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>>Die Vision, die ich am Anfang hatte, ist mittlerweile zur Realität geworden. Es wurde zwar leicht abgeändert, aber der Kern war derselbe.<<
In den letzten Jahren gab es kaum einen Hardcore Künstler in Deutschland, der so facettenreich und polarisierend wirkte wie X-Teknokore.
Mit seiner musikalischen Vision veröffentlichte er mehrere Alben und gründete zwei große Independent-Labels. Dazu vertrieb er eine Veranstaltungsfirma, die
sehr erfolgreich durch die Decke gegangen war und prägt den monumentalen Choir-Sound in der Hardcore-Szene.
Doch wer ist der Mann hinter X-Teknokore wirklich?
Zum ersten Mal überhaupt erzählt Dennis Gwozdz seine ganze Geschichte. Erzählt von der eigenen Perspektivlosigkeit seiner Kindheit bis hin zu der Liebe der Hardcore Musik. Im Buch wird einen Einblick in die Hardcore Techno Szene geworfen, was er alles erlebt hat und wie er seine Hardcore Songs nach und nach immer besser produziert hat.
Rave is Pain – Von der Gabber Zone zum Hardcore Monument. Eine Geschichte, die das Festhalten einer Vision beschreibt.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen:
Originalausgabe
1. Auflage 2021
©2021 by Empire Verlag
Postfach 250462
D-42240 Wuppertal
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Manuskriptbearbeitung: Mike Franke
Redaktion: Maurice Tschache, Nadine Tschache, Alexandros Grevenitis
Umschlagabbildungen: Dennis Gwozdz
Layout, Satz und E-Book: Mike Franke, Dennis Gwozdz
ISBN: 978-3-9696-9921-8
Prolog
Nullum Effugium
Initium
Portam
Monumentum
Testamentum
Imperium
Phoenix
Epilog
Danksagung
Alles, was ich in diesem Buch erzähle, habe ich tatsächlich so erlebt. Einige Namen wurden durch Pseudonyme ersetzt, um niemanden großen Schaden hinzuzufügen. Auch ein paar Locations wurden leicht abgeändert und passend für das Buch Rave is Pain gemacht.
Jeder Tag ist eine Herausforderung für uns alle, der die Summe aller Schritte zu dem macht, was wir heute sind. All die guten und schlechten Taten sind das Endresultat, was wir in der Gegenwart repräsentieren. Es beginnt mit einem Gedanken. Aus den Gedanken werden Worte. Dann werden aus den Worten Taten und aus Taten werden Gewohnheiten praktiziert. Die Summe macht schlussendlich den Charakter eines Menschen aus. Wir kommen aus dem Nichts und hinterlassen nur Taten, die wir in unserem Leben vollbracht haben. Ich glaube schon seit Tag eins an Gott, aber auch an Karma. Ich glaube daran, dass wir für die Sünden, die wir in einem vergangenen Moment begangen haben, irgendwann bezahlen müssen. Hinter all die guten Taten verbirgt sich in unserem Kopf auch das Karma. Der Teufel, der uns die Steine in den Weg legt. Die erfolgreichen Menschen bauen sich aus den Steinen ein Imperium auf und die erfolglosen Menschen stolpern über die Steine. Zwei Seiten, die der Mensch im Leben hat, um aus den Handlungen das zu machen, was er möchte. Und hier beginnt meine Geschichte: Rave is Pain!
Die Hoffnung auf ein Leben, das uns vollständig erfüllt, ist ein Wettlauf gegen die Zeit, die wir noch haben. Auf dem Weg zum Garten an einer kühlen Nacht musste ich alles Revue passieren lassen, was ich in den letzten zwölf Jahren tat. Mein Kopf brannte unnormal, weil ich zuvor auf der Session wieder viel zu laut eskaliert hab. Meine Stimme war fast weg und ich musste kurz abschalten. Meine Nachbarn klopften hunderte Male an die Tür, weil ich mal wieder zu laut produziert hab. Ich saß die ganze Nacht an einem Track, der meine Zeit als Gabber und Hardcore Producer/DJ perfekt beschreibt. Nike Emblem heißt der Track. Die Melodie und die 909 Kickdrum konnte man nicht einfach als geil oder perfekt beschreiben. Es war eine zuckersüße Sucht gewesen. Man konnte einfach nichts anderes mehr überspringen, weil die Melodie so gefesselt war von der Stimmung, die gerade in meinen Kopf abspielte. Die 808 Bässe, die ich mit dem Plugin ››Sublab‹‹ produzierte, war an Epicness kaum zu überbieten. Der Track war für ein weiteres Album vorproduziert. Ich arbeitete grundsätzlich an zwei bis drei Releases im Voraus, damit das Zeitkontingent fürs erste gedeckt war. Dadurch, dass ich multikulturell mit der Musik aufgewachsen bin, fiel es mir auch dementsprechend nicht sonderlich schwer, einen Track nach Lust und Laune beliebig zu produzieren. Jede Situation, in der ich gerade bin, arbeitet mein Kopf sämtliche Artefakte an Sounds aus und dann entsteht ein Sound-Konstrukt, was für mich unerklärbar ist. Ich fragte mich deshalb, wo die Hardcore-Wurzel war. Wo hat es genau angefangen? Wie bin ich zu dem geworden, der ich jetzt eigentlich bin? Anstatt die ganzen Fragen mit Kopfzerbrechen zu stellen, genoss ich lieber die Leere in mir, weil es nachts schön ruhig war. Niemand konnte mir in diesen Moment auf die Schliche kommen. Irgendwann klingelte das Handy von mir und die Realität holte mich wieder ein.
››Ja bitte? ››
››Grüß dich mein alter Freund, hier ist Pat.‹‹
››Moin Moin, lange nichts von dir gehört. Ist alles okay bei dir?‹‹, fragte ich ihn.
››Ja klar und bei dir? Ich arbeite mittlerweile in Warschau und der neue Job macht mir Spaß.‹‹
››Das freut mich. Auch wenn viel scheiße passiert ist, bin ich froh, dass es dir besser geht.‹‹
››Danke man. Sorry das ich mich die letzten Monate nicht gemeldet hatte. Ich war viel unterwegs und habe jetzt endlich Urlaub‹‹, erzählte Pat.
››Ja das war mir schon klar. Du warst außerhalb von Europa unterwegs, oder?‹‹, fragte ich Pat.
Nach einige Monate Funkstille plauderte ich mit Pat über die neusten Entwicklungen der aktuellen Hardcore-Szene. So, als ob nichts gewesen wäre. Die letzten Worte von ihm waren:
››Mach es gut, bleib gesund. Wir werden uns eines Tages wiedersehen‹‹ dann war er nicht mehr zu erreichen.
(Die Wurzel von X)
Der Antrieb eines Menschen, dessen Leben würdig ist, hat seine ganz bestimmte Ziele. Jedes Ziel ist es würdig, aufzufassen, wenn der richtige Weg vorausgesetzt ist. Meine Eltern zogen im Jahr 1989 von Polen nach Deutschland, um uns eine bessere Zukunft zu ermöglichen. In der Kommunismus-Zeit stand Polen ziemlich angeschlagen da, weil die Regierung für viele Menschen die Hölle auf Erden war. Meine Familie wuchs damals in sehr ärmlichen Verhältnisse auf. Und es war extrem schwer, dort eine gute Zukunft aufzubauen. Nach und nach zogen auch unsere Freunde und Bekannten nach Deutschland, um ein ehrwürdiges Leben zu führen. Mein Vater und meine Mutter sprachen kein Wort deutsch. Sie nutzen es als eine Herausforderung, sich zu integrieren, um dann in Deutschland Fuß zu fassen. Bis heute bin ich mehr als dankbar, mir hier ein gutes Leben zu ermöglichen.
Ein paar Jahre später kam ich zur Welt. Am 20. März 1993 wurde ich geboren. Vollkommen gesund. Zurecht. Dazu eine musikalische Vision mit einer Prise Delivery, dass der Herr mir schenkte. Die Erkenntnis kam mir natürlich etwas später zugute. Es war auch im Klaren, dass es nicht leicht sein würde für die nächsten Jahre. Im Alter von vier Jahren zogen wir in eine größere Wohnung um. Kurz danach kam mein Bruder zur Welt. Schon im Alter von vier Jahren konnte ich musikalische Schallereignisse gut wahrnehmen und hatte dementsprechend meine eigenen Reaktionen dazu. Es gab ein paar Songs von Charly Lownoise und Mental Theo, die mich im Kindesalter sehr geprägt haben. Unter anderem der Track ››Hardcore Feelings‹‹. Oder auch vom Künstler Dune mit ››Hardcore Vibe‹‹. Die liefen damals häufig auf dem Sender Viva. Das war typisch Retro, aber ich habe es extrem gefeiert. Zu dieser Zeit bekam ich jede Menge Kassetten geschenkt, die in meinem Kassettenspieler liefen. Als kleiner Knirps wusste ich nicht, wie weit die Musikindustrie schon in den 90er war. Wo es zum Beispiel an Vinyl Platten regnete. Grundsätzlich hatte ich fast immer gute Laune, wenn es sich um Musik drehte. Wenn irgendein anderes Zeug auf Viva, MTV etc. lief, dann tanzte ich ebenfalls zu der Musik. Egal welches Genre es auch immer war. Musik erfüllt mich einfach.
Eines Tages im Alter von sieben Jahren merkte ich, dass ich urplötzlich immer schlechter hören konnte und meine Mutter wusste nicht, was mit mir los war. Der Ärger wurde immer größer. Dadurch, dass ich kaum bis gar nicht mehr richtig hören konnte, was meine Mutter von mir wollte, wenn ich mal Mist gebaut hatte. Halt das typische Kleinkinder verhalten. Deshalb fuhr mich meine Mutter nach Gelsenkirchen zu einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt, wo ich gründlich untersucht wurde. Der Doktor hatte bei mir einen merkwürdigen Eindruck hinterlassen und sprach ziemlich straight. Ich konnte es kaum abwarten wieder nach Hause zu fahren. Seine Diagnose kam für uns alle schockierend.
››Ihr Sohn hört so schlecht, weil er Polypen hat. Er muss in wenigen Tagen operiert werden‹‹, sprach der Doktor zu meiner Mutter.
Ich fragte ganz eifrig:
››Operieren? Wieso gerade ich?‹‹
››Du hast gehört, was der Arzt gesagt hat. Es sieht gar nicht gut aus‹‹, sprach meine Mutter.
››Die Polypen müssen operiert werden, weil diese immer größer werden und irgendwann die Nasenhöhle verstopfen können. Du wirst unmittelbar in einem Krankenhaus behandelt werden. Hab keine Angst. Es ist nur eine Operation. Du wirst davon nichts mitbekommen‹‹, beruhigte mich der Doktor.
Ich war ziemlich abgefuckt deswegen, weil ich davon nichts gemerkt hatte, dass ich Polypen bekam. Warum eigentlich auch. Mir war das in dem Moment scheißegal.
Im Krankenhaus angekommen, verabreichte mir die Ärztin Midazolam Saft, damit ich zur Ruhe kam. Allein der Geschmack war fürchterlich. Ich konnte mich nicht zur Wehr setzen und auch meine Wahrnehmung war sehr geschwächt. Ich durfte zwei Tage vor der Operation nichts futtern, bis die Polypen raus waren. Die Operation ging circa eine Stunde und sie verlief problemlos. Endlich waren die Polypen entfernt, aber mein Verstand war ziemlich down. Meine Mutter hatte mich jeden Tag im Krankenhaus besucht, um mich bei meinem Heilprozess zu unterstützen. Nach einer Woche ging es mir wieder gut und ich konnte besser hören. Der Arzt sagte zu meiner Mutter:
››Ihr Sohn hat sich wunderbar von der Operation erholt und sie können ihn heute Abend mit nach Hause nehmen, er braucht aber trotzdem Bettruhe, um wieder auf die Beine zu kommen.‹‹
››Das ist super, er macht sich gleich fertig für die Heimreise‹‹, antwortete meine Mutter.
Es war ziemlich dunkel und ich war endlich nach einer Woche wieder zu Hause. Endlich konnte ich in mein altes Leben so langsam, aber sicher wieder zurückkehren. Die letzten Tage waren echt die Hölle für mich und ich hatte gedacht, dass der Teufel sich in meinem Kopf einnisten würde. Doch das war nicht der Fall. Ich stand wieder, da wo ich sein sollte. Stabil und kerngesund.
Zu Beginn der Grundschulzeit war ich ein auffälliges Störkind seit Tag eins. Dies lag daran, dass ich anstrengend war und mich der Lehrstoff extrem langweilte. Daher mochten mich die Lehrer auch nicht besonders, was mich überhaupt nicht interessierte. Es gab einen Schüler, der ebenfalls stark durch sein Verhalten auffiel. Er nannte sich Denny. Denny ließ sich keine Anmerkung andrehen und baute kreuz und quer Scheiße ohne Ende. Als damals unsere Ginger-Lehrerin die Ankündigung machte, dass wir Musik Unterricht bekamen, nahm ich mir vor, keine Scheiße mehr zu bauen. Als wir in den Musikraum kamen, drückte mir der Musiklehrer zuerst eine Flöte in die Hand. Meine Gedanken waren direkt broke as fuck.
››Wieso müssen wir jetzt die Flöte spielen? Wozu?‹‹, fragte ich überraschend meinen Musiklehrer.
Ich kapierte nicht, was ich mit so einem Instrument umsetzen sollte. Ich kannte sonst keinen Musikkünstler, der mit so einer behinderten Blockflöte sein Geld verdient. Zu diesem Zeitpunkt waren meine Noten gut bis miserabel. Während der Rest der Klasse mit der Flöte spielte, spielte Denny sämtliche falsche Töne dazu, um die gesamte Klasse zu verwirren. Ich machte mit, um den Unterricht zur Sau zu machen. Der Musiklehrer unterbrach uns.
››So meine Freunde, ihr und eure guten Flöten kommt anscheinend nicht miteinander klar, nicht wahr? Erste Verwarnung für euch‹‹, schrie er uns an.
Obwohl Denny mit der Sache anfing, war er eine Person, die gerne Schuld an Andere schob.
››Jetzt hast du den Ärger veranstaltet. Lass dich doch nicht erwischen Junge.‹‹, quasselte Denny mich zu.
Scheinbar bin ich der schwarze Peter in der Klasse gewesen, weil ich ebenfalls Mist baute. Als es mit den grausamen Schallereignissen der Blockflöten endlich vorbei war, hoffte ich auf ein sinnvolleres Instrument, womit ich mein Mindset für Musik weiterentwickeln konnte. Ein Instrument was mir halt Spaß macht. Mit der Klasse gingen wir in den Nebenraum und holten sämtliche Trommeln aus dem Schrank heraus. Erstmalig spielte ich die Trommel und konnte kurz die innere Ruhe wahrnehmen, nur für einen Augenblick. Es dauerte nicht mehr lange, bis Denny wieder seine Faxen veranstaltete und dadurch andere Schüler vom Unterrichtsgeschehen ablenkte. Daraufhin wurde er in den Nebenraum geschickt, damit er über sein Verhalten nachdenken konnte. Das waren so die ersten Instrumente, die ich in der Hand hatte.
Nach meiner ersten Musikstunde verlor ich die Vision und die Lust, eigenständig Musik zu kreieren. Stattdessen freundete ich mich mit Denny an und baute regelmäßig Scheiße mit ihm. Auf der einen Seite war es lustig, aber auf der anderen Seite wollte er sich ständig mit mir anlegen. Er wollte sich jedes Mal mit mir auf Augenhöhe boxen, dadurch hat er oft von mir kassiert. Das ging eines Tages sogar so weit, dass selbst die Ginger-Lehrerin auf mich zukam, und mich direkt zum Schuldirektor schickte. Lustigerweise war er nicht anzutreffen, alternativ rief die Ginger-Lehrerin danach meine Mutter an.
››Und? Werde ich jetzt nach Hause geschickt, oder was?‹‹, fragte ich zornig.
››Du hast Scheiße gebaut und das dulde ich nicht mehr länger. Deine Mutter holt dich jetzt von der Schule ab. Du kriegst dicken Ärger, das kann ich dir jetzt schon versprechen‹‹, sagte Ginger.
Danach erteilte mir meine Mutter Hausarrest und ich musste ihr erklären, wie es dazu kam, dass ich jedes Mal mit Denny den Unterricht störte. Sie glaubte mir nicht, daher war ich angepisst. Sie dachte jedoch, dass es nur an eine einmalige Sache blieb, aber weit gefehlt. Die ganzen Streitigkeiten mit Denny häuften sich dermaßen an, dass meine Mutter zum Elternabend eingeladen wurde. Sie sagte anschließend, dass Ginger erzählt, dass ich ein begabter Junge sei und vieles in der Schule könne. Sie verstand nur nicht, warum ich jedes Mal mit Denny Scheiße bauen musste. Meine Mutter hoffte nur, dass es nicht zu einem Schulverweis komme. Das ständige Gelaber, dass ich mich ändern sollte, juckte mich nicht und ich ging weiterhin wie gewohnt in die Schule. Am nächsten Tag habe ich mich mit Denny vertragen und wir legten ein gegenseitiges Versprechen ab, keine Streitigkeiten mehr auszulösen. Das war ein cooler Move von ihm gewesen. Die nächsten Monate waren wesentlich entspannter als sonst. Irgendwann lud mich Denny zu seiner Geburtstagsparty ein. Dort traf ich weitere Freunde von Denny. Samstags stieg die Party. Er erzählte mir eine lustige Story:
››Hey Dennis, sieh dir das mal an, das dicke Buch über Kosmos und der Fußball aus unserer Schule.‹‹
››Hast du das etwa aus unserer Schule abgezockt?‹‹, fragte ich ihn empört.
››Ja sicher, was denkst du denn? Erzähl das aber nicht meine Mutter. Die würde mich sofort umbringen.‹‹
››Ja kein Ding‹‹, sagte ich zu Denny.
Er schmiss mir kurze Zeit später das dicke Buch rüber.
››Hier Dennis. Das schenke ich dir. Lesen ist eh voll langweilig. Ich spiele lieber Fußball.‹‹
Witzigerweise habe ich das Buch mitgenommen und meinen Eltern voller Freude gezeigt. Auch wenn es nicht so einfach zu erklären war, dass ich das Buch von Denny geschenkt bekam. Noch am selben Abend fing ich an das dicke Buch über den Kosmos und das Universum zu lesen. Es war das erste Buch, was mich wirklich interessierte. Ich konnte es nicht genau erklären. In dem Moment fühlte ich mich sehr viel besser und habe mehr Inspirationen im Leben bekommen. Der Lernprozess über das Universum war für mich ein motivierender Antrieb sich weiterzuentwickeln und weniger Scheiße zu bauen.
An einem weiteren Schultag kam Denny mit einem Handy in der Hand zu mir.
››Schau mal was ich jetzt habe, ein besseres Handy. Ich habe eine einfache Methode, den Leuten das Handy aus der Tasche zu greifen, ohne dass es jemand sieht, geschweige denn es bemerkt.‹‹
Ich war geschockt, als er anfing, regelmäßig Sachen von den Schülern zu stehlen.
››Ist das dein Ernst? Warum machst du das? Hast du kein Handy?‹‹, fragte ich ihn.
››Nein man, aber ich versteh nicht, warum du dich darüber aufregst. Es ist besser als sich zu prügeln oder Scheiße zu bauen. Probiere das auch mal aus. Ich kann dir einen coolen Tipp dazu geben‹‹, sagte Denny.
Er überredete mich, einige Tage bei seinen Aktionen mitzumachen. Ich wusste nicht, was er genau vorhatte. Aber sein Plan schien zu funktionieren. Bis ein paar Tage später eine Versammlung stattfand, die sich mit dem Diebstahl Vorfällen auseinandersetzte. Denny war erst nicht da. Später stieß der Direktor mit Denny der Versammlung entgegen und stellte ihn vor allen Leuten bloß, indem Denny über seine Schandtaten reden sollte. Er blieb stur. Irgendwie hatte Denny es sogar geschafft, dass Handy von einer Lehrerin einzukassieren. Es war für ihn ein peinlicher Moment. Seitdem habe ich mich von ihm abgewendet. Direkt danach hatte unsere Ginger-Lehrerin alle Schulranzen ausgemistet. Alle Ranzen waren sauber bis auf meinen. Mein Handy versteckt sich dort und eine Tischdecke, die versehentlich in den Ranzen reingefallen ist. Ginger war extrem sauer, nahm das Handy aus den Ranzen und drohte mir, die Polizei zu verständigen. Sie verdächtigte mich, dass ich mit Denny unter einer Decke stecke. Sie rief wutentbrannt meine Mutter an und wieder musste sie mich von der Schule abholen. Zu Hause gab es erneut Ärger. Was ein abfuck das Ganze.
Ein paar Tage später kam meine Mutter zu mir und erzählte, wie es nun weiter ging:
››Ich weiß einfach nicht weiter, ob das noch schlimmer wird mit deiner Schule. Du steckst zu tief drin. Wir müssen dagegen jetzt was unternehmen, weil wir dein Verhalten in unserer Wohnung nicht mehr tolerieren. Wir melden dich jetzt in eine Einrichtung an, dort kannst du über dein ganzes Verhalten nachdenken.‹‹
Ich war absolut sprachlos und konnte es nicht fassen. Ich war für diese Schandtaten von Denny überhaupt nicht verantwortlich gewesen, wurde aber, als ein angeblicher Mittäter behandelt.
Mit zehn Jahren bekam ich das Ticket für die Hölle und fuhr drei Monate später mit meinen Eltern zu der Einrichtung nach Remscheid. Mein Vater war fest entschlossen, dass Denny mein Verhalten total beeinträchtigt hatte und ich deswegen so geworden bin. Der vorerst letzte Tag in der Schule war sehr still gewesen. Denny sprach kein Wort mehr mit mir, weil er ebenfalls Ärger bekam und der Rest der Klasse fand es sehr schade, dass ich gehen musste. Es war ein ziemlich abgefuckter Moment, den ich nicht kapieren konnte.
Als ich in der Einrichtung ankam, stellte die Erzieherin mir die Gruppe vor und erteilte mir alle Regeln. In dem Flur stand ein großer Stuhl, der mich an einen elektrischen Stuhl erinnerte, womit die Täter ihre Todesstrafe erhielten. Seit diesem Moment fickte mich mein Verstand völlig, so, dass ich damit nicht klarkam.
››Schau mal da‹‹, sagte die Erzieherin.
››Da werden die Kids gefesselt, wenn sie ihre Wut nicht kontrollieren können. Dieser Stuhl hat bis jetzt jeden zum Aufgeben gebracht. Ich hoffe nicht, dass es bei dir soweit kommen wird.‹‹
Ich bekam ein eingerichtetes Zimmer für mich allein und hatte genug Zeit darüber nachzudenken.
Gleich am ersten Tag wurde ich von Ärzten gründlich untersucht, ob ich körperlich und geistig überhaupt kerngesund war. Wie so eines Laboranten analysierten sie mich eine ganze Stunde lang. Ich konnte nur kotzen, dachte ich mir. Die Ärzte vermuteten, dass ich ein Verdacht auf Autismus hätte. Was sich aber im Nachhinein als Bullshit herausstellte. In der Schule waren vor allem Prügeleien und Mobbing an der Tagesordnung. Deshalb stufte mich Ginger als einen Gefahrenschüler ein. Unter anderem auch wegen meiner Aggressionen, die ich hin und wieder an den Tag legte. Der Verdacht eines Autismus war mir bisher nie bekannt.
Ich lernte neue Leute in der Einrichtung kennen, die alle einen bestimmten Grund hatten, dort zu sein. Nur ich blieb weiterhin ahnungslos und konnte da irgendwie nicht rauskommen. Alles voll mit strengen Erziehern, die dafür sorgten, dass keiner die Flucht ergreifen konnte. Daher arbeitete ich die nächsten zwei Monate nur noch an mir selbst, um meinen Verstand besser zu kontrollieren. Die ersten Tage waren am heftigsten. Ein Typ drehte komplett durch und wollte mit einer Rasierklinge eine Erzieherin aufschlitzen. Ich hörte im Zimmer den Terror im gesamten Flurbereich. Sie kam am nächsten Tag heulend zu mir und fragte mich mitten im Gespräch Folgendes:
››Du schaffst es, solang ruhig zu bleiben, ohne durchzudrehen. Ich sehe so etwas selten. Kannst du mir erklären, warum du hier bist? Ich hoffe, dass ich dich mit dieser Frage nicht überfordere.‹‹ Ich antwortete:
››Nein, ist schon ok. Ich weiß es nicht so wirklich. Meine Lehrerin und meine Eltern behaupten, dass ich in der Schule nicht klarkomme und nur Scheiße bauen würde. In der Schule wollte ich nur gute Leistung erbringen, ohne Probleme zu bekommen.‹‹
››Vielleicht warst du zu frech zu deiner Lehrerin?‹‹, fragte mich die Erzieherin.
››Nein, überhaupt nicht. Ich reg mich nur drüber auf, dass sie aus jeder Kleinigkeit so eine riesige Nummer macht.‹‹
››Vielleicht macht sie sich nur Sorgen um dich.‹‹
››Nein auf keinen Fall‹‹, antwortete ich.
››Die hasst mich einfach und schickt mich bei jeder Gelegenheit direkt nach Hause. Keine Ahnung was es auf sich hat. Bestimmt bin ich einfach der böse Buhmann in der Klasse.‹‹
Sie merkte, dass ich nicht allein für all das verantwortlich war. Also hat sie mich zu einem ganz bestimmten Therapeuten geschickt. Der konnte mit fragwürdigen Problemen umgehen. Ich habe ihm die ganze Situation erklärt und er hatte einen speziellen Tipp für mich. Er redete mir ins Gewissen.
››Ja das ist wohl ein ernstes Problem. Die Schule, wo du hingehst, kenne ich seit vielen Jahren und habe immer wieder von solchen Vorfällen gehört. Ich weiß, es klingt nicht so einfach, aber wechsle umgehend die Schule oder versuche dich da durchzukämpfen.‹‹
Es motivierte mich, wie schlecht er über meine Schule sprach. Wahrscheinlich gab es vor meiner Zeit sehr viele ekelhafte Situationen, womit die meisten nicht klarkamen. In den nächsten Monaten krempelte ich mein ganzes Verhalten komplett um. In dieser kurzen Zeit hatte ich vieles dazu gelernt und an mir selbst gearbeitet.
Mein Therapeut kam kurz vorm Ende meines Aufenthalts und sagte, dass ich morgen meine Sachen packen könnte und mit meinen Eltern nach Hause fahren dürfte. Der Therapeut sah einen positiven Vibe in mir, weil ich mich prima zusammengerissen habe. Jedoch war ich nicht unbedingt stolz. Kurz vor dem Abschied drückte ein Kamerad mir einen Walkman in die Hand und gab mir ein paar CDs, damit es nicht allzu langweilig wird, wenn ich unterwegs bin. Als ich die Einrichtung verließ, hörte ich so gut wie jeden Tag Musik und nahm den Walkman sogar mit in die Schule. Es liefen alle mögliche Musikgenres, die ich mir geben konnte. Von Hip-Hop bis Dance, von Deutschrap bis Techno und vieles mehr. Ich wurde in der Schule sehr freundlich empfangen, was ich gut fand. Am nächsten Tag kam mir Denny entgegen und stellte ein paar Fragen:
››Hi man, alles klar bei dir? Wie war es so in der Einrichtung? Ist es dort so schlimm, wie alle es behaupten?‹‹
››Es gab viel Scheiße zu klären, aber ich kam irgendwie klar‹‹, sprach ich zu Denny. Er erzählte mir, wie langweilig es ohne mich gewesen war und konnte es kaum abwarten, einen neuen Streich auszutüfteln.
››Lass mal‹‹, sagte ich zu Denny.
››Ich mach bei deinem Quatsch nicht mehr mit. Ich muss erst mal klarkommen. Ich lauf jetzt um den Block.‹‹
Er schaute direkt auf meinen Walkman.
››Alter, du darfst während der Pause keine Musik hören‹‹, sagte er nervös.
››Na und? Was soll die Ginger machen? Mir den Walkman abnehmen, oder was?‹‹, fragte ich belustigt. Es dauerte jedoch nicht mehr lange, bis die Stimmung erneut kippte. Ein anderer Schulkamerad verpetzte mich ein paar Tage später bei Ginger und beschwerte sich, dass er nicht mal sein Walkman mitnehmen durfte. Sie stellte mich zur Rede.
››Dennis, mir ist zu Ohren gekommen, dass du während der Pause Musik hörst. Das ist in der Schule verboten. Du gibts mir jetzt das Elektrospielzeug rüber.‹‹
››Pff. Nö. Was wollen sie von mir?‹‹
››Entweder gibst du mir den Walkman oder du wirst nach Hause geschickt.‹‹
Tatsächlich schickte mich die Ginger nach Hause und hat mir sogar mehrere Tage Pausenverbot erteilt. Im Laufe der Zeit schickte Sie mich immer öfters nach Hause. Für jede verdammte Kleinigkeit. Sie stresste dadurch die ganze Klasse. Das konnte nur ein Einzelfall sein.
Zwei Wochen später erkundigte ich mich nochmal nach meinem Handy. Sie sagte mir, dass ich es nicht mehr bekommen würde. Es lag mehrere Monate im Lehrerzimmer. Plötzlich kochte die Wut in mir und ich befahl ihr, mir mein Handy zurückzugeben.
››Du bekommst dein Handy nicht mehr, das macht dich aggressiv und wenn du jetzt nicht still bist, rufe ich die Polizei und die Feuerwehr an‹‹, drohte sie mir.
Meine Ginger-Lehrerin schien echte Probleme zu haben und wollte tatsächlich die Bullen anrufen. Aber warum die Feuerwehr?
››Wo hat es denn gebrannt? Bei mir? Was zum Teufel?‹‹, fragte ich mich wie ein Behinderter. Ich kam drauf nicht klar, dass sie mir so was antun wollte. Ich wurde erneut abgeholt und das Palaver dauerte eine weitere Stunde. Meine Mutter fuhr mich nach Hause und merkte mittlerweile, was die Ginger für Probleme hatte. Am nächsten Tag gegen Mittag rief sie bei uns an. Nach dem Telefonat suchte meine Mutter das Gespräch mit mir:
››Deine Lehrerin hat nochmal angerufen. Du wurdest soeben von der Schule verwiesen. Sie sagte, dass du nicht mehr Willkommen bist. Dein Verhalten habe sich nach dem Besuch in der Einrichtung verschlimmert. Wir suchen was Neues für dich, wo du besser aufgehoben wirst. Die Schule kannst du ab heute komplett vergessen‹‹, sagte sie enttäuscht.
Ich war froh, dass dieser Terror endlich vorbei war. Nun musste ich in einer anderen Schule unterkommen. Die meisten Schulen lehnten uns ab. Es vergingen über fünfzig Tage, ohne sämtlichen Schulstoff-Material. Dann kamen die Sommerferien und ich wurde an einer Hauptschule angemeldet. Ich bekam einen Platz in meiner neuen Schule. Um den ganzen Trubel hinter mir zu lassen, fuhren wir drei Wochen in den Urlaub. Zwei Wochen nach Spanien und eine Woche zu meinem Onkel nach Polen. Es war ein entspannter Urlaub und ich habe immer noch mit dem Gedanken gespielt, Musik selbst zu machen. Also gab ich die Hoffnung nicht auf und wartete auf den perfekten Moment, eigenständig Musik zu kompensieren.
(Kein Ende in Sicht)
Die Sommerferien waren zu Ende und die Schulzeit ging wieder los. Ich war immer noch skeptisch, ob es so laufen wird wie früher. Ich hatte auf dieses Theater erst recht keinen Bock mehr zur Schule zu gehen. Schwänzen kam trotzdem nicht in Frage. Ich fing an neue Kontakte in der neuen Schule zu knüpfen und nahm regelmäßig am Unterricht teil. Auch wenn die ersten Wochen nicht so gut liefen und ich in einige Konflikte geraten bin, sah ich eine positive Entwicklung. Ungefähr ein halbes Jahr später mussten einige Arbeiten in der Klasse nachgeschrieben werden. Die Lehrerin wunderte sich über meine Leistung und gab mir viele Einser Noten. Während alle anderen kaum mit ihren Arbeiten nachkamen und schlechtere Noten schrieben. Die Lehrerin stellte mir nach der Unterrichtsstunde eine Frage:
››Mein Junge, du schreibst extrem gute Noten bei uns. Du bist echt begabt. Mir wurde von deiner Mutter mitgeteilt, dass du Lernprobleme hättest und in der Grundschule nicht klargekommen bist. Lernst du auch außerhalb der Hausaufgaben?‹‹
››Nein, das ist so eine unangenehme Geschichte. Ich möchte darüber nicht wirklich sprechen‹‹, sagte ich zu ihr.
Es verlief alles sehr gut in der neuen Schule und auch die nächsten Monate ging es richtig voran. Irgendwie konnte ich das nicht so richtig glauben, dass ich eine positive Erfahrung für meine Schule aussprechen konnte. Es liefen tausende Fragen durch meinen Kopf, wie es nur weiter gehen würde. Ich hatte weder Berufsvorstellungen, noch habe ich eine feste Perspektive für die Zukunft gehabt. Und selbst die Gedanken Musik zu machen hatte ich bereits verworfen.
Einige Zeit später zeigte mir ein Kollege aus der Schule eine Internetseite, auf der man Billard und Mafia spielen und gleichzeitig mit anderen Leuten quatschen konnte. Es nannte sich Knuddels. Es war mit Abstand der dümmste Name, den ich jemals gehört hatte. Ich meldete mich dort trotzdem an. Gleichzeitig auch auf MSN und ICQ. Es war am Anfang ziemlich lustig, außerhalb von meiner Stadt, mit Leuten zu quatschen und sich über sämtliche Themen auszutauschen. Seitdem war die Entwicklung in der Schule erneut miserabel. Ich zockte täglich bis fünfzehn Stunden am Tag Mafia & Wordmix in diesem behinderten Knuddelsportal. Nur um sein Profil mit Punkten zu füttern, obwohl ich am Ende des Tages nichts davon hatte. Als meine Lehrerin auch noch die Noten überflog, wurden meine Eltern zu einem Gespräch eingeladen. Es wurde ihnen angedroht bei weiteren miserablen Schulnoten sogar die Schule zu wechseln, und zwar auf eine Schule für Lernbehinderte. Ab dann durfte ich eine Weile nicht mehr auf den Computer zugreifen. Ich musste meine Noten wieder verbessern.
Die ersten Wochen ohne den Computer waren abgefuckt. Stattdessen kamen viele weitere Probleme im privaten Leben hinzu. Ich hatte währenddessen immer gelernt niemals Problemen auszuweichen und stattdessen immer den Konflikt gegenüberzustehen. Irgendwann hatte ich mich daran gewöhnt, nicht mehr so oft an den PC zu gehen. Da zu diesem Zeitpunkt im Chat so ein komisches ››Channel-Moderator‹‹ Wahlkampf stattfand, in der ich wegen eines AGB-Verstoßes von Knuddels ausgeschlossen war. Es konnte nur besser werden.
In der Klasse kam ein neuer Schüler aus der Parallelklasse zu uns und war gut anerkannt. Schon allein wegen seiner Einstellung kam er der Klasse extrem positiv entgegen. Homie hieß er und war einer der chilligsten Menschen, die ich jemals kennenlernen durfte. Die ersten Wochen haben wir allerdings kaum geredet. Zwei Monate später lief er in unserem Block entgegen und kannte mein Nachbar aus derselben Straße relativ gut. Sein Kollege nannte sich Calle. Richtiger Name war jedoch Pascal. Er hat sich gut mit ihnen verstanden. Ich sprach ihn ein paar Tage später an und erzählte, dass ich ihn dort gesehen hatte.
››Ja Homie, was geht ab? Ich habe dich mit Calle auf dem Platz gesehen, bist du öfters am Start?‹‹
››Nein, Calle ist ein guter Kollege von mir. Ich kenne ihn seit vielen Jahren. Aber krass, dass du dort auch wohnst. Wenn du bock hast, können wir uns dort treffen. Ich kenn auch deine Freunde, die in derselben Straße wohnen.‹‹
Wir tauschten unsere Handynummern aus und haben uns öfters getroffen, um dann Fußball mit der Clique zu spielen, oder halt auch in irgendwelchen Blocks zu chillen. Das waren Kindheitstage, die ich niemals vergessen werde. Das Homie Leute connecten konnte, die mein Einfluss auf die Musik total geprägt haben, war zu diesem Zeitpunkt völlig unklar. Eines Tages rief er mich an und teilte mir mit, dass er heute nicht kommen kann.
››Jo Bruder, ich würde gerne was starten, aber ich kann heute nicht. Ich bin zu einem Geburtstag eingeladen worden und muss es deswegen absagen.‹‹
››Wer hat denn heute Geburtstag?", fragte ich ihn.
››Es ist der Andreas aus deiner Klasse und ich wollte mir die Feier heute nicht entgehen lassen.‹‹
››Schade alter!‹‹
››Sorry Bruder. Nächstes Mal ganz bestimmt!‹‹
Ein paar Minuten später rief er mich erneut an.
››Hier Homie nochmal. Ich soll dir von Andreas aus sagen, dass du auch eingeladen worden bist. Weil du so gut mit mir befreundet bist, kannst du auch mit uns feiern.‹‹
Ich überlegte nicht lange und ging zu dieser Feier. Das Umfeld von Andreas war erschreckend. Die ganze Familie hat sehr viel Alkohol besorgt. Ich merkte schon beim Reinkommen, dass fast alle komplett betrunken waren. Deswegen habe ich mich mit dem Saufen erst einmal zurückgehalten. Einer von Andreas Brüdern hat am selben Tag einen weiteren Kollegen mitgenommen, der auch Andreas länger kannte. Er war ein Gabber. Der Typ stellte sich bei mir vor:
››Daniel mein Name, deiner?‹‹
››Dennis. Was geht ab?!‹‹
››Nicht viel man, it's Time for Eskalation.‹‹
Das war eines seiner Zitate, die er öfters gesagt hatte. Während des Abends unterhielten wir uns über viele Themen. Unter anderem auch über die Hardcore-Musik. Er zeigte mir auf seinem Handy ein Track, den er regelmäßig hörte.
››Was für ein Track hörst du da?", fragte ich ganz neugierig.
››Hört sich an wie geschredderter Techno.‹‹
››Joa, kann man so ungefähr sagen. Hast du noch nie Hardcore gehört? Das hier ist ein neuer Track von Nosferatu mit dem Titel ››Underground Stream‹‹. Schalte mal dein Bluetooth an, dann schicke ich dir den Track.‹‹
Er hat mir den Track geschickt, den ich öfters hörte. Damals konnte ich mit dieser Musikrichtung zwar noch nichts Großes anfangen, aber es löste in mir den positiven Vibe aus. Kurz nach der Feier lernte ich Homies Bruder kennen. Er war etwas jünger als Homie. Homie stellte mir seinen Bruder Thomas vor, der außergewöhnliche Hobbys hatte, mit denen Homie nicht allzu viel anfangen konnte. Abgesehen von Fußball spielen und im Block abzuhängen. Er beschäftigte sich beispielsweise mit sämtlichen Handys. Damals war sein Vater immer auf den neusten Stand und er bekam fast jeden Monat ein neues Handy. Beziehungen halt. Das alte Handy tauschte Thomas jedes Mal aus oder verkaufte es. Thomas und ich verstanden uns auf Anhieb sehr gut. Regelmäßig gingen wir mit meinem Bruder Kevin und Homie durch die komplette Stadt.
Irgendwann fand ein sogenannter ››NRW-Tag‹‹ in unsere Stadt statt. Thomas zog mich zu sich.
››Guck mal Bruder, da schlagen sich ein paar Gabbers mit einer Hopper Truppe.‹‹
››Was zum Teufel geht denn da ab?‹‹, fragte ich ihn.
››Bestimmt machen die das öfters Bruder.‹‹
Mein Ersteindruck zu Gabbers war ein ganz anderer. Im Gegensatz zu heute. Damals dachte ich, dass es als Gabber cool war, jeden Hopper sinnlos auf die Fresse zu schlagen. Kurze Zeit später informierte ich mich im Internet genau über das Thema Gabber. Auf gabbers-gegen-rassismus.de konnte ich einige Sachen darüber recherchieren. Es ist eine Lebenseinstellung, die von der Hardcore Musik übertragen wird. Seitdem hörte ich öfters Hardcore. Es war damals für mich was komplett Neues. Ein aggressiver Techno-Stil, wo die Kickdrum auf einer Geschwindigkeit von 180 BPM oder schneller mich komplett beeindruckt hatte. Doch die Vision, damit auch Musik zu machen, blieb weiter aus. Eigentlich hatte ich den Gedanken, Musik zu machen bei Seite gelegt und war so gut wie jeden Tag mit Thomas und der Clique unterwegs. Wir hatten auch sehr viel Mist gebaut in dieser Zeit. Doch immer noch stand ich ohne Zukunftsorientierung da. Wenn es so weiter ging, würde ich im schlimmsten Fall auf der Straße landen. Daher blieb mir nur eins übrig. Sich in der Schule weiter zu steigern. Und vor allem sein Geist zu bilden.
Damals fand ich im Internet ein Video, über einen jungen Herrn, der erklärte, wie man bestimmte Sound Elemente in seinen eigenen Track bauen kann. Das Programm hieß ››Fruity Loops‹‹ (heute auch als FL Studio bekannt).
Ich kannte das Programm FL Studio nicht. Aber es schien ein einfacher Workflow zu besitzen. Ich besorgte mir die DAW. Ich testete es eine Weile und entschied mich, es zu kaufen. Das Musik-Programm hat mir alles geboten, was ich brauchte und ich lernte die ersten Schritte kennen. Es funktionierte ziemlich gut. Wenig später versuchte ich, die ersten Tracks zu produzieren. Doch im Laufe der Zeit klang es nicht so, wie ich es mir gewünscht habe. Ich kam dann auf den dummen Gedanken das Programm vorerst auf Eis zu legen. Ich konnte zwar die ersten Sounds produzieren, aber keine hochwertigen Tracks abliefern. Ungeduld war das Problem, womit ich kaum klarkam. Ich musste noch viel lernen. Und mir war letzten Endes klar, dass es mehrere Jahre kosten wird, um erfolgreich gute Musik zu produzieren. Daher musste ich eine Inspirationsquelle finden, damit es irgendwie weiter geht mit dem Produzieren.
Bei einem Treffen im Herbst 2008 zeigte mir Thomas einen Tanzstil, mit dem er sich zu dieser Zeit beschäftigt hat. Er jumpte auf einen Hardstyle Track. Der Begriff ››Jumpstyle‹‹ kam mir nicht bekannt vor. Thomas erzählte, dass sein Kollege aus der Schule jeden einzelnen Jumper dort auseinandergenommen hatte. Seitdem beschäftigt sich Thomas mit diesem Tanzstil. Ungefähr ein Monat später war das Interesse für Jumpstyle größer geworden und er brachte es mir bei. Es sah zwar megabehindert aus, aber es hatte Spaß gemacht.
Dann kam Thomas auf eine Idee:
››Hör mal, lass uns doch eine Jump-Elite gründen und der Welt zeigen, dass wir es besser können als die meisten Lappen.‹‹
››Klingt nach einem Plan, aber wie soll die Elite heißen?‹‹, fragte ich Thomas.
››Ich weiß es gerade nicht. Irgendein Name muss zu dieser Sache passen.‹‹
››Wir brauchen einen Namen, der einfach klingt, aber innovativ. Irgendetwas, dass man mit der Zukunft gut verbinden kann‹‹, schlug ich vor.
››Puuh, mir fällt kaum was ein digga.‹‹
››Irgendwas mit hightech klingt geil. Hört sich gut und simple an.‹‹
››Ja man du hast recht. Hightek Jumpen. Das klingt nach uns‹‹, sagte Thomas begeistert.
Und so entstand die Jump-Gruppe ››Hightek Jumpen‹‹.
Anfangs waren wir nur zu zweit. Als C.E.O.s der Jump Gruppe. Ein Monat später kam mein Bruder dazu und lernte ebenfalls das Jumpen. Dann fingen wir an, einen YouTube-Kanal zu gründen, und luden dort die ersten Videos hoch. Die ersten Videos waren einfach grausam aufgrund der schlechten Technik beim Jumpen und der Videoqualität. Die haben wir damals mit einem Toaster gedreht (sprich Handyaufnahme). Damals nahmen wir die Sachen mit einem Sony Ericsson-Handy auf. Das konnte so nicht weiter gehen.
››Eh Thomas, wir brauchen eine bessere Kamera, damit wir mithalten können‹‹, sprach ich ihn darauf an.
››Klar lass uns jetzt eine neue Kamera klären‹‹, schlug Thomas vor.
Somit hatten wir uns ein paar Tage später zwei Digital-Kameras klargemacht. Beides im Wert von 400€. Nun konnten wir einen Schritt weiter gehen. Seitdem hörte ich nur noch Hardstyle und Hardcore. Alle Tracks, die nichts mit Hardstyle und Hardcore zu tun hatten, löschte ich aus meinem MP3-Player.
Ich übte so gut wie jeden Tag an der Jump-Technik. Es gab so viele Optionen, mit denen ich mich weiter entwickeln konnte. Seit der Jumpstyle Sache hingen wir immer weniger mit Homie rum. Er war nicht wirklich an der Sache interessiert. Aber er unterstützte uns immer im Hintergrund und glaubte fest an unseren Plan.
Ein paar Tage später besuchte ich Homie. Er zitterte etwas.
Ich fragte ihn:
››Digga was ist los mit dir? Bedroht dich jemand?‹‹
››Ja man, hier der Christian aus unserer Schule. Er will mich schlagen wegen ein bis zwei Sachen, die ich im Chat losgelassen habe. Das war aber nichts. Ich will dem nicht begegnen.‹‹
››Ach scheiß auf ihn. Der ist eh so ein Spastie, der anderen Menschen nervt und schlägt. Kack einfach drauf und geh ihn aus dem Weg, wenn du ihn siehst.‹‹
Danach ging es ihm etwas besser. Eine Woche später tummelten wir durch die Stadt rum. Aus dem nichts kam uns Christian mit seiner Clique entgegen. Ich konnte den Typ damals nicht leiden, weil er mir in den letzten zwei Jahren nur Ärger bereitete. Und der Gedanke, dass er wieder Ärger veranstaltet, war mir bewusst. Aber es lief etwas anders, als ich es erwartete. Christian rief zu Homie:
››Eh! Bleib stehen. Ich sagte, bleib stehen!‹‹
››Was willst du von mir?‹‹, fragte Homie mit schlechter Laune.
››Du wirst für das Aufmucken jetzt bezahlen, was du in den letzten Tagen veranstaltet hast. Und dein Freund auch.‹‹
Sein Kollege Pierre, der auch ein Kamerad von mir war, unterbrach das Gespräch:
››Digga, nicht Dennis. Er hat dir sowieso nie was getan. Es geht doch nur um Homie. Lass ihn in Ruhe.‹‹
Christian hat sich dann mit mir vertragen. Für die ganze Scheiße, die er damals von sich gegeben hat.
››Ab heute ist alles cool. Sorry‹‹, sagte Christian.
Das waren auch die Sätze, die er immer wieder sagte und praktisch am nächsten Tag wieder vergaß. Doch dieses Mal nahm er es ernst. Ich konnte es kaum glauben, dass ich mich irgendwann mal mit dem Typ super verstehen würde. Und schon gar nicht, dass er Member der Hightek Jumpen Gruppe wurde.
Ein paar Tage später sah ich Christian wieder in der Schule. Er kam auf mich zu.
››Was geht ab? Alles klar?‹‹
Ich war verwundert, als er mich fragte, ob alles cool bei mir wäre. In dem Moment dachte ich wieder, dass er seine nervigen Sprüche raushauen würde. Stattdessen blieb er lässig und cool. Das ging auch eine Weile so.
Einer aus meiner Schule hatte mich wegen meine Jump-Videos mit Thomas erkannt. Er stellte mir die Frage, ob ich ein Battle mit ihm aufnehmen könnte. Ich war nie fixiert, Tanzbattles aus dieser Richtung entgegenzunehmen. Ich hatte es dennoch angenommen. Mir wurde jedoch nicht bewusst, dass gleich die gesamte Schule ein Teufelskreis gebildet hatte.
››So ein Mist. Ich wollte doch nur den einen Vollhonk wegbattlen. Jetzt schaut die gesamte Schule das auch noch an‹‹, dachte ich.
Aus einem kleinen dummen Battle entstand eine große Masse, die sich das anschauen wollten. Selbst die Lehrer konnten die Masse kaum aufhalten. Ich battlete den Wannabe-Jumper locker weg und am Ende parodierte ich Patrick Jumpen. Es war ein Gag aus dem Internet, indem einige Holländer eine Verarsche von Patrick Jumpen Stil nachahmten. Viele Leute haben diese bescheuerte Aktion gefeiert. Jedoch hatte ich niemals daran gedacht, dass so viele Leute es anschauen werden. Es war sehr unterhaltsam.
Ein paar Tage später fragten Christian und Pierre mich, ob ich ihnen nicht ebenfalls Jumpstyle beibringen könnte. Ich sagte zwar zu, aber ein richtiges Treffen war bis dato nicht geplant. Mir war es immer noch egal, wenn sich seine Meinung irgendwann ändern würde, um den ganzen Zorn wieder an mir herauszulassen. Drei Wochen später bekam ich einen unerwarteten Besuch. Christian und Pierre standen vor der Tür.
››Hey digga was geht ab. Was machst du so?‹‹, fragte mich Christian.
››Ich zocke. Woher weißt du, dass ich hier wohne?‹‹
››Von Pierre natürlich. Und? Bringst du mir jetzt das Jumpen bei?‹‹
››Klar wieso nicht? Ich komm raus‹‹, antwortete ich.
Ein paar Minuten später hatte ich ihm die ersten Schritte vom Jumpstyle beigebracht. Er hatte einfach Bock auf die Sache gehabt. Für das erste Treffen war es ganz Ok. Seitdem Treffen standen wir regelmäßig im Kontakt. Wir trafen uns immer öfters in unserem Block. Die Clique fand Christian ganz in Ordnung. Jedoch hatten die meisten gleich den Verdacht, dass er viel Scheiße bauen würde. Und sie wollten mit der Sache nichts zu tun haben. Irgendwann fragte mich Christian, ob er Mitglied in unsere Gruppe sein könnte. Daher sprach ich mit Thomas über ein weiteres Mitglied bei Hightek Jumpen.
››Ja ich weiß nicht so richtig Dennis. Er baut mir zu viel Scheiße. Und vor allem ist die Frage: Kann er mit uns mithalten?‹‹, fragte mich Thomas.
››Ja bestimmt. Er ist auf jeden Fall auf einem guten Weg ein Profi zu werden.‹‹
Er glaubte mir und wir nahmen ihn als neuen Mitglied der HTJ Gruppe auf. Sein Jumper Name war ››HTJ.Schnecke‹‹ und noch am selben Tag nahmen wir das erste Video für ihn auf.
