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Flucht und Vertreibung, Nachkriegskindheit im Sauerland Ankunft im neuen Zuhause. Zwei Zimmer ohne Mobiliar, ohne Bad und Küche mit Wasseranschluss im Hof. Essen gab es nur auf Lebensmittelmarken. Der Hunger bestimmte den Tag. Im Laufe der Jahre wurde es besser.
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Seitenzahl: 46
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Raureif
Rimake
Für meine Enkelkinder Laura, Frank, Angeli und Fiona,
in der Hoffnung, das sie später genauso gerne lesen, wie ich.
Vorwort
Potsdam 1942
an einem schönen milden Herbsttag im Oktober 1942 wurde ich geboren.
Zwar war ich ein Sonntagskind, was aber nicht darüber hinweg täuschte,
dass wir uns mitten im zweiten Weltkrieg befanden. Noch war es in Potsdam
aber friedlich.
Mein Vater arbeitete bei ARADO, einem großen Flugzeugwerk in Potsdam und
wurde aus diesem Grunde vom Kriegsdienst freigestellt. Meine Mutter als
gelernte Köchin arbeitete im gleich Werk in der Kantine. ARADO beschäftigte
überwiegend Zwangsarbeiter, die meisten aus Polen. An diese verteilte meine
Mutter auch das Mittagessen. Wenn möglich gab sie jedem ein Stück Fleisch,
was ihr dann mit "du gute Frau" gedankt wurde. Ihr taten diese Männer einfach
leid.
Als ich dann zweieinhalb Jahre alt war, kam der Krieg auch zu uns, und zwar
in Form von ständigen Bombardierungen.
Es herrschte fast ständig Fliegerarlarm. Vor allen Dingen nachts war das für
alle schrecklich. Wenn die Sirenen losheulten rannten alle in die Keller, Bunker
oder Splittergräben.
Wenn die Sirenen einsetzen, schnappte ich mir meinen Teddy, ein Kissen und
den Schnuller und legte mich im Keller schlafen. Für mich, wie für viele andere
Kinder wurde dieses bald zum Alltag.
Die Bombardierung erfolgte meistens nachts, dann kamen die "Christbäume",
die alles hell erleuchteten, damit die Piloten auch die Bombenziele erkennen
konnten und sahen, wohin die Bomben fielen. Diese "Christbäume" setzten in
ca. einem Kilometer Höhe ca. 50 Leuchtkerzen frei, die langsam zu Boden
schwebten, wobei sie ca. 5 Minuten brannten.
Viele Menschen starben jedesmal bei diesen Bombardierungen, meistens
Frauen, Kinder und alte Leute. Die Männer waren ja alle eingezogen und
mussten im Krieg kämpfen.
Am 25. April 1945 stand meine Mutter im Garten und hängte Wäsche
auf die Leine. Es war ein schöner Frühlingsmorgen. Es weht ein laues
Lüftchen. Die Wäsche wird auf jeden Fall heute noch trocken überlegte
sie, dann kann ich anschließend noch alles wegbügeln.
Sie war jetzt dreiundzwanzig Jahre alt. Ihr schwarzes Haar hatte sie
hochgesteckt. Entwarnungsfrisur hieß das. Alle Ihre Freundinnen liefen damit herum. Diese Hochsteckfrisur kam in den vierziger Jahren in Mode und
wurde im Volksmund schnell zur Entwarnungsfrisur.
Es war bereits später Vormittag.
Ganz in Gedanken versunken beobachtete sie mich beim Spielen im
Garten. Mein Vater lag noch im Bett und schlief. Mit meinen zweieinhalb
Jahren war ich schon sehr selbständig.
Plötzlich erklang in der Ferne ein dumpfes Grollen. Sofort wusste meine
Mutter, was die Uhr geschlagen hatte. Die Russen standen kurz vor dem
Einmarsch in Berlin und somit auch bei uns.
Jetzt konnten wir nur noch unser Heil in der Flucht suchen. Meine Mutter
packte mich und lief schnell ins Haus. Steh sofort auf, die Russen kommen
schrie sie meinen Vater an. Mein Vater wollte immer noch nicht glauben,
dass die Russen wirklich bis Berlin kommen würden. Sollte das alles mit
der V2 der Wunderwaffe und dem Endsieg doch nicht klappen.
Während meine Mutter das Nötigste, wie Kleidung, Decken und Proviant
zusammen suchte, kümmerte sich mein Vater um unsere persönlichen
Papiere, Sparbücher usw. Er verstaute alles in einem kleinen roten Koffer.
Jetzt bereute er, dass er nicht schon früher gegangen war. Immer hatte
er gegen meine Mutter gestanden, die schon viel eher gegangen wäre.
Man hätte mehr mitnehmen und auch noch gequem mit dem Zug nach
Westen reisen können, zumal ja beide aus dem Sauerland kamen und dort
auch noch ihre Familien lebten.
Alles war gepackt. Es musste jetzt schnellstens losgehen. Als wir zur
Tür herauskamen, war die Straße schwarz vor Menschen. Alle waren
auf der Flucht in den Westen. Viele waren schon monatelang unterwegs,
da sie aus den deutschen Ostgebieten kamen und waren entsprechend geschwächt vor Hunger und Kälte.
Wir schlossen uns dem nicht enden wollenden Zug an. Plötzlich hörte
meine Mutter ihren Namen rufen. Sie konnte es kaum glauben, aber ihre
Freundin Hertha, meine Patentante hatte sich auch auf den Weg gemacht.
Freudestrahlend fielen sie sich in die Arme. Von jetzt an zogen wir gemeinsam
weiter. Was sich als nicht so einfach herausstellte.
In der Gegend rund um Potsdam und Berlin gibt es riesige Kiefernwälder und
die Böden sind teilweise sehr sandig, was das Vorankommen ziemlich
erschwerte, vor allen dingen, da das aus Siherheitsgründen zum größten Teil nachts erfolgen musste. Tagsüber war das einfach zu gefährlich, da lagen die Russen
auf der Lauer und schossen auf alles was sich bewegte.
Nach zwei Tagen ergab sich für uns eine Chance auf besseres und schnelleres
Weiterkommen. Wir trafen auf die Reste der 9. Armee und auf die 12. Armee (Armee Wenck) welche sich auch auf dem Rückzug in Richtung Westen befand. Hier durften wir uns anschließen. Im Schlepptau dieser Armeen befanden sich
hunderttausende Flüchtlinge.
So gingen wir vor allen dingen also nachts weiter. Meine Eltern zogen abwechselnd
den "Sportwagen" , den Kinderwagen in dem ich oben auf den Decken saß,
hinter sich her. So jung ich noch war, wusste ich doch genau, dass ich keinen
Pieps von mir geben durfte. Wenn auch unbewusst, so spürte ich doch genau
die Gefahr, in der wir uns alle befanden. So geschah es ein um das andere Mal,
dass ich von dem Wagen rutschte und auf dem Weg saß und keinen Mucks
vor mir gab. Bis das meine Eltern bemerkten, waren sie schon einige Meter
weitergezogen. Ich saß ganz still auf dem Sandboden und wartete, bis Mama
