Rebella - Herz über Bord - Gabriele Diechler - E-Book
Beschreibung

Like Ice in the Sunshine! Katja schmilzt nahezu dahin, als sie den gut aussehenden Tanzlehrer Brian zum ersten Mal trifft. Und zu ihrem großen Glück leitet er auch noch den Tanzworkshop, an dem Katja während ihrer dreiwöchigen Karibik-Kreuzfahrt teilnimmt. Kann ein Urlaub noch genialer werden? Katja genießt die Zeit an Bord in vollen Zügen und verdient sich als Aushilfe im Restaurant sogar noch etwas dazu. Doch nach einem romantischen Strandausflug, inklusive erstem Kuss, geht Brian plötzlich auf Abstand. Katja ist völlig verstört: Steht Brian vielleicht doch mehr auf seine extrem selbstbewusste Tanzpartnerin Natou? Und was ist eigentlich mit ihrer Mutter und dem Kapitän des Kreuzfahrtschiffs los? Das Gefühlschaos ist perfekt!

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl:298

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

ISBN 978-3-649-61607-8 (eBook)

eBook © 2013 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

ISBN 978-3-649-61326-8 (Buch)

Buch © 2013 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Text: Gabriele Diechler

Umschlaggestaltung: Sara Vidal Peiró

Lektorat: Sara Mehring

Satz: Sabine Conrad, Rosbach

www.coppenrath.de

Wir fuhren auf der Florida State Road 886 und steuerten den Port of Miami an. Ich saß neben Mum auf der Rückbank des Taxis und war vor Aufregung ganz hibbelig.

»Gleich geht’s an Bord eines Luxusschiffs. Ich kann’s noch immer nicht glauben«, murmelte ich beglückt vor mich hin.

»Super, dass mein Beruf sich mal für dich auszahlt«, erwiderte Mum. Ihre Stimme strotzte nur so vor Tatendrang.

In ihrem ›Vorleben‹, so nannte Mum es, war sie Chefhostess auf verschiedenen Kreuzfahrtschiffen gewesen und hatte die sieben Weltmeere bereist. ›Vorleben‹, das war die Zeit ab 22 gewesen bis zu dem Moment, als ich mich angekündigt hatte. Von da an hatte meine Mutter nur noch Ersatzdienst geschoben, und auch das erst, nachdem ich eingeschult worden war.

Nun sollte ich erstmals mit auf große Fahrt gehen und ein paar nette Karibikinseln kennenlernen. Grand Turks auf den Turks-Inseln, La Romana in der Dominikanischen Republikund Curaçao und Aruba, ehemals Niederländische Antillen. Und natürlich würde ich auf hoher See sein.

»Glaubst du, ich erkenne dieMSC Harmonysofort? Angeblich baut man ja eine Beziehung zuseinemKreuzfahrtschiff auf, sobald man es zum ersten Mal im Prospekt gesehen hat.« Ich hatte mir vorgenommen, mir auf keinen Fall anmerken zu lassen, dass ich meine erste Kreuzfahrt antrat. Musste ja nicht jeder wissen, dass ich bisher nur bis nach Sylt und Italien, genauer gesagt bis nach Cáorle, gekommen war – und einmal mit der Schule nach London. Mein Vater litt unter Flugangst und Mum hatte bereits die ganze Welt gesehen. Deshalb waren wir als Familie nicht viel herumgekommen.

Ich wollte alles ganz cool und gelassen angehen. Allerdings war ich mir nicht so sicher, ob mir das auch gelingen würde. Meine beste Freundin Inka, die ich zu Hause beinahe täglich sah, behauptete nämlich, ich würde emotional heiß laufen, wenn mich etwas beeindruckte. Und eine Kreuzfahrt in die Karibik gehörte definitiv zu den Dingen, die einen beeindrucken konnten.

Mum deutete auf meine Beine, die aufgeregt hin und her wippten. »Sag mal, bist du so nervös, weil du Angst hast, gleich das falsche Schiff zu besteigen?« Sie lachte vergnügt auf.

Oh, verdammt! Es ging schon los. Mein Körper, besser gesagt meine Beine, gehorchten mir nicht mehr. »Quatsch«, entgegnete ich etwas patziger, als ich gewollt hatte. »Ich hab einfach ’ne Menge Energie.«

»Na dann ist es ja gut«, murmelte Mum und steckte ihre Nase schon wieder in den Reiseführer.

Ich war einerseits froh, dass sie sich nicht länger mit meiner Nervosität beschäftigte – die leider gar nicht cool wirkte –, andererseits aber auch beunruhigt, weil sie den Reiseführer offenbar auswendig lernen wollte.

»Die Hafenanlage befindet sich auf einer künstlichen Insel im Atlantik – Dodge Island – und ist durch eine vierspurige Brücke mit der Stadt verbunden«, las sie vor.

Erwartete sie etwa einen sinnigen Kommentar von mir? Ich hatte endgültig genug von der Vorleserei, die sich seit dem frühen Morgen hinzog, und klappte Mums Buch kurz entschlossen zu.

»Aufhören!«, verlangte ich. »Wir sind in Florida. Und ich bin nicht im Unterricht.« Ich seufzte laut. »Alles, was ich wissen will, ist, wie sich Puderzuckerstrände unter den Füßen anfühlen und wo ich am besten schnorcheln kann.«

Mum sah mich verdattert an. Offenbar begriff sie erst jetzt, dass sie mir mit dieser ständigen Informationsflut ziemlich auf die Nerven ging.

»Weißt du, für mich spielt es keine Rolle, wo genau sich die Hafenanlage befindet, wie viel Tiefgang ein Schiff hat oder was es mit dem Hubraum oder der Generatorleistung auf sich hat. Viel wichtiger ist doch, was an Bord Tolles passieren wird und wie die Stimmung in der Karibik so ist.«

Ich musste eine verzückte Miene aufgesetzt haben, denn plötzlich lächelte Mum. »Schon verstanden, Katja«, sagte siein nachgiebigem Ton. »Als ich in deinem Alter war, hat mich auch nur eins interessiert …« Sie machte eine bedeutungsvolle Pause, die mich rot werden ließ, weil ich ahnte, was nun kam. »Wie sich Verliebtsein anfühlt.«

Ich schwieg eisern, denn mein Beziehungsstatus ging Mum nun wirklich nichts an. Den diskutierte ich ausschließlich mit Inka.Big lovekannte ich bisher nur aus meinen heiß geliebten Büchern und den amerikanischen Komödien, die Inka und ich uns so gern reinzogen. Im echten Leben war mir leider noch nichts Weltbewegendes zum Thema Liebe passiert.

Ich griff nach derNeon, die neben mir lag, und begann, mir damit Luft zuzufächeln. Von einer Klimaanlage konnte man in diesem Taxi nur träumen. Doch wenn die Karibik auf einen wartete, konnte ein bisschen Hitze im Auto nicht stören. Ich schaute wieder nach draußen und ließ augenblicklich die Zeitschrift fallen. Meine Hand schoss nach vorn. »Da ist es«, rief ich beeindruckt, und Mum blickte in die Richtung, die ich vorgab.

»Die Biscayne Bay«, klärte ich sie auf, obwohl das natürlich nicht nötig war. Sie hatte sich bereits bestens informiert.

»Heimat des größten Kreuzfahrthafens der Welt«, konnte sie sich daher nicht verkneifen anzumerken. »Hier arbeiten weit über 150.000 Menschen.« Sie fing meinen mahnenden Blick auf und zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Ich bin dem Port Director mal über den Weg gelaufen und da erfährt man so einiges. Verflixt, wie hieß der gleich noch mal. Ah ja: Johnson. Bill Johnson. Wie Don Johnson, der den Cop in der KultserieMiami Vicegespielt hat. Weit vor deiner Zeit, Katja.«

Hatte ich schon erwähnt, dass Mum selten um eine Antwort verlegen ist?

Seit wir das Flugzeug in Hamburg bestiegen hatten, sprudelte es nur so aus ihr heraus. Sie war der reinste Informationsjunkie. Ich dagegen war eher der Typ, der sich Wissen durch Erleben erschloss. Und durch Beobachten.

Ich rückte noch eine Spur näher ans Fenster, um die schwimmenden Hotels mit meinen Augen aufzusaugen. Meterhohe Schiffe, die sich am Pier aufreihten und an Imposanz kaum zu überbieten waren.

»So spektakulär hab ich mir den Hafen nicht vorgestellt«, stellte ich beeindruckt fest.

»Pass auf, dass du aus dem Schauen herauskommst, wenn wir aus dem Taxi steigen. Ich hab keine Lust, dich gleich zu verlieren.«

»Typisch Mum«, entfuhr es mir. »Immer was am Regeln.«

Ich starrte weiter nach draußen auf die strahlend blaue Bucht und ließ meine Gedanken schweifen. Seit wir Hamburg bei Schmuddelwetter verlassen hatten, war eine Menge passiert.

Zuerst der zehnstündige Direktflug nach Amerika, der meine hitzige Nervosität nur noch angestachelt hatte. Und dann die Ankunft am Miami International Airport, wo es von interessanten Menschen und Situationen nur so wimmelte.

»Als Erstes fahren wir mit dem Metromover. Das ist eine geräusch- und abgasfreie Hochbahn, mit der man sich gut einen ersten Überblick verschaffen kann«, hatte Mum vorgeschlagen, kaum dass wir in unser Hotel eingecheckt und es mit luftigen Sommerkleidern am Körper wieder verlassen hatten.

»Super. Vor allem, weil die Fahrt kostenlos ist.« Ich hatte auf meinen Mini-Reiseführer gedeutet, in dem ich das Wichtigste nachschlug. Von dem hatte Mum noch nichts mitbekommen, weil sie sich ständig ihren 300-Seiten-Wälzer vors Gesicht hielt.

Die unzähligen Wolkenkratzer in Downtown Miami waren großartig. Ich hatte mich kaum an ihnen sattsehen können.

»Wenn man die sieht, begreift man, dass Miami inzwischen auch ein geschätzter Finanz- und Handelsplatz ist«, hatte Mum mir erklärt.

Ich hatte mich mit schwärmerischem Gesichtsausdruck umgeschaut. »Für mich ist die Stadt eher eine ArtWonderland! Hier funkelt und glitzert alles um die Wette und obendrauf gibt’s noch fantastische Strände.« Ich fand, das brachte es auf den Punkt.

Wir hatten uns das Art-déco-Viertel von Miami Beach vorgenommen: pastellfarbene Häuser, die aussahen, als ob sie mit Farben aus dem Malkasten getuscht worden wären, und ein zwanzig Kilometer langer Strand, der sich von der Südspitze von South Beach bis nach Sunny Isles erstreckte. Danach waren wir in den Venetian Pool gestiegen. Ein öffentliches Schwimmbad aus den Zwanzigerjahren mit Wasserfällen und Lagune.

Abends hatten wir Coconut Grove besucht – das schönste und älteste Stadtviertel mit engen Straßen und üppigem Grün.

»Glaubst du, wir schaffen noch Little Havanna?«

Mum hatte schmerzhaft das Gesicht verzogen und sich an den Rist gegriffen. »Sieht schlecht aus. Ich spüre meine Füße kaum noch.«

»Komm, lass uns die Schuhe ausziehen. Das hilft.« Ich war aus meinen Chucks geschlüpft und Mum aus ihren Sneakers – so eroberten wir auch noch die Hauptstadt der Exilkubaner und aßen in der Calle Ocho in einem schnuckeligen kubanischen Restaurant zu Abend.

Am nächsten Morgen hatte ich noch vorgeschlagen, uns die Everglades samt Alligatoren vorzunehmen. Nach acht Stunden Schlaf strotzte ich schon wieder vor Tatendrang.

»Spar dir das für einen Urlaub mit Inka auf.« Mum hatte mich kopfschüttelnd aus dem Hotel geschoben. Plötzlich war sie kein bisschen mehr an Bildung auf Reisen interessiert gewesen. Oder vielleicht hatte sie einfach Angst vor Alligatoren.

Ich erwachte aus meinem Tagtraum und konzentrierte mich wieder auf das, was nun vor uns lag. So spannend Miami auch war, ich konnte es kaum erwarten, an Bord derMSC Harmonyzu gehen. Ferien auf einem Fünf-Sterne-Kreuzfahrtschiff, das waren einfach grandiose Aussichten!

Mum griff nach ihrer Handtasche, der Kamera und der Einkaufstüte, in der sich ihre Last-Minute-Kosmetik befand. Gleich würde sie einen letzten Blick in ihren Taschenspiegel werfen, um ihr Aussehen zu überprüfen, und dann stünden wir schon am Pier. Bereit, die Gangway zu erklimmen.

»Jetzt, wo der eigentliche Beginn unserer Reise zum Greifen nah ist, sollte ich dich vermutlich überDe-undEmbarkationaufklären. Und über ein paar andere Kleinigkeiten, die du wissen solltest, bevor wir an Bord gehen«, sagte Mum in einem Ton, der die Chefhostess in ihr zum Vorschein kommen ließ. Sie klappte zufrieden ihren Taschenspiegel zusammen – alles okay in ihrem Gesicht – und setzte zu einer ausführlichen Erklärung an, doch ich fiel ihr ins Wort.

»Du meinst das Aus- und Einsteigen von Gästen und Crew?« Ich sah sie mit schelmischem Lächeln an. »Die, für die die Reise heute zu Ende gegangen ist, mussten schon umPunkt acht von Bord und wir, für die sie beginnt, checken lässig um vier ein«, referierte ich.

»Sieh an, da kennt sich jemand richtig gut aus.« Mum schenkte mir einen Blick, in dem stille Anerkennung lag.

»Man geht schließlich nicht jeden Tag auf Karibikkreuzfahrt«, erwiderte ich. »Außerdem fühlte ich mich als deine Tochter dazu verpflichtet, mich einzulesen.«

»Warum ziehst du mich ständig damit auf, dass ich mich ein bisschen informiere?«, fragte Mum kopfschüttelnd.

Ich lachte auf. »Einbisscheninformieren ist ja wohl die Untertreibung des Jahrhunderts!«

Ich stopfte dieNeonin meine Tasche und Mum schob sich die Riemchen ihrer Sandalen hoch. Startklar!

Als unser Taxi am Pier hielt, entdeckte ich ein Transparent vor der Gangway:The world ist waiting. Get out there!

»Nette Aufforderung«, murmelte ich, während ich meine Siebensachen zusammensuchte.

Ein Shuttlebus überholte uns und öffnete dann seine Türen. Ein Schwung Menschen stieg drängelnd und schubsend aus. Die Stimmung war lebhaft bis aufgekratzt.

Ich tippte Mum aufgeregt an die Schulter und deutete auf all die Menschen. »Ich finde, die sehen wie kleine krabbelnde Käfer aus. Hoffentlich beißen die nicht!«

»Dann beißen wir eben zurück.« Mum zeigte ihre Zähne und fauchte, und ich lachte, weil ihr aufgerissener Mund und ihre kleinen Augenschlitze zu komisch aussahen.

Doch dann wurde der Ausdruck meiner Mutter wieder geschäftsmäßig. »Hast du die Rufumleitung aktiviert und die Mailbox ausgeschaltet?«, wollte sie wissen, während sie in ihrem Portemonnaie nach Scheinen für den Taxifahrer suchte.

Ich nickte bekümmert und warf einen sehnsüchtigen Blick auf mein Smartphone in der Tasche. »Du bist zurzeit leider nur nette Dekoration«, klagte ich seufzend. Die Sache mit dem Handy war der Knackpunkt meiner Traumreise. Telefonieren war an Bord so teuer, dass man verrückt wäre, sein Handy zu benutzen. Doch immerhin wäre es möglich, zu mailen und zu skypen.

Mum war inzwischen aus dem Taxi gestiegen und sprach wild gestikulierend mit dem Fahrer, während ich wie festgewachsen auf der Rückbank saß und mich kaum vom Treiben draußen losreißen konnte.

Nach einer Weile klopfte Mum energisch gegen die Scheibe. »Träumen geht am besten auf einer Karibikinsel, Katja.«

Mein Kopf ruckte nach links. »Komme schon!«

Rasch griff ich nach meinen Taschen und stieg aus dem Wagen. Kaum draußen, spürte ich, wie die Hitze des Nachmittags mir mit voller Wucht entgegenschlug. Es fühlte sich an wie unter einem Heizstrahler.

Ich atmete tief durch und ließ meinen Blick erneut über den Hafen schweifen. Vor der Absperrung, die zur Gangway führte, war ein Stand aufgebaut worden, an dem Sekt ausgeschenkt wurde. Dort hatte sich bereits eine ansehnliche Menschenschlange gebildet. Die Passagiere prosteten einander zu, tranken und bemerkten kaum, dass sie warteten.

Schließlich blieb mein Blick an derMSC Harmonyhängen. Unser schwimmendes Zuhause erstrahlte in elegantem Weiß und ragte mehrstöckig vor mir auf. Wuchtig und groß. Ich nahm den Fotoapparat aus Mums Kameratasche und schoss ein paar Bilder. Meine Mutter ließ sich kommentarlos von mir dirigieren und machte zum Abschluss ein paar hübsche Aufnahmen von mir vor der Hafenkulisse.

»Offenbar muss man sich mit Geduld wappnen, um an Bord zu kommen«, seufzte ich, als ich die Kamera wieder in der Tasche verstaute.

Die Menschenschlange war inzwischen weiter angewachsen. Es dauerte sicher eine Stunde, bevor wir an einem der Decks ankommen würden.

»Keine Angst«, beruhigte mich Mum. Sie hatte meinen sorgenvollen Blick aufgefangen. »Wirstehen hier bestimmt nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag, sondern sind schneller an Bord, als du dir vorstellen kannst.«

Die Kreuzfahrt, die in Miami ihren Anfang nahm, würde für Mum und mich ein bisschen anders verlaufen als für die anderen. Wir waren keine gewöhnlichen Passagiere.

Vor wenigen Wochen hatte in Hamburg abends das Telefon geklingelt. Vera, eine Kollegin, mit der Mum früher gearbeitet hatte, war am Apparat gewesen. Sie hatte sich das Bein gebrochen und saß nun mit einem Gips zu Hause fest. Deshalb sollte meine Mutter als Chefhostess für sie einspringen. Aufgrund ihrer Beziehungen hatte Mum es geschafft, auch noch einen Ferienjob für mich zu besorgen. Als Runner.

»Runner sind die Hilfskräfte der Kellner«, hatte sie mir an jenem Abend erklärt.

»Ich muss also die Teller und Gläser nach jedem Gang abräumen?«

»Während der gesamten Reise über 2490 Seemeilen und ein paar Zerquetschte«, bestätigte Mum lächelnd.

Auch wenn es im ersten Moment nach mächtig viel Arbeit und jeder Menge dreckigem Geschirr klang, fand ich die Vorstellung, die Osterferien als Runner an Bord eines Karibik-Luxusliners zu verbringen, sehr verlockend.

»Stell dir die Reise so vor: Ein paar Stunden am Tag arbeitest du und den Rest liegst du als umsorgter Passagier am Pool, nimmst an Landgängen teil und genießt das Schiff. Und das bei guter Bezahlung«, hatte Mum mir das Ganze schmackhaft gemacht.

Ich mochte es, eigenes Geld zu verdienen. Es sicherte mir ein Stück Unabhängigkeit. Und mal davon abgesehen, warteten auf mich Traumstrände, Reggae-Sound, Kokosnuss-Drinks und das nicht enden wollende Meer im 360-Grad-Winkel, während ich in einem schicken Bikini am Pooldeck läge! Ich hatte also begeistert eingewilligt.

Als meine Mutter nun ihr Telefon aus der Tasche kramte, um Papa anzurufen, fiel mir Inka ein. »Kann ich einen allerletzten Anruf von deinem Handy aus machen?« Ich sah Mum mit flehendem Blick an.

»Aber fass dich kurz, ja?«, bat sie. Ich nickte und zwängte mich an einer Gruppe von Leuten vorbei, um mir ein ruhigesPlätzchen zu suchen. Etwas abseits vom Getümmel tippte ich Inkas Nummer ein. Es dauerte nicht lange, bis sie am Apparat war.

»Hallo, Inka.«

»Katja!« Inkas warme Stimme drang an mein Ohr. »Bist du etwa schon an Bord deines Traumschiffs?«

»Nö. Noch im Hafen von Miami. Ich wollte noch mal anläuten und fragen, wie’s dir geht.«

Inka ließ ein schweres Seufzen hören. Sie hatte sich vor zwei Wochen von Sven, ihrem Freund, getrennt und litt nun unter fürchterlichem Liebeskummer. »Ich komm schon klar. Mach dir keine Sorgen. Das passt nicht zu Karibik, Kreuzfahrten und so«, versuchte sie mich zu beruhigen.

»Ach, Süße! Du musst nicht tapfer sein. Ich weiß doch, wie’s in dir aussieht.« Um mich herum scharten sich immer mehr Menschen. Mein annehmbar ruhiges Plätzchen würde nicht mehr lange eins sein. »Sobald ich an Bord bin, schick ich dir eine Mail. Auf dem Schiff gibt es überall kostenloses WLAN.«

»Hey, wie praktisch ist das denn?« Ich hörte Inka leise schniefen. Sicher hatte sie eben noch geweint, wollte es aber nicht zugeben, weil sie annahm, sie vermiese mir dadurch den Urlaub. »Versprich, dass du mir alles, was an Bord abgeht, brühwarm schreibst. Und skypen müssen wir natürlich auch.«

»Ich halte jede Sekunde für dich fest«, versprach ich.

Inka seufzte erneut. »Und jetzt hören wir besser auf. Vonwegen Kosten und so.« Typisch Inka. Trotz ihres Kummers war sie immer noch total pragmatisch.

»Also dann, bis bald. Pass auf dich auf«, rang ich mir mit wehmütiger Stimme ab.

»Du auch«, entgegnete Inka. Sie klang traurig. Ich schickte meiner besten Freundin einen letzten Kuss durchs Handy und legte schweren Herzens auf.

Verflixt, wieso musste ich auf Kreuzfahrt gehen, wenn Inka in so schlechter Verfassung war? Das war nicht fair. Einen Moment lang starrte ich auf das stumme Handy in meiner Hand und fühlte mich miserabel, weil ich meine beste Freundin nicht sehen und ihr beistehen konnte. Ich kannte mich mit Liebeskummer nicht besonders gut aus, aber Ablenkung und tröstende Worte waren bestimmt das richtige Mittel dagegen. Am besten würde ich versuchen, Inka mit vielen Neuigkeiten vom Schiff abzulenken. Das brachte sie zumindest auf andere Gedanken.

Entschlossen tat ich ein paar Schritte und blickte mich dann irritiert um. Verdammt! Wo war denn jetzt Mum abgeblieben? Ich war während des Telefonats ziellos vor mich hin marschiert, ohne darauf zu achten, wie weit ich mich von der Stelle, an der wir uns getrennt hatten, entfernte. Nun konnte ich sie nirgends entdecken. Ich eilte an der Gangway vorbei und suchte die nähere Umgebung ab. Offenbar waren während meines Gesprächs mit Inka weitere Busse angekommen und hatten ihre lebende Fracht am Hafen abgeliefert – was die Sache nicht gerade erleichterte.

Nach einer Weile vergeblichen Suchens wurde mir langsam mulmig zumute. Inzwischen war derart viel los, dass es vermutlich eine Weile dauern würde, bis ich Mum zwischen all den Fremden gefunden hatte.

Ich drehte mich ein paar Mal um die eigene Achse, umrundete verschiedene Gruppen von Menschen, die mich gar nicht wahrnahmen, und dann sah ich sie endlich: Sie stand ein paar Meter von mir entfernt und sprach mit einem Mann, der helle Leinenhosen und ein froschgrünes Hemd trug. Er drehte mir den Rücken zu, sodass ich sein Gesicht nicht erkennen konnte.

Im Zickzackschritt begann ich, mich auf die beiden zuzubewegen. Als ich mich Mum und dem Fremden bis auf wenige Schritte genähert hatte, hörte ich den Rest ihres Gesprächs: »Wenn ich gewusst hätte, dassduhier bist, hätte ich niemals zugesagt, für Vera einzuspringen …« Mums Stimme klang mächtig aufgeregt und brach plötzlich ab. Ich verharrte kurz.

»Ichbin jedenfalls froh, dass wir uns endlich wieder begegnen. Für meinen Geschmack ist es nämlich höchste Zeit, ein paar Fragen zu klären. Bist du eigentlich mit deiner Tochter hier?« Die Stimme des Mannes mit dem grünen Hemd war ruhiger als die von Mum, doch auch aus ihr glaubte ich Anspannung herauszuhören. Er drehte mir immer noch den Rücken zu. Sollte ich die beiden unterbrechen?

Da gab Mum einen kurzen unterdrückten Schrei von sich. Alarmiert horchte ich auf. Was wollte dieser Kerl von meiner Mutter? Und weshalb fragte er überhaupt nach mir? Mit meiner Rücksicht war es ein für alle Mal vorbei.

»Hallo! Mum! Ich bin hier«, rief ich.

Die blickte auf und entdeckte mich zwischen den anderen Passagieren. Ihre Augen waren schreckgeweitet und ich schob mich energisch durch die Menge.Noch zwei, drei Schritte und du bist bei ihr, Katja.

In diesem Augenblick packte mich jemand mit festem Griff, schloss mich in die Arme und drückte mich fest an sich.

»Hanna! Wie schön, dich endlich wiederzusehen!«, rief er dabei.

Im ersten Moment wusste ich nicht, wie mir geschah. Dann presste ich meine Hände fest gegen die Brust des unbekannten Umarmers. »Loslassen! Hier liegt eine Verwechslung vor.«

Der unfreiwillige Drücker bemerkte den Irrtum und lockerte seinen Griff. »Oh, da hab ich wohl die Falsche erwischt!«, entschuldigte er sich lachend.

»Kein Problem. Ich hab’s ja überlebt«, erwiderte ich, eilte weiter und kam endlich bei meiner Mutter an.

Mit hängenden Schultern und ihrer Tasche als Schutzschild vor dem Oberkörper stand sie da. Von dem Mann, mit dem sie so scharf gesprochen hatte, war weit und breit nichts zu sehen. Er musste in diesem Moment im Menschengewimmel verschwunden sein.

»Wo ist der Typ hin, mit dem du gerade geredet hast?« Ich sah mich um, konnte aber nirgends einen grünen Klecks in der Menge ausmachen. Mum war kreidebleich. So, als hätte ich sie bei etwas Verbotenem ertappt.

»Du bist ja weiß wie die Wand.« Ich legte schützend denArm um sie. »Ist dir schlecht?« Inzwischen machte ich mir ernsthafte Sorgen. Mum schien meine Unruhe zu spüren und riss sich zusammen. Langsam kehrte die Farbe in ihr Gesicht zurück.

»Alles okay. War nichts Wichtiges«, behauptete sie. Ich sah ihre Augen flackern, während ein schiefes Lächeln sich in ihrem Gesicht ausbreitete. Es wirkte falsch und aufgesetzt. »Erzähl lieber, wie es Inka geht. Du hast sie doch angerufen, nicht wahr? Lässt Sven sie endlich in Ruhe?« Mum nahm mir das Handy weg, das ich immer noch in der Hand gehalten hatte, und steckte es in ihre Tasche.

»Hey, lenk nicht ab. Jetzt geht’s nicht um Inka, sondern um dich.« Ich fasste Mum am Arm, um sie wachzurütteln. »Was hat dieser Typ mit dir und mir zu schaffen? Wieso hat er überhaupt nach mir gefragt?« Ich spürte, wie meine Worte an Kraft gewannen. Dass es mir ernst war, entging auch Mum nicht.

»Das war jemand von früher, der sich nach meinen letzten Jahren erkundigt hat«, sagte sie mit dünner Stimme.

»Und nach mir«, fügte ich an. »Vergiss nicht, dass er sich auch nach mir erkundigt hat. Auf ziemlich geheimnisvolle Weise, wie ich finde.«

Mum blickte zu Boden, als müsse sie dort nach etwas suchen. Als sie wieder aufsah, war ihr falsches Lächeln endgültig verschwunden. »Das Ganze ist es nicht wert, ans Tageslicht gezerrt zu werden. Was Berufliches, an das ich nicht gern zurückdenke.« Mums Körperhaltung war verschlossen wie eineAuster. Hochgezogene Schultern, verkniffener Mund. »Ich schlage vor, wir gehen jetzt an Bord.«

Offenbar fand sie die Situation keines Wortes mehr würdig. Egal, wie ich darüber dachte.

Ich spürte, wie Unverständnis und Wut in mir wuchsen. Wie oft war mir von Mum eingeschärft worden, Frauen müssten sich durchsetzen, um das zu bekommen, was ihnen zustand. Auch heute noch. Und nun sollte das nicht mehr gelten? Ich war 17 und normalerweise behandelte sie mich nicht wie ein kleines Kind. Warum tat sie es plötzlich doch?

»Mum … Sag doch, was los ist«, bat ich inständig.

»Wir können darüber reden, wenn wir zurück in Hamburg sind. Falls dich diese Nebensächlichkeit dann noch interessiert.«

»Mum!«, versuchte ich es ein letztes Mal mit einer Stimme, in der mehr Verzweiflung lag, als ich wollte. Doch umsonst – ihr Blick sagte mir, dass ihre Lippen versiegelt waren. Egal, was ich auch sagte oder täte.

»Also gut«, gab ich enttäuscht nach. »Für den Moment ist wohl nichts aus dir herauszubekommen. Aber mach dich darauf gefasst, dass ich an der Sache dranbleibe.«

Schweigend erklommen wir die Gangway. Beide verstimmt.

Nach einer Weile begann Mum, von etwas anderem zu sprechen. »Übrigens wartet an Bord eine Überraschung auf dich«, verkündete sie.

Ich war mir nicht sicher, ob das nur ein spontaner Einfallwar, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Trotzdem blieb ich auf halber Höhe, mitten auf der Gangway, stehen und sorgte damit für einen kurzfristigen Stau.

»Eine Überraschung? Was denn?«

»Vorläufig bleibt es dabei,dasses eine Überraschung gibt. Alles Weitere erfährst du morgen«, machte sie es spannend.

»Groß was ankündigen und einen dann im Regen stehen lassen … Wie fies ist das denn?«, murrte ich.

»Wo wir schon vom Wetter sprechen …« Mums Laune schien sich wieder zu bessern. »Zu Hause in Hamburg nieselt es bei acht Grad. Dazu weht ein ungemütlicher Wind. Papa trägt einen Wollpullover. Ganz im Gegensatz zu uns«, sagte sie und deutete auf mein pinkfarbenes Neckholder-Shirt. Mums Worte zeigten Wirkung. Ich war froh, keinen kratzigen Pulli tragen zu müssen, sondern dieses coole Top, das ich noch kurz vor unserer Abreise bei einer Shopping-Tour mit Inka ergattert hatte – so eine Kreuzfahrt musste schließlich auch klamottentechnisch bestens geplant werden!

Was soll’s, Katja!, sprach ich mir gut zu. Die Sonne scheint und du stehst auf einem abfahrbereiten Karibikkreuzer! Da solltest du das mit dem Sorgenmachen bleiben lassen.

Vielleicht handelte es sich bei dem Gespräch zwischen Mum und dem mysteriösen Unbekannten tatsächlich um etwas, das heute keine Bedeutung mehr hatte. Dann wäre alles Herumgrübeln nur absolute Zeitverschwendung.

»Wow!« Ich schob mir die Sonnenbrille ins Haar und blieb einen Moment sprachlos stehen. Mein Blick flog hin und her, um die Schönheit um mich herum aufzunehmen. Wände, mit edlem Holz vertäfelt, und Böden, ausgelegt mit roten Teppichen. Und zur Krönung baumelten Lüster über mir, die ich auf einem Schiff nicht erwartet hätte – eher in einem Schloss!

»Meine Güte, das ist Luxus pur. Die Lobby ist der Hammer!«, schwärmte ich.

»Wie erfrischend, wenn jemand sich ordentlich freut. Herzchen, Sie kriegen sich ja gar nicht mehr ein«, krächzte ein Herr mit sorgfältig gescheiteltem Haar, der prustend neben uns ankam.

»Wer sich an Bord eines solchen Riesenschiffs nicht freut, ist selber schuld«, entgegnete ich freundlich.

»Wie wahr!«, fand der ältere Herr. »Darf ich mich vorstellen? Prof. Werner Ucker. Früher mal wichtig, heute nur noch Pensionär.«

Ich schmunzelte und hielt ihm die Hand hin. Mir gefiel, dass er sich selbst aufs Korn nahm. »Katja Asmussen. Kreuzfahrt-Greenhorn«, stellte ich mich vor. Dann deutete ich aufMum. »Und das ist Bettina Asmussen. Chefhostess hier an Bord und nebenbei meine Mutter.«

Prof. Ucker begrüßte Mum mit angedeutetem Handkuss und zwinkerte mir zum Abschied zu, bevor er gemütlich weitertrottete. Eine Blondine um die siebzig, die wegen ihrer Killer-High-Heels kaum mit ihm mithalten konnte, blickte mit gepflegter Langeweile an uns vorbei, während sie ihm folgte.

Ich schaute den beiden mit gerunzelter Stirn hinterher. »Seltsames Paar. Die passen gar nicht zusammen.«

»Die Passagiere sind immer eine bunte Mischung. Freundlich, überkandidelt, verschroben, abgehoben, lustig – es ist alles dabei«, erzählte Mum.

Mein Vater tat mir plötzlich leid. Er schrieb gerade ein Sachbuch zu einem Wirtschaftsthema und hatte deshalb, und natürlich auch wegen seiner Flugangst, nicht mitkommen wollen. Angesichts des spektakulären Schiffs war ich mir allerdings nicht sicher, ob er sich richtig entschieden hatte.

Während wir weitergingen, begann Mum mit den ›kleinen Details am Rande‹, wie sie es nannte. »UnsereLadyhat 204 Suiten, 408 Passagiere, 7 Decks und 285 Crewmitglieder. Sie ist knapp 200 Meter lang und ist 2011 frisch renoviert worden«, ratterte sie herunter. »Ach ja, Rolltreppen und Aufzüge gibt es auch. Du befindest dich also im Zentrum eines klassischen Kreuzfahrtschiffs, das keine Wünsche offenlässt.«

Ich blies laut die Luft aus. »Wenn Inka hier wäre, bliebe ihr gar keine Zeit, jemals wieder an Sven zu denken.«

»Da hast du wohl recht«, stimmte Mum zu. Sie wusste über Inka und Sven Bescheid – zumindest in groben Zügen – und war der Meinung, Inka würde ›die Sache‹ rasch überwinden. Ich war anderer Ansicht. Inka nahm sich das Aus mit Sven sehr zu Herzen.

»Lass uns unsere Kabinen suchen und auspacken«, schlug Mum vor.

Sie schnappte sich meine Hand und zog mich hinter sich her. Ich sah sie von der Seite an und entdeckte eine tiefe Falte zwischen ihren Augenbrauen, die mir heute zum ersten Mal auffiel. Das Gespräch mit dem Mann im grünen Hemd drängte sich erneut mit Wucht in mein Bewusstsein. Aufpassen, Katja!, flüsterte eine innere Stimme mir zu. Hatte Mum vielleicht doch Angst vor diesem Kerl? Nur, wieso?

Ich war davon ausgegangen, dass der Platz an Bord eines Schiffes begrenzt war und wir uns deshalb eine Kabine teilen mussten. Doch Fehlanzeige: Mum hatte eine für mich allein gebucht. Klein, aber mit Flatscreen, Schreibtisch, Kuschelbett und einem Balkon mit Blick aufs Meer.

»Winzig, aber trotzdem oho«, rief ich begeistert, als ich die Kabine betrat. Hier hatte ich wenigstens meine Privatsphäre.

»Schön, nicht wahr? Man nennt diese Zimmer Mini-Suiten. Ach, und bevor ich es vergesse: Das hier ist deine Crew-card, Katja. Pass gut darauf auf. Sie ist Kabinenschlüssel und Bordkreditkarte in einem.« Mum drückte mir ein Plastikkärtchen in die Hand.

Als ich über den Teppich glitt, der jeden meiner Schritte verschluckte, um hinaus auf die Veranda zu treten, hüpfte mein Herz. Das Wasser lag wie eine Verheißung unter mir, und die Vorstellung, schon bald an irgendeinem Traumstrand zu liegen und ins Meer abzutauchen, war großartig. Mr Unbekannt und die Unstimmigkeiten zwischen meiner Mutter und mir waren plötzlich wieder vergessen.

»Lass uns nach dem Gepäck sehen. Vielleicht sind deine Koffer schon da«, meinte Mum, als ich keine Anstalten machte, den Balkon je wieder zu verlassen.

Wir suchten jeden Winkel meinerSuiteab, doch vom Gepäck war nirgends etwas zu entdecken.

Als ich mich aufs Bett plumpsen ließ, um die Matratze zu testen, scheuchte Mum mich sofort wieder hoch. »Steh auf, Faulpelz. Je eher du die anderen kennenlernst, umso schneller fühlst du dich hier heimisch.«

»Aye, aye, Wirbelwind!« Ich tippte mir an die Stirn und folgte meiner Mutter hinaus auf den Gang.

Kaum waren wir unterwegs, wurde sie auch schon von einigen Crewmitgliedern begrüßt. »Hallo, Bettina! Mal wieder im Dienst?«, freute sich ein Matrose.

Jemand anders umarmte sie sogar. »Bettina Asmussen ist an Bord. Dann ist ja für gute Stimmung und einen reibungslosen Ablauf gesorgt!« Überall gab es freundliche Worte.

»Du musst zu deinen aktiven Zeiten eine große Nummer gewesen sein.« Ich war stolz auf meine Mutter.

»Man tut, was man kann.« Mum zwinkerte mir zu.

»Nein, echt«, meinte ich. »Alle bringen dir so viel Freundlichkeit entgegen. Ich finde das richtig toll.«

»Lieb, dass du das sagst.« Meine Mutter legte den Arm um mich und drückte mich fest an sich. Dann schob sie mich weiter, wild entschlossen, mich überall herumzuführen.

Bald enterten wir das Mooring Deck, den vorderen Teil des Schiffs. Wir standen am Bug und ließen uns den kaum vorhandenen Wind um die Nase wehen. »Das ist das Ankerdeck«, erklärte meine Mutter. »So eins gibt’s achtern und am Bug. Auf See werden sie auch mal zum Sonnen genutzt.«

Ich sah die großen Leinen, mit denen das Schiff festgemacht war, wenn es im Hafen lag. Mum erläuterte alles, was ihr auf die Schnelle einfiel. Die Infos über die Gepflogenheiten an Bord nahmen kein Ende. Nach ein paar Minuten draußen gingen wir wieder hinein und kamen bald darauf in die sogenannte Offiziersmesse. Dort hielten sich Männer in weißen Uniformen mit blauen Streifen am Arm auf. Einige nickten uns freundlich zu.

»Das hier ist das kleinere, edlere Pendant zur Crewmesse, dem Aufenthaltsraum und Speisesaal für die Besatzung«, klärte Mum mich auf und stellte mich dann den anderen vor. »Das ist Katja, meine Tochter. Und falls ihr es noch nicht wisst: Ich bin Bettina Asmussen und springe während dieser Reise für Vera ein.«

Allgemeines Tischeklopfen folgte und sogar ein paar Pfiffe tönten durch den Raum.

»Willkommen, Ladies!«, rief ein junger Offizier.

»Hast du schon deine Manning Number?«, fragte mich ein Mann um die dreißig. Er hatte pechschwarze Haare und ein sympathisches Grübchen im Kinn.

»Was ist das denn?« Ich hatte keinen blassen Schimmer, was eine Manning Number war.

»Die Manning-Listen hängen an einigen Stellen im Crewbereich aus«, sagte meine Mutter. »Und deine persönliche Manning Number steht auf deiner Crewcard.«

Wir grüßten noch einmal und verließen dann die Offiziersmesse. »Und was hat es nun mit dieser Nummer auf sich?«, fragte ich nach. Mein Kopf schwirrte schon von neuen Infos, aber ich fand, es wäre gut zu wissen, was auf mich zukam. Je eher, desto besser.

»Jedes Crewmitglied bekommt eine Notfallaufgabe zugewiesen«, druckste Mum herum.

»Redest du über so was wie Evakuierung?«, setzte ich an.

Meine Mutter nickte verhalten. »Nicht gerade das prickelndste Thema. Sorry, Schatz. Aber du bekommst dazu auch noch eine Einführung, bevor es losgeht.«

»Schon in Ordnung. Ich bin an Bord dieses Schiffes, ich werde hier arbeiten und ich möchte Bescheid wissen«, entgegnete ich ernst.

Trotzdem musste ich schlucken. Über einen eventuellen Notfall hatte ich keinen Moment nachgedacht. Weder als die Reise geplant wurde noch seit ich an Bord war. Natürlich hatte ichTitanicmit Leonardo di Caprio und Kate Winslet gesehen und dabei Rotz und Wasser geheult … Aber das war ebennur ein Film gewesen. Ich spürte, wie mir mulmig wurde, und musste schnellstens an etwas anderes denken als an die Titanic und eine Liebe, die wegen eines gesunkenen Schiffs zerbrochen war. Die vielen Sicherheitschecks, die ein Kreuzfahrtschiff über sich ergehen lassen musste, fielen mir ein. Alles befand sich auf dem neuesten Stand der Technik. Daran bestand überhaupt kein Zweifel.

In diesem Moment lief eine Gruppe von Filipinos an uns vorbei. Ich fing ein paar Sprachfetzen auf, verstand aber nicht das Geringste.

Mum musste meinen fragenden Gesichtsausdruck bemerkt haben und klärte mich auf: »An Bord arbeiten recht viele Menschen von den Philippinen. Sie sprechen Tagalog – eine Mischung aus Stammesdialekten und dem Spanisch der Missionare. Aber keine Sorge«, Mum lachte, »im Dienst sprechen die Filipinos alle Englisch.«

»Na, hoffentlich klappt es dann mit der Verständigung.« Vor den Unterhaltungen auf Englisch hatte ich noch ein wenig Respekt – aber natürlich waren auf derMSC HarmonyLeute aus allen möglichen Ländern unterwegs. Ich seufzte. Eine Kreuzfahrt war eben nicht nur ein Aufenthalt auf einem Schiff, sondern auch der Eintritt in eine neue Welt.

Als wir die Küche betraten, blieb ich erschrocken stehen. In derEssensfabrik, wie ich den Ort im Stillen sofort taufte, vibrierte es, dass einem der Kopf schwirren musste, wenn man sich hier einige Stunden aufhielt. Unzählige Menschen rannten herum oder drängten sich aneinander vorbei, riefen, fluchten und lachten.

»Das ist kein Arbeitsplatz, sondern ein Bienenstock!«, stöhnte ich auf.

»In der Küche ist die Stimmung oft angespannt«, versuchte Mum, es milde auszudrücken.

Ich schaute mich ungläubig um. »Hier ist es wie kurz vor einer Prüfung. Ach was, vor zweien.«

»Bettina Asmussen?« Ein Mann um die vierzig hatte sich aus der Menge gelöst und kam eilig auf uns zugelaufen. Er hatte offenbar keine Zeit zu verlieren.

»Bin ich«, bestätigte meine Mutter.

»Tim Borow.« Der Mann lächelte freundlich. »Der Hot Man. Wir hatten noch nicht das Vergnügen«, stellte er sich vor. Tim Borow hatte eine laute tiefe Stimme, aber freundlich blickende Augen, die einem das Gefühl von Vertrauen gaben.

Trotzdem war ich verwirrt. Hot Man?! War der Typ so vonsich selbst überzeugt? Meine Mutter fing meinen fragenden Blick auf und flüsterte mir schnell zu: »Hot Man ist die Abkürzung für Hotelmanager!« Dann stellte sie mich als ihre Tochter vor und erzählte, dass ich sowohl Runner als auch normaler Passagier sei.

Der Hot Man grinste. »Hat deine Mutter dir schon die Mannschaft vorgestellt?«

»Na ja, einen verschwindend geringen Teil davon, schätze ich mal«, gab ich zu.

»Es gibt das Deck-, Engine-, Hotel- und Cruise Department. Das nur, um dich ein bisschen zu verwirren. Und die Konzessionäre. Aber die gehören streng genommen nicht zur Crew«, meinte er kurz und knapp.

»Weshalb ich die sofort wieder vergessen werde«, versprach ich und grinste ebenfalls. Der Hot Man gefiel mir. Er wirkte sehr offen und schien Humor zu haben.

»Bist du bereit für deinen Job?«, wollte er nun von mir wissen, während er uns in eine Nische der riesigen Küche dirigierte, in der wir zumindest nicht umgerannt werden konnten. Ich nickte rasch. »Wenn du freundlich und aufmerksam bist, bekommst du eine Menge Trinkgeld.«

»Na also, bald werde ich im Geld schwimmen.« Ich lächelte noch immer zuversichtlich. »Nein, im Ernst, das mit dem Job schaffe ich schon«, war ich mir sicher. Ich wollte entschlossen wirken und keinesfalls das Nesthäkchen sein, das keiner ernst nahm.

Der Hot Man schien das zu spüren. Jedenfalls nickte er anerkennend. »Ganz schöntough,young lady. Wenn’s was gibt, komm zu mir.«