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Der junge Diplominformatiker Rico Raster ist unsterblich in die hübsche Keyboarderin seiner Band, Julia Kraft, verliebt. An dem Tag, an dem er ihr seine Liebe gestehen will, verschwindet Julia spurlos. Raster wird verdächtigt, für ihr Verschwinden verantwortlich zu sein und wird unschuldig und von all seinen Freunden verlassen, ins Gefängnis gesteckt. Nach seiner Entlassung zieht er sich, enttäuscht von den Menschen, in die Einsamkeit eines abgelegenen Berghofes in den Alpen zurück, wo er seine Herkunft und sein bisheriges Leben unter Verschluss hält. Doch auch dort findet er keine Ruhe. In einem Karussell aus Gewalt und Verbrechen, Freundschaften und Intrigen, Lieben und Leiden holt ihn seine Vergangenheit immer wieder ein und zwingt ihn, sich ihr zu stellen.
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Seitenzahl: 1384
Veröffentlichungsjahr: 2025
Rasty
-
vom Schicksal gebeutelt
ein Roman von
Johann Stur
Copyright: Johann Stur
Jahr: 2023
ISBN: 978-9-403-73133-9
Covergestaltung: Johann Stur
Verlagsportal: Bookmundo
Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verfassers unzulässig.
Dieses Buch ist auch als Printausgabe unter der ISBN 978-9-403-73108-7 erhältlich.
Er schläft, tief, fest, traumlos in diese milde Abenddämmerung hinein. Hier, inmitten einer kleinen Baumgruppe direkt am Dresdner Elbufer, etwas versteckt vor den Blicken der Spaziergänger und Radfahrer, die auf der sich oberhalb der Elbwiesen hinziehenden Promenade flanieren, ist man fast ungestört. In den Bäumen hängen Stücke von totem Treibholz, herausgerissenes Gras und anderes Geröll, was das letzte Hochwasser hier angespült und liegen gelassen hat. Diese Reliquien verdecken zusätzlich die Sicht. Es gibt eine kleine, von Steinen umgebene Feuerstelle, in der verkohlte Holzreste liegen. Irgendjemand hat hier eine Bank hingestellt, sicherlich irgendwo geklaut. Aber das ist den Jugendlichen, die sich öfter hier treffen, egal, Hauptsache sie sind unter sich. Heute ist die Feuerstelle kalt und die Bank ist von diesem Schläfer belegt. Unter der Bank steht sein kleiner Rucksack und daneben liegt eine leere Flasche von seiner Lieblings-Cola. Er bemerkt nicht die drei Teenies, die sich der Baumgruppe nähern. Zwei Jungen und ein Mädchen, so um die 13 Jahre alt. Sie wollten heute Abend hier abhängen, aber dieser Schläfer macht ihre Pläne zunichte.
„Mist! Muss dieser Penner hier rumliegen?“, flüstert das Mädchen.
Einer der Jungen antwortet: „Der versaut uns den ganzen Abend!“
„Hmm, nu wartet mal, da liegt sein Rucksack, den nehmen wir als Entschädigung mit, wer traut sich das Teil zu holen?“
Das Mädchen ziert sich, die Jungen wollen sich beweisen und schleichen sich an.
„Der schnarcht, also schläft er fest, keine Panik!“, murmelt sich der eine Mut zu und greift sich leise den Rucksack. Der andere angelt sich die leere Colaflasche.
„25 Cent!“, meint er achselzuckend und sie treten den Rückzug an. Ein paar hundert Meter flussabwärts finden sie eine Bank, auf der sie ihre Beute begutachten. Akribisch wird der Rucksack Fach für Fach untersucht.
„Braucht jemand von euch eine Jacke?“, kichert einer der Jungen, „Frisch aus dem Altkleidercontainer.“
„Das ist eine Mädchenjacke und das ist Markenqualität, das Teil war sauteuer! Aber mir leider viel zu groß“, stellt das Mädchen fest. Sie hält sich die Jacke an den Körper. „Schade!“
Die Jungs lachen und suchen weiter.
„Was ist denn das? Ein Liebesbrief?“ Sie schauen auf den Umschlag.
„Der ist ja richtig in Schönschrift mit Tintenfüller und Schnörkel geschrieben, wer macht denn noch sowas? Wollen wir ihn lesen?“
Das Mädchen hat Skrupel.
„Nein, lass mal. Sucht lieber weiter!“ Sie nimmt den Brief an sich und denkt kurz darüber nach, ihn heimlich einzustecken, lässt es aber und legt ihn zu den anderen Sachen auf die Bank.
„Hey, hier ist ein Handy! Shit, gesperrt und nichts Besonderes, uralt das Teil. Lohnt sich nicht“, meint einer der Jungen und stopft es wieder zurück in das Fach.
„Aber hier, sein Portemonnaie, Volltreffer!“ Neugierig öffnen sie die Fächer.
„Dreißig Euronen und ein paar Zerquetschte. Nicht die Welt, aber besser als nichts. Wie siehts mit Plastikmoney aus?“
„Nichts, nur Ausweis, Führerschein, Krankenversicherung“, sagt das Mädchen enttäuscht.
„Na ja, steck alles wieder rein, wir behalten das Geld und werden den Rest los“, entgegnet der größere der beiden.
„Und wir haben noch die Pfandflasche, immerhin 25 Cent!“ lacht der andere und hebt seine Beute bedeutsam in die Höhe. Die drei lachen, werfen den Rucksack in die Elbe und machen sich aus dem Staub.
***
Am selben Abend, ein paar Stunden später und ein paar Kilometer entfernt, im Speckgürtel von Dresden, dort wo die Reichen und Schönen wohnen, gießt sich Andreas Kraft einen Whisky ein. Es ist einer von den teureren, aber nicht sein bester und heute auch nicht sein Erster. Andreas Kraft ist knapp fünfzig und von hagerer, um nicht zu sagen dürrer Gestalt. Er ist so dünn, dass seine Freunde und Kommilitonen ihn früher ‚Shadow – der Mann, der keinen Schatten wirft‘ genannt haben. Nein, Muskelkraft besitzt er nicht, seine Qualitäten sind von anderer Natur. Er ist ein Zahlenmensch, gerissen, skrupellos, selbstsicher und berechnend. Empathie gehört definitiv nicht zu seinen Softskills, aber mit diesen hat er es ziemlich weit gebracht. Und seine Reise ist noch nicht zu Ende, er hat Pläne für seine Zukunft – große Pläne!
Andreas Kraft hat gerade seinen Laptop heruntergefahren; fertig mit der Arbeit für heute. Es ist schon spät, selbst für seine Verhältnisse. Aber seine große Tochter Julia ist noch nicht nach Hause gekommen. Das macht ihm Sorgen. Sie ist sonst immer pünktlich, pflichtbewusst und gewissenhaft in allem, was sie tut. Natürlich hat sie auch ihre Macken, so wie alle Pubertiere, aber sie ließ sich bis jetzt immer bändigen und in die von ihm gewollte Richtung lenken. Gestern hatte sie ihren 18. Geburtstag. Der wurde im engsten Familienkreis gefeiert. Nur seine Frau Kathrin, er und Milena, die jüngere Schwester von Julia. Die Eltern von Kathrin waren auch dabei, seine Eltern wohnen zu weit weg. Am Freitag wird dann die Fete für die Freunde sein, sie haben schon einen Partykeller angemietet und das Catering organisiert. Ja, er liebt seine Töchter, sie sind sein ganzer Stolz. Beide schlau und gewieft. Julia hat dieses Jahr ein Einser-Abi hingelegt und wird im Herbst ein Wirtschaftsstudium in der Finanzmetropole Frankfurt am Main beginnen. So wie er damals Ende der Achtziger.
Er denkt zurück an diese turbulente Zeit: Studium abgeschlossen, Praktikum und erste Anstellung in einer großen Verwertungsgesellschaft, hier hat er gelernt, wie der Hase läuft; hier hat er sich seine Sporen verdient und hier hat er mit der Frau eines Aufsichtsratsmitgliedes ein Verhältnis angefangen. Das Glück währte nur kurz, die Sache flog schnell auf. Er war auf der Abschussliste. Und dann kam die Wende. Im Osten wurden im großen Stil ehemalige VEB-Betriebe von der Treuhand verhökert und dort wurde er als Auktionator hingeschickt. Offiziell hieß es, er sei am besten dafür geeignet, er sei jung, ungebunden und fachlich kompetent. Die Wahrheit war wohl eher, dass man ihn so weit wie möglich abschieben wollte, um einen Skandal zu vermeiden. So kam er hier her und er versteigerte im Auftrag der Treuhand und unter dem Namen seiner Gesellschaft Maschinen, Anlagen, Gebäude und Grundstücke an in- und ausländische Interessenten, die wie Geier über den Überresten der ehemaligen DDR kreisten. Das war nicht unbedingt das, was er sich von seinem Leben erwartet hatte, aber er hatte einen Plan. Er knüpfte viele Kontakte zu den Mitarbeitern der Treuhand, zu Händlern, Firmen und Juristen und nach einem knappen Jahr hielt er die Zeit für gekommen, seine Firma zu verlassen und sich selbstständig zu machen. Seine guten Kontakte vor Ort halfen ihm immer wieder, lohnende Objekte zum Plattmachen zu ergattern, und seine Marge blieb nun in seiner eigenen Tasche, die sich immer mehr füllte.
Er schaut auf die Uhr, es ist jetzt kurz vor eins. In seine Sorge mischt sich ein wenig Wut. Wo bleibt die denn nur? Er greift zum Handy, um sie anzurufen. Das hat er sonst nie gemacht, aber heute reicht es ihm. Obwohl, sie ist ja jetzt volljährig und kann tun und lassen, was sie will. Theoretisch! Er legt das Handy weg und gießt sich noch einen Whisky ein. Seine Frau Kathrin schläft schon lange. Sie ist in solchen Sachen ganz entspannt. Manchmal beneidet er sie um diese Gelassenheit. Er ist ein Kontrollfreak, sagt sie immer, und er macht sich nur verrückt, sagt sie immer. Sie hat ja recht, bis jetzt ist immer alles gut gegangen, kein Grund zur Sorge. Er nippt an seinem Glas und denkt wieder an seine Anfänge zurück.
Jetzt hatte er genügend Geld, um auch dem einen oder anderen nützlichen Geschäftspartner ein kleines Geschenk für kleine Gefälligkeiten, wie zum Beispiel ein besonders lohnenswertes Objekt oder eine ausgesprochene Empfehlung machen zu können. Böse Zungen würden das auch als Schmiergeld bezeichnen, aber in der Geschäftswelt läuft es nur wie geschmiert, wenn man an den richtigen Stellen schmiert.
Er lächelt sich selbst zu, über diesen Passus, und nippt wieder. Seine Zunge ist schon taub vom Whisky, es wird Zeit, dass er zu Bett geht, wo bleibt sie denn nur?! Er versinkt weiter in seinen Erinnerungen.
Doch er bewies auch Weitblick. Ihm war klar, dass das mit den Versteigerungen nicht ewig gehen würde. Bald würde es nichts mehr zu versteigern geben, der Markt wird leer sein für Leute wie ihn. Er musste jetzt handeln und er handelte. Schließlich saß er ja an der Quelle und so kaufte er für billiges Geld, manchmal sogar für die berühmte obligatorische ‚Eine D-Mark‘ Grundstücke, Hallen und Objekte. Er konnte sie sich ja aussuchen und er achtete dabei auf Zustand, Lage und Anbindung. Dann gründete er sein Unternehmen, die Firmengruppe Kraft. Die Idee dahinter war eigentlich ganz simple, funktionierte aber nur in dieser verrückten Nachwendezeit. Er kaufte als Erstes eine Spedition auf, die Insolvenz angemeldet hatte, sanierte sie mit seinen Mitteln notdürftig und machte daraus ein Logistikunternehmen. Lagerhallen hatte er ja genügend zur Verfügung. Sobald das Unternehmen Gewinn abwarf, kaufte er eine weitere Firma zu den gleichen Konditionen dazu und so weiter. Die Ossis waren damals billige Arbeitskräfte und froh, überhaupt Arbeit zu haben. Er konnte sich beliebig bedienen und wer nicht ins Bild passte, flog einfach raus. Ach ja, die guten alten Zeiten. Es war wie im Paradies. Es flog ihm alles zu, von den abgegriffenen Fördermitteln ganz zu schweigen. So kamen ganz schnell verschiedenste Firmen in seinen Besitz. Neben dem Logistikunternehmen gab es einen Wachschutz mit Geld- und Werttransporten, eine Reinigungsfirma, ein Busunternehmen und sogar eine Großbäckerei und eine Wurstfabrik. Was nach einer gewissen Zeit keinen rechten Gewinn abwerfen wollte, wurde wieder verkauft oder einfach abgehandelt. Skrupel konnte er sich nicht leisten, das erwartete auch keiner von ihm, dem Wessi. In dieser Zeit lernte er auch seine Frau Kathrin kennen. Sie war damals Schwesternschülerin im Krankenhaus, in dem er wegen einer Blinddarmoperation lag, und sie war die schönste Frau der Welt. Ist sie jetzt noch, trotz ihrer Mitte vierzig. Sie war ein paar Jahre jünger als er, hatte lange, blonde Haare, eine tolle Figur, einen scharfen Verstand und jede Menge frechen Humor. Seine Traumfrau!
Er lächelt bei den Gedanken an sie. Er liebt sie über alles und ist nie fremdgegangen. Er hatte nie Grund dafür, warum auch? Fremdgehen lohnt sich nur, wenn man was Besseres kriegt als das, was man schon zu Hause hat. Und das ist bei Kathrin schwer, sehr schwer!
Sie haben damals das Leben in vollen Zügen genossen. Geld war reichlich da, sie waren jung und haben die Welt bereist. Sie hatten keine Sorgen, die Firma wuchs, bald hatte er seine erste Million zusammen und es sollte nicht die letzte sein. Viele nannten es Glück, er nannte es Geschick. Es gab natürlich viele Neider, die ganzen Ossis, aus denen nichts geworden ist, die Konkurrenten, die er weggeputzt hatte – na und? Sie hätten es ja besser machen können! Nach ein paar Jahren kauften sie sich ein schönes Haus in einer idyllischen Gegend und begannen mit der Familienplanung. Jetzt ist er Millionär, Großunternehmer, Lokalpolitiker auf der Karriereleiter und Vater von zwei hübschen, klugen Töchtern.
Bei den Gedanken an seine Töchter schläft er im bequemen Sessel ein. Julia wird diese Nacht nicht mehr nach Hause kommen.
***
Polizeianwärterin Babett Marek und ihr erfahrener Kollege Holger Schramm von der Reiterstaffel der Dresdner Polizei reiten über die Elbwiesen in Richtung ‚Blaues Wunder‘. Sie reiten gern zusammen, können sich viel erzählen, haben das Pferd als gemeinsame Leidenschaft und diese Leidenschaft zum Beruf machen können. Sie schätzt die Erfahrung von Holger, die er sich mit seinen knapp 40 Jahren erarbeitet hat. Er hat schon alles gesehen, alle Ausreden gehört, alle Gesetze im Kopf und gibt seine Erfahrungen mit Witz und manchmal ein wenig Sarkasmus freigiebig an sie weiter. Er mag ihre jugendliche Unbekümmertheit, ihren Wissensdurst und natürlich ihre anmutige Schönheit. Kurze blonde Haare, blaue Augen und eine Stupsnase mit ein paar Sommersprossen.
Sie sind auf ihrer Morgenrunde, um das Elbufer nach eventuellen Spuren von nächtlichen Geschehnissen und Unregelmäßigkeiten abzusuchen. Bei diesem schönen Wetter macht es besonders viel Spaß. Die Pferde fühlen sich wohl und dieses Wohlbefinden überträgt sich auch auf ihre Reiter. In Höhe des Diakonissenkrankenhauses steuert Holger Schramm auf eine kleine Baumgruppe direkt am Ufer zu.
„Hier treffen sich immer mal ein paar Jugendliche, um abzuhängen und manchmal ein Feuer zu machen, was natürlich verboten ist. Ich habe auch den Verdacht, dass hier öfters mal Drogen im Spiel sind, Alkohol sowieso. Mal sehen, was gestern Abend hier so abgegangen ist.“
„Wie willst du das jetzt noch feststellen?“, fragt Marek.
„Die hinterlassen gerne ihren Müll hier. Leere Flaschen, Zigarettenschachteln und Stumpen und ich habe sogar schon mal ein heruntergefallenes Päckchen Gras gefunden.“
„Das hast du natürlich dann gleich für den Eigenbedarf konfisziert, oder?“ lacht sie.
„Klar doch!“ Beide lachen und nähern sich dem Versteck.
„Da liegt einer!“, sagt sie.
„Das habe ich noch nicht erlebt, dass früh noch einer übrig geblieben ist, sonst sind sie immer alle schon weg.“
Sie sitzen ab, Marek gibt ihre Position an die Zentrale durch, sie entsichern ihre Holster und mit der Hand in Pistolennähe rücken sie vor. Schramm tritt an die Bank und fühlt den Puls am Hals des Schläfers. Marek sichert ihren Kollegen und die Umgebung, so wie sie es auf der Polizeischule gelernt hat.
„Lebt er noch?“
„Ja, ich weck ihn jetzt auf.“
Er rüttelt den Schläfer an der Schulter und versucht, ihn zu wecken. Es tut sich nichts.
„Mann, der muss ja rappelvoll sein!“
„Schütten wir ihm Elbwasser über den Kopf, dann wird er schon aufwachen“, schlägt sie vor.
„Nein, mit der Brühe bringen wir ihn wahrscheinlich vollends um.“ Sie kichern und Schramm versucht es noch einmal, diesmal stärker und mit mehr Erfolg.
Der Schläfer blinzelt verschlafen in den angebrochenen Morgen und wirkt sichtlich desorientiert. Babett Marek mustert den jungen Mann. Sie schätzt, dass er ungefähr in ihrem Alter ist, also Anfang zwanzig. Er ist knapp eins-achtzig groß, schlank und hat verstrubbeltes, dunkelblondes Haar. Stöhnend versucht er, sich aufzurichten, um gleich darauf wieder zurück auf die Bank zu fallen. Holger Schramm hilft ihm, sich aufzusetzen. Die beiden Beamten stellen sich vor und fragen nach seinem Namen. Der Aufgeweckte starrt mit leeren, grauen Augen vor sich hin, als ob er gar nicht da wäre. Nur langsam und sichtlich schmerzerfüllt hebt er den Blick. Sein Kopf tut weh, seine Kehle ist trocken und seine Zunge fühlt sich an wie eine Schuhsohle.
„Ihren Ausweis bitte!“, fordert Schramm ungeduldig.
Er bekommt als Antwort nur ein leichtes Kopfschütteln.
„Was machen wir mit ihm?“, fragt sie.
„Personalien feststellen, dann Alkohol- und Drogentest, das Übliche halt.“
„Sprechen Sie Deutsch?“, fragt sie den jungen Mann.
Er nickt langsam und versucht ein „ja“ herauszubringen, aber seine Stimme versagt und es kommt nur ein leichtes Röcheln hervor.
„Na wenigstens was“, murmelt sie kaum hörbar. Sie geht hinauf zu den Pferden, die sich an dem saftigen Gras der Elbwiesen erfreuen und im Gegenzug ihre Äpfel hinterlassen, und holt aus ihrer Satteltasche eine Flasche Mineralwasser. Zurück an der Bank gibt sie die Flasche dem jungen Mann. Der nimmt sie mit einem dankbaren Blick an und trinkt gierig. Seine Augen werden lebendiger und es scheint ihm sichtlich besser zu gehen.
„Ihren Ausweis bitte!“, wiederholt Schramm seine Forderung.
Der junge Mann sieht sich um und ist mit einem Schlag hellwach.
„Wo ist mein Rucksack? Wo ist Julia? Wo ist mein Moped? Was ist hier passiert?“
„Hier war kein Rucksack und Sie sind hier allein und ein Moped ist auch keins weit und breit zu sehen“, sagt Babett Marek.
Der junge Mann bricht innerlich zusammen. „Dann bin ich beklaut worden, ich möchte Anzeige erstatten.“
„Jetzt nehmen wir erst einmal ihre Personalien auf! Also, wir hören!“
„Rico Raster“
„Geburtstag, Anschrift? Lassen Sie sich doch nicht alles aus der Nase ziehen!“ Holger Schramm wird ungeduldig.
„Haben Sie eine Schmerztablette? Am besten ’ne IBU.“ Die Beamten verdrehen die Augen.
Plötzlich springt er auf, rennt in die Ecke mit dem angeschwemmten Geröll und übergibt sich. Marek wird grün im Gesicht und schaut Schramm angeekelt an. Der zuckt nur mit den Schultern, er hat schließlich schon alles gesehen.
Raster kommt zurück und spült sich mit dem Rest der Mineralwasserflasche den Mund aus. Dann gibt er seine Daten an. Babett Marek schreibt alles auf ihren kleinen Notizblock.
„Ich will Anzeige erstatten!“
„Jetzt machen wir erst einmal einen Alkoholtest und einen Drogenschnelltest, alles schön der Reihe nach. Kommen Sie bitte mit zu den Pferden!“
Die Polizeianwärterin kramt aus ihrer Satteltasche die Testutensilien heraus und lässt Raster in das Röhrchen blasen.
„Etwas stärker! Weiter, weiter, weiter, gut, das reicht! 0,00 Promille!“ Sie zeigt das Display dem Kollegen und Raster. Dann der Drogenschnelltest: auch negativ. Schramm ärgert sich insgeheim, zwei der teuren Tests ergebnislos verschwendet zu haben. Während die Kollegin die Tests durchführt, überprüft er die von Raster angegebenen Daten am Tablet-PC auf Richtigkeit. Rasters Angaben stimmen mit den abgerufenen Datensätzen überein.
„Ok, Sie können Ihrer Wege gehen. Bitte beachten Sie in Zukunft, dass eine Bank am Elbufer kein geeigneter Schlafplatz ist. Die Anzeige können Sie im Revier unter dieser Adresse erstatten.“ Er gibt Raster eine Visitenkarte mit der Adresse des zuständigen Polizeireviers.
„Wir wünschen Ihnen noch einen schönen Tag!“ Babett Marek nickt dem verdutzten Raster zu. Sie steigen auf ihre Pferde und reiten gemächlich davon.
***
Die Morgensonne scheint durch das gekippte Fenster auf die Nase von Kathrin Kraft und weckt sie aus dem Schlaf. Sie versucht noch erfolglos, ihren Traum festzuhalten und blinzelt in das Morgenlicht. Ein Blick zur Uhr: es ist kurz vor sieben. Keine Uhrzeit für eine Millionärsfrau, um aufzustehen und den Tag zu beginnen. Das Buch, das sie gestern Abend mit zu Bett genommen hatte und über dem sie eingeschlafen ist, liegt unter ihrer Wange und hat dort Abdrücke hinterlassen. Sie zieht es hervor und schaut nach, wie weit sie gekommen ist. Sie weiß es nicht mehr. Anscheinend hat sie im Halbschlaf weitergelesen, ohne etwas vom Inhalt zu erfassen. Sie legt das Buch weg und starrt an die Decke. Das Bett neben ihr ist unberührt. Andreas hatte gestern Abend noch viel zu tun und schläft sicherlich im zweiten Schlafzimmer, damit er sie nicht weckt, wenn er zu Bett kommt. Das passiert in letzter Zeit oft. Zu oft für ihr Empfinden. Dass das Feuer der Leidenschaft nach so vielen Jahren nur noch glimmt, das hält sie für normal. Nein, sie haben sich nicht auseinandergelebt. Er hat nur immer weniger Zeit. Die Firmengruppe verlangt alles von ihm ab. Er hat zwar seine untergebenen Prokuristen, aber Kontrollfreak, der er ist, will er in alle Entscheidungen eingebunden werden. Sein Erfolg gibt ihm Recht, aber um welchen Preis? Und jetzt ist er auch noch politisch engagiert und sitzt in verschiedenen Ausschüssen. Er müsse Kontakte knüpfen und pflegen, das muss sein in seiner Position. Da bleibt für sie und ihre Töchter nur noch wenig von ihm übrig. Er hat sich auch verändert. Sie erinnert sich, wie sie ihn kennenlernte.
Sie war im Krankenhaus Schwesternschülerin im letzten Jahr und er war Patient. Er hatte immer einen flotten Spruch für sie und sie merkte, dass sie es ihm angetan hat. Seine Charme-Offensive war ja nicht zu übersehen. Sie wusste, dass sie eine Schönheit war und wusste das auch bei vielen Gelegenheiten einzusetzen. Als er entlassen wurde, gab sie ihm auf sein ständiges Drängen hin ihre Adresse. Telefon gab es damals, kurz nach der Wende, nicht für die breite Masse. Der Rest lief wie von selbst. Sie bewunderte ihn in seinem Tatendrang, seiner Gerissenheit und Wandlungsfähigkeit. Er konnte zu seinem Gegenüber der letzte Arsch sein, ihn anbrüllen, ihn fertig machen und im nächsten Augenblick mit ihr scherzen und lachen. Aber in den vergangenen Jahren ist er immer gleichgültiger ihr gegenüber und immer skrupelloser seinen Mitbewerbern gegenüber geworden. Ja, er brauchte sie. Sie war die Schönheit an seiner Seite, die auf irgendwelchen Gala-Abenden der Hingucker war und die ihm so manche Tür geöffnet hat. Mit der Zeit kam sie sich vor, wie irgendein Werkzeug, das man bei bestimmten Gelegenheiten hervorholt, präsentiert und dann wieder zurück in den Schrank stellt. Sie wäre ja gerne wieder arbeiten gegangen. Sie war eine Krankenschwester durch und durch und liebte es, mit Menschen umzugehen. Aber das ziemt sich nicht für eine Millionärsfrau, und so musste sie sich zu Hause langweilen. Wenigstens hat sie es durchsetzen können, ehrenamtlich in einem Körperbehindertenverein tätig zu sein. Dort hat sie endlich das Gefühl, wirklich gebraucht zu werden, und das tut ihr gut. Ihre Gedanken schweifen weiter zu ihren Mädels. Julia, die Große, ist vorgestern 18 geworden. Wie die Zeit vergeht. Sie ist blond, wie sie, genauso schön wie sie es damals war und hat aus dem vorhandenen Gen-Pool nur das Beste rausgefischt. Sie hat es aber nicht so mit Menschen wie sie, sondern lieber mit Zahlen wie Andreas. Nach ihrem Wirtschaftsstudium soll sie in die Firma einsteigen und diese perspektivisch übernehmen.
Milena, von allen nur Milli genannt, ist von einem ganz anderen Schlag. Sie ist dunkelhaarig, hat schwarze, feurige Augen und ist ein Wildfang durch und durch. Kaum zu bändigen und für ihre knapp 16 Jahre schon ziemlich weit entwickelt. Was aus ihr einmal werden wird, steht noch in den Sternen.
Heute werden sie gemeinsam den angemieteten Partyraum im Eventhaus schmücken. Darauf freut sie sich schon lange. Endlich mal wieder gemeinsam mit ihren Mädels kreativ sein, Frauengespräche führen, an ihrem Leben teilhaben. Das fehlt ihr oft. Bald sind sie aus dem Haus, und dann? Sie mag nicht daran denken.
Draußen vor der Tür hört sie eilige Schritte, die Tür geht auf und Andreas steht mit zerknittertem Anzug und panischen Augen vor ihr.
„Julia ist heute Nacht nicht nach Hause gekommen!“
***
Rico Raster rubbelt sich die Haare mit dem Badetuch trocken. Die Dusche hat gutgetan, die IBU800 auch. Er versucht jetzt, endlich klare Gedanken zu fassen und die Geschehnisse aufzuarbeiten. Doch es gelingt ihm nicht. An einer Stelle bleibt sein Bewusstsein immer wieder stecken.
Er war mit Julia an dieser Stelle am Elbufer verabredet. Er sollte mit vollgetanktem Moped und allein kommen. Als er diese Nachricht las, sprang sein Herz in die Höhe. Ja, er war verliebt in Julia, vom ersten Tag an. Er hatte versucht, so viel Zeit wie möglich mit ihr zu verbringen. Doch seine schmachtenden Blicke und seine mehr oder weniger subtilen Annäherungsversuche schienen an ihr abzuprallen wie Wasser an einer Lotosblüte. Sie hat ihm so viele Körbe gegeben, dass er auf dem Wochenmarkt einen eigenen Stand eröffnen könnte! Julia war seit ungefähr einem halben Jahr die Keyboarderin in der Band, in der er als Bassist und manchmal auch als Gitarrist spielt. In den vielen Proben und den wenigen Auftritten wurden sie Freunde. Leider nur Freunde. Er brachte ihr das Mopedfahren bei und wenn sie ihren 18. Geburtstag hinter sich hatte, wollte sie mal allein fahren. Ihren Führerschein hatte sie schon im begleiteten Fahren mit 17 gemacht. Er gab sein geliebtes Moped eigentlich niemandem zum Fahren. Seine gute Simme! Aber das ist Julia! Das könnte vielleicht ein Durchbruch sein. Er hoffte es. Er wollte ihr bei diesem Treffen seine Liebe beichten, komme, was da wolle. Und sie trafen sich zur abgemachten Zeit am abgemachten Ort und waren allein. Nachdem sie sich, wie üblich, kurz freundschaftlich gedrückt hatten, holte sie zwei Flaschen von seiner Lieblings-Cola hervor und gab ihm die eine und öffnete ihre. Sie stießen auf ihren Geburtstag an und plapperten noch ein wenig – worüber eigentlich? Das war der Punkt, an dem seine Erinnerungen stecken blieben. Das Nächste, was er mitbekam, war der Polizist, der ihn geweckt hat. Was war in der Zwischenzeit passiert? Wo war sein Rucksack, wo war sein geliebtes Moped? Hatte Julia alles mit nach Hause genommen? Er wusste, wo sie wohnte, er war schon ein paarmal dort, aber er fühlte sich dort nicht wohl. Diese Millionärsvilla in einem Viertel, in dem er nichts zu suchen hatte. Die Mutter war ok. Sie sah aus wie Julias große Schwester und hatte so eine melancholische Ausstrahlung. Ihre kleine Schwester war hübsch und sie war verknallt in ihn. Sie warf ihm kecke Blicke zu und wusste immer irgendeinen Grund, um in der Nähe zu sein, wenn er da war und mit Julia am Familienflügel Musikstücke übte. Er auf der Gitarre, sie auf dem Flügel. Er bewunderte ihre Eleganz, mit der sie mit den Fingern über die Tasten tanzte. Das waren schöne Momente und es wäre fast romantisch gewesen, wenn diese kleine Schwester nicht immer um sie herum geschwänzelt wäre! Der Vater war ein arrogantes Ekel. Wenn der mal da war, was zum Glück selten genug der Fall war, ließ er ihn spüren, dass er in diesem Hause nicht willkommen war. Er war halt nicht standesgerecht. Obwohl, arm war er nicht, für sein Alter. Er hatte das Haus seiner Eltern geerbt und dieses zu einem guten Kurs verkaufen können. Er wollte es nicht und er wollte auch nie wieder in dieses Kaff in der Nähe von Magdeburg zurück. Zu viele schlechte Erinnerungen an den Krebstod seines älteren Bruders und den Unfall seiner Eltern. Er wollte hier in Dresden ein neues Leben beginnen und alles Alte hinter sich lassen. Das Einzige, was er von damals mitgenommen hatte, waren seine Instrumente und seine Simme, sein gutes Simson S51 Enduro. Das hatte er damals mit seinem großen Bruder zusammen aufgebaut. Das Geld vom Verkauf des Hauses und der Lebensversicherungen hatte er nicht angerührt, sondern hoffentlich gewinnbringend angelegt. Für die Finanzierung seines Informatikstudiums hat er nebenbei gearbeitet. Er hat hauptsächlich in einem Computergeschäft PCs repariert, zusammengebaut und bespielt. Das konnte er meistens zu Zeiten machen, wenn keine Vorlesungen waren und er nicht lernen musste. Er kam damit halbwegs über die Runden und konnte sich nach einiger Zeit sogar eine eigene kleine Wohnung und ein Auto leisten. Von Wegen nicht standesgerecht!
Er verdreht die Augen bei dem Gedanken und wird schmerzhaft daran erinnert, dass die IBU800 den Kopfschmerz nicht vollständig aufgelöst hat. Nein, er würde nicht zu Julia fahren. Sie würden sich ja übermorgen zu ihrer Geburtstagsfete im Partykeller treffen. Dann würde sich alles aufklären und er würde seine Sachen wiederbekommen. So lange hatte er kein Handy und auch keine Papiere, na ja, er würde es überstehen. Zum Glück war sein Wohnungsschlüssel in der Hosentasche, sonst wäre er auch noch obdachlos. Und falls er doch bestohlen worden ist, kann er ja die Anzeige auch später nachholen. Kommt eh selten was dabei raus.
***
Auf dem Polizeirevier wird Andreas Kraft laut. Er kann die Sturheit dieses Beamten am Counter nicht nachvollziehen, dem er nun schon mehrmals erklärt hat, dass seine Tochter letzte Nacht nicht nach Hause gekommen ist.
„Wenn Sie nicht sofort in die Gänge kommen, werde ich Sie wegen unterlassener Hilfeleistung und Untätigkeit und was auch immer verklagen! Sie scheinen den Ernst der Lage nicht zu kapieren! Soll ich es Ihnen noch einmal erklären, oder was?“
Die Kollegen in Hörweite werden aufmerksam und schauen mitleidig in Richtung Counter.
„Wie ich Ihnen schon mehrmals erklärt habe, sind wir völlig unterbesetzt. Urlaub und Krankheit, die beiden Feinde der Arbeitgeberwelt, machen auch vor uns nicht Halt. Die Kollegen schieben Überstunden ohne Ende. Ihre Tochter ist volljährig. Wenn Sie eine Vermisstenanzeige aufgeben wollen, können Sie das gerne tun, aber wir werden ohne einen Verdacht auf eine Gewalttat zu diesem Zeitpunkt noch nichts unternehmen“, entgegnet der Beamte mit beruhigender Stimme. Andreas Kraft explodiert.
„Ich will jetzt auf der Stelle Ihren Vorgesetzten sprechen! Sofort! Sie wissen wohl nicht, wen Sie hier vor sich haben? So können Sie mit mir nicht umspringen! Das lass ich mir nicht bieten!“ schreit er ungehalten. Die Kollegen im Hintergrund machen sich schon bereit, einzugreifen, falls die Situation zu einem tätlichen Angriff eskalieren sollte. Da öffnet sich die Tür vom Zimmer des Revierleiters und Polizeihauptkommissar Dieter Kunz tritt aus seinem Zimmer. Er ist Ende 50, 1,80 groß, mit breiten Schultern und leichtem Bauchansatz. Sein graues Haar lichtet sich schon an einigen Stellen und er trägt eine Brille auf seiner Hakennase. Seine Nase und die eng beieinanderliegenden Augen, gepaart mit den, auf der Mitte des Kopfes emporragenden, strubbligen Resten einer ehemaligen Frisur, haben ihm bei seinen Untergebenen insgeheim den Spitznamen ‚Geierküken‘ eingebracht. Natürlich wird er diesen Namen nie erfahren! Sein Äußeres und sein Auftreten lassen sofort erkennen, dass er seine Erfahrungen auf der Straße gesammelt hat.
„Was ist hier los?“, ruft er fordernd.
Andreas Kraft lässt den Counter links liegen und steuert auf Kunz zu.
„Sind Sie hier der Chef?“
„Ja, was ist ihr Problem?“
„Ihre Beamten sind mein Problem, sie verstehen einfach meine Situation nicht und wollen mir nicht helfen!“, entgegnet Kraft wütend.
„Bitte kommen Sie herein!“ Der Revierleiter macht die Tür frei für den aufgebrachten Kraft und drängt ihn in sein Dienstzimmer.
„Bitte nehmen Sie Platz“, sagt er und weist auf den Stuhl gegenüber seinem Schreibtisch. Kraft setzt sich auf den kaum gepolsterten Stuhl. Der Revierleiter setzt sich in seinen bequemen, ledergepolsterten Schreibtischsessel und wendet sich seinem Besucher zu.
„Wo drückt der Schuh, was kann ich für Sie tun?“, fragt er höflich.
„Wie ich schon dem Beamten am Tresen mehrfach erklärt habe, ist meine Tochter letzte Nacht nicht nach Hause gekommen. Das hat sie noch nie gemacht, jedenfalls nicht, ohne uns vorher Bescheid zu sagen. Das ist nicht sie! Julia ist immer zuverlässig und würde uns nie im Ungewissen lassen. Der Beamte da vorne will mir einfach nicht helfen. Er faselt immer irgendetwas von Überstunden und Unterbesetzung und solchem Schwachsinn. Das ist doch nicht mein Problem! Ich will, dass endlich nach ihr gesucht wird, dass Spuren aufgenommen werden und alles getan wird, was in Ihrer Macht steht, um sie zu finden! Ich bezahle Sie mit meinen Steuern, also verlange ich auch, dass Sie mir in meiner Not helfen!“ entgegnet Kraft in aufgebrachtem Ton.
„Wie alt ist denn Ihre Tochter?“
„Vorgestern 18 geworden, hier ist ein aktuelles Foto von ihr.“ Er reicht die Aufnahme über den Schreibtisch. Kunz nimmt das Foto entgegen und bestaunt die Schönheit des Mädchens. Er legt es zur Seite und denkt kurz nach.
„Der Beamte am Counter hat Recht, zu diesem frühen Zeitpunkt und ohne einen begründeten Anfangsverdacht auf ein Verbrechen oder eine mögliche Entführung können wir noch nichts unternehmen. Ich würde vorschlagen, wir warten erst einmal noch einen Tag ab. Vielleicht kommt sie ja inzwischen wieder nach Hause und die Sache hat sich erledigt.“
In Kraft kocht schon der nächste Wutausbruch hoch, doch der Revierleiter hebt beschwichtigend die Hände. Er weiß, wer da vor ihm sitzt und welche Macht der Mann hat. Er ist per Du mit der meisten Polit-Prominenz auf Landesebene und auch mit dem Polizeipräsidenten. Dieser Mann kann seine Karriere ein paar Jahre vor seinem Ruhestand in Schutt und Asche legen. Jetzt ist Deeskalation angesagt.
„In der Zwischenzeit können wir allerdings die Augen offen halten. Ich werde dieses Foto unseren Streifenpolizisten zur Kenntnis geben. Ein Mädchen wie Ihre Tochter wird nicht unauffällig in der Menge verschwinden. Wir werden die Krankenhäuser abtelefonieren und uns auf eine mögliche Fahndung vorbereiten. Aber offiziell müssen wir vorerst die Füße stillhalten. Sie können inzwischen mit Ihrer Familie sämtliche Freundinnen und Bekannte kontaktieren, ob die irgendetwas wissen. Und bleiben Sie auf jeden Fall über alle verfügbaren Kanäle wie E-Mail, Telefon, Messengerdienste, Briefpost, Fax und was auch immer Sie haben, erreichbar. Falls es sich, was wir natürlich nicht hoffen, um eine Entführung mit Erpressungsabsicht handelt, sollten die Entführer ihre Forderungen stellen können. Was ist mit ihrem Handy, haben Sie versucht, Ihre Tochter zu erreichen? Ist auf dem Handy vielleicht eine Ortungs-App installiert?“
„Das Handy liegt ausgeschaltet auf ihrem Nachttisch. Von uns kennt keiner die Zugangsdaten, also konnten wir es noch nicht einschalten. Vielleicht haben Sie Spezialisten dafür? Wäre ja interessant, mit wem sie in letzter Zeit so Kontakt hatte. Das könnte uns auf eine Fährte führen.“
„Ja, das wäre auf jeden Fall interessant. Wenn der Verbleib Ihrer Tochter morgen früh immer noch nicht geklärt ist, sollten wir diese Möglichkeit mit in Betracht ziehen.“
„Ok, das ist ja schon erstmal ein Anfang. Sie halten mich bitte mit jeder neuen Entwicklung auf dem Laufenden und ich werde Ihnen die Ergebnisse unserer Recherchen mitteilen und Ihnen gegebenenfalls morgen früh das Handy übergeben“, sagt Kraft etwas versöhnlicher und sichtlich erleichtert. Sie schütteln die Hände und Kraft verlässt das Revier, ohne dem Beamten am Counter auch nur eines Blickes zu würdigen.
***
Im Hause Kraft ist man ratlos. Mutter Kathrin und Tochter Milli versuchen, die Freundinnen und Bekannten von Julia zu kontaktieren. Aber wie sollen sie das machen? Julia hatte alle Kontakte auf ihrem Handy gespeichert. Und das Handy ist und bleibt stumm. Auch an die Backups in der Apple-Cloud kommen sie nicht ran. Facebook und die ganzen anderen sozialen Netzwerke sind alle passwortgeschützt. Und Julia hat ihre Passwörter nirgends hinterlegt. Den Laptop haben sie schon durchsucht, von dem wusste Milli die Zugangsdaten. Aber bis auf ein paar nutzlose Kontakte im E-Mail-Programm Fehlanzeige. Jegliche Konversation läuft bei der Jugend heutzutage einzig und allein über das verdammte Handy. Im Browser ist die Chronik gelöscht, so dass sie nicht einmal mehr nachvollziehen können, welche Webseiten Julia in letzter Zeit aufgerufen hat. Die beiden brechen in ihrer Hilflosigkeit wieder in Tränen aus. Das kann doch alles nicht wahr sein! Eigentlich wollten sie jetzt gerade mit Julia zusammen den Partykeller schmücken!
„Milli, denk nach! Wer fällt dir noch so ein?“
„Ich weiß auch nicht, sie war in letzter Zeit so verschlossen. Klar, die Bandmitglieder, aber da habe ich keine Kontaktdaten, die kenn ich ja nicht mal alle mit Namen. Außer Ric, den kennst du ja auch, der war doch schon paarmal mit hier. Aber da habe ich keine Nummer. Sie hat eben ihr eigenes Leben geführt. Und Freundinnen hatte sie viele, aber keine so richtig engen, denen man etwas anvertrauen kann. Sie hat halt viel fürs Abi gelernt und Musik gemacht. Draußen unterwegs war sie eigentlich selten.“
„Ich weiß. Sie war in letzter Zeit wirklich nicht sie selbst. Ich habe das auf den Prüfungsstress geschoben und habe gehofft, dass sich das alles wieder gibt, wenn die Prüfungen durch sind. Aber seit sie das Abi in der Tasche hat, ist sie noch verschlossener. Ich hätte sollen mehr auf sie eingehen, ihr Vertrauen zurückgewinnen, aber seit wir ihr verboten haben, dass sie nach dem Abi erstmal ein Jahr Auszeit nimmt und die Welt bereist, ist unser Verhältnis wie der Ritt auf einem Pulverfass gewesen.“ Tränen fließen über ihre Wangen. Sie vergräbt das Gesicht in ihre Hände und weint leise vor sich hin.
Milli ist das Ganze unangenehm. Sie weiß mit der Situation nicht umzugehen. So hat sie ihre Mutter noch nie erlebt. Eigentlich war sie immer der Fels in der Brandung, für sie war das Glas immer halb voll statt halb leer und sie hat in jeder noch so brenzlichen Lage ihrer Umwelt Mut und Zuversicht gespendet. Und jetzt? Klar, macht sie sich auch Sorgen um Julia, sie liebt ihre große Schwester abgöttisch, obwohl oder vielleicht auch gerade, weil sie so verschieden sind. Schulisch reicht sie nicht an ihre Schwester heran, obwohl sie auch ganz gut ist. Sie kann auch nicht Klavier spielen wie Julia. Sie hat es versucht, aber es fehlte ihr jegliche Begabung für Musik, und selbst ihre Eltern mussten einsehen, dass ihr Talent in dieser Beziehung endlich ist. Sie ist eher diejenige, die auf Bäume klettert, ihre Zeit bei den Pferden oder im Schwimmbad verbringt, mit dem Fahrrad unterwegs ist oder mit den Freundinnen um die Ecken zieht und sich körperlich auspowert. Halt das ganze Gegenteil von Julia, für die das einzige sportliche Ereignis der monatliche Eisprung ist.
Und jetzt wird sie mit so einer Situation konfrontiert, die sie aus ihrer wohlbehüteten Kinderstube in die bittere Realität der Welt da draußen zerren könnte. Nein, sie ist mit ihren fast 16 Jahren noch nicht bereit dafür. Sie weiß zwar schon, was Liebeskummer ist und hat auch gerade damit zu kämpfen, aber mehr auch nicht. In ihrem Leben musste sie sich bis jetzt um nichts Sorgen machen und sie hatte die naive Illusion, dass das auch so weitergehen würde. Nun steht sie da, desillusioniert, traurig und voller Angst um ihre Schwester. Sie könnte jetzt eine tröstende Umarmung gebrauchen, nicht von ihrer Mutter, die hat gerade selber keinen Trost übrig. Aber von Ric, dem Bassisten der Band, von dem würde sie sich gerne trösten lassen. Oh, in den ist sie total verschossen. Der ist sooo süß! Aber der hat ja nur Augen für Julia. Für den ist sie bloß die kleine Schwester! Traurig schleicht sie sich aus dem Zimmer und wirft sich heulend auf ihr Bett.
***
Der Anruf kommt zur Zeit des Abendessens. Im Hause Kraft hat man keinen Hunger. Es ist auch nichts aufgetragen. Andreas Kraft ist noch in der Firmenzentrale und Kathrin und Milli verzichten auf das Essen, es hätte eh nicht geschmeckt, obwohl es noch leckere Reste von der Geburtstagsfeier von vor zwei Tagen gegeben hätte. Kathrin Kraft eilt hoffnungsvoll zum Telefon und meldet sich. Es ist das Polizeirevier. Man hätte elbabwärts bei Meißen einen Rucksack aus dem Wasser gefischt. Der war im Ufergestrüpp hängen geblieben und ein Angler hat ihn gefunden und einem vorbeifahrenden Streifenwagen übergeben. In dem Rucksack sei unter anderem eine Mädchenjacke. Sie sollen auf die Wache kommen und die Jacke ansehen, ob es vielleicht die von Julia ist. Kathrin Kraft legt auf, ruft ihren Mann an und gibt die Neuigkeiten weiter. Sie verabreden sich vor der Wache. Dann braust sie mit ihrem kleinen roten Audi Cabrio los. Milli sitzt auf dem Beifahrersitz, und ihre Augen sind weit aufgerissen vor Angst. So ist ihre Mutter noch nie gefahren. Was das Auto mit seinen 180 Pferdestärken und der sich um diese Abendstunde beruhigende Verkehr hergeben, wird genommen. Tempolimit, Überholverbot, rote Ampeln und Fußgängerüberwege gibt es für sie an diesem Abend nicht. Sie sieht nicht den Ampelblitzer, der sie mit rotem Blitz auf seinem Speicher für die weitere Auswertung durch die Bußgeldstelle verewigt. Sie sieht nicht den fluchenden Radfahrer, der gerade noch so im Sattel bleibt und auch nicht die alte Frau, die eben auf dem Zebrastreifen die Straße überqueren will und von der verrückten Audifahrerin den Stock weggerissen bekommt. Milli sieht das alles und krallt sich nur noch fest.
Die Eltern kommen gleichzeitig am Polizeirevier an. Kaum dass sie ihre Autos verschlossen haben, stürmen sie die Stufen zum Eingang hinauf. Milli kann gerade so mithalten.
„Wo?“, fragt Andreas Kraft atemlos.
Der Mann am Counter ist jetzt ein anderer. Er kennt natürlich die Vorgeschichte mit diesem Mann und seinem Vorgänger. Auf so einem Revier bleibt nichts, aber auch gar nichts geheim. Alles, was sich hier außerhalb der Norm abspielt, wird bei der Schichtübergabe mit den Kollegen geteilt, die das Spektakel verpasst haben. Alles wird noch ein wenig bunter ausgeschmückt und entsprechend kommentiert. So weiß der Beamte, dass er bei seinem Gegenüber vorsichtig sein muss und ruft einen Kollegen herbei, der die Familie zu den Fundstücken führen soll. Außerdem ruft er Dieter Kunz, den Revierleiter, dazu. Wenn das Geierküken die Sache persönlich übernimmt, dann sind sie raus aus der Verantwortung.
Polizeihauptkommissar Kunz wartet hinter dem Edelstahltisch, auf dem der Rucksack und sein Inhalt zum Trocknen ausgebreitet sind. Kathrin Kraft sieht die Jacke und hält sich am Türrahmen fest. Sie fürchtet, in Ohnmacht zu fallen. Der begleitende Beamte hält schon mal für diesen Fall einen Stuhl bereit. Aber der Schwächeanfall dauert nur ein paar Sekunden, dann hat sie sich wieder gefangen. Milli ist inzwischen bis zum Tisch vorgedrungen und sichtet die ausgebreiteten Sachen. Die Jacke ist definitiv die ihrer Schwester. Die hatte sie an, als sie am Tag vor ihrem Geburtstag das Haus für die Bandprobe verlassen hat. Daran kann sie sich ganz genau erinnern. Das sagt sie auch so dem Revierleiter, der die Aussage in sein kleines Notizbuch schreibt. Dann liegt da noch ein Portemonnaie. Ausgeleert und zum Trocknen aufgeschlagen. Daneben ein Ausweis. Ihr stockt der Atem, als sie das Passbild sieht. Ric! Auch die Krankenversicherungskarte zeigt sein Gesicht, genauso wie sein Führerschein. Milli lässt sich erstmal nichts anmerken, aber sie prägt sich die Adresse von Ric genau ein.
Neben den ganzen Plastikkarten liegt ein weißer Briefumschlag und daneben ein ausgebreiteter Bogen Briefpapier. Blaue, verschwommene Tintenreste zeugen davon, dass das Briefpapier und der Umschlag einst beschrieben waren. Wahrscheinlich mit Tinte, nicht mit Kugelschreiber. Von Worten und Buchstaben ist nichts mehr zu erkennen. Der Inhalt hat sich im Elbwasser aufgelöst.
Sie dreht sich zu ihren Eltern um. Ihre Mutter ist leichenblass und es fehlt nicht mehr viel zu einer Ohnmacht. Das Gesicht ihres Vaters ist wie in Stein gemeißelt. Die Zähne aufeinandergepresst, starrt er regungslos auf die Fundstücke. Auch er hat das Gesicht auf dem Ausweis erkannt.
„Was ist mit dem?“, fragt er tonlos und zeigt auf die Ausweise.
„Kommen Sie bitte mit in mein Büro, allein!“ Kunz wendet sich seinem Kollegen zu: „Kümmerst du dich bitte inzwischen um die Damen?“
Der Beamte spricht die Damen an: „Wenn Sie bitte mitkommen möchten? Kann ich Ihnen etwas zu trinken bringen? Ein Wasser, Kaffee, Tee?“
Seine Frage wird dankend abgelehnt, den beiden ist nach gar nichts. Ihnen ist beim Anblick der Fundstücke so schlecht geworden, dass sie froh sind, nichts zum Abend gegessen zu haben.
Derweil sitzt Andreas Kraft wieder auf dem unbequemen Stuhl im Zimmer des Revierleiters. Erwartungsvoll blickt er diesen an.
„Ich dürfte Ihnen das eigentlich nicht sagen und wenn das rauskommt, bin ich geliefert“, druckst er herum.
„Was hat dieser Raster damit zu tun?“
„Sie kennen ihn?“ Kunz ist erstaunt.
„Ja, er ist in der Band, in der auch meine Tochter spielt. Sie hat ihn ein paarmal mit nach Hause gebracht, um an unserem Flügel mit ihm zu proben. Dieser Prolet!“
„Sie mögen ihn nicht?“
„Er passt einfach nicht zu meiner Tochter. Was hat er mit der Sache zu tun?“
„Zwei berittene Polizisten haben ihn heute Morgen schlafend auf einer Bank am Elbufer gefunden. Er war völlig, na wie soll ich es ausdrücken, daneben, desorientiert. Er hat nach seinem Rucksack, nach einer Julia und nach seinem Moped gefragt. Nichts davon war mehr in der Nähe. Wir gehen davon aus, dass er gestern Abend mit ihrer Tochter dort gewesen ist. Er kann sich aber angeblich an nichts mehr erinnern, so sagte er es jedenfalls unserer Streife gegenüber.“
„Haben Sie ihn schon festgenommen?“
„Nein, das Auffinden des Rucksacks reicht noch nicht für eine Festnahme. Wir holen ihn morgen früh zur Befragung, dann werden wir weitersehen.“
Der Vater nickt und steht langsam auf. Er reicht dem Revierleiter die Hand.
„Vielen Dank für die schnelle Arbeit und für die Informationen. Bitte halten Sie mich weiter auf dem Laufenden. Übrigens, das Kontaktieren von Julias Freundinnen hat sich als äußerst schwierig herausgestellt, weil sie alle Kontakte auf dem gesperrten Handy hat. Wir müssen das Handy ganz dringend knacken.“
„Bitte bringen Sie das Handy und etwas DNA, ein Kamm mit ihren Haaren drin würde uns reichen, morgen früh auf die Wache. Ich denke, wenn wir diesen Herrn Raster geholt haben, können wir ernsthaft loslegen. Schönen Abend noch, trotz alledem!“
***
Die Rückfahrt zum Familiensitz im Audi Cabrio ist schweigsam. Jede hängt ihren Gedanken nach und keine will etwas sagen, was die andere noch mehr entmutigen könnte. Immerhin gelten jetzt wieder Verkehrsregeln, aber Kathrin Kraft fährt wie ferngesteuert. Ein Wunder, dass sie ohne Zwischenfälle zu Hause ankommen. Andreas Kraft fährt hinter seiner Frau her und hat seine eigenen, düsteren Gedanken.
Sie betreten das Haus und treffen sich im Wohnzimmer. Andreas Kraft gießt sich einen Whisky ein, Kathrin heute ausnahmsweise zur Beruhigung einen Rotwein aus einer offenen Flasche vom Geburtstag und selbst Milli bekommt ein Glas davon. Der Wein ist abgestanden und schmeckt schal, aber sie schmecken sowieso nichts. Ihre Gedanken sind bei Julia und ihrem Schicksal, was sich jeder von ihnen auf unterschiedliche Art und Weise ausmalt, aber keiner offen ausspricht.
„Dieser Ric! Für mich ist der die Schlüsselfigur zu alledem! Wenn die Polizei ihn morgen früh holt, dann werden sie nichts aus ihm rauskriegen. Er wird einfach die Klappe halten. Sie werden ihn in U-Haft stecken und dann irgendwann aus Mangel an Beweisen wieder freilassen. Man müsste die Wahrheit aus ihm rausprügeln. Schade, dass Folter in Deutschland verboten ist, der würde schon singen!“ In Andreas Kraft steigt schon wieder die Wut hoch, aber es ist diesmal eine ohnmächtige Wut, die sich nach innen kehrt. Er hat hier die Kontrolle über die Dinge verloren und das frustriert ihn. Das kann er gar nicht ab! Stöhnend schenkt er sich nach.
Seine Frau Kathrin denkt über seine Worte nach. Eigentlich war Ric immer ein lustiger, sympathischer Freund von Julia. Es wundert sie, dass aus den beiden nicht mehr geworden ist. Hat er wirklich mit der Sache was zu tun? Warum ist Julias Jacke in seinem Rucksack und warum ist der Rucksack im Wasser gelandet? Vielleicht bringt der morgige Tag einiges an Aufklärung.
Keiner der beiden hat bemerkt, wie Milli sich leise aus dem Wohnzimmer geschlichen und in ihrem Zimmer den Laptop hochgefahren hat. Sie drückt ein paar Tasten, schreibt ein paar Zeilen und verweilt mit dem Mauszeiger über dem „Senden“-Button. Sie denkt an Ric. Ihre Zuneigung zu ihm hat sich ins Gegenteil gekehrt. Der Hass der Verschmähten. So ein Verräter! Bestimmt hat er Julia angemacht und sie hat sich gewehrt. War ja nicht zu übersehen, wie er sie angehimmelt hat! Sie denkt an die Worte ihres Vaters: Man müsste die Wahrheit aus ihm rausprügeln. Ja, das ist die letzte Chance, bevor er von den Bullen geholt wird. Sie drückt den Button und klappt den Laptop zu.
***
Knapp zwei Stunden später und einige Kilometer von der Familienresidenz der Krafts entfernt, wird auch ein Laptop zugeklappt. Rico Raster, von seinen Freunden auch Ric genannt, hat seine Arbeit für heute beendet. Er wohnt in einem Vorort von Dresden, in einem Mehrfamilienhaus in einer kleinen Ein-Zimmer-Erdgeschosswohnung. Mit ihm wohnen nur alte Leutchen im Haus, teils schon allein, teils noch zu zweit. Er ist der jüngste Mieter hier und die älteren Herrschaften sind froh darüber, dass hier im Haus noch kräftige, junge Hände wohnen. Er hilft ihnen gerne bei allen möglichen Gelegenheiten aus, und sie mögen ihn. Er ist immer zum Scherzen aufgelegt und lacht gerne mit ihnen und manchmal auch über sie. Die Wohnung ist klein und preiswert für Dresdner Verhältnisse. Wohnküche, Bad mit Dusche, Schlafzimmer und Abstellkammer. Mehr braucht er nicht, er weiß, dass diese Wohnung nur ein Übergang ist und stellt keine großen Ansprüche. Das Allerwichtigste, was er braucht, bietet diese Bleibe: einen schnellen DSL-Anschluss. Im Winter kann er im Keller sein Moped unterbringen und sein Auto steht direkt vor dem Haus. Er ist, bis auf einen weiteren Mieter, der Einzige, der hier noch ein Auto hat. Die anderen haben ihre Fahrzeuge schon gegen Hackenporsche und Rollatoren getauscht. Die Straßenbahnhaltestelle ist gleich um die Ecke und selbst mit Rollator gut zu erreichen, genau wie der nächste Supermarkt mit dem Hackenporsche. Tolle, ruhige Lage.
Er hat hier in Dresden Informatik studiert und ist nach seinem erfolgreichen Abschluss im Frühjahr von einer Softwareentwicklungsfirma angeworben worden. Seitdem programmiert er Module für ein großes Bildbearbeitungsprogramm. Ric arbeitet fast nur von zu Hause aus und schickt die Ergebnisse seiner Arbeit auf den Firmenserver. Das ist für beide Seiten bequem. Er muss das Haus nicht verlassen und kann sich den Tag einteilen und die Firma muss ihm kein Büro vorhalten. Die wenigen Präsenztage im Monat beziehen sich meistens auf Teambesprechungen in einem der Besprechungsräume.
Aber heute lief ihm die Arbeit nicht so recht von der Hand. Ständig kreisten seine Gedanken um Julia und den Ereignissen von gestern. Wie konnte er einfach einschlafen? Das ging nicht mit rechten Dingen zu. Es gab für ihn nur eine Möglichkeit: KO-Tropfen. Aber wann hat er die verabreicht bekommen? Das Letzte, was er zu sich genommen hatte, war die Cola von Julia. Waren die da drin? Und wie sind die da reingekommen? Ein Streich? Von Julia, damit sie mit seinem Moped fahren kann? Sie hätte auch fragen können. Julia ist zwar ständig zu irgendwelchen Streichen aufgelegt, aber das ginge sogar für sie zu weit.
Während er noch grübelt, klingelt es an der Wohnungstür. Julia! Endlich! Er rast zur Tür und sieht durch den Türspion. Das Loch wird von einem Finger zugehalten. Wieder so ein Scherz von ihr! Freudig reißt er die Tür auf. Der Schlag trifft ihn mitten ins Gesicht und bricht ihm die Nase. Er kommt nicht einmal dazu, sich die Nase zu halten, da trifft ihn ein Schlag in den Solarplexus, das Magendreieck. Ein unerwarteter Schlag an diesen Punkt setzt jeden außer Gefecht. Man bekommt keine Luft mehr und bricht zusammen. Er fühlt, wie er von mehreren Händen hoch gezerrt wird und wieder prasseln Schläge auf ihn ein. Er fühlt, wie die Schlagringe durch seine Haut dringen, dass Blut sein T-Shirt durchnässt. Stimmen schreien ihn an.
„Wo ist Julia, was hast du mit ihr gemacht, du Schwein!“ Er versucht zu antworten, aber er hat noch keine Luft dazu. Die Gestalten um ihn herum haben alle Masken oder Papiertüten über ihren Köpfen. Er kann nicht zählen, wie viele es sind, aber es könnten so etwa acht bis zehn sein. Eine der Gestalten hat ein Handy in der Hand und filmt die ganze Szene. Er sieht, wie Typen mit Baseballschlägern und Knüppeln seine Wohnung auseinandernehmen, sieht, wie sie seinen Laptop, seine Stereoanlage und den Fernseher zertrümmern. Die Gitarre wird zertreten, sein Bass als Keule benutzt, um auf den Glastisch und die Möbel einzuschlagen. Er ist wehrlos, er wird von mehreren Angreifern festgehalten und an die Wand gedrückt. Wieder die Fragen nach Julia. Atemlos presst er ein „Ich weiß es nicht!“ heraus und wieder wird er geschlagen. Jetzt aber gezielter, mit mehr Wucht. Eine weibliche Stimme ist zu hören:
„Nicht ins Gesicht, er muss noch reden können!“ Es kam von der Gestalt mit dem Handy in der Hand. Die Tortur geht weiter, die Küchenschränke werden ausgeräumt und alles Geschirr auf dem Boden zerschmettert, das Sofa und die Kissen werden aufgeschlitzt und der Inhalt herausgerissen und immer wieder wird die Frage nach Julia in sein schmerzendes, blutendes Gesicht gebrüllt. Er beteuert, dass er es wirklich nicht weiß. Für seine Peiniger ist die Antwort unbefriedigend. Jetzt zerren sie ihn auf die Straße. Er muss zusehen, wie sein kleiner blauer Flitzer mit dem lustigen Kennzeichen DD-RR 99 mit Baseballschlägern und Pflastersteinen bearbeitet wird. Und wieder die Frage nach Julia. Jetzt kommt Trotz in ihm auf. Er bleibt ihnen die Antwort schuldig. Sie glauben ihm ja doch nicht, also sagt er auch nichts mehr. Im Augenwinkel sieht er, wie ein Molotow-Cocktail angezündet und unter sein Auto geworfen wird. Es geht sofort in Flammen auf. Er wird von den Beinen gerissen, liegt auf dem Bürgersteig und Füße treten auf ihn ein. Die weibliche Stimme ruft noch einmal:
„Nicht auf den Kopf, nicht ins Gesicht!“
Die Sirenen der von seinen Rentnern herbeigerufenen Polizeistreife hört er nicht mehr. Ihn umhüllt die wohltuende Nacht der Bewusstlosigkeit, die ihm die Schmerzen nimmt. Körperlich wie auch seelisch.
So schnell wie der Flashmob sich versammelt hat, verstreut er sich auch wieder. Zurück bleibt nur ein brennendes Auto, eine komplett demolierte Wohnung und ein blutender, bewusstloser Rico Raster auf dem Bürgersteig. Das Ganze hat keine 5 Minuten gedauert.
***
Milena Kraft wälzt sich in ihrem Bett hin und her. Sie findet keinen Schlaf, wie auch!? Nach den Ereignissen, die sie mit dem Klick auf dem „Senden“ Button angeschoben hatte, würde auch jeder Erwachsene Probleme haben, Schlaf zu finden. Sie hat doch nur ihrer Schwester und ihrer Familie helfen wollen. Die Worte ihres Vaters über das Herausprügeln der Wahrheit haben sie auf die Idee gebracht. Mit ihrem Fake-Account für das soziale Netzwerk, den Ric ihr nach ewigen Nerv-Attacken endlich eingerichtet hatte, hat sie einen Flashmob organisiert und instruiert. Das war alles ganz einfach. Dass ihre Eltern erschöpft waren und durch den Alkoholgenuss fest schliefen, kam ihr sehr gelegen. Als sie ihren Vater schnarchen hörte, schlich sie sich aus dem Haus und fuhr mit dem Fahrrad in Richtung Rics Wohnung. Das Fahrrad stellte sie in einer Seitengasse, nicht weit von der Straßenbahnhaltestelle, ab. Sie stülpte sich die vorher präparierte Papiertüte über den Kopf und wartete auf die Bahn. Sie war sehr erstaunt, wie viele User des Netzwerkes um diese Uhrzeit noch online und bereit waren, dabei mitzumachen. 11 Leute stiegen aus der Straßenbahn. Die Jungen und Mädchen waren ungefähr in ihrem Alter. Ihre Gesichter waren mit verschiedensten Masken verdeckt. Einige hatten Scream-Masken auf, ein Frankenstein-Monster war genauso dabei wie eine alte Hexe und manche hatten auch nur Papiertüten mit Löchern für die Augen, wie die ihre. Alle trugen Handschuhe und sie hatten Baseballschläger, Schlagringe, Pflastersteine und Knüppel mit. Einer hatte einen Rucksack dabei, aus dem das Klirren von Flaschen zu hören war. Ihr wurde vom Anblick dieser Horde mulmig. Die sollten Ric nur ein bisschen Angst machen, um das Geständnis aus ihm herauszuholen. Wie die Sache dann eskaliert ist, das übertraf all ihre Vorstellungskraft. Die Kerle waren übelst brutal und schlugen auf Ric ein, die Mädchen machten sich an der Wohnungseinrichtung zu schaffen und ließen kein Stück ganz. So war das nicht geplant gewesen, es war ihr komplett aus den Händen geglitten. Ihr blieb nichts anderes übrig, als mitzumachen. Sie filmte den ganzen Vorgang, so musste sie wenigstens nicht selbst an der Zerstörung mit Hand anlegen. Als sie ihn dann auf die Straße zerrten und sein Auto anzündeten, hatte sie plötzlich Angst um Ric. Sie fürchtete, dass der Mob ihn tot prügeln würde. Als er dann so da lag und die Kerle auf ihn eintraten, tat er ihr plötzlich wieder leid. Hier waren sie eindeutig zu weit gegangen. Die nahenden Sirenen waren wie Musik in ihren Ohren, endlich war es vorbei und der Mob löste sich auf. Auf dem Weg zum Fahrrad lud sie das Video auf die Plattform des Forums hoch, so war es mit den Leuten ausgemacht. Sie wollte das eigentlich nicht, aber als sie sah, zu was die, ohne mit der Wimper zu zucken, fähig waren, hielt sie sich lieber an die Abmachung. Den Fake-Account löschte sie vorsichtshalber auch gleich, so konnte den Aufruf und das Video niemand zu ihr zurückverfolgen.
Auf dem Weg nach Hause kamen ihr der Krankenwagen und die Feuerwehr entgegen. Sie wusste, wo sie hinfahren würden, und ihr wurde plötzlich schlecht. Sie übergab sich in die Tüte, die vorher über ihren Kopf gestülpt war, und warf sie bei nächster Gelegenheit in die Elbe. Was hatte sie nur angerichtet? Ein schwer verletzter Ric, ein brennendes Auto, eine komplett zerlegte Wohnung!
Geholfen hat das alles nichts, Ric blieb stur und beteuerte ständig seine Unschuld. Es war nichts Brauchbares aus ihm herauszuprügeln, egal, wie schlimm die Jungs ihm zusetzten. Vielleicht wusste er wirklich nichts? Dieser Gedanke fährt ihr in die Glieder. Ihr Vater war überzeugt davon, dass dieser Rico Raster etwas mit dem Verschwinden von Julia zu tun hat. Und ihr Vater irrt sich nie, das ist ein Geheimnis seines Erfolgs. Aber was, wenn er sich diesmal doch irrte? Was, wenn Ric wirklich nichts weiß? Dann hatte sie den Flashmob auf einen Unschuldigen gehetzt. Ihr wird wieder schlecht. Nein, das kann und darf nicht sein! Sie dreht sich zur Seite und weint sich leise in den Schlaf.
***
Polizeihauptkommissar Dieter Kunz sitzt mit den anderen Revierleitern in der Morgenrunde, die Häuptlingsrunde, wie er sie ironisch nennt, um die Ereignisse der letzten 24 Stunden zu besprechen und sich zu koordinieren. Er ist mit den Gedanken weit weg. Das Verschwinden von Julia Kraft lenkt ihn von den Berichten seiner Kollegen ab. Plötzlich horcht er auf und mit einem Mal ist er wieder voll dabei.
„Kannst du den Namen bitte noch mal wiederholen?“
„Rico Raster, das Opfer eines Flashmobs heute Nacht, kennst du ihn?“, fragt der Revierleiter der Wache vom Ortsteil Lockwitz, Polizeihauptkommissar Mirko Hammerschmidt.
„Ja, ich habe bei mir das Verschwinden einer Jugendlichen und dieser Raster ist irgendwie darin verwickelt. Ich wollte ihn heute zur Vernehmung holen lassen.“
„Das kannst du dir sparen, der liegt im Krankenhaus und ist noch nicht wieder bei Bewusstsein“, sagt Hammerschmidt.
„Was ist genau passiert?“ Kunz bereut jetzt, dass er nicht bei der Sache gewesen ist und das auch noch zugeben muss. Hammerschmidt und die Kollegen Häuptlinge grinsen und er beginnt, die Ereignisse der Nacht noch einmal zu erklären.
„Also, um 23:46 Uhr hat ein älterer Herr die 112 gewählt und in seinem Haus eine Horde randalierender Jugendlicher gemeldet. Die Leitstelle hat das an unsere Jungs von der Streife weitergeleitet. Kurz darauf ruft der Mann wieder an und verlangt einen Krankenwagen und die Feuerwehr. Die Randalierer hätten einen Mieter seines Hauses zusammengeschlagen und sein Auto angezündet, berichtet er. Als die Kollegen von der Streife am Ort des Geschehens ankamen, fanden sie ein brennendes Auto und einen bewusstlosen jungen Mann auf dem Gehsteig. Von den Tätern war nichts mehr zu sehen. Kurz darauf trafen Feuerwehr und RTW ein. Der Brand wurde gelöscht und der Mann mit ins Krankenhaus genommen. Die Kollegen begannen gleich vor Ort Zeugenaussagen aufzunehmen, aber außer dem älteren Mann, der der direkte Nachbar des Opfers ist, hat keiner etwas mitbekommen. Alle waren schon im Bett und die Schlafzimmer liegen zur Hofseite, so hat keiner was gesehen oder gehört. Die Beamten sahen sich in der völlig zerstörten Wohnung um, ob eventuell noch von aufgedrehten Gas- oder Wasserhähnen oder brennenden Kerzen eine Gefahr ausgehen könnte, verschlossen die Fenster und dann die Wohnung mit dem Schlüssel vom Opfer und versiegelten die Tür. Wir haben den Fall an die Kollegen der Kripo übergeben.“
„Danke für die ausführliche Info! In meinem Revier gibt es eine verschwundene Jugendliche. Das Foto von ihr habe ich euch gestern zugemailt, um es an die Streifen herauszugeben. Das ist die Tochter des Millionärs Andreas Kraft, wer kennt ihn nicht!“ Er verdreht die Augen. „Ich brauche also nicht extra zu betonen, welche Brisanz der Fall hat. Er könnte sich vom Dummejungenstreich über Entführung bis Mord in jede Richtung entwickeln. Dieser Raster hatte die Jacke der Verschwundenen in seinem Rucksack, den man aus der Elbe gefischt hat. Und jetzt liegt er im Krankenhaus, das kann doch kein Zufall sein!“
„Na ja, dann brauchen wir wenigstens keine Rasterfahndung einzuleiten!“ scherzt einer der Häuptlinge und erntet für sein Wortspiel hier und da ein verhaltenes Grinsen.
„Jetzt mal im Ernst, wir sollten auf jeden Fall die Kripo darüber informieren. Die können dann entscheiden, ob die Fälle zusammenhängen oder auch nicht“, meint Hammerschmidt. „Wenn es nichts Weiteres mehr zu besprechen gibt, dann würde ich sagen: Ran an die Arbeit! Ich wünsche allen einen ruhigen Dienst!“
Die Häuptlingsrunde löst sich auf. Kunz kehrt zu seiner Wache zurück, nimmt die aktuellen Meldungen vom Counter entgegen und zieht sich in sein Dienstzimmer zurück. Dort überfliegt er, wie jeden Morgen, die Tageszeitung. Auf Seite eins findet er das Foto von Julia Kraft mit einem Bericht und der Bitte, sich an die nächste Polizeidienststelle zu wenden, falls man dazu etwas zu sagen hat. Kunz ist verärgert, er wollte das Foto heute Vormittag über die Pressestelle der Polizei an die Zeitungen weitergeben. Jetzt ist ihm dieser Millionär mit seinen weitreichenden Beziehungen zuvorgekommen. Er blättert weiter und stoppt beim Lokalteil. Das Foto eines brennenden Pkw und die reißerische Überschrift „Wie sicher sind wir noch in Dresden?“ Ein kurzer Bericht dazu, von einem ahnungslosen Reporter geschrieben, der außer dem Foto nichts zu berichten hatte, sondern nur Mutmaßungen äußert und die Leser in Angst und Schrecken versetzen will. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.
„Typisch Pressefuzzies! Die wollen sich doch nur profilieren! Hören die Glocken läuten, bevor sie überhaupt zusammenschlagen“, murmelt er ärgerlich. Sein Telefon klingelt, er hebt ab. Es ist der Beamte am Counter. „Herr Kraft wäre jetzt da“, sagt er.
„Ich komme!“
Dieter Kunz öffnet seine Tür und Andreas Kraft ist schon auf dem Weg zu ihm. Die Männer begrüßen sich und wieder darf Kraft auf dem unbequemen Stuhl sitzen.
„Ich habe das Handy mitgebracht. Wir haben erfolglos versucht, es zu entsperren, jetzt ist es ganz gesperrt. Auf dem Laptop haben wir auch nichts gefunden, es ist zum Verzweifeln!“
„Ok, danke erstmal. Wir werden das Handy und die gefundenen Sachen gleich der KTU übergeben, mal sehen, was die da machen können. In der Zwischenzeit bleibt Ihnen nur, zu warten und erreichbar zu sein. Wir übergeben den Fall zuständigkeitshalber an die Kollegen der Kriminalpolizei. Die werden sich gegebenenfalls mit weiteren Fragen an Sie und Ihre Familie wenden. Ich wünsche Ihnen alles Gute und dass Ihre Tochter Julia gesund wieder bei Ihnen auftaucht.“
