Verlag: ROWOHLT E-Book Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Redwood Love – Es beginnt mit einer Nacht E-Book

Kelly Moran  

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E-Book-Beschreibung Redwood Love – Es beginnt mit einer Nacht - Kelly Moran

Tierarzt Drake O‘Grady ist in Redwood aufgewachsen. Dieser kleine Ort an der Küste von Oregon ist sein Zuhause, hier hat er die schönsten, aber auch die schlimmsten Erfahrungen seines Lebens gemacht. Zoe Hornsby stand ihm dabei immer an seiner Seite. Sie ist die wichtigste Person in seinem Leben, auch wenn sie ihn öfter zur Weißglut bringt, als er zählen kann. Sie raubt ihm einfach den Verstand. Sodass er etwas vollkommen Verrücktes tut. Wie Zoe zu küssen ... Ein Ort zum Wohlfühlen, drei Tierärzte zum Verlieben. Der finale Band der Redwood-Love-Trilogie

Meinungen über das E-Book Redwood Love – Es beginnt mit einer Nacht - Kelly Moran

E-Book-Leseprobe Redwood Love – Es beginnt mit einer Nacht - Kelly Moran

Kelly Moran

Redwood Love – Es beginnt mit einer Nacht

Roman

Aus dem Englischen von Vanessa Lamatsch

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Tierarzt Drake O’Grady ist in Redwood aufgewachsen. Dieser kleine Ort an der Küste von Oregon ist sein Zuhause, hier hat er die schönsten, aber auch die schlimmsten Erfahrungen seines Lebens gemacht. Zoe Hornsby stand dabei immer an seiner Seite. Sie ist die wichtigste Person in seinem Leben, auch wenn sie ihn öfter zur Weißglut bringt, als er zählen kann. Sie raubt ihm einfach den Verstand. Sodass er etwas vollkommen Verrücktes tut. Wie Zoe zu küssen …

 

Ein Ort zum Wohlfühlen, drei Tierärzte zum Verlieben.

Der finale Band der Redwood-Love-Trilogie

Über Kelly Moran

Kelly Moran lebt mit ihren drei Söhnen in South Carolina, in den Südstaaten der USA. Sie gehört der Autorenvereinigung der Romance Writers of America an und wurde schon mit diversen Preisen ausgezeichnet. Die Trilogie «Redwood Love» ist ihre erste Veröffentlichung in Deutschland. Die Reihe wurde in den USA von Kritikern und Lesern begeistert aufgenommen. So urteilte beispielsweise die RT Book Reviews über Band 1: «So voller Wärme und Gefühl, dass man sich unweigerlich verliebt … Das von Humor, Zärtlichkeit und Sexyness durchzogene Buch ist ein Hauptgewinn.»

Für meinen Schwiegervater Mike, der viel zu früh von uns gegangen ist. Und für alle, die einen wichtigen Menschen verloren haben oder sich um jemanden kümmern, den sie lieben. Gott segne euch.

· 1 ·

«Ich werde dich umbringen.»

Drake O’Grady blieb wie angewurzelt stehen und nahm das Handy vom Ohr, um auf das Display zu schauen.

Jep. Es war definitiv Zoe Hornsby, die ihn angerufen hatte. Aber es war nicht ihre Stimme. Auch wenn Zoe schon öfter damit gedroht hatte, ihn umzubringen, für gewöhnlich tat sie es nicht so direkt, sondern ging etwas subtiler vor. Zoe war temperamentvoll, eigensinnig und hatte ein Rückgrat aus Stahl – und sie war attraktiv und klug dazu –, was sie manchmal zu einer echten Nervensäge machte.

Drake wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn, hielt sich das Handy wieder ans Ohr und rief ihren Namen. Als sie nicht antwortete, seufzte er und sah sich ratlos um. Sie sorgte immer – immer – dafür, dass er sich so fühlte: ratlos, entnervt oder verlegen. Das war ihr liebstes Hobby.

Drake stand hinter seiner Hütte im dichten Wald und erholte sich gerade von einem Fünf-Kilometer-Lauf. Er sehnte sich nach einer Dusche, einem Bier und zwei Stunden Sport im Fernsehen. Tief atmete er den Duft des nahen Pazifiks ein, der sich hier im Wald mit dem Geruch von Kiefern und Moos mischte. Die Sonne war bereits untergegangen und die Luftfeuchtigkeit so hoch, dass ihm das Atmen schwerfiel.

Aber vielleicht lag das auch daran, dass er sich Sorgen machte. Sein Herz schlug bei dem Gedanken, dass Zoe vielleicht nicht alles unter Kontrolle hatte, wild gegen seine Rippen. Es klang, als hätte sie ihr Handy aus Versehen auf Lautsprecher gestellt. Er hörte Rumpeln und Schreie und das Klirren von zerbrechendem Glas. Was bedeutete, dass Zoes Mom einen schlechten Abend hatte. Und da Zoe nicht antwortete, hatte sie …

«Sie hat sich wieder mal auf ihr Handy gesetzt und die Schnellwahltaste gedrückt.» Drake warf einen Blick auf seinen treuen Deutschen Schäferhund Moses, der mit heraushängender Zunge vor seinen Füßen saß. Könnten Hunde mit den Schultern zucken, Moses hätte es getan.

Obwohl er und Zoe schon seit der Zeit befreundet waren, als sie noch Windeln getragen hatten, und sie beide in der Tierklinik arbeiteten – sie als Hundefriseurin, er als Tierarzt –, mischte Drake sich ungern in ihre Angelegenheiten ein. Zoe war ihre Unabhängigkeit sehr wichtig, und sie ging mit der frühen Demenz ihrer Mutter, die vor ein paar Jahren diagnostiziert worden war, um wie eine Heilige.

«Mama, bitte.»

Drakes Magen verkrampfte sich, als er den flehenden Ton in Zoes Stimme hörte. Mit klopfendem Herzen überlegte er, ob er sich einmischen sollte oder nicht. Sie würde ihn zum Dank wahrscheinlich verstümmeln. Aber zum Teufel damit. Er konnte sich einfach nicht mehr länger zurückzuhalten. Also pfiff er nach Moses und öffnete die Tür, um den Hund ins Haus zu schicken.

«Ich komme gleich zurück. Trink nicht das ganze Bier, während ich unterwegs bin.»

Wuff.

«Das habe ich gehört.»

Mit schweißnassem T-Shirt und schmerzenden Muskeln – weil er nach dem Laufen keine Dehnübungen gemacht hatte – kletterte Drake hinter das Lenkrad seines Pick-up-Trucks. Er beendete die Handyverbindung, starrte aus der Windschutzscheibe, knirschte mit den Zähnen und legte den ersten Gang ein. Er würde kurz bei ihr vorbeifahren und nach zehn Minuten wieder verschwinden. Dann konnte er seinen Freitagabend weiter genießen. Allein.

Er fuhr auf der langen, gewundenen Privatstraße an den Häusern seiner Brüder Flynn und Cade vorbei, dann an dem Heim seiner Mutter. Bald darauf bog er auf die gepflasterte Straße durch den Kern der Kleinstadt Redwood ein. Die Leute waren unterwegs, um den Sommer in Oregon zu genießen, aßen Eis und schlenderten die Bürgersteige entlang. Altmodische Laternenpfähle warfen unter dem Sternenhimmel ein gelbliches Licht auf die Straße.

Er fuhr hier nur mit Schrittgeschwindigkeit, wobei er mit den Fingern aufs Lenkrad trommelte und jeden Blickkontakt mit Fußgängern vermied. Blickkontakt ermunterte zu einem … Schwätzchen. Drake schüttelte sich angewidert.

Nach mehreren Blocks und ein paar Schlenkern hatte er Zoes Viertel erreicht. In diesem älteren Teil der Stadt standen hauptsächlich kleine Häuschen mit winzigen Vorgärten, die vor Blumentöpfen nur so überquollen. Glühwürmchen blinkten über den ordentlich gemähten Rasenflächen. Er fuhr in die Einfahrt von Zoes Haus, schaltete den Motor aus und stieg die Verandastufen hinauf.

Rein und wieder raus. Zehn Minuten.

Im Haus erklang ein hohes Kreischen. Drake rieb sich den Nacken, während er darauf wartete, dass Zoe auf sein Klopfen reagierte. Als er gerade die Faust für einen weiteren Versuch erhoben hatte, wurde die Tür aufgerissen.

Zoe versuchte, mit ihren ein Meter sechzig den Türrahmen auszufüllen. Sie war ein winziges Ding, auch wenn ihr forsches Auftreten verhinderte, dass irgendwer das jemals wirklich bemerkte. Sie trug eine abgeschnittene Jeans und ein weißes Tanktop und stemmte eine Hand in die Hüfte.

Und Himmel. War es denn zu viel verlangt, dass sie einen BH trug? Um auf keinen Fall auf ihre Nippel zu starren, die ihn fröhlich begrüßten, sah Drake Zoe in die haselnussbraunen Augen. Sie wurden von dunklen Wimpern umrahmt, schillerten grün, manchmal auch grau oder blau und wirkten zu groß für ihr schmales Gesicht. Ihr ehemals braunes, schulterlanges Haar war zu einem unordentlichen Knoten aufgesteckt und leuchtete momentan in einem lächerlich grellen Pink. Seit einem Jahr färbte sie ihre Haare in unnatürlichen Farben. Er hatte keine Ahnung, warum.

«Es passt gerade gar nicht, Drake.»

Wie um ihre Aussage zu unterstreichen, erklang aus dem Haus ein Knall.

«Ach, wirklich?»

«Zoe? Zoe, Liebes?» Eine Frau trat aus dem Haus nebenan, lehnte sich über das Verandageländer und knetete nervös ein Küchentuch. Ihr junges Gesicht wirkte genervt und gleichzeitig schuldbewusst. «Die Kinder sind gerade eingeschlafen. Besteht irgendeine Hoffnung, dass deine Mom sich bald beruhigt?»

Rums.

Zoe schloss die Augen und seufzte. Ihre Schultern sanken nach unten, und sie streckte den Kopf aus der Tür. «Tut mir leid, Mary. Ich bemühe mich wirklich.»

«Ich weiß. Ich weiß, dass du das tust, Liebes.» Sie biss sich auf die Lippe. «Kann ich irgendetwas tun?»

Das musste Drake ihren Nachbarn lassen. Sie waren gute Menschen, die die Hilfe leisteten, die ihnen eben möglich war. Aber die dunklen Ringe unter Zoes Augen und die Tatsache, dass sie dünner war als je zuvor, bewiesen deutlich, dass die Hilfe nie ausreichte. Die Demenz ihrer Mutter war im letzten Jahr schnell fortgeschritten, und Zoe tat ihr Möglichstes, sie bei sich zu Hause zu behalten – und brachte sich damit fast selber um.

«Danke. Ich bin okay.» Sie verschränkte die Arme und wartete, bis die andere Frau wieder im Haus verschwunden war, bevor sie etwas sagte. «Die Apotheke hat unsere Medikamenten-Bestellung verbummelt, also musste ich eine Stunde warten. Daher hat Mom ihr Beruhigungsmittel noch nicht bekommen. Und da ihre abendliche Verwirrtheit immer schlimmer wird, ist sie durcheinander und wütend. Ich schaffe es einfach nicht, ihr die Pillen zu geben.»

Drake nickte. Abendliche Verwirrtheit – ein häufiges Symptom bei Leuten mit Alzheimer und Demenz – war Zoes schlimmster Feind. Je später es wurde, desto desorientierter wurde ihre Mutter. Drake trat um Zoe herum ins Haus, wobei er einen umgestürzten Beistelltisch und eine umgeworfene Lampe entdeckte. Überall um die Kücheninsel herum lagen Spaghetti verteilt.

Zoe folgte seinem Blick. «Damit hat alles angefangen. Sie hat behauptet, ich wolle sie vergiften. Feng-Shui mit Pasta. Sieht doch nett aus.»

Zumindest war ihr Sinn für Humor noch intakt.

Sie rieb sich erschöpft das Gesicht. «Was willst du überhaupt hier?»

«Du hast mich angerufen.»

Sie runzelte die Stirn, mit genau demselben störrischen Ausdruck, den sie schon als Kind immer zur Schau getragen hatte. «Habe ich nicht.»

«Ich bin mir da ziemlich sicher.» Da sie kurz davorstanden, einen Habe-ich-nicht-hast-du-doch-Kampf auf Kindergarten-Niveau zu starten, packte er sie an den Schultern, drehte sie um und zog ihr Handy aus ihrer hinteren Hosentasche. Dann hielt er ihr das Gerät mit hochgezogenen Augenbrauen vors Gesicht.

«Mein Hintern hat dich schon wieder angerufen. Tut mir leid.» Sie nahm ihm das Handy ab und legte es zur Seite. Röte stieg an ihrem Hals nach oben. Sofort fühlte er sich wie ein Idiot, weil er sie in Verlegenheit gebracht hatte. Das kam bei ihr nicht oft vor. Sie nahm die Schultern zurück, als sammele sie alle Kraft für einen letzten Diva-Auftritt. «Es sei denn, das war nur eine Ausrede, um mir an den Hintern zu fassen. Dann tut es mir nicht leid.»

Und da war wieder die Zoe, die dafür sorgte, dass seine Schläfen vor Schmerz pulsierten und sein linkes Auge zuckte.

Er kniff warnend die Augen zusammen, obwohl er wusste, dass sie ihn nur reizen wollte. «Ich habe dir noch nie an den Hintern gefasst.»

«Doch. Gerade eben.»

«Um dein …» Er atmete tief ein, um nicht die Geduld zu verlieren. «Wieso versuche ich überhaupt, mich zu rechtfertigen?»

Sie verdrehte die Augen und tat die Diskussion mit einer wegwerfenden Geste ab. «Entspann dich. Ist schon eine Weile her, dass mein Hintern irgendeine Form von Aufmerksamkeit bekommen hat. Ich sollte dir vermutlich danken.»

Drake biss die Zähne zusammen, um nicht irgendetwas Peinliches von sich zu geben. Vier Jahre … Vier Jahre lang hatte er in einer Art Autopilot-Modus gelebt, sich wie betäubt gefühlt. Ein Geist unter Lebenden. Der Tod seiner Frau Heather, die an Eierstockkrebs gestorben war, hatte ein gähnendes Loch in seinem Herzen hinterlassen; wo einmal Liebe gelebt hatte, hatte der Krebs jede Hoffnung getötet. Und in all dieser Zeit war die Frau, die jetzt vor ihm stand, die Einzige gewesen, die irgendwelche Gefühle in ihm geweckt hatte.

Vor allem Irritation. Aber auch das war ein Gefühl.

Catherine erschien am Ende des kurzen Flurs. Sie trug nur ein verknittertes Nachthemd, das über ihre Schulter nach unten rutschte. Ihr Haar hatte dieselbe Farbe wie Zoes Naturton, und beide hatten denselben elfenhaften Körperbau. Bevor die Krankheit ihren Geist zerstört hatte, hatte Catherine Zoe allein großgezogen und ihre Tochter zu der unabhängigen, selbstbewussten Frau gemacht, die sie heute war. Die beiden waren eher Freundinnen gewesen als Mutter und Tochter.

Doch jetzt erkannte Drake in Catherines Augen nur dumpfe Verwirrung und einen Hauch von Angst. Sein Magen verkrampfte sich wie immer, wenn er sah, was aus der einst starken Frau geworden war. Und er wollte sich lieber nicht vorstellen, wie es Zoe ging, wenn er sich schon nach fünf Sekunden in Catherines Gegenwart so fühlte. Er hatte miterlebt, wie Heather immer kränker wurde und langsam verging. Und das war das Schwerste gewesen, was er je in seinem Leben ertragen musste.

«O Dreck.» Zoe packte so schnell seinen Arm, dass er überrascht zusammenzuckte, und trat zwischen ihn und seine Mutter.

Catherine hob den Arm.

«Duck dich …» Ein Buch flog durch den Raum und traf Zoe in den Rücken. Sie schnappte nach Luft und schloss für einen Moment die Augen, dann ließ sie ihre Stirn an seine Brust sinken. «Verdammt, das hat weh getan. Sie wirft schon den ganzen Abend mit Sachen.»

Er erstarrte, schockiert, weil Catherine nie zuvor Anzeichen von Gewalttätigkeit gezeigt hatte. Sie hatte zwar oft herumgebrüllt und Zimmer verwüstet wie ein Einbrecher, doch noch nie hatte er solche Aggression gegen ihre Tochter erlebt. Fassungslos starrte er das Taschenbuch vor seinen Füßen an.

Zoes Duft, ein leichter Hauch von Lavendel, stieg ihm in die Nase, umhüllte sie beide und erinnerte ihn daran, wie nahe sie sich gerade waren. Bei ihrer Berührung hob er die Hände, fast als wolle er sich ergeben. Es war lange her, dass sie sich berührt hatten, und sei es auch nur aus Versehen. Er versuchte, seine Atmung zu beruhigen … und herauszufinden, was diese Nähe eigentlich mit ihm anstellte … dann riss er sich zusammen.

Wut sorgte dafür, dass sein Puls zu rasen begann. Er schob Zoe ein kleines Stück von sich und biss die Zähne zusammen. «Hast du mich gerade abgeschirmt? Was zur Hölle soll das, Zoe?» Er ließ seinen Blick über ihr schmerzerfülltes Gesicht gleiten. «Geht es dir gut?» Die Art, wie sie ihre Finger in seinen Oberarm krallte, sprach nicht dafür.

«Alles okay.» Langsam, das Gesicht immer noch verzogen, richtete sie sich auf. «Mama, schau mal, wer vorbeigekommen ist.»

Drake kannte seine Rolle, also lächelte er und trat einen Schritt von Zoe zurück. «Hey, Cat. Ich bin zu Hause.» Aus irgendwelchen Gründen kam Cat mit Männern besser zurecht als mit Frauen. Im letzten Jahr war sie in eine Zeit vor Zoes Geburt abgerutscht und hielt Drake – sowie die meisten anderen Männer, denen sie begegnete – für Zoes Onkel.

Cats verwirrter Blick saugte sich an ihm fest. «Jimmy?»

Drake warf einen schnellen Blick zu Zoe und fragte leise, fast unhörbar: «Wer ist das?» Cats Bruder hieß Ed.

«Ich glaube, das war mein Dad», flüsterte sie zurück.

Jetzt drehte Drake sich ganz zu ihr um, weil ihm die ausdruckslose Maske nicht gefiel, die sie aufgesetzt hatte, um ihre Gefühle zu verbergen. «Ich dachte, du hättest deinen Vater nie kennengelernt.» Soweit er informiert war, kannte Zoe nicht mal den Namen des Kerls.

«Habe ich auch nicht. Er ist abgehauen, als sie schwanger war, und nie zurückgekommen. Aber ich halte es für wahrscheinlich – so, wie sie seinen Namen ausspricht und nach dem, was sie sonst über ihn sagt.»

Er nickte, wobei er sich gleichzeitig fragte, was er jetzt tun sollte. «Wo sind ihre Medikamente?»

«Auf dem Küchentisch, im Becher.»

«Jimmy? Bist du das?»

Lächelnd ging er zu Cat und legte ihr einen Arm um die Schulter. «Ja, ich bin’s. Aber es ist schon sehr spät. Wie wäre es, wenn ich dich ins Bett bringe und wir uns morgen in Ruhe unterhalten?»

Sie schien darüber nachzudenken, ihr Blick unruhig. «Ich schätze, das wäre in Ordnung.» Dann warf sie Zoe einen zornerfüllten Blick zu. «Wer ist dieses Flittchen?»

Während Zoe diese Worte verarbeitete, schluckte sie schwer und ließ den Kopf hängen. «Ich bin Ihre neue Nachbarin. Ich habe nur einen Teller mit Cookies vorbeigebracht.» Ihre Stimme brach fast, sodass sie sich räuspern musste. «Ich werde jetzt wieder gehen.»

Vollkommen niedergeschlagen schlurfte sie in die Küche. Es kostete Drake all seine Kraft, das Theater weiterzuspielen und ihr nicht zu folgen. Jeden Tag. Zoe tat das jeden Tag.

Er nahm den Becher mit den Tabletten vom Küchentisch und führte Cat mit einer sanften Hand am Ellbogen in ihr Schlafzimmer. Sie hatte den Raum vollkommen verwüstet. Schubladen waren herausgerissen, und überall lag Kleidung herum. Das Bettzeug war in einem Haufen in der Ecke aufgetürmt.

Eilig brachte er den Raum in Ordnung, soweit es eben möglich war, und überzeugte Cat, die Medikamente zu nehmen. Er blieb noch einen Moment bei ihr sitzen, nachdem er sie ins Bett gebracht hatte, um sicherzustellen, dass sie auch dortblieb. Zoe brauchte verdammt noch mal ein paar Minuten Ruhe und Frieden.

«Ich kann nicht glauben, dass du hier bist, Jimmy. Ich habe dich vermisst.»

Das Einzige, was noch härter sein musste, als mit jemandem in diesem Zustand zu leben, war es, selbst in diesem Zustand zu leben. Seine Kehle war wie zugeschnürt, als er sie anlächelte. «Ich dich auch. Du solltest dich jetzt ausruhen.»

Ihre Lider sanken nach unten. «Ich glaube, wir sollten das Baby Diane nennen. Oder vielleicht Zoe.» Sie gähnte, die Augen bereits geschlossen.

Das bedeutete wohl, dass dieser Jimmy tatsächlich Zoes Dad war. Man musste schon eine ganz besondere Art von Arschloch sein, um eine schwangere Frau zu verlassen, ohne einmal zurückzuschauen. Kein Unterhalt. Keine Geburtstagskarten. Und jetzt musste Zoe sich ganz allein um ihre Mutter kümmern.

«Zoe ist ein wunderschöner Name.» Und Zoe war auch ein toller Mensch, sosehr sie ihn mitunter auch nerven mochte.

Als er kurze Zeit später die Küche betrat, bemerkte er, dass Zoe das Spaghetti-Chaos beseitigt und den Beistelltisch wieder aufgestellt hatte. Eigentlich war das ein süßes kleines Häuschen. Zoe war hier aufgewachsen und nach der Diagnose bei ihrer Mutter wieder eingezogen. Aber das Haus passte nicht zu Zoes Persönlichkeit, ganz anders als ihre frühere Wohnung mit ihren blau-rosa gestreiften Vorhängen, dem Sofa mit Blumenmuster und den verkratzten Kiefernholztischen.

Er fand sie am Küchentisch, wo sie in einem Teller mit Nudeln herumstocherte. «Sie schläft.»

«Danke.» Sie weigerte sich, ihn anzusehen, und starrte stattdessen weiter auf ihr Essen. Schweigen breitete sich aus. «Hast du Hunger?»

«Nein.» Er zog einen Stuhl heraus und setzte sich neben sie.

«Die Spaghetti sind aus dem Topf, nicht vom Boden.» Ihre Augen funkelten herausfordernd, als wäre diese Aussage möglicherweise nicht ganz wahr und er müsste es halt riskieren.

Er schüttelte den Kopf, versuchte zu lächeln und versagte dabei jämmerlich.

Sie war so oft für ihn da gewesen, und jetzt fiel ihm nichts ein, was er sagen konnte. Sie war Heathers beste Freundin gewesen, und auch er hatte in ihr immer eine verdammt gute Freundin gehabt. Er war kein Mann vieler Worte, aber Zoe war die einzige Person, die ihn vollkommen sprachlos machte. So war es schon immer gewesen. Es war keine Nervosität, nicht wirklich … aber es war … irgendetwas.

Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf. «Ich glaube, du hast recht damit, dass Jimmy dein Vater ist.» Er hielt inne. «Hast du je versucht, ihn zu finden?»

Sie stieß ein Geräusch aus, das an ein trockenes Lachen erinnerte. «Kein Interesse. Er wollte nicht bleiben. Ich brauche ihn nicht.»

Dem konnte Drake nur aus tiefstem Herzen zustimmen.

Ihre Katze rieb sich an seinem Bein. Froh, seine Hände beschäftigen zu können, hob er den weißen Fellball auf seinen Schoß. Cotton – so hatte sie den Kleinen genannt. Der arme Kerl hatte sich wahrscheinlich während der ganzen Aufregung versteckt. «Seine Impfungen stehen demnächst an, richtig?»

«Wahrscheinlich. Ich werde mir von Avery einen Termin bei Cade geben lassen.»

Avery war ihre Praxismanagerin und die Ehefrau seines jüngsten Bruders. Cade übernahm die meisten Praxis-Termine in der tierärztlichen Klinik. Flynn, Drakes anderer Bruder, machte die Hausbesuche. Drake selber operierte meistens, aber auch er hatte an zwei Tagen Patiententermine, genau wie Flynn.

«Ich werde ihn nächste Woche hier impfen.» Sie hatte genug um die Ohren. «Und ihn dann auch mal untersuchen.»

Sie hob den Kopf und sah ihn an. Ihre Blicke saugten sich aneinander fest.

Drake wusste nicht, was er von ihrer Miene halten sollte und auch nicht, wieso sein Magen sich dabei scheinbar einmal um sich selbst drehte, also senkte er den Blick auf den Kater. Cotton knetete im stummen Verlangen nach Streicheleinheiten seinen Arm. Brav begann Drake, das Fellknäuel zu streicheln, um sich von seinem tiefen Schnurren beruhigen zu lassen.

Zoe schob ihren Teller weg, ohne einen Bissen gegessen zu haben. «Wenn es so weitergeht, muss ich Schalldämpfer im Haus anbringen. Mama wird lauter. Und ihr Zustand verschlimmert sich. Ich habe Glück, dass die Nachbarn noch nicht die Polizei gerufen haben.»

Himmel. «Zoe …»

«Nicht.» Ihre vollen Lippen wurden dünn. «Nicht du auch noch. Ich habe ihr versprochen, sie zu Hause zu behalten. Du hast das für Heather auch getan.»

Sie hatten ihren Namen so lange nicht laut ausgesprochen, dass es ihn eine Sekunde innehalten ließ. «Heather hatte Krebs im Endstadium. Dem Körper deiner Mom geht es gut. Es ist ihr Verstand, der verlorengegangen ist. Eines Tages könnte sie dich wirklich …»

«Was? Mich verletzen? Sie würde nie …»

«Sie hat heute Abend ein Buch nach dir geworfen.» Drake schloss die Augen, um den inneren Aufruhr zu unterdrücken, die Stimme ruhig zu halten. Zoe war genauso wenig für die Situation verantwortlich wie Cat. Fünfundfünfzig Jahre alt und ihr Leben war zu Ende. «Sie ist nicht mehr die Frau, die dich aufgezogen hat. Diese Person kennt dich nicht. Sie ist verwirrt, verängstigt. Nicht einmal sie selbst konnte ahnen, wie schlimm es werden würde.»

Zoe stand so schnell auf, dass ihr Stuhl quietschend über den Boden rutschte, dann wandte sie ihm den Rücken zu, um ihren Teller zur Spüle zu tragen. «Ich kann sie nicht ins Heim geben, Drake.»

Nein, das würde sie nicht tun. Nicht einmal, wenn sie sich damit selbst in Gefahr brachte. Loyal bis zur Selbstaufgabe, so war Zoe. Er konnte es ihr nicht mal übelnehmen. Ginge es um seine eigene Mutter, hätte er dasselbe getan. Aber er hasste es, sie so zu sehen. Die knallharte Zoe Hornsby, in sich zusammengesunken wie ein geplatzter Ballon.

«Ich sollte jetzt gehen.» Er stand auf und setzte die Katze auf den Boden. Es überraschte ihn, dass er eigentlich nicht gehen wollte. «Ich sehe dich morgen beim Spiel.» Die Mitarbeiter der Tierklinik hatten sich schon vor Jahren mit den Ärzten und Schwestern aus der Notfallklinik zusammengetan, um im Sommer mit einem Team in der Softball-Liga antreten zu können. Morgen spielten sie gegen die Feuerwehrmänner und Polizisten.

Sie blickte ihn plötzlich an, als sähe sie ihn an diesem Abend zum ersten Mal. «Wieso bist du verschwitzt?»

«Dein Anruf hat mein abendliches Jogging unterbrochen.»

«Oh. Na dann: Gern geschehen.»

Kleine Klugscheißerin. «Weißt du, ein wenig Bewegung würde dir auch guttun.»

Sie stemmte die Fäuste in die Hüften. «Nennst du mich fett?»

Angesichts der Tatsache, dass er sie mit einem Arm hochheben konnte … nein. Sie hatte einen tollen Körper, wenn auch ein wenig zu dünn. Die olivfarbene Haut verdankte sie ihren Roma-Vorfahren, und auf ihrer kecken Nase zeigten sich ein paar Sommersprossen. Lange Beine, geschwungene Hüften und eine schmale Taille. Brüste, die perfekt in seine …

Was zur Hölle?

Er schüttelte den Kopf. «Ich wollte damit sagen, dass man beim Joggen Endorphine ausschüttet und sich die Laune bessert.» Er hielt inne und fragte sich, was zum Teufel er hier gerade tat. «Du könntest abends mit mir laufen gehen.»

Sie sah ihn vollkommen empört an. «Und du nennst dich meinen Freund? Verschwinde aus meinem Haus. Und komm nicht ohne Muffins oder Tequila zurück.»

Ah. Das war die echte Zoe. Viel besser. Es fiel ihm wirklich verdammt schwer, nicht zu grinsen. Doch er schaffte es und ging nach Hause.

· 2 ·

Zoe machte vor dem Match ein paar Probeschwünge an der dritten Base. Es war heißer als in der Hölle, aber sie konnte es kaum erwarten, endlich zu spielen. Ihre samstäglichen Softball-Spiele waren ihre einzige Ablenkung neben der Arbeit. Drakes Tante Rosa passte für sie auf Mama auf, und mit aller Kraft auf einen Ball einzuschlagen war ein sehr befreiendes Gefühl.

Sex wäre besser gewesen, aber es machte so viel Mühe. Flirten, sich verabreden, die Sache zum Abschluss bringen. Wer hatte schon so viel Zeit?

Sie atmete den Duft von frisch geschnittenem Gras und Sonnenschein ein, als sie die gegnerischen Spieler in Augenschein nahm, die sich gerade aufwärmten. Allesamt sahen zum Anbeißen. Es hatte fast den Anschein, als wäre ein heißer Körper die Grundvoraussetzung, in dieses Team aufgenommen zu werden. Sie war mit den meisten der Kerle aufgewachsen – war sogar mit ein paar von ihnen ausgegangen –, aber das Schauen tat ja niemandem weh. In keinem der Teams spielten viele Frauen. Allerdings waren auch die anwesenden Damen ganz nett anzusehen, wenn man entsprechend interessiert war.

Die kleinen Tribünen rechts und links des Spielfelds füllten sich langsam. In der Ferne bildeten die Klamath Mountains einen schönen Hintergrund zum Grün des Redwood Parks. In der Ferne hörte man das Rauschen des Pazifiks. Verkäufer boten den Zuschauern Hot Dogs und Popcorn an.

«Hey, vorsichtig.»

Zoe hielt in der Schlagbewegung inne und drehte sich zu Parker Maloney um. Der attraktivste Polizist von Redwood … und inzwischen der Sheriff. Dunkles Haar, leuchtend grüne Augen, mit dem Körperbau eines durchtrainierten Cowboys und der Ausstrahlung eines irischen Schwerenöters. Neben ihm stand Jason Burkwell von der Feuerwache – ein blonder, blauäugiger Schnuckel mit Dreitagebart und einem Grinsen, das einem jede Menge Spaß versprach. Sein T-Shirt dehnte sich über Muskeln, die sie eigentlich ansprechen sollten, denn sie hatte viel zu lang keinen Spaß mehr gehabt.

Sie grinste. «Schaut ihr euch den Gegner genauer an?»

Jasons Blick glitt über ihr weißes Shirt nach unten. «Ich verzichte gerne auf das Spiel, wenn du mit mir durchbrennst. Und dann zeige ich dir meinen Feuerwehrschlauch.»

Parker schüttelte den Kopf. «Sehr originell, Mann. Ehrlich.»

«Schweig still, mein Herz.» Zoe wedelte sich mit der Hand Luft zu, amüsiert von diesem Geplänkel. Die beiden waren nette Kerle, die in ihrem Jahrgang in der Highschool gewesen waren, und hatten schon immer gerne ein wenig geflirtet. «Parker, kann ich mir deine Handschellen leihen?»

«Ich glaube eher nicht.»

Sie runzelte die Stirn. «Seufz. Mann, was bist du für eine Spaßbremse.»

Jason rückte seinen Hut zurecht. «Wie geht es deiner Mom?»

Und da ging ihre gute Laune dahin. «Nicht toll, aber danke, dass du gefragt hast.» Sie dachte zurück an letzte Nacht und seufzte. Drake war ein Geschenk der Götter gewesen – auch wenn sie ihm das nie sagen würde. Ihre Lendenwirbelsäule tat dort, wo das Buch sie getroffen hatte, immer noch weh. Mama hatte wirklich einen guten Wurfarm.

«Tut mir leid, das zu hören.» Jason sah über ihre Schulter. Dann kniff er die Augen zusammen und legte den Kopf schräg. «Gibt es einen Grund, warum Drake O’Grady mich quasi mit Blicken erdolcht?»

Tat er das? Zoes dummes, dummes Herz begann wie wild zu schlagen. Es kostete sie unglaubliche Mühe, sich nicht umzudrehen. Interessante Entwicklung. Aber warum sollte ihn ihr Gespräch interessieren? Sollte Drake tatsächlich genervt sein, weil sie mit den heißesten Kerlen von Redwood sprach? Bei diesem Gedanken wurde ihr ganz warm.

Sie war eine Idiotin.

«Keine Ahnung.» Sie konnte nur hoffen, dass ihre Stimme so desinteressiert klang, wie sie es beabsichtigte.

«Ihr beide geht nicht miteinander aus, oder?» Jasons Blick blieb aufs andere Ende des Spielfelds gerichtet. «Ich wusste nicht mal, dass er schon wieder bereit ist, sich zu verabreden. Aber es ist ja inzwischen auch eine Weile her, seit Heather gestorben ist.»

«Ich versichere dir, wir haben nichts miteinander. Und soweit ich weiß, geht er auch mit niemand anderem aus.» Falls Drake jemals bereit sein sollte, sich wieder in die Dating-Arena zu begeben und zu verlieben, würde er bestimmt nicht an sie denken. Die Vergangenheit hatte das bewiesen.

Parker sah ebenfalls über ihre Schulter. «Nun, entweder gefällt es ihm nicht, dass wir uns unterhalten, oder jemand hat Zielscheiben auf unsere Gesichter gemalt.»

Es musste eine andere Erklärung geben. Wahrscheinlich hatte sie ihn gestern irgendwie wütend gemacht, oder er war sauer, dass sie ihn angerufen hatte. Drake war es vollkommen egal, mit wem sie ausging, mit wem sie abhing oder mit wem sie redete.

Dann fiel ihr etwas anderes ein, und ihr Magen verkrampfte sich. Vielleicht hatte er Mitleid mit ihr, nachdem er gesehen hatte, was bei ihr zu Haue los war. Drake liebte mit seinem gesamten Selbst. Er konnte gar nicht anders. Ob es nun um seine Familie oder Freunde ging – wenn man glücklich genug war, Teil seines engsten Kreises zu sein, kam man automatisch in den Genuss seiner warmherzigen, beschützenden Seite. Egal, wie unterschiedlich sie und Drake charakterlich auch sein mochten, auf seine ganz eigene Weise liebte er sie.

Zoe weigerte sich, länger darüber nachzudenken, also ließ sie ihren Blick über das Spielfeld gleiten, bis sie beim Kerl auf dem Hügel für den Pitcher ankam. «Wer ist der Werfer?» Sie hatte ihn noch nie gesehen.

Parker brummte. «Rick Addison. Neuer Deputy aus Portland. Wenn du mich fragst, ein ziemliches Großmaul.»

Zoe lehnte sich auf ihren Schläger. «Er hat bestimmt keine so große Klappe mehr, wenn ich alles treffe, was er wirft.»

«Wenn du das schaffst, wartet im Shooters ein Bier mit deinem Namen auf dich.» Jason verschränkte die Arme. «Selbst wenn wir deswegen verlieren.»

Sie zuckte mit den Achseln. «Ihr verliert sowieso.»

«Verdammt richtig.» Cade stiefelte heran. Apropos Männer zum Anbeißen …

Dunkelblondes Haar und graublaue Augen. Der geläuterte Playboy der Stadt. Oder – wie sie ihn nannte – Drakes kleiner Bruder.

Cade grinste die Jungs an. «Falls ihr versucht, unsere beste Spielerin abzulenken, das wird nicht funktionieren.» Er sah Zoe an. «Wir wollen anfangen.»

Mit einem Nicken und einem Winken verabschiedete sie sich von den beiden, bevor sie zuließ, dass Cade den Arm um ihre Schulter legte und sie wegführte.

«Wie ich sehe, brichst du immer noch überall in der Stadt die Herzen.»

Sie stieß ihm den Ellbogen in die Seite. «Jetzt, wo du verheiratet bist, muss es ja jemand tun.»

Cade löste sich von ihr und pfiff, um Avery auf sich aufmerksam zu machen, damit sie ihm Hailey aufs Feld bringen konnte. Hand in Hand mit ihrer Tochter kam Avery von der Tribüne und übergab ihm ihre achtjährige Tochter. Hailey quietschte und wedelte mit den Händen, was verriet, dass sie aufgeregt war. Das Mädchen war Autistin und sprach nicht, aber auch Zoe hatte inzwischen gelernt, ihre Gesten zu deuten.

Drake lehnte sich gegen den brusthohen Maschendrahtzaun zwischen Spielfeld und Spielerbank. Er sah aus, als interessiere es ihn nicht im Geringsten, was um ihn herum alles vor sich ging. Er beobachtete, wie Zoe sich näherte, die Augen halb geschlossen und mit ausdrucksloser Miene. Sein Trikot dehnte sich über seinen breiten Schultern und betonte seine schmalen Hüften und die muskulösen Arme. Ein leichter Bartschatten verdunkelte sein Kinn. Dichtes schwarzes Haar schaute unter seiner Baseballkappe hervor, und Augen in der Farbe dunkler Schokolade verfolgten sie, bis sie vor ihm stand.

Fünfzehn Jahre waren seit diesem grauenhaften, schrecklichen Tag vergangen, an dem ihr klargeworden war, dass sie in ihn verknallt war. In dieser Zeit war er mit ihrer besten Freundin ausgegangen, hatte sie geheiratet und schließlich auch beerdigt. Drake hatte nie den Eindruck erweckt, dass er Zoe als Frau wahrnahm, ganz zu schweigen davon, dass er sie attraktiv fand. Also sollte man meinen, sie hätte ihre Lektion inzwischen gelernt.

Zu ihrer Verteidigung konnte Zoe nur anführen, dass sie sich nicht nach dem Unmöglichen verzehrt hatte … und auch nicht nach dem, was sie nie gehabt hatte. Damals hatte sie wie jede anständige Sechzehnjährige ein paarmal in ihr Kissen geweint. Allein, natürlich. Niemand ahnte etwas von ihren Gefühlen. Und wenn sie sich selbst bei Tagträumereien erwischte, was selten genug vorkam, hatte sie diese Gedanken sofort wieder verdrängt.

Aber verdammt, dieser Mann brachte immer noch ihren Puls und ihr Herz zum Rasen. Das war einfach nicht fair. Und wieso starrte er sie so an?

Sie räusperte sich, dann blickte sie sich nach hinten zu dem kleinen Hügel um, wo normalerweise der Werfer seinen Platz hatte und wo jetzt Cade Hailey vor sich aufgestellt hatte. Das Mädchen hielt einen Ball in der Hand. «Was machen sie da?»

«Hailey darf den ersten Ball werfen.» Drakes Stimme war ein tiefes Rumpeln, das die Macht besaß, ihr Inneres bis auf die Grundmauern zu erschüttern. Er wurde selten laut, sprach überhaupt nicht viel, aber der Klang seiner Stimme traf sie jedes Mal mitten in die Brust.

Als sie sich wieder zu ihm umdrehte, war sein Blick immer noch auf sie gerichtet. Und ja. Irgendetwas an ihm war heute anders. «Ist alles okay?»

«Wieso sollte es das nicht sein?»

Vielleicht, weil sich ungefähr hundert Leute auf den Tribünen aufhielten und dazu Spieler auf dem Feld und seine Teamkollegen hinter ihm, er aber nichts anderes tat, als sie zu beobachten. Hätte sie ihn nicht so gut gekannt, hätte sie geschworen, dass er … Interesse zeigte. Aber das war dämlich. Wahrscheinlich dachte er gerade intensiv über eine anstehende Operation in der Klinik nach.

Er deutete mit dem Kinn auf das Spielfeld. «Ich wusste nicht, dass du noch mit Jason und Parker abhängst.»

Verdammt und zur Hölle. War sie irgendwie in eine Dr. Who-Episode geraten?

Statt etwas dazu zu sagen, ging sie um den Zaun herum und ließ sich neben Flynn auf die Bank fallen. Wie seine Brüder war auch Flynn ein attraktiver Kerl, in seinem Fall mit rötlich blondem Haar und haselnussbraunen Augen. Und da der mittlere O’Grady-Bruder taub war, sprach sie gleichzeitig mit Worten und in Gebärdensprache. «Es ist so süß, dass sie Hailey den ersten Wurf machen lassen.»

Er nickte grinsend. «Das war Drakes Idee», gebärdete er.

Dann beugte er sich zur anderen Seite und drückte Gabby einen schnellen Kuss auf die Lippen. Sie arbeitete ebenfalls in der Klinik, als Flynns Helferin. Sie gingen seit dem Frühling miteinander aus und waren als Paar so unglaublich süß, dass es Zoe förmlich die Zehennägel aufrollte.

Nicht, dass sie neidisch wäre oder so.

Zoe richtete ihren Blick wieder aufs Spielfeld. Mit Cades Hilfe hob Hailey den Arm und warf den Ball. Er segelte zu weit nach links, doch der Catcher fing ihn mühelos. Die Menge applaudierte – Avery lauter als alle anderen –, und Hailey quietschte.

Zoe klatschte ebenfalls, grinsend und mit stolzgeschwellter Brust. Sie mochte nur eine Tante ehrenhalber sein, aber Hailey war wirklich ein entzückendes Kind.

Gabby sprang jubelnd auf die Beine, sodass ihr blonder Pferdeschwanz hin- und herschwang. «Sie hat einen ziemlich guten Wurf.»

Drake brummte. «Wir werden sie nächstes Jahr fürs Team anwerben müssen.»

Wann hatte er sich neben sie gesetzt, verdammt noch mal? Und diese schwarzen Sport-Shorts, die seine muskulösen Schenkel umschlossen, gehörten gesetzlich verboten. Sein Unterarm berührte ihren, und sie schnappte nach Luft. Sein Körpers schien doppelt so heiß zu sein wie die Luft um sie herum, und sein Duft vertrieb alle anderen Gerüche aus ihrer Nase. Sie konnte seinen ganz speziellen Duft nie genau benennen. Männlich, voller Testosteron und verboten köstlich kam der Sache am nächsten.

Sobald das Spiel endlich angefangen hatte, entspannte sich Zoe. Ihr Line-up brachte die Stärken ihres Teams zur Geltung. Zuerst schlugen die beiden älteren O’Gradys, gefolgt von Zoe und Cade als letztem Batter. Dann folgten die Ärzte und Schwestern aus der Notfallklinik sowie Gabby am Schluss. Zoes erster Durchgang endete mit einem Strikeout – dreimal daneben –, was sie ziemlich nervte. Kurz darauf übernahmen sie das Feld.

Im neunten Inning lagen sie mit einem Punkt zurück, und Zoe dachte ernsthaft darüber nach, dem Pitcher ihre Faust ins Gesicht zu rammen. Parker hatte recht gehabt. Dieser Kerl war ein Großmaul. Er hatte weite Teile des Spiels damit verbracht, ihrem Team dämliche Kommentare zuzurufen.

Drake stand auf der zweiten Base und Flynn auf der ersten. Zwei Outs. Zoe stiefelte zur Home Plate und nahm ihre Schlagposition ein, die zusammengekniffenen Augen unverwandt auf das Großmaul gerichtet.

Statt sich bereit zu machen, drehte der Pitcher sich um. «Kommt näher ran. Frau am Schlag.»

O zur Hölle, nein. Das hatte er nicht gesagt.

Drakes Schultern hoben sich in einem Seufzen, als hätte er sich bereits damit abgefunden, dass es zum Streit kommen würde. Flynn zog lediglich mitleidig die Augenbrauen hoch, als wäre der Pitcher ein wenig minderbemittelt. Der Rest seines Teams reagierte genau richtig und bewegte sich keinen Zentimeter, womit sie Zoe den Respekt zollten, den sie verdient hatte, und Rick-den-Trottel einfach ignorierten.

Sie wollte ihm eigentlich gerade zeigen, was eine Frau und ihr Schläger für Schaden an seinen Hoden anrichten konnten, als sie von hinten Cades Stimme hörte. «Spar dir das für den Ball auf, Zoe. Du kannst das.»

Sie drehte sich um und grinste Cade zu, dann ging sie wieder in Position. Der erste Ball segelte allerdings genau auf ihren Kopf zu, sodass sie sich in den Staub werfen musste. Die Menge keuchte.

Cade stapfte um den Zaun herum, und Drake marschierte von der zweiten Base heran. Beide kochten vor Wut. Doch Zoe stand auf und winkte sie zurück, ohne sich den Staub von der Kleidung zu klopfen. Das hier war nichts weiter als ein freundschaftliches Softballspiel, verdammt noch mal. Drake stoppte auf ihre Geste hin irgendwo zwischen der ersten und der zweiten Base, die Hände hatte er zu Fäusten geballt.

«Lass sie es ihm selbst zeigen, großer Bruder.» Cade nickte einmal, und Drake kehrte auf seine Position zurück. «Der Blödmann wird nicht wissen, wie ihm geschieht.»

«Ich zittere vor Angst. In meinem Sackschutz klappert’s schon», höhnte der Pitcher.

Zoe verdrehte die Augen. «Was sollte da denn klappern?»

Alle auf dem Feld lachten. Rick biss die Zähne zusammen, riss den Arm zurück und warf.

Zoe schwang ihren Schläger und traf den Ball. Allein das Gefühl des Aufpralls verriet ihr, dass Drake ans Ziel kommen würde. Sie ließ den Schläger fallen und rannte zur ersten Base, während der Ball am Shortstop-Spieler vorbei ins Left Field segelte. Drake erreichte die Home Plate und machte einen Punkt, und Flynn passierte die dritte Base. Zoe berührte die erste Base und rannte zur zweiten weiter. Der Ball flog auf die Home Plate zu, kam aber zu spät, und Flynn schlitterte in Sicherheit.

«Ja!» Auf der zweiten Base wischte sich Zoe mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn und grinste. Ihr Team auf der Bank jubelte, und sie verbeugte sich.

Jason, der auf der Shortstop- Position spielte, kam mit erhobener Hand auf sie zu. «Netter Schlag. Ich schulde dir ein Bier.»

Sie klatschte mit ihm ab. «Danke.»

Rick verstummte für den Rest des Spiels, und dem anderen Team gelang kein einziger Punkt mehr. Zoes Team hatte gesiegt. Alle schüttelten sich die Hände und sammelten ihre Ausrüstung ein.

Doch anscheinend hatte Rick seine Lektion nicht gelernt. Als er an ihrer Bank vorbeikam, rammte er Cade mit der Schulter. «Das nächste Mal werfe ich mit voller Kraft.»

Cade sah hilfesuchend zum Himmel. «Du bist doch bescheuert. Sie hat dich besiegt. Schluck’s einfach.»

Rick beäugte Zoe. «Wo wir gerade von bescheuert sprechen … wie nennt man deine Mom? Die irre Cat?»

Mit einem Brüllen stürzte Zoe sich auf ihn, doch Cade fing sie in der Bewegung ab. «Beruhig dich. Er ist es nicht wert.»

Doch im nächsten Moment traf Jasons Faust das Gesicht des Pitchers, der wie ein Baum nach hinten umfiel. Schnaubend schüttelte Jason seine Hand aus und wackelte mit den Fingern. «Ich würde vorschlagen, dass du liegen bleibst.»

Eine Menge begann sich um sie herum zu versammeln. Einige Leute murmelten unwillig, die Anspannung bei den Spielern beider Teams war mit Händen greifbar – und all dieser Unmut war gegen Rick gerichtet.

Zoe war so wütend, dass sie kaum klar sehen konnte. Cade hielt sie nur noch fester, um sie davon abzuhalten, sich zwanzig Jahre bis lebenslänglich einzuhandeln.

Rick rieb sich über den Mund. Sein Kopf war rot wie eine Tomate, als er Parker ansah. «Ich will Anzeige erstatten. Er hat mich geschlagen.»

Parker zuckte mit den Achseln, nahm seine Baseballkappe ab und kratzte sich am Kopf. «Ich fürchte, ich habe nicht das Geringste gesehen. Wenn es keine Zeugen gab» – er sah sich in der Runde um, aber niemand sagte ein Wort – «läuft es auf dein Wort gegen seines heraus.»

Rick knurrte. Dann stand er langsam auf. «Jetzt verstehe ich, wie das hier in der Pampa läuft. Sie macht die Beine für den Sheriff breit. Aber andererseits … soweit ich weiß, hat sie das ohnehin schon für die Hälfte der Deputys getan.»

«Hurensohn.» Drake schob sich zwischen Jason und Parker hindurch, Mordlust lag in seinem Blick. Faust traf auf Gesicht, und der Volltrottel fiel zum zweiten Mal um. Drake richtete sich schwer atmend auf und rollte die Schulter. «Ich glaube, dir wurde geraten, einfach liegen zu bleiben.»

Zoe blieb vor Überraschung der Mund offen stehen. Ein schneller Blick zu Cade bewies, dass er von Drakes Verhalten genauso schockiert war wie sie.

«Also», meinte Parker, «ich fürchte, auch das hier ist mir komplett entgangen. Gutes Spiel, Leute.»

· 3 ·

«Ich glaube es einfach nicht. Warum habt ihr mich davon abgehalten, ihm eine reinzuhauen?» Zoe nahm einen großen Schluck Bier. Sie saß in einem Liegestuhl in Flynns Garten. Drake saß neben ihr, und sie sah ihn an, als wäre das seine Schuld. «Du durftest ihm eine verpassen. Dabei war es nicht mal deine Mutter, die beleidigt wurde.»

Drake biss sich auf die Wange und starrte in seine eigene Bierflasche. Sein kurzer Ausraster hatte wenig mit dem Kommentar des Pitchers über Cat zu tun gehabt und alles mit dem, was er über Zoe gesagt hatte. In der einen Sekunde war Drake noch drauf und dran gewesen, das Feld zu verlassen … und in der nächsten hatten schon seine Fingerknöchel weh getan.

Nach dem Spiel hatten sie sich bei Flynn zum Grillen getroffen, um noch mal über alles zu reden. Jetzt saßen sie im Halbkreis und unterhielten sich, während langsam die Dämmerung hereinbrach. Averys Tochter Hailey spielte in der Nähe des Waldrandes mit mehreren Hunden. Cades schwarzer Labrador Freeman und Averys junger, gelber Labrador Seraph jagten das Mädchen. Flynns Golden Retriever, Fletch, bellte Drakes neuesten Schützling Cyprus an, den sie davor bewahrt hatten, in verbotenen Hundekämpfen eingesetzt zu werden. Drakes zweiter Hund, Moses, lag in der hohen Wildblumenwiese und beobachtete das fröhliche Treiben. Die Luft roch nach Kiefern und Regen. Glühwürmchen tanzten in der Luft.

Ein ruhiger Abend mit Freunden und Familie. Die perfekte Möglichkeit, sich zu entspannen. Aber Drake war von ruheloser Energie erfüllt und verstand nicht, warum.

Cade, der auf Zoes anderer Seite saß, stieß mit ihr an. «Entspann dich. Wir können das Kautionsgeld für ein anderes Mal aufheben.»

Drake runzelte die Stirn. So wie Parker vor dem Spiel mit ihr geflirtet hatte, würde sie keine Kaution brauchen. Der Sheriff würde sie einfach laufenlassen. Und dann konnte sich Jason auf seine Feuerleiter schwingen und ihre Katze aus einem Baum retten. Oder etwas in dieser Art.

Himmel. Drake rieb sich das Gesicht. Was zum Teufel war nur los mit ihm?

Der Eisbeutel, den er vorhin auf seinem Liegestuhl abgelegt hatte, landete wieder auf seinen Knöcheln. Als er aufsah, stellte er fest, dass Zoe ihn böse ansah.

«Kühl deine Hand. Du bist Chirurg. Du brauchst sie noch.»

Ihre genervte Version fürsorglichen Verhaltens trieb ihn in den Wahnsinn. Sie hatte den Eisbeutel seit dem Essen ungefähr zwanzigmal wieder auf seine Hand gedrückt. «Es ist alles in Ordnung.»

«Nun, mein Herz rast immer noch von dieser wunderbaren Zurschaustellung purer Männlichkeit.» Brent, ihr Tierarzthelfer, legte sich die Hand auf die Brust und klimperte mit den Wimpern, bevor er ein affektiertes Knurren ausstieß, das typisch für ihn war. «Ich hätte dich am liebsten direkt auf dem Feld angesprungen.»

Cade verschluckte sich an seinem Bier.

«Was denn?», verteidigte sich Brent. «Ich würde ja beschämt den Kopf hängen lassen, nur dass ich mich nicht, na ja … schäme.»

Drake ließ den Kommentar einfach an sich abgleiten, weil er nach Jahren der Zusammenarbeit an Brents Theatralik gewöhnt war. Er lehnte den Kopf an die Lehne des Stuhls, starrte zu den Sternen auf, die langsam am pink-grauen Himmel erschienen, und lauschte dem rhythmischen Rufen einer Eule. Eine leichte Brise vertrieb die Schwüle ein wenig.

«Vielleicht sollten wir deine Hand in der Klinik röntgen.» Avery lächelte ihn an. «Nur, um auf Nummer sicher zu gehen.»

Mit dieser Frau hatte Cade wirklich im Lotto gewonnen. Avery hatte ihrer Klinik endlich Ordnung aufgezwungen und dafür gesorgt, dass Drake wieder freiwillig das Haus verließ. Irgendetwas an ihrem ruhigen Charakter sprach die Einsamkeit in ihm an. Und sie passte perfekt zu seinem kleinen Bruder. Die Liebe stand Cade gut.

Gabby legte den Kopf schief. «Sie hat recht. Das könnte nicht schaden.»

Und auch Flynn war ein echter Glückspilz. Gabbys freundliche Persönlichkeit und die Art, wie sie seinen Bruder zwar umsorgte, ihm aber trotzdem seine Freiheit ließ, machte sie zum perfekten Yin zu Flynns Yang. Es hatte die beiden eine gewisse Zeit gekostet, die Grenzen der Freundschaft zu durchbrechen und Liebe zu finden, aber sie hatten es geschafft.

Drake bewegte die Finger. Es tat ziemlich weh, aber gebrochen war nichts. «Es geht mir gut, Kleine. Danke.» Avery beobachtete ihn immer noch aus besorgten, goldbraunen Augen, also ließ er sich nichts anmerken. «Ich wiederhole: Es geht mir gut.»

«Genau, Püppchen.» Brent tätschelte ihr den Arm. «Und wenn es ihm nicht gut geht, kann ja ein bestimmter Tierarzthelfer Krankenschwester spielen.»

Diesmal verschluckte sich Flynn an seinem Getränk.

Vielleicht lag es am Bier, vielleicht auch daran, dass das Gespräch so albern war, aber Drake lachte. «Beinhaltet Krankenschwester spielen auch die dazugehörige Kleidung? Denn dann bin ich raus aus der Sache.»

Zoe keuchte. «Hast du gerade einen Witz gerissen?»

Er warf ihr einen bösen Seitenblick zu. Eines Tages würde er sie so überraschen, dass ihr kein frecher Kommentar mehr einfiel. Dann erstarrte er, weil plötzlich Bilder von ihr im Krankenschwestern-Outfit vor seinem inneren Auge aufstiegen.

Was genau hatten sie ihm heute Abend ins Bier getan?

«Hey, da fällt mir was ein.» Gabby warf Brent einen strengen Blick zu. «Wieso hast du für Avery so einen niedlichen Spitznamen wie Püppchen und nennst Zoe Rakete, während ich mich mit Zuckerpopo zufriedengeben muss?»

Brent stieß ein dramatisches Seufzen aus. «Weil Avery mit ihren runden Wangen und ihrer alten Seele an ein Püppchen erinnert. Zoes Spitzname erklärt sich von selbst. Sie ist eine Rakete. Du bist süß wie Zucker, und dein Po füllt deine Jeans perfekt aus.»

«Wie wahr.» Flynn seufzte.

«Ooooh.» Gabby grinste, offenbar war sie mit der Erklärung zufrieden.

«Ich weiß nicht.» Cade zuckte mit den Achseln. «Meine Frau hat auch einen ziemlich süßen Hintern. Und wenn ich mich richtig erinnere, war Zoes Po auch ziemlich knackig.»

Drake riss den Kopf zu seinem Bruder herum, und sein Puls raste plötzlich.

«Ha.» Zoes Grinsen hätte angreifende Monster gestoppt. Drakes Herzschlag beschleunigte sich noch weiter, bis er das Gefühl hatte, einen Herzinfarkt zu bekommen. «Stimmt. Diese Saufparty auf dem College. Du hast mit diesen Typen von der Verbindung gewettet, dass du eine Vierteldollarmünze von meinem Hintern abprallen lassen kannst und damit in einen Plastikbecher triffst.»

Cade nickte. «Und wir haben einen Kasten Budweiser gewonnen.»

Mit einem zufriedenen Brummen ließ Zoe sich tiefer in den Liegestuhl sinken. «Schöne Zeiten.»

«Moment. Einfach kurz … stopp.» Brent schaute von einem zum anderen. «Cade und Zoe sind mal miteinander gegangen?»

«Zur Hölle, nein. Sie ist wie eine Schwester für mich.»

«Eine Schwester mit einem knackigen Hintern.» Zoe stieß mit Cade an.

Irgendwo musste es ein tiefes, dunkles Loch geben, in dem Drake sich verkriechen konnte, um diesem Gespräch zu entkommen. Da war er sich sicher. Wenn er nur lange genug suchte …

«Frag Drake.» Zoe nickte in seine Richtung. «Er hat mir gestern an den Hintern gefasst.»

Drake knirschte so heftig mit den Zähnen, dass er glaubte, sie müssten zerspringen. «Ich habe dir nicht an den Hintern gefasst.» Und bei allen Heiligen, konnte die ganze Runde endlich aufhören, die Worte Zoe und Hintern im selben Satz zu verwenden? Bitte!

Flynn zog die Augenbrauen hoch und warf Drake einen Ach-wirklich-Blick zu. Cade war nicht viel besser. Sein Blick sagte deutlich: Das ist sehr interessant.

Seine Nichte, Hailey – süßes Kind, das sie war –, kam ihm zu Hilfe, indem sie sich vor Zoes Stuhl auf den Boden sinken ließ. Quietschend griff sie nach Zoes Haaren, um sie dann wieder freizugeben und aufgeregt mit den Händen zu wedeln.

«Magst du meine Haare?» Zoe senkte den Kopf, damit das Mädchen die pinken Strähnen tätscheln konnte.

Die Farbe – wie alle unnatürlichen Schattierungen, in denen sie ihr Haar im letzten Jahr gefärbt hatte – störte Drake. Zoe hatte so wunderschönes, hellbraunes Haar mit einzelnen Strähnen, die im Sonnenlicht golden leuchteten. Er verstand einfach nicht, warum sie damit nicht zufrieden war. Im Moment reichte ihr das Haar bis auf die Schultern, doch in der Highschool war es in langen Wellen bis auf ihren Rücken gefallen. Er hatte oft hinter ihr gesessen und diese Locken angestarrt.

Er ertappte sich selbst dabei, wie er Zoe anstarrte, also wandte er den Kopf ab, nur um Brents Blick aufzufangen, dessen Gesichtsausdruck nichts Gutes verhieß.

«Vielleicht erlaubt deine Mom, dass du dir deine Haare auch färbst.» Zoe zog leicht an Haileys Pferdeschwanz.

Zoes entspanntes Lächeln erinnerte Drake an eine Zeit, als auch ihr Wesen noch entspannter gewesen war. Vor der Diagnose bei ihrer Mutter und Heathers Tod war Zoe ein unbekümmerter Mensch gewesen. Sie war schon immer sehr direkt gewesen, mit einem Rückgrat aus Stahl, doch inzwischen hatte das Leben auch ihre sanfteren Seiten gehärtet.

Das Mädchen, das er gekannt hatte – mit dem er aufgewachsen war –, zerriss sich förmlich für diejenigen, die ihr nahestanden, und tat alles, um sie zu beschützen. So war es immer noch. Doch ihr Lächeln, das einen beschissenen Tag von einem Moment auf den anderen in einen schönen verwandeln konnte, war in letzter Zeit nicht oft zu sehen gewesen. Er ertappte sich dabei, dass er es vermisste, sie vermisste. Es war, als hätte jemand die Sonne ausgelöscht. Sie hatten immer schon viel Zeit miteinander verbracht, mit oder ohne Heather. Früher einmal hatte Zoe ihn zum Lachen bringen können, bis ihm die Tränen kamen. Heute konnte er sich kaum noch erinnern, wie ihr Lachen klang.

Melancholie und Bedauern schnürten ihm die Brust zu, als er ihr Profil betrachtete. Er hörte dem Gespräch nicht zu, aber sie unterhielt sich sehr angeregt mit Hailey. Die Spitze ihrer kecken Nase, die Rundung ihres Kinns, die Kurve ihrer Braue, der elegante Schwung ihres Halses, diese vollen Lippen – all das war ihm unendlich vertraut. Und doch regte sich etwas unter seinen Rippen und wurde heiß, als hätte er sie noch nie zuvor gesehen.

«Auf keinen Fall.» Avery schüttelte lachend den Kopf.

Drake atmete tief durch, weil er Sauerstoff brauchte, und richtete den Blick zum Horizont. Zedern, Redwoodbäume und Kiefern bildeten schwarze Silhouetten vor dem dunklen Himmel. Mondlicht spiegelte sich auf dem Wasser des Flusses. Die Vorgebirge der Klamath Mountains erhoben sich in der Ferne. Ein Anblick, den er sein gesamtes Leben lang kannte … und doch wirkte plötzlich alles anders. Oder vielleicht war er es, der sich verändert hatte.

«Ach, komm schon», beharrte Zoe. «Nur eine einzige farbige Strähne? Schau doch, wie sie sich freut.»

Averys Blick huschte zwischen Zoe und ihrer Tochter hin und her, ihre Lippen wurden dünn. «Na schön. Aber nur eine schmale Strähne, und nach den Sommerferien wird nicht mehr nachgefärbt.»

Zoe hüpfte begeistert in ihrem Stuhl auf und ab, und Hailey quietschte.

Gabby räusperte sich. «Flynn und ich haben Neuigkeiten.» Sie zögerte, dann hob sie ihre linke Hand, an der ein … Ring glitzerte.

Flynns Grinsen verriet alles. «Sie hat ja gesagt.» Da er taub war, sprach er nicht oft laut, aber dank der wunderschönen blonden Frau an seiner Seite, die ihn dazu ermunterte, mehr er selbst zu sein, gewöhnte Drake sich langsam daran, Flynns ganz eigene Sprachmelodie zu hören.

Und verdammt, waren das nicht tolle Neuigkeiten?

Avery sprang von ihrem Stuhl auf und knuddelte Gabby, dicht gefolgt von Cade.

Mit einem Kopfschütteln stand Drake auf. Seine Kehle schnürte sich zu, als er Flynn in eine Umarmung zog, dann lehnte er sich zurück, damit sein Bruder seine Lippen lesen konnte. «Wurde auch Zeit. Ich freue mich für dich.» Er hatte jahrelang beobachtet, wie diese beiden ihre wahren Gefühle verleugnet hatten. Seine Brust wurde eng. Und Gabby? Niemand passte besser zu Flynn. Sie bemerkte seine Behinderung gar nicht, sondern sah nur den Mann. Drake zog sie an sich und flüsterte ihr ins Ohr: «Danke.»

Die nächsten Minuten vergingen mit guten Wünschen und Gratulationen. Kurz darauf diskutierten Brent und Avery über Orte für die Hochzeitsfeier. Drake lehnte sich zurück und nahm alles in sich auf. Das Leben war manchmal wirklich schön, das war mal sicher. Aber dann verlor er jegliches Interesse an dem Gespräch, als er Worte wie ‹pink› und ‹Tüll› hörte.

Hailey, die anscheinend eine neue beste Freundin gefunden hatte, lehnte mit ihrem Tablet in der Hand an Zoes Liegestuhl. Was Avery nicht entging. Sie beobachtete das Paar voller Zuneigung. «Cade und ich sind frischverheiratet. Gabby und Flynn geben sich bald das Jawort. Bist du die Nächste, Zoe?»

Zoe runzelte die Stirn. «Halt die Klappe.»

«Oh, bitte.» Gabby strich sich ein paar Strähnen aus dem Gesicht. «Du kannst offensichtlich toll mit Kindern umgehen. Finde einen Mann, lass dich nieder, zieh ein paar kleine Monster groß.»

Mit einem Kopfschütteln tat Zoe die Idee ab. «Stellt euch nur einmal folgende Szene vor. Ich wandere Hand in Hand mit meiner Tochter durch die Spielzeugabteilung eines Kaufhauses. Sie bleibt vor einem Regal stehen und sagt: ‹Mami, schau mal: Die Barbie ist ja geil.› Und ich antworte: ‹Nein, Liebes. Sie ist eher notgeil. Ken fehlt untenrum nämlich die richtige Ausstattung, um seine Barbie glücklich zu machen.› Dann schalten sich die Sozialdienste ein, und ich werde euch vorhalten, dass ich das schon immer gewusst habe.»

«Kapier ich nicht, warum sollte das ein Problem sein?» Brent schlug sich mit der Hand auf den Schenkel. «Genau deswegen wärst du ja eine so tolle Mom.»

«Ähm …» Cade kratzte sich am Kopf. «Ich glaube, wir sollten Zoe und Brent nicht mehr babysitten lassen.» Er beäugte Hailey, die scheinbar nicht zugehört hatte.

Drakes Mund verlor die Verbindung zu seinem Hirn. «Früher wolltest du mal Kinder.»

Zoe verspannte sich, sah ihn jedoch nicht an. «Ich wollte mal eine Menge Dinge.»

Schweigen breitete sich aus, dann sprachen plötzlich alle gleichzeitig.

Während die anderen sich über Zoe, Hochzeiten und Kinder unterhielten und Zoe alle aufmunternden Kommentare zurückwies, stieg in Drake etwas auf, was gefährlich an Verzweiflung erinnerte. Die Vorstellung von Zoe in Weiß, wie sie auf einen unbekannten, zukünftigen Ehemann zuging, ließ Panik in ihm aufsteigen, wieder einmal stieg sein Puls in die Höhe. Was absolut überhaupt keinen Sinn ergab.

Dann drangen Zoes Worte richtig zu ihm durch, und er hätte schwören können, dass sein Herz direkt hier im Garten seines Bruders brach. Solange er Zoe kannte, hatte sie sich – wie er auch – immer eine Familie gewünscht. Einen Ehepartner. Kinder. Eine realistische, Zoe-geeignete Version eines Märchens, aber auf jeden Fall mit Happy End. Wann genau hatte sie aufgehört, darauf zu hoffen? Es erschien ihm einfach furchtbar, diese Träume aufzugeben.

Er musterte ihr geröteten Wangen und den niedergeschlagenen Blick, die Art, wie ihre Schultern herabhingen, wie sie sich die Stirn rieb, als bekäme sie Kopfschmerzen. Sie zog eine Mauer hoch, wie es in den letzten Jahren fast immer der Fall gewesen war, wenn persönliche Themen angesprochen wurden. Also stimmte es. Sie hatte die Hoffnung verloren. Sie hatte ihre Träume aufgegeben.

Zoe, die sich mit ihrer Moral und ihrer wilden Loyalität allem stellen konnte. Zoe, die mehr Leben und Entschlossenheit in ihrem kleinen Finger hatte als der gesamte Rest der Menschheit zusammen. Zoe, die ihrer Mutter alles gab, was sie geben konnte, obwohl diese Mutter sie nicht einmal mehr erkannte. Zoe, die so viele Nächte durchwacht hatte, nachdem Heather gestorben war, damit er nicht allein im Dunkeln zurückbleiben musste. Zoe, die der Welt nur Feuer und Schwefel zeigte, um ihren sanften, süßen Kern darunter zu verbergen, als wäre er eine Schwäche.

Lieber Himmel. Sie war perfekt gewesen. Wo war sie hin? Und konnte er sie zurückholen?

Drake erstarrte, weil ein warnendes Kribbeln über seine Haut lief. Moment. Er? Wieso sollte er dafür verantwortlich sein, Zoe daran zu erinnern, wer sie einmal gewesen war? Oder dass sie immer noch bekommen konnte, was sie sich einst gewünscht hatte?

Mit zitternder Hand stellte er sein Bier ab, bevor es ihm aus den Fingern glitt. Noch mehr Alkohol – oder noch mehr dieser Gedanken –, und ihm würde schlecht werden.

«Okay, okay.» Cade hob kapitulierend die Hände. «Lasst sie in Ruhe. Vielleicht sollten wir uns einfach wieder über ihren Hintern unterhalten.»