Rave is Pain - Mike Franke - E-Book

Rave is Pain E-Book

Mike Franke

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Beschreibung

»Für mich ist Gabber eine Lebenseinstellung. Die Liebe zum Hardcore. Der Bass. Die Geschwindigkeit der Kickdrum. Die Energie. Man kann es nicht in Worte fassen, man muss es fühlen. Heute habe ich Hardcore gefressen.«

In "Rave is Pain" berichtet Dennis Gwozdz aka X-Teknokore gnadenlos ehrlich von seinem Weg als Producer und DJ – ein Weg, geprägt von vielen Erfolgen, aber auch von Rückschlägen.

X-Teknokore liefert mit "Rave is Pain" einen authentischen Bericht über seine Zeit in der Hardcore-Szene und sein Leben als Gabber und Artist. Eine Reise in die Welt des Hardcore-Techno – Nostalgie trifft auf die ungeschönte Auseinandersetzung mit dem Kern einer Szenebewegung.

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Seitenzahl: 272

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Rave is Pain

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

1. Auflage

© 2024 Mike Franke & Dennis Gwozdz; EHM Verlag

c/o autorenglück.de, Frank-Mehring-Str. 15, 01237 Dresden

[email protected]

Coverdesign: Ivan Lopez

Lektorat: Michaela Franke, Tanja Balg

Satz, Layout: Tanja Balg

Korrektorat: Karsten BalgDruck: Feiyr (Dance All Day Musicvertriebs GmbH)

ISBN E-Book (EPUB, Mobi):978-3-9886-5928-6

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Alles, was ich in diesem Buch erzähle, habe ich tatsächlich so erlebt und basiert auf meinen Erinnerungen an die Vergangenheit. Einige Namen wurden durch Pseudonyme ersetzt, um den jeweiligen Personen nicht zu schaden.

Inhalt

Prolog Der letzte Tag (Rave is Pain)

Kapitel 1 Die Wurzel von x

Kapitel 2 Erster Schritt

Kapitel 3 Neue Kontakte – die Crew

Kapitel 4 Stress

Kapitel 5 YouTube

Kapitel 6 Hardcore to da Bone

Kapitel 7 Strong Move

Kapitel 8 Next Level

Kapitel 9 Never give up

Rave is Pain (Musik) The Hardcore Movement I

Kapitel 10 Code Rave

Kapitel 11 Gabber Zone

Kapitel 12 Bad Mood

Kapitel 13 Frenchcore Wave

Kapitel 14 Reunion

Kapitel 15 Fast Party Life

Kapitel 16 Ruhe vor dem Sturm

Kapitel 17 Rache

Kapitel 18 Future Music

Kapitel 19 Pure Damage

Rave is Pain (Social Media): The Hardcore Movement II

Kapitel 20 Sound Destruction Events

Kapitel 21 Louder Bass

Kapitel 22 F#ck Mainstream

Kapitel 23 The Hype is real

Kapitel 24 Big Business

Kapitel 25 The Comeback

Kapitel 26 More Fame, more Problems

Kapitel 27 Burn-out

Kapitel 28 Reset

Kapitel 29 Totenstille

Rave is Pain (Trends): The Hardcore Movement III

Kapitel 30 Monument

Kapitel 31 Lockdown

Kapitel 32 »909«

Kapitel 33 History

Kapitel 34 Free Spirit

Epilog Rave is Pain

Danksagung

PrologDer letzte Tag (Rave is Pain)

27.09.2022

Kevelaer, am Tag vor meiner Reise nach Berlin

Unsere ganze Crew feierte ausgelassen in Paddys Hütte, wobei ich meine Tracks auflegte, die einen dazu hakkten und die anderen Beer Pong spielten. Alles schien so perfekt, und durch die Stimmung vor Ort bekam ich krasse Flashbacks auf die alten Zeiten. Das Auflegen war für mich schon immer eine Art Therapie, und sobald ich an dem Abend alle Hardcoretracks durchgespielt hatte, fing ich mit der Playlist wieder von vorn an. Das ging so lange, bis mir Paddy ein Time-out-Zeichen gab. »Bruder, ich glaub, wir sollten so langsam Feierabend machen. Die anderen sind schon gegangen.«

Erst jetzt – nach Hunderten Tracks – sah ich auf die Tanzfläche und stellte fest, dass sie wie leer gefegt war. Da musste ich doch ziemlich grinsen … Es ist einfach nur krass, wenn man so im Flow ist, dass man alles andere ausblendet. Ich packte zusammen und fuhr nach Hause Richtung Wuppertal.

Dort angekommen, wollte ich mich schon schlafen legen, als mir wieder einfiel, dass ich noch ein paar Space Muffins übrig hatte. Ich aß zwei davon, schaute mir alte Bilder auf meinen Rechner an und war erstaunt, wie lang das her war. Alte Zeiten … Von 2008 bis 2018 hatte ich Auftritte und Tracks in jeglicher Form aufgelegt – danach hatte ich abgesehen von Corefights Geburtstagsparty fast jeden Auftritt abgesagt, was wirtschaftlich gesehen finanzieller Selbstmord war. Aber ich war mit der Szenenentwicklung einfach unzufrieden, und die Anforderungen, die die Veranstalter stellten, waren alles andere als berauschend. Zum Beispiel hätte ich ein Uptempo-Set spielen, die Gästelistenanzahl und das Budget anpassen müssen. So etwas war es mir einfach nicht wert.

Die Muffins wirkten krass. So krass, dass ich stundenlang vor dem Bildschirm hing und mich ganz in der Vergangenheit verlor. Erst sah ich mir nur Bilder an, klickte weiter zu den Videos, dann hörte ich mir Tracks an und zum Schluss las ich fast alle Kommentare auf meinen SoundCloud-Account. Am Ende schien mein Kopf regelrecht zu glühen. Ich war komplett high, musste dringend raus.

Spontan ging ich in die Barmer Anlagen und schaute auf die Stadt. Dieser Park war mit Abstand mein Lieblingsort in ganz Wuppertal. Währenddessen lief im Dauerloop der Track »History« mit Foxy, und mir schoss durch den Kopf: Krass, du hast es wirklich geschafft … Fast gleichzeitig dachte ich darüber nach, was ich noch alles vor hatte.

Alles hatte damit begonnen, dass ich gefühlt jedes zweite Wochenende auf Hardcorepartys ging – das typische Gabberlife halt. Dominator, Masters of Hardcore, Thunderdome, Army of Hardcore, Q-Base, um nur ein paar von vielen Events zu nennen, die ich besucht hatte.

Für mich ist Gabber eine Lebenseinstellung. Die Liebe zum Hardcore. Der Bass. Die Geschwindigkeit der Kickdrum. Die Energie. Man kann es nicht in Worte fassen, man muss es fühlen. Heute habe ich Hardcore gefressen. Der einzige Grund, warum ich seit vielen Jahren als Musiker in der Hardcoreszene vertreten bin, ist, weil ich nicht schlafen kann. Unzufriedenheit hat dazu geführt, dass ich bis heute aktiv Musik produziere.

Nun stand mein großer Umzug nach Berlin an – etwas, das ich mir zu Beginn meiner Karriere niemals hätte vorstellen können. Seitdem hatte ich rund 2000 Tracks produziert, davon über 300 veröffentlicht. Ich hatte mehr als 200 Sets aufgelegt, zwei Labels gegründet, meine eigenen Events veranstaltet und einige Vocals aufgenommen. Außerdem hatte ich eine Weile einen Masteringservice für andere Künstler angeboten.

Am nächsten Tag fuhr ich morgens mit meinem noch in Wuppertal verbliebenen Hab und Gut nach Berlin. Das ganze Equipment, die Möbel und anderen Stuff hatte das Umzugsunternehmen bereits transportiert. Nach der fünfstündigen Autofahrt richtete ich sofort mein Studio ein, und als ich schließlich nach draußen sah, ging gerade die Sonne unter. Ich genoss den Anblick bewusst. Danach hieß es: Zeit, um etwas durch die Stadt zu fahren, ein bisschen den Kopf freizubekommen. Die Autofahrt tat mir gut. Ich bekam wieder Lust, Hardcoresongs zu produzieren – auf meinem Rechner lagen einige Projekte, die ich noch veröffentlichen wollte; unter anderem »Frenchcore Vaginas« und »Broken Reality« mit Pandora, einer guten Freundin mit einem Faible für Gesang und Melodien. Ich wollte meine vorherigen Werke unbedingt toppen, wusste aber gleichzeitig, dass Motivation bei mir schnell zu Leistungsdruck führt. Ich neige dazu, dann für mich abliefern zu müssen, und das kann eigentlich nur schiefgehen, aber dazu später mehr. Um die Zusammenhänge verständlich zu machen, muss ich meine Geschichte ganz von vorn erzählen.

Rave is Pain.

Kapitel 1Die Wurzel von x

Mein Name ist Dennis Gwozdz, auch bekannt unter dem Pseudonym X-Teknokore. Ich bin am 20. März 1993 in Wuppertal geboren und dort aufgewachsen – eine Stadt in NRW, die früher einmal glänzte. Meine Eltern waren hart arbeitende Menschen, ermöglichten mir und meinen Bruder ein gutes Leben. Und auch wenn es nicht immer leicht war, bin ich ihnen bis heute dankbar.

Soweit ich mich erinnern kann, nahm ich mit etwa vier Jahren die ersten musikalischen Eindrücke auf – beim Haushalten ließ meine Mutter öfter den Fernseher laufen, genauer gesagt Viva. Ich mochte den Sender direkt und hörte mir als kleiner Knirps alles Mögliche an. Damals lief Hardcore auf dem mittlerweile eingestellten Sender, also zumindest mainstreamtauglicher von Künstlern wie Dune, Charly Lownoise mit Mental Theo sowie Paul Elstak; und gerade diese Hardcoretracks bereiteten mir große Freude. In meiner frühen Kindheit war Paul Elstak einer meiner Lieblingskünstler, doch bis ich mich mit Hardcore beschäftigte, vergingen noch einige Jahre.

In der Grundschulzeit verstand ich mich mit den meisten Schülern gut. Einer meiner Mitschüler war etwas verhaltensauffällig. Er hieß Denny, war dafür bekannt, gerne den Unterricht zu stören, und unsere Lehrerin – wegen ihrer roten Haare nannten wir sie Pumuckl, was sie ganz und gar nicht mochte – war besonders oft seine Zielscheibe. Ich ließ mich bei Dennys Streichen jedes Mal mitreißen – was hätte ich auch anderes tun sollen? Der Unterricht langweilte mich. Rückblickend war ich schlichtweg unterfordert, dazu gleich mehr.

In der 2. Klasse gab es dann zum ersten Mal Unterricht, auf den ich mich zum Schuljahresanfang freute: Musikunterricht bei Herrn Revers. Er war auch der einzige Lehrer, der mich nicht bei Frau Pumuckl verpfiff, wenn ich in der Pause Scheiße baute. Charakterlich schien der Typ also richtig korrekt zu sein – umso mehr freute ich mich auf den Unterricht. Was ich dann in der ersten Musikstunde allerdings erlebte, enttäuschte mich: Herr Revers schlug uns vor, Blockflöte zu lernen. Ich war davon ausgegangen, dass wir Klavierunterricht oder so etwas bekommen würden. Fehlanzeige. Der Klang der Flöte fühlte sich an, als würde er mir unmittelbar Ohrenkrebs bescheren, und ich verstand nicht, weshalb wir dieses Instrument auch noch lernen sollten. Vor allem klang die Flöte bei meinen ersten Versuchen noch viel schlimmer als bei Revers: einfach nur schief. Er griff ein. »Dennis, du musst sie so halten.«

»So vielleicht?«, fragte ich und blödelte rum.

»Nein. Genau so. Mach bitte vernünftig mit.«

Nach ein paar Versuchen legte ich die Flöte einfach weg und ignorierte weitere Anweisungen. Ich fragte ihn, ob alle Musiker, die mit ihren Hits Millionen verdienten, Blockflöte spielen könnten … Irgendwie hatte ich damals schon die Vision, irgendwann mit meiner eigenen Musik erfolgreich zu werden, aber da mir der Unterricht keine wirklichen Erkenntnisse brachte, wie ich das anstellen sollte, blieb es für die nächste Zeit nur ein Wunsch. Der ganze Lehrplan ging in den nächsten Monaten ähnlich weiter. Statt Klavier mussten wir mit Trommeln Taktabfolgen einüben, um ein Gefühl für Rhythmus zu bekommen; außerdem lernten wir Notenlesen … ich kann es bis heute nicht. Am Ende des Schuljahres gab es aber zumindest ein solides Zeugnis.

Wie gesagt war ich ansonsten in fast allen Fächern unterfordert und baute deshalb mit Denny Scheiße. Jedes Mal, wenn ich nach Hause geschickt wurde, bekam ich Ärger von meinen Eltern – sie waren natürlich überhaupt nicht begeistert, dass Frau Pumuckl so oft bei ihnen anrief. Heute nehme ich das alles auf meine Kappe; ich war sicher kein angenehmer Schüler. Mathe fiel mir so leicht, dass ich die Rechenaufgaben eher nebenbei löste. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie mir Frau Pumuckl einmal das Heft aus der Hand riss und meine Lösungen der ganzen Klasse zeigte. »Das hier ist ein gutes Beispiel für eine gelungene Rechenaufgabe. Genau so müsst ihr den Rechenweg und die Lösungen hinschreiben. Das macht ihr beim nächsten Mal genau so!«

Das tat sie dann auf einmal öfter und erzählte sogar meinen Eltern, dass ich richtig begabt sei. Ich löste die Aufgaben immer als Erster und war in Mathe Klassenbester. Weil ich sonst nur Anschiss bekam, wirkte ihr plötzliches Lob so motivierend, dass ich versuchte, auch in anderen Fächer gute Noten zu erzielen. Das klappte gut, doch im Lauf der nächsten Wochen verging mir die Lust wieder und ich schloss mich erneut Dennys Faxen an. Unsere Mitschüler lachten sich jedes Mal kaputt – wir waren quasi die schwarzen Schafe der Klasse, die einfach öfter Ärger bekamen. Irgendwann wurde das meinen Eltern allerdings zu viel, was dazu führte, dass sie mich ab der 3. Klasse in einer Hortgruppe anmeldeten. Dort sollte ich die Möglichkeit bekommen, mit gleichgesinnte Kindern zu spielen und meine Freizeit sinnvoll zu nutzen. Eigentlich eine gute Idee … Die ersten Wochen waren angenehm, obwohl ich damals nicht genau wusste, weshalb ich eigentlich hingehen sollte. In der Hortgruppe hatten wir einen Betreuer namens Bernd; einer, der immer gut gelaunt war und sehr viele Musikinstrumente spielen konnte. Im Hort gab es einen großen Raum mit einem Klavier, das allerdings so gut wie nie benutzt wurde. Als Bernd zur Weihnachtszeit dann anfing Weihnachtslieder zu spielen und wir Kinder dazu sangen, war ich ziemlich überwältigt davon, wie gut er spielen konnte. Also fragte ich ihn, ob er mir Unterricht geben könne und er … sagte Nein. Aber ich blieb hartnäckig und fragte ihn immer und immer wieder. Nach einigen Wochen ergab sich ein Gespräch mit Bernd, in dem er wissen wollte, wie ich mich so in der Schule und in der Gruppe fühlen würde. Da musste ich gar nicht überlegen. »Ach, ist doch alles scheiße. Meine Lehrerin kann mich nicht besonders gut leiden, mault mich wegen jeder Kleinigkeit an. Zu Hause bekomme ich dafür dann noch zusätzlichen Anschiss. In der Gruppe fühle ich mich nur teilweise wohl. Ihr habt viel zu viele Regeln für jede Kleinigkeit, und man wird direkt abgestraft, wenn man zum Beispiel zu laut war. Nicht mal das Essen ist besonders geil. Wenn ich sehe, dass es zweimal kurz hintereinander das Gleiche gibt, hab ich schon keinen Appetit mehr.« Trotz meiner Kritik war die Atmosphäre sehr entspannt. Ich konnte mit Bernd über all die Themen sprechen, die mich wirklich störten, und er meinte, er könne das alles nachvollziehen, ohne Regeln wäre der Saftladen allerdings komplett aufgeschmissen. Am Ende sagte er: »Pass auf. Wir gehen jetzt mal in den großen Raum. Ich hole ein paar Musikinstrumente raus, und dann kannst du darauf spielen. Ich denke, dass dir das guttun wird.«

»Echt jetzt?!«, fragte ich erstaunt.

»Natürlich, aber das bleibt eine Ausnahme.«

Gleich darauf holte Bernd alle möglichen Instrumenten aus dem Schrank im großen Raum. Eine Triangel, ein Xylofon und auch eine Akustikgitarre war dabei – zum Glück keine Blockflöte. Bernd war ein richtiger Ehrenmann. Und zum Schluss brachte er mir doch noch eine Kleinigkeit auf dem Klavier bei: ein paar einfache Akkorde. Nach diesem Tag war mir klar, dass ich Musik machen wollte. Zwar hatte ich noch keinen Masterplan, in welche Richtung es gehen sollte, aber ich hatte von da an ein Ziel, das ich immer im Auge behielt.

Kapitel 2Erster Schritt

Zu Beginn der Sommerferien fuhren meine Eltern, mein Bruder und ich für zwei Wochen nach Baška in Kroatien – Kroatien war damals eines meiner absoluten Lieblingsländer. Der Strand, die Sonne, die Palmen und nächtliche Spaziergänge … Alles wirkte so beruhigend und schön. Mein Onkel war auch dabei – mit seiner mit dicken Bassboxen ausgestatteten Karre. Er hörte viel Dance bzw. Techno und sogar den ein oder anderen UK-Hardcore-Track. Mein Vater hingegen hörte im Auto 80er-Hits und Italo-Disco-Zeug, was nicht ganz mein Ding war. Seit ich durch meinen Onkel auf den Geschmack gekommen war, hörte ich fast nur noch Techno, und das für eine ganze Weile.

Als dann ein paar Wochen später die Schule wieder anfing – ich kam in die vierte Klasse –, nahm ich mir vor, keine Scheiße mehr zu bauen. Ich wollte das hinter mir lassen und mich nun an mehr auf die Schule konzentrieren. Der Musikunterricht bei Herrn Revers war zwar nach wie vor alles andere als das, was ich mir gewünscht hätte, aber ich wollte diesmal keinen Stress machen und beteiligte mich so oft wie möglich am Geschehen. Scheiß drauf, dachte ich mir. Der gute Eindruck zählt. Die ersten Wochen verliefen reibungslos und ich verstand mich sogar mit Frau Pumuckl relativ gut. Im Umkehrschluss gab es auch zu Hause keinen Ärger, weil das Telefon nicht läutete, und auch im Hort gab es keine Probleme … bis ich dann erfuhr, dass Bernd gehen würde. Er wurde an eine andere Stelle versetzt und das schockte mich regelrecht. Er war einer der besten Betreuer, die ich jemals kennenlernte.

Eine Woche nach seinem Abschied bekamen wir einen neuen Betreuer, und der war alles andere als locker. Herr Obendick, ein unsympathischer Bastard, machte uns das Leben zur Hölle, sodass ich schließlich nicht mehr in den Hort gehen wollte. Obendick strukturierte den gesamten Ablauf neu und es gab bei jeder Kleinigkeit großen Ärger. Nachdem Bernd weg war, sackten meine Leistungen in der Schule wieder ab, wurden sogar noch miserabler als je zuvor. Während der Unterrichtszeit hing ich in Gedanken schon am Mittagstisch mit Herrn Obendick, und diese Aussicht machte mich komplett fertig.

Irgendwann sprang ich über meinen Schatten und sprach Frau Pumuckl im Unterricht auf das Thema mit Herrn Obendick an. Doch statt mir einen Rat zu geben, griff sie mich an, von wegen, ich würde eben mit der Gruppe nicht klarkommen oder könne mich nicht an Herrn Obendicks Regeln halten. Ich sagte ihr, dass ich nicht mehr in die Hortgruppe gehen würde, und was dann kam, übertraf alles, was ich bis dahin an Empathielosigkeit von ihr erlebt hatte. »So, du kommst also nicht mit Herrn Obendick zurecht?«

»Nicht so wirklich …«

»Liebe Kinder, haltet bitte mal kurz eure Ohren zu!«

»Was? Wieso?«, fragte ich verwundert.

Ein paar Sekunden war es ganz still im Klassenraum. Alle starrten mich an, und dann brüllte Frau Pumuckl los. So sauer hatte ich sie noch nie erlebt. Ich traute mich nicht, irgendetwas zu sagen, so zornig war sie. »Wie kannst du es wagen, so abfällig über Herrn Obendick und die anderen zu sprechen?! Du machst im Unterricht nicht mit, machst nur Quatsch und im Hort kommst du auch nicht klar?! Ich rufe jetzt deine Eltern an und sorge dafür, dass du den Ärger deines Lebens bekommst!«

Das war der Moment, in dem ich aufstand und ging, wobei man eher von Flüchten sprechen kann. Ich wollte mit der Schwebebahn zu meiner Oma in den Garten fahren, denn sie hatte immer ein offenes Ohr für mich, nahm sich stets Zeit, um mit mir über meine Probleme zu sprechen.

Kurz darauf machte ich die Gartentür auf und begrüßte sie.

»Mein Liebling, wie gehts dir denn? Möchtest du einen Apfelkuchen?«, fragte sie.

»Sehr gern. Du machst den besten Apfelkuchen überhaupt. Ehrlich gesagt gehts mir gar nicht so gut …«, antwortete ich.

»Oje … Was ist passiert? Erzähl mal. Worum geht es denn?«

Und dann erzählte ich ihr alles, was in den letzten Monaten passiert war; sowohl von der Schule als auch vom neuen Hortbetreuer. Hier konnte ich alles rauslassen, ohne dafür angefeindet zu werden. Meine Oma war sichtlich geschockt und zeigte mir gegenüber großes Verständnis. Am liebsten wäre ich bis abends im Garten geblieben, doch meine Eltern machten sich dann wohl doch Sorgen, denn sie versuchten immer wieder, mich auf dem Handy zu erreichen. Irgendwann musste ich ja rangehen, und anstatt mir Vorwürfe zu machen, sagten sie nur, ich solle doch bitte nach Hause kommen, wir könnten über alles reden.

Also machte ich mich auf den Weg. Während der Heimfahrt bereitete mich auf den nächsten Ärger vor, doch das Gespräch verlief dann ganz anders als sonst. Meine Eltern wirkten ziemlich fertig und waren genervt von Frau Pumuckls Anrufen. Diesmal hatte sie meinen Eltern am Telefon mitgeteilt, dass ich einen Schulverweis bekäme und die Schule nie wieder betreten solle. Tja, und damit fand der Albtraum dann endlich ein Ende. Zwar stand ich ohne Schule da, war so gesehen am Tiefpunkt angekommen, aber wenigstens konnte mir Frau Pumuckls Existenz endlich egal sein.

Einige Monate später beantragten wir einen Schulwechsel, und ich bekam sofort eine Zusage. Da die fünften Klassen zu dieser Zeit auf Klassenfahrt waren, entschied sich der Direktor, Herr Lohmann, dass ich direkt zwei Klassen überspringen sollte, und so kam ich in die siebte Klasse. Lohmann war unter den Schüler hoch angesehen, weil er sehr locker mit allen umging. Ich war in der Klasse logischerweise der Jüngste, fühlte mich aber, als wäre ich endlich am richtigen Platz. Sowohl die Schüler als auch die Lehrer waren deutlich lockerer als ich das kannte. Der Unterricht interessierte mich und die Aufgaben passten zu meinem Leistungsniveau, was mich motivierte. Außerdem lief der Unterricht deutlich strukturierter ab als in der Grundschule und es gab regelmäßig Tests, die benotet wurden, teils unangekündigt. In den Pausen gab es so gut wie gar keine Regeln und damit jeden Tag mindestens zwei Schlägereien. Sobald eine Schlägerei stattfand, boxten sich immer direkt mehrere Schüler – die Menge eskalierte. Ich geriet regelmäßig in solche Konflikte, und irgendwann fragte ich mich, warum ich eigentlich immer nett zu allen sein sollte. Zu nett wollte keiner etwas mit einem zu tun haben – typisch Nice-Guy halt. Das machte einen zum Außenseiter. War man aber zu böse, traten sie alle auf einen. Ein Nachbar, der auf dieselbe Schule ging, sagte mir irgendwann mal, dass Schule überhaupt kein Sinn mache. Man schreibe gute Noten, in der Pause sei ständig die Hölle los und am Ende stehe jeder mit einem Beruf da, der keinen Spaß mache und schlecht bezahlt werden würde. Erst verstand ich die Aussage nicht so richtig … bis das Berufsvorbereitungsgespräch kam.

Ein Typ mit riesigem Vollbart von der Agentur für Arbeit befragte mich eine ganze Stunde lang bezüglich meiner Zukunftsperspektive. Natürlich hatte ich mir keine Gedanken dazu gemacht – ich hatte zu dem Zeitpunkt keinen Plan, was ich beruflich machen wollte. Spontan erinnerte ich mich, dass mein Vater mal etwas über Informatik erzählt hatte, und so sagte ich im Gespräch einfach, dass ich Informatik lernen wolle. Der Typ lachte selbstgefällig und sagte mir, solche Schüler wie ich würden das niemals schaffen, weil man dafür jahrelang studieren müsse. Stattdessen solle ich lieber etwas im handwerklichen Bereich machen. Danke für nichts. Das Gespräch führte genau dazu und ich stand weiterhin ohne Plan da.

In den kommenden zwei Jahren musste ich mehrere Praktika absolvieren. Zweimal davon im Einzelhandel, eines als Kellner in einer Eisdiele, eines in einer Malerfirma und das letzte im Metallbau. Nicht gerade die besten Tätigkeiten … aber als Kellner verdiente ich zumindest etwas Trinkgeld.

Kapitel 3Neue Kontakte – die Crew

Während meiner Schulzeit lerne ich einen Mitschüler kennen, der unter den anderen sehr angesehen war. Alle nannten ihn nur Homie, und auch wenn wir anfangs unsere Differenzen hatten, war er letztlich der chilligste Mensch, den ich jemals kennengelernt habe. Ein paar Tage nachdem ich mich mit ihm angefreundet hatte, sah ich ihn plötzlich in unserem Block mit Pascal, einem alten Freund von mir, Fußballspielen. Am nächsten Tag sprach ich ihn in der Schule darauf an und er fragte, ob wir nicht mal was zusammen unternehmen wollten. So entwickelte sich meine erste Freundschaft, in der mein Gegenüber tatsächlich immer ein offenes Ohr für mich hatte. Von da an kickten wir oft Fußball, fuhren Fahrrad, kletterten in irgendwelchen Sperrgebieten und gingen öfter in die Stadt. Außerdem lernte ich durch Homie Thomas kennen – seinen Bruder, zu dem ich bis heute Kontakt habe.

Eines Tages traf ich mich mit Thomas allein und sah ihn schon aus der Ferne die ganze Zeit rumhüpfen. Sobald ich in Hörweite war, rief ich: »Bruder, was machst du da überhaupt?!«

»Ich tanze Jumpstyle. Ich trainiere gerade, um richtig gut darin zu werden – wenn du willst, können wir zusammen trainieren.«

»Hm … ich glaube, das ist nicht ganz meins, aber danke für das Angebot«, wiegelte ich erst mal ab.

Er hatte sich in den Kopf gesetzt, der Beste zu werden, und trainierte seitdem regelmäßig Jumpstyle, wie er mir erklärte. Zwar verstand ich den Hype nicht ganz, aber zumindest die Musik fand ich ganz gut. Showtek und Noisecontrollers waren die Artisten, die ich damals regelmäßig hörte. Am nächsten Tag rief ich Homie an und fragte, ob er Bock habe, Fußball zu spielen – doch diesmal passte er. »Bruder, ich hab zwar Bock, kann aber heute nicht. Der gute Andreas aus unsere Klasse feiert seinen Geburtstag.«

»Hm … ach so. Ja, scheiße …«, antwortete ich etwas enttäuscht. Eine kurze Pause folgte. »Dann lass uns zusammen hingehen!?«, schlug ich Homie vor.

»Man darf leider keine weiteren Kollegen mitnehmen. Tut mir echt leid. Aber wir werden das auf jeden Fall nachholen. Versprochen!«

Ein paar Minuten nach dem Auflegen klingelte mein Handy.

»Hi, Homie noch mal hier. Ich habe mit Andreas gesprochen und er hat gesagt, du bist herzlich willkommen. Wir können später also doch zusammen zu ihm stratzen.«

»Stark, Bruder!« Ich freute mich. »Da geht ja bestimmt die Luzie ab!«

Also gingen Homie und ich auf Andreas’ Geburtstagsparty. Als Überraschung brachten wir zwei Kisten Bier mit, was eine ganz schöne Schlepperei war. Dort angekommen, setzten wir uns erst mal und quatschten eine Weile mit den anderen Gästen. Im Hintergrund lief Schlager – damit vergraulte man mich ja eigentlich direkt, aber die ersten Stunden hielt ich durch und ignorierte die Musik einfach. Die meisten waren schon seit dem Vormittag am Saufen, weshalb auf der Party eine Stimmung wie auf einem Karnevalsumzug herrschte.

Etwas später kam ein guter Freund von Andreas zu Homie und mir, um sich vorzustellen. Daniel präsentierte sich als waschechter Gabber, und wir verstanden uns auf Anhieb sehr gut … schon allein deshalb, weil auch er den Schlagerkram nicht gerade abfeierte. Daniel erzählte mir viel über die Hardcore-Szene der 90er, dann schlug er mir einen Track aus seiner Playlist vor. »Hier. Hör dir mal ›Underground Stream‹ von Nosferatu an! Das scheppert richtig böse.«

Ich war gespannt. Anfangs catchte es mich nicht so, aber je öfter ich es hörte, umso mehr feierte ich es. Ich war zu dem Zeitpunkt gerade mal vierzehn Jahre alt und es war der erste Hardcoretrack, den ich seit langem gehört hatte, aber von da an liefen auf meinem MP3-Player nur noch Hardstyle und Hardcore. Headhunterz, Wildstylez, Mad Dog und Angerfist liefen tagtäglich rauf und runter, allerdings hatte ich ein Problem: Ich konnte nicht darauf abgehen, beherrschte weder Jumpstyle noch Hakkûh und durfte auch nicht auf Partys, weil ich noch zu jung war. Nach Andreas’ Geburtstagsfeier dachte ich jedenfalls über ein Jumpstyle-Training nach. Ich wusste zwar nicht, wohin es mich führen würde, aber es konnte ja nicht schaden, das Ganze mal auszuprobieren. Die meisten meiner Freunde waren allerdings eher auf der Hardstyle-Schiene unterwegs; Hardcore spielte für sie eine eher untergeordnete Rolle. Daher ging ich am nächsten Tag zu Thomas und fragte ihn, ob er nicht Lust hätte, mir das Jumpen beizubringen. Er war ziemlich erfreut. »Na klar, sehr gern sogar. Pass auf, ich zeige dir erst mal die Basics.« Er legte sofort los.

Am Anfang sah das bei mir garantiert komplett bescheuert aus. Unsaubere Ausführung und kaum Taktgefühl. Doch mit der Zeit beherrschte ich das Jumpen immer mehr. Ich trainierte einige Wochen lang gefühlt nonstop, verlor sogar zehn Kilo. Krass dafür, dass ich nur gejumpt habe, dachte ich mir. In dem Moment wurde mir klar, jede Arbeit zahlt sich früher oder später aus, wenn nur der Wille da ist.

Thomas, Homie, mein Bruder und ich spielten weiterhin regelmäßig Fußball und quatschten über alles Mögliche. Wir waren quasi als Crew ständig zusammen unterwegs. Irgendwann erzählte Thomas von seiner neuen Digitalkamera und hatte die Idee einer möglichen Karriere auf YouTube – vielleicht mit einer eigenen Version der »Tagesschau« im Stil der späteren »Ghetto-News« von Buddy Ogün aus dem Jahr 2013. Doch zunächst wollte er die Kamera mal austesten. Wir filmten uns hauptsächlich beim Jumpen und hatten sehr viel Spaß dabei. Natürlich war die Qualität bei 480p völlig whack, aber es juckte uns nicht. Nach gefühlt fünfhundert aufgenommenen Moves kam mir eine Idee. »Thomas, was hältst du davon, eine Jumpstyle-Crew zu gründen? Klingt doch nach uns, oder?«

»Gute Idee, Bruder, aber mir fällt auf Anhieb kein Name ein.«

Ich überlegte eine Weile. Es musste etwas sein, das innovativ klang. In dem Moment las ich das Wort Hightech in der Zeitung. »Der Name für die Crew muss sich geil anhören. Hightek Jumpcrew oder Hightek Jumpen … Irgendwas in diese Richtung. Das wäre doch was!?«, schlug ich vor.

»Baba, Hightek Jumpen hört sich verdammt gut an. Lass damit auf YouTube starten!«, sagte Thomas, und so war der Channel »Hightek Jumpen« geboren.

Die ersten Videos, bearbeiteten wir mit dem »Windows Movie Maker«, der nur eine Handvoll Funktionen hatte, um ein brauchbares Video zu kreieren, und den ersten Content luden wir Ende 2008 hoch. Für mich war das damals eine kleine Sensation, uns im Internet herumhüpfen zu sehen. Die Meinungen waren allerdings ziemlich gespalten. Die einen feierten uns hart dafür, dass wir in Wuppertal mit einer neuen Jump-Elite an den Start gingen,die anderen sahen darin ein paar Teenager, die ihre Zeit verschwendeten. Um unsere Reichweite zu vergrößern, stellte ich die Videos auf der Plattform Jumpstyle-Germany.de vor. Grundsätzlich nahm ich Verbesserungsvorschläge zwar gerne an, doch auf der Plattform bekamen wir fast nur negative Kommentare.

»Miserable Leistung. 2 von 5 Sternen.«

»Zu wenig Power, keine Kontrolle. Solche Jungs klatsche ich locker im Battle weg.«

»Jumpstyle in Handyqualität. Gebe ich mir nicht noch einmal.«

Solche Kommentare kamen am häufigsten, aber wir übten einfach weiter, um besser zu werden, und fast jedes Video, das wir hochluden, erreichte die Tausend-View-Marke. Ja, die Klickzahlen waren zwar eigentlich gar nicht so hoch, doch für uns war das damals ein kleiner Erfolg. Das war auch die Zeit, in der online eine Parodie über Patrick Jumpen – in der Jumpstyle-Szene quasi der Goat schlechthin – kursierte. Ein paar Holländer machten sich über ihn lustig, indem sie die Kicks viel zu hoch ansetzten und dabei über den Boden rollten. Das sah komplett bescheuert aus, und ich fand es so witzig, dass ich die Moves in der Schule spontan nachmachte. Ein guter Kollege namens Pierre machte dabei richtig Stimmung, und einige Minuten später hatte sich die ganze Schule im Kreis um mich versammelt. Damit hatte ich nicht gerechnet – da waren sicher zweihundert Schüler, und sie spornten mich auch noch an, riefen Dinge wie: »Hau mal richtig auf die Kacke, Mann!«

Diese Aufmerksamkeit schmeckte mir, gleichzeitig war mir aber bewusst, dass die Situation in nur einer Millisekunde genauso eskalieren könnte. Ich hatte von einigen Freunden gehört, dass Leute an anderen Schulen fürs Jumpen verprügelt wurden, und auch meine Schule war ein Hotspot für Schlägereien. Aber es passierte nichts. Sie drehten bis zum Ende der Pause durch und selbst einige Lehrer schauten amüsiert zu.

Kapitel 4Stress

Eines Tages rief mich Homie an und erzählte, dass er Stress mit Pierre und dessen Kollegen Christian habe. Christian ging auf die gleiche Schule wie ich – ich kannte ihn und konnte ihn nicht leiden. Irgendwie war er der Einzige, der mir richtig krass auf den Sack ging, deshalb gab es auch in gefühlt jeder zweiten Pause Stress mit ihm, obwohl ich nie Anlass dazu gegeben hatte. Sein Verhalten kotzte mich richtig an. Homie kam noch am selben Tag zu mir und erzählte in Ruhe, was genau passiert war. Er hatte für Christians Geschmack zu abfällig über ihn gesprochen, dabei hatte Homie ihn nur als verrückt betitelt, weil er jeden Tag Mitschüler verprügelte.

Was für ein Kindergarten, dachte ich mir nur. »Homie, ganz ehrlich? Scheiß auf diesen Typen! Ist doch sinnlos, sich darüber aufzuregen. Komm, lass uns lieber zu Can2 Döneressen gehen.«

Das heiterte ihn wieder auf, und nachdem wir fertig gegessen hatten, beschlossen wir spontan, noch in die Innenstadt zu gehen. Wir kamen aus dem Imbiss, und wer war gerade mit seinen Jungs auf der anderen Straßenseite? Christian.

»Joo! Bleib stehen, Homie!«, schrie er zu uns rüber.

Wir ignorierten ihn.

»Bleib stehen, hab ich gesagt, Mann!«

Das könnte gleich eskalieren …, ging es mir durch den Kopf.

Christian rannte uns ziemlich wütend nach. »Wieso hast du mich im Internet beleidigt?!« Dann zeigte er plötzlich auf mich und sagte, dass ich der Nächste sei.

Ich war kurz davor, ihm eine zu scheuern. Pierre war auch dabei und ging schnell dazwischen. »Nein, Christian, nicht Dennis. Dennis ist nicht das Problem. Hör auf mit der Scheiße! Es geht doch nur um Homie.«

Darauf machte sich Christian gerade und entschuldigte sich bei mir plötzlich für alles, was er in den letzten Jahren verbockt hatte. Ich konnte ihm zwar kein Wort glauben, nahm die Entschuldigung aber an.

Ein paar Sekunden darauf gingen Christian und mehrere seiner Leute unvermittelt auf Homie los – vier gegen einen.

Krasse Leistung … Ich war fassungslos.

Homie verpasste Christian ein paar Backpfeifen, dann kam der Bus und die Truppe stieg in letzter Sekunde ein.

»Wir ficken dich noch, Homie – warte ab!«, schrie Christian in unsere Richtung.

»Halts Maul, du Hund! Renn weg!« Bis auf ein paar leichte Fausthiebe war Homie ganz gut weggekommen. Dennoch konnte das so nicht weitergehen. Ich versprach ihm, die Sache endgültig aus der Welt zu schaffen.

Eine Woche später kamen Pierre und Christian auf mich zu. Christian hatte durch Pierre mitbekommen, dass wir mit Hightek Jumpen richtig durchgestartet waren, und fragte, ob ich ihm das Jumpen beibringen könne. Erst dachte ich, dass das ein schlechter Scherz wäre – bis er mit Pierre nach ein paar Tagen vor meiner Haustür stand.

»Was geht ab, Bruder? Kommst du raus?«

»Woher weißt du, dass ich hier wohne?!«, fragte ich verwundert.

»Na ja, von Pierre halt. Kannst du mir Jumpstyle beibringen? Ich will auch so gut sein wie ihr.« Christian war direkt und aufdringlich, aber zugleich ehrlich, und wenn er schon so nett fragte, dachte ich mir, warum eigentlich nicht?