Redwall 4 - Brian Jacques - E-Book

Redwall 4 E-Book

Brian Jacques

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Beschreibung

Als der Rattenpirat Gabuhl der Wilde das Mäuseschiff angreift, mit dem Joseph, der Glockengießer, reist, plündert er in einem Anfall von Gier dessen geheimnisvolle Glocke und nimmt ihn gefangen. Josephs Tochter Mariel wirft er erbarmungslos in die tosende See. Nachdem sie es sicher in die Rotwall-Abtei geschafft hat, macht sich Mariel mit drei furchtlosen Moosblumen-Gefährten auf, um Gabuhl aufzuspüren und ihren Vater zu retten – und damit beginnt ein unvergesslicher Kampf!

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Seitenzahl: 511

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Erstes Buch

Das Mädchen aus dem Meer

Zweites Buch

Der seltsame Wald

Drittes Buch

Der Klang einer Glocke!

In den Geschichten der Wand’rer,

Und in der Barden Lieder,

Gepriesen wird der Rotwallsommer,

Und lang verwelkter Flieder.

Von den Legenden der Alten,

Erzählt im warmen Saal bei Nacht,

Während Schnee in Moosblume fällt,

Hört von Kämpfen, Reisen und Wacht.

Komm zu mir, kleiner Waldbewohner,

Leg dich hier nun nieder,

Mit meiner Sag’ aus alter Zeit,

Als rein das Herz der Krieger.

Trag sie in dir, werde weise,

Damit du sie kannst leiten,

Die Jungen, denen du wirst sagen:

»Ach ja, das war’n noch Zeiten.«

ERSTES BUCH

Das Mädchen aus dem Meer

1

Abt Bernard schob die Pfoten tief in die weiten Ärmel seiner Kutte.

Von seinem Aussichtspunkt auf der Westmauer der Rotwall-Abtei sah er zu, wie sich ein heißer Mittsommertag seinem ruhmreichen Ende zuneigte. Das Licht des späten Abends ließ die Mauern der roten Sandsteinabtei weicher und staubiger erscheinen. Am Horizont der Ebene zogen Wolkenbänke in violetten, rosenfarbenen, bernsteinfarbenen und kirschroten Schichten entlang.

Bernard wandte sich seinem Freund Simeon, dem blinden Kräuterkundler, zu. »Die Sonne versinkt wie die Spitze einer gezuckerten Pflaume in Honig. Ein perfekter Sommerabend, oder, Simeon?«

Die beiden Mäuse standen einen Moment lang schweigend da, dann richtete Simeon seinen leeren Blick auf den Abt. »Vater Abt, wie kann es sein, dass du so viel siehst, aber so wenig fühlst? Erkennst du nicht, dass es heute Nacht ein schweres Gewitter geben wird?«

Der Abt schüttelte ungläubig den Kopf, obwohl er wusste, dass Simeon sich nie irrte. »Ein Gewitter? Das kann nicht sein!«

Simeon wies Abt Bernard sanft zurecht. »Vielleicht hast du gerade andere Dinge im Kopf und spürst nicht, dass die kühlende Brise nachgelassen hat. Die Luft ist still und heiß, die Vögel haben ihren Abendgesang viel früher als sonst beendet, sogar die Grashüpfer und die Bienen geben keinen Laut mehr von sich. Lausch!«

Der Abt legte verblüfft den Kopf schief. »Ich höre nichts.«

Simeon schmunzelte. »Weil du den Klang der Stille hörst, Bernard. Eines habe ich in meinem Leben gelernt, nämlich stets auf die Geräusche im Moosblumenland zu achten. Jeder Laut bringt Informationen mit sich und auch jede Stille. Das wird ein gewaltiges Gewitter, wie wir es seit vielen Jahreszeiten nicht mehr erlebt haben.«

Der Abt nahm Simeon bei der Pfote und führte seinen blinden Begleiter die Mauerstufen hinunter und über den Rasen in Richtung des Hauptgebäudes der Abtei.

Simeon hielt die Nase in die Luft. »Mmh! Ich rieche heißen Apfelkuchen und Heidelbeer-Sahnepudding und frisches Gebäck aus dem Ofen, das man mit Zwetschgenmarmelade bestrichen hat. Beeilen wir uns. Wenn die Maulwürfe vor uns eintreffen, bekommen wir nichts mehr ab.«

Der Abt ging schneller. »Woher weißt du, dass die Maulwürfe kommen?«

»Bernard, Bernard, es tauchen jedes Mal, wenn Schwester Weisheit Heidelbeer-Sahnepudding serviert, Maulwürfe auf.«

»Du hast wieder recht, Simeon. Deine Beobachtungsgabe stellt meine in den Schatten. Ach, ich muss dem jungen Dandin noch sagen, dass er den Stammalarm schlagen soll. Zur Warnung, damit alle Tiere, die sich noch draußen aufhalten, wissen, dass sie reinkommen müssen.«

Simeon verzog das Gesicht. »Oh nein, müssen wir dieses Getöse wirklich wieder ertragen? Der junge Dandin schlägt mit den beiden Knüppeln einfach zu enthusiastisch auf den hohlen Holzklotz ein.«

Abt Bernard lächelte nachsichtig. »Ja, er gibt sich wirklich große Mühe. Trotzdem wünschte ich, jeder würde seine Pflichten so gewissenhaft erfüllen wie unser Dandin. Wenn die Rotwall-Abtei je eine Glocke bekommt, werde ich ihn als Glockenläuter vorschlagen.«

Die beiden Mäuse gingen zwischen den Blumenbeeten entlang, von denen der dunkelgrüne Rasen umgeben war. Ein unheilverkündendes Donnergrollen drang dumpf von Nordwesten heran.

Abt Bernard drehte sich im Türrahmen der Abtei um und versuchte, seinen Geruchssinn zu beschwören. »Mmh, Apfelwein, der eiskalt aus dem Fass geschöpft wurde. Richtig, Simeon?«

Der blinde Kräuterkundler zog die Nase kraus. »Falsch, das ist Birnenlikör.«

Der Abt von ganz Rotwall versuchte, nicht beeindruckt zu wirken. Simeon konnte seinen Gesichtsausdruck zwar nicht sehen, ihn aber vielleicht spüren.

Weit, weit hinter dem Horizont, tief im Nordwesten, jenseits der öligen blaugrünen Wellen, die weiße Gischt aufwarfen, weit hinter den Abgründen und Tiefen der aufgewühlten See, weit entfernt von der ruhigen, friedlichen Rotwall-Abtei, lebte Gabuhl der Wilde.

Pechschwarze und schiefergraue Wolken türmten sich am Himmel auf und schienen die aufgepeitschten Wellen zu berühren. Ein heißer Windstoß, der aus den Schmiedeöfen der Hölle hätte stammen können, blähte Gabuhls scharlachroten Umhang auf, als er auf den hohen Klippen seiner Insel stand und den Elementen trotzte. Donner krachte am Himmel, Blitze zuckten. Gabuhl hob das Schwert mit dem Juwelengriff und stieß es dem Gewitter entgegen, während er vor Begeisterung brüllte und lachte. Die tödliche gekrümmte Klinge mit ihrer scharfen Doppelschneide summte und sang im Wind.

Gabuhl der Wilde beherrschte die See, er war der Schreckensherrscher der Insel Terramort, der König der Seeratten, der Kriegsherr der Nagerpiraten, der größte aller Kapitäne. Kein Tier kämpfte härter als er. Als einfache Ruderratte hatte er angefangen, sich aber hochgekämpft, bis er der Grausamste, der Brutalste und der Skrupelloseste war. Auf den Meeren und Ozeanen hatte es noch nie einen Rätterich wie Gabuhl den Wilden gegeben. Von seinen Ohren hingen große Goldringe, seine Reißzähne (die er vor langer Zeit bei einem harten Kampf verloren hatte), waren durch spitze, vorstehende Goldzähne ersetzt worden. In jedem steckte ein grün funkelnder Smaragd. Unter seinen seltsam gelben, blutgesprenkelten Augen breitete sich ein riesiger dunkler und zotteliger Bart bis zu der breiten Brust aus. Er hatte rote und blaue Seidenbänder hineingewoben. Bei jeder seiner Bewegungen klimperten die Ohrringe, Armringe, Orden und Schnallen. Gold, Türkise, Silber, Elfenbein – Beute von weit entfernten Orten an den Rändern des großen Meeres. Merkwürdige Waffen mit glänzenden, verdrehten Klingen steckten in der purpurnen Schärpe, die er sich um die Hüften gebunden hatte. Es war gefährlich, ihm zu dienen, und ihm zu vertrauen war tödlich. Er lachte dem Sturm zufrieden ins düstere Gesicht, denn das Tier, das es gewagt hatte, sich ihm zu widersetzen, lag nun als Fischfutter am Meeresboden. Donner krachte über ihm, der Himmel öffnete sich und überflutete das Land mit klatschendem, peitschendem Regen. Blitze zuckten rund um die Klippe und rissen die barbarische Gestalt aus der Dunkelheit, als wollte der Himmel selbst sie herausfordern.

Der Kriegsherr der Meere warf seinen riesigen Kopf in den Nacken und brüllte dem Gewitter seinen Kampfschrei entgegen.

»Gaaaabuuuuhl!«

Die klägliche, winzige Gestalt eines Mausemädchens wurde in der östlichen Strömung des aufgewühlten, wogenden Meers hin und her geworfen wie ein Stück Rinde. Der kreischende Wind peitschte die Wellen auf, bis sie auf und ab wogten und von den weißen Hengsten aus Gischt und Schaum wie Streitwagen mitgerissen wurden.

Das halb benommene Mausemädchen wagte es nicht einmal, eine Pfote zu heben und sich von der Schlinge um ihren Hals zu befreien. Mit tauben Pfoten klammerte es sich an ein abgebrochenes Stück Treibholz, während es dem wütenden Meer hilflos ausgeliefert war. Einen Moment lang trug eine Welle es so weit hinauf wie der Turm einer Burg, nur um sie im nächsten durch blaugrüne Täler in einen Abgrund zu reißen, der sich wie das schwarze Maul eines Ungeheuers unter ihm öffnete. Es wurde zur Seite gerissen, dann noch höher und fiel noch tiefer.

Das Seil verfing sich am gesplitterten Rand des Bretts. Das kleine Mädchen versuchte, den Hanf durchzubeißen, obwohl das schmerzte. Meereswasser floss ihm in den Mund und es würgte, als es zu ertrinken drohte. Ein Ende des Seils klatschte ihm schwer in die Augen. Ohne nachzudenken, ließ es das Holz los. Es wurde sofort von ihm weggerissen. Es zog schwach mit beiden Pfoten an dem Seil, das um seinen Hals geschlungen worden war, während es wie ein kleiner Fisch an der Angel hin und her geworfen wurde.

Es verlor das letzte bisschen Bewusstsein, als das Brett es am Kopf traf. Hilflos trieb es im aufgewühlten, wogenden Meer davon. Die sich auftürmenden Wolken über dem Malstrom verdeckten den Himmel, sodass nicht einmal die Sterne und der Mond bezeugen konnten, welches Schicksal dem kleinen Mausemädchen, dem Opfer von Gabuhls grausamen Launen, zugedacht war.

2

An der Nordseite des Abteigebäudes wurde etwas Neues gebaut.

Auf dem Holzgerüst des halb fertiggestellten Glockenturms schlug der junge Dandin pflichtbewusst auf den hohlen Buchenholzstamm ein.

Tonktonktonktonk!

Er war zwar ein kräftiger kleiner Mäuserich, doch der heulende Wind drückte auch ihn nach hinten. Er schüttelte sich Regenwasser aus den Augen, zog den Kopf ein, um den Elementen weniger ausgesetzt zu sein, und schlug stur weiter mit seinen beiden Eibenholzknüppeln auf den Stamm ein. Wann immer Dandin den Blick auch nur ein wenig hob, sah er den hin und her wogenden, rauschenden und seufzenden Moosblumenwald. Er sah aus wie ein ruheloser Ozean.

»Dandin, komm da runter. Du holst dir noch den Tod!«

Der junge Mäuserich schützte die Augen mit einer Pfote vor dem heftigen Regen und sah über das Gerüst hinweg nach unten.

Mutter Mellus, die in einen sauberen, alten Mehlsack gehüllte Dächsin von Rotwall, stampfte mit ihrer Tatze im nassen Rasen auf. »Hörst du mich, junger Mäuserich? Komm sofort da runter!«

Dandin blies die Regentropfen von seinen Schnurrhaaren und grinste verwegen, als er rief: »Sofort, Gnädigste, wie du wünschst.«

Ohne einen Blick zurück stürzte sich Dandin vom Turm und fiel begleitet von den verblüfften Knurrlauten der Dächsin dem Erdboden entgegen. Unmittelbar vor dem drohenden Aufschlag endete sein Sturz mit einem Ruck und er schwang an einer dicken Weinrebe, die er sich um die Hüften gebunden hatte, hin und her. Dandin berührte seine Nase mit einer nassen Pfote.

»Bin so schnell gekommen, wie es ging, Gnädigste …«

Eine große Tatze versetzte ihm einen deftigen Schlag hinter die Ohren, dann befreite Mutter Mellus ihn von der Weinrebe. Sie legte ihn wie einen Säugling in ihre Armbeuge und suchte Schutz vor dem Regen, während Dandin laut und unablässig nörgelte.

»Lass mich runter. Ich bin kein Kleinkind. Ich kann allein gehen …«

»Nein, du bist kein Kleinkind, du bist ein frecher, junger Kerl und du solltest es besser wissen. Stürzt dich einfach so von einem hohen Turm! Bei den Ohren des Otters, ich bin um zehn Jahreszeiten gealtert!«

»Ich weiß, was ich tue. Das war kein bisschen gefährlich. Würdest du mich jetzt bitte runterlassen? Ich kann auf meinen eigenen Pfoten stehen …«

»Ich lasse dich runter, kleiner Bengel. Nächstes Mal werde ich dir den Hintern so sehr versohlen, dass du dich erst beim Beerenpflücken wieder hinsetzen kannst. Wehe, du springst noch einmal von einer so hohen Stelle! Was hättest du gemacht, wenn die Rebe gerissen wäre? Wir hätten dann nicht einmal ein Grab für dich ausheben müssen, so tief hättest du in der Erde gesteckt. Du hättest den Pfahlwurzeln einer Eiche die Pfote schütteln können. Sei still, du kleiner Taugenichts, sonst bekommst du meine Tatze zu spüren. Die Abteijugend von heute … Was soll man da noch sagen?«

Nörgelnd und schimpfend betraten der junge Mäuserich und die alte Dächsin die Abtei. Mutter Mellus schloss die riesige Tür mit einem Tritt und sperrte damit das Tosen des Gewitters aus.

Hinter dem Großen Saal saß im gemütlichen Höhlenloch Abt Bernard am Kopfende eines Tisches, mit Bruder Simeon an seiner linken und dem Steigerwurf, dem Anführer der Maulwürfe, an seiner rechten Seite. Laternen erhellten die schlichte Festtafel, Maulwürfe saßen Schulter an Schulter mit Mäusen, Igel neben Ottern und Eichhörnchen. Die Kleinen der Abtei durften mit den Älteren am Tisch sitzen. Es handelte sich bei ihnen größtenteils um Waisen, die Mutter Mellus im Wald gefunden hatte: Mausekinder, kleine Igel, ein junges Eichhörnchen und Otterzwillinge, die von ihren Eltern hergebracht worden waren. Diese Kleinen nannte man Mickris. Sie saßen an den Seiten des Tisches, gegenüber den Brüdern und Schwestern von Rotwall, den guten Mäusen, die sich um sie kümmerten.

In ganz Moosblume war Rotwall für sein Essen berühmt. Alle Zutaten wurden in der Abtei angebaut und die Köche von Rotwall waren Spezialisten.

Der Steigerwurf hatte seine Nase tief in einem Himbeer-Sahnepudding vergraben. Während er auf seiner Lieblingsnachspeise kaute, sagte er in der rustikalen Sprache der Maulwürfe: »Hohurr, gibt nix Bess’res wie ’n Himbeerpudd’n, nee, nee. Ich könnt den bis zum nächste Maulwurftach esse un hätt imma noch net genuch.«

Gabriel Stachel, Igel und Kellerwächter, hielt ein kleines Glas Birnenlikör an die Laterne und ließ die bernsteinfarbene Flüssigkeit kreisen, während er sie kritisch betrachtete. »Hm, der hat sich im Keller doch ganz gut gemacht, oder?«

Ein großer Otter namens Flagg nahm Gabriel das Glas ab und trank es mit einem Schluck aus. »Sogar sehr gut. Viel zu schade für einen Keller.«

Gabriel sah ihn empört an. »Also wirklich, du gemeiner Otter!«

Madde, ein Maulwurfkind, sah bei dem Gelächter auf, wischte sich Zwetschgenmarmelade vom Kinn und wedelte mit seiner Grabklaue vor Gabriel Stachels Gesicht herum. »Nee, de Eul’ sin gemeen, de Otta sin schlimm, jawoll.«

Schwester Serena, eine rundliche Maus und Leiterin der Infirmerie, wischte Madde Marmelade von den Schnurrhaaren und stellte ihm eine Schale mit Milch und Honig hin, während sie ihn zurechtwies. »Sei still, Madde. Man widerspricht den Ältesten nicht.«

Madde schlürfte lautstark seine Milch. Als er den Kopf hob, war sein Kinn weiß. »Burr, Ält’ste. Dannin sacht, dass ich ’n komische kleene Kerl bin, dasse mich auch mal zum Ält’ste mache wer’n. Ich wett, dann binch älta als die und bestimmt auch weisa.«

Der Abt, der sich gerade heißes Gebäck in den Mund schieben wollte, hielt inne. »Der Stammalarm wird nicht mehr geschlagen. Wo ist Dandin?«

Simeon nippte an seinem schäumenden Oktoberbierkrug. »In der Küche. Hörst du ihn nicht? Er wird abgetrocknet, bekommt frische Kleidung und eine Strafpredigt von Mellus.«

»Halt still, deine Ohren sind durchnässt!«

»Au, au! Wenn du so weitermachst, hab ich gleich keine Ohren mehr! Und die riesengroße Kutte zieh ich nicht an. Die gehört dem fetten Bruder John.«

»Oh, du undankbarer kleiner Bengel! Was fällt dir ein, Bruder John fett zu nennen? Er war schließlich so nett, dir seine Ersatzkutte zu leihen! Komm zurück, sage ich …«

Das Klatschen nasser Pfoten auf dem Gangboden verriet, dass der Übeltäter auf der Flucht war. Dandin stürmte ins Höhlenloch. Er setzte sich zwischen den Steigerwurf und ein Eichhörnchen namens Rufus Bürste, nahm sich eine Nusskäseecke und schob sie zwischen zwei Fladenbrotscheiben. Während er kaute, schüttete er sich einen Krug kalten Erdbeersaft ein. Der große Otter Flagg zwinkerte Dandin zu und reichte ihm eine Schale mit Heißwurzelsoße, damit er das Fladenbrot hineintunken konnte. »Aye aye, Matrose, haben wir wieder Ärger mit Mama Mellus? Runter mit dir – da hinten kommt sie.«

Dandin verschwand gerade noch rechtzeitig unter dem Tisch. Mutter Mellus kam eilig herein. Sie hatte sich ein sauberes Leinenhäubchen um den großen gestreiften Kopf gebunden. Sie nickte dem Abt zu und setzte sich in einen großen Sessel am Ende des Tisches. Zwei junge Mäuse auf ihrem Schoß und ein Maulwurfkind auf der Armlehne sorgten dafür, dass sie Dandin schnell vergaß. Sie war zu beschäftigt damit, die Mickris zu füttern, ihnen das Kinn abzuwischen und generell das Kommando zu übernehmen.

»Komm, mein Kleiner, iss deinen Waldsalat. Pudding gibt es danach.«

»Nein, ich will keinen Salat, will Pudding.«

»Erst Salat, dann Pudding. Du willst doch so groß und stark wie ich werden, oder?«

»Ich bleib lieber klein, wenn ich dann immer Pudding essen kann!«

Abt Bernard streckte die Pfote unter den Tisch und stupste Dandin an. »Du kannst rauskommen, junger Mäuserich. Mutter Mellus hat mit den Mickris alle Pfoten voll zu tun. Du hast dich als Alarmschläger gut bewährt, Dandin, aber du hättest bei dem Gewitter nicht so lange draußen bleiben müssen.«

Dandin setzte sich stolz auf und griff nach einem Heidelbeer-Sahnepudding. »Danke, Vater Abt. Ich bin so lange geblieben, weil ich sicherstellen wollte, dass alle Abteitiere sicher im Trockenen sind. Das ist doch meine Aufgabe.«

Der blinde Simeon lächelte. »Gut gemacht, junger Dandin. Mäuse wie dich können wir in der Rotwall-Abtei gebrauchen. Eines Tages, wenn die Abtei fertig gebaut ist, könntest du sogar unser nächster Abt werden.«

Dandin zog die Nase kraus, um zu zeigen, dass ihm diese Idee nicht behagte.

Abt Bernard lachte herzlich. »Also möchtest du kein Abt werden, kleiner Schlawiner? Man erkennt, dass du von Gonff, dem Mausedieb, abstammst. Ich wünschte, Martin der Krieger hätte Nachfahren hinterlassen.«

Simeon hob die Pfote. »Das hat er vielleicht, mein Freund … keine direkten, aber spirituelle. Martin war ein Krieger und der Gründer von Rotwall. Man spürt seine Präsenz in den Steinen der Abtei. Mich hat Martins Geist nie besucht, aber wir haben bisher auch in friedlichen Zeiten gelebt. Doch ich spüre, dass ich noch vor meiner letzten Jahreszeit einem Tier begegnen werde, das vom Schatten unseres Kriegers berührt worden ist.«

Rufus Bürste sah von seinem Teller mit Haselnusssahne und Apfelkuchen auf. »Aber nicht an so einem Abend, Simeon. Hör dir mal das Gewitter an. Wer bei so einem Wetter draußen ist, wird garantiert ertrinken.«

Simeon wollte ihm antworten, wandte aber plötzlich den Kopf ab und presste sich eine Serviette auf die Nase. »Baaaah! Irgendein Tier isst wilden Knoblauch!«

Ein dicker Maulwurf namens Burgo, der ein Stück entfernt saß und seine Nase mit einer Wäscheklammer zugeklemmt hatte, schöpfte emsig mit dem Löffel Suppe aus einer Schüssel. Er winkte Simeon zu. »Burr, ich kann de Geruch von Knobblauch net ertragge. Abbe der schmeckt so gud. Deshalb kneef ich mir de Nas zu! Knobblauchsupp is so lecka.«

Alle lachten. Dandin wandte sich an Rufus Bürste: »Beim Fell, Rufus, bei dem heftigen Regen bekommt man ja fast Angst um die Abtei. Du hast recht: Jedes Tier, das keinen Schutz gesucht hat, ist längst ertrunken!«

3

Die Festung Klingengurt stand am Rand der hohen Felswände, die oberhalb der Bucht von Terramort emporragten. Durch das große Fenster des Bankettsaals konnte man das Meer sehen. Es gab einen Innenhof und eine hohe Mauer, die dort, wo das Gelände offen war, die Festung umschloss. Ein Teil von ihr verschmolz jedoch mit der Außenmauer, dort, wo sie die Bucht überragte. Der gesamte Komplex bestand aus dickem Stein. In die Festung und den Innenhof gelangte man durch schwere Holztüren. An drei Seiten war der Komplex von Hügeln umgeben. Gabuhl der Wilde hatte ihn zu seinem Besitz erklärt. Es war tatsächlich so, dass das Tier, das Klingengurt besaß, der unbestrittene König der Seeratten war, solange es die Festung halten konnte. In der Festung waren Chaos und Missherrschaft an der Tagesordnung. Seeräuberratten verließen nach den langen Plünderzügen ihr Schiff, sobald es in der Bucht anlegte. Sie machten sich in Klingengurt breit, grölten, kämpften, spielten und tranken. Die Seeratten genossen den Landgang nach dem harten Leben auf See.

Im höher gelegenen Bankettsaal räkelte sich Gabuhl auf einem gemeißelten Steinthron, den er mit der Haut seiner besiegten Feinde gepolstert hatte, damit er weniger unbequem war. Liebevoll und fasziniert betrachtete er die große Glocke, die die Mitte des Saals ausfüllte. Sie war gewaltig und das polierte Kupfer, Silber, Messing und Gold, das beim Guss verwendet worden war, spiegelte das Fackellicht wider. Gabuhl stemmte sich hoch und ging mit dem Schwert in der einen und einem Weinkelch in der anderen Klaue um seine wertvollste Beute herum. Er grinste wie ein Kind, das ein neues Spielzeug bekommen hatte, als er mit der Schwertklinge auf die wunderbare Glocke klopfte. Ein melodischer Klang vibrierte sanft im Raum, wie eine riesige Harfe, die vom Wind gezupft wurde. Während Gabuhl um die Glocke herumging, glitten seine ruhelosen Blicke über die seltsamen Figuren, die an ihrer Spitze eingraviert worden waren, bis hinunter zu den geschwungenen Worten am breiteren unteren Ende der großen Glocke.

Gabuhl wusste nicht, was sie bedeuteten, aber sie sahen hübsch aus, was sein Auge umso mehr erfreute.

»Blut und Donner, Käpt’n. Schlag mal richtig drauf, damit wir ihren Klang hören können!« Ein kräftiger betrunkener Seerätterich namens Halbnase zog einen Holzknüppel aus dem Gürtel und warf ihn Gabuhl zu. Der Kriegsherr packte den Knüppel blitzartig und ließ ihn auf Halbnases Schädel krachen, während er dem Betrunkenen gleichzeitig einen Tritt in den Bauch verpasste. Halbnase wurde in ein offenes Weinfass geschleudert und blieb mit untergetauchtem Kopf reglos darin hängen.

Gabuhl brüllte vor Lachen. »Trink oder ertrink, Meeresabschaum. Kein Tier darf sich Gabuhls Glocke nähern!«

Die Seeratten schwangen ihre Kelche und quittierten den Witz mit brüllendem Gelächter. Gabuhl zeigte mit seinem Schwert auf Halbnase. »Wenn er jemals da rauskommt, gebt ihm einen Krug Wein, damit seine Lebensgeister geweckt werden.«

Das sorgte für weiteres Gelächter, nur nicht an dem Tisch, an dem Bluttuss, Kapitän der Grünfang, mit seinen Freunden saß. Gabuhl lachte zwar ebenso laut wie die anderen, doch Bluttuss entging trotzdem nicht seiner Aufmerksamkeit. Alle lachten, nur nicht Bluttuss – Bluttuss der Mürrische, Bluttuss der Streitsüchtige, Bluttuss der Unruhestifter, der Schiffsanwalt. Gabuhl ließ ihn nicht aus den Augen. Er wusste, dass Bluttuss die verschlagenen Gedanken hinter der falschen, fröhlichen Fassade spüren konnte.

Der Konflikt zwischen dem König der Seeratten und seinem Kapitän verschärfte sich schon seit Langem. Gabuhl beschloss, ihn nun ein für alle Mal zu beenden. Er trank Wein aus seinem Kelch und ließ ihn in seinen Bart laufen. Dann tat er so, als würde er betrunken herumtaumeln. Er zwinkerte freundlich und stieß seine Schwertspitze in eine Truhe voller Beute. Dann beugte er sich schwerfällig über den Tisch und knallte den halb leeren Kelch vor dem Kapitän der Grünfang auf die Holzplatte. »Bluttuss, mein alter Kumpel, trink mit mir!«

Bluttuss stieß den Kelch mürrisch zur Seite. »Ich will keinen Wein. Ich kann auf meinem Schiff so viel trinken, wie ich will.«

Die Ratten im ganzen Saal hörten auf zu trinken, zu singen und zu spielen. Gespannte Stille legte sich über den Raum.

Gabuhl blinzelte, als würde er gegen die Wirkung des Weins ankämpfen, und schwankte leicht. »Dann was zu essen. Mein Kapitän darf ja nicht verhungern. Fleisch, Obst, Fisch, gezuckerte Konserven? Verpflegt meinen Freund Bluttuss.«

Bluttuss tastete mit seiner Schwertklaue nach dem Griff seines in der Scheide steckenden Krummsäbels. »Lass das Essen stehen, Gabuhl. Ich bekomme genug.«

Gabuhl seufzte, schüttelte den Kopf und gab sich verwirrt. Er setzte sich neben Bluttuss und legte ihm kameradschaftlich die Klaue um die Schultern. »Hm, kein Wein, kein Essen, kein Lächeln auf dem Gesicht meines alten Schiffskameraden. Was kann ich dir sonst noch anbieten, Kumpel?«

Bluttuss schüttelte Gabuhls Klaue ab. Er stand auf. »Ich will meinen Anteil an der Beute. Von den letzten drei Fahrten hab ich nichts bekommen. Hör gut zu, Gabuhl. Ich will meinen Anteil – und zwar noch heute, komme, was wolle!«

Zustimmendes Murmeln hallte durch den vollen Saal. Gabuhl breitete die Arme aus und lächelte. »Beim Klabautertier! Ist das alles? Warum hast du das nicht früher gesagt?«

Bluttuss war sprachlos, die erwartete Konfrontation war ausgeblieben. Nun kam er sich vor seiner Mannschaft ein wenig albern vor. Er zuckte mit den Schultern, murmelte halbherzig vor sich hin und versuchte, so zu tun, als hätte er sich im Namen seiner Seeratten beschwert. »Also, ich meinte nicht … Meine Mannschaft hat sich beschwert. Sie dachten, du hättest uns vergessen …«

Gabuhl wirkte verletzt. Er ging zu der Truhe mit der Beute, in der sein Schwert senkrecht zwischen all dem Tand, den Pfotenreifen, Kelchen und funkelnden Edelsteinen steckte. Er zog das Schwert heraus und wühlte damit in der Truhe herum, bis er den gesuchten Gegenstand fand. Gabuhl hob sein Schwert, sodass das prachtvolle, mit Juwelen besetzte Diadem an der Klinge herunterrutschte.

»Aharr, mein Freund Bluttuss, nur das Beste ist gut genug für dich. Eine Krone, die auch einem König stehen würde!«

Bluttuss’ Zuversicht stieg sprunghaft an. Er hatte es tatsächlich geschafft! Gabuhl war berüchtigt für seinen Geiz, wenn es ums Verteilen der Beute ging, aber Bluttuss, Kapitän der Grünfang, hatte sich gegen ihn durchgesetzt. Der König der Seeratten hatte sich geschlagen gegeben. Bluttuss warf sich in die Brust, als er das wunderschöne Diadem von Gabuhls Schwertklinge zog und sich auf den Kopf setzte. Die Gäste jubelten und Gabuhl breitete die Arme aus. Dabei entfernte sich die Klinge von Bluttuss.

»Seht her, ihr Skorbutratten«, sagte er an die Seeratten gewandt. »Passt auf, ihr Treibgut der Meere. Ich bin Gabuhl der Wilde. So bezahle ich meine Freunde …« Gabuhl holte unvermittelt zu einem brutalen Schwertstreich aus. »Und so belohne ich meine Feinde!«

Sogar die hartgesottenen Seeratten stöhnten vor Entsetzen, als Bluttuss’ Kopf auf dem Boden aufschlug. Das Diadem rollte Gabuhl vor die Füße. Er hob es mit der bluttriefenden Schwertklinge auf und hielt es vor den versammelten Ratten hoch. »Möchte noch jemand die Krone aufsetzen?«

Angekündigt vom Ruf der Seevögel, brannten Sonnenstrahlen im Osten warm und golden von einem blauen Himmel herab, der sich in der ruhigen See spiegelte. Der wütende Sturm war weitergezogen und ließ sommerliche Gelassenheit zurück. Die Sonne wärmte das nasse Bündel am von Treibgut übersäten Strand, bis es sich regte. Meerwasser und Galle flossen dem Mausemädchen aus dem Mund, als es leise hustete. Mit einer feuchten Pfote, die Fliegen aufschreckte, griff es nach seinem Hals und versuchte mühsam, den Knoten der Schlinge zu lösen. Das Brett lag auf seinem Rücken. Ein Seevogel landete darauf. Das zusätzliche Gewicht sorgte dafür, dass das Mausemädchen würgend und gurgelnd noch mehr Salzwasser erbrach. Der überraschte Vogel stieg lautstark flatternd in die Luft empor, enttäuscht, dass sich der Kadaver als lebendig erwiesen hatte. Andere Seevögel kreisten am Himmel. Ein kleiner Krebs versuchte, an dem groben, nassen Jutekleid des Mädchens zu knabbern, gab jedoch auf und krabbelte davon.

Endlich konnte es den Knoten lösen, sodass die Schlinge von seinem zerschrammten Hals rutschte. Es schob das Brett weg und drehte sich schmerzerfüllt auf den Rücken. So blieb das Mausemädchen eine Weile liegen, was die Mutigeren unter den Seevögeln dazu brachte, ihre Kreise tiefer zu ziehen. Es rieb sich mit dem Pfotenrücken Sand und Dreck aus dem Gesicht, öffnete die Augen und schloss sie direkt wieder, weil ihm das Sonnenlicht zu hell war. Kleine Rinnsale flossen vom Strand ins Meer zurück. Es war Ebbe. Das Mausemädchen betastete die Wunde, die das Brett an ihrem Kopf verursacht hatte. Es stöhnte und fasste sie nicht mehr an. Stattdessen drehte es sich erneut um, bedeckte die Augen mit den Pfoten und ruhte sich auf dem festen, feuchten Sand aus. Dabei genoss es die lebensspendenden Strahlen der Sonne. Eine große, gefleckte Möwe landete dicht neben ihm. Ihr gefährlicher Schnabel war bereit zum Angriff, als sie langsam auf das Mausemädchen zustakste, das sie durch die Lücken zwischen seinen Pfoten beobachtete. Als die Möwe noch eine Halslänge von dem reglosen Körper entfernt war, stellte sie sich auf einen breiten Fuß und streckte probeweise den Schnabel aus.

Fapp!

Das Mausemädchen schwang das von nassem Sand beschwerte Ende des Seils. Es war verknotet und das Mädchen zielte gut. Das Ende des Seils traf den Vogel genau ins rechte Auge. Mit einem gequälten und entsetzten Krächzen stolperte die Möwe los, stieg auf und verschwand mit ihren alarmierten Kameraden.

Das kleine Mausemädchen kroch mühsam den Strand hinauf. Seine Kehle war ausgedörrt, sein Mund trocken, sein Kopf schmerzte und seine Glieder hatten in den Fluten so gelitten, dass sie fast taub waren. Es erreichte ein Büschel Schilfgras im trockenen Sand oberhalb der Wasserlinie. Es zog das Gras schützend um sich herum zusammen und legte sich hin. Als sein erschöpfter Körper vom Schlaf übermannt wurde, schossen ihm seltsame Gedanken durch den Kopf. Es wusste nicht mehr, wer es war, konnte sich an keinen Namen erinnern. Abgesehen von der stürmischen See, die es an diesem Strand angespült hatte, herrschte in seinem Kopf eine neblige, graue Leere. Wo kam sie her? Wo war sie nun? Was tat sie hier? Wo sollte sie hingehen? Bevor der Schlaf ihren Verstand ganz einhüllte, dachte sie nur noch daran, dass sie eine Kämpferin war. Sie hatte eine große Möwe mit einem Seilende vertrieben, obwohl sie halb tot und erschöpft im Sand gelegen hatte, und sie hatte das Meer überstanden.

Sie lebte!

4

Der Tag nach der vom Sturm zerrissenen Nacht kündigte sich mit sanften Rosatönen am Himmel an. Abt Bernard war nicht ins Bett gegangen, sondern die ganze Zeit herumgelaufen. Die Sorge um sein geliebtes Rotwall ließ ihn keinen Schlaf finden. Die Schäden, die der schwere Sturm und der peitschende Regen hinterlassen hatten, mussten repariert werden. Er machte eine kurze Inspektionsrunde, die auf den Zinnen der Ostmauer endete. Bernard lehnte sich an den bearbeiteten Stein und atmete erleichtert auf. Das Wetter konnte der Abtei nur wenig anhaben, egal wie extrem es wurde. Allerdings hingen abgerissene Äste und zersplitterte Baumstämme über die Zinnen im Osten und Norden und an einigen Stellen waren junge Bäume und hohle Stämme gegen die Mauern gefallen. Das Innere der Abtei war dank der Mauern kaum betroffen: Ein paar Getreideähren waren abgeknickt, Obststräucher waren zerzaust worden und ein lockerer Fensterladen am Torhaus hing schief. Der Abt stieg die Mauertreppe dankbar hinab und machte sich auf die Suche nach dem Steigerwurf, der die Reparaturmannschaft beaufsichtigen würde. Sie würde sich nach dem Frühstück um die Schäden kümmern.

Die Ruhe nach dem Sturm wirkte sich auch auf die Bewohner der Rotwall-Abtei aus. Junge Tiere purzelten aus dem Abteigebäude in den sonnendurchfluteten Morgen. Jubelnd und brüllend rannten sie zum Obstgarten, um die Früchte aufzusammeln, die von den Windböen ins Gras geschleudert worden waren. Die Otterzwillinge Sagg und Rann liefen und sprangen an den Apfel- und Birnbäumen vorbei zum Erdbeerfeld. Dort legten sie sich auf den Rücken und quietschten vor Lachen, während sie die saftigen Beeren aßen und Gründe erfanden, weshalb sie dort lagen.

»Hehe, die muss der Wind letzte Nacht wohl vom Erdbeerbaum geweht haben. Hehehe!«

Dorri Stachel, Gabriel Stachels kleiner Neffe, gesellte sich zu ihnen. Er setzte sich ins Beet, machte sich auf die Suche nach der größten Beere und aß alle, die infrage kamen, während er den Ottern zuhörte. Dorri war sich nicht sicher, ob die Früchte wirklich vom Erdbeerbaum geweht worden waren. »Erdbeerbaum? Ich seh keinen Erdbeerbaum. Wo sind ’n die?«

Sagg hustete laut, um sein Kichern zu übertönen. Er setzte ein ernstes Gesicht auf und erklärte dem verwirrten, kleinen Dorri, wie die erfundenen Erdbeerbäume aussahen. »Hihi, äh, ähem! Was? Du hast noch nie ’nen Erdbeerbaum gesehen? Meine Güte. Das sind doch diese riesigen, großen Dinger mit den blau gefleckten Blättern. Und sie sind sehr leicht. Sie wiegen kaum mehr als zwei Gänsefedern. Deshalb hat der Wind sie alle weggeweht. Wusch! Über die Mauerzinnen der Abtei!«

Der leichtgläubige Dorri sah beide an. Sie hatten ihn fast überzeugt.

Rann nickte ernst und setzte die Geschichte fort. »Richtig, hab ich selbst vom Fenster im Schlafsaal gesehen. Wurden einfach so weggeweht, die armen, großen Erbeerbäume. Der Wind hat sie bis zum Gongelbuh-Gebirge geweht, wo die Grummelpoddis leben.«

Die halb gegessene Erdbeere fiel Dorri aus dem offenen Mund. »Das Gongelbuh-Gebirge, wo die Grummelpoddis leben? Wo is ’n das?«

Dandin stand mit in die Hüften gestemmten Pfoten zusammen mit seinem Freund, Saxtus, dem jungen Erntemäuserich, unter einem nahe gelegenen Birnbaum. Beide lächelten, während sie den Ottern bei ihren Lügenmärchen zuhörten. Saxtus biss in eine Fallobstbirne und verzog das Gesicht. »Wieso sind wir überhaupt zum Obstessen hier rausgekommen? Das meiste, was vom Wind abgerissen wurde, ist nicht mal reif. Probier mal die Birne hier. Die ist steinhart.«

Dandin setzte sich zu Dorri und den Ottern. »Nein, danke. Ich versuche mein Glück lieber mit den Beeren, die vom Erdbeerbaum gefallen sind.« Über den Rand einer großen Erdbeere hinweg sah er Sagg und Rann an. »Erdbeerbäume, also echt! Ihr beide solltet euch schämen, dass ihr einem armen kleinen Igel solche Flausen in den Kopf setzt.«

Saxtus kam zu ihnen und behielt sein auch sonst ernstes Gesicht bei. »Dandin hat recht. Otter, die zu viele Lügen erzählen, werden vom großen rosa Wasserbogel davongetragen.«

Sagg warf eine Erdbeere in die Luft. Sie verfehlte seinen Mund und prallte von seiner Nase ab, als er fröhlich antwortete: »Ach, der rosa Wasserbogel. Der hat uns diesen Sommer schon zweimal davongetragen. Richtig, Rann?«

Rann kicherte. »Hihihihi. Genau so ist es. Wir haben ihm so viele Flausen in den Kopf gesetzt, dass er uns jetzt in Ruhe lässt.«

Simeons Stimme erklang zwischen den Zwetschgen- und Pflaumenbäumen und unterbrach ihre Unterhaltung. »Saxtus! Dandin! Bruder Hubert bittet euch, zum Rotwall-Geschichts- und Chronikunterricht zu kommen. Er wird nicht jünger und eines Tages werden wir einen neuen Chronisten brauchen. Traditionen sollten aufrechterhalten werden. Kommt, ihr jungen Schlawiner. Ich weiß, dass ihr da seid!«

Die beiden jungen Mäuseriche legten sich im Erdbeerfeld flach auf den Bauch. Dandin hielt sich die Pfote vor die Lippen. »Pst! Das ist Simeon. Bleibt liegen. Dann geht er vielleicht wieder.«

Mit gemessenen Schritten kam der blinde Kräuterkundler näher und rief: »Kommt raus, ihr beiden. Ich weiß, dass ihr euch im Erdbeerfeld versteckt.«

Saxtus zupfte an Saggs Schwanz und zwinkerte dem jungen Otter zu. Sagg zwinkerte zurück und rief: »Hier sind Sagg und Rann, Simeon, sonst niemand.«

Simeon blieb schmunzelnd vor ihnen stehen. »Ich werde bis drei zählen und wenn ihr beiden Otter und Stachels Neffe euch dann nicht auf den Weg zur Abteiküche macht, um bei der Arbeit zu helfen, werde ich Mutter Mellus bitten, euch mit einem Haselnusszweig Pfoten zu machen. Was Saxtus und Dandin angeht: Kommt raus, wenn ihr nicht wollt, dass ich euch einen Vortrag über den Nutzen von Nachtschatten und Feuernelke als Kräuter halte. Und ihr müsst auch nicht versuchen, leise zu atmen. Ich kann vielleicht nicht sehen, aber meine Ohren und meine Nase haben mich noch nie getäuscht.«

Saxtus und Dandin standen reumütig auf und wischten sich den Tau von ihren Novizenkutten. Wortlos folgten sie Simeon zum Torhaus an den Außenmauern.

Simeon schritt entschlossen voran. Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel. »Hm, schade, dass die Erdbeerbäume vom Sturm davongeweht wurden. Ihr hättet auf einen klettern und euch zwischen den Ästen verstecken können.«

Bruder Hubert saß an seinem Pult im Torhaus. Die Rotwall-Abtei war zwar noch recht jung, trotzdem war er von alten Büchern, Pergamenten und Schriftrollen umgeben. Überall lag Staub. Er bildete Schichten auf dem Mobiliar und den Regalen, hüllte die Schriftstücke und Folianten ein, die kreuz und quer herumlagen, bedeckte die vergilbten Pergamente und Schreibmaterialien und trieb träge durch die Sonnenstrahlen, die an diesem Morgen ins Zimmer fielen. Hubert senkte den Kopf, während er das Alltagsleben in der Abtei dokumentierte. Der lange Federkiel glitt vor und zurück, als er die Seite mit Worten füllte. Saxtus und Dandin standen vor ihm, lauschten dem Kratzen des Federkiels und schwiegen respektvoll, bis Bruder Hubert sie ansprach. Er musterte sie streng und blinzelnd über den Rand seiner Brillengläser hinweg. »Was ist Pünktlichkeit?«

»Der Respekt, den wir anderen Tieren erweisen, wenn wir zur verabredeten Zeit eintreffen«, antwortete Saxtus.

»Hm, also habt ihr beiden Novizen mehr Respekt vor den Erdbeeren als vor mir. Das stimmt doch, oder?«

Saxtus und Dandin standen schweigend da. Bruder Hubert legte seine Feder zur Seite. »Zitiert unsere Abteisatzung. Dandin, du darfst anfangen.«

Dandin schluckte laut, sah zur Decke, um sich inspirieren zu lassen, trat von einer Pfote auf die andere und sagte zögernd: »Ähm, wir sind Brüder und Schwestern des Friedens und des Wohlwollens. Wir, äh, leben harmonisch zusammen im Schutz der Rotwall-Abtei und, ähm, äh, sagen uns von allen unnötigen Formen der Gewalt los, nicht nur gegenüber Moosblume, seinen Bäumen, Wiesen, Blumen und Insekten, sondern gegenüber allen Lebewesen …«

Bruder Hubert nickte Saxtus auffordernd zu. Der Mäuserich fuhr deutlich selbstbewusster und flüssiger als Dandin fort: »Wir helfen und trösten die Armen, nehmen Waisen und Heimatlose auf, gewähren allen Tieren Zuflucht, spenden jedem Tier und jedem Wesen, das in Not geraten ist, Kleidung, Wärme und Nahrung. Wir lehren und lernen, vor allem die Heilkunst, um die Kranken zu trösten, die Verletzten zu pflegen und den Leidenden zu helfen …«

Bruder Huberts Nicken forderte Dandin auf, weiterzusprechen. »Äh, äh, den Leidenden zu helfen … Also, mal sehen, äh … Ach ja! Wir erhalten unsere Nahrung von der Erde und danken ihr, indem wir das Land pflegen, äh, das wir abernten und stets harmonisch mit den, äh, Jahreszeiten leben. Wir ehren und beschützen unsere Freunde und Brüder und ballen die Pfoten nur zum Kampf, wenn unser Leben in Rotwall durch Verrat und den Schatten des Krieges gefährdet ist. In solchen Zeiten schuldet jedes Tier in Rotwall dem Abt Tapferkeit und Gehorsam. Einem anderen das Leben zu nehmen muss jedoch stets gerechtfertigt sein und darf nicht mutwillig erfolgen.«

Bruder Hubert ging um sein Pult herum. »Sehr gut und klar aufgesagt, Saxtus. Was dich angeht, junger Dandin: Du stammelst und zögerst und scheinst Dinge leicht zu vergessen – abgesehen von dem Teil, der sich mit Verrat, Krieg und Kampf befasst.«

Dandin sah zu Boden und nagte am Fell seiner Pfote.

Bruder Hubert lehnte sich an sein Pult, nahm einen Krug mit Fruchtsaft, blies etwas Staub vom Rand und nahm einen Schluck, bevor er fortfuhr: »Also gut, Saxtus. Sag mir, was seit drei Jahreszeiten im Großen Saal passiert.«

Saxtus strich sich nachdenklich übers Kinn. »Was passiert … im Großen Saal …? Äh, äh. Ach ja, geht es um dieses Stoffbild? Meint Ihr das, Bruder Hubert?«

Bruder Hubert putzte seine Brille mit dem Ärmel seiner Kutte. »Ich weiß nicht. Fragst du mich das oder sagst du es mir? Meine Güte, was für Puddingköpfe ihr beide seid. Kannst du es ihm erklären, Dandin?«

Dandins Miene hellte sich auf. »Die Brüder und Schwestern sowie viele Waldbewohner sind seit drei Jahreszeiten, dreieinhalb, um genau zu sein, damit beschäftigt, einen wundervollen Wandteppich anzufertigen. Darauf wird unser Gründer, Martin der Krieger, zu sehen sein. Man wird sehen, wie er gegen bösen Abschaum kämpft, gegen Füchse, Ratten, Hermeline, Frettchen und Wiesel, sogar gegen eine riesige Wildkatze wie diese schreckliche Zarmina. Martin der Krieger ließ sich von diesen bösen Viechern aber nicht einschüchtern, nein, nein! Er holte sein berühmtes Schwert, legte seine glänzende Rüstung an, nahm seinen Schild und jagte sie aus dem Moosblumenland. Pamm! Watsch! Er schwang seine tödliche Klinge, die Ratten schrien und die Füchse versteckten sich. Wusch! Hau! Martin war direkt hinter ihnen und schlug mit seinem Schwert nach …«

»Das reicht, du blutdürstiger kleiner Schlingel. Woher weißt du das alles?«

Dandin lächelte. Seine Augen funkelten draufgängerisch. »Der Vater meines Vaters war Gonff, der Prinz der Mausediebe, der berühmte Gefährte von Martin dem Krieger. Er konnte einem die Nase stehlen, ohne dass man es merkte, und dachte sich tolle Balladen aus.«

Bruder Hubert nickte weise. »Ja, das stimmt. Er war wohl ein ungewöhnlicher Kerl … ein Dieb, ein Schurke, ein Krieger und ein Abenteurer, aber er tat das alles, um anderen Tieren zu helfen. Er heiratete die schöne Akelei, wenn ich mich recht entsinne, deshalb kann er kein schlechter Kerl gewesen sein. Lass mich dich aber bloß nicht beim Stehlen erwischen, Dandin. Moment, ich wollte dir noch etwas sagen. Ach ja, es liegt hier irgendwo.«

Er wühlte in den Stapeln alter Aufzeichnungen herum, bis er auf einen kleinen Gegenstand stieß. Zu diesem Zeitpunkt husteten und niesten alle, weil er so viel Staub aufgewirbelt hatte. Hubert brachte die Mäuse nach draußen, in den kühlen Schatten der Mauern. Dann gab er Dandin den Gegenstand. Es war eine wunderschöne kleine Flöte, die aus einem Stück geradem Apfelholz herausgeschnitzt worden war. Der geschwungene Buchstabe »G« war über dem Mundstück zu sehen.

»Ich habe einige alte Aufzeichnungen durchsucht«, erklärte Bruder Hubert. »Darin stand, dass Gonffs Familie sechs Generationen lang in der alten Sankt-Ninian-Kirche lebte. Bevor Gonff die Rotwall-Abtei verließ, schenkte ihm Äbtissin Germana, unsere erste Abteimutter, eine Flöte. Doch Gonff entschied offenbar, dass sie viel zu fein und schön für ihn war – er zog eine Schilfflöte vor –, deshalb ließ er sie zurück. Ich glaube, dass dies die Flöte ist. Sie sieht sehr alt aus und ist mit seinem Initial versehen. Ich denke, dass sie in deinen Besitz übergehen sollte, Dandin. Glaubst du, dass du sie spielen kannst?«

Dandin betrachtete die Flöte mit leuchtenden Augen. »Ich werde es jedenfalls versuchen, Bruder.«

Hubert klopfte den Staub aus seiner Kutte, bevor er ins Torhaus zurückkehrte. »Gut, vielleicht werden wir dich ja beim Mitsommerjubiläumsfest des Abts spielen hören.«

Saxtus warf einen Blick zur Sonne hinauf. »Wann ist das, Bruder?«

»In drei Tagen, aber einige der älteren Brüder und Schwestern bereiten es schon seit einiger Zeit vor. Unser Abt ist sehr bescheiden und will keine große Feier, deshalb halten wir sie geheim. Außerdem wollen wir nicht, dass ihr Jungen euch zu sehr darauf freut. Aber irgendwann müsst ihr ja davon erfahren …«

Die beiden jungen Mäuseriche sprangen voller Vorfreude auf dieses wichtige Ereignis in die Luft und umarmten sich lachend.

»Hurra! Abt Bernards Jubiläumsfest. Rotwaaaallll!«

Ein breites Grinsen trat auf Bruder Huberts altes, staubiges Gesicht. »Geht jetzt, lauft los, ihr zwei. Ihr werdet bestimmt bei den Vorbereitungen gebraucht.«

Schwester Weisheit überließ das Servieren des Frühstücks an diesem Morgen anderen. Sie ging zu den Mauerzinnen hinauf, um frische Luft zu schnappen und die sanfte Brise zu genießen, die aus dem Moosblumenwald herüberwehte.

Als sie von ihrem Morgenspaziergang zurückkehrte, gesellte sie sich zu Bruder Hubert. Gemeinsam sahen sie zu, wie die beiden jungen Mäuseriche wie Grashüpfer über den sonnendurchfluteten Rasen und die Blumenbeete in Richtung Küche sprangen.

Schwester Weisheit schmunzelte kopfschüttelnd. »Beim Blütenstaub! Sieh dir mal diese Jungen an. Da freut man sich, dass man in der Sommerzeit am Leben ist.«

Mit diesen Worten sprang sie herumtollend los, und das trotz ihrer vielen Jahreszeiten. Bruder Hubert versuchte, ebenfalls ein wenig herumzutollen, doch da stieg Staub aus seiner Kutte auf und seine Brille fiel herunter. Er vergewisserte sich rasch, dass niemand ihn beobachtet hatte, dann eilte er zurück ins Torhaus.

5

Die Mittagssonne glitzerte auf den Wellen des weit entfernten Nordwestmeers, als die Feiernden vom Vorabend mit dröhnendem Schädel die Anker einholten. Eine weitere Plünderfahrt stand an. Sie würden das Meer und die Küsten wie immer nach Beute, Schätzen, Sklaven und Schmuck absuchen. Gabuhl der Wilde beobachtete sie vom Fenster seines Bankettsaals: die Wellenklinge, die Schwarzsegel, die Rottenruder und die Grünfang, vier gute Schiffe, deren Mannschaften das Strandgut und den Bodensatz der Meere darstellten. Jeder Einzelne war ein Mörder.

Gabuhl hatte Garrschwanz zum Kapitän der Grünfang ernannt. Garrschwanz war ein aufstrebendes Mitglied der Seerattenbruderschaft, aber auch dumm und seinem Herrn Gabuhl, dem Herrn des Wassers, treu ergeben. Doch trotz seiner Dummheit würde Garrschwanz bestimmt bei der erstbesten Gelegenheit Saltar alles erzählen, dem Kapitän der Dunkelkönigin und Bluttuss’ Bruder. Garrschwanz wusste, dass die Dunkelkönigin normalerweise im Süden unterwegs war. Er würde dafür sorgen, dass sich sein Pfad mit Saltars kreuzte. Gabuhl zweifelte nicht daran, dass der Seeräuber und Herr über die Dunkelkönigin jedes Detail über den Tod seines Bruders erfahren würde.

Er biss in einen gebratenen Möwenschenkel und kaute nachdenklich darauf herum. Saltar hatte den Ruf eines Seerätterichs, dem man besser nicht krumm kam. Sie hatten zwar noch nie die Klingen gekreuzt, aber Gabuhl wusste, dass Saltar seine Gegner am liebsten mit einem brutalen Metallhaken aufspießte und sie dann mit seinem Krummschwert tötete. Gabuhl spuckte das Fleisch aus und warf den Möwenschenkel aus dem Fenster. Er prallte einige Male an den Vorsprüngen der Felswand ab, bevor er ins Meer klatschte.

Gabuhl lachte hinterhältig. Zu diesem Spiel gehörten immer zwei!

Er zog einen langen Dolch aus seiner Hüftschärpe und ging zur Rückseite des Saals. Dort hing ein bunter Stoffbehang von einer hölzernen Vorhangstange knapp unter der Decke bis zum Boden. Gabuhl schob ihn zur Seite und tastete nach dem Riss in der Mauer dahinter. Er stieß den langen Dolch mit dem Griff zuerst in den Riss, bis er sich verkeilte und die Klinge nach vorn zeigte. Dann ließ Gabuhl den Wandbehang wieder zufallen. Er war zwar ein berühmter und furchtloser Kämpfer, aber er ging kein Risiko an, vor allem nicht nach dem Zwischenfall mit dem Mausemädchen. Gabuhl trat zurück und betrachtete seine Falle. Gut, der Wandbehang sah so aus wie alle anderen im Saal, völlig harmlos.

Sein rastloser Blick fiel nun auf die große Glocke. Fasziniert ging er um sie herum. Bestimmt war er der erste Seerattenkönig, der eine solch prachtvolle Beute ergattert hatte. Gabuhl tippte die Glocke mit seinen langen, gekrümmten Krallen an und ließ sie erklingen, indem er mit seinen Ringen und Pfotenreifen auf die Messingoberfläche klopfte. Die harmonischen Töne, die herauskamen, begeisterten ihn – all das Klingeln, Summen und Vibrieren. Er zog die Lefzen zurück. Dann beugte er sich vor und nagte leicht daran, sodass das Echo der Glocke in seinen Goldzähnen widerhallte. Gabuhl streichelte die kühle, gebogene Oberfläche, während er ihr sanfte Worte zuflüsterte. »Sprich mit mir, Schönheit, wir müssen uns gut kennenlernen. Ich bin Gabuhl der Wilde, dein Besitzer, aber du musst mich nicht fürchten. Deine Stimme wird eines Tages meine Flotte zusammenrufen, deine Klänge werden meine Feinde in Angst und Schrecken versetzen. Du wirst Gabuhls Stimme sein, wenn ich dich an der Spitze meiner Festung anbringe und deine Zunge schwingen lasse. Dann, ja, dann wird dein Klang über die Wellen hallen, sodass der ganze Ozean weiß, dass Gabuhl der König ist.«

Ein plötzlicher Impuls überkam Gabuhl und er stürmte los. Er schlug die Tür hinter sich zu, nahm auf der nach unten führenden Treppe je drei Stufen auf einmal und drang immer weiter in die Tiefen seiner Festung vor. Zwei Wachen standen vor dem Eingang zum Zellentrakt. Gabuhl vertrieb sie mit einem Knurren. »Geht mir aus den Augen und lasst mich allein!«

Als die Wachen flohen, ging Gabuhl zu einer Zelle, die eher an einen Käfig erinnerte. Er lehnte sich an die Gitterstäbe und grinste die jämmerliche Gestalt an, die dort eingeschlossen war. »So, Glockengießer, wirst du jetzt für mich arbeiten?«

Joseph, der Glockengießer, war mit einer Kette um seine Hüften an die Wand gekettet. Von außen eindringendes Meerwasser schwappte über den Boden der unterirdischen Zelle. Joseph war einst ein kräftiger, gut genährter Mäuserich gewesen, aber nun waren seine Wangen eingefallen und dunkle Ringe lagen unter seinen Augen. Hunger und Misshandlungen hatten schwere Spuren hinterlassen, doch als der Glockengießer den Kopf hob, loderte in Josephs Augen gnadenloser Hass auf seinen Peiniger. »Ich würde mich eher von den Fischen fressen lassen, als dir zu dienen, Ratte.«

Gabuhl fuhr fort, als hätte er den Gefangenen nicht gehört: »Du kannst es schaffen, Joseph. Das weiß ich. Ein Glockenturm, der so stabil ist, dass er die große Glocke trägt. Der an der Spitze meiner Festung steht, damit die ganze Welt die Glocke hören kann.«

Joseph beugte sich in dem beengten Raum so weit vor, wie es seine Kette zuließ. Unterdrückte Wut ließ seine Stimme zittern. »Niemals. Ich werde mir an deinen irren Ideen und boshaften Plänen nicht die Pfoten schmutzig machen. Diese Glocke wurde für den Dachs angefertigt, den Herrn des Salamandastron, den Feind des Meeresabschaums. Sie wird niemals für dich erklingen!«

Gabuhl zog sein Schwert und schlug damit auf die Gitterstäbe. »Beim Schlund der Hölle! Mir ist völlig egal, für wen sie gegossen wurde, du Narr! Diese Glocke gehört jetzt mir und ich kann damit machen, was ich will. Ihre Stimme wird für mich erklingen, nur für mich. Gabuhl, Kriegsherr der Wellen, hat gesprochen.«

Joseph sackte zusammen und schüttelte verzweifelt den Kopf. »Du bist verrückt, völlig wahnsinnig und böse. Töte mich, mach mit mir, was du willst. Mich interessiert das nicht mehr.«

Gabuhl steckte sein Schwert ein. Er trat dicht an die Gitterstäbe heran und flüsterte: »Was ist mit deiner Tochter?«

Das Gesicht des Glockengießers verriet seine quälenden Gedanken. »Bitte nicht! Du würdest ihr doch nichts antun, oder? Sie ist so jung und, und … Lass meine Tochter in Ruhe!«

Gabuhl bedauerte mittlerweile zutiefst, dass er die Tochter des Glockengießers ertränkt hatte. Aber so lange der alte Narr sie für lebendig hielt, konnte er sich den einen oder anderen Spaß mit ihm erlauben. Gabuhl beschloss, mit seinem Opfer zu spielen. »Wenn du meinen Glockenturm baust, werd ich dir erlauben, sie wiederzusehen. Aber erst, wenn die Arbeit vollendet ist.«

Joseph zog an seiner Kette. Er biss sich auf die Lippen, bis sie bluteten. Die Entscheidung, die er fällen musste, zerriss ihm das Herz. »Gabuhl, hör genau zu. Ich würde für dich keine zwei Steine aufeinandersetzen. Warum nicht? Weil das für unzählige rechtschaffene Tiere Tod, Folter und Sklaverei bedeuten würde. Verstehst du das nicht, Ratte? Mein Gewissen lässt das nicht zu, nicht nach dem, was die Seeratten dem Kapitän und der Mannschaft unseres Schiffs angetan haben. Ich weiß, dass ich deshalb meine Kleine vielleicht nie wiedersehen werde. Das bricht mir das Herz, aber ich muss zum Wohle aller handeln.«

Gabuhl nahm all seine Gerissenheit zusammen. Seine schwarze Seele stachelte ihn zu einer Boshaftigkeit an, die im Widerspruch zu dem Lächeln auf seinem Gesicht stand. Er breitete die Klauen aus. »Haharr, du bist sehr stur, Joseph, aber ich weiß, dass du ein guter Kerl bist. Manchmal wünschte ich mir, ich wär nicht böse geboren worden, sondern anständig wie du. Dann muss ich mir wohl etwas anderes überlegen. Hör her, Glockengießer, ich bin mir sicher, dass du deine Tochter gern wiedersehen würdest, richtig?«

Tränen der Dankbarkeit stiegen dem ahnungslosen Gefangenen in die Augen. »Sie bedeutet mir mehr als alles andere auf der Welt. Bitte lass mich sie sehen!«

Gabuhl nahm die Schlüssel von einem Wandhaken. »Bei den Toren der Hölle! Ich werd auf meine alten Tage doch noch weich. Komm mit.«

Sie standen im Bankettsaal, der Barbar und der Glockengießer. Joseph zog seine Ketten hinter sich her und sah sich um. »Wo ist sie?«

Gabuhl berührte die große Glocke mit seinem Schwert. »Nicht so schnell, Schiffskamerad. Wenn du mir schon keinen Glockenturm bauen willst, dann verrat mir wenigstens, was die kleinen Bilder und die merkwürdigen Worte oben und unten an meiner Glocke bedeuten.«

Joseph schlurfte nervös um die Glocke herum. Seine Gedanken kreisten um seine Tochter, als er zögernd den Reim am Fuß der Glocke vorlas.

»Ich erklinge zur Vermählung,

wenn beide Herzen bereit,

Ich zähle die Stunden,

bei Tag und zur nächtlichen Zeit.

Ich wecke die Rechtschaff’nen an jedem Morgen,

Oder warne sie, wenn nahen neue Sorgen.

Für die ganze Familie erklingt mein Lied,

Wenn naht der trau’ge Abschied.

Ich kann aus vielerlei Gründen erklingen,

Jahrein, jahraus hört ihr mein Singen.

Mein Klingen und Läuten verleiht euch Macht,

Doch vor den Bösen, die mich missbrauchen,

seid auf der Wacht.«

Gabuhl starrte Joseph an. »Schwachsinn! Das lass ich irgendwann abfeilen. Was ist mit den kleinen Zeichnungen und Bildern ganz oben. Was bedeuten die, Glockengießer?«

Joseph breitete die gefesselten Pfoten aus. »Das weiß nur der Herr des Salamandastron. Er gab mir ein Pergament, auf dem das alles eingezeichnet war. Wer weiß, was den großen Dachsherrschern der Feuerberge durch den Kopf geht. Sie folgen ihrer Bestimmung. Ich habe dir alles gesagt, was ich weiß. Kann ich jetzt meine Tochter sehen?«

Gabuhl führte ihn zum offenen Fenster. »Natürlich, mein Freund. Ich weiß nicht genau, wo sie liegt, aber ich kann dich in die richtige Richtung führen …«

Für Gabuhl war es keine große Anstrengung, sondern nur ein kurzer, schneller Stoß.

Das Mausemädchen warf einen langen Schatten, als es am späten Nachmittag allein am verlassenen Strand entlangging. Hunger, Durst und die Angriffe unzähliger Mücken und Bremsen hatten es geschwächt und gezwungen, sein Versteck zu verlassen. Das verknotete Seil hatte es sich über die Schulter gehängt. Die lange Linie aus Pfotenspuren im Sand hinter ihm verdeutlichte die Trostlosigkeit des Meeres, des Sands und des Himmels. Nur räuberische Seevögel schienen hier zu leben. Es hatte versucht, an etwas jungem, angespültem Seetang zu nagen, aber der extrem salzige Geschmack in seinem trockenen und geschwollenen Mund hatte es dazu gebracht, ihn wieder auszuspucken. Es schwankte leicht, als es die Augen mit der Pfote vor dem gleißenden Sonnenlicht abschirmte und sich umsah. Es gab nirgendwo Süßwasser. Es wandte sich dem Landesinneren zu und ging müde durch die ausgedehnte Dünenlandschaft in Richtung Süden.

Eine seltsame Hartnäckigkeit trieb das Mausemädchen an, obwohl es immer wieder im heißen, tiefen Sand der Dünen hinfiel. Wenn es dann nach unten rutschte, richtete es sich auf, wischte sich Sandkörner aus den Augen und kletterte erneut nach oben. An der Spitze einer besonders schwierigen Düne stieß es auf das erste Lebewesen, das kein Seevogel war. Es handelte sich um eine kleine Echse, die mit halb geschlossenen Augen die Hitze genoss. Das Reptil kroch seitlich weg und musterte es misstrauisch. Das Mädchen versuchte einige Male, etwas zu sagen, brachte aber nur ein Krächzen heraus. Der Kopf des Reptils wackelte hin und her, als es das Kind mürrisch anfuhr: »Du nich Frosch biss. Du mach Froschlaude. Wass willss du?«

Dem Mausemädchen gelang es, ein Wort hervorzustoßen. »Wasser.«

Die kleine Echse hob und senkte den Kopf. Ihre Kehle pulsierte. »Wasse weid weg. Du nich Echse, du bald stirbss, nich kommss zu Drinkwasse, weil zu weid. Bald ssie dich ess’n.«

Der Blick des Mädchens folgte dem nach oben gerichteten Kopf der Echse. Über ihm kreisten schon die Möwen. Die Sammler des Strands spürten, wenn ein Lebewesen schwächer und hilfloser wurde. Es packte das verknotete Seil und schwang es, während es mit heiserer Stimme zum Himmel hinaufrief: »Ich bin noch nicht am Ende. Ihr werdet schon sehen!«

Als es nach unten sah, war die Echse verschwunden. Ohne einen Blick zurückzuwerfen, stieg es halb stolpernd, halb fallend auf der anderen Seite der Düne nach unten. Vor ihm lag eine sandige, von Gestrüpp und hartem Gras bedeckte Ebene. Das kleine Mausemädchen ruhte sich eine Weile im angenehmen Schatten aus. Als es sich zurücklehnte, versank seine Pfote im Sand. Auf einmal setzte es sich mit einem Ruck auf. Der Sand war unter der Oberfläche fest und feucht. Da es sich an der dem Meer abgewandten Seite der Düne befand, wagte es, auf das zu hoffen, was kostbarer als alles andere war: Wasser!

Das Mädchen grub mit allen vier Pfoten, obwohl ihm schwindelig war und seine Kraft rasch nachließ. Schon bald wurde es mit dem Anblick von dunklerem, nasserem Sand belohnt. Seine Pfoten erzeugten ein schabendes Geräusch, als es den Sand aus dem flachen Loch warf. Verzweifelt grub es sich immer tiefer, bis es schließlich mit einer nassen Pfote belohnt wurde. Es setzte sich auf und lutschte daran, während die Feuchtigkeit durch den Boden in das Loch sickerte und eine kleine Schlammpfütze bildete. Das kleine Mausemädchen legte sich auf den Bauch, schob den Kopf in das Loch und trank gierig, ohne den knirschenden Sand und den Dreck zu beachten. Lebensspendendes Wasser floss durch seine Kehle. Energie durchströmte es. Es gurgelte vor Freude, als es den Kopf hob – und starrte einem Tölpel, der sich angeschlichen hatte, ins kalte Raubvogelauge.

Wutsch! Fump!

Blitzschnell schlug es dem Vogel den Seilknoten ins Gesicht. Er stolperte und fiel hin, als seine dünnen Beine unter ihm nachgaben. Das Mausemädchen trat vor und schwang seine Waffe. Kampfeswille loderte in seinen Augen, als es den Vogel laut und wütend herausforderte. »Komm her! Was willst du, mich oder das Wasser? Komm her. Ich stelle mich dir, du großes Federbett!«

Der schwere Knoten traf den Tölpel noch dreimal, bevor es ihm gelang, sich mit einem verblüfften Krächzen in die Luft zu erheben. Das kleine Mausemädchen spürte, wie das Blut durch seine Adern schoss. Es riss eine Pflanze aus und schüttelte sie mit erhobener Pfote. »Das gilt für euch alle. Der Nächste, der sich mir nähert, stirbt. Habt ihr das verstanden?«

Es brüllte einen leeren Abendhimmel an. Die Vögel begaben sich auf die Suche nach einer weniger wehrhaften Beute. Als das Mädchen die Pflanze betrachtete, die es aus dem Boden gerissen hatte, bemerkte es, dass daran eine dicke, weiße Knolle hing. Ohne zu zögern, biss es hinein. Die Knolle schmeckte gut, ein bisschen wie eine rohe Steckrübe.

Der Abend wurde zur Nacht. Das Mädchen saß am Fuß der Düne und tupfte ihre Kopfwunde mit dem nassen Saum seines Jutekleids ab, den es zuvor in seinem neuen Brunnen eingeweicht hatte. Während das Mädchen mit einer Pfote die Schnittwunde behandelte und mit der anderen die Knolle aß, redete es mit sich selbst. Es genoss den Klang seiner Stimme.

»Kein Name, keine Erinnerung, keine Ahnung, wo ich bin. Ha! Ich glaube, ich werde mich Sturm nennen, denn der Sturm hat mich hierhergebracht. Ja, Sturm. Das gefällt mir …«

Sie hielt das Seil hoch und drehte es. »Und du bist mein treuer Möwenknüppel. So, jetzt haben wir beide einen schönen neuen Namen. Das ist gut … Ich habe dich, den Schatten meines Sandhügels, Wasser und Nahrung.«

Sturm legte sich in den Sand. Die warme Sommernacht hüllte sie ein. »Ich wünschte nur, ich wüsste, wer ich wirklich bin …« Inmitten des Gestrüpps und der Trostlosigkeit klang ihre Stimme dünn und einsam.

Ein blassgelber Mond lugte über die Dünen und betrachtete das kleine Mausemädchen, das am Fuß der Düne schlief, das verknotete Seil fest in der Pfote. Es sah aus wie ein Junges, das mit seinem Lieblingsspielzeug eingeschlafen war.

6

In der berühmten Küche der Rotwall-Abtei ging es in dieser Nacht hektisch zu. Bruder Erler, der schlanke, schlaksige Mäuserich, der alles überwachte, überschüttete einen riesigen Haselnuss-Streuselkuchen, den er gerade aus dem Ofen geholt hatte, mit Wildpflaumensaft. Er pustete auf seine verbrannte Pfote und beschwerte sich lautstark. »Nicht genug Zeit. Das hat man mir gegeben, nicht genug Zeit. Halten die mich für einen Zauberer? Nur noch drei Tage, dann soll das komplette Festmahl für das Mitsommerjubiläumsfest des Abts fertig sein. Beerentorten, Sahnepuddings, zwölf verschiedene Brotsorten, Käse und Salate, und natürlich auch noch ein Überraschungskuchen …«

Die Otterzwillinge Sagg und Rann folgten Erler pfotenwedelnd und ahmten grinsend alles nach, was er sagte.

»Brote, Käse und Salate, und natürlich auch noch ein Überraschungskuchen … Autsch!«

Bruder Erler hatte sich rasch umgedreht und ihnen einen Holzlöffel zwischen die Ohren gehauen. »Ich habe euch doch gesagt, dass ihr den Überraschungskuchen nicht erwähnen dürft. Ab jetzt, ihr zwei. Helft Dandin und Saxtus.«

Dandin und Saxtus lernten gerade die Kunst der Sommercremepuddingherstellung von einem kleinen Eichhörnchenmädchen namens Baumrose, achteten dabei aber mehr auf die hübsche Köchin als auf das Rezept.

»Für die Herstellung eines Sommercremepuddings benötigt man eine große Tonschüssel. Reicht mir die bitte mal.«

Dandin und Saxtus kämpften miteinander, weil keiner dem anderen die Schüssel überlassen wollte.

Baumrose nahm sie ihnen ruhig aus den Pfoten und lächelte entwaffnend. »Ihr großen Dummköpfe zerbrecht sie noch, wenn ihr miteinander kämpft. Passt jetzt auf. Zuerst streicht ihr den Boden dick mit Johannisbeermarmelade ein. Dann breitet ihr den süßen Kastanienteig ganz dünn darüber aus, und zwar so … Sagg! Rann! Hört auf, die Brombeeren zu essen – die brauche ich für den Pudding!«

Die beiden Quälgeister sprangen mit vom Brombeersaft lila verschmiertem Mund davon. Sie erwischten eine junge Rötelmaus namens Petunie und küssten sie auf die Wange, bis sie von lila Otterlippenabdrücken übersät war. Petunies Mutter schlug mit einem nassen Geschirrtuch nach ihnen. Dandin und Saxtus brüllten vor Lachen, aber Baumrose spitzte nur leicht die Lippen und tadelte: »Diese beiden Grobiane sind nicht lustig. Achtet jetzt auf mich, sonst lernt ihr das nie. Der süße Kastanienteig muss die Johannisbeermarmelade an den Seiten der Schüssel gut umschließen, bevor ihr ihn mit einer dicken Schicht gelber Primelcreme bestreicht. Nun nehmen wir die Brombeeren und legen sie in die Creme. Drückt sie ganz leicht hinein, damit sie stecken bleiben. Nein, ihr ungeschickten Kerle, doch nicht so. Ihr zerquetscht die Beeren. Wischt euch die Pfoten ab und seht mir zu.«

Errötend wischten sich Dandin und Saxtus die Pfoten ab, während das Eichhörnchenmädchen effizient ihre Arbeit übernahm.

»Jetzt werde ich diese dicken Mandelwaffeln mit einer leichten Honigcreme bestreichen, so … Seht ihr, wie sie an den Brombeeren kleben bleiben, wenn ich sie als die nächste Schicht verwende? Das ist alles. Jetzt muss ich nur noch das Apfelmus in die Mitte schütten, bis die Schüssel voll ist. Dann wird der ganze Pudding mit in Honig getauchtem Haselnussgebäck verziert, damit er eine schöne, glänzende Kruste bekommt. Öffnet bitte mal die untere Ofentür für mich.«

»Autsch! Au! Argh! Aua!«

»Ihr großen, albernen Mäuse! Warum schützt ihr eure Pfoten denn nicht mit Topflappen? Aus dem Weg! Ich mache das selbst. Ihr beide seid so nützlich wie Maulwürfe auf einem Baum.«

Dandin und Saxtus lutschten an ihren verbrannten Pfoten und sahen mit vor Scham geröteten Wangen zu, wie die perfekte und effiziente Baumrose den Ofen öffnete, den Pudding hineinschob und den Ofen rasch wieder schloss.

Mutter Mellus trat neben sie und glättete die Ränder eines Erdbeerkuchens. »Hallo, Baumrose. Wie machen sich denn deine Musterschüler?«

»Sie sind so ungeschickt wie Enten auf einem zugefrorenen Teich, Mutter Mellus.« Baumrose drehte sich um und stolzierte davon.

Die Dächsin kraulte den beiden niedergeschlagenen Mäuserichen die Ohren. »Schon gut. Wisst ihr, was? Besorgt mir etwas Apfelwein von Gabriel Stachel, damit ich meine Rosskastanien darin backen kann. Ihr dürft auch probieren.«

Die beiden liefen fröhlich zum Weinkeller. Mellus schmunzelte, während sie sich eine Tatzevoll Salat mit Äpfeln, Käse und Nüssen nahm, den Schwester Weisheit gerade zubereitete.

»Dandin und Saxtus tun mir leid. Die junge Baumrose verdreht wirklich jedem Novizen den Kopf, bis er nicht mehr weiß, wo oben und unten ist.«