Kopf. Sie kann keinen Blutdruck messen. Kerstin geht hinüber. Auch sie hört nichts. Sie setzt das Stethoskop auf den Brustkorb. Herzaktion ist da, aber schwach und rasend, sagt sie, ohne aufzublicken. Ich kontrolliere die Pupillen. Sie sind mittelweit und reagieren nur träge auf Lichteinfall. Wir drei schauen uns an. Wir haben keine Chance. Über eine Dolmetscherin versuchen wir der Mutter zu erklären, dass wir nichts tun können. Die Frau hängt sich schreiend an uns. Das ist mein einziger Sohn. Sie zieht Kerstin und mich zurück an die Liege. Er darf nicht sterben. Während die Schwester eine Blutersatzlösung nachhängt, beraten wir uns noch einmal. Wir hätten genügend Zeit. Es warten keine anderen Patienten. Aber Blut? Der Junge braucht mindestens fünf oder sechs Konserven, aber mehr als drei für einen Patienten sind nicht erlaubt. Und was für ein Leben versuchen wir zu retten mit einer Amputation im Hüftgelenk und einer in Oberschenkelmitte? Wie weit ist das Gehirn durch den Schock bereits geschädigt? Die Mutter kniet laut flehend vor uns. Aline hebt sie auf die Füße und nimmt sie in ihre Arme. Lasst es uns versuchen, sage ich mit einem Kloß im Hals. Ich renne hinüber in die Blutbank.

Jeder hat vor der norwegischen Laborantin und Blutbank-Chefin Johanna Respekt. Sie schafft es immer wieder bei Studenten, Soldaten, Teppichhändlern aus dem Basar und unter unseren eigenen Leuten genügend Spender für unsere vielen verwundeten Patienten aufzutreiben. Aber sie muss auch die Regeln einhalten, dass für einen Patienten nur so viel Blut verbraucht wird, damit andere, die mit weniger gerettet werden könnten, auch eine Chance bekommen. Ich nähere mich Johanna in demonstrativer Unterwürfigkeit und bettele demütig: Ausnahmsweise, Johanna, ich brauche mindestens fünf Konserven. Ich erzähle ihr den Fall. Gut, entscheidet sie, fünf und keine Einheit mehr. In wenigen Minuten ist die Blutgruppe bestimmt und das Blut gekreuzt. Ich packe die Blutbeutel und laufe zurück. Der Junge liegt bereits auf dem Operationstisch. Ich setze den rechten, zerfetzten Stumpf im Hüftgelenk ab und den linken in Oberschenkelmitte. Kerstin ist eine exzellente Narkoseärztin. Rahmat, Sohn des Abdul Ghias, überlebt. Das letzte Bild, das ich drei Wochen später von ihm mache, zeigt einen blassen Jungen mit scheuem Blick im Rollstuhl, der einen Rotkreuz-Flyer in die Kamera hält. Hinter ihm steht seine junge Mutter, lächelnd. Johanna hat übrigens am Ende zehn Konserven herausgerückt.

Immer wieder denke ich in den folgenden Jahren an Rahmat. Immer wieder erzähle ich seine Geschichte in Seminaren, bei Fortbildungsvorträgen und bei der Einführung von jungen Kollegen in die Kriegschirurgie. Wenn er die nachfolgenden Schrecken, die über Kabul hinzogen, überlebt hat, den Einmarsch der Mudschahedin, die Machtergreifung durch die Taliban und schließlich die Eroberung der Stadt durch die westlichen Koalitionstruppen, müsste er heute Ende 20 sein. Freut er sich über jeden Tag, an dem er die Sonne sieht, oder verflucht er diejenigen, die ihn als Krüppel am Leben erhalten haben? Haben wir dem Jungen wirklich geholfen?

Puthukkudiyiruppu/Sri Lanka, im Januar 2005. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz setzt das völlig heruntergekommene Krankenhaus dieser Stadt, in der Mitte des Tamilengebietes, mithilfe des Deutschen Roten Kreuzes wieder instand und verstärkt das einheimische Personal mit einem medizinischen Team. Das Hospital in Mullaitivu, der Stadt an der Küste, wurde durch den Tsunami im vergangenen Dezember zerstört. Viele obdachlose Menschen haben sich nach PTK, wie wir den unaussprechlichen Namen der Stadt abkürzen, gerettet und brauchen medizinische Hilfe. Außerdem versorgt ein deutsches Wasserteam zahlreiche Camps an der Küste mit Trinkwasser.

Es ist schon spät. Die meisten unserer Leute haben sich in ihre Zimmer im Haus zurückgezogen. Nur Philip, ein junger Kollege, und ich hocken noch mit einem letzten Bier um die verlöschende Glut unseres Grillfeuers. Wir reden über Gott und die Welt. Ich erzähle ihm die Geschichte von Rahmat. Du bist doch ein antiquiertes Relikt, ein aussterbender Dinosaurier der Chirurgie, erklärt mir Philip freundlich. Verwundetensichtung, Triage, das kennen unsere Leute im Westen doch gar nicht. Sie meinen, jeder Mensch auf dieser Erde habe das gleiche Recht und die gleiche Chance, dass alles für ihn getan werde und für alles ein Spezialist bereitstehe. Transplantationschirurgie, Endoprothetik, Frakturenschmiederei, mikroinvasive Chirurgie und Hochspezialisierung, das sind die derzeitigen Leitsterne unserer Zunft. Ich habe zwar keine Ahnung, wie das Rote Kreuz auf dieser Grundlage in Zukunft seinen kriegschirurgischen Nachwuchs rekrutieren will, aber das ist die Realität, zumindest in den reichen Ländern. Du, Dieter, magst vielleicht ein Allrounder sein, der am ganzen Körper operieren kann, aber in unseren modernen Operationssälen stündest du heute wahrscheinlich hilflos auf verlorenem Posten. Was würdest du machen, wenn man dir zum Beispiel für eine Bruchoperation ein Endoskop in die Hand drückt. Bitte, mikroinvasiver Zugang und Bruchpfortenverschluss durch Netzimplantation, oder für eine Darmnaht einen Stapler? Was ist das, bitte? Ein Stapler ist ein Rundklammernahtgerät, hast du wohl noch nie gehört? Nee, ich kann nur mit Nadel und Faden nähen.

Siehste! Philip nimmt einen Schluck aus der Bierflasche, beugt sich zu mir herüber und lächelt listig. Wir lesen doch immer wieder, wie schwierig die Dinosaurierforschung ist und wie mühsam man aus den verbliebenen Resten ihre Lebensweise nur erahnen kann. Mach es doch der Nachwelt einfacher. Schreib schlicht auf, wie man mit einer soliden handwerklichen Ausbildung, unkomplizierter Technik, beschränkten Mitteln und mit gesundem Menschenverstand ordentliche Arbeit leisten und einer Menge Menschen helfen kann. Du hast das doch lange genug gemacht. Versteh mich richtig. Die Menschen wollen keine Heldensagen hören und auch keine Geschichten von bravouröser Selbstlosigkeit. Wir vom Roten Kreuz sind schließlich keine Engel, keine erdfernen Dulder oder entsagungsvollen Gutmenschen. Erzähle einfach, was dich persönlich veranlasst hat, 17 Jahre immer wieder solche verrückten Einsätze zu machen. Du bist doch fast überall gewesen, wo es gebrannt hat, ein richtiger „Katastrophentramp“.

Die Stille wird unterbrochen durch unseren Lastwagen, der in den Hof einfährt. Claus, der Leiter des Wasserteams, musste noch den Trinkwassertank in einem der Küstencamps auffüllen. Na, ihr „Katastrophenurlauber“, das habe ich gern. Während wir uns totschuften, lümmelt ihr euch hier vor dem Feuer. Und dann so eine jämmerliche Flamme. Er wirft ein paar Scheite auf die Glut und wedelt mit einem der Plastikstühle, bis das Feuer wieder hoch schlägt. Claus und Donata, die ihm geholfen hatte, setzen sich zu uns. Du kennst doch das Wort vom Abend, an dem die Faulen fleißig werden, entgegnet Philip trocken. Aber ihr seht ja richtig nach Arbeit aus, Indianer auf dem Kriegspfad. Auf ihren staubbedeckten Gesichtern haben Schweißrinnen ein wildes Muster gezeichnet. Ihr kommt gerade recht. Dieter und ich reden über Beweggründe, die uns veranlassen, solche Einsätze zu machen. Das ist doch klar, sagt Donata, wir sind vom Roten Kreuz, wir wollen helfen. O. k., Donata, Helfen ist ein Grund, unterbreche ich sie, aber wir sollten die Fahne der Menschlichkeit nicht zu weit aus dem Fenster hängen. Helfen kannst du auch zu Hause. Du kannst deine Mutter unterstützen, deine Nachbarin pflegen oder für das Rote Kreuz sammeln. Dafür brauchst du nicht so weit zu reisen und so verrückt zu schwitzen, wie wir das hier tun. Wir haben schon auch handfeste eigennützige Motive. Ich zum Beispiel betrachte jeden Einsatz als eine neue persönliche Herausforderung. Du musst eine schwierige Situation in den Griff kriegen, dich mit fremden Mitarbeitern arrangieren und am Ende soll etwas herauskommen, das die Lage der betroffenen Opfer verbessert. Ich hasse Routine. Da haben wir ja schon mal zwei Triebfedern, sagt Philip und fährt fort, reizvoll für mich ist auch das fremdartige, manchmal exotische Umfeld unserer Arbeit. Außerdem würde ich niemals zu Hause mit so viel Unbekanntem und Ungewöhnlichem konfrontiert werden. Jeder Einsatz ist neues Erleben und neues Erlernen. Und neue Menschen kennen lernen, ergänzt Donata. Ich genieße das Gemeinschaftsgefühl, die Sicherheit, dass sich einer auf den anderen verlassen kann. Es gibt nicht diese Ellenbogenspiele wie zu Hause. Jedenfalls habe ich es noch nicht erlebt, dass sich einer auf Kosten anderer zu profilieren versucht. Claus schaltet sich ein. Nein, wir wollen uns nicht als Helden aufspielen, wir wollen nur einen guten Job machen. Und je schwieriger die Aufgabe ist, desto besser. Darin steckt natürlich auch eine Portion Abenteuerlust, die Erwartung von etwas Aufregendem, etwas Überraschendem. Bei allem Respekt für die Rotkreuz-Idee, der wir uns verpflichtet fühlen, viele von uns sind schon so eine Art von Nomaden oder sagen wir Vagabunden der Katastrophenhilfe.

Habe ich das nicht eben erwähnt, triumphiert Philip. Es gibt also eine Menge zu erzählen, Dieter. Mein beredter Kollege nimmt noch einen Schluck aus der Bierflasche und fährt fort. Wer weiß denn schon, dass wir bei allen spektakulären Fortschritten der Medizin, Kriegsverletzungen heute noch erfolgreich nach Prinzipien versorgen, die mehr als tausend Jahre alt sind. Die aber immer wieder vergessen werden. Oder nimm deine „Wasserspiele“ bei chronischen Knochenentzündungen. Schon die Neandertaler haben von der heilenden Kraft des Wassers gewusst. Viele unserer lieben Kollegen betrachten das als primitiv und unwissenschaftlich, aber es hilft.

Gut, Philip, unterbreche ich ihn, an Stoff mangelt es nicht. Nur habe ich meine leisen Zweifel, ob meine weisen kriegschirurgischen Belehrungen einen Leser in seinen Bann ziehen. Wenn ich denn schreibe, möchte ich etwas von der rauen Wirklichkeit vermitteln. Schließlich haben nur wenige Menschen in unserem friedlichen Europa eine Vorstellung davon, dass Kriege keine „chirurgisch präzise Ausschaltung“ von militärischen Zielen sind, wie es uns die zensierten Fernsehbilder vorzugaukeln versuchen, sondern häufig ein unmenschliches Gemetzel an der Zivilbevölkerung. Und wer ahnt wirklich, dass die malerisch bunten Flüchtlingsströme auf unseren Bildschirmen keine folkloristischen Wanderbewegungen sind, sondern Folgen grausamer Vertreibung mit Verlust von Angehörigen, Heimat, Haus und Hof.

Wer macht sich schon klar, dass vier Fünftel der Weltbevölkerung von den medizinischen Standards, die wir als selbstverständlich voraussetzen, und über deren Qualität wir immer wieder meckern, nur träumen können. Und wem ist bei uns wirklich bewusst, dass der Großteil der Menschheit für das tägliche Brot vom ersten bis zum letzten Licht hart schaffen muss, während wir im Westen streiken, wenn wir in der Woche nur eine Stunde länger arbeiten sollen.

Sag ich es doch, fällt mir Philip ins Wort, dann geht vielleicht dem einen oder anderen unserer lieben Zeitgenossen mal ein Licht auf, in welch paradiesischem Frieden, auf welcher Insel der Seligen er leben darf.

O. k., Philip, zum Kummer der Leute im Generalsekretariat habe ich zwar nie ein korrektes Einsatztagebuch geführt, aber ich habe mir regelmäßig Notizen gemacht und Berichte geschrieben. Doch ich kämpfe da noch mit einem anderen Problem. Ich erkenne ja an, wie das Rote Kreuz sich müht, die Zustände für die Unglücksopfer zu verbessern, aber bei den menschengemachten Katastrophen wie Krieg, Vertreibung oder Verelendung ganzer Völker durch Handelsblockaden sind wir zu zaghaft, zu zurückhaltend. Die Stimme des Roten Kreuzes ist zu leise.

Ich hielt zum Beispiel die Bombardierung des Kosovo für völkerrechtswidrig. Die selbstherrliche Klassifizierung der Gefangenen in Camp X-Ray in Guantanamo Bay als unlawful combatants, gesetzlose Kämpfer, widerspricht eindeutig der Dritten Genfer Konvention. Und das lange Embargo gegen den Irak und auch heute noch gegen Kuba richtet sich vornehmlich gegen die Zivilbevölkerung. Das ist ein Bruch der Vierten Genfer Konvention, auch wenn dort zurzeit kein Krieg herrscht. Auch Hunger ist Krieg, hat Willy Brandt einmal gesagt.

Philip schüttelt den Kopf. Das darfst du natürlich nicht schreiben. Du kennst doch die sieben Prinzipien der Rotkreuz-Bewegung: Humanität, Unabhängigkeit, Freiwilligkeit, Einigkeit, Universalität, Unparteilichkeit und Neutralität. Ich wiederhole Unparteilichkeit und Neutralität. Wir dürfen uns nicht auf eine Seite schlagen.

Ich trinke mein Bier aus und schüttele den Kopf. Philip, mit einem Maulkorb kann ich kein Buch schreiben. Bei allem Verständnis für ein diplomatisches Vorgehen, wenn Humanität, also Menschlichkeit, unser oberstes Prinzip ist, dann müssen wir laut aufschreien, wenn wir Zeugen werden von Verstößen gegen das Humanitäre Völkerrecht und bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Au weia, sagt er und erhebt sich ächzend aus seinem Campingstuhl, das gibt Ärger. Aber vielleicht haben Dinosaurier, ein antikes Fossil wie du, ja einen Freibrief und das Generalsekretariat freut sich, wenn du ihnen jetzt dein Einsatztagebuch nachlieferst.

Wenn du mit der Wahrheit zurückhältst,

wenn du die Wahrheit verbirgst,

wenn du in der Öffentlichkeit sprichst,

ohne die ganze Wahrheit zu sagen,

dann bist du weniger wahr als die Wahrheit.

Jack London

Lokichokio, Einsatzbeginn mit einem Heimspiel

Zum Roten Kreuz, bitte, sage ich dem Taxifahrer am Flughafen in Genf. Quelle Croix Rouge? La Fédération ou le Comité International de la Croix Rouge? Jetzt wird es schwierig. Zum einen fehlen mir die Vokabeln für weitere Erklärungen, zum anderen die Kenntnis, dass es zwei Rotkreuz-Organisationen gibt. Das kommt davon, wenn man den Einführungskurs beim Roten Kreuz nicht mitgemacht hat. Es gibt tatsächlich zwei Rotkreuz-Gesellschaften in Genf. Dass es so ist, lernt man schnell. Warum das so ist, ist schon etwas schwieriger zu begreifen. Der Taxifahrer bringt mich glücklicherweise gleich zu dem richtigen Verein, dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz, IKRK, bei dem ich erwartet werde.

Warum ich hier in Genf bin? Acht Jahre habe ich als Chirurg in Afrika gearbeitet, wohin mich meine Familie treu begleitet hat. Zunächst waren wir vier Jahre in einem Buschhospital in Togo und danach vier Jahre bei den Flying Doctors in Kenia. Aber nun will meine Frau nicht mehr. Acht Jahre in den Tropen sind genug, sagt Ille. Ich brauche keine exotischen Paradiese mehr, keine Traumstrände und die Tropenhitze geht mir auf den Geist. In Wirklichkeit hat sie eine unangenehm juckende Hitzeallergie entwickelt. Außerdem müssen die Kinder in einen geregelten Schulbetrieb. Der war in Kenia in der Deutschen Schule ja nicht schlecht, aber wo gibt es den sonst für eine Familie, deren Vater in der so genannten Dritten Welt an wechselnden Orten arbeitet.

Aber was soll ich in Deutschland? Mich wieder in den bürokratischen Krankenhausbetrieb eingliedern? Mich gängeln lassen von selbst ernannten Gesundheitsexperten? Mich ärgern über Patienten, die meist nichts oder nur wenig haben, zumindest im Vergleich zu dem, was wir in den letzten acht Jahren erlebt haben? Mich wieder nur noch auf mein Fach beschränken? All das, was ich in den vergangenen Jahren dazugelernt habe, nicht mehr anwenden können? Nie und nimmer! Wir einigen uns auf einen Kompromiss: Die Hälfte des Jahres darf ich im Ausland arbeiten. Dazu ein paar gut bezahlte Krankenhausvertretungen in Deutschland und Illes Gartenerträge, das sollte reichen, um die Familie zu ernähren.

Aber wie kommt man zu zeitlich begrenzten Auslandseinsätzen? Ich wende mich ans Deutsche Rote Kreuz und füge meinen Lebenslauf bei. Nach ein paar Wochen erhalte ich eine Larifari-Antwort. Meine Vita sähe ja ganz ordentlich aus. Man würde mich in den nächsten Monaten mal zu einem Einführungskurs einladen und dann sähe man weiter. Das wird wohl nichts, grüble ich beim abendlichen Rotwein. Aber was nun?

Schon am nächsten Morgen kommt ein Anruf des Deutschen Roten Kreuzes aus Bonn. Ob ich, am besten gestern noch, als Chirurg für drei Monate nach Lokichokio in Nordkenia gehen könne? Loki, nichts lieber als das. Das wird ein Heimspiel. Aber so verpasse ich den Einführungskurs und habe ihn bis heute noch nicht nachgeholt.

Das IKRK residiert in Genf in einer eindrucksvollen Villa und zahlreichen Nebengebäuden an der Avenue de la Paix, der Friedensallee. Nach der gestrigen ersten Einführung im Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes in Bonn folgt hier die nächste Ein-satzeinweisung. In der chirurgischen Sektion erzählt man mir, welche Chirurgie ich machen werde. In der nächsten Abteilung erfahre ich etwas über die politische Situation im Sudan, danach über die Lage in Kenia und in Lokichokio. Ich hetze atemlos meinem vollen Terminplan hinterher, Verhaltensregeln für Rotkreuz-Leute, Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen, wie bleibe ich gesundheitlich fit, Umgang mit den Medien, Abrechnungsregelungen und noch einiges mehr, was ich vergessen habe. Aber dieser Tag geht auch vorüber.

Beim letzten Termin erhalte ich schließlich mein Flugticket und nachts sitzen wir im Flieger nach Nairobi. Dazu gestoßen sind noch Marjalisa, die neue Oberschwester für Loki aus Finnland, und Margret, eine Krankenschwester aus Dänemark, die im Sudan arbeiten soll. Wir landen am frühen Morgen in Nairobi. Das ist fast wie Heimat. Wie habe ich den chaotischen Verkehr vermisst, die Schlaglöcher in den Straßen, die überfüllten Matatus (Sammeltaxis), das Dauerhupen, Rechts-Links-Überholen, Ampeln nicht beachten, der Verkehr fließt – allerdings zu welchem Preis? Mit gerade mal 30 Millionen Einwohnern hat Kenia viermal mehr Tote auf der Straße zu beklagen als Deutschland.

Wir sind todmüde. Jetzt ins Hotel und schlafen. Das könnte uns so passen. Der IKRK-Fahrer, der uns am Flughafen abholt, bringt uns in die Delegation zur nächsten Einweisung. Es fängt an bei Patrick, dem Delegationsleiter, oder auf Englisch Head of Delegation (HoD), ein vornehmer Mensch, braun gebrannt mit Schlips und Kragen, Golfausrüstung neben dem Schreibtisch. HoDs sind kleine Könige in ihrem Revier, werde ich in den folgenden Jahren lernen, die sich wenig von Genf dreinreden lassen. Manche sind hervorragend und manche sind ziemliche Idioten, aber man muss mit ihnen leben. Er erzählt uns über die Politik im Sudan und in Kenia. Der Nächste spricht über Sicherheitsregeln, eine andere über Gesundheitsvorsorg

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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