16,99 €
Kaum ein Thema erhitzt aktuell wahrscheinlich mehr die Gemüter als die Auseinandersetzungen um die Gendertheorie. Gibt es mehr als zwei Geschlechter oder werden hier Geschlechter und soziale Identitäten unzulässig gleichgesetzt? Welche gesellschaftlichen und juristischen Herausforderungen sind mit der zunehmenden Verbreitung von Genderidentitäten verbunden? Warum stehen gerade junge Mädchen und Frauen im Konflikt mit ihrem Geschlecht? Welche Rolle spielen Geschlechterrollenstereotype hierbei? Und nicht zuletzt: Welche Antworten kann uns der Feminismus auf all diese Fragen geben? Das Buch beobachtet, ordnet ein und stellt Frauen konsequent in den Mittelpunkt seiner Analyse. Manuela Schon ist Sozialwissenschaftlerin mit besonderem Schwerpunkt auf sozialer Ungleichheit und geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen. Sie ist außerdem feministische Aktivistin, Podcasterin und Autorin von 'Ausverkauft! Prostitution im Spiegel von Wissenschaft und Politik'.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 349
Veröffentlichungsjahr: 2022
Raus aus dem Genderkäfig!
Von Manuela Schon
© 2023 Manuela Schon
ISBN Softcover: 978-3-347-80261-2
ISBN Hardcover: 978-3-347-80269-8
ISBN E-Book: 978-3-347-80278-0
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Raus aus dem Genderkäfig!
Der Kampf um Frauenbefreiung im 21. Jahrhundert
von Manuela Schon
www.manuela-schon.de
Für alle Mädchen und Frauen, die keine sein wollen – und wollten.
Cages. Consider a birdcage. If you look very closely at just one wire in the cage, you cannot see the other wires. If your conception of what is before you is determined by this myopic focus, you could look at that one wire, up and down the length of it, and be unable to see why a bird would not just fly around the wire any time it wanted to go somewhere. Furthermore, even if, one day at a time, you myopically inspected each wire, you still could not see why a bird would have trouble going past the wires to get anywhere. There is no physical property of any one wire, nothing that the closest scrutiny could discover, that will reveal how a bird could be inhibited or harmed by it except in the most accidental way. It is only when you step back, stop looking at the wires one by one, microscopically, and take a macroscopic view of the whole cage, that you can see why the bird does not go anywhere; and then you will see it in a moment. It will require no great subtlety of mental powers. It is perfectly obvious that the bird is surrounded by a network of systematically related barriers, no one of which would be the least hindrance to its flight, but which, by their relations to each other, are as confining as the solid walls of a dungeon.
– Marilyn Frye
Cover
Raus aus dem Genderkäfig!
Urheberrechte
Titelblatt
Widmung
Mit besonderem Dank an
Vorwort
Einleitung
Erklärung zu Formulierungen in Bezug auf Geschlecht und Genderidentität in diesem Buch
Kapitel 1: Frauenverachtung und die Rolle der Körperlichkeit
Kapitel 2: Feministische Kämpfe und der Schutz geschlechtsbasierter Rechte
Kapitel 3: Identitätspolitik und queere Bewegungen
Kapitel 4: Genderidentitätstheorie und die Untergrabung von Frauenrechten
Kapitel 5: Alter Frauenhass, neues Gewand
Kapitel 6: Sei weiblich, oder du bist keine Frau!
Kapitel 7: Erfolg durch Transition?
Ausblick und Vision
Eingangszitate
Verwendete Literatur
Weitere Bücher von Manuela Schon
Cover
Urheberrechte
Titelblatt
Widmung
Mit besonderem Dank an
Weitere Bücher von Manuela Schon
Cover
I
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
86
87
88
89
90
91
92
93
94
95
96
97
98
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
113
114
115
116
117
118
119
120
121
122
123
124
125
126
127
128
129
130
131
132
133
134
135
136
137
138
139
140
141
142
143
144
145
146
147
148
149
150
151
152
153
154
155
156
157
158
159
160
161
162
163
164
165
166
167
168
169
170
171
172
173
174
175
176
177
178
179
180
181
182
183
184
185
186
187
188
189
190
191
192
193
194
195
196
197
198
199
200
201
202
203
204
205
206
207
208
209
210
211
212
213
214
215
216
217
218
219
220
221
222
223
224
225
226
227
228
229
230
231
232
233
234
235
236
237
238
239
240
241
242
243
244
245
246
247
248
249
250
251
252
253
254
255
256
257
258
259
260
261
262
263
264
265
266
267
268
269
270
271
272
273
274
275
276
277
278
279
280
281
282
283
284
285
Mit besonderem Dank an
… mein feministisches Kollektiv Die Störenfriedas für die politische Heimat.
… Liane Bissinger für die Prüfung des Manuskripts (nicht nur) auf medizinische Korrektheit.
… Monika Barz für die wertvollen Hinweise, die den vorliegenden Text deutlich verbessert haben.
… Barbara Guth für das Ausmerzen aller stilistischen und grammatikalischen Unsauberkeiten.
… die Teilnehmerinnen der Tagung Frauenrechte in Berlin im Dezember 2022, durch die ich nochmal die letzten Kräfte mobilisieren konnte, um das Buch fertigzustellen.
… meine Familie, die mir immer erlaubt hat, so zu sein, wie ich bin.
Vorwort
Dieses Buch kommt genau zur richtigen Zeit. Es bringt sachlich fundiert Ordnung in ein wildes Genderverwirrspiel. Es hilft, sich zurechtzufinden und sich zu orientieren, wenn Geschlechterfragen neuerdings als kompliziert dargestellt werden. Vor allem westliche Demokratien sehen sich seit Jahren einem Durcheinander von Begrifflichkeiten, Behauptungen, Befürchtungen und Begründungen gegenüber, wenn das englische Wort Gender eingebracht wird. Verwirrende Wortschöpfungen, wie Gendergerechtigkeit, Genderidentität, Gendersprache und vieles mehr prägen aktuelle Debatten im Rahmen neu geschaffener sogenannter Queerpolitik.
Nüchtern betrachtet, ist Gender schlicht das englische Wort für das soziale Geschlecht, das, was wir im Deutschen Geschlechterrolle nennen. Also alle Verhaltensweisen, die eine Gesellschaft jeweils spezifisch dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuschreibt. Geschlechterrollen unterliegen Veränderungen, sie sind sozial konstruiert, erleben kulturelle Variationen, sind vielfältig und in jeder Epoche veränderbar. Gender ist ein wichtiger Begriff für jene Wissenschaften, die sich mit gesellschaftlichen Strukturen beschäftigen. Er ist wissenschaftlich unverzichtbar, wenn es um Fragen der sozialen Ungleichheit von Männern und Frauen geht.
Sozialwissenschaftliche Patriarchatsanalysen verweisen auf den Zusammenhang von sex und gender, dem biologischen Geschlecht und den zugeschriebenen Geschlechterrollen. Das biologische Potenzial des Gebärens gilt als Ursache männlicher Dominanz über das weibliche Geschlecht. Dominanz gegenüber dem weiblichen Geschlecht sichert dem männlichen Geschlecht die Kontrolle über seine Nachkommen. Dominanz lässt sich mit Gewalt und Aggression aufrechterhalten und nachhaltig durch geschlechtsspezifische Rollenzuschreibungen festschreiben. Das biologische Geschlecht (sex) wird zum Anlass der Unterdrückung, durch die zugeschriebene Geschlechtsrolle (gender) wird sie legitimiert und über Generationen hinweg gefestigt (Lerner 1991: 263). Im Englischen wird dieser Zusammenhang kurz und prägnant ausgedrückt: Sex is why women are oppressed, gender is how women are oppressed.
Menschen, die an einer Gleichstellung der Geschlechter interessiert sind, brauchen Klarheit bei Begrifflichkeiten. Manuela Schon legt ein Buch vor, das Licht in das politische Gender-Verwirrspiel bringt, das sich um eine vermeintlich angeborene Genderidentität rankt und Gesetze zur Selbstbestimmung von Geschlecht fordert. Sogenannte Self-ID-Gesetze werden als neue moderne Freiheit angepriesen und nehmen damit in Kauf, elementare Rechte von Frauen und Jugendlichen zu verletzen. Sie sind Teil eines weltweiten Backlash gegen demokratisch errungene Frauenrechte. Die Oberflächlichkeit und die fehlende wissenschaftliche Fundierung, mit der auf Social-Media-Kanälen und in politischen Parteien für ein Self-ID-Gesetz argumentiert wird, sind fahrlässig, zum Schaden für unsere Demokratie. Dies liefert in Deutschland der politischen Rechten und weltweit machthungrigen Autokraten den willkommenen Anlass, westliche Demokratien mit ihrem Genderwahn lächerlich zu machen.
Eltern, Medien, Verbände, Gleichstellungsbeauftragte, Parteien, kurz gesagt, die Öffentlichkeit in Deutschland ist aufgewacht und versucht zu verstehen. Ihnen allen liefert dieses Buch eine Grundlage, um gesunden Menschenverstand, Wissenschaft, Feminismus und demokratische Freiheiten in Einklang zu bringen. Die Leserinnen und Leser werden sachlich fundiert mit leichter Hand in komplexe Zusammenhänge eingeführt, die verständlich mit einer Fundgrube von Beispielen beschrieben werden. Die Autorin eröffnet mit diesem Buch auch den Zugang zu Erfahrungen mit Self-ID-Gesetzen in anderen Ländern, die uns in deutscher Sprache bisher verschlossen waren.
Prof. Dr. Monika Barz
Reutlingen, den 17. Januar 2023
Einleitung
Wut bedingt es, Nein zu sagen, Grenzen zu ziehen, zu sagen: Das ist inakzeptabel. Und wenn wir nicht Nein sagen können, können wir auch kein ehrliches Ja sagen. Im Patriarchat wird Frauen beigebracht, sich auf Kosten der Wahrung ihrer eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Grenzen mit anderen zu verbinden. Feministinnen hingegen glauben daran, dass wir Frauen unter Wahrung unserer eigenen Grenzen zu einer Verbindung mit anderen gelangen können.
– Dee Graham
Die Debatte um Geschlecht und Genderidentitäten hat international und auch in Deutschland in den vergangenen fünf bis zehn Jahren rasant an Fahrt aufgenommen. Der legitime und wichtige Kampf um Minderheitenrechte beeinflusst Politik und Gesellschaft. Wie bereits in anderen Ländern zuvor, diskutiert Deutschland im Zuge einer notwendigen Reform des Transsexuellengesetzes (TSG) von 1980 über die Einführung eines sogenannten Selbstbestimmungsgesetzes. Feministinnen sehen hierin Fallstricke und Konsequenzen für Mädchen und Frauen – und verbalisieren diese. Viele sind wütend und fühlen sich nicht ausreichend gesehen. Zu Recht, wie dieses Buch zeigen will.
Ich erinnere mich noch gut, wie das Thema sich ab etwa 2014 mit immer mehr Macht in feministische Debatten drängte, da das, was Feministinnen zum Teil schon vor über 30 Jahren prognostiziert hatten, immer mehr Teil unserer Lebensrealitäten wurde. Verhalten und ängstlich begannen wir, uns öffentlich zu äußern. Allen hässlichen Anfeindungen zum Trotz ermutigten uns die zahlreichen Zuschriften Betroffener, denen feministische Analyse andere Erklärungsansätze für das, was sie durchlebten, an die Hand gab. In zahlreichen Städten manifestierte sich in Form von kleinen neu gegründeten Gruppen ein neuer feministischer Aufbruch.
Als Sozialwissenschaftlerin, die seit vielen Jahren im Bereich der geschlechtsspezifischen Gewalt gegen Mädchen und Frauen arbeitet und forscht, und Frauenrechtlerin, die die letzten 20 Jahre ihres Lebens mit feministischer Analyse und Praxis verbracht hat, konnte ich mich diesem Thema nicht entziehen. Der anfängliche Reflex, sich davor wegzuducken, wich zunehmend dem Gefühl der Notwendigkeit der Auseinandersetzung. Ich sichtete viele Abhandlungen, Studien und Analysen, bevor ich mich erstmalig öffentlich hierzu äußerte. Die Einarbeitung in das komplexe Thema habe ich im letzten Jahr noch einmal deutlich intensiviert und glaube, jetzt an einem Punkt zu sein, an dem ich mit diesem Buch zu der hitzig geführten Diskussion etwas Produktives beitragen kann.
Wie bereits in meinem Buch Ausverkauft! Prostitution im Spiegel von Wissenschaft und Politik, erschienen 2021 bei tredition, war es mir wichtig, mich auch dem Thema dieses Buches multidisziplinär zu nähern, also auch Veröffentlichungen anderer Disziplinen heranzuziehen und zudem historische Entwicklungen nicht außer Acht zu lassen.
Dieses Buch ist ein frauenbewegtes Buch. Es geht von der Lebenswirklichkeit von Mädchen und Frauen in einer patriarchal geprägten Gesellschaft aus. Es ist deshalb frauenzentriert und untersucht, welche Bedeutung Geschlecht und Geschlechterkonstruktionen für den weiblichen Teil der Bevölkerung haben. Es beschäftigt sich mit der Frage, unter welchen Vorzeichen junge Mädchen aufwachsen und welche Botschaften ihnen in ihrer Sozialisation vermittelt werden. Es stellt dar, wo aktuelle Entwicklungen mit Frauenrechten kollidieren.
Dieses Buch ist ein wissenschaftlich informiertes Buch, ohne den Anspruch eines Fachbuches zu reklamieren. Vor meinem professionellen Hintergrund und in meinem Verständnis als Feministin glaube ich an evidenzbasiertes Arbeiten, sowohl in der Wissenschaft als auch im politischen Handeln. Wir erklären uns die Wirklichkeit, indem wir Hypothesen aufstellen und versuchen, diese durch wissenschaftliche Erkenntnisse auf ihre Richtigkeit zu überprüfen, sie zu verifizieren – oder zu widerlegen.
Dieses Buch möchte anregen: Ich bin überzeugt davon, dass Soziologie und Sozialpsychologie zu diesem gesellschaftlichen Phänomen mehr als bisher beitragen könnten bzw. müssten. Während die Gender Studies zwar einerseits mit sehr viel Theoriearbeit zu Geschlechterkonstruktionen aufwarten, werden die dort aufgestellten Thesen kaum innerdisziplinär hinterfragt, keine Gegenangebote zum Verstehen der aktuellen Entwicklungen unterbreitet und es findet vor allem keine empirische Forschung dazu statt. Dies gilt es zu ändern.
Dieses Buch versucht, unaufgeregt zu sein, die Debatte zu versachlichen, zu strukturieren und zu entpersonifizieren. Es beansprucht nicht, endgültige Antworten zu formulieren. Zum jetzigen Stand der Debatte wirft es vielleicht mehr Fragen auf, als es Antworten gibt. Und vielleicht könnte ja genau das ein Ausweg aus den verhärteten Fronten sein?
Wenn wir uns bewusst werden, dass es keine einfachen und eindeutigen Antworten auf komplexe Zusammenhänge gibt.
Wenn wir die alte Weisheit beherzigen, dass es widerstreitende Interessen geben kann und keine simplen Lösungen.
Vor diesem Hintergrund erhoffe ich mir keine kritiklose Zustimmung, sondern sehe das Buch als Einladung zum Diskurs, und wünsche meinen Leserinnen und Lesern eine gewinnbringende Lektüre.
Schlangenbad, im März 2023
Manuela Schon
Erklärung zu Formulierungen in Bezug auf Geschlecht und Genderidentität in diesem Buch
Für mich als Feministin und Sozialwissenschaftlerin hat das biologische Geschlecht eine Bedeutung. Das werde ich im Buch ausführen.
Der Begriff cis Frau trägt für mich und andere Frauen mehrere problematische Implikationen mit sich:
1. Die Definition von Frau nach ihrer Genderidentität macht Frauen zu einer Subkategorie ihrer Kategorie Frau.
Unsere materielle Realität ist jedoch die einer Frau in einer nach wie vor patriarchal geprägten Gesellschaft. Die Kategorie Frau enthält für mich deshalb Frauen, inklusive aller weiblichen Personen mit einer non-binären, Trans- oder anderen Genderidentität.
2. Cis bedeutet: Ich bin sozial, emotional und psychologisch feminin und identifiziere mich mit meinem sozialen Status und den Normen, die Frauen von der Gesellschaft zugewiesen werden.
Dies trifft schlicht nicht zu. Ich zum Beispiel hatte das Glück, in einem Bewusstsein aufwachsen zu dürfen, dass meine Interessen und Vorlieben und meine Charaktereigenschaften nicht den durch die Gesellschaft vermittelten Geschlechterstereotypen entsprechen müssen – und dass eine Abweichung davon mich nicht weniger zu einer Frau macht.
Manche Formulierungen in diesem Buch werden beim Lesen etwas sperrig wirken. Es wird ein Versuch sein, einerseits den Wünschen von Menschen auf ihre Genderidentität so weit wie möglich zu entsprechen, beispielsweise durch Nennung der gewählten Vornamen in einer Klammer, aber andererseits darauf zu verzichten, in Bezug auf männliche Personen von Frauen (oder vice versa) zu sprechen.
Ich verwende gegengeschlechtliche oder frei gewählte Pronomen nicht oder nur dann, wenn sie in einem direkten Zitat vorkommen – und versuche stattdessen, gar keine zu verwenden.
Ich benenne Personen generell nur dann namentlich, wenn sie aktivistisch in der Öffentlichkeit auftreten und/oder ich durch die Vorkommnisse um ihre Person auf ein Problem für Frauenrechte aufmerksam machen kann.
Kapitel 1: Frauenverachtung und die Rolle der Körperlichkeit
Sie machten von Anfang an klar, dass die geringste Abweichung von der Norm bestraft werden würde. Sie haben alles in Gefängnisse verwandelt, sogar unsere Körper. Trag Rosa. Spiel mit Puppen. Schau in den Spiegel. Geh in die Schule. Lehn dich zurück und lächle, wenn sie dich beschimpfen. Halt Diät, wachse und schminke dich und schluck deine Medikamente. Folg der Mode. Arbeite. Konsumiere. Sei still. Gib ihm ein Pornostar-Erlebnis. Heirate. Kauf ein, koche, wasche, bügle, staub ab, staubsauge, schrubb und poliere. Arbeite eine 15-Stunden-Schicht (aber nenne Hausarbeit nicht „Arbeit“). Verschulde dich. Bekomm Kinder. Bleib verheiratet (oder sie werden dich und deine Kinder zerstören). Schau fern. Trag Stilettos.
Gehorche ihrem Gesetz. Spar für dein Alter.
Und sprich mir jetzt nach: „Ich bin frei.“
– Abigail Bray
Wenn wir uns die Arten und Weisen anschauen, in denen Mädchen und Frauen Unterdrückung erfuhren und erfahren, dann scheint das Arsenal der Grausamkeiten, mit denen die Hälfte der Bevölkerung malträtiert wurde und wird, schier unendlich.1 Für viele, vermutlich selbst jene, die sich bereits eingehend mit feministischer Analyse befasst haben, wird die nachfolgende Lektüre sicher äußerst schmerzhaft werden. Die sehr ausführliche Darstellung dieser Unterdrückungsweisen ist jedoch für das Verständnis der weiteren Ausführungen unentbehrlich.
Die Schönheitsindustrie, wie wir sie heute kennen, ist in den 1920er Jahren entstanden. Vorher gab es keine Massenvermarktung von Kosmetikartikeln. Make-up wurde als Farbe bezeichnet und mit der öffentlichen Frau in der Prostitution verbunden. Roter Lippenstift datiert zurück auf den mittelalterlichen Nahen Osten und signalisierte, dass die prostituierte Frau Oralsex praktizieren würde. Der Ort der gewöhnlichen Frau war im 19. Jahrhundert das eigene Heim. Mit der langsamen Eroberung des öffentlichen Raumes fand Make-up die heute bekannte Verbreitung und ist in der gesellschaftlichen Wahrnehmung untrennbar mit Vorstellungen von Weiblichkeit verbunden. Frauen, die sich der Kosmetik in ihrer minimalen Verwendung verweigern, gelten oft als lesbisch oder krank – zum Beispiel wird Nichtnutzung unter Fachkräften in der Psychotherapie als medizinischer Indikator für schlechte psychische Gesundheit verwendet. Dabei macht Make-up krank: Frauen mit einem täglichen Schönheitsritual setzen sich, noch bevor sie aus dem Haus gehen, im Schnitt 200 synthetischen Chemikalien aus. Alleine für die USA schätzt man auf 200.000 medizinische Notfälle im Jahr aufgrund von allergischen Reaktionen auf Kosmetikprodukte. Mit Botulinum Toxin (Botox) wird eine der giftigsten biologischen Substanzen massenhaft injiziert. Aber auch andere Füllstoffe, sogenannte Filler, führen oft zu wesentlichen Körperveränderungen, z.B. die Lippenaufspritzung. Oft mit irreversiblen Schäden. Darüber hinaus fehlen unzählige Stunden, die für entsprechende Schönheitspraktiken aufgewandt werden, für andere Aktivitäten, was einen bedeutenden Stressfaktor darstellt.2 In Südkorea hat sich eine Praxis namens V-line surgery ausgebreitet, bei der es sich um eine chirurgische Veränderung des Kiefers handelt, um ein v-förmiges Gesicht zu erhalten. Hierfür muss der Kiefer für sechs Wochen verdrahtet werden, was zu einer bleibenden Taubheit oder auch zum Tod führen kann.
Das Bedecken der Haare und die Verschleierung in den monotheistischen Religionen haben den gleichen Ursprung wie das Make-up: Auf diese Weise konnte in der Öffentlichkeit über viele Jahrzehnte zwischen der öffentlichen Frau – der allen Männern zur Verfügung stehenden prostituierten Frau – und der privaten Frau – die das Eigentum eines einzigen Mannes darstellt(e) – unterschieden werden. Entsprechende Kleidungsvorschriften gelten bis heute unter anderem in zahlreichen muslimisch geprägten Staaten. Gerechtfertigt werden sie damit, dass Männer sonst sexuell in Versuchung geführt werden könnten. Als gesundheitliche Folgen belegt sind zum Beispiel Asthma, hoher Blutdruck, Hör- und Sehprobleme, Hautausschläge und Folgen für die mentale Gesundheit. Erinnert sei an dieser Stelle an die mutigen Kämpfe der Frauen im Iran, die seit vielen Jahren für eine Entschleierung eintreten und dabei ihr Leben riskieren. Die Proteste wurden zuletzt am 16. September 2022 angeheizt durch die Ermordung von Jina Mahsa Amini: Sie starb in Polizeigewahrsam an einer Hirnblutung, nachdem sie wegen unangemessener Bekleidung festgenommen und zu Tode geprügelt worden war. Die in der Folge unter drohender Lebensgefahr protestierenden Frauen wurden sodann von Medien, Abgeordneten und der Frau des Präsidenten als Prostituierte beschimpft (CBC News, 2022).
Brustvergrößerungen sind eine Praxis, die in den 1960er Jahren ihren Anfang fand. Auch hier ist der Ursprung direkt auf die Sexindustrie zurückzuführen: Im Nachkriegs-Japan trafen die zierlichen Japanerinnen nicht ganz den Geschmack der amerikanischen US-Soldaten, für deren Vergnügen sie sorgen sollten, sodass man(n) versuchte, mit wöchentlichen Silikoninjektionen Abhilfe zu schaffen. Nicht viel später hielten sie Einzug in den Stripclubs von Las Vegas und der amerikanischen Pornographie. Im Jahr 1975 hatten bereits mehr als 12.000 Amerikanerinnen entsprechende Operationen vornehmen lassen. Die Injektionen stellten ein großes Gesundheitsrisiko dar, da das Silikon im Körper wandern konnte. Im schlimmsten Fall konnte eine Amputation drohen. Aufgrund eines bevorstehenden Verbots durch die American Food and Drug Administration sattelte die Industrie um auf Implantate, die in der Regel einen Verlust der Empfindsamkeit der Brustwarzen mit sich bringen. Die weiteren gesundheitlichen Auswirkungen sind zu zahlreich, um sie alle aufzuzählen, und reichen von Autoimmunerkrankungen bis zu verschiedenen Krebsarten. Erwähnt werden soll jedoch, dass mehrere Studien ein signifikant höheres – nämlich ein dreifach erhöhtes – Suizidrisiko bei Frauen, die sich einer kosmetischen Brustvergrößerung unterzogen haben, belegen konnten.
Mehr als eine Million Mädchen weltweit sind von der kulturellen Praxis des Brustbügelns betroffen. Um sie „vor Vergewaltigung zu schützen“, werden Mädchen in der Pubertät bei Eintritt des Brustwachstums durch erhitzte Gegenstände verbrannt und/oder die Brüste mit heißen Pressverbänden abgebunden. Die Folge sind schwere Brandwunden, Zysten und Infektionen. Hauptverbreitungsgebiet ist insbesondere Kamerun, aber auch Mädchen in Togo, Guinea, Nigeria und Tschad sind betroffen. Organisationen wie die NGO Renata leisten unermüdlich Aufklärungsarbeit gegen diese gefährliche und traumatisierende Praxis, kämpfen aber wie überall gegen Windmühlen. Betroffene Mädchen protestieren mit Transparenten mit Aufschriften wie „Die Folter muss aufhören“ oder „Wir sagen nein zu Brustbügeln, wir lieben unsere Brüste“ (Schon 2020).
Das Korsett prägte die Zeit des 19. bis frühen 20. Jahrhunderts und erlebte ein Revival durch Topdesigner der Modeindustrie des späten 20. Jahrhunderts, die zahlreiche sadomasochistische Utensilien in ihre Modeschöpfungen integrierten. Es steht für Einengung, Schmerzen und die Zerstörung weiblicher Gesundheit. Die Fähigkeit zu atmen wird massiv eingeschränkt.
Wo Kleidungsstücke nicht mehr ausreichen, wird für das Erreichen einer Wespentaille auf chirurgische Eingriffe zurückgegriffen. So ließ sich Sophia, die Gattin des wegen erpresserischen Menschenraubes an einer für ihn tätigen prostituierten Frau verurteilten Bordellbetreibers Bert Wollersheim (Der Westen 2012), der 2011 eine eigene Fernsehsendung auf RTL II erhielt und beliebter Gast in zahlreichen TV-Formaten ist, 2017 in den USA vier Rippen entfernen, was in der Folge zu gravierenden Komplikationen führte, da der Arzt die Leber durchbrach, und Schmerzen in Form von Höllenqualen folgten (Gala 2021). Auch wenn diese Eingriffe in Deutschland (aktuell) verboten sind, stellt Wollersheim international keinen Einzelfall dar.
Einer der aktuell gefährlichsten chirurgischen Eingriffe ist der sogenannte Brazilian Butt Lift. Für einen Betrag von 5.000 bis 10.000 Euro werden in den Po Implantate eingesetzt oder Eigenfett transplantiert. Einer von 3.000 Eingriffen endet tödlich. Der Düsseldorfer Arzt Ali Reza S. wurde 2021 wegen Körperverletzung mit Todesfolge in zwei Fällen angeklagt. Eine dritte Frau hatte knapp überlebt. Er wurde zu drei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt. Häufige Nebenwirkungen solcher Eingriffe sind Spannungsgefühle, Schmerzen und Schwellungen, es besteht jedoch vor allem das Risiko einer Lungenembolie (Lifeline 2021).
Der weit verbreitete Trend der Intimrasur und des Brazilian Waxing ist ein Resultat der Pornoindustrie, um männlichen Konsumenten einen Blick auf unbehaarte weibliche Genitalien zu ermöglichen. Ähnliche Erwartungen an die Betrachtung des weiblichen Intimbereiches hegen die Besucher von Stripclubs. Ein weiterer Ausgangspunkt liegt in der zunehmenden Verbreitung des Teen-Porn-Genres und dem Wunsch nach kindlicher wirkenden Frauen. An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Phantasie des sexuellen Missbrauches von Minderjährigen ein weit verbreitetes Thema in der Pornographie ist. Dies zeigt sich unverhohlen an den Titeln (zum Beispiel Daddy does it (Vati tut es), Dad & Daughter Diaries (Vater und Tochter Tagebücher),History of Incest. Forbidden Daughters (Geschichte des Inzest. Verbotene Töchter)) und der bildlichen Darbietung – sehr jung aussehende Frauen aufdrapiert mit Zöpfchen und Kuscheltieren – entsprechender Filme.
In Zusammenhang mit besser sichtbaren Genitalien entstand auch der Trend zu weiblicher Genitalkosmetik. Darunter fallen unter anderem: Labiaplastik (Verkleinerung der inneren und Vergrößerung der äußeren Schamlippen), Vaginalverjüngung, G-Punkt-Unterspritzung, Fettabsaugungen am Schamhügel und an den Schamlippen und Reduzierung der Klitorishaut. Obwohl eine digitale Nachbearbeitung der pornographischen Aufnahmen mit dem Ziel der Herstellung einer optischen Uniformität weiblicher Genitalien üblich ist, ist diese Praxis der sexualchirurgischen Operation in der Sexindustrie weit verbreitet, weshalb auch vom Penthouse-Effekt gesprochen wird. Interviews des amerikanischen Soul Magazine mit Frauen, die sich diesem Eingriff unterzogen haben, ergaben als Gründe Ängste und mangelndes Selbstbewusstsein über die vermeintliche Hässlichkeit der Labien. Ein australischer Schönheitschirurg gab an, dass 90 % seiner Patientinnen fälschlicherweise der Meinung waren, dass etwas mit ihnen falsch wäre. 2009 warnte das Ärzteblatt vor dem gefährlichen Trend (Ärzteblatt 2009) und sprach fünf Jahre später von Operationen ohne Tabu (Ärzteblatt 2014). Berichtet wurde, dass in Deutschland bereits im Jahr 2005 rund 1.000 Schamlippenstraffungen und 2011 bereits 5.440 Schamlippenkorrekturen durchgeführt worden waren. Als häufige Folgen sind unter anderem anhaltende Schmerzen, Wundheilungsstörungen, Entzündungen und Verwachsungen, schwerwiegende Funktions- und Empfindungseinschränkungen oder eine zu große Verengung der Vaginalöffnung bekannt.
Weltweit sind laut WHO 200 Millionen Mädchen und Frauen von weiblicher Genitalverstümmelung (FGM) betroffen. In der Regel sind die Mädchen bei der Durchführung zwischen 0 und 14 Jahre alt. Die Zahl der betroffenen und bedrohten Mädchen und Frauen in Deutschland wird auf mehr als 50.000 geschätzt. Die Praxis wird in weiten Teilen Westafrikas, Ostafrikas und Zentralafrikas sowie Ländern wie dem Jemen, dem Irak (insbesondere bei den Kurdinnen), Indonesien, Malaysia und vermutlich in zahlreichen weiteren Ländern durchgeführt. Was viele nicht wissen: Auch in unseren Breiten gibt es eine Geschichte mit diesem grausamen Handeln. Als Rechtfertigung dienen frauenfeindliche Narrative, wie jenes, dass FGM treu und ehrlich mache, damit Jungfräulichkeit garantiere und den Platz als ehrbare Frau sichere, oder dass FGM zu Sauberkeit führe. Die Praxis soll der Frau weh tun und dient dazu, ihre Sexualität einzuschränken. Die gesundheitlichen Folgen reichen von grausamen Schmerzen beim Sex, Schwierigkeiten beim Urinieren und bei der Menstruation, Komplikationen beim Sex und unter der Geburt, Unfruchtbarkeit bis hin zum Tod.
Nach einer Statista-Research-Department-Umfrage aus dem Jahr 2008 gaben 97 % der befragten 20- bis 35-jährigen Frauen an, ihre Beine zu rasieren (Statista 2008). Dass es sich um eine weibliche Praxis handelt, wird bereits dadurch angedeutet, dass Männer zu diesem Körperbereich gar nicht erst befragt wurden. Wenngleich die Zeitung Nordbayern im Jahr 2021 titelte: Immer mehr Frauen legen den Rasierer aus der Hand, ergibt sich aus den im Artikel dargestellten Zahlen ein anderes Bild. So heißt es dort in Bezugnahme auf eine Studie des Industrieverbands Körperpflege- und Waschmittel, dass neun von zehn Frauen weiterhin zum Rasierer (oder Ähnlichem) greifen. Und: Je jünger der Mensch, desto glatter aalt er sich durchs Leben […], nur zwei Prozent der befragten 18- bis 29-Jährigen lassen wachsen (Nordbayern 2021). Als Grund lässt sich konstatieren, dass haarige Beine als unweiblich gelten, mit Ekel verbunden werden und damit die Chancen bei der Partnersuche deutlich schmälern.
Hand aufs Herz: Wie viele von uns haben sich schon mehr als einmal gefreut, nach Hause zu kommen und die unbequemen Schuhe an den Füssen loszuwerden? Und trotzdem quälen sich unzählige Frauen regelmäßig mit Schuhen herum, die schmerzen, zu einem unsicheren Gang führen und gesundheitliche Folgen mit sich bringen. Eine amerikanische Studie aus dem Jahr 2001 kam zu dem Ergebnis, dass weit mehr als jede zweite Frau (59 %) täglich für mindestens eine Stunde unbequeme Schuhe trägt. Der Großteil gab als Grund an, dem Partner oder Arbeitgeber damit gefallen zu wollen. Schuhe mit Absatz gelten gemeinhin als sexuell attraktiv für Männer. Tom Ford war 14 Jahre lang als Modedesigner für Gucci tätig und äußerte über die sexuelle Attraktion von High Heels: Weibliche Paviane gehen, wenn sie sexuell erregt sind, auf Zehenspitzen. Männer finden Frauen in High Heels unbeschreiblich sexy. Die Einführung der Schuhe in einem amerikanischen Bordell in den 1850er Jahren leitete ihren Siegeszug ein. Die plastische Chirurgie bietet auch für die hieraus resultierenden gesundheitlichen Probleme absurde Lösungen an, die gegen jede medizinische Warnung zahlreich angenommen werden: Kürzungen der Zehen, Verschmälerung der Füße, Collagen-Injektionen für die Ferse. Die American Orthopaedic Foot and Ankle Society (AOFOS) sah sich bereits im Dezember 2003 bemüßigt, vor Eingriffen in die komplexe Struktur der Füße zu warnen, da ein vollständiger Verlust des Laufvermögens die Folge sein könnte. Zu diesem Zeitpunkt hatte bereits mehr als die Hälfte der befragten Orthopäden gesundheitliche Beschwerden behandelt, die aus entsprechenden Eingriffen resultierten. Darüber hinaus sind neun von zehn Betroffenen des Hallux valgus, der am meisten verbreiteten Fehlstellung des Fußes, bei der der große Zeh einen Schiefstand aufweist, Frauen. Es können auch ganzkörperliche Funktionsstörungen in aufsteigender Folge (Knie – Hüfte – Wirbelsäule) resultieren.
Über einen Zeitraum von etwa 1.000 Jahren, beginnend im elften Jahrhundert, wurde in China das Füßebinden praktiziert, was eine Verkrüppelung von Millionen von Mädchen- und Frauenfüßen herbeiführte. Ziel war es, eine Hierarchie zwischen Männern und Frauen herzustellen. Durch die eingeschränkte Bewegungsfreiheit fungierte die Praxis auch wie eine Art Keuschheitsgürtel. Männer erregten sich – ähnlich wie bei den High Heels – an den kleinen Schrittchen und wackelnden Popos des weiblichen Teils der Bevölkerung. Je kleiner der Fuß, umso begehrter die Frau für die Eheschließung. Und umso höher die erzielbaren Preise der in die Prostitution verkauften Frau. Dort, in der Prostitution, bei den Tänzerinnen am kaiserlichen Hof, hatte diese Praxis auch ihren Ursprung. Ein weiteres Beispiel dafür, dass schädliche Praktiken aus der Prostitution zum allgemeinen Schönheitsideal wurden und werden.
Mit dieser Körperreise von Kopf bis Fuß wollte ich mehrere Erkenntnisprozesse anregen. Zum einen ging es mir darum aufzuzeigen, dass die Unterdrückung der Frau in der patriarchalen Gesellschaft in erster Linie über den biologisch weiblichen Körper ausgeübt wird. Das, was die Feministin Mary Daly treffenderweise als Sadoritual bezeichnete (Daly 1981: 153f), finden wir historisch und geographisch in verschiedenen Varianten wieder. Bei aller Unterschiedlichkeit sind die Parallelen zwischen früheren und heutigen Praktiken oder Praktiken im sogenannten Westen gegenüber solchen in sogenannten Entwicklungsländern oft erschreckend ähnlich. Und dies gilt vor allem für die Funktion, die ihnen zugeschrieben wird.
Zum anderen war es mir ein Anliegen zu zeigen, dass wir frauenfeindliche Praktiken, sofern sie uns in unserer eigenen Kultur ansozialisiert wurden, nicht zwingend als solche erkennen, sondern viele von uns internalisiert haben und an ihnen partizipieren, ohne uns beispielsweise ihres Ursprunges bewusst zu sein. Auch wenn es uns in unseren Breiten vielleicht vollends bewusst sein wird, dass es sich bei weiblicher Genitalverstümmelung oder Brustbügeln um gewaltvolle und frauenverachtende Praktiken handelt, liegt dies für viele Mädchen und Frauen, die davon betroffen sind, durch deren Sozialisation eben nicht gleichermaßen auf der Hand. Und genauso werden in anderen Teilen dieser Welt vielleicht Praktiken, die für uns als normal gelten, wenig nachvollziehbar erscheinen.
Welch hervorstechende Rolle die weibliche Sexualität, vor allem deren Kontrolle, spielte und spielt, ist das Zweite, das hier verdeutlicht werden soll. Deshalb möchte ich im Folgenden auf die Rolle von sexueller Besitznahme sowie die Bedeutung der Kontrolle weiblicher Reproduktion in diesem Machtverhältnis vertieft eingehen und beides anhand weiterer Beispiele ausführen.
Sexuelle Verfügung …
Unterschiedliche Formen sexueller Belästigung haben fast 60 % der weiblichen Bevölkerung ab 15 Jahren erfahren, bei Frauen mit Universitätsabschluss und in den höchsten Berufsgruppen liegt die Betroffenheit bei 75 %. Frauen ergreifen unzählige Sicherheitsmaßnahmen, wenn sie sich nachts im öffentlichen Raum bewegen, und selbst tagsüber werden einige Orte männlicher Dominanz bewusst oder unbewusst gemieden. Auch wenn die meisten Täter sexueller Gewalt Nahestehende sind, haben unerwünschte Kommentare oder Anmachversuche ein Vermeidungsverhalten zur Folge und flößen Angst oder zumindest Unwohlsein ein.
Der französische Soziologe Pierre Bourdieu verweist auf das der Sexualität innewohnende Herrschaftsverhältnis und beschreibt die sexuellen Vorstellungen beider Geschlechter als asymmetrisch: Bis in die euroamerikanischen Gesellschaften unserer Tage haben Jungen und Mädchen sehr unterschiedliche Auffassungen von der Liebesbeziehung, die von Männern zumeist gemäß der Logik der Eroberung verstanden wird. […] Vor allem aber gilt der Geschlechtsakt selbst bei den Männern als eine Form von Herrschaft, von Aneignung, von „Besitz“. Fast wortgleich hatte die Feministin Andrea Dworkin dies bereits 1987 konstatiert.
Bourdieu verweist darauf, dass das französische baiser oder das englische to fuck dem Wortsinn nach beherrschen, seiner Macht unterwerfen bedeuten. Während der Geschlechtsakt für Frauen als intime und stark von Gefühlen durchdrungene Erfahrung nicht unbedingt Penetration einschließe, wohl aber ein breites Spektrum von Aktivitäten wie Sprechen, Berühren, Liebkosen, Umarmen, …, neigten Männer zur Abkapselung der Sexualität, die sie als aggressiven und vor allem physischen, auf die Penetration und den Orgasmus ausgerichteten Eroberungsakt begreifen würden (Bourdieu 2012: 39f). Weiblichkeit gilt hierbei als Attribut der Schwäche: Ein Mann, der von einem anderen Mann vergewaltigt wird, wird als weiblich angesehen. Der Akt der militärischen Invasion in ein Land wird als Vergewaltigung bezeichnet. Dieses Bild wurde erst kürzlich wieder im Bezug auf den Krieg gegen die Ukraine bemüht.
13 % der deutschen Frauen, also fast jede siebte Frau, war gemäß der letzten in Deutschland durchgeführten Gewaltprävalenzstudie nach eigenen Angaben seit dem 16. Lebensjahr Opfer von sexueller Gewalt. 18 % der Mädchen und Frauen im Alter zwischen 14 und 25 Jahren war von körperlicher sexueller Gewalt betroffen. In einer repräsentativen Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gab fast ein Drittel aller jungen lesbischen und bisexuellen Frauen dieser Altersspanne an, bereits sexuelle Gewalt erfahren zu haben. Auch Frauen mit Beeinträchtigung sind besonders betroffen: Mehr als jede zweite gehörlose Frau hat sexuelle Gewalt erlitten. Wenn einer recht aktuellen Studie zufolge 13 % der 14- bis 17-jährigen Mädchen angeben, bereits beim Sex gewürgt worden zu sein – euphemistisch redet man heute von Atemkontrollspielen – und fast ein Viertel der amerikanischen Frauen angibt, sich beim Sex vor dieser Praxis zu fürchten, dann ist dies als alarmierend zu bezeichnen (The Atlantic 2019).
Dabei noch nicht berücksichtigt sind jene Gewalthandlungen, die in der Sexualität einvernehmlich praktiziert werden. Nicht erst seit dem Erfolg der 50 Shades of Grey-Reihe – die Filme feierten jeweils symbolträchtig zum Valentinstag Kinopremiere – hat BDSM (Bondage, Disziplinierung, Sadismus, Masochismus) ganz selbstverständlich Einzug in die Schlafzimmer gehalten. Ich habe noch für keinen meiner Texte so viel Gegenwind von Frauen erhalten, wie für meinen 2017 veröffentlichten Beitrag zu diesem Thema (Schon 2017). Ich sprach davon, dass weibliche Sexualität geprägt ist von den gesellschaftlichen Machtverhältnissen, in denen weibliche Unterordnung fetischisiert wird. Ich stellte fest, dass BDSM ungleiche Machtverhältnisse, Schmerz und Misshandlungen erotisiert. Anstatt darüber zu diskutieren, warum es so viele Männer erregt, Frauen weh zu tun, wurde in vielen Reaktionen immer wieder betont, dass viele Frauen es so wollen und darauf stehen. Dem ist offensichtlich so, aber die Gründe dafür sind nicht individuell, sondern Relikt der Gesellschaft, in der wir leben. Neben den heftigen Abwehrreaktionen erhalte ich jedoch bis heute auch viele Zuschriften, in denen Frauen sich bedanken, dass sie durch meinen Text den Zusammenhang zwischen sexueller Gewalt in ihrer Kindheit und ihrer Partizipation an BDSM-Sex herstellen konnten.
Generell erkennen große Teile der Bevölkerung sexuelle Gewalt gar nicht erst als solche, wie eine britische Studie zeigen konnte: Ein Drittel der britischen Bevölkerung hält sexuelle Handlungen, zu denen eine Frau gedrängt wurde, dann nicht für eine Vergewaltigung, wenn keine physische Gewalt angewendet wird. Zehn % der Befragten sind nicht der Meinung, dass es sich um sexuelle Gewalt handelt, wenn eine Frau dabei betrunken ist oder schläft. Neulich las ich, wie eine Frau von einem solchen Fall in Social Media berichtete – sie war wach geworden, als ihr Partner im Schlaf in sie eingedrungen war – und Hunderte von Frauen kommentierten darunter mit ähnlichen Erfahrungen. Einer von drei der befragten Männer der Studie vertrat die Ansicht, dass eine Frau ihre Meinung während des Sex, dem sie ursprünglich zugestimmt hat, nicht mehr ändern kann. Einer von vier denkt, dass unerwünschter Sex in einer langjährigen Beziehung keine Vergewaltigung sei, und 40 % sahen ein ohne Erlaubnis entferntes Kondom nicht als Vergewaltigung an (YouGov 2018). Und selbst dann, wenn eine Frau erkannte Gewalt anzeigt, ist die Verurteilungsquote auf einem historischen Tiefstand. Als Feministinnen 1980 in Großbritannien anfingen, Kampagnen für das Ende der sexuellen Gewalt zu organisieren, lag die Verurteilungsquote bei einem von drei angezeigten Fällen. 2020 lag sie bei 1 von 65 Fällen (Bindel 2021: 33). Auch in Deutschland ist die Verurteilungsquote auf einem historischen Tiefstand und sinkt immer weiter: In den 90er Jahren lag sie noch bei über 20 Prozent, von 2014 bis 2016 ist sie auf 7,5 Prozent gesunken, so der Kriminologe Christian Pfeiffer. Dabei gibt es große Unterschiede zwischen den Bundesländern, in Sachsen lag sie bei 21,4 Prozent, in Berlin dagegen bei 3,4 Verurteilten pro 100 Anzeigen (taz 2020).
Vergewaltigung in der Ehe wurde hierzulande erst 1997 zum Straftatbestand erhoben – gegen die Stimmen von 138 Abgeordneten des Deutschen Bundestages. Noch 1966 wurden Frauen vom Bundesgerichtshof belehrt, dass ein teilnahmeloses Geschehenlassen nicht den ehelichen Pflichten entspräche: Wenn es ihr versagt bleibt, im ehelichen Verkehr Befriedigung zu finden, so fordert die Ehe von ihr doch eine Gewährung in ehelicher Zuneigung und Opferbereitschaft.3 Gleichgültigkeit und Widerwillen seien nicht zur Schau zu stellen. Und übrigens: Weltweit sind etwa 650 Millionen Mädchen und junge Frauen von einer Kinderehe betroffen, fast immer mit einem deutlich älteren, erwachsenen Ehepartner. In mehr als einem Drittel der Fälle waren die Mädchen jünger als 15. Auch hier sollten wir es uns verkneifen, dies ausschließlich den anderen zuzuweisen, denn solche Ehen gehörten auch in Europa lange Zeit zur Realität. Selbstredend spielt die mit in die Ehe gebrachte Jungfräulichkeit – die Unbeflecktheit des Mädchens – bekanntlich eine große Rolle. Einige grausame Praktiken, mit denen diese sichergestellt werden soll, wurden bereits dargestellt.
Der ehrbaren Frau, die ihrem Mann sexuell zu Diensten zu sein hat, der Heiligen, steht die Hure gegenüber, an der männliche Promiskuität ausgelebt werden kann. Auf eine vertiefte Darstellung der Prostitution als Gewalt gegen Frauen möchte ich an dieser Stelle verzichten, da ich dies in meinem Buch Ausverkauft! sehr ausführlich dargelegt habe (Schon 2021). Was jedoch aus den bisherigen Ausführungen klar geworden sein sollte, ist, wie zahlreiche frauenverachtende Praktiken früherer und heutiger Zeit direkt auf die Prostitution zurückzuführen sind. Deshalb möchte ich es an dieser Stelle bei Bourdieus Feststellung von Prostitution als nackte[r] Ausübung der Macht über die auf Objektstatus reduzierten Körper (Bourdieu 2012: 33) belassen.
Eingehen möchte ich jedoch auf die Studienlage zur nachgewiesenen Wirkung der gefilmten Prostitution, der Pornographie, die zeigt, dass der Konsum Auswirkungen auf die gesellschaftlichen Einstellungen zu Gewalt gegen Frauen hat.
Eine Auswahl:
• Pornokonsum erhöht die Akzeptanz von Vergewaltigungsmythen (zum Beispiel: Eine Frau, die einen kurzen Rock trägt, trüge eine Mitverantwortung).
• Es gibt einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Nutzung von Pornographie und positiven Einstellungen in Bezug auf Gewalt gegen Frauen.
• Pornonutzung erhöht die Wahrscheinlichkeit, sexuelle Straftaten zu begehen.
• Pornokonsum führt zu dem Glauben, dass Opfer eine Vergewaltigung genießen.
• Pornokonsumenten halten niedrigere Strafen für Vergewaltiger für angemessen.
• Männer urteilten signifikant häufiger, dass eine unter Einfluss von KO-Tropfen vergewaltigte Frau bekam, was sie wollte, und Befriedigung aus der Tat zog, nachdem sie einen sexuell objektifizierenden Film (keinen Porno) angeschaut hatten.
• Frauen, die an einem Programm für Opfer häuslicher Gewalt teilnahmen, waren signifikant häufiger sexueller Gewalt ausgesetzt, wenn der Partner Pornokonsument war (Banyard 2016: 117ff).
Wie sollte Pornographie auch keine solchen Auswirkungen haben? Frauen in der Pornographie, auch der angeblich feministischen, werden als Fotzen und Schlampen beschimpft. Sie werden geschlagen, gewürgt, gefoltert, gefesselt, auf sie wird uriniert, sie werden von einem Dutzend Männern gleichzeitig benutzt – einige überleben den Dreh nicht.
Vergewaltigung wurde und wird auch als Kriegswaffe eingesetzt. In Liberia wurde während des dortigen Bürgerkriegs gegen drei von vier Frauen sexuelle Gewalt verübt. Etwa 25.000 muslimische Frauen wurden in Bosnien während des Kosovo-Kriegs systematisch vergewaltigt. Die Nazis richteten in den Konzentrationslagern Lagerbordelle ein, ebenso wie sie Bordelle für Wehrmacht und SS errichteten. Die heutigen Sextourismuszentren in Asien sind aus den Erholungs- und Vergnügungszentren des US-Militärs hervorgegangen.
Andrea Dworkin wird die Aussage zugeschrieben, dass jeder heterosexuelle Sex eine Vergewaltigung sei. Dies hat sie tatsächlich nie geschrieben oder gesagt. Die von ihr geäußerte Beobachtung war vielmehr, dass nach Abzug von Prostitution, Pornographie und sexueller Gewalt – ob als solche erkannt oder nicht – Männer kaum mehr Sex hätten und fast als keusch gelten könnten und dass wohl hieraus das Label der Sexnegativität resultiere, welches Feministinnen angeheftet werde (Dworkin 1987: 61). Dworkin, die sich durch messerscharfe Analysen auszeichnete, hatte die hier dargestellte Rolle der Sexualität im Herrschaftsverhältnis erkannt. Die Psychologieprofessorin Dee Graham stellte fest, dass die anatomischen Geschlechterunterschiede genutzt werden, um Menschen in zwei ungleichwertige Gruppen einzuteilen. Sexuelle Gewalt sei hierbei das Mittel, um Frauen zu zeigen, dass sie keine Männer sind, weshalb diese Form der Gewalt bei Frauen so viel Furcht auslöse (Graham 1994: 144ff).
Die angebliche sexuelle Revolution der 1960er Jahre war ein wesentlicher Motor für die Entstehung der sogenannten zweiten Welle der Frauenbewegung. Von Frauen wurde Sex erwartet. Sie wurden getauscht, gruppengefickt, gesammelt, kollektiviert, objektifiziert, in den heißen Scheiß aus der Pornographie verwandelt, und sozial neu in ihre traditionell weiblichen Rollen gepresst (Dworkin 1983: 91). Robin Morgan schrieb 1970: Wir haben den Feind getroffen und er ist unser Freund. Und gefährlich. […] Es tut weh zu verstehen, dass eine Frau in Woodstock oder Altamont als verklemmt oder zur Spielverderberin erklärt werden konnte, wenn sie nicht vergewaltigt werden wollte (Morgan 1977: 128). Gerade die Erkenntnis über die Rolle der Sexualität in der Unterordnung der Frau erwies sich als politische Sprengkraft.
… und reproduktive Kontrolle
Ich weiß nicht, wie oft meine männlichen Leser in ihrem Leben bereits gefragt wurden, ob es nicht langsam Zeit für Kinder sei? Wie oft ihnen Ärzte ungebeten Tipps zur Familienplanung gegeben haben? Wie oft sie in ihrem Leben bereits auf ihre (potenzielle) Fähigkeit, Kinder zu zeugen, reduziert wurden? Ich erinnere mich an unzählige solcher Gelegenheiten, in denen mir die Gesellschaft das Gefühl gab, als Nichtmutter keine vollwertige Frau zu sein. Gesellschaftspolitisch findet frau sich hier in einem Paradox zwischen der Erwartung nach konsequenzenloser Verfügbarkeit und der Rolle als Gebärmaschine wieder. Das möchte ich näher ausführen.
Die Erfindung der Pille
