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Democratic institutions are currently facing a crisis of legitimacy, and the political system is also coming under pressure along with them. It is therefore high time to engage with the liberal thinker Ralf Dahrendorf, who was already describing the basic elements of this crisis as long ago as the 1980s. As a brilliant wanderer between different fields and disciplines, he not only commuted between the Anglo-Saxon and European worlds, but was also equally active as a journalist, academic and politician. Drawing on his countless writings, Thomas Hauser portrays in a lively and insightful way the basic aspects of this great intellectual=s thinking, which can still help us to grasp complex developments in today=s global world.
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Seitenzahl: 218
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Umschlagbild: Ralf Dahrendorf als Spitzenkandidat der FDP bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg am 23. Februar 1968 auf dem Stuttgarter Flughafen. Bildrecht: Picture Alliance.
1. Auflage 2019
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-034857-8
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-034858-5
epub: ISBN 978-3-17-034859-2
mobi: ISBN 978-3-17-034860-8
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Für Beate, Sven und Verena
Mit dem vorliegenden Band »Ralf Dahrendorf. Denker, Politiker, Publizist « von Thomas Hauser beginnt die Reihe »Politisches Denken in der Gegenwart«, in der bedeutende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihrem persönlichen Profil und in ihrem Denken analysiert werden. »Politisches Denken« meint hier sowohl politikwissenschaftliches Denken wie auch Reflektieren über politische Situationen, Problemlagen und Orientierungen. In einem übersichtlichen Format von etwa 150 Seiten werden fundiert und prägnant wesentliche Aspekte aus Leben und Werk politischer Denkerinnen und Denkern einem breiteren Interessentenkreis vorgestellt. Einschlägige Konzepte der politischen Theorie werden mit maßgeblichen Lebensthemen und biographischen Stationen der vorgestellten Persönlichkeit verbunden. Briefwechsel, Tagebücher und Erinnerungen sind ebenso einbezogen wie die in der Öffentlichkeit wahrgenommenen Positionen der Denkerinnen und Denker. Im Unterschied zu gängigen Biographien und Werkbeschreibungen entwickelt die Reihe somit einen spezifischen Zugriff, der das politische Denken in die jeweils aktuelle Zeitsituation und das politische sowie persönliche Umfeld einbettet. Mit der im Reihentitel genannten Zeitdimension der Gegenwart liegt der Schwerpunkt auf politischen Theorien von etwa 1945 bis heute. Denn mit der weltpolitischen Neukonstellation nach dem Zweiten Weltkrieg orientiert sich auch das politische Denken neu. Es treten Themen und Theorien in den Mittelpunkt, die bis heute unsere Politik bestimmen. Die Gegenwart auf diese Weise aus dem politischen Denken heraus bündig und in zugänglicher Form erfahrbar zu machen, ist die Absicht der Reihe »Politisches Denken in der Gegenwart«.
Freiburg im Breisgau im Januar 2019
Gisela Riescher
1 Wenn alles möglich ist
2 Der lange Weg der Deutschen zur Demokratie
3 Was ist liberal?
4 Am Anfang stand die Rolle
5 Klasse und Schicht
6 Der soziale Konflikt
7 Lebenschancen
8 Bildung ist Bürgerrecht
9 Zwischen Geist und Tat
10 Versuchungen der Unfreiheit
11 Dahrendorf in Perspektive
12 Fazit: Was bleibt?
Anhang
Abbildungsnachweis
Literatur
Ralf Dahrendorf passt in keine Schublade. Er, der wie kaum ein anderer die Dinge auf den Punkt zu bringen wusste, entzieht sich gängiger Einordnungen. Soziologe und Philosoph war er gewiss, aber auch Altphilologie hat er studiert und in der Politikwissenschaft war er zuhause. Die Wirtschaftswissenschaften hat er verfolgt, aber ihr Denken war ihm eher etwas suspekt. Der Begriff öffentlicher Weltintellektueller würde am ehesten passen. Aber auch der wäre auf seinen Widerspruch gestoßen, setzte er doch voraus, dass es so etwas wie eine Weltgemeinschaft gibt. Die aber konnte der Sozialwissenschaftler Dahrendorf nicht erkennen, auch wenn der Sozialphilosoph in ihm allgemeine Werte und Regeln durchaus für erstrebenswert hielt. Vor allem dann, wenn es die Werte der Freiheit waren. Denn ein Liberaler war Dahrendorf entschieden, auch wenn ihm die organisierten Liberalen trotz einer kurzen, aber intensiven Liaison mit der FDP letztlich fremd blieben.
Wer Dahrendorf auf die Spur kommen will, muss sich auf seine Lebenserinnerungen einlassen. Programmatisch ist hierfür nicht nur der Titel »Über Grenzen«. Das Bild vom »straddler«, der rittlings auf der Grenze zwischen Geist und Tat sitzt, taucht auch in der Rede auf, die er für die Verleihung des Schader-Preises geschrieben hatte, bei seinem letzten öffentlichen Auftritt wenige Tage vor seinem Tod aber nicht mehr halten konnte. Doch fast noch erhellender ist der erste Satz des ersten Kapitels seiner Lebenserinnerungen (Dahrendorf 2002, 11): »Manchmal kommt es mir vor, als ob jeder von uns ein bestimmtes Alter zeitlebens mit sich herumträgt.« Dahrendorf wurde 80 Jahre alt. In Wahrheit, so vertraut er uns an, sei er immer 28 gewesen. Als Erklärung dafür zitiert er aus der Erzählung »Das dreißigste Jahr« der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (Dahrendorf 2002, 11): »Denn bisher hatte er einfach von einem Tag zum anderen gelebt, hat jeden Tag etwas anderes versucht und ist ohne Arg gewesen. Er hat so viele Möglichkeiten für sich gesehen und er hat, zum Beispiel, daran gedacht, dass er alles Mögliche werden könne …«
Ralf Dahrendorf ist alles Mögliche geworden: Publizist, Wissenschaftler, Berater, Politiker. Und er hat sich immer wieder von unterschiedlichen Gesellschaften und Kulturen faszinieren lassen, besonders von der britischen. London war dem hanseatischen Briten nicht Wahl-, sondern Wesensheimat. Die Verbundenheit ging so weit, dass er nicht nur in Deutsch und Englisch schrieb, sondern auch dachte und dieselben Themen deshalb in der englischen und der deutschen Fassung nicht einfach übersetzte, sondern mit Blick auf das entsprechende wissenschaftliche Umfeld unterschiedlich entwickelte. Dies lag aber auch daran, dass Dahrendorf zwischen zwei Fassungen schon wieder weitergedacht hatte. Sein Werk »Soziale Klassen und Klassenkonflikte in der industriellen Gesellschaft« zum Beispiel ist in der zwei Jahre später erschienenen englischen Fassung deutlich erweitert und vertieft. In England ist es ein Standardwerk.
Die Erkenntnis, es mag die Wahrheit geben, aber wir werden nie wissen, was sie ist (Dahrendorf 2002, 164), hat ihn nicht gelähmt, sondern ihm Zeit seines Lebens die Neugier bewahrt – und auch seine eigenen Erkenntnisse im Licht aktueller Entwicklungen immer wieder hinterfragen lassen. Ihn brachte, wie er selbstironisch einräumte, »nichts aus der Unruhe«. Er hat – wie es sich für einen guten Wissenschaftler gehört – die Analysen, Erkenntnisse und Theorien unzähliger Kolleginnen und Kollegen gelesen, geprüft und das seiner Analyse nach Brauchbare wie ein Goldsucher herausgesiebt. Dieses Entwickeln, Prüfen und Verwerfen galt auch für seine eigenen Arbeiten. Seine grundlegenden Werke, wie »Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft (1956)«, »Homo sociologicus (1957)«, »Gesellschaft und Freiheit« (1961), legten zwar früh die theoretische Basis, auf der er nicht nur die bis heute herausragende Analyse »Gesellschaft und Demokratie in Deutschland« (1965) aufbauen konnte, sondern auch zahllose Analysen und Prognosen in späteren Jahren. Aber diese Theorien hat er im Laufe der Jahrzehnte immer wieder überarbeitet und 1979 um die »Lebenschancen« ergänzt. Solche Weiterentwicklungen, Relativierungen und Zweifel ziehen sich zum Teil bis in seine letzten öffentlichen Vorträge. Gerade kurz vor seinem Tod wurde er noch einmal emsig und grundsätzlich, als ob ihm klar gewesen war, dass dies die letzte Chance war, sein Werk abschließend selbst zu deuten.
Kritiker monieren, dass seine Schriften sich immer wieder um dieselben Fragen drehten und dass er viel gemacht, aber vieles nicht zu Ende gedacht habe. Er selbst hätte diese in Teilen richtigen Einwände wahrscheinlich mit dem von ihm bespöttelten Hang der Deutschen gekontert, Probleme und Konflikte endgültig lösen zu wollen, die doch bestenfalls gezähmt werden könnten. Sozialwissenschaft war für ihn »Entwurf ins Offene« (Dahrendorf 2002, 164) und muss deshalb im Licht der Wirklichkeit stets aufs Neue überprüft und fortgeschrieben werden. Oder um es mit einer Regel aus dem Orientierungslauf zu verdeutlichen: Wenn zwischen Karte und Gelände eine Differenz besteht, dann hat das Gelände recht.
Geboren wurde Ralf Dahrendorf am 1. Mai 1929 in Hamburg als ältester Sohn des gelernten Kaufmanns Gustav Dahrendorf, der zehn Jahre zuvor aus politischen Gründen seinen Arbeitsplatz verloren hatte und danach in der Sozialdemokratischen Partei Karriere machte – erst in Hamburg, dann von 1932 an als Reichstagsabgeordneter in Berlin. Nachdem seine SPD-Fraktion Hitlers Ermächtigungsgesetz abgelehnt hatte, wurde Gustav Dahrendorf kurzzeitig inhaftiert. Danach zog er mit seiner Familie von Hamburg nach Berlin um. Die Partei brauchte Gustav Dahrendorf.
Dahrendorf wurde also von klein auf politisch sozialisiert. Seine anglophile Neigung dürfte er nach eigener Einschätzung von seiner Mutter Lina aufgesogen haben, die als Sekretärin in der Zentrale des Stinnes-Imperium arbeitete, einem der größten Montan-, Industrie-, und Handels-Konzerne der Weimarer Zeit (Hugo Stinnes war einer der Unterzeichner des Stinnes-Legien Abkommens, mit dem 1918 in Deutschland der Acht-Stunden-Arbeitstag eingeführt wurde). Lange hatte Lina Witt für eine Reise nach England gespart. Der geplante Reisetermin aber platzte wegen einer Blutvergiftung. Stattdessen ging es dann an die Ostsee, wo sie ihren Mann kennenlernte. Nach der Geburt der Söhne Ralf und Frank, zwei Namen, die auch im Englischen funktionierten, konzentrierte sie sich auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter. Im Hause Dahrendorf in Berlin, wo sich Vater Gustav während der Nazizeit als Kohlenhändler über Wasser hielt, gingen führende Sozialdemokraten ein und aus, wurde auch viel über den Sturz des Regimes diskutiert. Zu den Freunden des Vaters gehörte der Widerstandskämpfer Julius Leber, wie Dahrendorf schrieb, ein kraftvoller und bedeutender Sozialdemokrat voller elsässischer Lebensfreude (Dahrendorf 2006, 137). Noch während des Krieges, so erinnert sich Dahrendorf, habe ihn sein Vater mitgenommen, als er sich in einer Kunsthandlung mit dem liberalen Reichstagskollegen und späteren ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss traf (Dahrendorf 2008). Nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juni 1944 geriet auch Gustav Dahrendorf ins Visier der Gestapo. Er wurde verhaftet und zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Ralf, inzwischen 15 Jahre alt, kam im November desselben Jahres ins Lager Schwetig/Swieko an der Oder, weil er regimekritische Briefe geschrieben hatte. Ende Januar 1945 wurde er entlassen, kurz bevor die Russen anrückten.
Nach dem Zusammenbruch des Naziregimes begann für den Hochbegabten ein rasanter Aufstieg. Mit 28 hatte Ralf in seiner Geburtsstadt Hamburg bereits Philosophie und Altphilologie studiert, erste Erfahrungen als Journalist im Rundfunk gesammelt, mit 23 seinen ersten Doktortitel (»Die Idee des Gerechten im Denken von Karl Marx«) erworben. Was sich Dahrendorf auf seinem weiteren Lebensweg alles zutraute und wo er politisch stand, wird in dieser Dissertation deutlich: »Diese Arbeit hat ihren Sinn in sich selbst. Wenn es aber gestattet ist, dies vorwegnehmend und etwas unbescheiden anzumerken, so weist sie über sich selbst hinaus zu einer umfassenden Marx-Kritik und weiter zu dem Ziel, das ihr in weiter Ferne vorschwebt: einer neuen Sozialphilosophie, einer neuen sozialistischen Theorie.« (Dahrendorf o. J.: 20). Dieses Ziel verlor sich, aber schon 1956 schloss Dahrendorf an der London School of Economics and Political Science einen PhD in Soziologie (»Unskilled Labour in British Industry«) an. 1957 wurde er in Saarbrücken an der Universität des damals selbstständigen Saarlandes habilitiert (»Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft«) und forschte wenig später im kalifornischen Palo Alto zusammen mit einer ganzen Reihe akademischer Himmelsstürmer wie Fritz Stern, Milton Friedmann, George Stigler, Kenneth Arrow, Robert Solow, Talcott Parsons oder Crane Brinton, dessen Schrift »Anatomie der Revolution« ihn dazu brachte, sich noch intensiver mit der Konflikttheorie zu befassen.
Dieser katapultartige Start in eine herausragende akademische Karriere basierte sicher vor allem auf sein Ausnahmetalent. Dahrendorf hatte aber auch das Glück, einflussreiche Lehrer zu finden, die ihn förderten, obschon (oder weil?) er mit deren Forschungsergebnissen wenig respektvoll umging. Sein trockener Spott traf nicht nur Klassiker wie Karl Marx oder Max Weber, die sich nicht mehr wehren konnten, sondern auch Helmut Schelsky, Karl Popper oder Talcott Parsons. Jürgen Habermas erzählte aus Anlass eines Symposiums der Universität Oxford zum 80. Geburtstag Dahrendorfs von seiner ersten Begegnung mit dem jungen Wissenschaftler 1955 bei Helmut Schelsky in Hamburg (Habermas 2001): »Fast alle später bekannt gewordenen Soziologen unserer Generation waren versammelt. In diesem aus der Retrospektive auf die alte Bundesrepublik erlauchten Kreis stellte ein Privatdozent aus Saarbrücken alle anderen in den Schatten. Dieser konstruktive Geist, der lieber mit idealtypischen Stilisierungen Klarheit schafft als mit hermeneutischer Kunst jongliert, fiel durch seine wuchtige Eloquenz ebenso auf wie durch ein kompromissloses, Autorität beanspruchendes Auftreten und die etwas kantige Art des Vortrags. Was Dahrendorf aus diesem Kreis auch heraushob, war das avantgardistische Selbstbewusstsein, mit alten Hüten aufzuräumen.«
Sein »Vorsprung auf der Karriereleiter«, um den der gleichalte Habermas ihn damals beneidete – auch wenn ihm der »antiutopistische Zug eines wie immer auch demokratisch-egalitär verankerten Marktliberalismus gegen den Strich ging –, beruhte aber nicht nur auf einer rastlosen Energie und den richtigen Förderern, sondern auch auf einem nachgerade manischen Studium wissenschaftlicher Literatur und der frühen Kenntnis der angelsächsischen Diskussion.« (Habermas, 2009). Dies erlaubte ihm, wie Habermas anmerkt, »mit einer konflikttheoretisch zugespitzten Kritik an Talcott Parsons, der damals die internationale Szene beherrschte, an der Forschungsfront zu sein – während uns Hinterbänklern die Lektüre von Parsons selbst noch bevorstand.« (Habermas, 2009) Parsons, den damals führenden Soziologen, und seinen Strukturfunktionalismus, entzauberte er nicht nur in seiner Schrift »Pfade aus Utopia«, sondern auch in seinen Lebenserinnerungen (Dahrendorf 2002, 21): »Parsons hatte einen klassifikatorischen Kopf, wirkliche Ereignisse dienten ihm allenfalls zur Illustration von Begriffen, nicht zur Anregung und Widerlegung von Theorien. Eben hier trennten sich unsere Wege.«
Sein wissenschaftlicher Erfolg beruhte ganz wesentlich auf der Konfrontation deutschen soziologischen Denkens mit der erfahrungswissenschaftlich ausgerichteten und methodisch strenger strukturierten angelsächsischen Schule und dem Strukturfunktionalismus Parsons. In seinen frühen Werken beschäftigte er sich mit industriesoziologischen Themen. Die definierte er als einen Ausschnitt des sozialen Handels im Kontext industriellen Handels. Damit begann seine Auseinandersetzung mit Karl Marx. Darauf aufbauend entwickelte er seinen sozialwissenschaftlichen Baukasten – er selbst sprach von Backformen –, mit dem er später überzeugende Zeitdiagnosen und manchmal auch fast beängstigend seherische Zukunftsprognosen formulieren konnte. Sein philosophisches Denken war also empirisch fundiert und methodisch strukturiert. Soziologie war für ihn eine Wissenschaft, keine Anleitung zum Handeln
Im Saarland, an der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich, aber auch in den USA stand dem jungen Soziologen im Alter von 28 Jahren die Welt offen. Vor der Fakultät in Saarbrücken hielt der Privatdozent einen Vortrag darüber, wie es gelingen könne, die wertfreie Sozialwissenschaft mit praktischer, auf Werturteile gestützter Politik zu verbinden, ohne die Unterschiede zu verwischen. Was da sehr akademisch klingt, war die Handlungsanleitung zu einem von Dahrendorfs Lebensthemen: Er zeigte, dass es möglich ist, zwischen Theorie und Praxis zu wechseln und auch wieder zurück – ohne die Unterschiede zu verwischen – und dass man auch rittlings auf der Grenze von Sozialwissenschaft und Werturteil sitzen kann, zum Beispiel als politischer Berater.
Dahrendorf hat von dieser Erkenntnis später ausgiebig Gebrauch gemacht, feilte aber zunächst an seiner Karriere als Wissenschaftler. In den USA hat er den »Homo Sociologicus« – Pflichtlektüre für angehende Sozialwissenschaftler in Sachen Rollentheorie – und »Pfade aus Utopia« (seine Abrechnung mit Talcott Parsons) geschrieben, »zwei kleinere Arbeiten, die«, so Dahrendorfs Understatement (Dahrendorf 2002, 22), »eine Zeitlang Diskussionen über die Grenzen der Soziologie hinaus auslösen sollten.« Mit dem Historiker Fritz Stern lernte er dort auch einen seiner lebenslang besten Freunde kennen. Aus Amerika zurück lehrte und forschte er als Professor an der Hochschule für Gemeinwirtschaft in Hamburg.
Dass Dahrendorf seinen Lebensmittelpunkt von 1960 an für fast ein Jahrzehnt nach Tübingen verlegte, hatte viel mit dem Philologen Ernst Zinn zu tun. Bei dem hatte er in Hamburg studiert, ihn nannte er neben dem Philosophen Josef König seinen akademischen Lehrer. Zinn hatte ihm zuvor schon zu einer Assistentenstelle in Saarbrücken verholfen, nachdem Dahrendorf 1954 Hals über Kopf das legendäre Frankfurter Institut für Sozialforschung verlassen hatte. In dieser »heiligen Familie« war er gar nicht zurechtgekommen (Dahrendorf 2002, 169–174). Sie huldigte für ihn zu sehr dem damaligen Zeitgeist (Dahrendorf 2002, 172–173): »Da war nichts mehr von kritischer Sondierung der Erfahrung, geschweige denn von Selbstkritik; es handelte sich um die Usurpierung des Begriffs der Kritik für eine eigentümlich geschlossene Gesellschaft.« Zinn lehrte inzwischen in Tübingen. Und als dort 1960 eine Professur für Soziologie geschaffen wurde, nahm Dahrendorf den Ruf dankend an. Dort und in Brissago (Italien) entstand auch sein Buch »Gesellschaft und Demokratie in Deutschland«.
In das Leben des jungen Professors in der kleinen Stadt am Neckar gibt Dahrendorf in seiner Rede beim Symposium des Stuttgarter Wissenschaftsministeriums am 3. Februar 2009 einen Einblick, als er erzählt, wie er der »sagenumwobenen« Hochschulreferentin, Regierungsdirektorin Hofmann ein Sofa für sein Arbeitszimmer abschwätzte. Es sei notwendig gewesen, weil der Tübinger Professor in »jenen muße-reicheren Zeiten« mit seinen Assistenten noch mittags in die »Neckarmüllerei« gegangen sei und es dort nicht immer beim »ersten Viertele« blieb.
Dass er wenig später im Stuttgarter Ministerium ein- und aus ging, hatte freilich weniger mit Beschaffungswünschen zu tun als mit der Bildungspolitik, die ihm Zeit seines Lebens ein Anliegen war. Hierüber fand er auch seine Anknüpfungspunkte an die Politik. Schon kurz nach dem Krieg engagierte er sich im Hamburger SDS dafür, mehr Arbeiterkinder – auch ohne Abitur – an die Universitäten zu lassen. Seine zweite, englische Dissertation »Unskilled Labour in British Industry« (1956) befasste sich mit der Entwicklung ungelernter Industriearbeiter. Seine Schrift »Bürgerrecht auf Bildung« stand dann in den 60er-Jahren gegen Georg Pichts »Bildungskatastrophe«, die aus ökonomischen Gründen verstärkte Investitionen in die Hochschulen forderte.
Dahrendorf aber ging es nicht um Ökonomie, sondern um Chancengerechtigkeit. »Ich habe«, so schreibt er in seinen Lebenserinnerungen (Dahrendorf 2002, 117), »eine wirtschaftlich argumentierende Bildungsreform nie akzeptiert. Das Bürgerrecht auf Bildung kann weder durch Inflation, also durch Senkung der Ansprüche garantiert werden, noch hat es einen Sinn, wenn es zu einer Welt nivellierter Chancen führt. Mit anderen Worten, das gleiche Grundrecht ist die allen gleichermaßen offenstehende Chance zur Teilnahme an einem durchaus ungleichen Angebot.« Im Frühjahr 1964 hielt er in Tübingen eine Immatrikulationsrede über Arbeiterkinder an deutschen Universitäten. Seine Hauptthese darin war, dass ihr geringer Anteil auf etwas beruhe, was man heute Bildungsferne nennt. Benachteiligt seien insbesondere auch Jungen und Mädchen vom Land. Am Ende seines Lebens fand er dann noch einmal zu diesem Thema zurück. In der kurz vor seinem Tode erschienenen Zukunftsstudie für Nordrhein-Westfalen mahnte er die Bildungschancen von Migranten oder Kindern aus bildungsfernen Milieus an.
Dahrendorfs Analyse fiel auf ein aufnahmebereites politisches Umfeld, das nicht nur er und Picht, sondern auch Hildegard Hamm-Brücher und andere beackerten. Der damalige Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger reagierte auf Dahrendorfs Tübinger Vortrag in seiner Regierungserklärung am 25. Juni 1964 mit einem Aktionsplan. Junge Leute organisierten von Freiburg ausgehend die Initiative »Student aufs Land«, die Bildungswerbung betrieb. Im Kultusministerium wurden von Minister Wilhelm Hahn ein Beirat und eine effektive Planungsabteilung eingerichtet. Der Professor zog eine Zeitlang von Tübingen ins Ministerium, um am Gesamtplan für die Hochschulen des Landes zu arbeiten.
Später erarbeitete er als stellvertretender Vorsitzender des Gründungsausschusses auch wesentliche Teile des Gründungsberichts der Reformuniversität Konstanz, die 1966 als »Klein-Harvard am Bodensee« in einem Trakt des heutigen Inselhotels ihren Betrieb aufnahm. Der heutige Campus der Reformuniversität entstand von 1967 an. Dahrendorf gehörte zu den Gründungsprofessoren in Konstanz. Dass die Hochschullandschaft, damals wie heute, in einem unauflösbaren Dilemma steht zwischen Entlastungsuniversität für die Massengesellschaft und Forschungsuniversität für die Elite, hat er nicht nur hingenommen, er hat diese Dualität schon damals bewusst angestrebt. Später, von 1984 bis 1986, lehrte Dahrendorf dann noch einmal an der Konstanzer Universität.
Politisch war Dahrendorf von Kindesbeinen an. In den 60er Jahren aber wurde der Drang zum Grenzübertritt übermächtig. Er wollte Politik machen, nicht in der SPD, der er nach dem Krieg bis 1952 angehört hatte und die er 1960 in einer rückblickend auch selbst als anmaßend bezeichneten Rede aufforderte, sich zu einer großen liberalen Partei zu entwickeln. Die FDP sollte es sein. Er sei, so bekannte er später, Anfang der 50er-Jahre als Sozialist nach England gegangen und von dort als Liberaler zurückgekehrt. 1955 erwog er im Saarland eine proeuropäische liberale Partei zu gründen. Eine Kandidatur für den Tübinger Gemeinderat über eine FDP-Liste scheiterte 1963 zwar noch. Aber 1967 begann die Zeit der Umbrüche, auch in der FDP. Und Dahrendorf gehörte mit Walter Scheel zu jenen, die Erich Mende und seine Altliberalen 1968 aus dem Amt jagten, um die sozialliberale Ära zu begründen.
Dahrendorf war aber ein Mann der Ideen und Worte, nicht der Apparate, auch wenn er wiederholt Bürokratien vorstand. Ein Bild in den Geschichtsbüchern sicherte ihm seine Diskussion mit dem Studentenführer Rudi Dutschke auf dem Freiburger Messplatz 1968 am Rande des Bundesparteitages der Liberalen.
Seine Tätigkeit als Abgeordneter im Stuttgarter Landtag währte kurz (1968/1969). Auch in Bonn hielt es ihn nicht lange, weder im Bundestag noch als Staatssekretär in der ersten Regierung Willy Brandt (1969/70). Seine Lust auf aktive Politik endete mit seiner Zeit als EG-Kommissar in der Europäischen Union. Dieses Amt hatte er von 1970 bis 1974 inne. Anfangs war er für Außenhandel und Außenbeziehungen zuständig, die letzten Monate für Wissenschaft und Forschung. Aus dieser Zeit stammte wohl auch seine Abneigung gegen die EU-Bürokratie. Europa ohne Brüssel war für ihn eine gern gehegte Vision. Seinen Frust über das seiner Meinung nach illiberale, bürokratische Europa hat er sich unter dem Pseudonym Wieland Europa in der Wochenzeitung »Die Zeit« von der Leber geschrieben und ein zweites, subsidiär aufgebautes Europa gefordert, das sich auf Kernaufgaben wie die Außenpolitik konzentrieren müsse. Es gehe um den Versuch der gemeinsamen Ausübung der Souveränität der europäischen Nationen. Diese Artikel lösten eine diplomatische Krise innerhalb der Kommission aus und markierten den Anfang vom Ende des Ausflugs von Ralf Dahrendorf in die Politik (Europa [Dahrendorf] 1971).
Nicht nur in seiner Abneigung gegenüber der Europäischen Bürokratie war er ganz Brite. Die vielen Jahre als Leiter der London School of Economics (1974–1984) und Warden des St. Antonys College in Oxford (1987–1997; von 1991 bis 1997 war er zudem Prorektor der Universität Oxford) haben aus der ohnehin vorhandenen Anlage das Musterbeispiel eines britischen Gentleman wachsen lassen, klassisch konservativ in Kleidung und Auftreten, liberal im Denken, unerschrocken und mit trockenem Humor. 1988 wurde er auch formal britischer Staatsbürger. Die deutsche Staatsbürgerschaft behielt er. Als ihn die Königin 1993 für seine Verdienste um die »London School of Economics and Political Science« adelte und damit auch zum Mitglied des britischen Oberhauses machte, ließ er sich den Titel Lord of Clare Market in the City of Westminster geben. Clare Market ist ein Platz in der Nähe der London School of Economics. Genutzt wird er vor allem als Parkplatz.
London, wo er seit den 1950er-Jahren immer wieder lebte, war seine Stadt, noch vor Berlin, wo es ihn vor allem gegen Ende seines Lebens verstärkt hinzog, und wo er zuletzt eine Forschungsprofessur am Wissenschaftszentrum innehatte, oder auch Köln, wo er mit seiner dritten Frau Christiane lebte. In der britischen Hauptstadt und im dortigen Oberhaus atmete er die Tradition und Weltläufigkeit, die ihn aufblühen ließen. Hier hat er als Mitglied und oft Vorsitzender verschiedener Ausschüsse intensiv an Antworten auf die Herausforderungen der Zeit gearbeitet. Ein Beispiel ist der Umgang mit der Embryonenforschung. Trotzdem zog es ihn regelmäßig in den Schwarzwald nach Bonndorf-Holzschlag, wo er seit 1983 ein Haus besaß und eine Freundschaft mit dem später, 1992, bei einem Flugzeugabsturz tödlich verunglückten Bürgermeister Peter Folkerts (Bruder des RAF-Terroristen Knut Folkerts) pflegte. Hier tankte er die Bodenständigkeit und Nähe, die der Sozialwissenschaftler für seinen Blick auf die Wirklichkeit brauchte. Ob das die späten Folgen der Gemeindereform Mitte der 70er-Jahre waren oder die Einführung des Euro, wo er sich in die Schalterhalle der Bonndorfer Sparkasse setzte, um Reaktionen der Bürgerinnen und Bürger zu lauschen. Dahrendorf hat Glokalisierung, wie er es später nannte – also die Symbiose von global und lokal – schon gelebt, als dieser Begriff noch lange nicht erfunden war.
In Zeiten des Umbruchs lief er als Sozialwissenschaftler zur Hochform auf. Nach 1989, dem Zusammenbruch des Kommunismus, knüpfte er zahlreiche Freundschaften nach Polen, Tschechien und in andere junge Demokratien, beriet, wo sein Rat gefragt war, analysierte – neben und mit seinem Freund Timothy Garton Ash – den Transformationsprozess, warnte – rückblickend eher vergebens –, dass Demokratie nicht automatisch zu Wohlstand führe, sondern »nur« zu Freiheit und Rechten der politischer Teilhabe. Den Kater der demokratischen Wirklichkeit nach der Euphorie in Folge der Befreiung vom Joch des Kommunismus hat er früh vorhergesehen, verhindern ließ er sich nicht.
Dahrendorf war Zeit seines Lebens auch Publizist. Er mochte diesen Beruf, aber er brauchte ihn auch in seiner Rolle als öffentlicher Intellektueller. Seine Forderung nach einem Bürgerrecht auf Bildung hätte kaum diese Breitenwirkung entfaltet, wenn er sie nicht parallel zur Buchveröffentlichung in einer Artikelserie in der Wochenzeitung »Die Zeit« begründet hätte. Ähnlich war es mit der These vom Ende der Sozialdemokratie, die in der öffentlichen politischen Diskussion freilich auf die namentlich entsprechenden Parteien verengt und damit letztlich missverstanden wurde.
Mit Journalismus hat er nach dem Krieg beim Nordwestdeutschen Rundfunk in Hamburg seine berufliche Laufbahn begonnen. Publizist blieb er bis zu seinem Tod. Er zählte zu den Mitbegründern der britischen Zeitung »The Independent« und war über Jahrzehnte regelmäßiger Autor der Hamburger Wochenzeitung »Die Zeit« sowie Autor und Berater der Badischen Zeitung in Freiburg, deren Verleger er an der London School of Economics an Political Sciences kennengelernt und zu dem sich im Laufe der Zeit ein enges freundschaftliches Verhältnis entwickelt hatte. Christian Hodeige ist auch Trauzeuge der dritten Ehe Dahrendorfs. Als Leitartikler, Kolumnist und Analyst war der Wissenschaftler in unzähligen Zeitungen und Zeitschriften auf der ganzen Welt präsent. Seine Bücher wurden in zahllose Sprachen übersetzt, sein wissenschaftlicher Nachlass wurde von seiner Witwe Christiane Dahrendorf 2010 der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn übergeben.
Auch sein Rat war weltweit gefragt. Die Anfragen für Vorträge, die Mitarbeit in Kommissionen und Gremien war Legion, die Ehrungen häuften sich. So wurden ihm mehr als 25 Ehrendoktortitel verliehen. Dahrendorf genoss dies, auch wenn es ihm gelegentlich über den Kopf wuchs. Ruhestand war für ihn keine Option. So lange er arbeitete, lebte er. Auch wenn er durchaus das Leben zu genießen wusste. Eigen und selbstbewusst. Und mit britischem Understatement, der liebenswürdigsten Form der Eitelkeit. In seinen Lebenserinnerungen zum Beispiel hat er einen Großteil seiner einzigartigen Karriere schlicht unterschlagen. Wenn es der Rede wert sein sollte, so begründete er dieses Vorgehen, wird vielleicht einmal jemand darüber reden.
Bis in seine letzten Lebenstage war Dahrendorf aktiv und voller Pläne. Seinen 80. Geburtstag am 1. Mai 2009 hatte er, von seiner Krankheit schon gezeichnet, inmitten akademischer Freunde in Oxford verbracht. Mit Jürgen Habermas, Fritz Stern, Antony Giddens, Timothy Gordon Ash und anderen hatte er dort über die Freiheit diskutiert. Wenige Tage später nahm er in Darmstadt den Schader-Preis entgegen. Mit ihm werden Gesellschaftswissenschaftler für ihren Beitrag zur Lösung aktueller gesellschaftlicher Probleme ausgezeichnet. Es sollte sein letzter öffentlicher Auftritt gewesen sein.
