Raus aus meiner Küche, Mann! - Andrea Parr - E-Book

Raus aus meiner Küche, Mann! E-Book

Andrea Parr

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Beschreibung

Eine neue Spezies ist zu besichtigen: der "kochende Mann". Vom Grill hat er sich vorgearbeitet in die Küche und das Hochleistungskochen für sich entdeckt. Über diesen vermeintlichen Traumtypen könnte man natürlich froh und dankbar sein: den Küchencrack, der um das gemeinsame Wohl besorgt ist und sich partnerschaftlich am Haushalt beteiligt! Ist das aber nicht ein Irrtum? Bei genauerem Hinsehen: Ja. Und sind Männer, die kochen, sexy? Auch auf den zweiten Blick: Nein. Im Gegensatz zur Frau, die still und alltäglich vor sich hinköchelt, wird das Kochen beim Mann zum lautstarken Mega-Event und Statussymbol - weit entfernt von normaler Hausarbeit. Diesem neuen Phänomen im Drama Mann-Frau spürt dieses Buch - politisch völlig unkorrekt - in fünf Akten nach.

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Seitenzahl: 168

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Zu diesem Buch

Der Mann in der Küche ist wünschenswert und überfällig. Doch warum empfinden Frauen – bei aller Dankbarkeit – eine wachsende Aversion gegen kochende Männer? Weil ihnen der Löffel aus der Hand genommen wird oder weil sich die Alphatiere am Herd aufführen wie der Wilde Watz, agierend zwischen Saucen-Gott und Küchen-Nazi, weit entfernt von Hausfrauen-Image und Herdprämien-Gefahr?

Die Autorinnen

Tina Georg ist Germanistin und freie Übersetzerin. Andrea Parr ist promovierte Theaterwissenschaftlerin, von ihr sind bereits mehrere Bücher erschienen (u.a. Herzen pflastern ihren Weg, Mythen in Tüten, Pepita La Pistolera, La Belle und La Betty, Das kommt mir spanisch vor - Madrid für Anfänger). Beide leben in München.

Inhalt

Vorwort

Erster Akt

Der Herd ruft – Wir wetzen die Messer

Zweiter Akt

Auf Beutezug – Wir heizen ein

Dritter Akt

Gas geben! - Wir schmoren durch

Vierter Akt

In Teufels Küche – Wir sind weichgekocht

Fünfter Akt

„Applaus, Applaus!“ - Wir sind al punto

Vorwort

Heutzutage benutzen Männer Augencremes und Feuchtigkeitsfluids, sie tragen auch im Sommer Schals, und anstatt brav weiter zu grillen und sich ansonsten ohne großes Getue an der alltäglichen Hausarbeit zu beteiligen, haben sie das anspruchsvolle Hochleistungskochen für sich entdeckt und führen sich entsprechend auf.

Pioniere dieser neuen Spezies „kochender Mann“ waren die Metrosexuellen, die die Kurve zum Gastro-Sexuellen genommen haben und damit gleich zweimal punkten: Mit dem neuen Statussymbol Kochenkönnen rüsten sie ihr ohnehin gepflegtes Ego weiter auf, und sind zum Wunschobjekt all jener Frauen geworden, die allein der Metrosex nicht mehr ins Bett locken könnte.

Natürlich sind Frauen froh und dankbar, weil immer mehr Männer pompös auftischen und sich damit offenbar als Traumtypen erweisen: Mit Lust um das gemeinsame Wohl besorgt und partnerschaftlich am Haushalt beteiligt, das volle Verwöhnprogramm vom Küchencrack!

Ist das aber nicht ein Irrtum? Bei genauerem Hinsehen: Ja.

Und finden wir Männer, die kochen, sexy? Auch auf den zweiten Blick: Nein.

Ist es nicht eher so, dass Männer das Kochen eben nicht als normale Hausarbeit ansehen, sondern als ganz großes Event mit noch größerem Brimborium, um alle Welt zu beeindrucken, während Frauen still und leise und selbstverständlich für den Alltag kochen?

Der krähende Gockel versus eifrig scharrende Hühnerschar?

Es soll hier keineswegs ein Plädoyer gegen den Mann in der Küche ausgesprochen werden, der kochende Mann gehört zu einer liebens-und schützenswerten Spezies.

Doch deren zunehmend eitles Gebare gepaart mit Besserwisserei und Platzhirschverhalten ruft bei Frauen zunehmende Gereiztheit hervor.

Deshalb haben wir ein – augenzwinkerndes - Anti-"Männerkochen ist sexy"-Projekt gestartet und sagen nur eines: Raus aus meiner Küche, Mann!

Tina Georg und Andrea Parr

Erster Akt

Der Herd ruft – Wir wetzen die Messer!

Der „Mann am Herd“ ist das Resultat einer erstaunlichen Karriere. Keine andere Hausarbeit hat es wie das Kochen geschafft, in den Rang eines der prestigeträchtigsten Männerhobbys aufzusteigen. Kochen können gehört mittlerweile bei Männern, die sich auf der Höhe der Zeit bewegen, zum guten Ton, und verwundert konstatieren wir die Verwandlung einer häuslichen Fertigkeit in ein Attribut von Männlichkeit. Der gemeine Hobby- oder Gelegenheitskoch wird zum angesagten Männeridol stilisiert.

Denn Kochen steht seit etwa zehn bis fünfzehn Jahren mit an der Spitze der begehrtesten Eigenschaften, die ein Mann als potentieller Partner mitbringen sollte, Frauen assoziieren damit Sinnlichkeit und Genussfreude und gleichzeitig eine gewisse häusliche Orientierung, wenn nicht sogar den Nestbautrieb. Für Männer hingegen ist das Kochen State of the Art im alten Alphatierverhalten geworden: Was die Fernsehköche da vorturnen, kann ich auch - und die Frauen krieg ich gleich mit dazu!

Diese bemerkenswerte Entwicklung verlief parallel zu der Flutung der deutschen Wohnzimmer mit Kochshows im Minutentakt, die unbestritten der Hauptmotor waren für den Hype um den „Mann am Herd“ und die angeblich jedem zum Hals raushängen. Sie werden trotzdem weiterguckt und sind zum festen Bestandteil der Eventisierung des Alltags geworden, die vor nichts mehr halt macht. Die anfänglichen Kochshows, die durchaus Lerneffekte boten und zur Volksgesundheit beitragen konnten, sind zu prolligen Challenges mutiert, und jüngst sind zu den hysterischen hyperventilierenden TV-Köchen auch die Bäcker und Patisseure in den Ring gestiegen: Platzhirsch versus Backmamsell. Advent, Advent, der Ofen brennt…

Kochende Männer gab es schon immer, sei es auf hohem Niveau am Niedergarrohr mit geschmorten Rinderbäckchen an Hagebuttensauce oder eher auf Sparflamme mit aufgewärmten Dosenravioli. Die professionelle Kochzunft ist seit dem 16. Jahrhundert, als bei Kaisers und Königs die Hofköche Einzug hielten, eine Männerdomäne, und sie ist es bis heute geblieben: Vom Fußvolk in den Ausbildungsküchen bis zu den Sterneköchen in Gourmettempeln. Im Durchschnitt kommt in deutschen Restaurants auf zehn Männer eine Profiköchin. Und diese zehn Männer sind der Rest, der übriggeblieben ist von der Zahl der Lehrlinge, die Koch werden wollten, denn jeder zweite bricht seine Koch-Ausbildung ab, weil Kochen Knochenarbeit für Hungerlohn bedeutet: Azubis im dritten Lehrjahr erhalten zum Beispiel in einem Hotel am Frankfurter Flughafen 615 Euro.

Beim Verband der Köche Deutschlands heißt es, dass viele Berufsanfänger „schlicht falsche Vorstellungen vom Alltag in der Küche“ haben. Und: “Kochshows im Fernsehen sind interessant, aber sie zeigen nicht die Wirklichkeit.“(Spiegel online, 27.4.2014)

Gewerbemäßiges Kochen ist also überwiegend männlich, was vielleicht auch daran liegt, dass es als Beruf viel Kraft erfordert. Zumindest in der Großküche ist es körperliche Schwerstarbeit: Lasten und Kochgut heben, Hitze wie Küchendunst ertragen, viele Stunden schnell auf den Beinen sein, Wochenende und Feiertage arbeiten – so etwas ist nicht nur beinharter Job, sondern auch für die Familie belastend. Zudem herrscht in der Profiküche strikte Hierarchie und ein militärisch-rauer Ton wie auf dem Kasernenhof, was nicht jedermanns Sache ist, und die Sache jeder Frau erst recht nicht.

Eventuell ist professionelles Kochen für Frauen auch deshalb kein Thema, weil sie sich fragen: „Wieso das noch als Beruf, wo ich doch sowieso täglich zuhause kochen muss?“ (wie man in Blogs lesen kann).

Während also der Berufsverband über „Nachwuchsmangel in der Küche klagt und die Zahl der Lehrlinge sich in den vergangenen acht Jahren von etwa 42000 Verträgen auf heute 23000 halbiert hat, ist indes die Spezies „kochender Mann“ aus der häuslichen Küche nicht mehr wegzudenken - was für die potentiell unter Zeitmangel stehende und immer kochunwilligere moderne Frau des 21. Jahrhunderts ein wahrer Segen sein könnte.

Doch leider entpuppt sich das gegenwärtige ambitionierte Männerkochen als Mogelpackung, denn es hat sich ein Trend entwickelt, den man auch mit leiser Sorge beobachten kann: Der kochende Mann gibt zwar Zeugnis von seiner Kennerschaft und seiner Genussfreude, er achtet auf seine Gesundheit und hält sich fit, ist kosmopolitisch gestimmt und weitgereist und greift auch gerne tief in den Geldbeutel, wenn er zu Tisch bittet. Zudem verführt er schwierige Frauen mit raffinierten Menüs, beeindruckt die Ehefrauen nicht-kochender Kumpels und überrascht als der lustvolle Küchencrack auf Verwöhnprogramm.

Aber die Sache hat einen Haken, denn dieser Traumtyp hat auf seinem Weg von Grundkenntnissen zu Expertenwissen beschlossen, dass richtiges Kochen jetzt mal Männersache ist und die Küche sein Revier, wo Frauen - wenn sie geduldet werden, als Kochgroupies quasi - vorgeführt wird, wie Profikochen geht. Hip und cool und mindestens auf Augenhöhe mit dem Michelin, nur weil er dreimal Jamie O. & Co. geguckt hat und nun weiß, wie das geht, oder vielmehr, wie das NOCH BESSER geht!

Ein neues feines Statussymbol liegt da in Reichweite, und wenigen Frauen gelüstet es ebenfalls danach, qua Kochexpertise ihr Image und ihren Marktwert aufzupolieren – im Gegenteil, sie machen Platz. Für sie stellt die Selbstverwirklichung am Herd zunehmend eine der letztmöglichen Optionen dar, sie positionieren sich fernab von Eintopf und Auflauf.

Die heutigen Frauen (nicht nur die in der Rushhour-Phase zwischen 32 und 45) haben die Schürzen abgelegt und sind beglückt darüber, bekocht zu werden – vielleicht nicht immer hungrig, aber bestimmt froh, weil man sie nicht in alte Rollenklischees drängt. Sie sind zur Freude des Kochs allzu bereit, den Helden dieser einstmals nur ihr verordneten Hausarbeit zum Küchengott zu erklären: Wie gut er das kann und wie „süß“ und „sexy“ das alles ist!

Denn wie seine Augen leuchten, wenn er von Mohn- und Kapernkrusten und Seeigeltatar auf Oliveneis mit Fenchelpüree spricht. Und wie er die Zubereitung komplizierter Wildhasenfonds begeistert zum abendfüllenden Partythema werden lässt. Und mit welcher Hingabe er sein neues digitales Wasserbad in Betrieb nimmt, worin er den Hummer so einfühlsam, fast zärtlich massakriert: „Ein Schuss Weißwein noch, und er leidet nicht so, der Arme, weil er dann betrunken ist.“

Und ist es nicht so erotisch wie rührend, wie er mit dem Pürierstab agiert, wie er schäumt, poeliert und sorbiert?

Die harten Kerle kochen sich weich, das Hantieren am Herd wird von immer mehr Männern als ausgesprochen sinnlich empfunden, als lustvoller Ausgleich zum überwiegend digitalisierten und aseptischen Arbeitsleben. So wird das Kochen zu einer wahren Berufung: Alles ist so haptisch, alles so schön bunt. Und wie das riecht, es geht doch nichts über frische Kräuter und pralle Tomaten! Da erschafft man etwas, Kochen ist viel schöner als der dröge und stressige Job im Büro: Dauernd vorm PC sitzen und die verschiedenen Koch-Blogs der Beef Buddies verfolgen...

Es ist auffällig, wie viele Menschen sich zur besten Tageszeit, sprich: während der normalen Bürozeiten, in diversen Wurstsack-Foren und -Chats tummeln und ihren Senf abgeben zum raffiniertesten Fond, dem sanftesten Dünsten, dem besten Stück am Vieh und fachsimpeln über martialische Kochgeräte wie Flammenwerfer und Kopffräsen.

Männer unter sich, auch analog. Sie gründen Kochclubs, besuchen Abendkurse und buchen Seminare bei Sterneköchen, um dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit, sprich: Frauen, über Sauteusen, Ober- oder Umluft und die Zubereitung des einzig wahren Gurkensorbets zu schwadronieren.

Alles wie immer, Bruderschaften mauern, nur diesmal am Herd!

Und wo bleiben die Damen? Vor allem junge Frauen ohne Kinder sagen heute gerne, sie könnten nicht kochen. Oft behaupten sie dies, weil sie permanent auf Diät oder sowieso eher frugal und rohkostig gestimmt sind und Salat in Form von grünen Smoothies zu sich nehmen und der Kühlschrank bis auf Säfte oder Wodka leer ist und sie überhaupt alles lieber TO-GO haben. Die Kochunlust ist ferner geprägt von einer gewissen Lieblosigkeit dem eigenen Körper gegenüber, sie haben keine Zeit, mögen dies nicht und das nicht, es ist egal, was und ob sie essen, weil sie überhaupt eigentlich gar nichts essen… und so weiter und so fort.

Manchmal aber sagen sie das nur, weil sie wissen, dass Herd plus Frau zur Hausfrau führt. Sie sind klug und wehren den Anfängen, (begeben sich damit aber auf Augenhöhe mit Männern, die behaupten, nicht bügeln zu können. Mehr dazu später). Für Männer hingegen ist es paradoxerweise fast Standard, kochen zu können, und wenn nicht, dann nehmen sie die Herausforderung an: Nicht Kochen-Können gibt’s nicht. Selbstzweifel? Gibt’s auch nicht. Mann ist Koch vom ersten Kochversuch an und kann sich nur steigern. So wird er in sieben Tage zum Sternekoch: Eine Challenge, die bravourös bestanden wurde!

Vom Keller durch den Garten in die Küche

Die Zeiten, in denen der Mann sich mit schnödem Grillsport zufrieden gibt, sind lange vorbei, hartnäckig hat er sich vorgearbeitet, ist aus seiner Eckkneipe, seinem Heimwerkerkeller und der Garage hervorgekrochen, heraus aus den Niederungen von Modelleisenbahn und Auto-Motorrad-Geschraube, zur Sonne, zur Freiheit, zum Herd!

Warum aber bloß zum Herd? Ist die Küche der Rückzugsraum der heutigen Männer, ist sie die frauenfreie Zone für die armen Männer, die alles, was früher Spaß gemacht hat, verloren haben?

Die klassischen MännerHobbys entstammen nicht dem häuslichen Bereich, sondern kommen aus der Welt da draußen. Und Frauen finden sie in der Regel auch nicht „süß" – höchstens in der Phase frischester Verliebtheit -, sondern sind da neutral: Hobby eben. Eine Freizeitbeschäftigung, die das Leben zu zweit oder en famille nur insoweit tangiert, als sie zeitraubend ist und potentiell gemeinsame Stunden dahin schmelzen lässt. Denn männliche Hobbys sind selten paar- oder familientauglich, wenn wir absehen von „auf dem Motorrad mitfahren“ oder Angelausflüge mit Picknickkorb. Und sie finden außer Haus statt oder in dem berühmten geschützten Raum, dem Hobbykeller eine Etage tiefer, in dem geschraubt, gehämmert, gelötet und verkabelt wird. Aber auch ebenerdig und direkt im Wohnbereich gibt es diesen Raum, das Hobby- oder sogenannte Arbeitszimmer für die Sammler und Tüftler und Künstler unter den Männern – Schmetterlinge, Mineralien, alte Bücher, Münzen, Briefmarken, Aquarelle – und ja, auch die gute alte Eisenbahn ist immer noch en vogue. Alles was klein ist, fein und wertvoll und unfertig und nicht in fremde Hände darf.

Gelegentlich trifft man zwar auch Männer beim Stricken, Häkeln oder Nähen an, aber das sind und bleiben höchst sporadisch auftretende Selbermach- und Spaß-Aktionen. Natürlich kommt die eine oder andere bunte coole Mütze dabei heraus, die mit großer Begeisterung auch verschenkt wird. Und welche Mutter oder Freundin fände das nicht „süß“ und „total lieb“? Aber nichts von diesen häuslichen Handarbeiten taugt ernsthaft für ein Männerhobby. Das Weibliche ist dem Stricken und Sticken einfach nicht auszutreiben, und Witze über Männer, die häkelnd auf dem Sofa sitzen, funktionieren immer. Zum Beispiel: Sitzt ein Mann auf dem Sofa und häkelt...

Garage, Hobbykeller oder -zimmer sind also ausgewiesene Männerräume, und das sollen sie auch bleiben. Selten fließen Dinge durch deren geschlossene Türen in den gemeinsamen oder eigenen Haushalt. Das ist ja das Schöne am Hobby, dass es eine Liebhaberei ist, die ganz zu dem Menschen gehört und bei ihm bleibt, der es ausführt und der sich keinerlei Fragen nach dem warum und wozu ausgesetzt sehen darf. Im altmodischen deutschen Begriff „Steckenpferd“ steckt noch anders als im englischen „Hobby“ (eine Verkürzung von „Hobby-Horse“, „kleines Pferd“) die Nähe zum Spielzeug. Das Steckenpferd wohnte noch in den Kinderzimmern unserer Großeltern und vielleicht gibt es auch heute hier und da ein Dachboden, wo es seit Jahrzehnten in einer Kiste verstaut liegt. Es ist ein Stecken mit einem Pferdekopf mit Halfter, gedacht zum kindlichen Herumhüpfen in der Einbildung, auf einem richtigen Pferd zu sitzen. Schöner und bündiger kann man das Wesen des echten Hobbys nicht beschreiben: Man tut so, als ob! Ein Hobby ist kein Beruf, sondern Spiel und Spaß, es dient keinem höheren Zweck, man macht es rein aus Lust und Liebe, Selbstverwirklichung inklusive.

Wenn doch praktischer Nutzen abfällt wie beim Heimwerken, Töpfern oder Sachen reparieren, die man eigentlich wegschmeißen wollte, bleibt es trotzdem eine Freizeitbeschäftigung und tangiert niemanden. Solange es nicht selbstgeschmiedete Treppengeländer sind, die ein für alle Ewigkeiten in die Diele montiert werden, kann man Selbstgemachtes nach einer gewissen Zeit auch ein bisschen wegräumen und in Schränken und Kartons „aufbewahren“.

Seit jüngerer Zeit, jetzt schon in zweiter, dritter Generation, gibt es jedoch ein Männerhobby, das Frauen, Familie, Freunde und weiteres Umfeld aufs Entschiedenste tangiert und unbedingt auf Anwesenheit und Augenzeugenschaft angewiesen ist: Grillsport! Selbst wenn Frauen nicht immer Lust auf dieses fette, saftige, leckere Stück Fleisch oder Wurst haben - Grillen macht einfach gute Laune, findet draußen statt, ist gesellig und schmeckt irgendwie dann doch allen. Da steht der Mann am Grill und sorgt für das gemeinsame leibliche und seelische Wohl. Er trinkt das Bier aus der Flasche, das umstehende Männer gekühlt und in Reichweite halten und ist zu Recht happy. Wer am Grill steht, hat das Sagen, keiner seiner Kumpels redet ihm hier rein! Das könnte Frauen eigentlich auch gefallen: Mit links das kühle Bier kippen, mit rechts die Grillzange schwingen und um sie herum Männer barfuß im Gras, die abnicken und einfach mal die Klappe halten.

Aber Grillen ist eindeutig Männersache, selbst wenn Frauen das hinkriegen würden. Wir kennen jedoch sehr, sehr wenige, die Spaß daran haben oder hätten. Und sie sehen die Vorteile des Männergrillens: Der Kerl ist beschäftigt und guter Dinge und steht nicht wie sonst, wenn es Essen geben soll und vielleicht auch Gäste kommen, zwischendurch in der Küche rum, unschlüssig, ob er jetzt doch schon mal den Tisch deckt oder lieber 'ne Runde daddeln geht und uns machen lässt. Er steht am Grill, und wenn Kinder da sind, gucken die gerne zu. Der Rest wie Brotschneiden, Salat machen, Messer und Gabel rausgeben geht fast wie von selbst. Soße braucht es nicht, und Gemüse mögen Männer eher nicht so (geht auch anders, siehe später). Also bleibt der Herd kalt und die Töpfe im Schrank.

Ein weiterer Vorteil ist die Arbeitsteilung bei Einkauf und Vorbereitung: Bei der „Operation Grillen“ ziehen oft die Männer los und kommen mit ihrer Beute gar nicht erst ins Haus, sondern legen im Idealfall das ansehnliche Metzgerpäckchen wie in Gutsherrenzeiten auf der Schwelle zum Küchentrakt ab, um sich sodann um das Feuermachen zu kümmern. Was sie an Öl, Saucen und Gewürzen aus der Küche noch brauchen, bringen wir auf Zuruf schnell raus. Hauptsache, wir Frauen müssen nicht den Inhalt der unzähligen Einkaufstüten, die der Mann im Überschwang angeschleppt hat, in Schränke und Kühlschrank räumen, wir müssen kein Fleisch von Knochen lösen, keine Wurstschlangen zerteilen und keine XXL-Hähnchenschenkel wie Puzzleteile in die größte Pfanne einpassen und dann am Herd stehen und schwitzen. Heute nicht, heute wird gegrillt!

Zunächst war das Grillen für Männer ein klassisches Sommerhobby, das in eigenen Gärten, auf öffentlichen Wiesen und am See oder Fluss ausgelebt wird - wann immer das Wetter es zulässt. Dann aber kam das Grillen für unser Empfinden allzu plötzlich auch auf Terrasse und Balkon. Die archaischen Grillfeuer sind weitgehend domestiziert worden, die Geräte inzwischen klein und trendy und elektrisch, und vom frühen Frühling bis in späten Spätherbst kann gegrillt werden, was nach Lust und Laune in den Speiseplan eingebaut wird. Der Grillsport an sich erscheint jedoch irgendwann erschöpft, und auch das Image hat mit der Domestizierung gelitten – es sind nicht mehr die Cowboys, die den Grill anschmeißen und Wurst draufhauen, sondern die Baumarktfreunde und Balkonmenschen. Außerdem landet auf den neuen Heimgrills immer öfter auch von Frauenhand feines Gemüse, geruchsfreier Fisch oder Fleisch ohne Fett. Also Grillen ist das eigentlich nicht. Das ist „gesund Essen“, und darüber wacht in der Regel wieder die Frau - derweil der Mann sich über den Winter ein neues Hobby gesucht hat. Jetzt nämlich wird gekocht!

Eine stetig wachsende Zahl Männer ist in die Küche vorgerückt und gibt sich nicht mehr mit dem Sommergrillen oder verweichlichten Gas- oder Elektro-Grillen zufrieden, eine neue Herausforderung ruft: Richtiges Kochen, am Küchenherd, für die Liebste, die Familie, für Gäste, Nachbarn, alle!

Der Grill-Zombie mutiert also zum Nouvelle Cuisine-Gourmet. Das „Böse“ ist nun mitten unter uns, angekommen in Gestalt des Koch-Profis, des Hobby-Experten, des Küchen-KÜNSTLERS!

Nur zur Klarstellung: Hier soll kein Mann wirklich aus der Küche gejagt werden, wir wollen keine Rückwärtsrolle zu KKK. Der kochende Mann an sich gehört zu einer liebens-und schützenswerten Spezies und sollte nach unserer Auffassung für moderne Aufgaben- und Rollenverteilung einstehen, für die Demokratisierung des Haushalts.

Aber tut er das wirklich? Hält der Hobbykoch dem Alltag stand?

Der Kochalltag in deutschen Haushalten nämlich zeigt, dass hier mit großem Bohei lediglich ein neues Revier markiert wird, Brutzeln auf Testosteron, wo man sich schnelle Lorbeeren verdient als Soßen-Gott und Super-Papi. Und ist der kochende, ambitionierte und gourmetverliebte Kerl am Herd, der auf die Niederungen der normalen Alltags-Hausfrauenküche nur mit gelinder Verachtung blicken kann, nicht vielleicht anstrengender als die aussterbende Gattung des anachronistischen motorölverschmutzen Helden des guten alten Hobby-Handwerks?

Diesem traditionell eher Koch-Blockierten konnte man eine schnelle Wurscht in die Hand drücken, und er hat gestrahlt. Heute wird genörgelt, wenn’s nicht Bio-Vegan-Regional ist, und am besten, er nimmt das selbst mal in Angriff, fängt den Fisch womöglich direkt im Flusslauf nebenan und kocht den Fond höchstpersönlich und lässt dies auch jeden wissen.

Die Sache ist nämlich die: Wenn Männer kochen, so tun sie dies nicht klaglos still und zweckorientiert wie die meisten Frauen, sondern stets mit lautem Getöse. Dem Kochrausch wird nur offensiv verfallen, mit viel Show und großer Dramatik. (Dazu auch Herbert Hacker, Helden am Herd, Zeit online, 1.11.2007)

Der Mann am Herd kocht nicht einfach, nein, er ZAUBERT. Er zelebriert, er zieht eine Riesen-Show ab, er liefert Koch-Kunststücke: mit tollem Speiseplan, noch tollerer Rezeptur und dem allertollsten Hauptdarsteller überhaupt – nicht der Wolfsbarsch im Jerk- Garnelen-Curry ist der Star des Abends, sondern er, der Wolf im Schafspelz, der Koch!