Red Sails 2 - Annie Eisenhardt - E-Book

Red Sails 2 E-Book

Annie Eisenhardt

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Beschreibung

Der Stolz der Rosen wurde gebrochen und mit ihm ein Schwur, der Zanduns Tränen hätte vereinen sollen. Luziana und Finn versuchen verzweifelt, die anderen Korsaren um sich zu scharen, während die Uhr des Maxims weiterhin verschollen scheint. Doch ihnen läuft die Zeit davon. Der Widerstand, angeführt von Lord Baltau, ist bereit, endlich Stellung zu beziehen. Mitten unter ihnen ein Bastard, der eigentlich nur überleben wollte und plötzlich als Spion fungiert. Auch John kämpft mit geteilten Loyalitäten. Einer Luciana de la Rose widersteht man nicht so leicht. Nur setzt er mit seinen verbotenen Gefühlen, den Ausgang eines ganzen Krieges auf's Spiel, sollte er sie doch eigentlich umbringen. Zumindest Serena scheint endlich eine Art Frieden auf Ereborn gefunden zu haben. Nur währt dieser auf den Tränen bekanntermaßen nicht besonders lang. Wenn das Feuer erlischt und alles Gold geschmolzen ist, bleibt nur noch Asche in einem Bett aus Blut zurück.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Red Sails
Die Farbe des Blutes
Annie Eisenhardt
Impressum:
1. Auflage
Copyright © 2024 Annie Eisenhardt
Alle Rechte vorbehalten
Cover: Sternfeder Verlag mit lizensierten Bilddateien von Adobe Stock
Lektorat: Sternfeder Verlag
Herausgegeben von: Sternfeder Verlag
www.sternfederverlag.de
Distribution: Westarp Verlagsauslieferung GmbH
Verlagslabel: Sternfeder Verlag
                             Bogenstr.8
                             58802 Balve
Druck und Distribution im Auftrag des Verlags.
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig.
Widmung
Für den Blick nach vorne,
das Ziel vor den Augen
und die Hoffnung im Herzen.
Playlist
Johnny - Rosenstolz
Enemy - Imagine Dragons
Sharks - Imagine Dragon
Daughter of the Sea - Sharm
Paint it black - The Rolling Stones
Nightshade - The Lumineers
Become the Beast - Karliene
I see red - Everybody Loves an Outlaw
Twisted Tailes - Joni Fuller
Queen of Kings - Alessandra
How Villains Are Made - Madalen Duke
Shadow - Livingston
Valhalla Calling - Miracle Of Sound
The Four Seasons: Concerto No. 2 „L‘estate“ III.Presto - Antonio Vivaldi
Everybody Wants To Rule The World – Lorde
Was bisher geschah…
Zirkaria steht kurz vor einem Krieg mit der Südprovinz Zandun. Der einstige Gouverneur John Baltau ist vor über einem Jahr verschwunden und auch sein Nachfolger Aleksey Bernajevo konnte sich nur kurze Zeit im Amt halten. Während die Provinz von dem florierenden Handel in ihrer Hauptstadt Trilla profitiert, weigert sich die dort ansässige Handelsgilde ihre Pflichtabgaben in den Norden nach Zirkaria zu übersenden. Demzufolge hat das überbevölkerte und karge Nordland einen harten Winter hinter sich, in dem viele Mitglieder der armen Bevölkerung Hunger und Kälte erlegen sind.
Also hat der dortige Herrscher, der Maxim, eine Kriegsdrohung ausgerufen, um Zandun zu seinen Abgaben zu zwingen. In der Nacht der Verkündigung flieht Serena Severin, die Enkelin des Maxims, in den Süden fort von John Mainardt, den Sohn und Erben einer der mächtigsten Familien des Landes. Die Ehe zwischen ihnen hätte die Nachfolge des Throns von Zirkaria besiegelt. Doch Serena will sich nicht in eine lieblose Ehe zwingen lassen und entscheidet sich zur Flucht. Natürlich verfolgt John sie in das verfeindete Land. Neben dem Ziel, Serena zu retten, will er außerdem einen Handel mit Zandun eingehen, um einen Krieg und dessen tödliche Folgen zu umgehen.
Währenddessen leben im Sünden von Zandun auf den Inseln der Tränen die acht Korsaren im Zwist miteinander. Als Seeräuber bestehlen sie die Handelsschiffe der Zirkarier und verkaufen die Güter teuer weiter. Ihnen ist bewusst, dass sollte es zu einem Krieg kommen, Zirkaria diesmal nicht nur Zandun erobern wird, sondern auch die Tränen für sich einnehmen will. Das Land birgt große Reichtümer und die Korsaren sind schon zu lange ein Ärgernis für die Nordlande.
Da die Korsaren untereinander zerstritten sind, erkennt Luziana de la Rose, die Tochter des ersten Korsaren, dass der Krieg gegen Zirkaria nicht mit herkömmlichen Mitteln gewonnen werden kann. Sie und ihr treuer Verlobter, Finnley Morgan, bestehlen den zweiten Korsaren um ein magisches Artefakt. Einen Schlüssel, der sie zu der Uhr des Maxims bringen soll. Die Uhr, so heißt es, besitzt unendliche Macht und könnte den Sieg für die Korsaren bedeuten. Im Weg steht ihnen dabei Leander Chevandez, der Sohn des zweiten Korsaren und Luzianas ehemaliger Geliebter. Einst haben sie sich geschworen, einander nie Gewalt anzutun, doch nachdem Luziana und Finn ihn bestohlen und verraten haben, nimmt Leander vor Wut und Hass die Verfolgung auf. Er droht der Handelsgilde von Zandun mit dem Tod, sollten sie den Handel mit Luzianas Familie fortsetzen. Luziana ist daher gezwungen, sich nach Trilla zu begeben. Hier zwingt sie den Meister der Handelsgilde, Rachez Gonzales in einen Treuschwur, an den er, der Magie in Luzianas Blut nach, mit dem Leben gebunden ist. Dann trifft Luziana auf Serena, die nur knapp ihre Ankunft in Trilla überlebt hat und als Dienerin in der Roten Taverne Unterschlupf gefunden hat. Die Besitzerin der Roten Taverne, Roxana, nimmt sie bei sich auf, obwohl Serena von Leander Chevandez zusammen mit einer Drohung gegenüber Luziana in das Etablissement kommt, nachdem er sie vor einer Vergewaltigung auf den Straßen von Trilla bewahrt hat.
Roxana und Luziana, alte Freundinnen, verhören Serena, die sich eine falsche Identität zugelegt hat. Als Serena jedoch von Johns Ankunft in Trilla erfährt, überredet die Prinzessin die Korsarin dazu, sie auf ihrem Schiff anheuern zu lassen, und ihr bei der Suche nach der Uhr zu helfen.
Luziana nimmt das Angebot an und erkundigt sich nach dem geheimnisvollen Botschafter, der vor kurzem in Trilla aufgetaucht ist. Nachdem die beiden alten Gouverneure in der Stadt verschwunden sind, ist er seit Monaten der erste ranghöhere Zirkarier, der sich in Verhandlungen mit der Handelsgilde begibt. John entscheidet sich dazu, den Hass der Gilde gegenüber den Korsaren zu instrumentalisieren und bietet ihnen an, sich mit Zirkarier gegen die Tränen zu verbünden und so ihre Schulden abzuarbeiten. So könnte zumindest die Zahl an Todesopfern in dem Krieg reduziert werden.
Luziana belauscht das Treffen und gerät dabei prompt in einen Hinterhalt. Leander greift sie auf dem Dach der Versammlungshalle an und verwickelt sie in einen Kampf. Zum ersten Mal, seit sie einander geschworen haben, sich nicht zu verletzen, bricht Leander den Schwur und trachtet von Wut getrieben nach ihrem Leben. Luziana gewinnt den Kampf, doch die alten Gefühle, die sie noch für Leander gehegt hat, sind erloschen. Sie flüchtet in Roxanas Taverne und beschließt, noch in der Nacht mit Serena auszulaufen. Ebenso schmiedet sie einen Racheplan an Leanders Familie.
In der Taverne ist jedoch auch John zu Besuch und erblickt Serena in Luzianas Gesellschaft. Er sucht Luziana auf und offenbart ihr dadurch unabsichtlich Serenas Identität. Luziana verführt John und flieht anschließend zum Hafen. John und sein Leibwächter, Axe, nehmen die Verfolgung auf, nur um mit Serena und Luziana in einen erneuten Hinterhalt Leanders zu geraten. Luziana gelingt die Flucht, doch Axe wird von einer Kugel in die Schulter getroffen. John und Serena werden als Geiseln von Leander auf sein Schiff verbracht.
Luzianas Schiff gerät schließlich auf Hoher See in eine Seeschlacht mit Leanders Vater, Charlie Chevandez. Durch seine Macht besitzt er Kontrolle über das Feuer, sodass Luziana keinerlei Chance gegen ihn hat. Sie und die Überreste ihrer Crew werden gefangen genommen. Charlie lässt ihre Crew als Boten zu Luzianas Vater ziehen und beginnt Luziana zu foltern, um das Versteck des Schlüssels herauszufinden.
Sie wird nach Ereborn, der Heimat von Charlie und Leander gebracht und findet sich dort in einer Zelle mit John und Serena wieder. Während Serena von Leander aus der Zelle befreit wird und stattdessen als Dienstmagd arbeiten darf, bevor ihr Lösegeld bezahlt wird, muss John zusehen, wie Luziana an den Folgen der Folter beinahe verstirbt. Er versorgt ihre Wunden und hält ihren Kopf bei Verstand, bis Luziana langsam wieder zu Kräften kommt.
Charlie entschließt sich schließlich dazu, dass nun auch Leander an der Folter von Luziana teilnehmen soll, um sie endgültig zu brechen, da er einst die große Liebe von Luziana war.
Zehn Jahre zuvor hatten sie sich Liebe und Treue geschworen, bis schließlich Charlie in einem Akt des Wahnsinns eine Waiseninsel voll Kinder in Brand gesteckt hat. Seitdem sind sie verfeindet, auch wenn die Liebe zwischen ihnen nie ganz abgeflaut ist. Als Leander ihr ein Brandeisen auf den Arm drückt, flammt jedoch auch auf seinem Arm das Mal auf und der Schwur, den sie einst geleistet hatten, entfaltet seine Macht.
Luzianas Crew startet in diesem Moment ein Befreiungsmanöver und bombardiert das Anwesen. Serena nutzt die Möglichkeit zur Flucht und versteckt sich in einem abgelegenen Teil des Anwesens, wo nur ein seltsamer Junge namens Alexis lebt. Sie wird jedoch von dem herunterfallenden Geröll getroffen und bricht sich das Bein. Leander eilt zu ihrer Rettung und beschützt Serena vor Finn und Luzianas Crew. Finn ist ebenso an den Schwur vor zehn Jahren gebunden und verzichtet auf Rache. Stattdessen befreit er Luziana. Dabei spricht Luziana für John vor und sie nehmen ihn mit nach Lunation, wo Luziana langsam, immer noch traumatisiert, genesen kann.
Als sie schließlich ihre Worte wieder findet, kappt sie ihre letzten Gefühle Leander gegenüber. Anschließend entscheidet ihr Vater, dass sie als seine Nachfolgerin nun die Rolle der ersten Korsarin einnehmen soll, um die Tränen in den Krieg gegen Zirkaria zu führen. Er unterstützt sie bei der Suche nach der Uhr, obwohl er sie vor den Gefahren der Macht warnt. Denn die Uhr, so heißt es, bringe nicht nur Macht, sondern auch Wahnsinn.
Zeitgleich wird Axe auf einer unterirdischen Krankenstation wach. Jemand hat seine Schusswunde verbunden und ihm das Leben gerettet. Ihm gegenüber sitzt ein alter Zirkarier, der sich als John Baltau, ehemaliger Gouverneur und Anführer des Widerstandes von Zandun vorstellt.
Prolog
Leander
Zehn Jahre zuvor
Der Sand knirschte laut unter Leanders Stiefeln. Er wäre zweimal fast gestürzt, verlangsamte sein Tempo jedoch nicht. Dafür stand zu viel auf dem Spiel.
Die Sommerbucht mit der Waiseninsel lag über eine Meile vom Anwesen der de la Rose entfernt. Hastig bahnte er sich einen Weg durch das dichte Pflanzengestrüpp, das den Trampelpfad zuwucherte. Die Straße zu nehmen hätte einen Umweg von knapp zwei Meilen bedeutet. Dafür blieb ihm keine Zeit, nicht, wenn es Kinder waren, die in den Flammen verbrannten.
Wie Finn gesagt hatte, lag sein kleines Ruderboot verlassen am Strand. Hektisch schob Leander es ins Meer zurück und sprang hinein, bevor Wasser seine Stiefel durchtränkte. Mit den Händen tastete er fahrig nach den Rudern und tunkte sie in die von der frühmorgendlichen Sonne leuchtenden Wellen.
Es konnte nicht wahr sein. Finn musste sich geirrt haben. Vielleicht war er noch benebelt vom Sin, das sie in den letzten Tagen eingeatmet hatten. Neben den unfassbar sinnlichen Erfahrungen, die die Droge verschaffte, konnte sie auch Halluzinationen hervorrufen.
Die Nacht war friedlich gewesen, das Zuckerfest nun so gut wie vorbei und alle schliefen ihren Rausch aus. Was wollte sein Vater da bei der Waiseninsel?
Die Priesterinnen des Tempels befanden sich größtenteils noch auf Lunation und selbst die Waisenkinder waren erst am Abend auf die Insel zurückgekehrt. Die Mondnacht hatte sie alle vereinnahmt. Er selbst hatte sich erst kurz vor dem Morgengrauen zu Bett begeben. Was erwartete sein Vater auf dieser Insel zu finden?
Leander wusste, dass Charlie Chevandez ein seltsam großes Interesse an Morgans Schützlingen hatte. Doch es gab eigenartigere Marotten an ihm als die Begeisterung für Waisenkinder. Leander hatte immer gedacht, dass es eine Art der Wiedergutmachung für ihn bedeutete. Eine gute Tat, um sich Morgans Gunst nicht zu verwirken, weil er zu viele Männer und Frauen auf See ermordet hatte. Diese Logik würde zu ihm passen, zu dem manchmal verdrehten Sinn für Gerechtigkeit im Kopf seines Vaters.
Auch, dass er in der Sommerbucht vor Anker ging, war in den letzten Jahren nichts Besonderes gewesen. Sie lag deutlich ruhiger und abgelegen vom Großen Hafen in Lunation oder der Hauptbucht der de la Rose.
Leander blickte über die stärker werdenden Wellen zu der Insel in der Ferne. Es stieg kein Rauch von den Bäumen auf. Falls es ein Feuer gegeben hatte, hätten die Bewohner von Lunation das Licht und den Rauch bemerken müssen.
Gut, die Insel lag abgelegen und in der Nacht waren die Bürger mit anderem beschäftigt gewesen, aber Finn konnte doch nicht der einzige gewesen sein, der den Rauch bemerkt hatte. Und selbst wenn, müsste die Rauchfahne jetzt gut für Leander erkennbar sein. Ein Brand dieser Dimension hinterließ Spuren. Außer … Sein Vater hätte den Rauch bannen können.
Seit Generationen wuchsen die Kräfte der Chevandez. Leander konnte die Flammen besser kontrollieren, als es seinem Vater je möglich sein würde. Er konnte sie aus der Asche rufen, aus dem Nichts. Aber Rauch? Rauch einzudämmen oder ein Feuer, das keinen Rauch hervorrief, war ein leichtes für jeden Chevandez.
Nur der Geruch war ein Problem. Leander nahm einen tiefen Atemzug. Er roch die Asche, auch wenn er sie nicht sah. Kein Rauch. Trotzdem roch die dichte Baumgruppe, auf die er zu ruderte, nach verbranntem Holz, totem Gras und Fleisch.
„Nein. Das kann nicht sein.“ Er fluchte leise. Heftig zog er die Ruder durch die störrischen Wellen unter sich. Bitte Vater, bitte.
Manchmal hatte sein Vater diese Phasen. Da schien er nicht mehr Herr seiner Sinne zu sein. Er wirkte abwesend und ein wahnsinniges Funkeln stand in seinen Augen. Je älter er wurde, desto mehr häuften sich diese Perioden. Seine Großmutter war ähnlich gewesen. Es war der Fluch ihrer Gaben, sagte man. Der Grund, warum der Feuerbringer, der Mächtigste aller Korsaren, niemals herrschen konnte.
Aber sein Vater hatte noch nie in einer solchen Phase gemordet. Keine Kinder.
„Bitte, Morgan. Bitte lass es eine andere Erklärung geben.“
Das Boot ruckelte leicht, dann lief es auf dem Sand unter ihm auf. Er sprang hinaus und zog es die Uferböschung hoch. Hier gab es keinen richtigen Strand, nur einige Büsche und Bäume. Der Steg mit dem eigentlichen Zugang zur Insel zeigte in Richtung der See in die Ferne, fort von der Bucht. Er hätte um die Insel herumrudern können, doch er wollte nicht gesehen werden.
Erst musste er sich ein Bild von der Situation machen. Auch wenn er keine Ahnung hatte, wie das aussehen sollte. Der Geruch nach Rauch und verbranntem Fleisch wurde stärker und drang ihm nun beißend in die Nase. Leander schlich entlang des kleinen Pfades, verbarg sich hinter den Palmenwedeln, dabei war das gar nicht nötig. Keine Menschenseele war zu sehen oder zu hören. Es war still. Kein Ort, an dem Kinder lebten, klang jemals so still.
Sorgenvoll umfasste er den Degen an seinem Gürtel fester, dann trat er aus dem Dickicht heraus. Erst wirkte alles normal. Morgans Tempel lag völlig unbeirrt dar, angestrahlt von dem Sonnenlicht. Auch die Hütten, die einigen Dörflern gehörten, wirkten unberührt. Wäre da nicht die Asche. Kleine Flöckchen schwebten durch die Luft, flimmerten etwas im Licht. Sie legten sich auf den Tempel, die Hütten und Leanders Haar.
Grauer Puder.
Dabei blieben die Bäume völlig unberührt. Ein Ascheregen kreisrund, wie der Platz auf dem er stand. In der Mitte ein kleiner Brunnen. Der Holzeimer an der Kette war abgerissen und lag zerbrochen neben den Steinen. Seine Splitter unordentlich verteilt, als hätte jemand vergessen, sie aufzuräumen.
Leanders Stiefel hinterließen tiefe Spuren in der feinen Ascheschicht. Er ging auf den Tempel zu, folgte dem Geruch, der auf ihn zuwehte und Galle in seinem Mund aufsteigen ließ.
Hinter dem Tempel lag das Anwesen von Morgans Schützlingen. Waisenkinder, Bastarde, all die verlorenen Seelen wuchsen hier zu Männern und Frauen heran. Sein Freund Finn war einst einer von ihnen gewesen.
Die Waiseninsel gehörte zu den schönsten Orten für Kinder, die er auf Lunation kannte. Viele kleine Hütten, umgeben von grünen Bäumen und türkisblauen Wasser. In der Mitte ein großes Holzgebäude, das Waisenhaus.
Erst konnte Leander es kaum erkennen. Normalerweise gab es dort auch einen kleinen Turm, der den Schiffen den Weg zur Insel leuchtete. Die Asche tauchte den Himmel grau. Nein!
Ohne weiter nachzudenken, rannte Leander los. Statt Hütten glühten dort nur noch schwarze Ruinen aus Kohle. Wo der Turm gestanden hatte, waren nichts als ein Haufen Asche und kleine verkohlte Körper übrig. Sie lagen alle da, als hätten sie sich friedlich zum Schlafen vor die Ruine gelegt. Körper unterschiedlichster Größe, nebeneinander. Teilweise völlig geschwärzt, teilweise von blutigen Blasen übersät.
Der Tod einte ihre leblosen Augen.
Leander sank auf die Knie, Asche wirbelte auf und drang in seine Kehle. Verstopfte sie mit ihrem durchdringenden Geschmack. Er spürte, wie ihm Tränen über das Gesicht rannen, hielt sie aber nicht auf.
„Ich war mir nicht sicher, ob du kommen würdest.“
Erschrocken fuhr er herum. Sein Vater stand hinter ihm.
Er sah älter aus, seit er ihn das letzte Mal gesehen hatte. Dabei waren nur ein paar Tage vergangen. Die schwarzen Zeichnungen auf seiner Glatze konnte man unter dem Pudernebel kaum noch erkennen. An die Hand seines Vaters klammerte sich ein kleiner Junge, nicht älter als fünf oder sechs Jahre. Aus großen angsterfüllten Augen starrte er Leander an.
Leander sprang auf und seine Hand fuhr an den Griff seines Degens. Mit einem feinen Klirren riss er ihn aus der Scheide und streckte ihn seinem Vater entgegen.
„Was hast du getan?“, knurrte er.
Die Mundwinkel seines Vaters zuckten, als ob er versucht war, Leander auszulachen. Doch seine Augen blieben hart auf ihn gerichtet.
„Ich denke, du solltest dich setzen“, sagte sein Vater ruhig.
„Setzen?“ Erst als die Worte in seinen Ohren widerhallten, merkte Leander, dass er gebrüllt hatte. „Ich soll mich setzen? Wohin soll ich mich setzen? Soll ich mich zu den Kindern gesellen, die du ermordet hast? In ihre Asche auf den Boden knien?“
„Allein die Tatsache, dass du glaubst, ich hätte die Kinder ermordet, beweist wie wenig Chevandez in dir noch übrig ist. Die de la Rose haben dich verändert. Du hast jeglichen Bezug zur Realität und deiner eigenen Familie verloren.“
Leander ließ den Degen sinken, steckte ihn aber nicht zurück in die Scheide.
„Was ist hier passiert?“, fragte er tonlos. Fest blickte er seinem Vater in die Augen. Etwas Düsteres lag darin. Doch es war nicht der Wahnsinn, den Leander schon früher bemerkt hatte. Nein, es war Trauer.
Charlie Chevandez trauerte nie. Kein einziges Mal in seinem Leben hatte Leander seinen Vater weinen sehen. Trauer war Schwäche, ebenso wie die Liebe. So war es ihm von klein auf beigebracht worden.
„Es ist Zeit, dass du deinen Bruder kennenlernst, Leander“, sagte sein Vater und ging vor dem Jungen neben sich in die Hocke.
„Leander, das ist Alexis.“
Der Junge neben seinem Vater zitterte. Er starrte Leander und den Degen in seiner Hand ehrfürchtig an. Dann trat er einen Schritt zurück und drückte sich hilfesuchend an das Bein von Leanders Vater. Dem Vater des Jungen.
„Wovon redest du?“, fragte Leander. Seine Kehle war plötzlich wie ausgedörrt.
„Alexis ist dein Halbbruder.“
Leander starrte den Jungen an. Wie er selbst hatte der Junge rabenschwarze Locken und einen dunklen Hautteint. Doch das war keine Besonderheit auf den Tränen. Die meisten Menschen besaßen Haar und Haut dunkel wie Esche. Er sah aus wie ein Kind, ein ganz normales Kind.
Leander trat einen Schritt vorwärts und der Junge begann noch mehr zu zittern. Er hob seinen Arm und deutete mit ausgestrecktem Finger auf die Waffe in Leanders Arm. Asche stob in die Luft und verdeckte Leander die Sicht. Seine Augen brannten. Heftig blinzelnd versuchte er etwas vor sich zu erkennen. Doch die Asche verdichtete sich in seinem Mund, drang ihm in die Brust und raubte ihm die Möglichkeit zu atmen. Ein Hustenschwall schüttelte Leander, dann noch einer. Es wurde immer stickiger um ihn und auch heiser.
„Alexis. Ruhig. Er wird dir nichts tun. Er ist dein Bruder.“ Wie aus weiter Ferne hörte Leander wie sein Vater mit einer sanften Stimme beruhigend auf den Jungen einredete. So hatte er noch nie mit jemandem in Leanders Gegenwart gesprochen.
„Alles ist gut. Er wird dir nichts tun.“
Langsam ging ihm die Luft aus. Leander kniff die Augen zusammen und ballte die Fäuste. Er musste sich konzentrieren. Asche war totes Feuer. Er war der Erbe des Feuerbringers. Der Erbe der Asche. Er konnte sie beherrschen. Gehorche mir!
Wie durch einen unsichtbaren Windstoß sank die Asche vor Leander auf den Boden. Niedergepresst von der Macht seines Blutes.
Dann sah er den Jungen. Seine Augen glühten rot und in den Haaren züngelten kleine Flammen. Ein Klirren schallte über den leeren Platz, als sein Degen zu Boden fiel.
Sein Vater streichelte dem Jungen beruhigend über den Kopf, drückte ihn an seine Brust, während die glühenden Augen ganz langsam wieder die Farbe von einem dunklen Braun einnahmen und die Flammenzungen erloschen.
„Mein Bruder?“, fragte Leander mit tonloser Stimme. In ihm war es gespenstisch still geworden. Er war schlichtweg zu keinem Gefühl mehr fähig.
„Alexis ist hier aufgewachsen, weil seine Mutter und ich entschieden haben, dass es so besser ist. Wir wollten nicht, dass jemand von seiner Existenz erfährt. Und ich dachte, dass er meine Fähigkeiten nicht in solchen Maßen geerbt hat. Bei meinem Bruder war es schließlich genauso. Morgan wählt einen Erben aus, der die Linie weiterführt. Du warst stärker als ich und Alexis hat keine Anzeichen gezeigt, dass in ihm das Erbe des Feuers lebte. Aber die Feiern letzte Nacht haben ihm Angst gemacht. Er ist … durchgedreht. Und da haben sich seine Fähigkeiten offenbart. Er hatte keine Kontrolle darüber. Ich habe seine Rufe gehört.“ Sein Vater tippte sich an den Kopf. „Seine Rufe und die der anderen Kinder.“ Ein harter Zug legte sich um seinen Mund.
„Also bin ich so schnell wie möglich hergekommen und habe versucht den Brand einzudämmen, doch da war es bereits zu spät. Ich konnte nur noch … aufräumen.“
„Finn sagte, du hättest gelacht.“
„Oh, das habe ich auch. Ich habe nach dir gerufen, doch du hast auf den Ruf des Feuers nicht reagiert. Du warst zu beschäftigt mit deiner Perlenkönigin und dem Sin in dir.“
Sein Vater bleckte die Zähne vor Wut. „Dein Band zu den de la Rose ist so eng geworden, dass du nicht mal bemerkst, wenn deine eigene Familie dich braucht. Wärst du da gewesen, hätten vielleicht einige der Kinder überlebt. Du hättest sie retten können.“
„Gib jetzt nicht mir die Schuld, Vater“, flüsterte Leander leise. Er spürte die Scham in sich aufwallen, obwohl er es zu verhindern suchte. Es stimmte. Die letzten Wochen war er seinem Vater aus dem Weg gegangen und davor monatelang auf See gewesen. Das Band zwischen ihnen war schon immer brüchig.
„Du hättest ihn stoppen können. Du hast es mir eben bewiesen. Ihr seid so viel stärker als ich.“
„Wie hätte ich jemanden stoppen können, von dessen Existenz ich nichts wusste? Wie konntest du mir so etwas verheimlichen?“
„Wie?“ Da war es wieder, das gefährliche Funkeln in den Augen seines Vaters.
„All die Jahre, habe ich an einer Allianz der Korsaren gearbeitet. Aaron und ich haben für diesen Frieden gekämpft, den du für selbstverständlich hältst. Und jetzt sieh, wo wir stehen. Auf dem Trümmerhaufen unseres Schaffens.“             
„Wir können es ihnen erklären. Du sagst selbst, der Brand war ein Unfall. Alexis“, Leander ging auf den Jungen vor sich zu und nun ebenfalls in die Hocke. Er streckte ihm seine Hand entgegen und der Junge löste vorsichtig die verkrampften Finger vom Hemd seines Vaters. Ruhig fuhr Leander fort: „Alexis hat seine Kräfte nicht unter Kontrolle. Das passiert in dem Alter manchmal.“
Der Junge legte seine winzige Hand in Leanders offene Handfläche. Die Finger waren rußig, aber seine Haut weich und unversehrt. Das waren die Hände eines Kindes, das nicht wusste, was mit ihm geschah.
„Nein. Niemand darf von Alexis‘ Existenz wissen. Sollte jemand davon erfahren, wird man ihn umbringen. Das ist keine Allianz der Welt wert.“
Leander hob den Kopf beim strengen Tonfall seines Vaters. Es war seltsam, wie sie so beieinandersaßen. Beide in der Hocke, dazwischen ein kleines Kind gedrängt. Sein Vater hatte recht, die Korsaren würden ein Kind mit so einer Macht vermutlich nicht am Leben lassen. Doch wieso hatte sein Vater all die Zeit Alexis‘ Existenz vor ihm verheimlicht? Plötzlich kam ihm ein Gedanke, der ihm mehr Sorge bereitete, als er zugeben wollte.
„Wer ist deine Mutter, Alexis?“, fragte Leander den Jungen.
„Meine Mama?“
„Ja genau. Weißt du wie deine Mama heißt?“
Der Junge zog ruckartig seine Hand zurück und presste sich an seinen Vater.
„Sie hat gesagt, ich darf es niemanden verraten.“
Leanders Blick huschte zu seinem Vater, der ihn ernst ansah. Bedauern lag in seinem Blick und diese Traurigkeit, die ihn vorhin schon verwirrt hatte.
„Seine Mutter ist Eleonore de la Rose.“
Resigniert schloss Leander die Augen. Luzis Mutter. Dieser Junge war Luzis und sein Halbbruder.
„Aaron de la Rose weiß nichts davon, oder?“
Sein Vater schüttelte den Kopf und Leander stöhnte. Er spürte einen Druck auf seiner Schulter und sah auf. Sein Vater hatte ihm eine Hand aufgelegt und diesmal war sein Blick eindringlich gar fordernd:
„Es wird Krieg geben, so oder so. Du musst jetzt zu deiner Familie halten.“
Leanders Blick fiel auf den kleinen Jungen, der wieder zu zittern begann. Auf das verstrubbelte schwarze Haar, sein Haar. Der Bastard aus dem Betrug des besten Freundes.
Kapitel I
Lunations Hoffnung
Luziana
Der Boden unter Luzianas Füßen schwankte im wogenden Takt der Wellen. Sie nahm einen tiefen Atemzug und genoss die salzige Luft, die durch ihre Lunge strömte. Es war eine gute Entscheidung gewesen, wieder in See zu stechen. Je früher sie der Stille ihres Zimmers und dem Bett voller Albträume entwich, desto besser.
Das Leben auf See beflügelte Luziana und erfüllte sie mit neuer Kraft. Auch wenn ihre Muskeln schmerzten und jede noch so kleine Aufgabe sie anstrengte, fühlte sie sich hier sicher. Stärker. Wenn sie in ihrer Kajüte schließlich in den Schlaf sank, dann war er meist traumlos und tief genug, um dafür zu sorgen, dass die Nächte ihr nicht mehr Angst einjagten.
„Sind die hier wirklich notwendig?“
John trat neben sie an die Reling und hob mit einem frustrierten Stirnrunzeln seine gefesselten Hände in die Luft.
Luziana wandte den Blick vom blauen Horizont ab und betrachtete den Lord mit hochgezogenen Augenbrauen. Er erinnerte kaum noch an den geschniegelten und herrschaftsgebietenden Botschafter, den sie einst in den Räumen der Handelsgilde gesehen hatte. Seine Haare waren seit ihrer gemeinsamen Gefangenschaft länger geworden. Seit sie in See gestochen waren bildete sich nun auch auf seinen Wangen ein dunkelblonder Bartschatten. Eine gute Sache, wenn man bedachte, dass die Sonne die Haut in seinem Gesicht und an seinen Armen verbrannt hatte.
Erstaunlicherweise waren das die einzigen Spuren, die eine Woche auf See bei John zu sehen waren. Luziana hätte erwartet, dass den Lord die Seekrankheit befallen würde und er grün im Gesicht die Tage über der Reling verbrachte. Doch stattdessen saß er gelangweilt an den Mast gelehnt und beobachtete ihre Mannschaft beim Arbeiten. Er wirkte mehr wie ein Korsar als ein Zirkarier. Wie jeden Tag kam er auch heute zu ihr und bat sie darum, seine Fesseln zu lösen und wie immer verneinte sie seinen Wunsch. Es glich einem Tanz zwischen ihnen, nicht mehr und nicht weniger. Dabei wussten sie beide, dass es hier um mehr als seine Fesseln ging. Es war die Spannung zwischen ihnen, die sich bei jedem Schritt, den er ihr näher kam, verstärkte. John spielte damit und Luziana ließ es trotz besseren Wissens zu.
„Komm schon Luziana, ich kann hier schließlich schlecht fliehen“, bat sie John.
„Hast du schon mal was von Beibooten gehört?“ Luziana wandte den Blick wieder zum Horizont. Ohne ihn anzusehen, redete sie weiter. „Ich bin mir sicher, dass du weißt, wie man rudert.“ Auch ihm hatte die Gefangenschaft einiges abverlangt, dennoch konnte Luziana unter dem dünnen Hemd sehnige Muskelstränge erkennen. Sie seufzte. Die Adelsleute von Trilla, die sie normalerweise kannte, waren alle fett und unbeweglich.
„Ich bin hier ständig unter Beobachtung. Wie soll ich da bitte ein Boot stehlen und wohin soll ich damit überhaupt rudern? Wir sind tief in den Gewässern der Tränen.“
„Eben das ist das Problem. Du bist zu wertvoll, um deine Flucht zu riskieren.“
„Komm schon, Luziana. Nachts meinetwegen, aber ich werde verrückt, wenn ich hier noch weiter rumsitze. Wenn du mich einsperren willst, wieso hast du mich dann überhaupt mitgenommen?“
Weil ich dich brauche.
Luziana zuckte zusammen, dabei hatte sie die Worte nicht mal laut ausgesprochen. Aber sie hatte sie gedacht und das war schlimm genug. Finn gegenüber hatte sie behauptet, dass sie John brauchten, um das Rätsel der Uhr zu lösen, die Allianz der Korsaren zu schmieden. Fadenscheinige Ausreden, die Finn nur akzeptierte, weil er ihr vertraute.
John hingegen hatte sie seit ihrem Besuch in seinen Gemächern nicht mehr gesprochen, geschweige denn etwas erklärt. Als man ihn auf ihr Schiff brachte, war er verwirrt gewesen. Er stellte Fragen, ohne je eine Antwort zu erhalten.
Leider leuchteten genau diese Fragen jetzt erneut in seinem Gesicht auf. „Komm schon, Luziana“, flüsterte John anrüchig und beugte sich vor, sodass sein Atem ihren Nacken kitzelte.
Schnell rückte Luziana ein Stück von ihm ab.
Es war nicht richtig, dass er mit ihr auf eine so vertraute Weise sprach. Sie hätte ihn an seine Stellung erinnern sollen. Doch sie konnte keine Distanz aufbauen, wo keine mehr war. Er war dabei gewesen als sie zerbrach und hatte versucht sie davor zu bewahren.
Zu spät.
Leander und sein Vater hatten nur einen Scherbenhaufen hinterlassen.
Luziana zögerte, wandte sich ihm zu und sah in die honigfarbenen Augen des Botschafters. Die Augen, die all ihre Geheimnisse kannten. Wenn sie ihm die Fesseln nahm, dann nahm sie sich einige der wenigen Dinge, über die sie noch Kontrolle besaß.
„Luzi!“ Hastig drehte Luziana den Kopf weg und beobachtete Finn, der auf sie zugestiefelt kam. Seit sie gemeinsam segelten, ließ Finn sie kaum ein paar Minuten aus den Augen. Wie ein Wachhund schlich er um sie herum, bereit jedem, der ihr Schmerz zufügen wollte, zu zerfleischen. Sie ließ es zu, denn es gab ihr etwas, das dem Gefühl von Sicherheit sehr nahekam.
Finn hatte sogar das Kommando über sein eigenes Schiff der Red Sack vorübergehend an Miriam übertragen, damit er mit Luziana auf der Red Queen segeln konnte. Die Red Sack segelte nun brav hinter ihnen her, solange bis sich ihre Wege trennten.
„Was wollt Ihr schon wieder?“ Finn betrachtete John mit einem abschätzigen Blick, bevor er sich Luziana zuwandte. „Alles gut bei dir?“
„Ja, alles ist gut. John will seine Fesseln loshaben?“
„Ich verspreche, ich werde alles tun, was Ihr sagt“, fügte John nun an Finn gewandt zu. Dieser lachte kalt.
„Achja? Und mit welchem Beiboot beabsichtigt Ihr zu fliehen?“
„Ich –“
Finn hob einhaltgebietend die Hand. „So eine Entscheidung gebührt dem Käpt’n. Es grenzt an eine Beleidigung, dass Ihr Euch vor ihr an mich damit wendet.“ Finn ballte die Hand zur Faust und trat noch einen Schritt näher an John, der, was Luziana ihm hochanrechnete, nicht mal mit der Wimper zuckte. Allerdings überragte er Finn auch um einen halben Kopf. „Wollt Ihr den Käpt’n beleidigen?“, fragte Finn.
„Nein.“ John biss wütend die Zähne aufeinander.
Bevor die Situation eskalieren konnte, trat Luziana hastig zwischen sie. „Finn. Lass es gut sein.“
Sofort sanken die Schultern ihres Freundes herab und die Zornesfalten in seinem Gesicht glätteten sich.
Seit ihrer Gefangenschaft hatte auch Finn sich verändert. Er wirkte unausgeglichen und aggressiv. Dabei war er normalerweise der Ruhige und Besonnene von ihnen. Doch nun kam das wütende Kind auf der Waiseninsel in ihm zum Vorschein, so voller aufgestauter Emotionen, über die es die Kontrolle verlor. Nachts klammerte er sich an ihr fest, als hätte er Angst, sie würde wieder verschwinden. Sie waren beide schwach und emotional geworden.
Seufzend zog Luziana ihr Messer aus dem Gürtel und durchschnitt damit die Fesseln um Johns Handgelenke. „Gut. Mach dich nützlich und geh der Mannschaft zur Hand. Aber nachts werden die Fesseln wieder angelegt.“
John nickte und ein zufriedenes Lächeln legte sich auf sein Gesicht.
„Sofort!“ Finn knurrte und Johns Mundwinkel fielen mürrisch herab. Er nickte Luziana dankbar zu und stieß sich von der Reling ab. Dann begab er sich zu einem der Offiziere, um Befehle entgegenzunehmen.
„War das wirklich notwendig, Luzi?“
„Was soll ich denn sonst machen? Ihn in eine Kajüte einsperren? Das hat er bereits hinter sich und so kommen wir nicht weiter.“
„Ich verstehe immer noch nicht, wieso er überhaupt dabei ist. Willst du, dass er von der Uhr erfährt?“
„Ich kann es auch nicht erklären, Finn. Es ist ein Gefühl. Ich weiß nicht wieso, aber ich brauche ihn.“
Finn seufzte und Luziana vergrub ihr Gesicht in den Händen. „Es ist gerade so viel Durcheinander in meinem Kopf, aber das sehe ich ganz klar.“
„Meinst du, es kommt vom Schlüssel?“
Unwillkürlich wanderte Luzianas Hand zu dem goldenen Medaillon, das in ihren Ausschnitt fiel. Sie tastete das warme Gold in der Kuhle zwischen ihren Brüsten. Es fühlte sich schwerer an, als es sein sollte. Die Macht darin war unverkennbar. Einst hatte der Schlüssel genauso wie die Uhr einem Zirkarier gehört, vielleicht sehnte sie sich deswegen so nach Johns Gesellschaft.
„Ich weiß es nicht.“
„Ich finde es nicht gut, dass du den Schlüssel mitgenommen hast. Wenn die Geschichten wahr sind, die dein Vater erzählt hat –“
„Ein paar Wochen spielen da keine Rolle, Finn, und vielleicht werden wir den Schlüssel schneller brauchen, als wir denken.“
Finn grunzte unzufrieden. „Das macht die Sache nicht besser.“ Er lehnte sich mit der Hüfte an die Reling und beobachtete John, der immer noch mit dem Offizier sprach. „Er wird uns sicher nicht helfen, die Uhr zu finden, wenn er weiß, dass wir sie gegen sein Land benutzen wollen.“
„Deswegen habe ich ihn auch nicht dabei.“ Sie runzelte die Stirn. „Nicht nur.“
„Was hast du dann mit ihm vor? Wir können den anderen schließlich nicht erzählen, dass er nur wegen eines Gefühls dabei ist.“ Die Unzufriedenheit in Finns Worten war unverkennbar. Er war eifersüchtig. Luziana wusste, dass Finn eine ungefähre Ahnung hatte, dass zwischen ihr und John mehr geschehen war als die bloße Kameradschaft zweier Gefangener. Sie hatte Finn nie erzählt, was sie ihr angetan hatten. Er kannte ihre Narben, also konnte er es sich denken. Aber Finn wusste nichts von der Nacht, die sie mit John verbracht hatte. Damals, als die Welt noch einfach und sie eine andere gewesen war. Und er wusste nichts von den Nächten, in denen John ihr das Leben gerettet hatte. Dieses Band war stark, stärker als sie zugeben mochte.
„Ich will ihn auf unsere Seite ziehen.“
„Was?“ Einige Köpfe drehten sich überrascht zu ihnen um, als sie Finns Ausruf vernahmen. „Du weißt schon, dass er zu den mächtigsten Familien von Zirkaria gehört. Er wird sein Land nicht verraten.“
„Da bin ich mir nicht sicher.“
„Wie kannst du –“ Finn schloss frustriert die Augen und seufzte. „Wie kommst du darauf?“
„Er ist ein guter Mann, Finn. Wenn wir ihn umstimmen können, vielleicht können wir dann eine Einigung mit Zirkaria erzielen und das Blutvergießen vermeiden.“
„Das wird nicht passieren, Luzi und das weißt du.“
„Selbst wenn nicht. Wenn er nach Zirkaria zurückkehrt, wird seine Loyalität gespalten sein. Und nichts ist so wichtig wie Treue.“ Sie sah Finn eindringlich an und Erkenntnis blitzte in den aquamarinfarbenen Augen vor ihr auf. Finn strich sich über das rote Band auf seiner Stirn.
„Ich hoffe, du weißt, was du tust.“
„Das hoffe ich auch.“ Wieder wandte sich Luziana dem Ozean zu. Weit in der Ferne war bereits eine kleine Insel auszumachen. „Meinst du, Twist wird sich über unseren Besuch freuen?“
„Über meinen schon“, antworte Finn trocken. Und damit hatte er vermutlich recht.
Kapitel II:
Der achte Korsar
John
Hyem war eine kleine Insel, die nicht besonders durch ihr Aussehen bestach. Die Felsen lagen höher und spitzer als die von Lunation und das Landesinnere bestand fast ausschließlich aus einem steilaufragenden, karg bewachsenen Berg. Die Insel erweckte nicht den Eindruck, als würden sich hier häufig Handelsschiffe hin verirren.
Die Stadt wirkte grau und fad und der Hafen trostlos. Hyem lag einfach zu weit entfernt von den großen Segelrouten durch die Meeresenge, als dass es vom Handel und Reichtum der Seeleute profitieren konnte.
John hatte keine Ahnung, aus welchem Grund sie hierhergekommen waren. Andererseits redete auch keiner mit ihm. Er fühlte sich wie ein angeleintes Tier, dass seinen Herrschern reumütig folgte. Keine Situation, die er besonders zu schätzen wusste.
Interessanterweise hatte man ihm nach Anlegen des Schiffes nicht erneut die Hände aneinandergebunden, sondern tatsächlich das wenige bisschen Freiheit belassen. Vielleicht hatte sich die Mannschaft aber auch einfach nur zu sehr an seine Kooperation gewöhnt und vergessen, ihn erneut Ketten anzulegen.
Am Hafen wartete ein Begrüßungskommando auf sie. Mehrere Männer und Frauen standen in Reih und Glied auf dem hölzernen Steg. In ihrer Mitte ein untersetzter Mann mit grauen schulterlangen Haaren. An seinem Finger prangte ein Ring, der dem an Luzianas Hand nicht ganz unähnlich war. Sein Gesicht war ausdruckslos, aber der Rücken gerade.
Hinter ihm ragte ein Mast, an dem mehrere Flaggen flatterten, in die Höhe. Das quergelegte K mit dem Totenschädel kannte John bereits. Doch da war noch eine weitere Flagge. Grau und zerschlissen mit einer schwarzen Feder darauf.
Luziana trat vor und schüttelte dem fremden Mann die Hand. Der Respekt, den sie ihm entgegenbrachte, ließ keine Zweifel übrig. Das hier musste einer der acht Korsaren sein, der Herrscher von Hyem, Merek Twist. John hatte gehört, wie die Crew seinen Namen geflüstert hatte, als sie mit dem Schiff anlegten.
„Ich würde ja sagen, ich freue mich, dass Ihr hier seid, aber ich werde nicht lügen“, begrüßte der Korsar Luziana und Finn. Mit regungslosem Blick musterte er die beiden, bis seine Augen an John hängen blieben. Der rechte Mundwinkel des Korsaren zuckte kurz.
„Ich habe gehört, Ihr seid nun die erste Korsarin, Perlenkönigin.“ Erneut ergriff er Luzianas Hand und betrachtete den Ring an ihrem Finger. „Nun, die Perlen scheinen allerdings verschwunden.“ Er fuhr über Luzianas makelloses Handgelenk bis zu dem Verband, unter dem sich, wie John wusste, das Brandmal verbarg. Er hob Luzianas Hand ein Stück höher und … John verzog angewidert das Gesicht. Twist schnupperte an dem Band um ihr Handgelenk. Luziana ließ es geschehen, doch Schweiß bildete sich auf ihrer Stirn. Als der alte Mann ihren Arm schließlich losließ, zog Luziana den Arm hastig an ihre Brust, als wollte sie ihn beschützen.
„Ihr könnt Euch sicher sein, dass wir nichts Schlechtes im Sinn haben.“
„Und dennoch folgt Euch eine Blutspur oder soll ich besser sagen Brandspur?“
„Es herrscht Waffenstillstand“, sagte der Bastard neben Luziana. Sie nannten ihn den Bastard. John hatte erst gedacht, es wäre eine Beleidigung, aber tatsächlich war es ein Titel wie jeder andere. Die Korsaren auf dem Schiff hatten ihn voller Ehrfurcht geflüstert, dass John mittlerweile dem rothaarigen Mann ein gewisses Maß an Respekt entgegenbrachte. Wer als Bastard solchen Rückhalt genoss, ohne dabei auf seinem eigenen Schiff zu segeln, musste ihn sich auch verdient haben.
Trotzdem mochte er den Mann nicht. Nicht, seit er von dessen Verlobung mit Luziana erfahren und ihn jede Nacht mit ihr in der Kajüte verschwinden sah. John war kein eifersüchtiger Mann, das hatte er nicht nötig. Aber seit der Gefangenschaft mit Luziana verspürte er den Drang, die Korsarin beschützen zu müssen. Er sehnte sich nach ihrer Nähe und träumte einmal zu oft von der Nacht, in der sie sich kennengelernt hatten. Ein Gefangener, der seine Wärterin begehrte. Lachhaft.
„Finnley Morgan, der Bastard in Fleisch und Blut. Es ist Monate her, seit Ihr mir Euren Besuch angekündigt habt. Was verschafft mir die Ehre?“ Jetzt griff der alte Mann auch nach Finnleys Arm und betrachtete neugierig das rote Band um seinen Unterarm. Ein Band, das sich rein zufällig an der gleichen Stelle befand, wie Luzianas Verband. John zog überrascht die Augenbrauen nach oben. Bis eben war ihm dieser Zusammenhang nicht aufgefallen.
„Vielleicht besprechen wir das hinter verschlossenen Türen, Twist“, sagte Luziana bestimmt.
Der alte Mann zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Wie Ihr wünscht.“ Er winkte ihrem Empfangskomitee zu und die Leute setzten sich sofort in Bewegung. Einige liefen zum Schiff, andere in Richtung der Stadt.
Twist hingegen trat zwischen Luziana und dem Bastard hindurch auf John zu. „Einen Zirkarier so weit im Süden habe ich lang nicht mehr gesehen.“
„Kann sein, dass Euch das bald häufiger geschehen wird“, erwiderte John und machte sich nicht die Mühe, seinen Kopf auch nur ein bisschen zu senken.
Wieder hob sich der Mundwinkel des Korsaren leicht. „Soll das eine Drohung sein?“
John zuckte mit den Schultern. „Sagt Ihr es mir!“
Der schmale Mund des Mannes verzog sich zu einem breiten Grinsen, was tiefe Falten in die ausgemergelten Wangen grub. „Ich mag ihn. Luziana, wer ist das?“
Luziana, die sich zu ihnen umgewandt hatte, trat nun an Johns Seite.
„Wenn ich Euch vorstellen darf. John Mainardt, der Botschafter von Zirkaria. John, das ist Merek Twist, der achte Korsar.“
Das Grinsen des Mannes verflüchtigte sich und wich kalter Berechnung. „Ich nehme an, Ihr erklärt mir auch das hinter verschlossenen Türen?“
Luziana nickte und der Mann drehte sich so abrupt herum, dass seine Haarspitzen über Johns Wange strichen. Er hakte sich bei dem Bastard unter und schritt mit ihm entlang des Steges. „Es ist wirklich lange her, dass Ihr Euch hier blickenlassen habt, Finn.“
John hörte die Antwort des Bastards nicht mehr, dafür war Luzianas Zähneknirschen zu laut. Unschlüssig, was er tun sollte, hielt der Gentleman in ihm Luziana seinen ausgestreckten Arm hin. Und zu seiner Überraschung ergriff sie ihn und ließ sich von John den Weg geleiten.
Sie gingen langsamer als der alte Mann und der Bastard. Denn John schlug absichtlich ein gemächliches Tempo an und Luziana musste sich gezwungenermaßen anpassen. Das hier war vermutlich seine einzige Chance mit Luziana unter vier Augen zu sprechen.
„Erklärst du mir jetzt endlich, was ich hier mache?“, flüsterte John.
„Ist das nicht offensichtlich?“
„Nein, ist es nicht. Anscheinend verstehen es nicht mal die anderen Korsaren.“
„John.“ Er mochte es nicht, wenn sie seinen Namen sagte und er mehr nach einem genervten Seufzen klang als der Liebkosung, die er einst gehört hatte.
„Luziana.“ Jetzt seufzte John auch. „Ich will doch nur wissen, welche Rolle ich hier spiele. Bis heute früh habe ich noch Fesseln getragen und jetzt stellst du mich als Botschafter vor?“
„Ist das nicht dein offizieller Titel?“
Er stöhnte. „In Zandun vielleicht, aber sicher nicht auf den Tränen. Twist hat mich angesehen, als würde er mich gleich hängen.“
„Glaub mir, er kennt da bessere Methoden.“
„Luzi!“ Jetzt wurde seine Stimme doch lauter als er wollte. Die Frau schaffte es einfach immer wieder, dass seine Emotionen mit ihm durchgingen.
Luziana blieb stehen, wandte sich ihm endlich zu. Ihr Gesicht wirkte viel zu schmal für die großen Augen, aber die Wangenknochen stachen nicht mehr ganz so sehr hervor, wie sie es vor einigen Wochen getan hatten. John unterdrückte den Drang, darüber zu streichen und ballte stattdessen seine Hand zur Faust.
„Also gut, John.“ Nachdenklich fuhr sie über den zerknitterten und schmutzigen Stoff seines Hemdes, bis ihre Hände an seinen Schultern zum Liegen kamen. Es erstaunte ihn immer wieder, wie groß sie eigentlich war.
„Es herrscht Krieg unter den Korsaren und dank dir wird sich vermutlich auch Zandun gegen uns wenden.“
John wollte etwas erwidern, aber sie fuhr unberührt fort. „Ich habe mitbekommen, vor welche Wahl du die Handelsgilde gestellt hast und ich bin sicher, sie sind zu einer Entscheidung gekommen.“
„Woher?“
„Lass mich ausreden. Ich dachte, du wolltest unbedingt eine Erklärung.“
Widerwillig biss er die Zähne aufeinander, um ihr nicht erneut ins Wort zu fallen.
„Also ist es wohl oder übel meine Aufgabe den Waffenstillstand in ein Bündnis umzuwandeln. Und das gelingt mir nun mal am einfachsten, wenn wir den gemeinsamen Feind vor Augen führen.“
„Du weißt, dass ich dir dabei nicht helfen werde, oder?“
„Aber das tust du doch schon längst, Johnny.“ Luzianas Augen blitzten gefährlich. „Allein deine Anwesenheit genügt. Und wie du bereits gesagt hast, ist eine Flucht quasi unmöglich. Dir bleiben also nur zwei Möglichkeiten.“
Luziana beugte sich ein Stück vor, sodass ihr Atem Johns Ohr streichelte. „Du hilfst mir und lernst deinen Feind besser kennen oder“, die letzten zwei Worte flüsterte sie nur noch, „Du stirbst.“
John zog den Kopf weg und Luziana löste sich rasch von ihm. „Das ist also dein Dank?“, fragte er trocken.
Luziana erwiderte nichts. Stattdessen wandte sie sich ab und ging dem Bastard hinterher. John fluchte, dann folgte er ihr. Er glaubte ihr kein einziges Wort.
Das Heim des achten Korsaren war ähnlich schmucklos wie die ganze Insel. Auch das Abendessen war im Vergleich zu dem, was John aus Trilla gewohnt war, schlicht. Fisch, Kartoffeln und einige Früchte. Keine Besonderheit, zumindest für die Kinder des Südens.
Während des gesamten Essens unterhielt sich der Korsar mit dem Bastard. Dabei bezog er weder John noch Luziana ins Gespräch mit ein. Dass er John mied, wunderte ihn nicht besonders. Aber diese unverhohlene Abneigung gegenüber Luziana war John neu.
In den letzten Wochen hatte er sich daran gewöhnt, dass Luziana die unangefochtene Herrscherin eines jeden Raums oder Gespräches war. Die Menschen bewunderten sie und gehorchten ihr aufs Wort. Twists Ignoranz hingegen grenzte beinahe an Beleidigung. Aber weder sie noch den Bastard schien das zu überraschen.
„Twist. Ihr müsst John morgen die Bibliothek zeigen“, unterbrach Luziana schließlich den unendlichen Sermon der beiden.
Der Korsar hielt inne und musterte John mit schmalen Augen. John war sofort klar, dass der Mann es nicht mochte, wenn er unterbrochen wurde.
„Nun gut“, sagte er langsam. „Aber nur, wenn Ihr uns auch begleitet, Miss de la Rose. Es ist sicher lange her, dass Ihr ein Buch in der Hand gehalten habt.“
Die Korsarin wurde rot. „Natürlich.“
„Was war denn das letzte Werk, das Ihr gelesen habt? Dann lasse ich Euch etwas Passendes heraussuchen. Und ich meine hier nicht irgendwelche alten Seemannskarten.“
Finn hustete verlegen und Luziana schwieg. Sie schien wirklich über seine Frage nachzudenken. Sie öffnete ihren Mund und schloss ihn wieder. „Ich, also ich –“
„Gefahren der Untiefe – Eine Aufzeichnung der Meereswesen“, sagte der Bastard wie aus der Pistole geschossen.
Twist hob die Hand. „Ich weiß, dass Ihr lesen könnt, Finnley. Aber ausnahmsweise war meine Frage mal an die erste Korsarin gerichtet.“
„Ich kann mich nicht erinnern, Twist“, sagte Luziana. Ihre Lippen waren schmal und sie reckte ihr Kinn ein klein wenig trotzig hervor.
„Wusstet Ihr, dass alle großen Korsaren belesen waren. Man müsste ja meinen, für die Kämpfe und das Leben auf See bräuchte es nicht viel. Aber das ist falsch. Wer kein Wissen hat, der hat auch keine Macht. Und soweit ich weiß, erlangt man Wissen nicht, indem man mit einer Pistole auf Bücher schießt.“
Sein Blick wanderte vielsagend zu Luzianas leerem Waffengürtel. Sie hatte die Waffen bei Betreten des Hauses an die Wachen abgegeben. Aber John konnte sich noch zu gut an die Lederriemen voll Messer unter ihrem Kleid erinnern. Sicher trug sie diese auch unter den Hosen und der Bluse.
„Ich war damals ein Kind“, sagte Luziana leise.
„Und doch habt Ihr Euch kaum verändert.“
Mit einem schiefen Schnarren schob Luziana ihren Stuhl nach hinten. „Ich denke, ich begebe mich zu Bett.“
„Luzi.“ Der Bastard schloss resigniert die Augen.
„Lasst sie gehen, Finnley. Es wird reichen, wenn wir morgen alles Weitere besprechen.“
Kapitel III
Der Widerstand
Axe
Die Augenbinde, die sie verwendeten, um Axe die Sicht zu nehmen, war weiß mit einem roten Sichelmond darauf. Das Symbol des Widerstands. Der rote Mond brannte sich tief in seine Netzhaut, denn er war das Einzige, was er in den nächsten paar Stunden zu sehen bekam und in den letzten paar Wochen gesehen hatte.
Man hatte ihn auf der Krankenstation eingesperrt, während sein Körper erst gegen den Blutverlust und dann gegen die Infektion der Wunde kämpfte.
Der Widerstand hatte sein Leben gerettet, oder viel eher John Baltau, der ehemalige Gouverneur von Zandun.
Seine Männer waren es, die ihn halb verblutet in der Gasse liegend gefunden hatten und ihn unter die Erde brachten. Zu Baltau und seinen Heilern. Nur damit er jetzt wieder an die Oberfläche kam.
Diesmal mit einer Botschaft.
Jemand zerrte an seinem Hemd und Axe blieb stehen. Sie verwendeten fast nie Worte, um sich mit ihm zu verständigen. Als hätten sie Angst, dass er ihre Stimme wieder erkennen würde. Dabei kannte er niemanden von ihnen. Das einzige Gesicht, das er zu sehen bekommen hatte, war das von John Baltau und … er wusste nicht, ob es ein Fiebertraum war oder sie tatsächlich da gewesen war. Eine junge Frau mit langen braunen Haaren, die neben seiner Pritsche saß. Axe schloss frustriert die Augen und das grelle Rot wich dunklem Schwarz. Es musste ein Traum gewesen sein.
Das Flüstern seiner namenlosen Begleiter wich einem wütenden Zischen. Sie stritten, waren aber weit genug von ihm entfernt, dass er sie nicht verstehen konnte. Vielleicht konnte er wegrennen. Probeweise drehte er seinen Oberkörper. Sofort zog jemand an den hinter seinem Rücken zusammengebundenen Händen. Dann wohl doch nicht fliehen.
Axe wusste sowieso nicht, wohin er fliehen sollte. Das würde nämlich bedeuten, dass er wusste, wo er war. Vermutlich befanden sie sich oberhalb der Erdoberfläche, wenn man bedachte, dass man kurz seine Hände losgemacht hatte, damit er die Leiter hochklettern konnte. Zudem stank die Luft hier nicht nach muffiger Erde und Beklemmung. Aber damit hörte sein Wissen leider schon auf.
Die Männer in seinem Rücken hatten aufgehört zu streiten, oder sie waren weiter weggegangen. Zumindest war es um ihn herum still geworden.
Plötzlich raunte eine raue Stimme in sein Ohr. „Wir machen dich los. Du zählst langsam bis Hundert und dann kannst du die Augenbinde lösen. Bist du schneller, wird dich eine Kugel durchbohren, aber diesmal stirbst du dann tatsächlich.“
Ohne zu zögern nickte Axe. Er war nicht so dumm, die Drohung des Mannes auf die leichte Schulter zu nehmen. Besonders nicht, da er seinen rechten Arm kaum anheben konnte. Die wenigen Stufen auf der Leiter waren bereits ein Problem gewesen.
Jemand löste das Seil um seine Handgelenke und Axe begann laut zu zählen. Vielleicht konnten seine Begleiter auch gar nicht so hoch zählen und hatten diese Zahl nur vorgeschlagen, weil sie dachten, sie verschaffte ihnen genug Zeit, um aus seinem Blickfeld zu verschwinden.
Als er bei Hundert ankam, löste er mit der linken Hand umständlich die Binde an seinem Hinterkopf. Das Rot des Mondes war schon lange verblasst und wich nun einer in der Dämmerung fast dunkel wirkenden Gasse. Es handelte sich um dieselbe Gasse, in der man ihn damals gefunden hatte.
Obwohl die Nacht noch nicht ganz hereingebrochen war, sah er keine Menschenseele. Normalerweise wimmelte es doch nur so vor Menschen in Trilla. Nur dieser Ort schien wie ausgestorben, als hätte das Blut auf dem Boden vor einigen Wochen die Menschen gelehrt, nicht mehr hier entlangzugehen. Das bedeutete allerdings auch für ihn, dass er besser verschwinden sollte, bevor er ungewollt Aufmerksamkeit auf sich lenkte.
Diesmal mit einer klaren Sicht, machte er sich auf den Weg.
Die Nacht war längst hereingebrochen, als Axe am Gouverneurspalast ankam. Erschöpft hob er seinen unversehrten Arm und hämmerte gegen das Tor. Dann wartete er.
Es dauerte eine ganze Weile, bis er Schritte vernahm. Jemand schob einen Riegel zurück und ein kleines Seitentor wurde geöffnet.
Ein roter Haarschopf blitze auf und ein Paar blauer Augen starrte ihn verwundert durch den Türspalt an. Jack sah müde aus, obwohl er vermutlich die Nachtwache war. Zumindest trug er seine volle Wachmontur, in der er ziemlich zerknittert aussah.
„Axe? Was …?“
Jetzt erst schien Jack richtig zu begreifen. Er riss die Tür auf und griff nach Axe‘ Arm. Einen Schmerzensschrei unterdrückend wurde er daran in das Innere der Palastmauern gezogen.
„Was tust du hier? Du lebst?“ Jack umarmte Axe stürmischer, als er erwartet hatte. Sie waren nicht befreundet, kannten sich kaum, da Axe erst kurz vor ihrem Aufbruch in Zirkaria zu Johns Leibgarde gestoßen war.
Dennoch erwiderte er die Umarmung, wenn auch zurückhaltend. Vermutlich war Jack einfach froh, dass es noch einen lebendigen Zirkarier in dieser Stadt gab.
„Wir dachten du seist tot. Was ist passiert?“
Abwehrend hob Axe die linke Hand, um den neuerlichen Ansturm an Fragen aufzuhalten.
„Ich muss mit dem zweiten Sekretär sprechen oder wer auch immer gerade am ranghöchsten ist. Mir wurde eine wichtige Botschaft mitgegeben.“
Misstrauen huschte über Jacks Gesicht. Da war er wieder, der distanzierte Soldat, wie Axe ihn kannte.
Jack war Axe zwar immer höflich begegnet, aber er hatte ihm nie getraut. Keiner traute ihm, außer John Mainardt. Und John war fort.
Weil ich versagt habe.
Axe wischte den Gedanken weg, bevor er wieder, wie ein bitterer Geschmack, Besitz von ihm ergreifen konnte.
„Bitte, Jack“, fügte Axe hastig an, da sich der Soldat immer noch nicht von der Stelle bewegte.
Ein bisschen konnte Axe Jack sogar verstehen. Jack war gut neun Jahre älter als Axe und dennoch hatten sie die gleiche Position inne, und das, obwohl Jack kein Bastard war. Je höher Axe im Rang stieg, desto rarer säten sich die Ratten, wie sie die Bastarde in Zirkarier nannten, um ihn. Dafür gab es viel mehr Söhne verarmter Lords und reicher Händler, Zweit- und Drittgeborene. Axe hatte nie richtig dazu gehört, denn für sie blieb eine Ratte eine Ratte, egal wie gut sie in dem war, was sie tat. Kein Wunder also, dass ihm die anderen Soldaten misstrauten.
„Ich bringe dich zu ihm“, sagte Jack. Aber es war keine Abneigung, die in seinem Gesicht stand, sondern eher eine Art Neugierde.
Diesmal schien Jack ihn einer ausführlicheren Musterung zu unterziehen. Nachdenklich betrachte er Axe‘ krumme Haltung und den angewinkelten Arm, den Axe immer noch nicht gerade durchstrecken konnte. Die Verbände unter dem ausgeleierten Hemd, das man ihm gegeben hatte.
Seine Wachmontur hatten sie ihm nicht überlassen, sie war zu wertvoll, um sie nicht irgendwann für die Zwecke des Widerstands zu gebrauchen.
Jack öffnete den Mund, bereits eine neue Frage auf den Lippen, doch Axe ließ ihm keine Chance diese zu stellen. Er ging geradewegs an ihm vorbei. Schließlich kannte er den Weg. Axe durfte keine Fragen beantworten, ehe er nicht die Erlaubnis eines Hochrangigen hatte. Das hier war zu wichtig, um es durch eine Achtlosigkeit seinerseits zu versauen.
„Danke, Jack.“
Jack führte ihn durch die Gänge des Palastes zu den Gemächern des ersten Sekretärs. Seit dem Verschwinden dessen, wurden diese von Georg Slutwick, dem zweiten Sekretär bewohnt. Er hatte es als Entschädigung für die ihm entstehende Mehrarbeit bezeichnet.
Axe mochte den kleinen dicken Mann schon seit ihrem ersten Aufeinandertreffen nicht. Es war nicht so, dass er ihm misstraute, dazu gab es keinerlei Grund. Nur störte Axe die Tatsache, dass sich seine Position als zweiter Sekretär auf dem Fließen von Gold und einer edlen Herkunft begründete und nicht seiner guten Arbeit wegen. Doch war Slutwick nun mal sein einziger Ansprechpartner. Außer John hatte, wie durch ein Wunder überlebt. Axe wagte nicht nach ihm zu fragen, denn die Antwort würde ihm mit Sicherheit nicht gefallen. Versager!
Jack hämmerte mit der Faust gegen die Tür und wartete geduldig, bis jemand mürrisch antwortete. Man hörte eine Glocke klingeln und Axe wusste instinktiv, dass der Sekretär schon nach seinem Kammerdiener geläutet hatte, der gleich durch ein anderes und verbogenes Gangsystem die Gemächer betreten würde, um seinen Herrn für ein Gespräch zur späten Stunde herzurichten.
„Willst du etwas essen? Du siehst abgemagert aus.“
„Das wäre nett.“
Seit der Schusswunde hatte Axe sicher mehrere Pfund an Gewicht verloren. Dabei war er nie besonders kräftig gewesen. Er musste mit dem ausgemergelten und blassen Gesicht eher einem Gespenst, denn einem Menschen ähneln. In den Rattenkäfigen der Eisstadt hatte es so manche von ihnen gegeben.
„Haben sie dich gefoltert?“
Die direkte Frage überraschte Axe ein wenig. Er hätte Jack für feinfühliger gehalten.
„Nein.“
Erleichtert atmete sein Kamerad auf. Natürlich, er machte sich Sorgen, falls er einmal selbst in Gefangenschaft geraten sollte.
„Was haben sie dann mit dir gemacht?“ Die Neugierde lag so offenkundig in seinem Gesicht, dass Axe ihm seine Fragen schlicht nicht übelnehmen konnte.
Nach mehreren Wochen Abwesenheit tauchte er plötzlich mitten in der Nacht auf und verlangte den zweiten Sekretär zu sprechen. An Jacks Stelle würden ihm wohl hunderte an Fragen im Kopf herumschwirren.
„Sie haben mir das Leben gerettet.“
Jacks Mund klappte zeitgleich mit den Türen zu den Gemächern auf.
Georg Slutwick hatte sich einen blauen Morgenmantel aus Seide über das weiße Nachthemd gezogen. Der Mantel war nur lässig zugeknotet und mit jeder Bewegung, die der Sekretär machte, löste sich der Knoten ein Stück mehr und offenbarte den prallen Bauch, über den sich das Nachthemd mühsam spannte. Schlaf stand ihm in den Augen, wurde aber bei Axe‘ Anblick von Schock überflutet.
„I–ihr lebt.“
Axe nickte und griff an die Stelle unter seinem Hemd, wo er schon seit Stunden einen Brief verbarg.
„Ich habe eine Botschaft.“
Der Sekretär kniff seine Augen misstrauisch zusammen und stellte sich in den Türrahmen. „Von wem?“
Das war der Grund, warum er den Mann nicht mochte. Er verstand nicht, wann es galt auf Diskretion zu setzen.
„John Baltau, dem Gouverneur“, sagte Axe und schluckte das frustrierte Stöhnen schnell hinunter.
Er zog den Briefumschlag heraus und offenbarte das rote Siegel darauf. Das offizielle Wappen von Zandun. Der Stern über dem gespaltenen Mond fühlte sich irgendwie falsch an, nachdem er in den letzten Wochen den roten Sichelmond in seiner ganzen Pracht gesehen hatte.
Als Slutwick das Siegel erblickte, japste er vor Überraschung und streckte seine dicken Stummelfinger danach aus. Noch während seiner Bewegung schien er es sich anders zu überlegen und zerrte stattdessen Axe an seinem Hemd in seine Gemächer, bevor er die Tür vor Jacks Nase zuschlug.
Axe wurde auf einen Stuhl vor einem Schreibtisch gepresst und blieb dort sitzen, bis Slutwick mit weit wehendem Mantel auf dem Stuhl ihm gegenüber plumpste.
Der Brief lag vor ihnen auf dem glatt polierten dunklen Holz. Unheilverkündend und verschlossen.
„Woher habt Ihr diesen Brief?“
„Der Gouverneur gab ihn mir.“
„Der Gouverneur?“ Slutwicks Stimme war so schrill, dass die Frage in Axe Ohren noch nachklang.
„Der Gouverneur. John Baltau, er lebt.“
„Er lebt?“ Konnte dieser Mann eigentlich auch mehr als Axe‘ Worte wiederholen?
Axe unterdrückte ein Stöhnen, als er seine Position auf dem Stuhl ein wenig veränderte. Seine Schulter mochte keine zu schnellen Bewegungen und sein Kopf dröhnte. 
„Soll ich vielleicht von vorne erzählen?“
„Von vorne?“ Der Sekretär schien sich so daran gewöhnt zu haben, Axe‘ Worte entsetzt zu wiederholen, dass ihm gar nicht in den Sinn kam, auch auf Fragen zu antworten.
Also entschied Axe, dass es wohl das Klügste war, dem Mann ein bisschen Zeit zum Zuhören zu geben. Vielleicht würde er dann etwas mehr seine Emotionen unter Kontrolle halten können.
„Vor einigen Wochen war das Treffen der Handelsgilde. Der Botschafter ist anschließend noch in eine … Taverne gegangen.“ Beinahe hätte Axe von Serena erzählt, aber zum Glück schien dem Sekretär sein kurzes Stocken nicht aufgefallen zu sein. Er würde von Serena erst erzählen, wenn man es ihm erlaubte, oder ihr Verschwinden offiziell bekannt wurde. Slutwick hatte die Hände auf den Bauch gefaltet, als würde er entspannt zuhören, aber die weit aufgerissenen Augen und die glänzende Stirn verrieten ihn.
„Ich begleitete ihn bis zum Eingang. Was drinnen geschah, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall gab es einen Streit mit Luziana de la Rose, der Perlenkönigin. Auf dem Rückweg wurden wir in der Hafengegend überfallen. Wir schafften es, die Korsarin unschädlich zu machen, doch dann kamen weitere Männer. Sie schossen mir in die Schulter und entführten den Botschafter.“
Er deutete auf die Verbände an seiner rechten Schulter. Eigentlich war die Wunde so gut wie verschlossen. Doch die Narbe fing immer wieder an zu eitern, weswegen Baltau ihm geraten hatte, die Verbände so lange zu wechseln, bis die Wunde vollständig trockengelegt war.
„Ich bin erst Tage später auf einer Krankenstation erwacht. Mitglieder des Widerstandes hatten mich blutend auf der Straße gefunden und mitgenommen. Sie haben mir das Leben gerettet.“ Eigentlich wollte Axe nicht dankbar klingen, aber er schuldete Baltau sein Leben, diese Tatsache konnte er nicht wegargumentieren.
„Sie hielten mich in einer Kammer fest, tief unter der Erde, glaube ich. Vielleicht ein stillgelegtes Abwassersystem oder Kellergewölbe, keine Ahnung. Ich habe nichts gesehen außer der Krankenstation. Gestern kam der Gouverneur schließlich zu mir und erklärte, dass der Widerstand sich nun entschieden hätte, mit Zirkaria offen zu verhandeln. Er gab mir diesen Brief und sie brachten mich zurück an die Oberfläche.“ Axe wollte ratlos mit den Schultern zucken, doch brach jäh in der Bewegung ab. Stattdessen tippte er mit seinem Finger auf den Brief vor ihnen.
„Ich nehme an, sie wollen uns im Kampf gegen die Korsaren unterstützen und verlangen dafür Souveränität. Zumindest hat er so etwas angedeutet.“
Slutwick fuhr sich über den glänzenden Kopf und wischte irritiert seine nassen Handflächen an dem Mantel ab.
„Der Gouverneur ist Teil des Widerstandes?“ Sichtlich schockiert vergrub er das Gesicht in den Händen. Axe hatte mehrere Wochen Zeit gehabt sich an den Gedanken zu gewöhnen, daher verwirrte ihn das Entsetzen des Sekretärs ein wenig. Aber im Grunde war Slutwicks Verwirrung berechtigt. Bis eben hatte der Gouverneur noch als verschollen und dem Maxim treu ergeben gegolten. Jetzt war er das Herz einer Organisation, deren Ausmaß sie nicht kannten.
„Gab es denn keine Anzeichen, dass er mit ihnen sympathisiert?“
„I–ich weiß nicht. Er hat nie mit mir darüber gesprochen. Ich war nur für ein bisschen Schreibarbeit zuständig. An den wichtigen Gesprächen war der erste Sekretär beteiligt.“ Der erste Sekretär, der auch verschwunden war, vermutlich wie alle Sympathisanten des Widerstands. Wie vom Erdboden verschluckt. Wie passend.