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Wem gehört die Stadt?
Als die Sozialwohnung verkauft wird, in der er mit seiner Mutter lebt, weiß Olli Leber, was das zu bedeuten hat: Menschen wie er haben kein Recht mehr auf ein Leben im Zentrum Berlins. Doch der junge Bauarbeiter will sich nicht stillschweigend entsorgen lassen und bläst zum Gegenangriff.
In Amelie Warlimont findet Olli eine unverhoffte Mitstreiterin, denn die bekannte Journalistin hat alte Rechnungen zu begleichen und ihre eigenen Gründe, sich von der Stadt verraten zu fühlen. Gemeinsam ziehen die beiden in einen Kampf um Gerechtigkeit. Ein Kampf, der immer mehr außer Kontrolle gerät.
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Seitenzahl: 694
Veröffentlichungsjahr: 2021
Zum Buch
Die Eltern des jungen Bauarbeiters Olli Leber haben einen langen Abstieg hinter sich. Jedes Mal, wenn ihr Berliner Kiez schicker und teurer wurde, mussten sie umziehen. Und nun, da auch ihre vermeintlich sichere Sozialwohnung von einem großen Immobilienkonzern übernommen wird, droht der endgültige Rausschmiss aus der Stadt.
Die Journalistin Amelie Warlimont gehört zu jener wohlhabenden Schicht, von der die Lebers verdrängt werden. Mitte dreißig, mit zwei kleinen Kindern, leidet Amelie jedoch immer mehr an der Enge in ihrer Ehe. Während der Recherche für einen Artikel über Gentrifizierung trifft sie auf Olli Leber und fängt Feuer.
Olli und Amelie verbünden sich, um für den Immobilienboom und die damit einhergehende soziale Säuberung Vergeltung zu üben. Dabei gerät ihnen Falk Hagen ins Visier, ein Mann von wölfischem Charme, der als Berliner Finanzsenator die Sozialwohnungen der Stadt verscherbelt hat und heute Millionen mit einer Maklerfirma verdient …
In "Räuber" beschreibt Eva Ladipo, wie die Spaltung in Arm und Reich immer mehr das Leben der Menschen bestimmt. Ein großer Gesellschaftsroman über die wachsende Ungleichheit und den Kampf um Würde, Stolz – und Wohnraum.
Zur Autorin
Eva Ladipo, geboren 1974, studierte in Cambridge Politische Wissenschaften und wurde mit einer Arbeit über das russische Steuersystem promoviert. Sie begann als Journalistin bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und arbeitete zuletzt für die Financial Times und Die Welt. Sie lebte längere Zeit in Bogota, Hamburg und Berlin und wohnt jetzt mit ihrem Mann und zwei Kindern in London. 2015 veröffentlichte sie ihren viel beachteten ersten Roman Wende.
EVA LADIPO
RÄUBER
Roman
Blessing
»Schläfst du?«, flüsterte sie. Ihr blieb nicht viel Zeit, bald wurde es hell. Sobald das Baby aufwachte, musste sie aufbrechen, um den Plan umzusetzen, den sie in der zurückliegenden Nacht entwickelt hatten. Weil er nicht reagierte, versuchte sie es noch einmal. »Olli?«
Er zuckte.
»Bist du wach?« Sie strich ihm über den verschwitzten Kopf. Es hatte noch immer etwas Unwirkliches, diesen Fremden, der auf ihr lag, überhaupt anzureden. Sie sprach den Namen behutsam aus, wie eine Zauberformel, als sei er der Schlüssel zu dem ganzen Wahnsinn. Als müsste sie die zwei Silben nur richtig betonen, um das Rätsel der vergangenen Wochen zu lösen und zu begreifen, was sie zu tun imstande war. »Olli.«
Er rollte zur Seite und landete halb auf dem Boden. Die fleckige Matratze war zu schmal, als dass sie nebeneinander Platz fanden. Vom Liebesspiel benommen und doch aufnahmefähiger als zuvor, sah er sie an, das Gesicht auf die Hand gestützt. Auch er hatte das Bedürfnis, die gemeinsame Legende wiederaufzunehmen und weiterzuspinnen und sich gegenseitig zu versichern, dass sie das Richtige taten. Wenn sie sich die Dinge so zurechtlegten, dass sie auf der Seite des Guten und Gerechten standen, dass sie für die Armen und gegen die Reichen kämpften, dann legte das ein Ende nahe, in dem der Plan gegen alle Wahrscheinlichkeit aufging. David hatte Goliath am Ende schließlich auch bezwungen.
»Weißt du, was ich glaube?« Ihr Blick war nach oben gerichtet. Dort, wo einmal die Lampe angebracht war, hing jetzt ein Knoten aus dünnen Kabeln von der vergilbten Decke. Während er wartete, dass sie weitersprach, folgte er ihrem Blick. Er sah genauer hin und stellte fest, dass der Nullleiter fehlte. Es war ein uralter Elektroanschluss. Die ungeschützten Kabeladern waren nicht einmal richtig abgeklemmt.
»Ich glaube, dass es viel mehr perfekte Verbrechen gibt, als man denkt.«
»Was?«
»Dabei werden keine Spuren hinterlassen. Perfekte Verbrechen werden nicht nur nicht aufgeklärt, sondern sie werden nicht einmal bemerkt. Wahrscheinlich wird jeden Tag eine Unzahl an Straftaten begangen, von denen niemand etwas mitbekommt.«
»Außer den Opfern.«
»In vielen Fällen begreift nicht einmal das Opfer, was passiert.«
Er stieß die Luft aus. »In unserem schon.«
»Das stimmt. In unserem Fall können wir das Opfer leider nicht verschonen.« Sie legte eine kurze Gedenkpause ein. »Aber ich meine jetzt allgemein. Wenn es ständig überall passiert und es nur keiner merkt – dann ist das, was wir vorhaben, gar nicht so außergewöhnlich. Ich finde das beruhigend. Denn wenn andere das schaffen, dann schaffen wir das auch. Verstehst du?«
Er streckte sich behaglich neben ihr aus. Allein ihre Stimme wirkte erbauend. Ihr Zuspruch war wie ein Zaubertrank, mit dem er das nötige Maß an Größenwahnsinn in sich aufnahm, das er brauchte, um dem Schicksal die Stirn zu bieten.
»Siehst du die Kabel da oben?«, fragte er.
»Ja.«
»Die haben keine Schutzisolierung. Da reicht ein einziger Funke, und das ganze Haus steht in Flammen.« In seiner Stimme schwang Genugtuung mit, denn jede Fahrlässigkeit dieser Art war ein weiterer Beweis dafür, wie antastbar die Würde des Menschen geworden war, und rechtfertigte ihr Vorhaben. »Wahrscheinlich wäre ihnen das gar nicht mal so unrecht. Dann könnten sie sich die Abrissbirne sparen und sich auf höhere Gewalt berufen, um uns loszuwerden. Und niemand würde dahinterkommen.«
»Stimmt. Von Leuten wie euch hätten sie nichts zu befürchten.«
»Denn Leute wie wir wehren sich nicht«, spann er den Faden leise weiter. »Leute wie wir ziehen nicht vor Gericht. Wir wissen nicht einmal, wie das geht. Leute wie wir lassen sich einfach rausschmeißen.«
Sie drehte sich zu ihm und starrte auf das wenige, das von ihm aus dieser Nähe zu erkennen war. »Nur du nicht«, flüsterte sie. »Du wehrst dich. Du lässt nicht zu, dass sie euch entsorgen.«
Als seien sie seine Zeugen, ließ er die feuergefährlichen Drähte nicht aus den Augen.
Ihre Ermutigung tat so gut wie der körperliche Akt. Er konnte nicht genug davon bekommen. Er wollte es wieder und wieder und wieder hören. »Meinst du?«
»Was wäre denn die Alternative?« Sie lag auf dem Rücken und redete mit der Decke. »Die Alternative wäre, dass du dich geschlagen gibst. Dass du brav beiseitetrittst und Platz machst. Das wäre die Alternative. Und danach müsstest du mit der Schande weiterleben, nichts getan zu haben.«
»Alle anderen tun doch auch nichts.«
Sie wusste so gut wie er, dass er nur widersprach, damit sie nicht verstummte. »Deshalb fangen sie dann auch an, sich zu betäuben und zu saufen und um sich zu schlagen und AfD zu wählen. Du nicht.«
»Sondern?«
»Was du stattdessen machst?«
Er nickte.
»Na ja, du landest auf keinen Fall im Gefängnis, weil es ja nicht auffliegt. Die Sache klappt, und du bist ein gemachter Mann, der sämtliche Kabelanschlüsse in seinem Haus erneuern kann.«
»Das ist alles?«
»Was willst du denn noch?«
Er atmete aus. »Weiß nicht.«
Sie stützte sich auf den Ellenbogen, wobei das Laken ihre Brüste mit den erweiterten Brustwarzen freigab. »Ab und zu kannst du noch an die schwäbische Hausfrau denken, die sich für dich zur Gangsterbraut gemacht hat.«
Er lachte leise, ohne die Einladung, sie zu berühren und erneut die Welt zu vergessen, anzunehmen. Das hob er sich auf. Vorerst sah er sie nur an, so unbeirrt und schamlos, wie es nur Kinder und Verliebte können, und fragte: »Warum eigentlich?«
»Warum was?«
»Warum steigst du nicht aus und bringst dich in Sicherheit?«
»Das habe ich dir doch schon so oft erklärt.«
Es stimmte. Er stellte die Frage in immer neuen Varianten, weil er sie noch immer nicht verstand. Ihn selbst trieb der Mut der Verzweiflung. Doch was trieb sie? Sie besaß alles – alles –, was man sich wünschen konnte. Er hatte oft genug beobachtet, wie unbeschwert sie war, egal, in welcher Umgebung. Sie sah gut aus, konnte reden, besaß Geld. Obwohl sie zweifache Mutter war, wirkte sie unbekümmerter als die meisten Frauen seines Alters. Warum setzte man so ein Leben aufs Spiel? Nur weil ihr Ehemann ein paar Monate lang fremdgegangen war? Wenn sie davon anfing – was sie dankenswerterweise selten tat –, meinte er, sie machte Witze.
»Du weißt doch, dass ich noch eine Rechnung mit ihm offen habe.«
»Mit deinem Mann?«
»Nein, nicht mit Stefan.« Der Tonfall entrüstet, als wäre ihr der Gedanke nie gekommen. »Ich meine mit Falk.«
Falk Hagen war das Opfer. Der Mann, der sich anbot, jenes Unrecht zu sühnen, das er als Senator über die Stadt gebracht hatte. Eigentlich war es reiner Zufall, dass die Wahl auf ihn gefallen war. Er war zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen, oder zur falschen Zeit am falschen Ort, je nach Perspektive. Doch seit sie ihn auserkoren hatten, arbeiteten sie daran, diesem Schlenker des Schicksals eine unbedingte Logik zu verleihen und ihn umzudeuten in Absicht und Vorsatz.
»Falk Hagen schuldet mir mindestens zwei Monate meines Lebens. Und in meinem Alter« – sie küsste ihn dicht unters Ohr, wobei ihr schwerer Busen seinen Arm streifte – »in meinem Alter zählt so was.«
Seine Finger spreizten sich, er spürte die wiederkehrende Begierde. Viel länger würde er nicht widerstehen können. Doch er hielt sich im Zaum, denn er wollte mehr erfahren. »Sag mal, wie findest du den eigentlich? Als Mensch, meine ich.«
»Den Ex-Senator?«
»Das ist kein Arschloch, oder?«
»Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Im Gegenteil. Der ist umgänglich und nett. Richtig herzlich. Den kann man wahrscheinlich nicht einmal nicht leiden, wenn man es will.«
»Im Ernst?«
»Aber darin ist er keine Ausnahme.« Sie griff nach seiner Hand, die auf ihrer Hüfte lag, und verschränkte ihre Finger mit seinen. Auch sie hatte Buße zu tun. Es war nicht die Politik allein, die für die Verschiebung der Verhältnisse sorgte, dafür, dass die Balance verloren ging, weil die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher wurden. Sie war selbst mitverantwortlich. Als Journalistin hatte sie gemeinsam mit der überwältigenden Mehrheit der Kollegen versagt. Sie hatte nicht aufgepasst. Sie war zu bequem gewesen, um genau hinzusehen. Die Dinge hatten sich vor ihren Augen verändert, jedes Jahr ein bisschen, ohne dass sie es gemerkt hatte. Sie war abgelenkt gewesen von immer neuen Sensationen und anderen Nebensächlichkeiten. Und selbst wenn sie zufällig ein paar Puzzleteile erwischt hatte, war sie nicht in der Lage gewesen, sie ins Gesamtbild einzufügen. »Ich glaube, dass die wenigsten Politiker, die so großen Schaden anrichten wie er, unangenehm sind. Die meisten sind total sympathisch. Wenn sie Arschlöcher wären, würde man sie nicht gewähren lassen. Dann würde ihnen niemand derart auf den Leim gehen.«
»Hm.«
»Ich glaube sogar, dass es eine Art trauriges Gesetz gibt.« Sie dachte nach. »Ein Gesetz, nach dem die Bösen einen entscheidenden Vorteil haben. Zumindest in der Politik ist das so. Denn Politiker, die der gerechten Sache dienen, sind oft überheblich. Die meisten von ihnen sind unangenehme Gutmenschen. Arrogante Langweiler, die alles besser wissen, weil sie es ja wirklich besser wissen. Ihre Gegner dagegen, die Schlechtes im Sinn haben, müssen sich mehr Mühe geben. Sie können die Wahrheit nicht für sich sprechen lassen. Auch um die eigenen Zweifel zu unterdrücken, strengen sie sich furchtbar an. Die Erfolgreichen sind begnadete Menschenfänger. Sie sind viel besser als die Guten, viel unterhaltsamer und sympathischer.«
»Und so einer ist der Falk?«
»Genau so einer.«
Er blies die Backen auf. Das machte seinen Kampf gegen das System am äußersten südöstlichen Rand von Pankow nicht einfacher. »Als Schwein wäre er mir lieber.«
»Ich weiß«, sagte sie leise und hielt seine breiten Finger mit den dreckigen Nägeln noch fester. »Mir auch.«
Stille breitete sich aus. Ohne einander loszulassen, betrachteten sie das zunehmende Morgenlicht, das durch die schmalen Ritzen fiel. Er hatte die Fenster sorgfältig verklebt, obwohl die leere Wohnung im vierten Stock lag und der gegenüberliegende Wohnblock keinen fünften besaß. Sicher war sicher. Es lag ihm auf der Zunge, die Suche nach dem Warum fortzusetzen und weiter zu fragen. Doch das wäre unfair. Es gab keine Erklärung, die ihn befriedigen konnte. Der letzte Argwohn zwischen zwei Menschen war nur blind überbrückbar, mit ausgeschaltetem Verstand. Er zog langsam das Laken von ihr, bis sie nackt neben ihm lag. Beim zweiten Mal tat er alles bewusster als beim ersten, weniger entrückt. Beim zweiten Mal galt es, sie gemächlicher in Besitz zu nehmen. Er kniete nieder und küsste die Brust, den Bauch, die Scham und immer wieder das Gesicht mit einer Langsamkeit, die er fast genauso schwer ertragen konnte wie sie. Sie versagten sich jede Hast. Das Baby schlief. Noch verlangte es nicht nach der Mutter. Es ließ sie gewähren.
Und so war es am Ende doch der Liebesakt, der ihm die unwahrscheinliche Komplizin am nächsten brachte. Als alle Scheu vergessen war, offenbarte sie ihren ganzen Übermut, ihren Kummer, die Einsamkeit, die Sehnsucht, eine Rolle zu spielen und etwas beizutragen, ihre brachliegenden Kräfte und die glückselige Fassungslosigkeit darüber, was in sie gefahren war – all das teilte sie ihm hemmungslos mit, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.
Die entscheidende Wende hatte Olli Lebers Dasein zwei Monate vorher genommen. Bis dahin hatte er die Kunst beherrscht, das Leben laufen zu lassen, und war trotz aller Rückschläge bemerkenswert gelassen geblieben. Doch dann kam der Tag, an dem der junge Bauarbeiter das Gleichgewicht verlor. Es war nicht der Todestag seines Vaters, denn der Tod war absehbar gewesen. Es war vielmehr die Beerdigung knapp zwei Wochen später, die einen anderen aus ihm machte.
Die Beisetzung sollte um elf Uhr stattfinden. Es war ein trüber, für die Jahreszeit kühler Tag im Juni. Noch war Berlin weit entfernt von den Rekordtemperaturen, die im späteren Verlauf des Sommers gemessen werden sollten. Weil es über Nacht heftig geregnet hatte, waren die Straßen dunkel vor Nässe, die Fassaden der Siedlung regengrau. Olli Leber verließ das Mietshaus, in dem er jetzt nur noch mit seiner Mutter wohnte, um Viertel vor sieben. Die Haustür mit dem zersprungenen Panzerglas klemmte. Mit geübtem Ruck zog er sie hinter sich zu. Er sah verschlafen aus, im Gesicht war noch der Abdruck des Kissens zu sehen, sein blondes Haar warf hinten Wirbel. Er trug ein graues Kapuzensweatshirt, das am Bund zerrissen war, und schwarze Jogginghosen. Es war seine übliche Arbeitskleidung, nur die Stiefel fehlten. Doch statt sich wie sonst in Richtung S-Bahn-Station zu bewegen, überquerte er den mit Zigarettenkippen übersäten Spielplatz gen Norden. Wenn er es nicht eilig hatte, bewegte er sich langsam, in einem breitbeinigen Schlendergang. Es sah aus, als wäre er ständig darauf bedacht, die eigenen Kräfte zu zügeln.
In seinen fünfundzwanzig Lebensjahren hatte die Strategie, Schmerz mit Schmerz zu bekämpfen, meistens funktioniert, und deshalb hatte er vor, sich bis an den Rand der Ohnmacht zu verausgaben. Sein Ziel war der Boxtempel Pankow, ein kleiner, ranziger, nach feuchten Handtüchern stinkender Fitnessklub, in den er vor ein paar Monaten gewechselt hatte, weil die Mitgliedsgebühr im Golden Glory auf vierzig Euro erhöht worden war. Er wollte so lange trainieren, bis alle Flüssigkeit aus seinem Körper herausgeschwitzt war. Danach, hoffte er, war die Gefahr gebannt, auf der Beerdigung die Fassung zu verlieren und in Tränen auszubrechen. Der Klub war bis auf drei Albaner mit riesigen Brustkörben leer. Olli konnte sich ins Zeug legen, ungehemmt stemmen, reißen und stöhnen. Es sollte das letzte Mal sein, dass Hantel und Gewichte, Klimmzüge, Liegestützen und fünfzig Minuten auf dem Laufband genügten, um seine Ausgeglichenheit zurückzugewinnen.
Als er nach Hause kam, saß seine Mutter rauchend am Küchentisch. Durch das offene Fenster drang das Kreischen der vorbeifahrenden S-Bahn. Der Aschenbecher vor ihr quoll über, ein Zigarettenstummel glühte noch. Ihm war kaum aufgefallen, dass der Fernseher nicht lief – was ein sicheres Zeichen dafür war, dass etwas nicht stimmte –, als sie ihn anfuhr, wo er so lange geblieben war.
»Dein Vater wird beerdigt, und was machst du?« Sie blitzte ihn an. »Bleibst stundenlang beim Turnen.«
Sie war eine hagere, verhärmte Frau, die früher einmal schön und lebensfroh gewesen war. Als kleines Kind, als sie noch in der Choriner Straße gewohnt hatten, war er stolz auf seine Mutter gewesen. Auf ihre großen Ohrringe und ihre Ausgelassenheit. Doch nach dem Umzug hatte sie aufgehört, sich herzurichten, und ihre Augenhöhlen waren immer dunkler geworden. Das blondierte Haar hing ihr ungewaschen auf die Schultern, an den Wurzeln wuchs das Grau heraus.
Wortlos zog Olli die Kapuze vom Kopf und ging in sein Zimmer. Weil die Lüftung im Bad seit Monaten kaputt war, hatte er im Boxtempel geduscht. Es war erst Viertel nach neun, und er musste sich nur noch rasieren. Beim Umziehen stellte er fest, dass seine Arme und Beine angenehm gefühllos waren. Wenn diese Taubheit auch auf den Rest von ihm übergriff, würde er die Beerdigung aus der Distanz eines Zuschauers besuchen. Er würde Olli Leber ohne besondere Anteilnahme dabei beobachten, wie er von seinem Vater Abschied nahm, dem stärksten, großzügigsten, einfallsreichsten Mann, dem er je begegnet war, einer Naturgewalt, die es noch als Krüppel vermocht hatte, die Familie zusammenzuhalten.
Das weiße Hemd hatte er schon gestern Abend aus dem Schrank geholt und gebügelt. Es war aus festem Stoff und das einzige, das er aus seiner Zeit als Azubi aufgehoben hatte. Der dunkle Anzug von damals war ihm längst zu eng geworden, er hatte ihn entsorgt. Stattdessen zog er ein Paar schwarze Jeans ohne Risse und Reißverschlüsse an, einen schwarzen Gürtel und die schwarzen Trainingsschuhe, die verschwitzt im Flur lagen. Er hängte sich die Sonnenbrille an den Kragen und steckte das Feuerzeug ein, obwohl er nicht mehr rauchte.
»Du siehst gut aus«, sagte seine Mutter leise, als er sich setzte. Er kratzte sich am Hals und warf ihr einen forschenden Blick zu. Sie hatte ihm Toastbrot mit Käse hingestellt und rührte einen Kaffee für ihn an. Der Fernseher war immer noch aus.
»Ich hatte schon Angst, dass dir was passiert ist«, murmelte sie.
»Schon gut.«
»Aber jetzt haben wir ja doch noch Zeit.«
Ohne Bildschirm wusste er nicht, wo er hinsehen sollte. Er schwieg betreten und kaute.
»Schmeckt’s?«
Fahrig strich sie sich die Haare zurück. Da sah er sie. Er erkannte sie sofort wieder. Der Anblick traf ihn zu schnell und plötzlich, als dass er sich wehren und nichts empfinden konnte. Er schluckte hart. Darauf war er nicht gefasst. Ein wenig sah die Mutter jetzt aus wie ein trauriger Clown, weil ihr Gesicht so blass und die Ohrringe so bunt waren. Doch nur ein wenig, denn Olli fand die fingerlangen Gestecke aus orangenfarbenen und roten Perlen hinreißend. Sie musste sie all die Jahre aufbewahrt haben, ohne sie je anzustecken.
»Mochte er die auch so?«
»Was?«
Er konnte den Blick nicht abwenden. »Die Ohrringe.«
Es war schwer zu sagen, ob sie lächelte oder das Gesicht verzog. »Als ich sie angesteckt habe, hat das eine Loch geblutet. Es war zugewachsen.«
»Zeig mal.«
Sie runzelte die Stirn, blieb aber still sitzen. Vorsichtig streckte er die Hand nach dem Ohrring aus. Wie früher. Er konnte sich nicht erinnern, wann er seiner Mutter das letzte Mal so nah gekommen war.
»Gefallen sie dir?«, fragte sie.
»Hm.« Er nahm die Hand zurück und widmete sich verwundert seinem Toast. Jetzt hatte sie sogar etwas von ihrem alten Glanz wiederaufleben lassen. Alles für die Beerdigung. Warum nahm sie diese verdammte Beisetzung so wichtig, wo sie doch sonst keinen Wert auf Konventionen legte? Sie mochte feierliche Anlässe nicht und misstraute dem weiteren Familienkreis ebenso sehr wie Gott und der Kirche. Warum betrieb sie dann diesen Aufwand?
Schon in der Todesnacht hatte er sich gewundert, mit welcher Selbstverständlichkeit sie die Informationsbroschüre von der Schwester entgegengenommen hatte. Normalerweise wich sie vor allem Gedruckten zurück. Schreibkram, sagte sie, war seine Sache, dafür hatten sie ihn in die Ausbildung geschickt. Alle Post landete auf seinem Bett, ungeöffnet. Manchmal, wenn er abends erschöpft nach Hause kam und die zweite oder dritte Mahnung vom Fußboden auflas für Vorgänge, die ihm bislang unbekannt gewesen waren, verlor er die Geduld und drohte, kein einziges Formular mehr für sie auszufüllen. Doch weil er wusste, was es kosten würde, wenn er stur blieb und sie ihr die Stütze strichen, hielt er das nie durch.
Wenige Stunden, nachdem sein Vater gestorben war, hatte sie das Faltblatt des Bestatterverbandes nicht an ihn weitergereicht wie alle anderen Drucksachen, sondern in die Tasche gesteckt. In den folgenden Tagen war sie über sich hinausgewachsen. Ihre Scheu vor Offiziellem, die Angst, etwas nicht zu verstehen, falsch zu machen und sich zu blamieren, und die daraus folgende Weigerung, amtliche Schreiben auch nur zu berühren, fielen von ihr ab. Sie wagte sich sogar an seinen Computer, um im Internet Preise zu vergleichen und Telefonnummern zu besorgen. Sie rief Bestattungsunternehmen an, erkundigte sich nach der Aufbewahrung des Leichnams, nach Sargausführung, Blumen, Deckengarnitur, Sargträgern, verhandelte mit Steinmetzen und fragte mit erstaunlicher Sachkenntnis nach Einfassung und Folgekosten. Olli hielt sich so lange heraus, bis er eine Liste neben dem Telefon fand, auf der in ihrer kindlichen Handschrift die Kosten für Musiker notiert waren. Sie schien vorzuhaben, nicht nur einen, sondern gleich mehrere zu engagieren.
Dabei kannte er ihre finanziellen Verhältnisse nur zu gut. Nach dem Unfall des Vaters hatte sie aufgehört zu arbeiten und bezog Hartz IV. Soweit sie die Bedingungen erfüllte – also regelmäßig in Krankenhäusern vorsprach, sich die erfolglosen Bewerbungen schriftlich bestätigen ließ und die Unterlagen fristgemäß im Jobcenter abgab –, wurden ihr die Miete und 409 Euro im Monat überwiesen.
In der ersten Zeit nach dem Unfall hatte auch sein Vater Hartz IV bekommen, sogar einen höheren Satz wegen Erwerbsminderung. Doch als nach wenigen Monaten klar war, dass er nicht mehr gesund werden würde und das Heim ihn voll versorgte, war er wieder heruntergestuft worden. Weder die Versicherung des Bauträgers noch die des Gerüstbauers zahlten für den Unfall, weil er keinen Helm getragen hatte, als die Gerüststange mit der geöffneten Spange in seinen Hinterkopf gerammt war. Auch Rentenansprüche konnte keiner der Eltern geltend machen, dafür waren sie zu jung.
So waren die Rollen in der Familie von einem Tag auf den anderen neu verteilt worden: Olli musste für die Eltern aufkommen, statt umgekehrt. Er brach die Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann ab und verdiente nun in guten Sommermonaten, wenn er fest an einer Baustelle arbeitete und nebenher durch Schwarzarbeit und Metallhandel dazuverdiente, bis zu zweieinhalbtausend, manchmal sogar dreitausend Euro netto. In schlechten Monaten verdiente er weniger als die Hälfte. Weil er der Mutter davon fünfhundert Euro abgab, bedeutete das, dass er sich weder eine eigene Wohnung noch ein anständiges Auto, noch eine feste Freundin leisten konnte.
Stattdessen lernte er, mit der unterschwelligen Gereiztheit der Mutter zu leben. Mehr noch als die Tatsache, dass Olli ihr Geld gab, hasste sie die Angst davor, dass er damit eines Tages aufhören könnte. Wenn sie schlecht gelaunt war, vermutete sie selbst hinter der Frage, wie es dem Vater ging oder was sie zu Mittag gegessen hatte, den Vorwurf, dass er sie aushalten musste und sein Leben ihretwegen ins Leere lief. Auch deshalb redeten sie so wenig miteinander. Doch jetzt blieb ihm keine andere Wahl.
Es war halb neun Uhr abends. Sie saß in der Küche, trank Hagebuttentee und löste vor dem eingeschalteten Fernseher Kreuzworträtsel. Wahrscheinlich hatte sie so auch ihre Abende im Pflegeheim verbracht.
»Mama?«
Sie sah auf. Etwas sagte ihm, dass sie wusste, worum es ging. »Olli?«
Weil er davon ausging, dass die Auseinandersetzung in eine Schreierei ausarten würde, und es so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte, schlug er gleich einen aggressiven Ton an. »Bestell die Musiker ab.«
»Was?«
»Wir brauchen keine Geiger bei der Beerdigung. Bestell die ab.«
Sie blieb erstaunlich ruhig und legte den Stift zur Seite. »Wieso?«
»Papa hört sowieso nichts mehr.«
»Wer weiß.«
Er stutzte. Ihr ironisches Lächeln brachte ihn aus dem Konzept. Normalerweise ging sie einem Streit so wenig aus dem Weg wie er. »Was sollen die überhaupt spielen?«, fragte er irritiert.
Ihr Lächeln wurde breiter. »Ich will wissen, was besser passt. Entweder In the Air tonight oder Against all Odds. Das übersetze ich gerade.« Er schaute genauer hin und sah, dass sie kein Kreuzworträtselheft vor sich liegen hatte, sondern sein englisches Wörterbuch aus der Schule. Als sie es zuklappte, ließ sie einen Finger in der Seite stecken. »Ich glaube, es wird Against all Odds.«
Er runzelte ungläubig die Stirn. »Phil Collins?«
Sie nickte.
»Auf der Geige? Du hast sie ja nicht mehr alle.«
»Geige plus Gesang«, korrigierte sie. Sein Urteil schien sie nicht zu interessieren. »Ist alles längst bezahlt, keine Sorge.«
»Du hast die Musiker bezahlt?«, wiederholte er langsam. »Wie das denn?«
»Ich habe die Musiker bezahlt und alles andere auch.«
Es dauerte einen Moment, bis er begriff, was sie sagte. Er wusste, wie gering ihr Spielraum war. Sein Zuschuss erlaubte ihr, das Schlafzimmer zu heizen. Sie hatte ein Handy, um fürs Heim erreichbar zu sein. Zahnschmerzen oder eine kaputte Waschmaschine waren keine monatelang irreparablen Katastrophen mehr. Ein Zweibettzimmer für den Vater war zu teuer gewesen, aber sie hatte immerhin die Miete für ein Wasserbett aufbringen können, auf dem er weniger wund lag. Und sie besaß eine Monatskarte für die Schwimmhalle.
Mehr als ein paar Euro blieben da allerdings selbst in Monaten, in denen alles glatt lief, nicht übrig. Es musste Jahre gedauert haben, bis sie das Geld für die Beerdigung zusammenhatte. Er kannte die genauen Summen nicht – nur die auf dem Zettel notierten 400 Euro für Phil Collins ohne Schlagzeug. Doch alles zusammengerechnet mussten sich die Kosten auf mehrere Tausend Euro belaufen. Er warf der Mutter einen verstohlenen Blick zu. Sie musste gehofft haben, dass der Vater ihr Zeit gab, dass er nicht schneller starb, als sie sparen konnte, und so lange durchhielt, bis sie in der Lage war, ihm etwas Besseres auszurichten als eine vom Jobcenter finanzierte Sozialbestattung.
Olli sah, dass sie ihren Triumph in vollen Zügen auskostete. Ganz so, als hätte sie ihm eine Nichtigkeit und nicht ihr größtes Geheimnis offenbart, widmete sie sich wieder dem Lexikon. Doch ihre Lässigkeit war etwas zu betont. Sie wusste, dass er wusste, welchen Kraftakt sie hinter sich hatte. Indem sie jahrelang Verzicht geübt und auf die wenigen Freiheiten verzichtet hatte, die sie sich hätte leisten können, hatte sie ihre Mittellosigkeit ins Gegenteil gekehrt. Stumm legte er den Zettel, seine vermeintliche Anklageschrift, auf den Küchentisch. Genauso wortlos nahm sie die Kapitulation an.
Das Rätsel, was sie zu diesem außerordentlichen Aufwand trieb, war damit allerdings immer noch nicht gelöst. Denn es stellte sich heraus, dass sie so gut wie niemanden zur Beerdigung einladen wollte. Als er am Tag darauf fragte, ob sie den ehemaligen Kollegen des Vaters Bescheid gesagt hatte, verneinte sie mit der Begründung, es sei ihr peinlich. Der Unfall sei viel zu lang her, als dass man den Männern zumuten könnte, sich einen Tag freizunehmen. »Was die das allein an Stundenlohn kostet.«
Doch eine Show ohne Publikum fand Olli absurd. Warum kaufte sie Blumengestecke, ließ den Sarg verzieren und von Sargträgern feierlich über den Friedhof eskortieren, wenn niemand dabei zusah? Er versuchte sie anzulügen, dass es die Trauergäste nichts kostete, wenn sie krankfeierten, statt sich den Tag freizunehmen. Dabei waren die Zeiten, in denen Krankheitstage bezahlt wurden, längst vorbei. Sein Bauleiter maulte nur ins Telefon und zahlte keinen Cent, wenn er krank war.
Seine Mutter wusste das und blieb stur. Sie lud weder die Bauarbeiterfreunde ihres Mannes ein noch die Nachbarn. Den engsten Kontakt hatten sie mit den Renners im zweiten Stock. Sie war Kassiererin, er Taxifahrer. »Holger verdient keinen Cent, wenn er nicht fährt. Und Dianas Drogerie zahlt auch nur, wenn sie im Geschäft ist. Beide können sich keine Beerdigung leisten.«
Weil sie auf keinen Fall zu spät kommen wollte, unruhig mit den Ohrringen spielte und in immer kürzeren Abständen auf die Uhr sah, schlug Olli um Viertel vor zehn Uhr vor, aufzubrechen und zu Fuß zu gehen. Dankbar willigte sie ein.
Sie trug eine schwarze Stoffhose, die viel zu weit geworden war und wie eine Männerhose an ihr hing. Dazu hatte sie die schwarze Winterjacke aus dem Bettkasten geholt. Olli verkniff sich den Hinweis, dass es Mitte Juni war. Für ihre eigene Garderobe hatte das Geld offensichtlich nicht gereicht. Beim Gehen trat sie hinten auf den Hosensaum.
Als er die Haustür zum dritten Mal an diesem Morgen mit Gewalt hinter sich zuzog, stand sie vor der mit verwitterten Papierresten übersäten Hauswand. In der Mitte hing ein frischer Zettel. »Hast du das gesehen?«, fragte sie. »So was hängen die extra spät auf, damit keiner kommt.«
Es war eine Einladung der Hausverwaltung zur nächsten Mieterversammlung. »Denen würde er einheizen«, murmelte sie. »Krümmen keinen Finger. Die lassen die Siedlung einfach verfallen.«
Olli setzte die Sonnenbrille auf. Er wusste genau, worauf sie abzielte, und ließ derartige Bemerkungen routiniert an sich abperlen. Sein Vater hatte sich immer um alles gekümmert, er hatte alle Nachbarn gekannt und über alles im Haus Bescheid gewusst. Olli war anders. Er hatte nicht nur weniger Zeit als der Vater, sondern er war auch nicht der Typ, der seinen Freitagabend bereitwillig mit geifernden Nachbarn auf der Mieterversammlung verbrachte.
Diesiges Licht hing über der Stadt. Die Sonne drang kaum durch die Wolkendecke und färbte den Himmel nur an einigen Stellen gelblich. Sie folgten dem Trampelpfad an den S-Bahn-Gleisen und stießen auf die Prenzlauer Allee. Seine Mutter hakte sich bei ihm unter, was sie sonst nie tat. Im Norden lag Pankow. Dort auf dem Georgen-Parochial-Friedhof hatte das Bestattungsunternehmen den Vater angemeldet, weil der Friedhof der Wohnung am nächsten lag und die Gebühr günstig war.
Doch sie wandten sich nach Süden, weg vom billigen Friedhof, in die andere Richtung. Ihre Siedlung lag genau auf der Grenze, am schorfigen Rand des Prenzlauer Bergs. Sie gingen am Penny-Markt vorbei und ließen die Plattenbauten hinter sich. Je weiter südlich sie kamen, desto höher und schöner wurden die Altbauten. Immer mehr Fassaden waren nicht mehr schmucklos braun verputzt, sondern strahlten in sauberem Weiß, in Gelb oder Terrakotta. Sie begannen Bierbänke mit farbigen Kissen vor Saftläden und Bäckereien zu passieren, einen Biosupermarkt, einen Buchladen, Kitas. Die Mutter hielt sich an ihm fest und sagte mit zufriedenem Lächeln: »Warte ab, bis du den Friedhof siehst.« Die Ohrringe tanzten auf dem Kragen ihrer viel zu warmen Jacke. »Das habe ich auch dem Pfarrer erzählt, für die Predigt. Dass der Friedhof schon immer unserer war.«
Olli kannte die Geschichte. Zu DDR-Zeiten, als der Friedhof stillgelegt und völlig verwildert gewesen war, hatten sich die Eltern dort abends getroffen.
Auch deshalb hatte seine Mutter ihrem Mann einen Platz in St. Marien und St. Nikolai verschafft. Mit erstaunlichem Geschick im Umgang mit der trägen Friedhofsverwaltung hatte sie durchgesetzt, dass er nicht in Pankow, sondern dort liegen würde, wo er herkam. In ihrer alten Wohngegend. Im Arbeiterviertel. Dort, wo die Lebers immer gewohnt hatten, bis sie es sich plötzlich nicht mehr hatten leisten können. Und mit einem Mal begann Olli zu begreifen, was sie dazu trieb, innerhalb der nächsten halben Stunde ihre gesamten Ersparnisse auf den Kopf zu hauen. Es war nicht nur die sentimentale Erinnerung daran, wie sie mit dem Vater zwischen bemoosten Grabsteinen geknutscht hatte. Es war auch ein stiller Trotz, der ihr verbot, sich in die Rolle der Transferleistungsempfängerin zu fügen und ihren Mann billig in der Vorstadt zu verscharren. Andere verteidigten ihre Würde mit aufgemotzten Autos oder unverhältnismäßigen Urlaubsreisen. Seine Mutter tat es, indem sie ihren Mann mit allem Drum und Dran im angesagtesten Viertel der Stadt zur Tonspur von Phil Collins beisetzen ließ. Die verschwenderische Beerdigung war ihre Art der Selbstbehauptung. Eine Mobilisierung aller Reserven, mit der sie sich selbst bewies, dass sie nicht arm war. Sie würde noch Jahre später von der Erinnerung an die stolze Zeremonie zehren. So gesehen, konnte sie ihr Geld kaum besser investieren.
Um dem Baulärm auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu entkommen, wäre der Weg durch den Nebeneingang kürzer. Doch seine Mutter ignorierte die Pforte. Sie legte Wert darauf, den Friedhof durch den efeubewachsenen Haupteingang zu betreten. »Guck dir das an«, flüsterte sie und wies mit dem Zeigefinger nach oben. »Wie ehrwürdig.« Sie meinte das schwere Relief aus nackten Männerfiguren auf dem Torbogen. Als er stehen blieb und die Sonnenbrille auf die Stirn schob, um es zu betrachten, zog sie ihn weiter.
Es war ein Kiezfriedhof mitten in der Stadt, meilenweit entfernt von der Akkuratesse und bedrückenden Leere jüngerer Friedhöfe am Stadtrand. Die schmalen Wege waren verwittert, zwischen den Pflastersteinen sprossen Gras und Löwenzahn. Ein Gärtner jätete Unkraut, die Schubkarre neben ihm war voll. Olli glaubte keinen Blick für verborgene Schönheit zu haben, doch selbst ihm fiel auf, wie gut das dunkle Grau der Grabsteine und das Rot der geziegelten Mauern zu dem jungen Grün des Frühsommers passte. Stumm ging er neben der Mutter her. Sie nestelte in ihrer Handtasche und ließ sie wieder sinken. Wahrscheinlich kämpfte sie gegen das Bedürfnis zu rauchen.
Es war kurz nach halb elf. Sie näherten sich der Kapelle, auf deren Stufen der Pfarrer mit mehreren fremden Trauergästen stand. Er trug ein schwarzes Messgewand. »Der Geistliche«, raunte die Mutter ihm zu, als ob er blind wäre. Die hölzerne Flügeltür der kleinen Kapelle stand offen, und Olli fragte sich, ob der Vater dort aufgebahrt auf sie wartete. Schon spürte er, wie sein Hals enger wurde. Nur keine Rührung, sagte er sich und blieb unwillkürlich stehen. Die Wirkung des Krafttrainings ließ nach. In dieser Verfassung wollte er den Leichnam nicht sehen.
Seine Mutter aber wollte den Pfarrer begrüßen und fragen, ob die Notizen über ihren Mann, an denen sie bis spät in die Nächte gearbeitet hatte, geholfen hatten für die Ansprache. Doch der Pfarrer war im Gespräch und schien sie nicht zu bemerken. Olli musterte die Fremden, eine ältere Frau und zwei junge Männer, wahrscheinlich eine Witwe mit ihren Söhnen. Sie hatten alle dieselbe gerade Haltung.
Nachdem sie noch einen Moment verlegen um die Treppe herumgestrichen war, gab sie auf und zog sich zu Olli zurück. Weil er ihre plötzliche Verzagtheit spürte, fragte er: »Willst du auf der Straße eine rauchen? Wir haben ja noch Zeit.« So konnte er auch den Anblick des Sargs hinauszögern.
Als wollte sie sich selbst gut zureden, begann sie draußen auf dem Bürgersteig unzusammenhängend über Ehrengrabstätten zu reden und die Familien, die hier begraben lagen, »in eigenen Kapellen, weißte, mit Engeln und Statuen, das haben die extra entwerfen lassen, von Künstlern«. Sie inhalierte tief, als neben ihnen ein Großraumtaxi hielt. Hinter den verdunkelten Scheiben konnten sie nur eine knorrige Hand erkennen. Oma. Sie hatte sich ein Taxi von Reinickendorf bezahlen lassen, weil das Altersheim um diese Zeit angeblich keinen Transport organisierte. Die Gelegenheit, im Taxi durch die Stadt kutschiert zu werden statt im Minibus der Caritas, ließ sich seine Großmutter nicht entgehen.
»Was steht ihr denn hier draußen?«, krächzte sie zur Begrüßung, während der Taxifahrer sie vorsichtig im Rollstuhl aus dem Auto bugsierte. Sie war noch verhärmter, als Olli sie in Erinnerung hatte. Ihre kleinen, harten Augen richteten sich auf die rauchende Schwiegertochter. »Traut ihr euch nicht rein, oder was?«
Olli hätte lieber die Nachbarn dabeigehabt als seine verschlagene Oma. Doch die Mutter hatte schon Recht – den Tod des eigenen Sohnes hatten sie ihr nicht verschweigen können. »Tag, Oma.«
»Tag, Olli. Was ist?«
»Fängt ja noch nicht an.«
»Da sieht man’s wieder. So egal ist er dir.«
»Wer?«
»Da fragst du auch noch.«
»Er ist mir nicht egal.«
»Und warum hast du dann Turnschuhe an?«
Er musterte sie vom lichten Haar, das über den fleckigen Schädel gekämmt war, über das verschlissene Kleid und die Krampfaderstrümpfe bis zu den Sandalen mit Klettverschluss. »Du siehst auch nicht besser aus.«
Der Taxifahrer, der die Hoffnung auf Trinkgeld aufgegeben hatte, machte einen bestürzten Gesichtsausdruck und stahl sich davon. Um die Mutter schräg hinter dem Rollstuhl ins Visier zu nehmen, bog die Alte den Oberkörper gefährlich weit nach vorn. »Jule«, schimpfte sie. »Dein Sohn – der kam schon immer nach dir. So pampig war meiner nie.«
Seine Mutter drückte die Zigarette auf dem Bürgersteig aus und versuchte, ihre Schwiegermutter zu ignorieren.
»Was sagst du, ich versteh dich nicht?«, hakte die Alte nach.
Olli packte den Rollstuhl und drehte ihn weg. Das einzige Mittel gegen seine Oma war, sie nicht ernst zu nehmen. Doch dazu, fürchtete er, war seine Mutter heute kaum in der Lage.
»Doch, habe ich gesagt«, zischte sie in seinem Rücken.
»Was doch?«, keifte die Oma.
Olli stöhnte und zerrte den Rollstuhl übers Kopfsteinpflaster durchs Tor.
»Dein Sohn war noch viel schlimmer.«
»Ach ja, hat er dich deshalb all die Jahre ausgehalten und sich zu Tode geschuftet?« Der Rollstuhl ratterte über den gepflasterten Weg, Olli erhöhte das Tempo. Die knorrigen Hände krallten sich um die Armlehnen. »Und das ist der Dank, dass ihr euch nicht mal anständig anzieht zur Beerdigung. Abgerissen seht ihr aus. Alle beide.«
»Weil kein Geld da ist«, platzte seine Mutter heraus.
»Geld, Geld, Geld«, äffte die Alte sie nach. »Weiter konntest du nie denken. Dabei kostet es nichts, sich ab und zu mal zu waschen und zu kämmen. Musste nur mal ausprobieren.«
Zum Glück wurden sie in diesem Moment von einer schwer atmenden, dunkelhaarigen Frau um die vierzig eingeholt. Ada, die rumänische Krankenpflegerin, hatte den Vater in den letzten drei Jahren zusammen mit der Mutter betreut. Zur Begrüßung ließ sie ihren goldenen Eckzahn blitzen. Ein schwarzer Spitzenschleier bedeckte ihr Gesicht, dazu trug sie Jeans und ein T-Shirt mit Strassmuster. Nach dem treffsicheren Gezeter der Oma war seine Mutter, die normalerweise gut einstecken konnte, angezählt. Einen Moment lang sah es aus, als würde sie Ada um den Hals fallen. Olli hegte ohnehin den Verdacht, dass sie die Pflegerin mehr vermisste als den unbrauchbaren Rest seines Vaters. Doch dann lächelte sie nur ungelenk und zog die Nase hoch. Sie wirkte überfordert. Die Großmutter war verstummt. Bis auf seine Tante aus Marzahn war ihre kleine Trauergemeinde damit komplett.
Es war zehn vor elf Uhr. Von Weitem sah er, dass mittlerweile mehr Betrieb auf dem Platz vor der Kapelle herrschte. Unterhalb der Eingangstür machte er einen der gepflegten Söhne aus. Er trug einen perfekt sitzenden Anzug mit schmalem Schlips und hatte eine hübsche Frau neben sich, mit der er weitere Trauergäste begrüßte. Sie waren vollendete Gastgeber, ganz so, als ob es hier allein um ihren Vater ging, nicht um seinen. Sie unterhielten sich mit gedämpften Stimmen, tauschten Küsschen aus, Umarmungen, goldgeschmückte Handgelenke steiften dunkle Anzugarme. Olli konnte den Blick nicht abwenden. Als brachten sie ihren Vater nicht zum ersten, sondern zum zehnten Mal unter die Erde, schienen sie genau zu wissen, wie man sich auf Beerdigungen benimmt.
Da schwankte seine Tante auf hohen Stöckelschuhen auf sie zu. In einem schwarzen, ihrer ausladenden Figur wenig schmeichelnden Jumpsuit passte sie genauso offensichtlich nicht zu der kultivierten Gesellschaft wie der blasse Mann, der ihr mit angespanntem Gesichtsausdruck folgte. Olli merkte erst jetzt, dass er auf die Wiese neben dem Platz ausgewichen war. Er stand mit dem Rollstuhl im Gras, seine Mutter und Ada im Schlepptau. Die Absätze der Tante sanken gefährlich tief in die weiche Friedhofserde ein. Sie lachte überdreht und hielt sich an ihrem Begleiter fest. Ein älteres Ehepaar drehte sich erstaunt um.
Olli zückte sein Handy und sah auf die Uhr. Sie waren schon fünf Minuten über der Zeit. Seine Mutter stand mit gesenktem Kopf an seiner Seite und gab schon länger kein Lebenszeichen mehr von sich. Unschlüssig sah er zum Eingang der Kapelle. Die hölzerne Flügeltür war geschlossen, der Pfarrer nicht in Sicht. Der Platz füllte sich weiter mit Fremden, denen er sich auf unterschwellige Weise unterlegen fühlte. Er müsste nur den Mund aufmachen und fragen, was hier vor sich ging und wann der Gottesdienst für seinen Vater begann. Doch dazu müsste er wissen, wie man die Frage stellt, ohne noch mehr dieser Blicke auf sich zu ziehen, die er nicht zu deuten wusste. Es waren flüchtige Blicke, die ihm bewusst machten, dass er und seine Mutter und Ada und die Tante und ihr Kerl und seine Oma eigentlich nicht hierhergehörten. Dass sie gut daran taten, am Rand auf der Wiese unter sich zu bleiben und nicht noch mehr aufzufallen.
»Familie Leber?«
Eine angenehme Männerstimme erlöste ihn aus seiner Lähmung. Der Pfarrer stand in seiner schwarzen Soutane neben ihm. Aus der Nähe sah er noch sehniger aus als von Weitem, sein Adamsapfel war riesig.
»Ja«, antwortete die Mutter zaghaft.
»Sind Sie so weit?«
Sie nickte.
»Oder warten Sie noch auf jemanden?«
Sie schüttelte den Kopf. Olli wünschte, sie würde sich zusammenreißen und ein weniger erbärmliches Bild abgeben. Er merkte, dass die verspiegelte Sonnenbrille noch immer auf seiner Stirn saß, und zog sie schnell ab.
»Sie sind also komplett?« Der Pfarrer sah in die kleine Runde. Selbst die Oma erwiderte seinen Blick voller Demut.
»Sicher?« Er lächelte. »Ich frage nur deshalb, weil in der Kapelle vier Sargträger warten. Sind die für Sie? Ich meine – für Ihren Toten?« Blitzschnell kramte er in seinem Gedächtnis. »Für Hans?«
»Ja.« Die Mutter hatte den Blick gesenkt, und Olli begann die Verlegenheit in ihrer Stimme, die auch ihn erfasst hatte, zu hassen. Er wusste weder, woher sie kam, noch, wie er sie abschütteln konnte.
»Im Ernst jetzt?«, fragte die Tante und riss mit gespielter Aufregung die stark geschminkten Augen auf.
»Dann sind die Interpreten also auch richtig.«
»Die Musiker, Mama«, übersetzte Olli, nickte dem Pfarrer zu und löste die Bremsen des Rollstuhls.
»Na dann wollen wir mal«, erwiderte der Geistliche. »Ich habe schon mit den beiden Musikern gesprochen. Die haben nichts dagegen. Wenn also auch Sie nichts dagegen haben …«, an dieser Stelle lächelte er der Mutter aufmunternd zu, »… dann spielen die beiden draußen am Grab statt in der Kapelle. Wenn Sie mich fragen, ist das ohnehin viel schöner.«
Mit dem Instinkt der Unterlegenen erwiderte die Mutter das Lächeln und leistete auch der einladenden Bewegung in Richtung Kapelle Folge. Doch nach ein paar Schritten blieb sie stehen und fragte: »Wie – am Grab?«
»Na ja, während der Andacht spielt ohnehin die Orgel. Das machen wir alles sehr schön feierlich, Sie werden sehen. Aber es ist ja …«, er hob hektisch den linken Arm in die Höhe, um den Ärmel loszuwerden, und sah auf die Uhr, »es ist ja nun schon spät. Wir fangen mit Verzug an und müssen etwas früher als geplant aufhören. Die Beisetzung nach Ihnen wird eine größere Veranstaltung. Das sehen Sie ja selbst.« Er wies auf die anwachsende fremde Trauergesellschaft. »Doch das Wichtigste bekommen wir hin. Darauf konzentrieren wir uns, einverstanden? Am Ende schultern die Sargträger Ihren Mann – und statt hier vorne rauszugehen durch die Menge, wo ja jetzt schon kein Durchkommen ist, schlage ich vor, dass sie den hinteren Ausgang nehmen.« Er räusperte sich. Der Adamsapfel hüpfte. »Sie folgen den Sargträgern – und am Grab warten die Musiker und der Ehrenamtliche. Ich kann draußen leider nicht mehr dabei sein.«
Seine Mutter sah auf. »Wenn wir ihn begraben, sind Sie nicht dabei?«
»Leider nein«, bedauerte der Pfarrer und ging weiter voran, »am Grab übernimmt unser Herr Kaspar. Aber Sie werden sehen – der macht das ganz toll.«
Ihrer kleinen, unansehnlichen Karawane wurde anstandslos Platz gemacht, das Durchkommen war kein Problem. Mehrere Sekunden lang verfing sich Olli im nachsichtigen Blick der fremden Witwe.
Während des Gottesdiensts spielte der Vater in seinem teuren Sarg aus Massivholz keine Rolle. Der Pfarrer kämpfte kurz mit dem Verschluss seiner Armbanduhr, um sie gegen das Evangeliarium zu lehnen, immer in Sichtweite. Dann ratterte er sein Programm herunter, sprach von Sterblichkeit oder von Unsterblichkeit, wahrscheinlich von beidem. Weil seine wohltönende Stimme sich losgelöst vom Inhalt in trägen, pathetischen Wellen hob und senkte, war es schwer, ihm zu folgen. Ab und zu flocht er gekonnt den Namen ein. Doch über den Vater sprach er, soweit Olli das beurteilen konnte, nicht.
Seine Mutter kauerte neben ihm auf der Bank, in der vierten Reihe, die drei Reihen vor ihnen waren leer. Es war, als wollte sie sich in ihrer schwarzen Daunenjacke verkriechen, als hoffte sie, es wäre ein Zaubermantel, der unsichtbar machte. Sie zog den Kopf ein, die Ohrringe waren nicht mehr zu sehen. Die Luft in dem kleinen Kapellenraum wurde immer stickiger. Durch die schmalen Butzenfenster an der Stirnseite drang nur wenig Licht. Überall flackerten Totenlichter, die dicken weißen Kerzen auf dem Altar schienen allen Sauerstoff zu fressen. Olli wusste, dass seine Mutter nicht um den Vater weinte. Wenn sie um ihn trauerte, klang das anders. Nach all den Jahren war es so etwas wie eine regelmäßige Waschung. Eine Angewohnheit, für die sie sich nicht schämte. Ein rhythmisches, weiches Weinen, mit dem sie die Trauer für eine Weile aus sich herausspülte.
Das hier war anders. Die unterdrückten Schluchzer schienen ihr die Brust zu zerreißen. In unregelmäßigen Stößen schnappte sie nach Luft. Es hörte sich an, als ob sie erstickte. Dabei stieg ein Sauerteiggeruch von ihr auf, der immer beißender wurde. Sie schwitzte. Statt Tränen vergoss sie übel riechenden Schweiß.
Als der Pfarrer im Rekordtempo fertig war, die Orgel einsetzte und sie die Kapelle durch den Notausgang verließen, sah es aus, als könnte seine Mutter sich kaum noch auf den Beinen halten. Doch als er sie am Arm nahm und versuchte, sie zu stützen, stieß sie ihn heftig zurück.
An jenem Abend, an dem sie ihm eröffnet hatte, dass alles bezahlt war, hatte er das Lied als Nachruf gar nicht so übel gefunden. Against all Odds handelte von der vergeblichen Hoffnung auf Rückkehr einer großen Liebe, es war auf ungewöhnliche Art passend. Um den Liedtext zu verstehen, brauchte er kein Wörterbuch. Seine letzte Klassenlehrerin hatte sich nämlich in den Kopf gesetzt, ihn auf die Realschule zu schicken, und ihm die englischsprachigen Originalausgaben von Harry Potter und The Hobbit gegeben. Er war der Einzige in seiner Klasse gewesen, der englische Bücher las, weil es ihm Spaß machte.
Doch jetzt quälte ihn seine Sprachkenntnis. Kaum, dass die Sängerin ansetzte, meinte er, die Beherrschung zu verlieren. Die Geige allein war schon schlimm genug, doch sie wurde noch halbwegs übertönt von dem Lärm des Betonmischers jenseits der Friedhofsmauer. Neun Kubikmeter, schätzte er. Das gewaltige Organ der Sängerin wäre allerdings auch gegen zwanzig angekommen. Entsetzt schloss er die Augen. Während er vergeblich versuchte nicht hinzuhören, verstand er Against all Odds mit einem Mal als das, was es war: eine verdammte Hymne an die Schwäche, ein Werk der Unterwerfung, ein Song für Abgehängte und Versager. Es war ein Klagelied für Schwächlinge, die sich abservieren ließen, statt sich zu nehmen, was ihnen zustand.
Es reichte. In diesem Moment schwor er sich, dass er nie mehr freiwillig beiseitetreten und auf die Wiese ausweichen würde. Er würde nie mehr tatenlos zusehen, wie seine Mutter herumgeschubst wurde. Er würde nicht wie Phil Collins im Selbstmitleid vergehen. Er würde alle Kraft zusammennehmen, um nie wieder das Bild eines Schwächlings abzugeben, den man durch den Hinterausgang loswurde, ohne auf Gegenwehr zu stoßen.
Als er die Augen öffnete, ruhte der mitfühlende Blick des Ersatzpfarrers auf ihm. Seine Finger hatten sich so fest um die Handgriffe des Rollstuhls verkrampft, dass es wehtat, sie zu lösen.
Amelies Mutter hatte es nicht glauben wollen. Sie dachte, Amelie übertreibe, als sie ihr am Telefon erzählte, dass das Neugeborene von sechs Uhr abends bis elf Uhr durchtrank. Fünf Stunden, ohne nennenswerte Unterbrechung. Ab und zu hörte die Kleine auf zu saugen, allerdings gab sie die Brust nie frei. Ihr kleiner, perfekt geformter Mund, der so viel zielsicherer andockte als der ihrer großen Schwester, stellte in diesen Kunstpausen zwar die Bewegung ein. Doch der Gaumen blieb per Unterdruck am Busen kleben. Immer wenn Amelie versuchte, das Baby abzusetzen, wachte es auf und schrie. Es sog sich unerbittlich an ihr fest, nicht selten bis Mitternacht.
Zwei Wochen nach der Geburt kam ihre Mutter zu Besuch, und sie schlugen das nächtliche Lager gemeinsam auf. Doch die Großmutter hatte bald genug gesehen und zog sich zurück. Amelie blieb allein mit ihrer Neugeborenen und dem Ohrensessel, den sie während dieser langen Sitzungen zu schätzen lernte. Es war ein breites, hässliches Erbstück, viel zu wuchtig für die Wohnung. In der vergeblichen Hoffnung, dass lindgrüne Streifen schlank machten, hatte sie es neu beziehen lassen. Jetzt erst begriff sie, wie bequem die altmodischen Proportionen waren. Die Lehnen hatten genau die richtige Höhe und Tiefe. Sie konnte Kissen und Baby darauf ablegen und lesen. Meistens den Economist, weil sich das dünne Heft leicht umblättern ließ.
Es waren Stunden im stillen Ausnahmezustand, die sie auf dem Ohrensessel verbrachte. Eine unwirkliche Ruhe legte sich über sie, über das rhythmisch trinkende Baby und den Rest der Welt. Der Ohrensessel hielt sie fest. Sie konnte ein Stück der Fassade auf der gegenüberliegenden Straßenseite sehen, einen Teil des Dachs und viel Himmel. Ihre Mutter schlief, Helene schlief, Stefan war in der Redaktion. Amelie wurde von dem angenehmen Ziehen tief in ihrem Innern wach gehalten. Ab und zu schmatzte das warme Baby in ihrem Arm. Wenn sie nicht las, studierte sie das langsame Abdriften des Tageslichts, das fast zwei Stunden früher aus der Wohnung verschwand als vom Himmel, das plötzliche Einsetzen der Nacht, die Routen der Flugzeuge, die sich je nach Wetterlage änderten. Langweilig war ihr während dieser Nachtwachen nie.
Trotzdem unterschätzte sie leicht das Risiko und tat es zu früh. Wenn der Eindruck trog, dass die Kleine in tiefen Schlaf gefallen und bewusstlos war, kostete sie das nicht selten eine weitere Stunde Schlaf. Dann schwor Amelie, das nächste Mal noch länger zu warten. Schließlich wagte sie es und steckte sich den kleinen Finger in den Mund, damit er besser glitt. Vorsichtig schob sie den Finger zwischen Babymund und Brust, um den Unterdruck zu lösen. Gelang ihr das, ohne Clara aufzuwecken, legte sie sie über die Schulter und drehte eine Runde durch die dunkle Wohnung. Bäuerchen kamen zwar selten, doch weil sie haushalten musste mit ihren Kräften, ließ sie diesen letzten Akt des Tages nie aus. Sobald sie sich hinlegte, würde sie in eine endlose, schwarze Tiefe fallen. Und nichts war kräftezehrender, als der Sehnsucht nach Schlaf zu früh nachzugeben und sich von dort unten wieder zurück an die Oberfläche hangeln zu müssen, weil das Baby brüllte. Falls das Bäuerchen im Kommen war, drehte sie zur Sicherheit lieber noch eine Runde.
Sie war auf einer dieser Nachtwanderungen, als sie den Schlüssel in der Wohnungstür hörte und Stefan aus der Redaktion nach Hause kam. Es war kurz vor elf an einem Wochentag. Er gab ihr einen Kuss und sah sie – was sie allerdings erst nachträglich registrierte – seltsam an, länger als sonst. Mit ihrem Bündel über der Schulter wanderte sie wortlos weiter. Er ging in die Küche, um sich ein Glas Wein einzuschenken.
Als Chefredakteur der Berliner Post kämpfte Stefan ums Überleben seiner Zeitung. Er ging frühmorgens aus dem Haus, um die elektronische Morgenpost zu schreiben, und kam erst spätabends wieder, wenn die letzte Ausgabe in Druck ging. Amelie wusste, wie dramatisch die Lage war: Ihm blieben vier Monate, um das Blatt zu retten, höchstens fünf. Deutschlands reichster IT-Unternehmer hatte angekündigt, mit seiner Stiftung eine der zwei Berliner Qualitätszeitungen zu kaufen. Bis Ende des Jahres wollte der Mäzen entscheiden, ob die Berliner Post oder der Berliner Tag den Segen seiner unbegrenzten Mittel empfing. Die Zeitung, die leer ausging, würde zwangsläufig untergehen. Mit diesem Abgrund vor Augen trieb Stefan sich und den Rest der Redaktion an die Grenzen der Leistungsfähigkeit. Deshalb war er genauso ausgelaugt wie seine Frau.
Das Baby war wieder aufgewacht, als er ins Schlafzimmer kam. Amelie saß im Ohrensessel und legte es erneut an. In seiner abgehackten Art, sich zu bewegen, hockte Stefan sich zu ihren Füßen auf den Vorsprung der Balkontür. Er stellte das Weinglas auf die Holzdielen, setzte die Brille ab und barg den Kopf erschöpft in beide Hände. Von ihrem Platz aus sah Amelie direkt auf den Ansatz seiner Glatze, umrahmt von dünnem braunen Haar. Gut aussehend war er nie gewesen, der Chefredakteur der Post, selbst als das Haar noch dicht gewesen war. Merkwürdigerweise schien sich seine Attraktivität jedoch daraus zu speisen, dass er kurzsichtig und untersetzt war und frühzeitig eine Glatze entwickelte. Es war, als ob sein Selbstbewusstsein dadurch noch unterstrichen wurde, die Selbstverständlichkeit, mit der er Macht ausübte und Entscheidungen fällte, die Leichtigkeit, mit der er sich gegen Kollegen durchsetzte, die einen Kopf größer waren als er. Stefan besaß eine natürliche Autorität, die auf Intelligenz und Menschenfreundlichkeit beruhte und der sich niemand entziehen konnte.
»Ich muss dir was sagen.«
Mit dem dunklen Blick der Müdigkeit sah Amelie auf. Dunkelblonde Strähnen hatten sich aus dem Pferdeschwanz gelöst und hingen ihr auf die Schulter. Im Gegensatz zu ihrem Mann war sie schön. Sie hatte ein ebenmäßiges Gesicht, braune Augen, dunkle Wimpern und ebenso dunkle Augenbrauen. Als ihre Blicke sich trafen, wusste sie sofort, dass etwas Schlimmes passiert war.
Vor zwei Jahren, als sie die erste Tochter auf dem Ohrensessel gestillt hatte, war er um diese Zeit schon einmal mit einer Hiobsbotschaft nach Hause gekommen. Damals war die Post an einen Investor verkauft worden, der ausschließlich an Rendite interessiert war. Der Verlag hatte sein einstiges Prestigeprojekt so billig verscherbelt, als sei es nicht einmal mehr das Inventar wert, an dem die geschrumpfte Redaktion das Blatt produzierte. An diesem Abend, als Stefans einst so stolze Zeitung wie ein lästiger Kostenpunkt abgestoßen worden war, hatte er sie genauso angesehen wie jetzt.
»Was denn?«, drängte sie und wehrte sich vergeblich dagegen, dass ihr schwerer Hinterkopf nach hinten kippte und im Sessel Halt fand.
Nach der Beerdigung nahm Olli mehr Nebenjobs an denn je. Das Motiv, Geld zu verdienen, hielt sich dabei etwa die Waage mit der Absicht, so wenig Zeit wie möglich zu Hause zu verbringen. Da seine Mutter nicht mehr im Pflegeheim, sondern immer zu Hause war und er die Wohnung nie mehr für sich allein hatte, ließ er auch die lose Beziehung zu Tanja, der ehemaligen Aushilfe im Boxtempel, auslaufen. Früher war sie samstags oder sonntags zu ihm gekommen. Jetzt mussten sie sich stattdessen im Kino oder im Park treffen, und Olli merkte bald, dass ihm der Aufwand zu groß war.
Seine Mutter ließ sich gehen. Ohne die Besuchszeiten im Heim fehlte ihren Tagen der Rhythmus. Sie schien jeden Antrieb verloren zu haben und nur noch fernzusehen. Sie räumte nicht mehr auf und kaufte kaum noch ein, woraus er schloss, dass sie die Wohnung an vielen Tagen gar nicht mehr verließ. Wenn er abends die Wohnungstür aufschloss, huschte sie in ihr Zimmer. Dann verbrachte er die nächste halbe Stunde damit, die Küche wieder benutzbar zu machen. Er wusch das dreckige Geschirr ab, brachte den Müll nach unten, fegte, wischte Reste von den Arbeitsflächen, lüftete, um das stockige Gemisch aus Zigarettenrauch, Essen und feuchter Wäsche wenigstens so lange zu vertreiben, bis er selbst danach roch und es nicht mehr wahrnahm. Und mit jedem Handgriff, den er tat, wuchs sein Verdruss.
An einem Abend im Juli, etwa vier Wochen nach der Beisetzung, konnte er die Wohnungstür kaum öffnen, als er nach Hause kam. Ein Berg aus Altpapier, der sich neben der Badezimmertür stapelte, verstopfte den Flur. Die Glühbirne über dem Eingang war seit Langem kaputt, und durch die Küche drang nur wenig Abendlicht in den Flur. Fluchend ging Olli in die Knie, um die Papiere und Kartons zurück in die Ecke zu schieben. Dann stutzte er.
»Mama!«
Der Schrei traf sie bis ins Mark. So grundlos laut hatte sie früher nur ihr Mann angebrüllt, Olli nie.
»Was ist denn?« Ängstlich sah sie aus ihrem Zimmer. Er hockte in kurzen Sporthosen auf dem Boden, sein Haar war nass. In der einen Hand hielt er mehrere Briefe, mit der anderen wühlte er durch das Meer von Gratiszeitungen und Pappkartons.
»Die sind von der Hausverwaltung.« Die mühsam unterdrückte Wut verzerrte seine Stimme. Ein Wassertropfen löste sich aus seinen Haaren und rann den breiten Nacken hinunter.
»Ich weiß.«
»Ungeöffnet!«
»Ja, aber. Ich dachte …«
»Was?«, schnauzte er sie an.
Seit Tagen hatten sie nicht miteinander gesprochen. Es war ihre erste Unterhaltung seit dem Wochenende. Vielleicht war ihre Dünnhäutigkeit auch dadurch zu erklären. Sie lehnte sich gegen den Türrahmen und fing übergangslos an zu weinen. »Was ist denn los mit dir, Olli? So kenne ich dich gar nicht.«
»Ach ja? So kenn ich dich auch nicht.«
»Ich weiß«, schluchzte sie, doch er war so in Fahrt, dass er weitermachte, auch als sie abwehrend die Hand von sich streckte. »So will ich dich auch nicht kennen. Reiß dich gefälligst zusammen. Du bist kein Tier, verstanden? Du kannst dich verstecken und hinlegen zum Sterben. Das schaffst du gar nicht, dazu bist du viel zu zäh. Also geh raus! Geh verdammt noch mal endlich zum Friedhof und kümmer dich um Papas Grab. Was war diese Scheißbeerdigung …«
»Nein, nicht«, wimmerte sie. Seit Olli grußlos vom offenen Grab verschwunden und erst Stunden später wieder aufgetaucht war, hatten sie nie wieder über die Beerdigung gesprochen. »Bitte nicht.«
Er ließ den Kopf sinken und atmete schwer. »Warst du seitdem noch mal da?«
Sie zögerte. »Nein.«
»Dann geh hin. Das Grab sieht gut aus.«
Sie hielt den Atem an, wagte aber nicht nachzufragen.
»Den Kranz und die Gestecke habe ich weggeworfen, als sie verwelkt waren. Es ist frisch bepflanzt.« Langsam erhob er sich aus dem Haufen aus Altpapier. Gegen die Eingangstür war nur sein dunkler Schatten zu erkennen. »Ich war fast jeden Tag auf dem Friedhof. Aber ich will, dass du das von jetzt an machst. Außerdem suchst du dir Arbeit. Nicht sofort, aber bald. Und dann …«, er drückte den Haufen mit dem Fuß zurück in die Ecke, »dann ziehe ich aus.«
Ihre Augen weiteten sich angsterfüllt. »Wie …?«
»Irgendwie.« Er ging an ihr vorbei in die Küche, warf die geretteten Briefe von der Hausverwaltung auf die verklebte Wachstuchdecke, ließ sich auf die Bank fallen und riss den ersten auf. »Was ist hier überhaupt los im Haus?«
Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen, bemüht, sich wie verlangt zusammenzureißen. »Was soll denn los sein?«
»Sprichst du nicht mit den Nachbarn?« Er hielt einen Brief hoch, auf dem handgeschrieben »An alle Mieter« stand. Er hatte keine Ahnung, worum es ging. Normalerweise verließ er das Haus vor sieben Uhr morgens, arbeitete auf der Baustelle, danach schwarz als Handwerker, trainierte im Klub und kam erst gegen zehn Uhr abends nach Hause. Meistens mit Kopfhörern auf den Ohren, immer müde und nicht besonders aufnahmefähig. Auf Aushänge oder Bekanntgaben unten an der Hauswand hatte er nie geachtet.
»Selten in letzter Zeit.«
»Nicht mal mit Diana?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Dann schmeiß wenigstens die Scheißbriefe nicht weg.«
Ihre schmalen Schultern zuckten, sie fing wieder an zu weinen. »Aber du hast doch gesagt, dass du mit der Hausverwaltung und Mieterversammlungen und diesen Sachen nichts zu tun haben willst. Und so wie du in letzter Zeit warst – da wollte ich nicht auch noch damit kommen.«
Aber er hörte ihr schon nicht mehr zu, sondern las. Lange Zeit war nur das Rascheln des Papiers in seinen Händen zu hören und die unterdrückten Rülpser, während er die Dose leerte. Er trank, um Zeit zu gewinnen, und begann, während sein Herzschlag sich beschleunigte, zu begreifen, dass seine unmittelbare Aufgabe darin bestand, sich nichts anmerken zu lassen. Es war ein Angriff aus dem Nichts, den er da in den Händen hielt. Er überflog die entscheidenden Zeilen noch einmal. Das hier war schlimmer als die krumme Tour auf dem Friedhof. Jetzt wollte man sie ganz loswerden. Die Mutter und er sollten entsorgt werden aus der Stadt, man wollte sie raushaben, damit sie das Straßenbild so wenig störten wie die bessere Gesellschaft auf dem Friedhof. Er atmete flach.
»Ist es was Wichtiges?« Die Mutter trat vorsichtig näher und fischte mit schnellem Griff die Zigarettenpackung vom Regal. Draußen kreischten die Räder der S-Bahn auf den Gleisen.
»Nö.« Sein Mund war trocken. Bevor er zum Kühlschrank ging, faltete er die Briefe zusammen und steckte sie sorgfältig in die Umschläge zurück. Er wandte seiner Mutter den Rücken zu, öffnete die nächste Dose Bier und verharrte am Fenster.
Draußen war es fast dunkel. Durch den klaren, tintenblauen Abendhimmel schnitten die nahen Oberleitungen. Ein Signallicht blinkte. Keine zwanzig Meter entfernt liefen die Gleise über den Wall aus dunklen Schottersteinen, dahinter erstreckte sich die Stadt. Er hing an dieser schmutzigen Aussicht Richtung Süden. Die übrigen Fenster der Wohnung gingen zur anderen Seite, auf das verrostete Klettergerüst, den steinigen Sandkasten und die Wohnblocks der Siedlung. Von hier aus aber sah man den Alex. Wenn man wusste, wonach man suchte, konnte man im Hintergrund, über den Dächern des Prenzlauer Bergs, zwischen Antennen und Schornsteinen, die beleuchtete Spitze des Fernsehturms sehen. Es war ein Ausblick, der ihn mit Lokalstolz erfüllte, mit dem befriedigenden Gefühl der Zugehörigkeit.
