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Redwall schlummert in der Sommersonne, ohne zu ahnen, dass die Bergfestung Salamandastron von der Wiesel-Armee von Ferahgo dem Assassinen belagert wird. Und ohne zu ahnen, dass eine Gefahr auf die Abtei zurollt: das tödliche Dryditch-Fieber …
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Seitenzahl: 520
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Erstes Buch
Sucher und Ausreißer
Zweites Buch
Krieger und Ungeheuer
Drittes Buch
Schicksale und Heimkehrer
Der Haselmäuserich war ein fröhlicher, pummeliger alter Kerl, der ein rostfarbenes Wams trug und den weißen Bart sorgsam gestutzt und gezwirbelt hatte. Ein kleiner Maulwurf, der wegen des Frühlingsanfangs nicht schlafen konnte, saß im Obstgarten auf einem moosbedeckten Buchenast neben ihm. Sie teilten sich ein sehr zeitiges Frühstück, das aus frisch gebackenen, warmen Haferkeksen und Reinetten vom letzten Herbst bestand. Die Morgendämmerung streckte ihre rosa Pfoten zur Erde aus und versprach, den langen Winter, den die Rotwall-Abtei hatte erdulden müssen, durch sonnige Frühlingstage wiedergutzumachen. Am windstillen Himmel hingen weiche weiße Wolken, deren Unterseite golden schimmerte. Tautropfen glitzerten auf dem frischen grünen Gras, erblühende Narzissen und Schneeglöckchen warteten auf den Anfang des sonnig warmen Tages.
Der Haselmäuserich nickte weise. »Ich werde bald einen Namenstag für diese schöne Jahreszeit bestimmen. Ja, sehr bald schon.«
Der kleine Maulwurf kaute langsam auf seinem Haferkeks und zog die schwarze Knopfnase kraus, als er zu dem älteren Tier aufsah. »Ihr habt gesacht, dasser mir ’ne Geschicht verzähle würd.«
Der Haselmäuserich polierte einen Apfel an seinem Wams. »Gefallen dir meine Geschichten, Burrem?«
Der kleine Kerl lächelte. »Burr ja, die gefalle mer sehr!«
Sein Freund suchte sich einen bequemen Platz im Gras und lehnte sich mit dem Rücken an einen Stamm. »Dann werde ich dir eine erzählen, die schön lang ist. Wahrscheinlich werden wir zum Mittagessen und zum Tee eine Pause machen müssen, vielleicht sogar zum Abendessen. Also fangen wir besser gleich an. Es war einmal …«
Kälter als der Winterwind, der durch den Südwestwald heulte.
Kälter als der Schnee, der Bäume, Felsen und Erde unter seiner lautlosen Decke begrub.
Kälter als das Eis, das auf dem Wasser lag und in langen Zapfen von Ästen und Sträuchern hing.
Kälter als all das war das Lächeln von Ferago dem Meuchelmörder. Ferago war noch jung, aber mit den Jahreszeiten würde seine Boshaftigkeit und Niedertracht weiter zunehmen, bis jedes Tier den Namen des blauäugigen Wiesels fürchten würde.
Seine Bande durchsuchte den zerstörten Dachsbau und klaubte knurrend Winternahrung und die wenigen Habseligkeiten zusammen, die zwischen den Trümmern lagen. Ferago lächelte skrupellos, als er über die Leiche des erschlagenen Dachses Erdhund und seiner Frau Erdläuferin stieg, den beiden letzten tapferen Tieren, die sich ihm in den Weg gestellt hatten. Tarnung und Täuschung, das waren die Methoden des Meuchelmörders und seine Bande von Halsabschneidern unterstützte ihn dabei. Er hatte den Dachsen vorgegaukelt, dass er über Frieden verhandeln wolle. Diese Narren!
Das Hermelin Migru zog einen Haufen getrocknetes Moos zur Seite. »Chef, sieh mal!«
Zwei Dachskinder lagen aneinandergekauert dort. Zitternd und winselnd hoben sie den Kopf und bettelten um Muttermilch, indem sie die Lippen spitzten.
Migru lachte. »Der eine sieht wie sein Vater aus, Chef, aber der andre is weiß. Ich dachte, alle Dachse hätten Streifen.«
Ferago kitzelte ihre Nasen mit seiner Messerspitze. »Das sind beides Männchen. Der eine ist ’n richtiger Dachs, der andre ’n Albino. Wenn sich ihre Eltern mir nicht widersetzt hätten, wären sie heute vielleicht nicht zu Waisen geworden.«
Migru betrachtete Feragos Messerspitze. »Was willste mit denen machen?«
Der Meuchelmörder zuckte mit den Schultern und steckte seine Klinge ein. »Nichts. Der Winter wird sich um Erdhunds Welpen kümmern.«
Er spielte mit dem runden goldenen Orden, den er Erdhund abgenommen hatte, während er einen letzten Blick in den Bau warf. »Jetzt gibt es im ganzen Südwesten kein Tier mehr, das sich gegen mich wehren könnte. Kommt, meine Leichenmacher!«
Das Wiesel lief mit seiner Bande in den winterlichen Wald hinein. In seinen schönen hellblauen Augen funkelte noch immer ein Lächeln.
Im zerstörten Bau hinter ihnen kuschelten sich die beiden Dachskinder, das gestreifte und das weiße, an den kalten Körper ihrer Mutter. Sie wimmerten leise und kläglich, während sie darauf warteten, dass sie aufwachen und ihnen Trost spenden würde. Draußen wirbelte ein tosender Wind Schneeflocken durch Bäume und Sträucher.
Es war kalt.
Aber nicht so kalt wie das Lächeln auf dem Gesicht von Ferago dem Meuchelmörder.
Seit diesem schicksalshaften Wintertag in den Südwestlanden waren viele lange Jahreszeiten gekommen und gegangen.
Nur die klagenden Rufe der Seevögel, die über dem Meer kreisten, unterbrachen die Stille des Sommermittags. Die gewaltige See war so glatt wie ein Teich. Keine Welle und keine Gischt trübte das blassblaue Wasser, in dem sich der wolkenlose Himmel spiegelte. Die Sonne lag hinter einem Hitzeschleier verborgen, den sie selbst erzeugt hatte. Ihre Strahlen tauchten den Sand und die Felsen in ein weiches bernsteinfarbenes Licht.
Über der Flutlinie erhob sich die gewaltige Zitadelle des Salamandastron. Sie bestand aus einem ausgehöhlten Berg, einem ehemaligen Vulkan aus einer Zeit, als die Welt noch jung war. Seit unzähligen Zeitaltern lebten dort die geheimnisvollen Dachsherrscher und ihre Freunde, die Hasen der Fernpatrouille. Die riesige Festung nahm mit ihren Höhlen, Gängen und Sälen den gesamten Berg ein und wachte über die Strände und ganz West-Moosblume.
Vom Haupteingang des Salamandastron führte eine einsame Pfotenspur durch den Sand zu einem von Napfschnecken bedeckten Felsen am Meer. Dort saß, das Kinn auf die Tatze gestützt, Erdstreif der Starke und betrachtete das Meer. Er trug seine dicke Schmiedeschürze, aber weder Rüstung noch Schwert. Der Dachsherrscher war eins mit der Erde, der See und dem Himmel, während er allein auf dem Stein saß und seinen Gedanken nachhing. Mara war seit zwei Nächten nicht nach Hause gekommen und das machte ihm Sorgen. War es richtig gewesen, die junge Dächsin zu adoptieren? Nur wenige Dachsmädchen hatten je im Berg gelebt. Traditionell war er alleinstehenden männlichen Dachsen vorbehalten. Vor fünf Jahreszeiten hatten seine Hasen sie in den Dünen gefunden: ein winziges, wimmerndes Dachskind, verloren und allein. Erdstreif war überglücklich gewesen, als sie ihm das Kind gebracht hatten. Er behandelte es wie die Tochter, die er nie gehabt hatte. Doch damals war sie noch ein Säugling gewesen. Er war ein Dachsherrscher, der sich um vieles kümmern musste, und als sie größer wurde, lebten sie sich auseinander.
Das Leben hielt einige Hürden für Mara bereit. Sie fing an, sich den strikten Bräuchen und dem Soldatenleben im Salamandastron zu widersetzen. Erdstreif reagierte darauf mit Unsicherheit und Strenge, was Mara nur dazu brachte, sich gegen seine unbeholfene Autorität aufzulehnen. Entgegen Erdstreifs Wünschen war sie vor zwei Tagen mit ihrem guten Freund Patsch Folger, einem jungen Hasen, losgezogen.
Der Dachsherrscher schnaubte. Patsch war viel zu wild und ungestüm. Solange Mara mit diesem Unruhestifter umherzog, würde sie bestimmt nicht zu einer anständigen Dachsdame heranreifen. Ihre Beziehung war heute meist sehr angespannt und wenn er ihr eine Standpauke hielt oder Strafen androhte, fühlte er sich stets wie ein Oger. Also gingen sie sich aus dem Weg. Sie machte, was sie wollte, und er musste sich zähneknirschend seinen Aufgaben widmen.
Feldwebel Splintholz hoppelte langsam über den Felsen. Er duckte sich und boxte gegen Schatten, bis Erdstreif ihn bemerkte. Der kräftige, schlaksige Hase tänzelte elegant zur Seite, zog das Kinn ein und schlug mit der linken Pfote nach der leeren Luft. »Hier draußen ist nicht viel zu tun. Wollt Ihr nicht reinkommen und etwas essen? Es gibt Wildhaferkekse, Blaubeerkuchen und kalten Apfelwein. Ihr habt seit gestern Morgen nichts mehr gegessen.«
Erdstreif kletterte von seinem Felsen und knurrte dem Hasen besorgt zu: »Ist Mara aufgetaucht, Feldwebel?«
»Nein, noch nicht. Aber macht Euch keine Sorgen. Sie und der junge Patsch werden schon zurückkommen, wenn sie hungrig genug sind. Soll ich das Fräulein zu Euch schicken, wenn es hier ist?«
»Nein, aber sagt mir sofort Bescheid, wenn sie nach Hause kommt. Gebt ihr etwas Vernünftiges zu essen … dann schickt sie zu mir!«
Auf dem Weg über den Strand duckte sich Splintholz und schlug in die Luft, während er um Erdstreif herumtänzelte. »Na los. Versucht, mir eins auf die Nase zu geben!«
Der Dachsherrscher versuchte, seinen boxenden Freund zu ignorieren, doch Splintholz gab nicht auf. »Probiert doch mal eine schöne Schlagkombination, na?«
Erdstreif blieb stehen und funkelte den Hasen an, der vor ihm hin und her sprang. »Ich bin wirklich nicht in der Stimmung für Sport, Splintholz.«
Der Hase schlug mit der geballten Pfote spielerisch nach Erdstreifs Gesicht. »Ach, probiert es doch mal. Vielleicht habt Ihr ja Glück!«
Der Dachs war zwar kräftig und groß, aber auch erstaunlich schnell. Er fuhr herum und wollte Splintholz einen leichten Klaps versetzen. Der Feldwebel wurde von den Hinterläufen gerissen und landete auf dem Rücken.
Der Dachsherrscher lief sofort zu seinem Freund. Sein riesiges, gestreiftes Gesicht war voller Sorge. »Splint, ist alles in Ordnung? Ich habe dich doch nicht verletzt, oder?«
Splintholz setzte sich auf. Er richtete seine verdrehten Augen nach vorne aus, rieb sich das Kinn und schmunzelte reumütig. »Danke der Nachfrage. Mir geht es ganz prima, aber den Schlag habe ich nicht kommen sehen. Gut, dass Ihr nicht Euer ganzes Gewicht hineingelegt habt, sonst wäre mir glatt die Rübe weggeflogen.«
Die Pfote um die Schultern des anderen gelegt, plauderten die beiden Freunde über alte Kämpfe und vergangene Schlachten, bis sie den Salamandastron erreichten.
Bevor Erdstreif den Berg betrat, warf er einen letzten sehnsüchtigen Blick auf das weite Land. Er seufzte enttäuscht und einsam, da er Mara nirgends entdeckte, und folgte dann Splintholz ins Innere.
Ein massives Gebirge zog sich wie ein Rückgrat durch das Land östlich des Salamandastron. Seine südlichen Ausläufer endeten in einem Sumpfgebiet, das wiederum bis zu den Dünen im Westen reichte. Die Vormittagssonne ließ die Grashüpfer in den von Felsen übersäten Hügeln zirpen und rascheln.
Ferago der Meuchelmörder zielte mit seinem Abhäutemesser auf ein Insekt, das gerade springen wollte. Geschickt warf er es und traf sein Ziel. Die scharfe Klinge teilte den Grashüpfer in zwei Hälften. Die Messerspitze zitterte noch, als Ferago sie aus dem Dreck zog und am Gras abwischte. »Der Grashüpfer springt nie wieder«, gluckste er. »Hab ich recht, Migru?«
Das Hermelin nickte energisch. »Ja, Chef, das war ’n toller Wurf!«
Ferago schob die Waffe in einen der beiden Gurte, die er über Kreuz auf der Brust trug. Die anderen beiden Messer steckten dort ebenfalls. Sie waren so scharf und tödlich wie das, das er gerade geworfen hatte. Lächelnd legte er die Pfoten auf den breiten Gürtel, der seinen aus gegerbten Häuten gefertigten Kilt zusammenhielt. Er war größer und sehniger als andere Wiesel. Je mehr Jahreszeiten vergingen, desto stärker schien das Funkeln in seinen Augen zu werden. Es waren wunderschöne mandelförmige Augen, so blau wie ein kühler Frühlingshimmel und umgeben von tiefen Lachfalten. Vielen Fremden hatte die Hinterlist und Grausamkeit, die sich hinter diesen unschuldig lächelnden Augen verbarg, den Tod gebracht. Alle Wiesel, Hermeline, Ratten, Frettchen und Füchse in seiner Armee der Leichenmacher wussten, dass Ferago der Meuchelmörder umso brutaler und boshafter wurde, je mehr er lächelte. Seine Schreckensherrschaft hatte sich durch den Südwesten ausgebreitet und nun erzitterte das ganze Land, wenn sein Name erklang. Ferago!
In diesem Sommer hatte er beschlossen, weiter nach Norden vorzustoßen. Kein Tier in seiner Armee wagte es, diese seltsame Entscheidung zu hinterfragen. Heimlich diskutierten sie natürlich über seine Beweggründe für diesen langen Marsch. Die Horde räkelte sich auf den Dünen und Hügeln. Einige streckten sich im sonnenverbrannten Sand und im Gras aus, andere zogen den Schatten der Felsen vor. Sie schienen zu faulenzen, lauschten aber stets auf einen Befehl ihres Kommandanten. Ungehorsam gegenüber Ferago wurde mit dem Tod bestraft.
Der Meuchelmörder streckte sich genüsslich auf dem trockenen, gewellten Gras aus. Er schloss die Augen und erfreute sich an der stillen Sommerluft. Plötzlich öffnete er ein Auge und wandte sich an ein Wiesel, das auf den höhergelegenen Felsen hockte: »Fidel, halt die Augen nach meinem Sohn und Goffa offen. Schlaf da oben nicht ein.«
Fidel suchte theatralisch mit seinen Blicken das Gelände im Norden und im Osten ab, bevor er zurückrief: »Ich sag Euch Bescheid, sobald Klitsch und Goffa auftauchen, Herr. Macht Euch keine Sorgen.«
Feragos Antwort ließ den Späher hellwach werden. »Ach, ich mach mir keine Sorgen, Fidel … aber du solltest dir welche machen. Wenn du sie verpasst, werd ich dich nämlich bei lebendigem Leib mit meinen Messern häuten. Also halt die Augen auf. Braves Wiesel.«
Er sprach beiläufig und gelassen, doch alle Tiere in Hörweite wussten, dass der Meuchelmörder nicht scherzte. Ferago machte selten Witze, obwohl er oft lächelte.
Der Fuchs Todfeger und seine sechs Spürratten näherten sich von Süden. Er hörte, wie Fidel seine Ankunft von seinem Ausguck meldete: »Todfeger und die Fährtenleser kommen, Herr!«
Der Fuchs stand vor dem weiterhin mit geschlossenen Augen am Boden liegenden Ferago und ließ sich verhören.
»Hast du Dellauge und Tura nicht mitgebracht?«
Todfeger war erschöpft, wagte aber nicht, sich zu setzen oder zu entspannen. »Nein, Herr. Wir haben sie zwei Monde lang verfolgt. Sie sind nach Osten zur Ebene gegangen, auf der anderen Seite dieser Berge.«
Feragos Pfote tastete nach dem Griff seines Lieblingsmessers. »Ich mag’s nicht, wenn meine Befehle nicht befolgt werden.«
Todfeger versuchte, nicht zu zittern. Er schluckte schwer und leckte sich über die trockenen Lippen. »Herr, wir haben sie ohne Unterlass Tag und Nacht gesucht. Sie müssen irgendwie den Südstrom durchquert haben. Da hab ich ihre Spur verloren. Ich dachte, es wär besser, Euch das zu berichten, statt mich in diesem seltsamen Land zu verlaufen.«
Ferago öffnete die Augen. Er lächelte nicht. »Du hast richtig gehandelt, Todfeger. Iss und ruh dich bis morgen aus. Dann wirst du mit deinen Spürratten erneut losziehen. Vergiss nicht, dass ich Dellauge und Tura haben will, oder ihren Kopf. Es schadet der Moral der Leichenmacher, wenn sie erkennen, dass Deserteure sich meiner Strafe entziehen und in Freiheit leben können. Hast du das verstanden?«
Todfeger atmete erleichtert auf und nickte. »Verstanden, Ferago. Ich werd Euch nicht noch mal enttäuschen.«
Ferago schloss die Augen. »Das will ich hoffen, mein Freund.« Er lächelte knapp und entließ den Fuchs mit einer Geste.
Todfeger machte sich auf die Suche nach Wasser. Sein Mund war vor Angst wie ausgetrocknet.
Die Rotwall-Abtei schlummerte friedlich in der Mittagssonne. Eine Drossel zwitscherte im grünen Moosblumenwald jenseits der Mauern. Ihre süße Melodie hallte vom roten Sandstein des Hauptgebäudes bis zu den Zinnen. Im Abteiteich hüpfte eine Forelle träge aus dem Wasser, schnappte nach einer vorbeifliegenden Mücke und ließ sich zurückfallen.
Zwei Maulwürfe, die einen mit Gemüse beladenen Karren in Richtung Küche zogen, drehten sich bei dem Geräusch um und kommentierten es in ihrem urigen Maulwurfdialekt. »De dicke Forell’ macht ganz schön Krach, gell net, Burrell?«
Burrell, der kleinere der beiden, kräuselte seine Knopfnase. »Hurr, da sachste was. Ich wär auch dick un’ faul, wenn ich ’n ganze Tach im Teech liege un’ nix tun würd. Ho urr!«
Sie trotteten in die Abtei und unterhielten sich über das angenehme Leben, das Forellen in Teichen führten.
Traute Dickicht pflückte Obst im Garten. Die reizende Igeldame murmelte leise vor sich hin, während sie den Inhalt ihres Korbs überprüfte. »Frühreife Pflaumen, Stachelbeeren, kleine Birnen … Meine Güte, die sind aber wirklich klein. Nicht schlimm, daraus machen wir leckeren Saft. Die Zwetschgen sind noch nicht so weit … Schade, ich mag doch Zwetschgenpudding so gern. Mal sehen, was habe ich vergessen?«
Der Anblick eines Baums half ihrem Gedächtnis auf die Sprünge. »Natürlich die Äpfel! Die großen grünen sind genau richtig für Kuchen.«
Sie stellte sich auf die Pfotenspitzen und griff nach einem großen grünen Apfel, der an einem der unteren Äste hing.
Ein Pfeil zischte um Haaresbreite an Traute Dickichts Pfote vorbei. Er traf den Apfel, der vom Ast gerissen wurde und im Gras landete. Die Igeldame ließ ihren Korb fallen, lief geduckt los und schützte ihren Kopf mit beiden Pfoten, während sie entsetzt aufschrie: »Ojemine, Hilfe, Mörder! Wir werden von Unholden angegriffen!«
Rasch traf Hilfe in Form eines stämmigen Otters ein. »Da versenk mich doch einer! Was ist denn los, Gnädigste?«
Traute Dickicht versteckte sich hinter einem Stachelbeerstrauch. Sie hatte sich die Schürze über den Kopf geworfen, spähte aber daran vorbei zum Otter. »Oh weh oh weh! Läute sofort die Warnglocke, Trugg. Sieh doch nur den Apfel, der dort hinten im Gras liegt!«
Trugg stolzierte mutig zu der Stelle und hob den Apfel auf. »Ganz ruhig, Gnädigste. Rauf dir nicht die Stacheln. Alles ist Klarschiff. Ich habe zwar den Schurken, der den Pfeil abgeschossen hat, nicht gesehen, aber ich verwette mein Ruder darauf, dass ich weiß, wer’s war!«
Trugg legte das Obst, das herausgefallen war, zurück in den Korb und fügte den Apfel hinzu. Traute Dickicht standen die Stacheln zu Berge, deshalb führte er sie vorsichtig zurück zur Abtei und trug den Korb für sie.
Der sommerliche Nachmittagstee in Rotwall war immer sehr schön. Die Mäuse des Ordens saßen inmitten der anderen Tiere im Großen Saal. Es gab keine Unterschiede zwischen den Klassen und Spezies. Sie alle waren Bewohner Rotwalls oder deren Freunde und es herrschte ein fröhliches Durcheinander, während sie die leckere Mahlzeit genossen. Es gab warmes Gebäck, Haselnussbrot, Apfelgelee, Wiesensahne, Törtchen aus roten Johannisbeeren, Pfefferminztee und Erdbeersaft, den sie in großen Mengen verschlangen.
Äbtissin Lebewohl, die Nachfolgerin des alten Abt Saxtus, wirkte winzig auf dem großen Dachssessel am Kopf der langen Tafel. Seit vor vielen Jahreszeiten die alte Mutter Mellus in den wohlverdienten Ruhestand gegangen war, gab es in Rotwall keine Dachswächterin mehr. Neben der Äbtissin saß Bremmun, ein ehrenwertes Eichhörnchen.
Bremmun beugte sich zur Seite, um mit ihr zu reden. Er musste lauter sprechen, sonst hätte er sich über das fröhliche Geschnatter an den Tischen nicht verständlich machen können. »Habt Ihr gehört, was Trugg über Samkim gesagt hat?«
Lebewohl stellte ihren Krug ab. »Ja, ich habe es gehört.«
Bremmun nahm sich eine Scheibe Johannisbeerkuchen und bestrich sie dick mit Wiesencreme. »Wollt Ihr Euch als Äbtissin darum kümmern oder soll ich die Sache in die Pfote nehmen?«
Die Äbtissin drehte den Krug langsam zwischen ihren Pfoten. »Ihr seid beide Eichhörnchen. Ich glaube, es wäre besser, wenn du das übernehmen würdest. Samkim ist manchmal sehr ungezogen, aber ich mag den kleinen Kerl. Ich bringe es nicht übers Herz, ihn auszuschimpfen. Würdest du bitte mit ihm reden, Bremmun?«
Die Tiere, die Tischdienst hatten, fingen an, das Geschirr abzuräumen, und die ersten standen auf. Bremmun schlug fest mit einem Holzlöffel auf die Tischplatte. »Einen Moment, Freunde. Ich bitte um eure Aufmerksamkeit.«
Das Geplauder verstummte sofort. Diejenigen, die hatten gehen wollen, blieben respektvoll sitzen. Bremmun griff unter die Tischdecke und zog den Pfeil hervor, den Trugg ihm gegeben hatte. Er hielt ihn hoch, damit alle ihn sehen konnten. »Dieser Pfeil wurde heute Nachmittag im Obstgarten abgeschossen. Würde das Tier, das das getan hat, bitte vortreten.«
Als Holz über den Boden schrammte, drehten sich alle zu den beiden kleinen Gestalten um, die vom Tisch neben der Tür aufstanden. Viele nickten wissend. Samkim und Arula mal wieder.
Das junge Eichhörnchen Samkim war ein kräftig gebauter Kerl, der eine Zaunkönigfeder in seiner schief sitzenden Mütze trug. Er strich die weiche grüne Tunika glatt und schlenderte zu dem langen Tisch. Ein verschmitztes Funkeln lag in seinen haselnussbraunen Augen. Arula, die junge Maulwürfin, tapste neben ihm her. Auch sie trug eine Mütze und eine Tunika, doch der Blick ihrer kleinen, runden Augen war auf den Boden gerichtet.
Samkims Kopf reichte kaum über die Tischplatte, als er sein Geständnis ablegte. »Das war mein Pfeil. Ich habe ihn abgeschossen. Arula hatte nichts damit zu tun.«
Die Maulwürfin schüttelte ihren Samtkopf. »Ho, nee, ich hab ’em Sankin gesacht, er soll de Appel abschieße. Es is meene Schuld, Herr Bremm’n.«
Die Stimme des Eichhörnchens war laut und streng. »Ruhe, Mädchen. Samkim, das ist nicht das erste Mal. Vor Kurzem fanden wir einen Pfeil, der in der Küchentür steckte. Eines der Fenster im Wachhaus wurde von einem anderen Pfeil zerbrochen. Später fiel Bruder Heimerich einem weiteren Pfeil zum Opfer. Er hat nun eine lange kahle Stelle im Kopffell … etwas tiefer und er wäre heute nicht mehr bei uns. Jetzt hat es die arme Frau Dickicht erwischt. Deine Bogenkunst hat sie fast zu Tode erschreckt. Was hast du dazu zu sagen, junges Eichhörnchen?«
Samkim hob entschuldigend die Schultern. »Tut mir leid, ich wollte niemandem wehtun.«
Bremmun eilte um den Tisch herum und stellte sich vor den Übeltäter. »Du wolltest niemandem wehtun? Pfeil und Bogen sind eine Waffe, kein Spielzeug! Aber das willst du wohl nicht begreifen. Nein, nein, du läufst herum und schießt wild um dich, ohne an die Tiere in deiner Nähe zu …«
Arula unterbrach ihn und zeigte auf sich. »Des war meene Schuld, Herr. Ich hab ’em Sankin gesacht, er soll schieße.«
»Jaja, Arula.« Bremmun winkte beiläufig ab. »Jetzt zu dir, Samkim, du kleiner Schurke. Wenn ich dich sehe, schäme ich mich, ein Eichhörnchen zu sein. Die Mutter Äbtissin war über dein schlimmes Benehmen so entsetzt, dass sie nicht mit dir sprechen konnte. Deshalb ist das nun meine unerfreuliche Pflicht. Ihr beide, Samkim und Arula, werdet bis auf Weiteres in die Infirmerie gesperrt. Bruder Winterbeere wird bestimmt viel für euch zu tun haben: Waschen, Bettenmachen, Bödenschrubben. Ihr werdet eure Mahlzeiten dort oben einnehmen. Ihr werdet in der Infirmerie schlafen und sie erst verlassen, wenn Mutter Äbtissin und ich entschieden haben, dass ihr bei den anständigen Rotwall-Tieren leben könnt. Außerdem wirst du, Samkim, dich nie wieder einem Bogen oder Pfeilen auf Pfotenlänge nähern. Wenn du es doch tust, bekommst du großen Ärger. Habe ich mich klar ausgedrückt?«
Die beiden jungen Tiere nickten niedergeschlagen.
»Ja, Herr.«
»Hurr, klarer als ’n helle Sommamoge. Danke, Herr.«
Es wurde still im Großen Saal, als die beiden Übeltäter von Bruder Heimerich abgeführt wurden. In der friedlichen Abtei wurden Tiere nur selten bestraft.
Bremmun kehrte an seinen Platz zurück, beugte sich zur Seite und flüsterte Äbtissin Lebewohl zu: »Ich bin froh, dass das vorbei ist. Findet Ihr, dass ich zu streng war?«
Sie legte die Pfoten in den Schoß. »Allerdings, Bremmun. Ach, ich weiß, dass Samkim und Arula oft ungezogen sind, aber sie sind jung. Sie in der Infirmerie einzusperren ist sehr hart.«
Bremmun wirkte zerknirscht und hob entschuldigend die Schultern. »Keine Sorge, ich werde sie dort nicht lange festhalten. Sie werden ihre Lektion schnell lernen. Ist Euch die kleine Arula aufgefallen? Ich hätte beinahe gelächelt, als sie fest wie ein Fels dastand und die Schuld auf sich nahm.«
Die Äbtissin presste die Lippen zusammen, um ihr Lächeln zu verbergen. »Die Gute, ja, das war sehr tapfer. Die beiden sind echte Freunde, auch wenn sie Schlingel sind. Solche Jungtiere sind das Rückgrat unserer Abtei: mutig und ehrlich. Wir brauchen solche Tiere. Sie werden eines Tages die Leitung übernehmen und anderen in späteren Jahreszeiten mit gutem Beispiel vorangehen.«
Samkim und Arula saßen auf dem Bett und hörten Bruder Winterbeere zu. Der alte Heiler und Krankenwächter lehnte sich in seinem Sessel zurück und schmunzelte. »Ihr könnt von Glück sagen, dass heute kein Dachs auf diesem Stuhl saß. Beim Fell! Dann hättet ihr beide herausgefunden, wie eine richtige Bestrafung aussieht. Diese Dachse waren sehr, sehr streng.«
»Da hammer wirklich Glück, Brud’r. Ich denk, ’n Dachs hätt uns de Schwänz’ ab’schlage un’ innen Teech ’worfe.«
Winterbeere nickte mit aufgesetzter Ernsthaftigkeit. »Ja, so etwas hätten die Dachse von früher bestimmt getan. So, ihr beiden, jetzt wird nicht mehr getrödelt. Es müssen Wände, Türen, Schränke und Regale abgestaubt und ausgewischt werden. Dann müssen die Fenster geputzt, die Bettlaken gezählt und gefaltet, viele Nachthemden geflickt und Böden geschrubbt werden …«
Er sah, wie die Verzweiflung auf ihren Gesichtern mit jeder weiteren Aufgabe zunahm. Winterbeere stand schmunzelnd auf und tätschelte ihnen den Kopf. »Damit fangen wir morgen an. Den Rest des Tages habt ihr frei. Es tut mir leid, dass ihr nicht rausdürft. In dem großen Schrank könnte ein Kiesel-und-Eicheln-Spiel liegen. Oh, und in meinem kleinen Spind hier habe ich kandierte Kastanien. Damit solltet ihr euch bis zum Schlafengehen die Zeit vertreiben können.«
Samkim rieb sich begeistert die Pfoten. »Danke, Bruder Winterbeere, Ihr seid ein echter Kumpel. Äh, wart Ihr als junger Mäuserich auch manchmal ungezogen?«
Der alte Krankenwächter sah sich verschwörerisch um und flüsterte dann: »Ungezogen? Kleiner, man nannte mich Winterbeere den Wahnsinnigen, als ich ein kleiner Mäuserich war. Der alte Abt Saxtus sagte, dass er meinetwegen grau und krumm geworden wäre. Hört zu, ich muss mich um meinen Kräutergarten kümmern. Werdet ihr euch benehmen, während ich weg bin?«
Arula zog sich ein frisches Laken über den Kopf. »Gude Herr, ich werd weeß wie de Unschuld sein.«
Patsch Folger durchsuchte seinen Rucksack und fand einen einzelnen Wildhaferkeks, mit dem er Mara vor dem Gesicht herumwedelte. »Die letzte verdammte Leckerei für zwei kräftige und hungrige Reisende, kannst du dir das vorstellen, meine Liebe?«
Die stämmige junge Dächsin riss ihm das Gebäck aus den Pfoten. »Bevor ich letzte Nacht schlafen gegangen bin, waren vier Haferkekse im Rucksack. Du schlappohriger Vielfraß hast sie verschlungen!«
Patsch legte eine Pfote auf sein Herz. Auf seinem Gesicht stand gekränkte Unschuld. »Verschlungen? Hast du das Wort ›verschlungen‹ verwendet, du treue Gefährtin und Spielkameradin aus Kindertagen? Geknabbert, träge davon genascht, vielleicht sogar einen Bissen genommen oder so. Aber verschlungen? Niemals!«
Mara brach das Gebäck in zwei Teile und warf ihm eine Hälfte zu. »Hör zu, Folger, alter Freund, versuch nicht, mich mit blumigen Worten zu verwirren. Du bist unersättlich und das warst du schon immer, also hier.«
Patsch grinste über beide Ohren und verschlang seine Gebäckhälfte. »Na ja, die Wahrheit kommt immer heraus, altes Mädchen, nicht wahr? Es wird wohl die ganze Nacht dauern, bis wir zum guten alten Salamadingsda zurückkommen. Ich wette, wir beide dürfen uns ziemlich was anhören, wenn uns der alte Erdstreif erwischt.«
Mara ließ sich missmutig in der Mulde zwischen zwei Dünen nieder. Bei dem Gedanken, dem Dachsherrscher gegenüberzutreten, war ihr plötzlich der Appetit vergangen. »Pah, der Salamandastron – ich wünschte, ich müsste nie wieder zu diesem trostlosen Berg zurück, Patsch. Tag und Nacht, vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung sagt man uns: Achte auf deine Manieren, lern die Dachskunde, halt dein Zimmer sauber, sitz gerade, tu dies, tu das, tu jenes nicht. Ich hab die Schnauze so voll davon! Gibt es nicht irgendwo einen Ort, an dem junge Leute tun können, was sie wollen, wo sie den ganzen Tag Spaß haben können, ohne dass die älteren und erwachsenen Tiere sie zu dummen, langweiligen Dingen zwingen?«
»Dann kommt mit uns – wir machen, was wir wollen.«
Mara und Patsch sahen sich überrascht um. Zwei junge Tiere, ein Wiesel und ein Frettchen, tauchten auf der Düne auf.
Der geschwätzige Patsch zwinkerte ihnen zu und grinste sie frech an. »Hey ho, Leute. Wer seid ihr?«
Das Wiesel lächelte zurück. Es sah gut aus und hatte die strahlendsten blauen Augen, die Mara je gesehen hatte. »Hey! Ich bin Klitsch und das ist Goffa. Wir kommen aus den Südwestlanden.«
Mara musterte die beiden. Das Frettchen war ein verschlagen aussehendes Tier, das eine lange Tunika trug, die offensichtlich gekürzt worden war, damit sie ihm passte. In einem Stück Seil, das ihm als Gürtel diente, trug es einen Speer und einen Dolch. Das junge Wiesel war ganz anders. Seine Kleidung passte perfekt. Es trug eine schicke gelbe Tunika und an seinem geflochtenen Gürtel hing ein Kurzschwert mit Scheide. Außerdem schmückten es ein Paar dicke weiße Knochenarmbänder. Alles in allem sah es ziemlich schneidig aus. Mara war verlegen, denn sowohl sie als auch Patsch trugen die schlichte sandfarbene Kutte der Salamandastron-Bewohner.
»Ich heiße Mara, und das ist mein Freund Patsch Folger. Wir kommen von der Bergfestung Salamandastron ungefähr einen Tagesmarsch nördlich von hier.«
Klitsch lächelte sie seltsam an. »Aber ihr wollt nicht zurück, oder?«
Mara stand auf und klopfte sich den Sand ab. »Oh, wir stöhnen und murren ein bisschen, aber wir kehren immer wieder zurück. Es ist unser Zuhause, verstehst du? Sag mal, sind Goffa und du den ganzen Weg aus dem Südwesten hier raufgekommen?«
Klitsch und Goffa tauschten ein kurzes Lächeln aus, dann zuckte das Wiesel beiläufig mit den Schultern. »Och, mehr oder weniger. Wir machen nur, was wir wollen, und gehen dahin, wo’s uns gefällt. Stimmt’s, Goffa?«
Das Frettchen lehnte sich auf seinen Speer und nickte. »Stimmt!«
»Aber ihr beide seid doch noch so jung, genau wie wir«, unterbrach ihn Patsch. »Wer erlaubt euch eigentlich, solche Waffen zu tragen?«
Klitschs blaue Augen funkelten vergnügt. »Kein Tier erlaubt uns irgendwas – wir haben Lust drauf, Waffen zu tragen. Also tragen wir sie und scheren uns einen Dreck um andre!«
Je mehr Mara hörte, desto größer wurde ihre Bewunderung für Klitsch.
Er zog sein Schwert, schwang es und schlug zwei Löwenzahnblüten, die im Schilfgras wuchsen, sauber die Köpfe ab. »Ihr kommt also vom Salamandastron. Höllenzahn, das ist ein ziemlich langer Name. Ich sag dir was, Goffa und ich werden euch begleiten. Ich würd diesen Ort gern sehen und auf dem Weg könnt ihr uns alles darüber erzählen.«
Ohne weitere Vorrede machten sich die vier Jungtiere plaudernd und lachend auf den Weg zum Berg. Klitsch war ein unterhaltsamer Redner, der viele interessante Geschichten zu erzählen hatte. Außerdem war er ein guter Zuhörer und lauschte gebannt allem, was Mara oder Patsch über ihr Zuhause zu erzählen hatten – es war so viel, dass irgendwann nur noch sie redeten und er zuhörte. Goffa sprach nur selten.
Mit ihren neuen Freunden wirkte die Reise nur halb so beschwerlich. Trotzdem war es bereits Nacht, als sie in Rufweite des großen Berges kamen.
Windpfote, eine ausgewachsene Häsin, kam ihnen entgegen, als sie das Ufer erreichten. Sie nickte den beiden Neuankömmlingen zu und streckte Mara und Patsch eine mahnende Pfote entgegen. »Wir waren schon kurz davor, Suchtrupps loszuschicken. Mara, du siehst derangiert aus. Wo um Meeres willen wart ihr denn?«
Patsch winkte lässig mit einer Pfote ab. »Ach, hier und da, du weißt schon. Wir haben uns treiben lassen, wie man so schön sagt …«
Windpfote brachte ihn mit einem eisigen Blick zum Schweigen. »Das kannst du Herrn Erdstreif erzählen, junger Folger. Aber zuerst solltet ihr beide besser mit mir kommen. Habt ihr heute schon etwas gegessen?«
Mara deutete auf das Frettchen und das Wiesel. »Das sind unsere Freunde Klitsch und Goffa. Sie werden auch was zu essen brauchen.«
Windpfote schüttelte zweifelnd den Kopf bei dem Gedanken, dass ein Frettchen und ein Wiesel die Festung betreten sollten. Sie musterte sie von oben bis unten und schnaubte. »Hm, sie sehen wirklich jung und hungrig genug aus. Folgt mir.«
Klitsch verbeugte sich anmutig und setzte ein Lächeln auf, das einen Vogel aus seinem Nest gelockt hätte. »Habt recht vielen Dank, Gnädigste.«
Windpfote schnaubte und führte sie durch einen verborgenen Eingang. »Der Speisesaal befindet sich in diesem Tunnel. Dort gibt es eine Schüssel mit Wasser und ein Handtuch für euch. Wascht euch die Pfoten, bevor ihr euch zum Essen hinsetzt.«
Klitsch zwinkerte seinem Gefährten zu. »Wir würden nicht im Traum dran denken, mit schmutzigen Pfoten zu essen, nicht wahr, Freund Goffa?«
Das Frettchen zuckte zusammen, als Klitsch ihm auf Pfote trat. »Aua! Was, äh, oh nein, natürlich nich!«
Es gab eine deftige heiße Pilzsuppe, Gemüsepasteten, einen Krug Bergbirnensirup, Salat und einen in Honig eingelegten Bucheckernkuchen. Sie aßen mit großem und gesundem Appetit, wobei Patsch Folger doppelt so viel verschlang wie die anderen.
Herr Erdstreif und Feldwebel Splintholz betraten den Speisesaal, als das Essen gerade beendet war. Der Kiefer des Dachses klappte herunter, als er ihre beiden Besucher sah. Splintholz verschränkte die Pfoten auf seinem Rücken und hielt den Atem an. Sowohl Patsch als auch Mara hantierten umständlich mit ihren leeren Schüsseln herum und betrachteten konzentriert die Tischplatte, um dem furchterregenden Blick des Dachsherrschers zu entgehen.
Mit tadellosem Benehmen erhob sich Klitsch und stupste Goffa an, damit er seinem Beispiel folgte. Die blauen Augen des Wiesels leuchteten aufrichtig, als es sprach. »Herr Erdstreif, nehme ich an. Ich hoffe, es geht Euch gut. Ich bin Klitsch und das ist mein Freund Goffa. Wir beide möchten uns für das gute Essen und die Gastfreundschaft bedanken.«
Eine Weile herrschte Schweigen. Erdstreif starrte das Wiesel seltsam an, als suche er nach einer Erinnerung. Patsch ließ seinen Löffel fallen und das Klappern schien den Dachsherrscher in die Gegenwart zurückzuholen. Er neigte den Kopf, um das Kompliment des Wiesels anzunehmen, doch die Abneigung in seiner Stimme war nicht zu überhören. »Dies ist mein Berg, junger Klitsch. Solange ihr hier seid, werde ich euch beide wie Gäste behandeln. Wenn ihr mit dem Essen fertig seid, zeigt euch der Feldwebel das Zimmer, in dem ihr die Nacht verbringen werdet. Morgen nach dem Frühstück müsst ihr den Salamandastron verlassen. Ihr erhaltet Proviant für eure Reise. Nun wünsche ich euch eine gute Nacht. Feldwebel!«
Splintholz salutierte zackig. Mit grimmiger Miene führte er Klitsch und Goffa in ihr Schlafgemach.
Als sie weg waren, faltete der Dachsherrscher seine Pfoten über seiner breiten Brust und sah Mara an. »Junge Dame, hast du nichts zu deiner Verteidigung zu sagen? Du warst zwei Nächte lang verschwunden, ohne ein Wort zu sagen. Und jetzt kommst du zurück und bringst ein Frettchen und ein Wiesel mit.«
Mara schüttelte fassungslos den Kopf. »Wie kannst du so unhöflich zu diesen beiden jungen Tieren sein? Sie sind meine Freunde …«
Erdstreifs Pfote knallte laut auf die Tischplatte. »Freunde? Ein Frettchen und ein Wiesel sind keine Freunde, sondern Gesindel! Hast du den Verstand verloren, Mara? Frettchen, Wiesel, Hermeline, Ratten und Füchse haben schon vor den Tagen meiner Ahnen Mord und Krieg über Moosblume gebracht. Zu wem gehören sie? Wo ist der Rest ihrer Bande?«
Patsch nahm seinen Mut zusammen und mischte sich ein. »Herr, immer mit der Ruhe! Die beiden Kerle waren ganz allein, als wir sie trafen. Sie sind aus dem Südwesten gekommen. Eigentlich sind sie sogar ziemlich lustig …«
Erdstreifs Gebrüll unterbrach ihn. »Schweig, Folger! Wenn ich deine Meinung hören will, frage ich danach. Geh auf dein Zimmer, sofort! Es wird Zeit, dass du lernst, erwachsen zu werden und ein bisschen Hasenverantwortung zu übernehmen.«
Patsch verließ eilig den Speisesaal, wohl wissend, dass es sinnlos war, mit einem Dachsherrscher von Erdstreifs Temperament zu streiten. Dicke Tränen quollen aus Maras Augen und tropften auf den Tisch.
Der Dachsherrscher stieß einen tiefen Seufzer der Hilflosigkeit aus und schüttelte seinen großen gestreiften Kopf. »Mara, Kleines, bitte weine nicht. Es tut mir leid, dass ich die Beherrschung verloren habe, aber ich dachte, du wüsstest über unsere Feinde Bescheid.«
Das Dachsmädchen rieb sich mit den Pfoten die Augen und schniefte. »Nicht alle sind Feinde, aber das scheint dich nicht zu interessieren. Du willst nicht mal, dass ich mit Patsch befreundet bin. Manchmal wünschte ich, ich wäre tot, anstatt in diesem elenden alten Berg festzusitzen!«
Erdstreif zog ein geflecktes Tuch aus seiner Schmiedeschürze und wischte ihr sanft über die Augen. Traurigkeit und Sorge zeichneten sich auf seinen strengen Zügen ab. »Bitte sag so etwas nicht, Mara. Du bist alles, was ich habe, und eines Tages, wenn ich nicht mehr bin, wird es deine Aufgabe sein, über diesen Berg zu herrschen. Ich weiß, dass es ein einsames und anstrengendes Leben ist, aber es ist unsere heilige Pflicht als Dachse, Moosblume und seine Ufer zu schützen. Nur so können gute, ehrliche Tiere, die nicht so stark sind wie wir, in Frieden und Glück leben. Du musst mir glauben, Braunauge.«
Der Kosename, den er ihr als Kind gegeben hatte, löste eine Flut von Tränen aus. Mara stürzte aus dem Zimmer und rief auf dem Weg zu ihrem Schlafgemach: »Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. Ich will einfach nur irgendwo sein, wo ich glücklich sein kann!«
Erdstreif setzte sich an den Esstisch. Er schloss die Augen und krallte sich in die Tischkante, bis seine stumpfen Krallen tiefe Furchen ins Eichenholz gruben. Als er wieder aufsah, stand Feldwebel Splintholz vor ihm. Schnell fasste sich Erdstreif und fragte mit rauer Stimme: »Ist das Gesindel für die Nacht sicher in seinem Zimmer eingeschlossen?«
Der Hase setzte sich neben ihn. »Jawohl, Herr. Ich habe den Schlüssel selbst herumgedreht.«
Die Augen des Dachsherrschers verengten sich zu Schlitzen. »Gut. Ich möchte unter keinen Umständen, dass ein Frettchen und ein Wiesel in der Nacht in unserem Berg herumschleichen.«
Splintholz tippte sich mit einer Pfote an die Nase. »Keine Sorge, Herr. Ich habe zwei Wachen vor ihrer Tür postiert – Weidenkätzchen und Großes Ochsenauge. Wenn sie es schaffen sollten, sich aus dem Zimmer zu schleichen, bekämen die beiden wirklich Probleme. Großes Ochsenauge mag kein Gesindel.«
Erdstreif konnte sich ein kleines Glucksen nicht verkneifen. »Da wünscht man sich fast, sie würden es versuchen, oder? Es ist schon ein paar Jahreszeiten her, dass Ochsenauge einen Feind bestraft hat.«
Der Feldwebel nickte aus voller Überzeugung. »Hoho, dabei bestraft er so gern und gut. Es hat sich noch kein Tier je eine zweite Bestrafung von Großes Ochsenauge abgeholt.«
Die sanfte Sommernacht warf ihre Schatten über die Bergfestung. Die beiden Freunde saßen noch bis in die frühen Morgenstunden zusammen, diskutierten und schwelgten in Erinnerungen an vergangene Jahreszeiten. Draußen strahlte der Vollmond auf das verlassene Ufer und tauchte die unzähligen kleinen Wellen in ein fahles silbernes Licht.
Hoch oben auf den Felsen des Aussichtspostens versuchte Fidel, wach zu bleiben. Er spuckte auf seine Pfoten und rieb sich kräftig die geröteten Augen. Blinzelnd spähte er zwischen den mondbeschienenen Dünen hindurch, aus Angst, Klitschs Rückkehr zu verpassen.
Ferago saß abseits vom Rest seiner Bande, spielte nachdenklich mit dem goldenen Dachsorden an seinem Hals und stocherte in den Flammen eines lodernden Feuers. Mit leiser Stimme sprach der Meuchelmörder zu einer kleinen, dürren Seeratte, die dicht neben ihm saß. »Krankohr, sag mir noch mal, wie du von dem Berg erfahren hast.«
»Ich war ’ne Seeratte und hab den Ort ein paarmal gesehen, Herr, aber nur aus der Ferne. Sie nennen ihn Salamandastron.«
Ferago strich über den Dachsorden und wiederholte den Namen langsam, als wäre er ein Zauberspruch. »Salamandastron. Ich mag den Klang. Salamandastron. Aber berichte mir den Rest. Du weißt schon, den Teil, den ich gern höre.«
Krankohr erzählte die Geschichte weiter, wie er sie Ferago schon so oft heimlich erzählt hatte, seit er sich im letzten Winter seiner Bande angeschlossen hatte. »Die Kapitäne der Seeratten berichten, dass im Inneren des Bergs ein großer Schatz versteckt sei – ihre alten Legenden sind voll davon. Die Festung wird von starken Hasenkämpfern bewacht und von ’nem Dachsherrscher regiert – das war schon immer so. Kein Tier kennt es anders. Der derzeitige Herrscher heißt Erdstreif der Starke, ein großer und furchterregender Krieger.«
Ferago trat näher an ihn heran. Seine Augen leuchteten blau im Feuerschein und glitzerten vor Gier. »Der Schatz – erzähl mir von dem Schatz!«
Krankohr schluckte schwer, als sich die Krallen des Meuchelmörders um seine Schulter schlossen. Er wiederholte, was Ferago hören wollte. »Es heißt, dass es den großen Dachsen nie an Reichtümern gemangelt hat. Wenn ein Dachs sein Leben aushaucht oder im Kampf stirbt, werden seine Besitztümer irgendwo im Inneren des Bergs versteckt. Perlen aus dem Meer, bunte Edelsteine, Rüstungen aus Silber, Gold und Kupfer, Speere und andere große Waffen, die alle von den Dachsen in ihrer Schmiede hergestellt wurden. Glänzende Kriegsäxte, die durch Stein schneiden können, Schilde, die wunderschön anzusehen sind, Schwerter mit Klingen, die Rüstungen wie Butter zerschneiden können, rote und grüne Steine, die in ihre Griffe eingelassen sind, umhüllt von Scheiden aus den feinsten … Aaaarrghh!«
Feragos Krallen hatten die Schulter des Rätterichs durchbohrt. Krankohr wimmerte vor Schmerz und Tränen rannen über sein schmales Gesicht. Der Wieselanführer befreite seine Klauen mit einem schnellen Ruck aus verfilztem Fell und Fleisch. Krankohr sackte zur Seite, stöhnte jämmerlich und versuchte, sich die verletzte Schulter zu lecken.
Ferago grinste und seine seltsamen blauen Augen funkelten im Feuerschein wie die eines glücklichen Kleinkindes. »Oh, das tut mir leid, mein Freund. Ich hab mich wohl mitreißen lassen. Aber das macht nichts, es ist nur ein Kratzer. Das Beste ist jetzt frische Luft und etwas, das dich auf andere Gedanken bringt. Hör zu, du kletterst auf die Aussichtsfelsen und leistest Fidel den Rest der Nacht Gesellschaft. Das wird dir guttun. Hör jetzt auf zu weinen und zu stöhnen. Komm schon, hoch mit dir!«
Ein breites, unschuldiges Lächeln stand in den Augen des Meuchelmörders, als er zusah, wie der verletzte Krankohr sich unter Schmerzen die Felsen hochhievte. Mit einem Hauch trügerischer Besorgnis rief er dem erschöpften Ausguck leise zu: »Noch nicht müde, Fidel?«
Dieser starrte hinab in die verlogenen blauen Augen, die ihn anlächelten. Er lehnte sich mit dem Rücken an den Felsen und rief alarmiert: »Noch keine Spur von Eurem Sohn oder Goffa, Herr. Ich bin hellwach!«
Die fröhliche Antwort ließ Fidel Angst und Bange werden. »Gute Arbeit! Bleib da oben und leiste Krankohr Gesellschaft. Haltet die Augen offen, alle beide. Ich hab mein Abhäutemesser frisch geschärft und seitdem noch nicht benutzt.«
Fidel streckte sich nach unten. Er griff Krankohrs Pfote und half ihm auf den Beobachtungsposten. Unter ihnen lag Ferago flach auf dem Rücken und beobachtete sie aus halb geschlossenen Augen.
Das rosige Licht der Morgendämmerung streifte die Mauern der Abtei, als Bremmun, das Eichhörnchen, die Treppe zur Infirmerie hinaufstieg. Er klopfte leise an die Tür und trat ein. Bruder Winterbeere schlief nie in einem Bett. Er saß auf Kissen gestützt in seinem Sessel und sah zu, wie ein weiterer Sommertag jenseits des Fensters erwachte. Arula und Samkim lagen schlafend in ihren Betten. Bremmun nickte in ihre Richtung und sagte leise: »Guten Morgen, Bruder. Wie geht es dir heute?«
Winterbeere gähnte und streckte sich in seinem Sessel. »Guten Morgen, Bremmun. Sieh selbst. Ich habe die beiden bis in die späte Nacht hinein schuften lassen. Sie haben Nachthemden gewaschen und Kopfkissenbezüge genäht. Das sind zwei sehr bedauernswerte kleine Tiere, die sich nach all der Arbeit in den Schlaf geweint haben.«
Bremmuns Miene wurde sanfter und er blickte schuldbewusst auf die beiden jungen Schläfer – Arula, die an ihrer Pfote nuckelte, und Samkim, der seinen buschigen Schwanz unter dem Kissen zusammengerollt hatte.
»Fell und Schnurrhaar, Bruder, du musst sie ganz schön auf Trab gehalten haben. Sie sehen völlig erschöpft aus.«
Winterbeere zog die Augenbrauen hoch. »Ich habe nur deine Anweisungen befolgt. Du hast die Strafe festgelegt.«
»Meinst du, sie haben genug?«
Winterbeere schnaubte. »Hmpf! Was glaubst du denn?«
»Ja, natürlich, sie wurden ausreichend bestraft. Wenn sie aufwachen, kannst du ihnen sagen, dass es ihnen freisteht zu gehen. Weißt du, ich fühle mich ziemlich schlecht wegen der ganzen Sache. Ich hoffe nur, die Kleinen haben ihre Lektion gelernt.«
Winterbeere hauchte seine Brillengläser an, polierte sie, rückte sie auf seiner Nasenspitze zurecht und starrte Bremmun ernst an. »Oh, ich bin sicher, dass sie das haben. Mhm, ganz sicher.«
Ein etwas beschämter Bremmun schlich auf leisen Pfoten hinaus und schloss die Tür vorsichtig hinter sich.
Samkim öffnete ein Auge und unterdrückte ein Kichern.
Bruder Winterbeere drohte ihm mit der Pfote. »Du quirliges kleines Ding hast gelauscht!«
»Hurrhurrhurr! Ich hab’s auch gehört, Herr Beer’wint.«
Der alte Mäuserich schüttelte reumütig den Kopf. »Es ist nicht gut für die Jungen, wenn sie die Älteren Lügen erzählen hören.«
Samkim sprang grinsend vom Bett auf. »Aber Ihr habt keine Lügen erzählt, Bruder. Ihr habt nur vergessen, was für Aufgaben Ihr uns gegeben habt. Kandierte Kastanien zu essen ist harte Arbeit – mein Kiefer tut immer noch weh!«
Arula purzelte auf den Boden und klammerte sich an ihr Kissen. »Japp, hurr, un’ dein Spiel spiele. Oioioi, de Kieselsteen un’ Eecheln sin’ furch’ba’ schwer. Meene junge Muskeln sin’ sicher für imma en’zünd’, hurr!«
Ein Lächeln huschte über Winterbeeres Gesicht. Es wurde bald von einem Grinsen abgelöst, als sich sein Glucksen in ein zwerchfellzerreißendes Lachen verwandelte. Arula und Samkim wälzten sich vergnügt auf dem Boden.
»Ahahahahoho! Der alte Bremmun hat ein Gesicht gemacht wie … ahahaha! … wie ein Frosch, der an ’nem Stein lutscht. Hehehe!«
Ein kleiner Haselmäuserich folgte Äbtissin Lebewohl über den Rasen von der Abtei bis zum Torhaus. »Mudda Lebe, Mudda Lebe, wann is ’n Namenstag?«
Die alte Maus richtete ihre Augen verzweifelt gen Himmel. »Dummel, hör bitte auf, mich zu nerven. Ich habe noch nicht gefrühstückt und ich kann nicht richtig denken, wenn ich hungrig bin. Jetzt verschwinde endlich!«
Der kleine Haselmäuserich zupfte weiter an Lebewohls Gewand und schrie. »Oooch! Büdde, Mudda Lebe, sag endlich, wann Namenstag is, sonst wird Dummel gans rot un’ weint!«
Die Äbtissin hielt inne und hob streng die Pfote. »Du wirst rot und weinst, ja? Drohst du mir?«
Der Kleine lächelte und nickte. »Mhm, ja, Dummel wird gans rot un’ weint un’ weint un’ weint gans doll!«
Hektor Dickicht humpelte aus dem Pförtnerhaus und wedelte mit seinem Gehstock in der Luft. »Holla, wer ist denn für das ganze Geschrei hier draußen verantwortlich? Na, piks mich einer, wenn das nicht der junge Dummel ist. Was ist los mit dir, Kleiner?
Die Äbtissin bemühte sich, Dummels Pfoten von ihrem Gewand zu lösen. »Ist das zu fassen, Hektor? Dieser Schlingel sagt, dass er rot werden und ganz doll weinen wird, wenn ich keinen Namenstag festlege.«
Der Igel warf seinen Eschenstock in die Luft und fing ihn wieder auf. »Dummel, du kleiner Pudding, das ist eine gute Idee. Kommt schon, Gnädigste, legt einen Namenstag fest, sonst schließe ich mich ihm an. Ihr habt mich noch nicht weinen hören – ich bin ein Meisterheuler und ich kann auch rot werden!«
»Schäm dich, Hektor. Mir ist noch nicht einmal ein passender Name für die Jahreszeit eingefallen.«
Dummel klammerte sich wieder an ihr Gewand. »Ooooch, snell, denk nach, Mudda Lebe!«
Wieder versuchte sie, ihn loszuwerden. »Der Sommer der lästigen Haselmaus – das ist alles, was mir im Moment einfällt!«
Traute Dickicht eilte aus dem Pförtnerhaus. »Der Sommer des boshaften Bogenschützen trifft’s wohl eher. Oh, dieser furchtbare junge Samkim!«
Trugg und seine Schwester Trugan kamen auf sie zu. Zwischen sich trugen die beiden Otter ein feines Netz voller Süßwasserkrabben. Trugg hielt es stolz hoch. »Wir haben sie im Morgengrauen im Abteiteich gefangen, Gnädigste.«
»Das gibt eine leckere Suppe mit viel Pfeffer und Rohrkolbenspitzen. Da brat mir einer ’nen Storch, ich hab noch nie so viele Krabben in diesem Teich gesehen wie in dieser Jahreszeit. Schätze, die alte Forelle frisst sie nicht – sie ist zu fett und faul geworden. Seht mal, da ist sie.«
Die alte Forelle planschte laut an der Oberfläche herum. Als sie in Richtung des Teichs gingen, wedelte Hektor mit seinem Stock. »Der Fisch ist älter als ich. Ich erinnere mich, dass er schon fast ausgewachsen war, als ich noch ein kleines Jungtier war. Grundgütiger!«
Sie standen am Rande des Teichs. Knapp unter der Oberfläche beobachtete die Forelle sie, während sie ihr Maul langsam öffnete und wieder schloss. Trugg schwenkte das tropfende Netz vor ihr. »Guck mal, Matrose, wir haben all deine Krabben geklaut!«
Der große Fisch machte einen halbherzigen Sprung und bespritzte sie mit Wasser, als er zurück in den Teich fiel.
Dummel streckte ihm die Zunge heraus und rümpfte die Nase. »Faule, olle Forelle!«
Traute Dickicht zog eine getrocknete Pflaume aus ihrer Schürzentasche und steckte sie dem Kleinen triumphierend in den Mund. »Das ist es, der Sommer der faulen Forelle!«
Die Äbtissin verzog das Gesicht. »Ach, ich weiß nicht, ob mir das gefällt. Jahreszeiten werden normalerweise nach Bäumen oder Blumen benannt. Sommer der faulen Forelle … Hm, ein bisschen ungewöhnlich, aber in Ermangelung eines besseren Namens wird er wohl reichen müssen. Wann soll das Fest stattfinden?«
»Morgen!«, riefen alle zusammen.
Äbtissin Lebewohl sah ihre Freundin an. »Das ist sehr kurzfristig für einen Namenstag. Schaffst du das, Traute?«
Traute Dickicht richtete entschlossen ihre Schürze und ihre Mütze. »Ich bin bereit, es zu versuchen, Lebewohl.«
Daraufhin jubelten alle. Hektor Dickicht stolperte über seinen Stock und fiel hin und der kleine Dummel wurde übermütig und sprang über Hektor hinweg direkt in den Teich. Trugan watete schnell hinein und zog den tropfenden Haselmäuserich heraus.
Nach dem Frühstück sprach sich das Ereignis in der ganzen Abtei herum. Hinten an der Südmauer johlten und sprangen die jungen Tiere vor Freude in die Luft, darunter auch Samkim und Arula.
»Er ist morgen! Hurra! Der Namenstag ist morgen!«
»Es wird ein Fest geben! Wir feiern ein Fest!«
In einen sauberen, trockenen Kittel gekleidet marschierte Dummel die Treppe hinauf und die Mauer entlang, wobei er den traditionellen Reim sang, den die Kleinen in Erwartung des Festes aufsagten.
»Essen un’ Spiel’n zu Hauf.
Sag mir, warum, sag mir, wosu.
Servier’s un’ iss es auf.
Probier’s mal, probier’s, nur su.
Namenstag, Namenstag, Spaß- und Spieltag,
Kommt, Bruda, Schwesta, so wie ich’s mag.
Die Jahreszeit hat ’nen Namen!«
Die große Joseph-Glocke hallte freudig durch den sonnigen Morgen und die Vögel zwitscherten aufgeregt über den fröhlichen Lärm. Alte Abteibewohner, die nicht in den Küchen beschäftigt waren, versammelten sich auf der Wiese, um die Jungen zu beobachten und sich an längst vergangene Namenstage zu erinnern, an denen sie gern teilgenommen hatten.
Auch andere Geschöpfe außerhalb von Rotwall hörten an diesem Morgen den Jubel – Dellauge und Tura, die beiden Hermeline, die einige Wochen zuvor aus Feragos Armee desertiert waren. Sie lagen im Graben auf der gegenüberliegenden Seite des Weges, der an der Westmauer vorbeiführte. Das tage- und nächtelange Umherstreifen durch die westliche Ebene, bei dem sie plündernd, bettelnd und stehlend ihr armseliges Dasein gefristet hatten, hatte Spuren in ihren hageren Gesichtern hinterlassen. Dellauge schlief in der warmen Morgensonne und träumte von gebratenem Fleisch und Rotwein, als Tura ihn rüttelte. »Hörste das, Kumpel?«
Dellauge setzte sich auf. Er rieb sich das Gesicht mit einem zerlumpten Hemdsärmel, stocherte mit einer Pfote in seinem Ohr herum, um es zu säubern, und legte den Kopf schräg. Allmählich verzog sich sein hässliches Gesicht zu einem schiefen Grinsen und er bewegte seine Pfote im Takt des Gesangs. »Ja, jaha, genau! Hört sich an wie ’n guter, altmodischer Rummel. Was hältste davon, Kumpel?«
Tura kaute auf einem Grashalm herum. Sein Magen knurrte laut. Er verzog das Gesicht und spuckte das Gras aus. »Ähm, ähem, ich würd sagen, für mich hört sich’s genauso an wie für dich. Irgend ’n Tier, das ’ne Glocke läutet, und ’n Haufen junger Tiere, die Krach machen. Klingt alles ziemlich gut. Hey, was glaubste, was das für ’n Ort is, Kumpel?«
»Das is ’ne Abtei.«
»Neabtei? Was is ’n ’ne Neabtei?«
Dellauge schubste Tura zur Seite und er rollte hinunter in den Schlamm. »Eine Abtei, Spatzenhirn, eine Abtei. Das muss Rotfall sein oder so ähnlich. Hat mir mal ’n Fuchs von erzählt.«
Tura stand auf und wrang die Feuchtigkeit und den Schlick aus seinem schmutzigen Hemd. »Hä? Du kennst doch gar keine Füchse, Schlabbergesicht. Und wenn doch, dann würden die dich wahrscheinlich nich kennen wollen. Rotfall Neabtei, pah!«
Dellauge sprang ihn an und drückte ihm eine Pfote auf den Mund. »Schnauze, da kommen Tiere.«
Mehrere Maulwürfe kamen im Schlepptau ihres Anführers, des Steigerwurfs, den Weg entlanggetrottet. Die Hermeline beobachteten vom Graben aus, wie der Steigerwurf etwas zur Mauerspitze hinaufrief.
»Jurr, gude Moge, Sankin und ’rula. Seid gude Tier un’ öffnet’s Tor für uns.«
Die Jungen hüpften die Stufen der Westmauer hinunter, um das große Haupttor von Rotwall zu öffnen.
Als die Maulwürfe eintraten, stupste Dellauge Tura an. »Komm schon, Kumpel. Auf geht’s. Stell dir vor, du wärst ’n Maulwurf. Wir schließen uns der Reihe an und marschieren mit ihnen rein!«
Sie huschten über den Pfad und reihten sich hinter dem letzten Maulwurf ein, kauerten sich zusammen und machten maulwurfsähnliche Geräusche. »Huar, Kumpel, ei jurr Gumpel, hurr hurr!« Mit gesenkten Köpfen marschierten sie geradewegs auf Trugg zu.
Der bullige Otter packte die beiden Hermeline am Nacken. »Bei meinen Ruderpinnen, Leute. Wo wollt ihr denn hin?«
Dellauge fiel auf alle viere. Er umklammerte Truggs linkes Bein und jammerte erbärmlich: »Oh, wehe uns, Herr. Die Güte wird Euch ewig treu sein, wenn Ihr Mitleid mit zwei sanftmütigen Tieren habt, die in schwere Zeiten geraten sind!«
Tura schloss sich seinem Gefährten an und umklammerte Truggs anderes Bein. »Wahaah! Ihr seid so ein liebenswertes Geschöpf, Herr. Wir hatten auch mal ’ne Mutter genau wie Ihr. Schickt mich und mein Kumpel nicht weg, mein Herr. Zeigt Erbarmen mit zwei hungernden Unglücklichen. Wahahaah!«
Trugg verschränkte seine Pfoten vor der Brust. Bewegen konnte er sich nicht. Er rief Samkim über das Heulen hinweg zu: »Lauf los und hol Äbtissin Lebewohl, Kleiner. Schnell!«
Als die Äbtissin eintraf, lagen die beiden Hermeline mit dem Gesicht nach unten auf dem Rasen der Abtei, strampelten mit den Gliedmaßen und schluchzten hemmungslos.
Sie hielt beide Pfoten hoch. »Ruhe bitte. Hört auf mit dem Gejammer. Ihr seid nicht verletzt.«
Dellauge schien untröstlich zu sein. Er streute Gras auf seinen Kopf, schlug mit allen Pfoten auf die Erde und schluchzte heiser. »Nicht verletzt?! Aaaaauuuh! Gütige Dame, wenn Ihr nur wüsstet, wie schlimm es ist. Wenn Ihr Hunger, Unglück und das Hinken durchs Land, bis Eure Pfoten bis auf die Knochen abgelaufen sind, nicht verletzt nennt, dann bitte. Und erwähnt auch nicht die Tage voll Kummer und die eiskalten, regnerischen Nächte, in denen ich und mein Kumpel keinen einzigen Lumpen hatten, der uns warm und trocken gehalten und vor Blitz und Donner geschützt hätt. Nicht verletzt, sagt Ihr? Wahahahaah!«
Samkim und Arula mussten über die tragikomische Darbietung der beiden Hermeline kichern.
Äbtissin Lebewohl brachte die Jungen mit einem strengen Blick zum Schweigen. Sie drehte sich zu den Hermelinen um und wandte sich sachlich an sie: »Na, na! Wenn ihr in unserer Abtei bleiben wollt, müsst ihr mit diesem blamablen Schauspiel sofort aufhören. Habt ihr mich verstanden?«
Sofort hörten Dellauge und Tura auf zu heulen und setzten sich auf.
»Heißt das, wir können bleiben?«
»Wir können zu Eurem Rummel kommen und spachteln … ich mein, was zu essen bekommen?«
Die Äbtissin nickte. »Die Rotwall-Abtei ist ein Ort des Friedens und des Überflusses, aber solange ihr hier seid, müsst ihr euch an unsere Regeln halten: in Harmonie mit den Tieren um euch herum leben und den Kranken, den Alten und den ganz Jungen helfen. Außerdem dürft ihr im Zorn niemals eine Pfote gegen ein Tier erheben. Wir sind ein friedlicher Orden, wir bestellen das Land und leben von seinem Reichtum. Wenn ihr bereit seid, euch an unsere Gesetze zu halten, könnt ihr gern hierbleiben.«
Die Worte der Äbtissin ließen die beiden von Neuem beginnen.
»Waahaah! Verzeiht mir, dass ich weine, werte Dame, aber Ihr erinnert mich an meine alte Mutter – sie sah genauso aus wie Ihr!«
»Waaaah! Ich hab meine Mutter zwar nicht gekannt, aber ich bin mir sicher, dass sie auch so ausgesehen hat wie Ihr! Seid gesegnet, gnädige Frau, mit Euren gütigen Augen und Eurer sanften Stimme und …«
Trugg und der Steigerwurf zogen die Hermeline hoch.
Hektor Dickicht sah die Äbtissin zweifelnd an. »Was meinst du, Gnädigste? Mir persönlich gefällt das Aussehen der beiden nicht.«
Der Steigerwurf schloss sich Hektors Meinung an. »Pff, mir auch net. Die seh’n aus wie ’n richtich’s Paar Gulliwäscha!«
Die Äbtissin strich sich nachdenklich über das Kinn. »Hm, ich verstehe, was ihr meint. Was denkst du, Bremmun?«
Das alte Eichhörnchen erinnerte sich an sein hartes Urteil über Samkim und Arula und zuckte unbehaglich zusammen. »Nun, sie sehen wirklich bemitleidenswert aus, Mutter Äbtissin, aber ich denke, die Entscheidung liegt letztendlich bei Euch.«
Dellauges Stimme zitterte angespannt. Er erschlaffte im starken Griff des Steigerwurfs und schüttelte verzweifelt seine Pfoten. »Die Entscheidung liegt bei Euch. Er hat recht, Gnädigste. Schickt uns raus, zurück in die grausame Welt. Wir hätten nie vor Eurer Tür stehen dürfen, zwei so unglückliche Kerle wie wir!«
Trotz seiner Größe hatte Trugg ein weiches Herz. Er schniefte laut. »Sag so was nicht, Kumpel. Unsere Äbtissin hat kein Herz aus Stein.«
Truggs Worte schienen die Äbtissin zu überzeugen, sie nickte entschlossen. »Also gut, ihr könnt bleiben. Aber vergesst nicht: Solange ihr in Rotwall zu Gast seid, müsst ihr euch benehmen, eure Manieren wahren und eure Pfoten bei euch behalten. Ist das klar?«
Dellauge und Tura lösten sich von ihren Fürsprechern. Sie fielen auf alle viere und küssten den Gewandsaum der Äbtissin.
Sie versuchte, sich ihren Ekel nicht anmerken zu lassen, und schüttelte sie ab. »Hier, Samkim und Arula, ich habe eine Aufgabe für euch. Ihr seid für diese beiden Tiere verantwortlich, solange sie bei uns sind. Wenn ihr Hilfe braucht, fragt Trugg oder den Steigerwurf. Ach, wie sehr wünschte ich mir, Rotwall hätte wieder eine Dachsmutter. Gut, zurück an die Arbeit, Bewohner von Rotwall. Es gibt viel zu tun, wenn wir morgen einen prächtigen Namenstag feiern wollen.«
Die Abteibewohner zerstreuten sich, während das Eichhörnchen und die Maulwürfin sich vorstellten. »Ich bin Samkim und das ist Arula.«
»Freut mich, eure Bekanntschaft zu machen, Jungchen. Ich bin Dellauge, das is mein Kumpel Tura. Also, wo essen und schlafen wir?«
Der Geruch von ungewaschenen Hermelinen ließ Arula die Nase rümpfen. »Nee, nee, jurr. Mer müsse noch ’ne Weel’ arbeite, bevor mer esse un’ schlafe könn’. Mer wer’n inne Küch helfe, beim Koche un’ Backe.«
Tura strahlte bei der Erwähnung von Essen. »Kochen und Backen, das hört sich doch gut an, Kumpel!«
Samkim wurde blass. Auch ihm stieg der unappetitliche Geruch des zerlumpten Paars in die Nase. Er packte beide an den Pfoten. »Nicht so schnell, Freunde. Zuerst müsst ihr ein Bad nehmen und saubere Kutten anziehen.«
Dellauge und Tura zuckten entsetzt zurück.
»Baden? Ich nich, Kumpel. Das is ungesund!«
»Dellauge hat recht, Kleiner, baden wär unser Tod!«
Samkim zwinkerte Trugg und dem Steigerwurf zu. »Vielleicht habt ihr Lust, mit unseren Freunden einen Spaziergang am Teich der Abtei zu machen? Im Sommer ist er wunderschön.«
Kurze Zeit später lagen zwei saubere Kutten auf dem Gras am Rande des Teichs. Der Steigerwurf stand da und bedrohte die Hermeline mit einer langen Gardinenstange. Trugg stand mit einem Stück Seife und einem Schrubber im Wasser. Dellauge und Tura klammerten sich in Panik aneinander, als der Steigerwurf sie mit der Stange in Richtung Teich stupste. »Na los, ihr dreckiche Biesta. Wasche wird euch schon net umbringe, hurr hurr.«
»Gnade, Euer Ehren. Das Zeug is Wasser – es is ganz nass!«
»Ja, und da is ’n Fischmonster drin. Ich kann’s sehen!«
Trugg bespritzte sie spielerisch mit Wasser. »Beruhigt euch mal, Leichtmatrosen, wenn ihr ihn nicht stört, stört er euch nicht. Jetzt macht euch die Pfoten nass. Kommt schon, das ist die beste Flieder-Heide-Seife, die es gibt. Versenk mich einer, wenn ihr nicht wie zwei schöne Blumen riecht, sobald ihr hier rauskommt.«
Ein letzter Schreckensschrei ertönte, als der Steigerwurf die beiden Hermeline mit der Gardinenstange ins Wasser schob und drohend am Ufer stehen blieb. »Still jetz, während Meester Trugg eure schmutziche ale Häls’ schrubbt.«
Der Otter stürzte sich auf seine Aufgabe, bückte sich und schrubbte.
»Auua, au au! Die Seife is in meinem Auge, Herr. Ich bin blind.«
»Hilfe, Hilfe!«
»Uaaah! Das Wasser is mir in die Nase gestiegen. Bitte ni… Gluggerblubb!«
Bruder Blasebalg war so breit wie hoch. Der dicke Mäuserich sah vom Trimmen der Kuchenkruste auf und zwinkerte Samkim und Arula zu. »Hoho, was kann ich heute für euch zwei kleine Racker tun?«
Arula band sich eine Schürze um. »Arr, Herr Blas’balg, Ihr wolltet uns doch zeige, wie mer ’nen Großaal-Kuche macht, wisster noch?«
Der Bruder gab jedem von ihnen eine in Honig eingelegte Zwetschge aus einem großen Krug. »Das wollte ich, ja. Hm, man braucht saubere Pfoten, um einen Großer-Saal-Kuchen zu backen. Zeigt sie mir.«
Er begutachtete die vier frisch geschrubbten Pfoten. »Sehr gut! Hm, gut, klettert auf diese Hocker und überprüft mit mir die Zutaten. Hier ist die Liste.«
»Pfeilwurz und Pollenmehl.«
»Gehackte Esskastanje und in Honich eingelegte Zwetschge.«
»Sehr gut. Gezuckerte Veilchen und Himbeeren.«
»Bucheckernflocken, getrocknete Pflaumen und Hagebuttensirup.«
»Wilde Butterblumesahn’, arr, un’ Brombeersahn’, hurr.«
»Sehr gut. Mandelpaste, Grünsaftmilch und junge gezuckerte Ahornblätter. Das scheint alles zu sein.«
Während sie die Zutaten mischten, behielt Bruder Blasebalg sie im Auge. Gleichzeitig beaufsichtigte er die anderen Küchenhelfer. Blasebalg entging nur selten ein Detail.
»Bruder Heimerich, pass auf den Löwenzahnpudding auf, er kocht gleich. Sehr gut. Reibe die Pfeilwurzel und das Pollenmehl zusammen und träufle langsam die Grünsaftmilch hinein. Sehr gut. Dummel! Du sollst die kandierten Kastanien zerkleinern, nicht verschlingen. Ich werde dir den Schwanz mit einer Bratpfanne abschlagen, mein Junge! Jetzt fügst du die gehackten Bucheckern hinzu, wobei du ein paar aufhebst, um sie auf das Mandelmus zu streuen, und gib noch ein paar getrocknete Pflaumen dazu. Arula, bestäube den Boden der Auflaufform mit etwas Pollenmehl. Gut so. Lege die in Honig eingelegten Zwetschgen und Himbeeren so hin: eine Zwetschge, eine Himbeere – in schönen, ordentlichen Reihen. Sehr gut! Wie läuft es mit der Käse-Lauch-Pastete, Schwester Kapuzinerkresse? Dummel! Was habe ich dir gesagt?«
Als der Großer-Saal-Kuchen angerührt und in die Form gegeben war, schoben die beiden Gefährten ihn mit langen Holzschiebern tief in den Ofen hinein. Der herrliche Duft von Heidelbeerküchlein, Haselnuss-Muffins und Haferrosentaschen stieg ihnen aus den oberen Etagen des vierstöckigen
