Rashminder Tage 1 - Sandra Gernt - E-Book

Rashminder Tage 1 E-Book

Sandra Gernt

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Beschreibung

Rashmind droht, in einer Schneekatastrophe zu versinken - mitten im Sommer. Die Magie droht zu schwinden. Und Eryk und Kaiden droht Unheil von jemandem, den sie niemals wiedersehen wollten ... Rashminder Tage Band 1 ist der Nachfolgeband zum Roman "Rashminder Nächte". Gay Fantasy

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Sandra Gernt

Rashminder Tage

Band 1

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2013

http://www.deadsoft.de

© the author

Umschlaggestaltung: M: Hanke

nach einer Idee von Sandra Gernt

Coverfoto:© GooDAura - Fotolia.com

www.sandra-gernt.de

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

ISBN 978-3-943678- (print)

ISBN 978-3-943678- (epub)

Rashminder Tage

Teil 1

„Kannst du noch?“

„Hmpf.“

„Geht es dir gut?“

„Bis jetzt …“

„Soll ich vielleicht …?“

„Kaiden, mach einfach schneller, verdammt!“

„Hab’s gleich, halt durch!“

Kaiden pustete sich die verschwitzten Locken aus der Stirn. Er hatte endlich Halt gefunden. Noch einmal atmete er tief durch und zog sich dann ächzend und stöhnend durch den schmalen Spalt in der Felswand. Einen Moment lang musste er strampeln, bis er schließlich gänzlich hineinrutschen und kurz verschnaufen konnte. Das war anstrengend gewesen, der Spalt hatte sich so hoch über seinem Kopf befunden. Selbst als er auf Eryks Schultern gestiegen war, hatte er sich regelrecht an den Fingerspitzen hochziehen müssen. Seine Hände schmerzten, aber die Kratzer würden rasch heilen. Zeit zum Ausruhen blieb ihm nicht, er musste schleunigst seinen Liebsten nachholen. Also wickelte er das Seil weiter ab, das er sich um die Hüften geschlungen hatte. Ein Kunststück für sich in einem solch schmalen Tunnel, der kaum genug Platz für irgendwelche Verrenkungen ließ. Sobald es geschafft war, schob er das freie Seilende unter sich hinweg und mit vollem Körpereinsatz hinaus, bis er Eryks Ruf hörte:

„Hab’s – ich komme!“

Kaiden blieb flach auf dem Bauch liegen. Krampfhaft biss er die Zähne zusammen, als Eryks Gewicht dafür sorgte, dass sich das Seil um seine Hüften schnürte. Es schmerzte, es raubte ihm die Luft und würde ihn verletzen, wenn Eryk sich nicht beeilte. Stöhnend hielt Kaiden durch, bis der Druck nachließ und er Eryk hinter sich spüren konnte.

„Geht es?“, fragte Eryk besorgt.

„Wird schon.“

Keuchend kroch Kaiden voran, hoffend und betend, dass sein Instinkt ihn nicht getäuscht hatte – da weitete sich der Tunnel und endete in einer kleinen Höhle. Es gab genug Platz für sie beide, sodass sie nebeneinander aufrecht sitzen konnten. Kaiden löste mühsam den Knoten des Seils und rollte es auf, froh über Eryks Talent in solchen Dingen. Er selbst hätte keinen Knoten knüpfen können, der sicher hielt und trotzdem leicht zu öffnen war. Schwer atmend kauerten sie in der vollständigen Dunkelheit. Schon wieder, darauf hätten sie gerne verzichtet. Für den Augenblick waren sie nun sicher, und nur das zählte. Niemand hatte gesehen, wie sie hier hereinklettert waren, sie konnten also die Nacht hier verbringen. Kaiden hoffte es zumindest, er konnte nicht auf seine Magie zurückgreifen, um es zu überprüfen. Lediglich sein angeborener Instinkt, Dinge finden zu können, hatte ihn hierhergeführt.

Als die Aufregung nachließ, begann Kaiden langsam auszukühlen. Das Gestein um sie herum war so kalt, dass es fast schmerzte, es zu berühren.

„Komm her“, flüsterte Eryk und zog ihn zu sich. „Du zitterst ja.“

Dankbar kuschelte sich Kaiden an den warmen, starken Körper seines Partners.

„Was meinst du, wie lange es dauern wird, bis wir raus können?“

Kaiden hörte die Anspannung in Eryks Stimme. Verdammt, wo war die Magie, wenn man sie so dringend brauchte?

„Ich weiß es nicht“, erwiderte er leise. „Wir können nur hoffen, beten, auf die Götter vertrauen. Falls sie uns hier drin aufspüren, sind wir geliefert. Wir können uns weder verteidigen noch ausweichen.“

Eryk strich ihm durch die Haare, streichelte ihm Wange, Hals und Schultern, wie bloß er es konnte. Es beruhigte ihn, genauso wie Eryks langsamer Herzschlag unter seinem Ohr. Erstaunlich, wie beherrscht sein Liebster in dieser Lage sein konnte. Nach all dem, was sie in den letzten Tagen durchgemacht hatten, grenzte es sogar an ein Wunder. Kaiden schloss die Augen und ließ seine Gedanken zurückwandern. Vielleicht konnte er es begreifen, wenn er es in Ruhe überdachte …

~~*~~

Einige Tage zuvor…

„Du warst dran!“

„Vergiss es. Wir haben Neumond, das heißt, diese und nächste Woche bist du zuständig. Danach bin ich wieder dran.“

„Es hätte bereits gestern erledigt werden müssen, und da warst eindeutig du an der Reihe!“

Eryk verschränkte die Arme vor der Brust und musterte ihn streng. Kaiden wusste, er sollte jetzt besser eine Entschuldigung murmeln, alle Schuld auf sich nehmen und dann weitermachen, um den Schaden zu beheben. Denn ja, er hätte durchaus gestern schon die unliebsame Aufgabe übernehmen sollen, den Schnee vom Dach zu fegen. Die Magiergilde hatte gemeinsam mit dem Stadtrat jede Art von Magie in der Öffentlichkeit verboten, wenn kein Notfall vorlag. Man hoffte wohl, damit den Anschein zu erwecken, die Lage unter Kontrolle zu haben. Naxanders Eskapaden hatten die braven Bürger von Rashmind verschreckt – sie waren bemerkenswert gleichgültig gegenüber politischen Verwicklungen und Bedrohungen aller Art, doch das Gerücht, dass Naxander die Königin töten wollte, hätte beinahe zu einer Revolte und schweren Übergriffen auf Zauberer geführt. Das war allerdings nur der vorgebliche Grund für das Magieverbot …

Eigentlich näherten sie sich gerade dem Frühsommer, aber der Winter war gnadenlos zurückgekehrt, und das mit solcher Härte, dass sie aus dem Schneeschippen fast nicht mehr herauskamen. Ein wenig Nachlässigkeit hätte bedeutet, in Windeseile vollständig eingeschneit zu werden. In regelmäßigen Abständen mussten auch die Dächer freigeräumt werden, damit sie unter den Lasten nicht nachgaben.

Genau das war nun geschehen, da Kaiden gestern schlicht zu müde gewesen war. Zum Glück handelte es sich lediglich um einen kleinen Bruch der bereits ziemlich alten Dachschindeln, die Balken hielten bislang stand.

Ja, es wäre klug, sich jetzt nicht zu zanken oder mit Schuldzuweisungen aufzuhalten, sondern einfach ans Werk zu gehen. Kaiden wusste, wenn er lieb genug bettelte, würde Eryk ihm selbstverständlich zur Hand gehen. Doch er hatte keine Lust auf Vernunft und ärgerte sich über sich selbst, dass er seine Faulheit mit Extraarbeit zahlen musste. Außerdem war es ein dummes Abkommen, das sie da geschlossen hatten, es gab viel zu viel Schnee, um sich zwei volle Wochen lang allein um das Haus zu kümmern. Wenn er allerdings vorschlug, dass sie von nun an gemeinsam schaufeln sollten, bestrafte er sich gleich doppelt. Also verschränkte er ebenfalls halsstarrig die Arme vor der Brust und funkelte Eryk unerschrocken an. Zeit, sich auf das zu besinnen, was er am besten konnte: Reden!

„Wie mein wertgeschätzter Partner sich vielleicht zu erinnern beliebt, habe ich allein gestern Morgen vier Stunden damit zugebracht, unser Haus freizuschaufeln.

Wie er sich vielleicht weiterhin beliebt zu erinnern, hatte ich danach ein Treffen mit meinem Meister, um meine kostbaren Bücher unterzubringen – er weiß schon, das Schmelzwasser in meinem Studienraum – und musste zudem unter anderem ein Kind retten, das unter einem Schneehaufen verschüttet wurde UND ich hatte die gesamte Schmutzwäsche am Hals, da ich zusätzlich zum Schneeschippen auch noch die Waschwoche hatte. Ganz zu schweigen von dem Sühnemarsch zur Gilde, nachdem ich verbotenerweise einen ungenehmigten Wärmezauber in der Öffentlichkeit gewagt hatte, um das halb erfrorene Kind aufzutauen, sowie der Erweiterung meiner Genehmigung für Suchzauber zu eben jenen Zwecken. Also der Suche nach verschütteten Personen. Überflüssig zu erwähnen, dass ich dutzende verschüttete Personen aufzuspüren hatte? Und mitgeholfen habe, sie nach dem Aufspüren auszugraben? Will er womöglich wissen, für wie viele Menschen die Hilfe zu spät kam, bloß weil ich zwei Stunden beim Stadtrat verschwenden musste?

Wie sich mein inniglich wertgeschätzter Partner vielleicht erinnern möchte, war es bereits dunkel, als ich wieder heimkehren durfte und vielleicht möchte er sich – aber nur, wenn er Zeit dafür erübrigen kann! – klarmachen, dass er mich danach mit heißer Suppe und körperlichem Einsatz zum Zwecke gegenseitiger Erwärmung und Befriedigung zwischenmenschlicher Bedürfnisse beschäftigt gehalten hat, sodass es wirklich schon sehr spät war, als ich die Möglichkeit gehabt hätte, mich mit Freude und Pflichtbewusstsein dem Dach zu widmen.

Ich stimme meinem Partner zu – erwähnte ich meine tief empfundene, ja glühende, alles verzehrende Wertschätzung? –, dass ich gut daran getan hätte, eben dies zu tun. Nämlich das Dach mit den bekanntermaßen altersschwachen Schindeln von seiner allzu schweren Last zu befreien, statt mich mit einem Viertelstündchen geistiger Übungen zur Erweiterung meiner mangelnden Bildung und Linderung des Problems meines lückenhaften Wissens in viel zu vielen Bereichen der noblen Wissenschaften aufzuhalten und anschließend zu schlafen.

Möglicherweise wären die langen Stunden der Nacht dazu angetan gewesen – angetan im Sinne von geeignet sein, nicht von Entzücken –, so drei bis fünf von ihnen dem gefährlichen Unterfangen zu weihen, auf besagtes Dach zu klettern. Und das, obwohl bereits neuer Schnee fiel, und zwar in hohen Mengen. Wie schon seit vierzehn Tagen, möchte ich an dieser Stelle anmerken, falls das genehm sein sollte.

Vierzehn Tage, die ich zu einem Gutteil damit verbracht habe, meinen schwächlichen Körper mit der Umschichtung von weißen, unschuldig glitzernden, aber doch so tödlich kalten und unglaublich schweren Bergen geballter Schneeflockenmassen zu stählen.

Vielleicht hat mein Partner, dem ich die Tiefe und Grenzenlosigkeit meiner an Verehrung grenzender Wertschätzung gar nicht häufig genug versichern kann, die überaus große Güte anzuerkennen, dass meine für solch harte Arbeit wenig geeigneten Muskeln von Kopf bis zum Fuße schmerzen, die Kälte bereits dauerhaft im Mark meiner Knochen angesiedelt ist und meine Finger, die sich besser zum Blättern von Buchseiten als zum Umklammern einer Holzschaufel eignen, nicht nur von Frostbeulen, sondern auch akuter Bildung wassergefüllter Blasen bedroht sind. Etwas, was beim Blättern von Buchseiten ebenso hinderlich sein kann wie beim Beseitigen von eben jenen allzu lästigen nassklebrigen Himmelsdaunen, die uns dieses Jahr anstelle von Sommerhitze, Bienchen und Blumen so übereifrig beehren.“

Kaiden war Schritt für Schritt zurückgewichen, als er sich in seinem eigenen Geplapper verlor, während Eryk Schritt für Schritt auf ihn zugekommen war. Das Gesicht seines Liebsten war eine einzige finstere Drohung: Die blaugrauen Augen, die ihn zornig fixierten, wirkten beinahe schwarz, der Mund war ein schmaler Strich der Missbilligung, die Kiefer hart zusammengepresst. Er wusste, dass Eryk ihn niemals absichtlich verletzen würde, und dennoch packte ihn jedes Mal aufs Neue Panik, sobald der ihn auf diese Weise anstarrte. Tief in seiner Kindheit verwurzelte Ängste, Erinnerungen an Schmerz und Einsamkeit regten sich. Angst, verstoßen zu werden von jenen, die er liebte und dafür mit Schlägen, Hunger und Kälte gequält zu werden. Er hatte nie die gewaltsame Trennung von seiner Familie überwunden, auch wenn er Meister Torgen mittlerweile vergeben konnte. Eryk drängte ihn an die Wand, die Hände rechts und links neben seinem Kopf. Kaiden wollte weiterplappern, aber er zitterte mittlerweile zu stark. Schon oft hatte sein Geliebter ihn in diese Position gebracht, Eryk mochte es, ihn zu dominieren. Dieser verfluchte Krieger wusste zu genau, wie er ihn niederringen konnte, ohne ein Wort zu sagen. Das war unfair! Krampfhaft versuchte Kaiden, sich unter Kontrolle zu bringen. Seine Angst nicht zu zeigen und das, was diese spezielle Angst vor genau diesem Mann bei ihm auslöste.

Eryk genoss den Anblick von weit aufgerissenen, moosgrünen Augen und das Gefühl des warmen, bebenden Körpers, den er gefangen hielt. Kaiden hatte dankenswerterweise endlich aufgehört, Unsinn zu reden, trotzdem fixierte er ihn weiterhin starr. Dieser Kobold von einem Magier sollte sich nicht einbilden, er könnte ihn mit endlosem, hochgeschraubtem Geschwätz beeindrucken! Er wusste, dass Kaiden sich in den letzten Tagen verausgabt hatte, aber Eryk hatte keineswegs in dieser Zeit in der Stube vor dem Feuer gesessen und Däumchen gedreht. Der Hauptgrund, warum die Magiergilde nicht einfach mit ihren unheiligen Kräften in das Wettergeschehen eingriffen oder auf andere Weise fähig waren, dem Schnee Herr zu werden, war ein merkwürdiges Phänomen, das Eryk nicht so ganz verstand. Wie es schien, gab es auch unter Sternen wanderlustige Gesellen. Jedenfalls hatte Kaiden ihm erklärt, dass ein sternenähnliches Gebilde namens … Kommode war es nicht, allerdings so ähnlich … Komplett? Kompott? Irgendein Kom-Wort …

Egal. Dass so ein Sternenklumpen sehr dicht an ihrer Welt vorbeizog und damit für allerlei Verwirrung beim Wetter, Ebbe und Flut sowie den magischen Strömungen sorgte. Viel mehr Verwirrung, als man ihnen anscheinend zugestehen wollte, weshalb die gelehrten Köpfe allesamt besorgt gewackelt wurden. Wobei weder Kaiden noch Torgen und noch nicht einmal Lark in der Lage gewesen waren, ihm verständlich zu erklären, was dieser Wanderstern mit Meeresbewegung zu tun haben konnte. Spätestens, wenn Kaiden ihm von nichtmagischen Kräften erzählte, die dafür sorgten, dass niemand mit dem Kopf nach unten von der Decke hing, weil dieses was-auch-immer für Schwere in den Füßen sorgte … oder so …, spätestens da hatte Eryk regelmäßig aufgegeben. Jedenfalls hatte die Gilde jegliche unnötige Zauberei verboten, um die Störungen nicht noch zu verschlimmern. Alle weißbärtigen Wichtigtuer in der Gilde schienen zu befürchten, dass die Magie für eine Weile ganz und gar verschwinden könnte, wenn der Stern da oben zu viel Energie von hier unten abbekam. Kaiden wäre dann wohl der einzige Zauberer, der damit so einigermaßen leben konnte, er war es gewohnt, auch ohne Magie zu überleben.

Da sich in Rashmind magische Energien konzentrierten wie nirgends sonst, drohte die Stadt von Schnee erstickt zu werden. Die Garde gab ihr Bestes, um das Einstürzen von Gebäuden so gut wie möglich zu vermeiden, das Erfrieren vor allem älterer Bürger zu verhindern, die weder Schnee schippen noch in ausreichenden Mengen Holz hacken konnten, und verschüttete Menschen wie Tiere zu retten. Es gab allerdings bei weitem nicht genug Gardisten für diese gewaltige Aufgabe, darum wurde jeder, der sich freiwillig meldete – und all jene, die zwangsverpflichtet werden konnten – mit eingespannt. Kaiden unterstützte die Garde mit seinen widerstrebend genehmigten Suchzaubern, während Eryk Häuser sicherte und mit aller Macht gegen die weiße Pest kämpfte. Er konnte durchaus verstehen, dass sein Partner gestern Nacht weder Lust noch Kraft übrig hatte, um ihr eigenes Dach über dem Kopf zu schützen. Und ja, er selbst hatte genauso wenig Kraft und Lust gehabt und sich dummerweise darauf verlassen, dass es schon irgendwie gut gehen würde. Aber es machte einfach viel zu viel Spaß, seinen Liebsten zu provozieren …

Als Eryk spürte, dass Kaiden am Ende seiner Beherrschung angekommen war, beschloss er, sich seiner zu erbarmen. Es schmerzte ein wenig, zu sehen, welchen Schaden Naxander angerichtet hatte …

Kaiden atmete hektisch, unfähig, die heftigen Reaktionen seines angstschlotternden Körpers zu kontrollieren. Es war schlimmer geworden. Noch vor Kurzem war er in der Lage gewesen, Eryk in solchen Momenten frech anzugrinsen und Spaß an dem Spiel zu haben. Seit Naxander ihn entführt und mit brutaler Gewalt seinem Willen unterworfen hatte, fehlte Kaiden die Kraft dafür.

Erst wenige Wochen waren seit Naxanders Tod vergangen. Zeit, die Eryk und er genutzt hatten, um Amishas Geschenk auszukosten. Er spürte den magischen Ring, dessen Zwilling Eryks Hand zierte. Torgens Tochter, eine Artefaktmagierin von atemberaubender Macht, hatte ihnen diese Ringe überreicht, mit deren Hilfe sie einander hemmungslos lieben konnten, ohne Entdeckung fürchten zu müssen. Die ersten Tage und Nächte waren sie kaum aus dem Bett herausgekommen … Viel zu lange hatten sie ihre Liebe leugnen und ihr ständig wachsendes Verlangen unterdrücken müssen. Das Auftauchen des seltsamen Kometen, der solch verheerenden Einfluss auf das Wetter nahm, hatte ihren Liebestaumel jäh unterbrochen. Seit zwei Wochen waren sie von früh bis spät damit beschäftigt, Rashmind vor dem Untergang zu bewahren. Wenn man sie zum Schlafen heimschickte, waren sie meist zu kaum mehr als kurzen Umarmungen fähig gewesen. Die Gilde hatte dieses sinnlose Gebot ausgesprochen, dass jegliche überflüssige Magieanwendung zu vermeiden sei. Sie glaubten ernstlich, so könnten die Auswirkungen des Kometen verringert werden … Lark, Torgen und einige andere redeten seit Tagen auf Meister Kimon ein, der jedoch stur bei seiner Linie blieb. Gewiss, die magischen Strömungen verstärkten diese merkwürdigen Schwingungen, die der Komet ausstrahlte – etwas, wozu Kometen normalerweise gar nicht in der Lage sein sollten –, aber so geringfügig, dass es keinen echten Unterschied bedeutete. Statt ihre Magie zu vereinen, um Menschen, Tiere und Gebäude zu schützen, musste man sich schriftliche Genehmigungen für alles und jedes holen. Sollte der Komet ihrer Welt noch näher kommen, würde es wohl tatsächlich für einige Tage zu einem vollständigen Schwinden der Magie führen. Kaiden verstand nicht wirklich, wie das möglich sein konnte. Dass es auch sonst niemand begriff und vor allem niemand wusste, woher der Komet kam, warum er solchen Einfluss auf sie nahm und ob er ihnen möglicherweise auf den Kopf fallen würde, war kein Trost …

All das verschlimmerte seine Nervosität, an der er seit seiner Entführung litt. Kaiden war schreckhaft geworden. Er schlief ungewöhnlich viel, mindestens zwei Mal in der Woche, und durchlebte all das Grauen, das Naxander ihm angetan hatte, ständig von Neuem. Eryk hatte ebenfalls Alpträume, auch an ihm war es nicht spurlos vorübergegangen. In seinen Armen liegend konnte Kaiden alles vergessen … Gerade deshalb verfluchte er den Komet, der ihn von seinem Liebsten fernhielt.

Kaiden fuhr zusammen, als Lippen sanft über seine Stirn strichen. Eryk zog ihn an sich, mit all der Kraft und Zärtlichkeit, die Kaiden so dringend benötigte. Er fühlte sich sicher und geborgen, solange er von diesen starken Armen gehalten wurde. Wärme umhüllte ihn, er konnte Eryk spüren, seine Haut und Kleidung riechen, seinen Herzschlag hören und als er ihn küsste, intensiv schmecken.

Sie hatten keine Zeit. Das Dach könnte jeden Moment weiter nachgeben, eigentlich war es Wahnsinn, sich noch länger in diesem Haus aufzuhalten. Man brauchte sie dort draußen, Eryks unermüdliche Kraft genauso wie Kaidens Sucherinstinkte. Und trotzdem konnte Kaiden sich nicht von ihm lösen.

„Hast du Angst?“, wisperte es an seinem Ohr. Warmer Atem kitzelte ihn, was ihn erschaudern ließ. Er lachte unterdrückt, bevor er den Kopf schüttelte.

„Solltest du aber. So viel Nachlässigkeit gehört bestraft.“ Eryks Stimme grollte tief, wodurch Kaiden noch mehr erschauderte und sich mit aller Kraft an den stählernen Körper seines Liebsten drängte.

„Wir müssen raus“, murmelte er fahrig, denn Eryk küsste und knabberte sich über seinen Hals, über die empfindliche Kehle hinweg bis hin zum Nacken.

„Nichts da! Es gibt eine Menge Magier da draußen, die nicht halb so viel geleistet haben wie du, und genug kräftige Männer, dass ich für ein weiteres Stündchen abkömmlich bin.“

Raue Hände zerrten an Kaidens Kleidung, was er willenlos geschehen ließ. Es fühlte sich so gut an, viel zu gut ...

„Das Dach, wir – es muss – der Schnee – du weißt schon“, wisperte er im Bemühen, Vernunft zu zeigen. Was schwierig wurde, wenn geschickte Finger über nackte Haut zu Körperregionen wanderten, die äußerst empfänglich für Berührungen waren.

„Es schneit gerade nicht. Das hält!“

Eryk biss ihm zärtlich in das Kinn, die Wangen, was Kaiden in Not brachte – sollte er lachen, abwehren, genießen? Es war unangenehm und herrlich zugleich, vor allem, da ihm dabei die verspannten Rücken- und Schultermuskeln geknetet wurden. Bevor er sich entscheiden konnte, verpasste Eryk ihm das gefühlt tausendste Kussmal am Hals, um ihm dann energisch die Zunge zwischen die Lippen zu drängen. Dass die Ringe jegliche Zeichen von Unsittlichkeit verbargen, hatte eindeutige Nachteile! Er fand diese roten Male nicht gerade schön.

An diesem Punkt verloren sich Kaidens Gedanken, denn nicht nur Eryks Zunge drang in sein Innerstes ein, und jene geschickten Finger schlossen sich nun um sein pochendes Geschlecht. Es war gut, dass er so sicher gehalten wurde, so konnte Kaiden sich bedenkenlos stöhnend hingeben …

Eryk staunte immer wieder aufs Neue, wie wunderschön es aussah, sobald Kaiden die Augen schloss und sinnlich genießend den Kopf zurückbog. Sein Liebster stand nackt an der Wand und schenkte ihm die Gewalt über seinen Körper, so vertrauensvoll, dass es ihn vor Glück nahezu taumeln ließ. Stundenlang könnte er nichts weiter tun, als ihn zu streicheln, necken, erregen, küssen, seinem Willen unterwerfen, sich ihm zu unterwerfen, ihn seine Kraft spüren lassen, von seiner Kraft überrollt zu werden, mit ihm gemeinsam Klippen hinabstürzen …

Eryk trug eindeutig zu viel Stoff am Leib, wurde ihm bewusst. Hatte er eben noch ein gänzlich unmännliches Gefühl von Kälte unterdrücken müssen, nachdem er ohne Mantel den Schaden am Dach inspiziert hatte, war ihm jetzt viel zu heiß.

Was ihn daran erinnerte, dass sein Partner weiterhin Strafe verdient hatte. Auf den Knien sollte er liegen und ihn verwöhnen, statt sich wohlig unter seinen Händen zu räkeln! Oder sollte er ihn erst auf den Esstisch legen und durchnehmen, und sich danach als Vorbereitung für die zweite Runde …

Es klopfte.

Eryk fluchte innerlich, konnte das Pack sie nicht in Ruhe lassen? Sie hatten nur so wenig Zeit, bis sie zurück in den Schnee mussten.

„Du bleibst so“, befahl er etwas zu harsch, als Kaiden sich von ihm lösen wollte, sicherlich, um zurück in seine Kleider zu schlüpfen.

Kaiden starrte ihn ein wenig erschrocken an, aber dann breitete sich das unverschämte Grinsen über sein sommersprossiges Koboldgesicht aus, für das Eryk ihn so sehr liebte. Der allerschönste Vorteil der magischen Ringe lag darin, dass sie sich auch inmitten eines rührseligen Gedichtvortrages, umgeben von reizenden alten Jungfern lieben könnten, ohne dass irgendjemand etwas bemerkte.

Er atmete tief durch und blieb nackt, als er zur Tür ging, an der es gerade zum zweiten Mal hämmerte. Anhand des Klopfrhythmus ahnte Eryk bereits, wer dort draußen war, und tatsächlich: Es war Lark, der mit gewohnt ausdrucksloser Miene dastand.