Reden ist Silber, Predigen ist Gold - Axel Denecke - E-Book

Reden ist Silber, Predigen ist Gold E-Book

Axel Denecke

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Beschreibung

Gut predigen kann jede/r lernen!

Gutes Predigen ist erlernbar. Aber was ist dafür wichtig? Wie müssen Predigende auftreten? Welche Rolle spielen sie und welche der Text? Axel Denecke gibt Antworten, die in 60 Jahren Predigtpraxis erprobt sind. Ein äußerst unterhaltsames Praxisbuch!

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Seitenzahl: 396

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Axel Denecke

99 Ratschläge für eine gelungene Predigt

In einem intensiven Prediger-Leben gefunden, ausprobiert, alles weitererzählt und nach-wissenschaftlich formuliert

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2021 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81 673 München

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Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

Umschlagmotiv: © kraftwerk – shutterstock.com

ISBN 978-3-641-26989-0V001

www.gtvh.de

Der Autor

Axel Denecke, geboren1938, studierte Evangelische Theologie u. a. Basel und Göttingen. Von 1968 bis 1974 war er Pastor in Isernhagen und von 1974 bis 1982 Studiendirektor am Predigerseminar Imbshausen bei Northeim. Es folgten 1982 acht Amtsjahre als Pastor in Osnabrück und ab 1987 fünf Jahre als Privatdozent in Marburg, danach bis 1994 außerordentlicher Professor. Von 1995 bis 2003 war er Professor für Praktische Theologie in Hamburg, wo er bereits seit 1992 als Hauptpastor an St. Katharinen und als Direktor des Predigerseminars Hamburg amtierte. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt in Hannover.

Das Motto dieses Buches

… folgt meinem theologischen (und sicher ungewollt auch homiletischen) Lehrer Karl Barth, der in seinem homiletisch grundlegenden Aufsatz »Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie« im Jahre 1922 sagte:

»(1) Wir sollen als Theologen von Gott reden

(2) Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden

(3) Wir sollen beides … wissen und eben damit Gott die Ehre geben«

Dank

Zu danken für das Zustandekommen dieses Buches habe ich in erster Linie all meinen ›treuen‹ PredigthörerInnen (vor allem in der Hauptkirche St. Katharinen in Hamburg) für die wohlwollend kritische Bereitschaft, meine leider oft recht langen Predigten aufmerksam zu hören und oft noch aufmerksamer zu kritisieren. Ohne die Hörerrückmeldungen (vgl. dazu auch Nr. 14–19) hätten meine Predigten ganz sicher weniger Alltagstauglichkeit gehabt. – Meine Ehefrau Ulrike (selbst Pastorin) hat über mehr als 50 Jahre meine Predigten nicht nur geduldig »ertragen«, sondern durch ihre wirklich konstruktiv kritischen Rückmeldungen die notwendige Bodenhaftung meiner Predigten wesentlich gefördert.

Das Buch selbst ist im intensiven Gedankenaustausch mit Alexander Deeg (Professor für Praktische Theologie in Leipzig; zur Kurzwürdigung seiner jüngsten homiletisch-liturgischen Arbeit siehe Nr. 53) und meinem alten Studienfreund Pastor Friedo Goede in Hannover entstanden. Beide haben mir in Theorie und Praxis wertvolle Hinweise und »Ratschläge« gegeben, die ich natürlich beherzigt habe. Beiden gilt mein großer Dank. Sie haben, jeder auf seine Weise, das Entstehen des Buches geduldig (bei all meinen Rückfragen an sie) und gewissenhaft begleitet. Zu danken habe ich nicht zuletzt meiner Lektorin Dr. Renate Hofmann, die mit viel Sorgfalt, großer Geduld, Verständnis, Humor und vor allem freundlicher Empathie das Zustandekommen dieses Buches begleitet und gefördert hat.

Axel Denecke, im Januar 2021

Inhaltsverzeichnis

Vorwort: Warum diese Ratschläge von einem alten Predigtlehrer? Und warum »nach-wissenschaftlich«?

I. Was vorab ganz grundsätzlich gesagt werden muss – knapp auf den Punkt gebracht

Grundlagen

1. Denk bitte stets daran: Deine Predigt hat immer ZWEI Autoren.

2. Bitte PREDIGEN – nicht bloß predigen! (mit dem Versuch einer vorläufigen ›Definition‹ meines Predigt-Verständnisses)

3. PREDIGT ist keine »Rede« – es sei denn, ich predige nur!

4. Kann man das PREDIGEN überhaupt lernen?

5. PREDIGEN heißt am Ende allein: ›Gott‹ die Ehre geben!

Das »homiletische Dreieck«: Prediger – Text – Hörer

6. Der PREDIGER: Der anschaulichste Teil jeder Predigt ist der/die Predigende selbst.

7. Der TEXT: Der biblische Text redet zunächst durch dich! Er muss ›eis-egetisch‹ durch dich hindurch! Oder: Von der »Ex-Egese« zur »Eis-Egese«

8. Der HÖRER: Er predigt mit. Der biblische Text muss auch im Hörer zum Reden kommen.

Konkretionen

9. WIE predigen? – Prediger und Hörer müssen sich im biblischen Text »eis-egetisch« begegnen (am Beispiel des ›verlorenen Sohnes‹).

10. WASpredigen? – Letztlich immer nur das Eine in unendlichen Variationen: Jesus als das große Wunder Gottes.

II. Was sodann ganz konkret und praktisch gesagt werden muss, ausführlich in die Ferne schweifend – Konkrete Ratschläge

11. Humor auf der Kanzel ist natürlich erlaubt, aber sehr gefährlich.

12. Als Frau – als Mann auf der Kanzel

13. Was ich an der evangelikalen Predigt durchaus schätze.

14. Bin ich der erste Hörer meiner Predigt?

15. Wen nehme ich als Hörer meiner Predigt in den Blick?

16. Die Hörer sind alle ganz verschieden – und am Ende doch ganz gleich

17. Den Hörer direkt ansprechen, aber bitte nicht zu direkt.

18. Immer zwei Zentimeter über dem Niveau der Hörer predigen

19. Auf derselben Augenhöhe wie der Hörer sein

20. Braucht es Alltagsrede auf der Kanzel?

21. Das überflüssige Geschichten-Erzählen auf der Kanzel

22. Die modische Sucht, mit einer banalen Alltagserzählung die biblische Erzählung totzuschlagen

23. Predige nur über das, was du selbst glaubst.

24. Predige nicht über biblische Texte, zu denen du noch keinen Zugang hast.

25. Persönlich predigen zu Beginn – vollmächtig am Ende

26. Persönlich predigen ist heilsam – privat predigen ist von Übel.

27. Wie erlange ich die Vollmacht der Predigt? I.

28. Wie erlange ich die Vollmacht der Predigt? II.

29. Von Gott apodiktisch reden? Aber natürlich!

30. Von Gott bruchstückhaft reden? Aber natürlich!

31. Nicht ich predige, sondern Gott predigt in mir.

32. Dass Gott in dir predigt, ist eine Entlastung der Predigt.

33. Über die »Kunst«, Gott in sich predigen zu lassen

34. Für einen Protestanten kaum zu glauben: Aber meine Predigt ist ein unsichtbares Sakrament Gottes.

35. Der biblische Text muss in dir noch einmal neu geboren werden – erst dann kannst du »aus« ihm heraus predigen.

36. »Es komme kein faules Wort von deinen Lippen.« (Eph 5,29)

37. Prüfe jedes Wort minutiös, das du in deiner Predigt verwendest

38. Der Text, der Text und nur der Text? Ja, ja, ja … aber …

39. Kann man ohne jeden biblischen Text predigen?

40. Keine langweiligen Behauptungssätze in der Predigt

41. Auf das »Ach« in der Predigt achten

42. Soll man frei predigen oder ans Manuskript gebunden?

43. Theologie/Dogmatik (wissenschaftlich) gehört nicht auf die Kanzel.

44. Theologie/Dogmatik (persönlich-existenziell) gehört natürlich auf die Kanzel.

45. Wie lange darf/muss eine Predigt dauern?

46. Der Text gibt die Länge der Predigt vor.

47. Monologisch oder dialogisch reden auf der Kanzel?

48. Wie »steige« ich in die Predigt ein?

49. Von der (inneren) Vorbereitung der Predigt

50. Was ist mit zufälligen, mäanderhaften Gedankenassoziationen in der Predigt?

51. Strenge Gedankenfortschritte vergewaltigen oft den Hörer.

52. Wie benutze ich vorgefertigte Predigten anderer?

53. Ist die Predigt ein kognitiver Fremdkörper in der Liturgie des Gottesdienstes?

54. Nimm deine Predigt nicht zu ernst!

55. Nimm deine Predigt bitte sehr ernst!

56. Bitte keine genormte Gliederung/Aufbau der Predigt

57. Der Predigttext schafft seine je eigene/n Gliederung/Aufbau.

58. Über unnötige Ehrenrunden und Warteschleifen am Ende der Predigt

59. Kann man auch einmal unvorbereitet auf die Kanzel gehen?

60. Und wenn ich nicht in »Form« bin und nichts zu sagen habe?

61. Die Krux und die Chance der Redundanz in der Predigt

62. Die Krux und die Chance der abgekürzten Rede in der Predigt

63. Bitte kein Gespräch über die Predigt direkt nach dem Gottesdienst.

64. Über die leidvolle Verabschiedung an der Kirchentür

65. Über die freundliche Begrüßung an der Kirchentür

66. In der Predigt andere zitieren? Ja schon, aber eher doch nein.

67. Deine Predigt bleibt immer ein unvollendetes Fragment.

68. Deine Predigt ist ein vollendetes »Kunstwerk«.

69. Kann man eigene und fremde Träume in die Predigt aufnehmen?

70. »… und wenn ich weiter geschlafen hätte?« – Vom vergeblichen Predigthören

71. Soll man vor und während und nach der Predigt beten?

72. Wie reagiere ich angemessen auf Lob nach der Predigt?

73. Wie reagiere ich angemessen auf Kritik nach der Predigt?

74. Achte auf die alten antiken »genera dicendi« in der Predigt.

75. Meine Stimme in der Predigt: leise und laut … langsam und schnell … hoch und tief …

76. Soll ich auf die Kanzel gehen? Oder am Lesepult stehen?

77. Soll ich demokratisch predigen? Oder autoritär predigen?

78. Darf ich Fehler, Mängel, Glaubenszweifel in der Predigt zugeben?

79. Predigthilfen/Meditationen fleißig lesen und dann beiseitelegen

80. Wie bereite ich meine Predigt im Wochenablauf vor?

81. Wie kann man ein Predigtmanuskript exakt vorbereiten und dann doch frei und zugleich gebunden an das Manuskript predigen?

82. Auf dem Weg zu einer eigenverantwortlichen Predigtkultur

83. Kann ich in der Predigt Fragen stellen, auf die ich schon die Antworten weiß?

84. Darf die Predigt auch Ketzereien enthalten?

85. Die Musik im Gottesdienst umschmeichelt (und entlastet) die Worte der Predigt.

86. Braucht es Fortbildung in der Predigt auch als Pastor/in?

87. Sollte man die Gottesdienste (Predigten) von Kollegen besuchen?

88. Soll/darf ich während meiner Predigt auch neben mir stehen und mich beobachten?

89. Soll man bewusst feministisch, materialistisch, psychologisch, fundamentalistisch, befreiungstheologisch und, und, und … predigen?

90. Soll man predigen für oder wider den sog. ›Zeitgeist‹?

91. Wann man das Predigen lassen soll …

92. Wann predigen? … Immer!

93. Ein Nachtrag: »Jargon der Eigentlichkeit«, also das »Phrasen Unser« in der Predigt?

94.-97. Diese Ratschläge gehen niemanden etwas an, nur mich selbst.

98. Ausbildung zum Predigen ist eine bloße Technik und nichts anderes als Tonleiterübungen in der Musik.

99. Noch Fragen offen?

100. Der NICHT erteilte hundertste Ratschlag – und eine schöne chassidische Erzählung zum Schluss

Literaturverzeichnis

Vorwort: Warum diese »Ratschläge« von einem alten Predigtlehrer? Und warum »nach-wissenschaftlich«?

Ein ganz merkwürdiges Buch biete ich hier an. Eine »nach-wissenschaftliche«1 Homiletik. So ein Buch habe ich noch nie geschrieben. Eigentlich habe ich es auch gar nicht geschrieben. Sondern ein anderer.

Denn wer kann sich schon erdreisten, anderen vollmundig Ratschläge erteilen zu können?

Doch: Diese »Ratschläge« sind keine »Schläge«, obwohl der Begriff es durchaus nahelegen kann. Es sind einfach kurze gebündelte Erfahrungen eines über 60 Jahre langen Predigerlebens und einer über 50 Jahre langen Predigtlehrer-Tätigkeit.

Ich sage gleich zu Beginn ganz offen: Ich habe einst nur deshalb Theologie studiert, weil ich gern predigen wollte. Ich wollte auf der Kanzel stehen und den Menschen die »Wahrheit über Gott« nahebringen. Das war mein Antrieb, Theologie studieren zu wollen. Es war nicht einfach für mich. Ich habe keinen kirchlichen Stallgeruch, komme aus keiner Akademikerfamilie, habe ein neusprachliches Gymnasium besucht, ohne Hebräisch und Griechisch, nicht einmal Latein habe ich gehabt. In den ersten drei Semestern meines Studiums (15 Monate waren es nur!) habe ich alle drei alten Sprachen in einer wahren Ochsentour (Grundkurs Griechisch I im freien Selbststudium, um keine Zeit zu verlieren) nachmachen müssen, alles im Schnelldurchlauf ohne Tiefgang, um dann endlich Theologie studieren zu dürfen: Ich sage das nicht als Selbstlob, sondern nur, weil es mir tatsächlich nicht in die Wiege gelegt war, ein Theologe zu werden. Ich bin es aber – trotz aller äußeren Widernisse – geworden, nur weil ich predigen wollte. Zunächst predigen zu lernen, dann das Predigen zu lehren. Mehr und anderes wollte ich nicht.

Ich denke, ich habe einigermaßen gelernt zu predigen. Es ist mir nicht leicht gefallen, gerade weil es mir so wichtig war und weil ich hohe Ansprüche an mich selbst hatte und immer noch habe. Es ist auch sicher kein Zufall, dass ich mit 35 Jahren dann Predigtlehrer wurde, durchaus praxiserprobt, zunächst als Studiendirektor in einem Predigerseminar (ich habe dabei ganz selbstverständlich, obwohl auch anderes möglich gewesen wäre, meinen Schwerpunkt auf die Homiletik gelegt). »Persönlich predigen« (damals anno 1978 noch nicht so en vogue, ein ganz neues Thema, es gab viel bösartige, gar böswillige Kommentare von Kirchenoberen dazu) ist mein homiletisches Erstlingswerk. Damals hat es viel Furore gemacht, mehrere Auflagen sind von diesem Buch erschienen. Ich hab den Ansatz des »Persönlichen« in der Predigt in Theorie (weitere theologisch-homiletische Differenzierungen dazu) und Praxis (als Pastor in einer Dorf- und Großstadtgemeinde, als Hauptpastor in einen zentralen Gemeinde in Hamburg) weidlich ausgekostet, bis ich dann im Jahre 2008 den Ansatz von »Persönlich predigen« in meinem Buch »Vollmächtig predigen – in der Tradition des Juden Jesus« weitergeführt und vertieft habe (in einem Kapitel dieses Buches werde ich genauer auf diese Vertiefung eingehen, vgl. Nr. 25). Ich habe nach meiner Pensionierung im Jahre 2003 regelmäßig in Hamburg, Hannover, anderen Städten und auch auf Dörfern weiter gepredigt, ca. 10–15-mal im Jahr. Ich habe eine vollständige, elf Aktenordner umfassende Sammlung aller meiner bisher 1189 Predigten; habe alle aufbewahrt, weil mir eben die Predigt so wichtig war und natürlich auch noch ist, weil Predigen – neben Familie und Fußball – mein Leben ist. Ich sage das nicht stolz und auch nicht selbstbezogen, natürlich auch nicht kritisch oder mich selbst entlarven wollend, sondern ich sage das, weil es wichtig ist für das Unternehmen, das ich in diesem Buch starte.

Ich will ohne jede (na ja, fast jede) wissenschaftliche Absicherung im Kleingedruckten einfach an meinem langsam zum Ende sich neigenden Leben den Ertrag meiner lebenslangen Beschäftigung mit der Predigt – ich wiederhole, in Theorie und Praxis gleichermaßen, das ist mir sehr wichtig zu sagen – gebündelt und prägnant (vielleicht für mache gar zu apodiktisch) festhalten. Ich wiederhole bewusst nochmals meinen Ansatz: »Nach-wissenschaftlich« ist das Ganze. Denn meine Zeit, von allen Seiten abgesicherte Wissenschaft zu treiben, ist vorbei (vgl. dazu jedoch im Anhang den Hinweis auf meine früheren »wissenschaftlichen« homiletischen Versuche, die diesem Buch zugrunde liegen).

Ich habe natürlich auch weiterhin noch hohen Respekt vor allen sorgfältigen, bewusst wissenschaftlichen Fleißarbeiten zur Homiletik. Ich denke dabei z. B. an die gerade neu erschienene 3. Auflage (1. Auflage 2002) der »Einführung in die Homiletik« von Wilfried Engemann (709 S., davon beeindruckende 40 Seiten Literaturverzeichnis, ganz auf dem allerneuesten Stand), ein wirklich imponierendes und überaus fleißiges Werk, das sich sehr bescheiden »Einführung« nennt, dennoch alle Seiten der inhaltlichen Homiletik berührt: eindrucksvoll, ehrfurchtheischend, großes Kompliment von mir – oder ich denke auch an die vielen homiletischen (und liturgischen) Werke meines Freundes Alexander Deeg in Leipzig, wirklich ungeheuer eindrucksvoll, nicht nur klug, sondern auch voll Tiefsinn, viel gelernt habe ich davon (siehe auch unten Nr. 53). – Jedoch: Das alles ist nicht mehr mein Ding, das alles war einmal. Nicht, dass mir im nun schon recht hohen Alter die Kraft fehlte zur wissenschaftlichen Kleinarbeit. Sondern ich habe – ganz freimütig und offen, auch mich selbst entlarvend gesagt – einfach keine Lust mehr dazu, bündele also einfach meine homiletische »Lebenserfahrung« in thetischen Behauptungssätzen: So sind die einzelnen 99 Ratschläge also zu lesen.

Das alles schreibe ich zunächst für mich selbst (alles, was ich tue, rede, schreibe, ist zunächst für mich selbst bestimmt), dann auch für andere, die bereit sind, an meinen Erfahrungen zu partizipieren, und die vielleicht sogar daraus lernen wollen für ihre eigene Predigt.

»Lernen wollen«, sage ich. Lernen geschieht m. E. so, dass man auf andere hört, aufmerksam und mit gutem Willen, alles prüft und gewichtet, und dann aber seine eigenen Schlüsse daraus zieht. Was passt zu mir? Was geht es mich an? Wo stimme ich zu, wo muss ich widersprechen? Wo habe ich ganz ähnliche, wo ganz andere Erfahrungen gemacht? Lernen geschieht also so, dass man auf einen anderen hört, vertrauensvoll und mit gutem Vorsatz, dann alles für sich prüft und nur das Geprüfte sich zu eigen macht. Lernen geschieht so, dass ich vom anderen mich auf meinen Weg bringen lasse, mein Eigenes (wissenschaftlich wird hier oft vom »Idiom« gesprochen) zu finden. Ich brauche den anderen, das Gegenüber, das Du, um zu mir selbst zu kommen. Ohne Du kein Ich, ohne das Lernen im partnerschaftlichen (also gleichrangigen) Gespräch mit dem Du keine eigenständige (vielleicht auch im positiven Sinn eigenwillige) Position des Ich.

So habe ich es immer gehalten. So hat sich meine Predigt in der Praxis entwickelt, so ist meine Lehre über die Predigt stets verfeinert und – ich hoffe – auch vertieft worden. Und nun stehe ich am Ende dieses Weges, nun ja, fast am Ende. Ich weiß ja nicht, was noch kommt, was mir noch zufällt, oder durchaus fromm gesagt, was Gott noch mit mir vor hat. Aber mit 82 Jahren hat man ja durchaus das Recht, ein Resümee zu ziehen.

Ich hab das vor Jahren schon zu ziehen versucht in dem Buch »Vollmächtig predigen in derTradition des Juden Jesus« (Ich füge an: Das Buch hat noch ein anderes Prädikat in der Überschrift: »liberal«. Gemeint ist: »vollmächtig« in der Form, »liberal« im Inhalt.) Das Liberale ist mir zwar immer noch sehr wichtig, hat für mich heute (also zehn Jahre später) aber nicht mehr die gleiche vorrangige Bedeutung wie das »Vollmächtige«, (dazu auch später unter Nr. 25 ff.). Ich schreibe es jetzt also »nach-wissenschaftlich«, in dem ich pointiert und zugespitzt Regeln zum Predigen aufstelle, die ich eben »Ratschläge« nenne. Ja, es sollen durchaus »Ratschläge« für Jüngere sein (fast alle, die das lesen, werden naturgemäß jünger sein als ich), die man sich zu Herzen nehmen und in die eigene Praxis übertragen kann, die man aber auch getrost in den Wind schießen darf. Sehe dann jeder zu, was er oder sie daraus macht. Ich fände es zwar nicht schön und auch nicht richtig, meine Ratschläge in den Wind zu schießen, denn sie sind ja nicht zufälliges Allotria, sondern haben ihren guten Grund in 60 Jahren Predigtpraxis und 50 Jahren Predigt-Lehre, sind also das Ergebnis eines lebenslangen Prozesses. Und natürlich spreche ich auch zunächst – es geht gar nicht anders – nur von mir. Doch Ich bin nicht Du und Du bist nicht Ich. Das heißt, jede/r muss prüfen, was ihn/sie anspricht, wozu er/sie »Ja« sagen kann und was er/sie in den Orkus wirft. Das ist nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht eines jeden. Doch er/sie sollte sich dann aber auch fragen: Warum stimme ich zu, warum stimme ich nicht zu? Was ist in mir, was mich zum Widerspruch reizt? Was geht wohl im Verfasser des Buches vor, dass er es so eindringlich und zugespitzt sagt, wie er es sagt?

Also zum Lesen dieses Buches gehört auch das offene Gespräch des Lesers mit dem Autor. Sonst – wenn es das Gespräch nicht gibt – werden aus den »Ratschlägen« wirklich »Schläge«, die ich austeile oder die der/die andere sich selbst erteilt. In diesem Sinne sind die »Ratschläge« also einfach die gebündelte Predigterfahrungen eines alten Predigers und Predigtlehrers, der meint, damit anderen etwas zum eigenständigen, durchaus auch eigenwilligen Lernen und also am Ende zum eigenen Predigen weitergeben zu können. Ich denke, in diesem Sinne ist es nicht nur möglich, sondern auch nötig, ja zwingend erforderlich, diese »Ratschläge« weiterzugeben, damit jede/r Einzelne seine/ihre eigenen Lehren daraus zieht, sich nicht »schlagen« lässt durch mich, sondern selbst zum »Aufschlag« des eigenständigen Predigens ausholt.

Doch genug der erklärenden Vorrede, wie es zu diesem Buch gekommen ist, und der Absicherung vor Missverständnissen (vor denen werde ich mich ohnehin nie genug absichern können. Wer mich missverstehen will, der wird es tun, so viel ich erklärend einschränkend auch sage). Genug also davon, nun einfach in medias res. Folgende 99 Ratschläge (es hätten auch noch mehr sein können, siehe unten unter Nr. 100) gebe ich an Sie oder auch an Euch (ganz wie es beliebt) als PredigerIn des Evangeliums Gottes weiter.

NOCH EIN KLEINER LESETIPP:

Wenn ich eine unverbindliche Empfehlung geben darf, würde ich raten, zunächst die erstenfünf Ratschläge zu lesen (sie sind die theologische Position von mir und zum Verständnis des Ganzen unverzichtbar). Die danach folgenden fünf Ratschläge (6.-10.), die meine homiletische Position betreffen, dürfen Sie – wenn Sie wollen – zunächst erst einmal überschlagen (da hab ich im Grunde meine alte Überlegungen zum sog. »homiletischen Dreieck« noch einmal ausgebreitet), und können ganz locker mit den »Ratschlägen« in Teil II beginnen, einfach dort, wo Ihr Interesse geweckt ist und es bei Ihnen »Klick« macht: »Mal sehen, was er dazu sagt«. Also lesen Sie quer, hin und her mäandernd. Ich breite einen bunten Blumenstrauß (eher wilde Feldblumen als sauber geordnete Zuchtblumen) aus, bei dem sich jede/r entweder eine stolze Rose oder auch ein bescheidenes Veilchen betrachten kann. Und vielleicht ist ja auch eine strahlende Sonnenblume dabei. Ich habe jedoch im Laufe des Ausbreitens dieses bunten Blumenstraußes gemerkt, dass es doch eine starke innere Verbindung zwischen einzelnen assoziativ aneinandergereihten Ratschlägen gibt, wie die vielen Querverweise nach vorn und hinten zeigen. Ich kann am Ende doch mein stark systematisierendes Denken nicht ganz unterdrücken zugunsten eines mäanderhaften Hin- und Herspringens (vgl. auch die selbstkritische Notiz Nr. 50).

Ach ja, und ein Letztes (in der Sache vielleicht sogar Erstes): Bitte das Ganze nicht nur mit Neugierde, sondern vor allem auch mit Augenzwinkern und mit einer gehörigen Portion an Humor, also mit Schmunzeln und vor allem Selbstironie lesen. So ist das Ganze auch geschrieben. Es ist zwar alles durchaus ernst gemeint, aber nicht todernst und vor allem nicht verbissen.

1 Ich benutze den Begriff »nach-wissenschaftlich« bewusst und grenze ihn ab vom Begriff »vor-wissenschaftlich« (denn ich habe genug Wissenschaft getrieben, und was ich jetzt in nicht-wissenschaftlicher Sprache sage, ist durch die homiletische Wissenschaft hinreichend hindurchgegangen) und »un-wissenschaftlich« (denn das will ich natürlich nicht nur nicht sein, sondern das kann ich nach all meinen Jahrzehnte langen Bemühungen um die wissenschaftliche Homiletik auch gar nicht sein«). »Nach-wissenschaftlich« also in dem Sinn, dass die homiletische Wissenschaft als »Vor-letztes« (alle Wissenschaft bleibt immer nur im Bereich des Vor-Letzten«) in allen Teilen vorausgesetzt wird, ohne dass ich das ständig zur Absicherung und Selbstverteidigung erwähne.

I. Was vorab ganz grundsätzlich gesagt werden muss – knapp auf den Punkt gebracht

GRUNDLAGEN

1. Denk bitte stets daran: Deine Predigt hat immer ZWEI Autoren.

Das ist vorab der wohl wichtigste Ratschlag (kein Ratschlag, eher eine Dauer-Erinnerung), den ich geben kann. Dabei muss ich zugeben: Ich hatte zunächst vergessen, ihn überhaupt zu erwähnen. Erst im Laufe der Formulierung aller sonstigen Ratschläge ist mir aufgegangen, dass ich ihn unbedingt erwähnen muss, quasi als Vor-Wort vor allem, da ich ihn oft wie selbstverständlich voraussetze.

Also: Zwei Autoren hat die Predigt, immer. Wieso zwei?

1. Der erste Autor bin natürlich ich selbst. Ich schreibe und halte die Predigt, die Gemeinde hört mich auf der Kanzel. Die Predigt ist also mein Werk. Das ist so selbstverständlich, dass man es kaum erwähnen muss. Wichtig ist an dieser Stelle nur, dass alle Ratschläge, die ich im Folgenden zu geben versuche, nur für diesen ersten Autor gedacht sind. Der/die PredigerIn bedarf rhetorischer, homiletischer, exegetischer, kommunikations-theoretischer Hilfen, um nach Menschenermessen eine ordentliche Predigt »zustande zu bringen«. Alles, was ich also in den folgenden Ratschlägen sage, ist nur an diesen ersten Autor gerichtet, kann es auch nur sein.

2. Und wer ist der zweite Autor bei jeder Predigt? Es möge bitte keiner erschrecken, wenn ich es kurz und zugespitzt sage: Der zweite Autor ist Gott bzw. der Geist Gottes. Was ist damit gemeint?

Ich kann und darf in einem Gottesdienst nur predigen, wenn ich davon ausgehe, dass Gott bzw. der Geist Gottes mich in der Predigt begleitet, dass er sich einmischt in meine Predigt und im besten Fall mein Wort zu dem seinen macht. Das ist natürlich eine Sache meines Glaubens, doch es ist m. E. die unbedingte Voraussetzung dafür, überhaupt predigen zu können und zu dürfen. Ohne diesen zweiten Autor ist meine Predigt allenfalls eine kluge »religiöse Rede« »über« Gott bzw. einen biblischen Text, biblisch geordnet: »Tönend Erz und klingende Schelle« (1. Kor 13,1). Meine Predigt ist dann also lediglich eine kluge Rede »über« Gott als ein von mir getrenntes Objekt. Ich verfehle damit jedoch die vordringlichste Aufgabe jeder Predigt, die – wenn sie gelingt – »aus« Gott heraus geschieht. Ich sage das an dieser Stelle bewusst ganz zugespitzt und pointiert, damit natürlich auch Missverständnissen ausgesetzt. (Näheres in einigen Ratschlägen weiter unten, vgl. Nr. 31 ff.).

Ich gestehe: Ich gebe der Predigt damit natürlich von allen anderen Formen einer Rede ein andere, ja einmalige Qualität. »Reden ist Silber, PREDIGEN ist Gold«. Einige werden natürlich sofort sagen, ich überhöhe die Predigt unrechtmäßig und verleihe ihr eine übermenschliche Weihe, die zugleich auch zu einer Überforderung des Predigers führe. Ich behaupte (vgl. Nr. 32) aber das Gegenteil. Der zweite Autor entlastet die Predigt und verleiht ihr eher Leichtigkeit und Unbekümmertheit. Denn wenn Gott (bzw. sein Geist) sich wirklich in die Predigt einmischt, wenn hier eine sakramentale Verbundenheit zwischen den beiden Autoren entsteht (vgl. dazu Nr. 34), dann bin ich als Autor von der alleinigen Verantwortung für die Predigt entlastet. Ich kann im Glauben getrost alle meine Predigtkünste (die ich dem Autor eins (= der Prediger) mit all meinen Ratschlägen zu geben versuche) abgeben an ihn und darauf – ja fast kindlich, würde ich mir erlauben zu sagen – sagen: »Er wird’s schon wohl machen.« Wie das in der Praxis geschehen kann, davon zeugen eine ganze Reihe von praktischen Ratschlägen in den folgenden Ausführungen.

3. Wichtig ist an dieser Stelle nur, am Anfang auf diese doppelte Autorenschaft aufmerksam zu machen. Alle folgenden Ratschläge gehen von dieser doppelten Autorenschaft aus, auch wenn diese nicht immer (oft aber durchaus) erwähnt wird. Dem zweiten Autor habe ich natürlich keinen, absolut keinen Rat zu geben. Wie käme ich dazu? Es wäre ja absurd. Alles, was ich im Folgenden sage, ist also nur für Autor eins bestimmt. Aber Gott als Autor zwei setze ich immer mit voraus, auch wenn ich ihn aus Gründen der Redundanz nicht immer nenne.

Das Ganze macht vielleicht das Lesen und Akzeptieren der Ratschläge etwas schwerer. Dies aus zwei Gründen:

a. Gott (der Geist Gottes) als Autor zwei meiner Predigt ist natürlich eine Glaubensaussage. Sie setzt voraus, Gott gestaltet meine Predigt mit. Nicht bei allen Predigern kann ich diesen Glauben voraussetzen, ich setze ihn aber bei mir voraus, und bitte freundlich darum, sich zumindest versuchsweise methodisch darauf einzulassen. Sonst sind alle meine »guten« Ratschläge sinnlos und bleiben »tönend Erz«.

b. Den Autor Gott kann man äußerlich nicht sehen, höchstens, das aber ganz gewiss, innerlich schauen (vgl. dazu Joh 1,14 »Wir schauten – ergänze: innerlich im Glauben – seine Herrlichkeit«). Für Nicht-Gläubige ist rein gar nichts innerlich zu schauen, die sehen nur äußerlich einen x-beliebigen Menschen, also im Grunde Finsternis statt Licht (vgl. Joh 1,5). Der erste Autor, der Prediger, ist ganz äußerlich zu sehen. Der zweite Autor, Gott, ist äußerlich nicht zu sehen, allerdings innerlich zu schauen. Wenn ich im Folgenden von ihm rede, so habe ich keinen sichtbaren »Beweis« dafür. Ich kann ihn in meinem Glauben nur als den, der mich unbedingt angeht und der als dieser meine Predigt begleitet, voraussetzen.

Das alles macht es so schwierig, in menschlichen Kommunikationsformen von der Predigt zu reden. Denn ich muss eben von etwas reden, wovon ich als Mensch eigentlich nicht reden kann (vgl. dazu Karl Barths Drei-Satz von der unmöglichen Möglichkeit der Predigt, unten Nr. 5). Und doch rede ich davon. All mein Reden birgt also eine Leerstelle in sich, auf die ich nur hinweisen kann, ohne sie von mir aus ausfüllen zu können.

4. Ich kann das Ganze auch an einem Bild verdeutlichen. Friedrich Schleiermacher hat in seiner »Kurzen Darstellung des theologischen Studiums« das Studium der Theologie mit dem lebendigen Organismus eines Baumes verglichen. Wurzel (Philosophische Theologie und Apologetik) – Stamm (Historische und Systematische Theologie) – Krone (Praktische Theologie). Der Begriff »Krone« ist dabei jedoch nicht wertend gemeint, sondern wird als die ganz organische Spitze eines Baumes (Blätterwerk und eben Krone) verstanden, wobei Wurzel und Stamm die Grundlage für das Blätterwerk und die Krone sind. Ohne Wurzel und Stamm keine Krone.

Das lässt sich etwas abgewandelt auch auf die Predigt übertragen: Kluge Biologen sagen uns, dass jeder Baum unter der Erde mit seinem Wurzelwerk genauso viel Raum einnimmt wie der Baum, den wir sichtbar über der Erde vor uns haben. Wenn die ganze Vorbereitung der Predigt als »Stamm« des Baumes verstanden wird und die Predigt selbst als die Krone, aus der die Früchte geerntet werden können, beides aber sichtbares Werk des Autors eins ist, so ist eben das Wurzelwerk, das man nicht sehen kann, das Werk des Autors zwei, ein Werk Gottes. Und ein Baum ist nur dann lebensfähig, wenn das den Baum nährende und Halt gebende Wurzelwerk genauso weit und breit wie der sichtbare Teil des Baumes ist. Kappe ich die unsichtbaren Wurzeln ab, so stirbt der Baum. Unsichtbares Wurzelwerk und sichtbarer Baum ergänzen sich nicht nur, sie sind beide nicht nur gleich groß und aktiv, sondern der Baum kann nur dann leben und Frucht bringen, wenn er nicht abgeschnitten wird von seinen Wurzeln.

5. Ergebnis dieser für mich zentralen Reflexion über die »zwei Autoren«: Ich gebe im Folgenden Ratschläge nur für den Autor eins, kann über das Handeln von Autor zwei nichts sagen außer, dass er handelt. Der Autor zwei ist also immer dabei, wenn es denn eine »Predigt« ist. Alle folgenden Ratschläge sind also nur halbe Ratschläge, können und dürfen nicht mehr sein. Die zweite Hälfte steht mir nicht zu, sie bleibt offen und frei. Es steht mir aber durchaus zu, an diese offene Stelle stets zu erinnern und alle meine/unsere Predigtbemühungen dafür freizuhalten. Ich spreche nur zu dem ersten Autor, der zweite Autor nimmt sich sein Recht zum Sprechen, wie und wann er es will. Das ist die Voraussetzung meines Glaubens für alles Folgende, was ich zur Predigt sage.

Daraus folgt eine weitere grundsätzliche Unterscheidung, die im Folgenden bei allem zu beachten ist, nämlich … Ratschlag Nr. 2.

2. Bitte PREDIGEN – nicht bloß predigen! (mit dem Versuch einer vorläufigen ›Definition‹ meines Predigt-Verständnisses)

Ein Rätselwort? Nein, ein Lösungswort!

Dazu muss ich zu Beginn etwas Wortklauberei betreiben: Nur wenn die »zwei Autoren« in der Predigt sich begegnen und zusammenkommen, wird eine Predigt zur PREDIGT. Eine Predigt ohne Gott ist bestenfalls eine geistreiche »religiöse Rede«, aber keine PREDIGT. Wenn es Gott jedoch gefällt, sich selbst in meiner »Predigt« zu zeigen, wird meine Predigt zur PREDIGT. Wie ich in Ratschlag 1 schon sagte, kann ich das nicht »machen«, also von mir aus erzwingen, ich kann und darf aber darauf vertrauen. Und nur wenn ich das tue, kann und darf ich predigen.

Die von mir hier semiotisch eingeführte Unterscheidung zwischen Predigen (ohne Gott, als nur vom Menschen fabrizierte »religiöse Rede«) und PREDIGEN (mit Gott, also als eine durchaus bleibend menschliche Rede, in der aber Gott real präsent ist) ist im Folgenden stets mitzubeachten. Predigt ist nur PREDIGT, wenn Gott als »zweiter Autor« dabei ist. Und nur von der PREDIGT ist im Folgenden die Rede.

Ich will und muss das zu Beginn noch etwas näher ausführen. Natürlich gibt es einerseits landauf-landab viele Predigten, die sich so nennen, aber eben bestenfalls nur »religiöse Rede« sind und keine PREDIGT. ›Darüber zu reden‹ ist nicht mein Interesse. Und ebenso natürlich gibt es andererseits viele nicht »Predigt« genannte Menschenworte (Vorträge, Aufsätze, Unterhaltungen, Alltagsgespräche, Gelegenheitsreden usw.), die durchaus in dem von mir gemeinten Sinn PREDIGTEN sind, weil Gott höchst selbst sich da einmischt und dabei ist. PREDIGT gibt es also nicht nur als Predigt im Gottesdienst, sondern alltäglich und allweltlich, auch wenn es nicht explizit PREDIGT genannt wird. Insofern ist die »Predigt im Gottesdienst« nur ein besonderer, semiotisch herausgehobener Ort für eine PREDIGT, sie lässt sich aber potenziell überall, also an jedem Ort und zu jeder Zeit, finden. Überall, wo Gott real präsent ist in meiner Rede, da ereignet sich PREDIGT, auch wenn ich es umgangssprachlich nicht so nenne (daher ist im Übrigen der etwas freche Titel dieses Buches »Reden ist Silber – PREDIGEN ist Gold« keinesfalls eine hochmütige oder gar hochkirchliche Abwertung menschlicher Rede, sondern entspricht einfach nüchtern der Realität).

Zur weiteren Klärung dies: Dietrich Bonhoefferhat in seinem lebenslangen Nachdenken darüber, was »Kirche« ist, unter anderem sinngemäß gesagt: Überall, wo Gott präsent ist, da ist KIRCHE. Kirche in diesem Sinn ist ort-los (ich kann sie nicht auf einen bestimmten Ort festlegen) und zugleich all-örtlich (sie kann überall sein, heute in den Slums Nicaraguas oder Brasiliens, zu Zeiten Bonhoeffers in den sozialistischen Arbeitervierteln Groß-Berlins, sogar – warum auch nicht – in den prächtigen Kathedralen und Domen unserer Städte. Alles möglich). Ort-los und all-örtlich zugleich ist KIRCHE. Aber es gibt auch – so Bonhoeffer – sog. »bevorzugte Orte«, wo nach menschlicher Konvention KIRCHE sich direkt (nicht mehr verborgen in Arbeitermilieus) und unmittelbar (nicht mehr versteckt hinter alltäglichem Tun) zeigt, eben in den »Kirche« genannten Gebäuden.

Das übertrage ich jetzt auf die Unterscheidung von Predigt und PREDIGT.

Der Gottesdienst ist solch ein »bevorzugter Ort« für die PREDIGT, auch wenn »Predigt« überall im Alltag – ort-los und all-örtlich – nicht nur möglich ist, sondern auch real geschieht. Denn Gott kann sich überall einnisten, in jede menschliche Rede und jede menschliche Tat. Und wo das geschieht, geschieht PREDIGT.

Um daher bereits an dieser Stelle mein PREDIGT-Verständnis zugespitzt vorläufig zu definieren: Ich PREDIGE indirekt immer dann, wenn Gott in meiner Reden (in jeder, sowohl im Alltag wie auch am Sonntag) dabei ist. Ich PREDIGE direkt in jedem Gottesdienst, wenn denn Gott dabei ist. Ich PREDIGE im Gottesdienst dabei am unmittelbarsten und direktesten in der »Predigt«. Ich PREDIGE nicht, auch wenn ich äußerlich eine Predigt halte, wenn in dieser Predigt – oder auch im Gottesdienst insgesamt oder auch in jeder Alltagsrede – Gott nicht dabei ist. Dann rede ich bestenfalls nur kluge menschliche Worte (dies ist keinesfalls abwertend gemeint), die ich zwar Predigt nenne, die aber keine PREDIGT ist. Alles klar soweit?

Mit dieser Zuspitzung der Predigt als PREDIGT am »bevorzugten Ort« des Gottesdienstes versuche ich, PREDIGT ganz von Gott her zu denken. Es ist ein »Versuch«, mehr kann es nicht sein, ein ganz und gar menschlicher Versuch. Doch er ist ebenso möglich und berechtigt, wie Karl Barth zum Beispiel seine »Kirchliche Dogmatik« ganz von Gott her gedacht hat, wie er als Mensch von Gott her zu denken und zu reden versucht hat. Das ist nicht übermütig oder gar hochmütig, sondern unumgängliche Aufgabe der Theologie, wenn sie denn Gott wirklich ernst nehmen und von ihm her als Voraussetzung und Grundlage des Glaubens und Redens ausgehen will (vgl. dazu auch des Näheren die folgenden Ratschläge, ich denen ich mich auf Karl Barths Art, als sündiger Mensch von Gott zu reden, beziehe; vgl. Nr. 5 und öfter).

So versuche ich hier, Barths Einsicht über die Theologie insgesamt einfach auf die Predigtaufgabe zu übertragen und die Predigt konsequent von Gott her zu denken. Auch das ist wie bei Barth kein Übermut oder gar Hochmut, sondern nichts anderes als die logische Konsequenz meines Glaubens, wenn denn mein Glaube Gott als realen Ursprung des Glaubens ernst nimmt. Und wenn ich mich dabei an Barth anlehne, so schmücke ich mich nicht mit fremden Federn, die mir sowieso viel zu groß sind und mich wie einen übermütiger Klassenclown aussehen lassen, sondern ziehe nur nüchtern die Konsequenz aus meiner Theologe und meinem Glauben. Das muss ich (muss man) sogar tun, wenn ich (man) Gott als Ursprung des Glaubens ernst nehme (nimmt). Es bleibt ja bei alledem immer noch bei meinen unvollkommenen Reden »über« Gott – so wie KarlBarthstheologisch wie homiletisch (wird von mir in Folge noch mehrmals zitiert, vgl. unten unter Nr. 5 und öfter) alles entscheidende Einsicht lautet: »Wir sollen als Theologen von Gott reden – Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden …«.

Ich setze im Folgenden, auch wenn das, um allzu viel Redundanz zu vermeiden, nicht immer wieder betont wird, die reale Präsenz des »zweiten Autors« meiner Predigt voraus, damit ich nicht nur (ohne Gott) predige, sondern eben (mit Gott) PREDIGE. Nur dann ist meine Predigt wirklich eine PREDIGT und keine bloße »Rede« (egal wo ich sie halte, an allen ›säkularen‹ Orten dieser Welt oder an diesem einen »bevorzugten« Ort auf der Kanzel).

Eigentlich müsste ich im Folgenden immer zwischen predigen (ohne Gott) und PREDIGEN (mit Gott) im Schriftbild unterscheiden. Dies würde aber auf die Dauer zu unruhig werden und das zügige Lesen unnötig erschweren. Deshalb werde ich weiter, wie allgemein gewohnt, von der »Predigt« und dem »Predigen« reden, auch wenn »PREDIGT« und »PREDIGEN« gemeint sind. Nur wo es zum Verständnis unmittelbar nötig ist, werde ich »Predigt« in Großbuchstaben setzen.

3. PREDIGT ist keine »Rede« – es sei denn, ich predige nur!

Wieder so ein »Rätsel-Wort«. Ich greife damit die Gedanken in Ratschlag 2 noch einmal auf und veranschauliche sie auf andere Weise. Ich tue es deshalb, weil für mich hier die Voraussetzungen für alles Weitere gelegt werden. Wenn ›man‹ hier nicht zustimmen kann, werden sich die meisten der in Teil II folgenden praktischen Ratschläge nicht erschließen.

Die 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren der Höhepunkt der sog. »empirischen Homiletik«, mit der verheißungsvollen Entdeckung der Humanwissenschaften (also Psychologie, Soziologie, Linguistik usw.) für die Predigt: Der bis dahin allein, herrschenden, hoch (und meist noch recht abstrakt) theologisch motivierten sog. »kerygmatischen Homiletik« (vornehmlich Karl Barths und seiner Genossen) wurde der Kampf angesagt (ich gehörte damals mit »Persönlich predigen« selbst dazu; vgl. auch unten Nr. 6., 25., 26. u. ö.). Gert Otto z. B. verstieg sich in seinem kleinen Büchlein »Predigt als Rede« zur These, Predigt sei nichts anderes als ganz normale Rede im kirchlichen Kontext. Das war im Sinne der »empirischen Homiletik« nicht etwa besonders mutig, sondern ganz konsequent, und ich habe dieser These damals auch (verhalten) zugestimmt. Predigt ist nichts anderes als eine Form kirchlich-säkularer Rede über Gott und darf nicht theologisch/kerygmatisch überhöht werden. Als kämpferische Absage von der »kerygmatischen Homiletik« wohnte dieser These sogar ein starkes Befreiungspotenzial inne, ja, es war ein »Befreiungsschlag« aus dem Gefängnis einer verengten »kerygmatischen Homiletik«. Endlich darf ich auch ganz normal und alltäglich von Gott umgangssprachlich reden. Gut so.

Nicht gut so, sage ich heute. Denn:

1. PREDIGEN ist keine »Rede«

Beim »Reden« gibt es nur einen Autor. Eben den Rhetor selbst. Und für den kann ich (wie es im Folgenden geschieht) kluge menschliche Regeln aufstellen. Die »Predigt« hat – wie bereits dargelegt – stets zwei Autoren, auch wenn ich als Rhetor nicht über den zweiten Autor verfügen kann, ihn stets nur unausgesprochen kognitiv mitdenke und emotional wie selbstverständlich mitagieren lasse. Deswegen eben kann die Predigt keine bloße Rede sein, vergleichbar allen möglichen anderen Reden, die ich halte – es sei denn, ich verstehe Predigt grundsätzlich so, dass sie nur von einem Autor, also von mir, mit virtuosen rhetorischen Künsten angefertigt und gehalten wird.

Das Ganze ist für mich nicht nur ein semantischer Streit um Worte, sondern berührt die grundsätzliche Einstellung des Predigenden zu seiner PREDIGT. Natürlich ist jede »Predigt« auch eine (menschliche, meist allzu menschliche) »Rede«: was denn sonst? Insofern haben Gert Otto und andere, die vehement dafür plädiert haben, nicht (nur) Unrecht. Aber damit ist die PREDIGT in ihrem Tiefsten – von Gott her – eben nicht erfasst. Und genau darum geht es mir.

2. Es sei denn, ich will nur predigen.

»Predigen« hat dann hier die Bedeutung, dass ich theologisch bewusst oder auch nur handwerklich methodisch auf die mögliche (nicht automatische!) Mit-Autorenschaft Gottes verzichte. Wenn ich in diesem Sinne »predigend« auf die Kanzel gehe, dann »rede« ich eben nur. Möglicherweise rede ich sogar durchaus engagiert weise, kluge Dinge, entfalte meine philosophischen/psychologischen/soziologischen Ideen und Programme. Durchaus gut so und in einem gelehrten Vortrag sehr legitim, ja erforderlich. Aber das ist eben keine Predigt, sondern »nur« eine Rede. »Nur« eine Rede? Das »nur« ist hier nicht abwertend gemeint, sondern hält lediglich frei von jeder Wertung nüchtern fest, dass es dabei nur einen Autor der Predigt gibt, eben den Redner/Rhetor selbst. Doch das ist zu wenig, hat die Predigt bestenfalls – in Wirklichkeit schlechtestensfalls – nur halb im Blick.

Wenn Gert Ottound andere einst mit Vehemenz und durchaus auch mit Bekennermut auf die »Predigt als (bloße) Rede« aufmerksam machten, so protestierten sie damit eben gegen die potenzielle Verkürzung der Predigt in der alten und bis dahin allein das Feld beherrschenden »kerygmatischen Homiletik«, in der natürlich durchaus auch vom menschlichen Autor der Predigt gesprochen wurde, aber eben nur so nebenbei, im Vorübergehen, manchmal sogar recht abfällig, auf jeden Fall nicht mit dem nötigen Ernst. Wichtig war ihr vor allem der zweite Autor, also Gott bzw. der Geist Gottes, der die Predigt leitet. Dies führte de facto (ich habe ja noch selbst diese Predigtausbildung genossen) zur Nivellierung, ja, am Ende zur Eliminierung des anderen Autors, des menschlichen Predigers selbst. De iure war er natürlich nicht eliminiert, konnte er ja gar nicht, er war ja da. De facto aber wurde er eliminiert, weil er einer psychologischen, rhetorischen, soziologischen Betrachtung nicht für Wert erachtet wurde. Das war verkehrt und dagegen hat die sogenannte »empirische Homiletik« zurecht protestiert. Nur ist es eben im Überschwang oder auch aus theologischer Vergesslichkeit dann dazu gekommen, dass man den Vorrang des einen Autors (Gott) durch einen Vorrang, ja, gar eine Alleinherrschaft des anderen Autors (der predigende Mensch) ersetzt hat. Das eine ist natürlich genauso falsch wie das andere, denn »abusus non tollit usus«.

3. Die Predigt ist aber PREDIGT und hat grundsätzlich stets zwei Autoren.

Daher noch einmal zugespitzt positionell formuliert: Als PredigerIn will und soll ich nicht nur einfach predigen (also reden im kirchlichen Kontext), sondern eben PREDIGEN. Und dafür ist es nötig, dass ich grundsätzlich von den zwei Autoren in der Predigt ausgehe. Beide Autoren auch in ihrer qualitativen Unterschiedlichkeit sind gleich gewichtig für die Predigt. Wenn der Ton zu sehr auf den einen oder auf den anderen gelegt wird, gerät alles aus dem Gleichgewicht; formale Unordnung und sachliche Verwirrung sind das Ergebnis.

Doch das soll und darf nicht sein, wenn Predigt wirklich vollmächtige PREDIGT sein will.

4. Kann man das PREDIGEN überhaupt lernen?

Ich kann, an »Ratschlag 2« direkt anknüpfend, nur sagen:

Entschieden JA – »Predigt« als »religiöse Rede« – und zugleich auch:

Entschieden NEIN – »Predigt« als »PREDIGT«.

1. Entschieden Ja. Natürlich kann man das Predigen als »religiöse Rede« lernen. Predigen als »religiöse Rede« kann man rhetorisch, exegetisch, psychologisch, semantisch, soziologisch – in allem also homiletisch – so lernen wie jede andere menschliche Rede auch. Dazu gibt es alle möglichen Methoden und Tipps, die ich in Teil II der Ratschläge zu erörtern versuche.

Die folgenden Ratschläge sind nicht für alle gleich bedeutsam. Manche sprechen für den einen Selbstverständliches aus, für den anderen aber Neues. Oder eben auch umgedreht. Und jede/r ist eingeladen, sich das herauszupicken, was für ihn/sie gerade recht ist. Es ist ein einfaches Lernprogramm. Denn Predigen kann man wie alle Fertigkeiten des Lebens eben auch lernen. Dazu gibt es die homiletischen Seminare an der Universität und das praktische Üben in der Ausbildung am Predigerseminar. Also zunächst ganz selbstverständlich: Das Predigen als »religiöse Rede« kann man lernen. Ich füge aber gleich an: nur in Ansätzen lernen. Denn es gilt auch:

2. Entschieden Nein. Das PREDIGEN kann man als »Verkündigung des Wortes Gottes« natürlich nicht lernen, man kann es nur als »religiöse Rede« lernen. Dass meine »religiöse Rede« zur »Verkündigung des Wortes Gottes« wird, ist am Ende ein – ich nenne es bewusst so – »Geheimnis des Glaubens« (in der Abendmahlsliturgie wird dies immer vor der »Wandlung« gesagt). Ich werde im Folgenden auf diesen wesentlichen qualitativen Unterschied noch oftmals eingehen. An dieser Stelle also nur als Eingangsthese meines gesamten Programms.

Präzise und zugespitzt gesagt: Gott selbst sorgt dafür, dass meine »religiöse Rede« zur vollmächtigen »Verkündigung des Wortes Gottes« wird – oder eben nicht. Was ich dazu tun kann, ist, allenfalls Gott dabei nicht im Weg zu stehen, also meinen eigenen Glauben an die Wirkmächtigkeit des Wortes Gottes in meiner »religiösen Rede« mit einzubringen. Mein Glaube daran kann diese »Wandlung« zwar nicht erzwingen, kann aber zumindest den Boden dafür bereiten und subjektive Hindernisse beiseiteräumen, dass Gott diese »Wandlung« vollziehen kann. Sicher – streng theologisch geurteilt – kann er natürlich diese »Wandlung« auch vollbringen, auch wenn ich ihm alle möglichen Hindernisse aufbaue. Gott kann auch gegen, also trotz meines Unglaubens und gegen meine Dummheit sein Wort ergreifen. Sicher. Aber ich muss ja nicht unbedingt all meine Kraft dazu benutzen, um Gott Hindernisse in den Weg zu legen. Und schließlich: Ich gehe bis zum Beweis des Gegenteils vertrauensvoll (naiv?) davon aus, dass jede/r PredigerIn nicht nur eine fein vorbereitete »religiöse Rede« halten will, wie er/sie es brav gelernt hat, sondern dass er/sie auch »das Wort Gottes verkündigen« will. Sonst würde sie/er ja gar nicht auf die Kanzel steigen. Oder?

Also, das Predigen in dem von mir genannten zweiten Sinn kann man nicht lernen. Man kann es bestenfalls im »trial and error« immer wieder neu üben, man kann sich selbst in seinem Glauben stärken. Und der eigene Glaube wächst das ganze Leben lang, je öfter man nicht »über«, sondern »aus« (zu diesem wesentlichen Unterschied sage ich in Teil II noch mehr, vgl. Nr. 31 f.) biblischen Texten heraus predigt.

Weil die Predigt am Ende immer zwei Autoren hat, deshalb kann man das Predigen

a. entschieden lernen (dazu dienen meine Ratschläge, die für den Autor eins bestimmt sind) und

b. entschieden nicht lernen. So ist das nun einmal. Ich kann es nicht ändern, sondern nur auf diese Doppelgesichtigkeit jeder Predigt hinweisen.

5. PREDIGEN heißt am Ende allein: ›Gott‹ die Ehre geben!

Vorab zum Verständnis dieses apodiktischen Satzes dieses: ›Gott‹ in Anführungszeichen? Ich habe natürlich nicht Gott selbst, sondern lediglich den menschlichen Begriff ›Gott‹ in Anführungszeichen gesetzt!

Sodann zur Sache:

Von Karl Barth gibt es den m. E. alles entscheidenden Drei-Satz (er wird noch mehrmals im Folgenden zitiert werden) für jede Predigt. »(1) Wir sollen als Theologen von Gott reden. (2) Wir sind aber [ergänze: nur] Menschen und können als solche nicht von Gott reden. (3) Wir sollen [ergänze:beides] wissen und darin Gott die Ehre geben.« Es geht hier um den dritten Satz (die beiden ersten werden an anderer Stelle ausgiebig erläutert).

Jede Predigt kann und darf nur Gott die Ehre geben (wollen). 1. Warum? 2. Wie geht das grundsätzlich? 3. Wie geht das ganz praktisch?

1. Warum?

Weil wir eben als Menschen qua unseres endlichen und fehlbaren (sündigen) Mensch-Seins per definitionem nicht vom unendlichen Gott reden können (vgl. dazu auch den zweiten Satz Barths). Wir versuchen es zwar immer wieder, wir scheitern aber notwendigerweise immer wieder daran.

Deshalb haben einsichtige nicht-theologische Geister wie Goethe und Ernst Barlach(sicher auch andere, doch die beiden stehen mir sehr nahe) dies gerade mit ihren dichterischen Worten eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht.

»Wie hältst du’s mit der Religion?«, fragt das Gretchen ihren Faust. Und der antwortet (nach Goethe) »Wer darf ihn nennen – und wer bekennen: ich glaub ihn. – – Wer empfinden, … zu sagen: ich glaub ihn nicht? …. …. Nenn es dann, wie du willst – nenn’s Herz! Glück! Liebe! Gott! – Ich hab keine Namen dafür! Gefühl ist alles! – Name ist Schall und Rauch.« Der wirklich große Wortkünstler Goethe kapituliert mit wunderschönen Worten: »Ich hab keine Namen dafür. Gefühl ist alles. Name ist Schall und Rauch.« Ja, so ist es am Ende. Kann man sein Nicht-Können, von Gott zu reden, schöner in schöne Worte fassen? Nein!

Und sein späterer Antipode, ErnstBarlach, der Bild- und Worthauer aus Güstrow/Mecklenburg hat vor fast 100 Jahren in seinem Offenbarungseid mehrmals zum Ausdruck gebracht, von Gott angemessen zu sprechen, in verzweifelt suchenden und quälenden Wortkaskaden, verholzt, verkrüppelt. ›Gott‹ und ›Mensch‹ sind für ihn (ich fasse verschiedene Versuche von ihm zusammen) miteinander verschlungen als »Bettler, Narr, Bastard, Luderchen, Gottluderchen, Findelkind, Kretin, heiliger Bettler – Gott, soweit er im Menschen hinter den Menschen brütet, steckt, wühlt, zwischen Ritzen lugt … als Schauloch« usw. Ach, all unsere Worte sind nur »elender Notbehelf … schäbiges Werkzeug, um hinkend und stolpernd von Gott zu reden, flüstern, schweigen … usw.« Überaus angestrengt-ungelenke und doch sehr treffsichere Versuche, das vom Menschen her Unaussprechliche in ansatzweise ansprechende Form zu bringen. Ansatzweise! Versuchsweise! Hilfsweise! Ganz fragmentarisch!

Jedes menschliche Reden von Gott muss a priori ein misslungener Versuch sein, von dem zu reden, von dem man zwar reden muss, doch von dem man doch nicht reden kann. Ist das die Tragik unseres Lebens? Man kann das so nennen, wenn man sich in Depressionen flüchtet; als Einsicht in die Notwendigkeit oder um mit Immanuel Kant zu sprechen: »Notwendige Bedingung der menschlichen Erscheinungswelt, wenn man vom ›Ding an sich‹ reden will«. Es geht vom Menschen aus einfach nicht, es geht einfach nicht.

Was ist die Konsequenz? Es dann ganz sein lassen? Lieber schweigen als Falsches reden? Einige kommen zu dieser Lösung (»Negative Theologie« ist als theologisches Schlagwort dafür von Mystikern erfunden worden). Dann kann und darf man aber auch nicht predigen, kann und darf man niemals von Gottreden!

Doch dagegen steht: