Wildflower Summer – In deinen Armen - Kelly Moran - E-Book

Wildflower Summer – In deinen Armen E-Book

Kelly Moran

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Beschreibung

Unendliche Freiheit und grenzenlose Liebe - die neue Reihe der SPIEGEL-Bestseller-Autorin Kelly Moran! Ein Himmel, der unendlich erscheint, Berge, deren schneebedeckte Spitzen in der Sonne glitzern, Wildblumen, die sich im Wind wiegen. Dieser Anblick erwartet Nate Roldan, als er die Wildflower Ranch erreicht. Im selben Moment wird ihm klar, dass er nicht hierhergehört. Mit seinem Motorrad und seinen Tattoos sticht er an diesem schönen, friedlichen Ort heraus wie ein hässlicher Ölfleck. Nur scheint das Olivia Cattenach nicht zu stören. Ihretwegen ist Nate hier. Er hat ihrem sterbenden Bruder geschworen, auf sie aufzupassen. Doch diese Aufgabe droht ihn zu zerreißen. Denn er begehrt sie vom ersten Moment an mit einer Intensität, die ihn erschreckt. Und er verschweigt ihr etwas, das sie zerstören könnte … Band 1 der zweibändigen Reihe, nominiert für einen RITA Award. «Glaubwürdige Figurenzeichnung, realistische Emotionen und eine wunderschöne Geschichte machen es unmöglich, dieses emotionale Buch aus der Hand zu legen.» Library Journal

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 480




Kelly Moran

Wildflower Summer

In deinen Armen

Roman

Aus dem Englischen von Vanessa Lamatsch

Über dieses Buch

Unendliche Freiheit und grenzenlose Liebe – die neue Reihe der SPIEGEL-Bestseller-Autorin von «Redwood Love»

 

Ein Himmel, der unendlich erscheint, Berge, deren schneebedeckte Spitzen in der Sonne glitzern, Wildblumen, die sich im Wind wiegen. Dieser Anblick erwartet Nate Roldan, als er die Wildflower-Ranch erreicht. Im selben Moment wird ihm klar, dass er nicht hierhergehört. Mit seinem Motorrad und seinen Tattoos sticht er an diesem schönen, friedlichen Ort heraus wie ein hässlicher Ölfleck.

Nur scheint das Olivia Cattenach nicht zu stören.

Ihretwegen ist Nate hier. Er hat ihrem sterbenden Bruder geschworen, auf sie aufzupassen. Und diese Aufgabe wird er erfüllen, egal was es ihn kostet. Er hätte nur nicht gedacht, dass der Preis sein Herz ist …

 

Band 1 der zweibändigen Reihe.

 

«Glaubwürdige Figurenzeichnung, realistische Emotionen und eine wunderschöne Geschichte machen es unmöglich, dieses emotionale Buch aus der Hand zu legen.» Library Journal

Vita

Die Autorin

Kelly Moran lebt mit ihren drei Söhnen in South Carolina, in den Südstaaten der USA. Sie wurde schon mit diversen Preisen ausgezeichnet und begeisterte ihre Leser und Kritiker unter anderem mit der Redwood-Love-Trilogie über drei Tierärzte in einem kleinen Ort in Oregon. So urteilte beispielsweise die RT Book Reviews über Band 1: «So voller Wärme und Gefühl, dass man sich unweigerlich verliebt ...» Die Bücher standen etliche Wochen auf der Bestsellerliste des Spiegels. Mit «Redwood Dreams» wurde die Erfolgstrilogie um zwei Spin-off-Bände ergänzt. In «Wildflower Summer», ihrer neuen zweibändigen Reihe, erzählt Kelly Moran herzzerreißende Liebesgeschichten, die auf einer Ranch in Wyoming spielen.

 

Die Übersetzerin

Vanessa Lamatsch wurde 1976 in eine Familie von Tierärzten geboren. Doch so sehr sie Tiere auch mochte: Ihre größte Liebe galt immer den Büchern. Schon mit 14 Jahren begann auf Englisch zu lesen, weil Sie nicht auf die Übersetzungen warten wollte. Die logische Folge: Nach ihrem Abitur im Jahr 1996, einem Studium der englischen Literaturwissenschaft und einem Aufbaustudiengang Buchwissenschaft sorgt sie seit 2008 dafür, dass Leser nicht mehr so lange auf neue Übersetzungen warten müssen.

Für alle Männer & Frauen, die für uns dienen

1

Olivia Cattenach kniete auf dem Privatfriedhof der Wildflower Ranch neben der letzten Ruhestätte ihres Bruders. Mit einer Hand wischte sie einige Grashalme von dem flachen Grabstein. Sechs Monate war es her, seit Justin im Einsatz getötet worden war. Schwer zu glauben. Die Trauer war immer noch so frisch wie an dem Tag, an dem die zwei Soldaten mit seiner Erkennungsmarke und Beileidsbekundungen vor ihrer Tür gestanden hatten.

Doch noch schlimmer als ihren Bruder – ihren besten Freund – zu verlieren, war die Tatsache, dass sein Leben zu früh beendet worden war. Mit nur achtundzwanzig Jahren. Das Wort «Tragödie» reichte bei weitem nicht aus, um diesen Umstand zu beschreiben. Ein Sprengsatz, ein falscher Schritt, und Justin war verschwunden gewesen. Ausgelöscht, als hätte er nie existiert.

Da sie wusste, dass Tante Mae hinter ihr am schmiedeeisernen Tor stand und darauf wartete, endlich den Tag zu beginnen, seufzte Olivia tief, nahm einen Schluck Kaffee aus der mitgebrachten Blechtasse und beendete ihren morgendlichen Besuch früher als gewöhnlich. Aber verdammt. Sie spürte einen scharfen Stich der Einsamkeit im Herzen.

Sie sah an Justins Grab und dem ihrer Eltern vorbei in Richtung der nördlichen Felder. Dort wiegten sich gelbe Halme im Wind, so weit das Auge reichte. «In einem Monat können wir den Winterweizen ernten und die Felder neu bepflanzen.»

Obwohl sie nur auf hundert von ihren zweitausend Morgen Land Getreide anbauten und es für ihre Einnahmen keine große Rolle spielte, war diese Felder Justins Lieblingsort auf der Ranch gewesen. Weitläufiges Land, die Hände tief in der Erde versenkt, umgeben von Stille.

Die letzten Tage seines Lebens hatte er allerdings in einer ganz anderen Umgebung verbracht. Er hatte ein zerstörtes Gebäude in der trockenen Wüste erkundet, umgeben von bröckelndem Beton. Waffen, Explosionen, Schreie …

Olivia schüttelte den Kopf und warf einen Blick zu ihrem Haus, das linker Hand stand, hinter dem Hügel, auf dem der Friedhof lag. So nah. Justin war immer mit ihr um die Wette gelaufen: von der Pappel am schmiedeeisernen Zaun den sanften Abhang hinunter, über die Wiese, die sich im Sommer in ein Meer aus Wildblumen verwandelte, und hinein in das dreistöckige Holzhaus, das sie ihr Zuhause nannten. Als zwei Jahre ältere Schwester hatte sie ihn natürlich gewinnen lassen. Bis ihr Bruder kurz nach seinem zehnten Geburtstag einen Wachstumsschub gemacht hatte und plötzlich fünfzehn Zentimeter größer gewesen war als sie.

Ein schneidender Wind pfiff über den Hügel und trug den Geruch von Schnee aus den Laramie-Bergen im Süden heran. Rechts von Olivia brannte die Sonne auf das Präriegras, strahlend hell am Himmel über den östlichen Pässen. Für einen Tag Mitte April in dieser Ecke von Wyoming schien es warm zu werden. Nachts hatte es gerade mal um die vier Grad gehabt, aber bis zum Mittag sollten es um die sechzehn Grad werden. Kein schlechter Wochenstart.

Sie hörte, wie Mae ungeduldig das Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagerte, was Olivia daran erinnerte, dass sie nicht länger hier herumsitzen sollte, um mit einem Geist zu sprechen. Sie musterte ein letztes Mal Justins Grab und versuchte sich an einem Lächeln. «Ich liebe dich. Grüß Mom und Dad. Wir sehen uns morgen.»

Die Redewendung sorgte dafür, dass ihre Augen brannten, als sie aufstand und sich zum Tor umdrehte. Denn sie würde Justin morgen nicht sehen. Dank eines befehlshabenden Offiziers, der eine schlechte Entscheidung getroffen hatte, würde sie ihren Bruder niemals wiedersehen.

Tante Mae wartete geduldig, eine Hand auf den Zaun gestemmt, in der anderen Hand ihr eigener Becher mit Kaffee. Das Sonnenlicht glänzte auf den zu einem Bob geschnittenen weißen Haaren und umspielte ihre breiten Schultern. Ihr markantes Gesicht hatte etliche harte Winter gesehen, und die vielen feinen Falten schienen ihren Willen zu zeigen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Doch ihre strahlend blauen Augen waren so warm wie ihre Seele.

Tante Mae war auf der Wildflower Ranch aufgewachsen, hatte sie jedoch verlassen, um dann vor zwanzig Jahren zurückzukehren, als Olivias Vater und Mutter gestorben waren. Olivia konnte sich kaum entsinnen, wie ihre Eltern ausgesehen hatten. Eigentlich gab es in ihrer Erinnerung nur ein paar schemenhafte Bilder – aber Tante Mae ähnelte Olivias Vater bis hin zu dem kantigen Kinn und dem kräftigen Körperbau.

Olivia rückte ihr rotes Flanellhemd unter der Canvasjacke zurecht und trat zu Tante Mae, um sie kurz zu umarmen. Das Rascheln ihrer Kleidung erfüllte die Luft, als sie sich wieder voneinander trennten, dann gingen sie Richtung Haus, Tante Maes Arm über Olivias Schultern.

Olivia sog tief die frische Bergluft ein, die geschwängert war mit dem Duft von Erde und fernem Frost. «Schöner Morgen.»

«Allerdings», antwortete ihre Tante, den Blick auf den Kiesweg gerichtet. «Aber ein langer Spaziergang, um ihn jeden Tag zu machen.»

«Du musst mich nicht begleiten.» Tante Mae leistete Olivia auf ihrem allmorgendlichen Ausflug nicht oft Gesellschaft – doch an den Tagen, wo sie allein unterwegs war, fiel es Olivia schwerer, zurückzukommen und sich den Pflichten zu widmen, die sie erwarteten.

«Macht mir nichts aus. Meine alten Knochen brauchen die Bewegung.» Tante Mae ließ ihren Arm sinken und unterbrach so den Körperkontakt, den Blick nach vorne gerichtet. «Ich würde mein Bison-Stew-Rezept verwetten, dass ein gewisser Vorarbeiter vor der Scheune auf dich wartet.»

Olivia wusste genau, dass sie diese Wette verlieren würde. «Zweifellos.» Nakos wartete immer hinter der Kurve des Friedhofswegs auf sie. Für gewöhnlich hatte er schon eine Stunde lang Aufgaben verteilt, bevor sie auch nur von ihrer Veranda getreten war.

«Er würde keinen schlechten Ehemann abgeben, Kleine.»

Stimmt, dachte Olivia. Nakos Hunt wäre bestimmt keine schlechte Wahl. Mit seiner dunklen Haut und dem typischen schwarzen Haar des Arapaho-Stamms, kombiniert mit einem muskulösen Körper und einem attraktiven Gesicht, hatte er bei der Genpool-Lotterie definitiv gewonnen. Außerdem arbeitete er hart, war freundlich und hatte einen ausgeprägten Beschützerinstinkt. Manchmal ein wenig zu ausgeprägt, doch solche Anwandlungen tat Olivia mit einem Achselzucken ab.

Die Sache war nur: Zwischen ihnen knisterte es nicht. Sie schätzte Nakos, natürlich. Aber Anziehung? Nein. Trotzdem, sie war dreißig Jahre alt und lebte am Rande einer Stadt mit wenigen Einwohnern. Wenn man «Rand» wirklich großzügig auslegte. Wenn sie das Vermächtnis der Cattenachs weitergeben wollte, musste sie langsam daran denken, sich mit jemandem niederzulassen. Sie mochte Nakos. Seit Justin gestorben war, kam er einem besten Freund in ihrem Leben am nächsten.

«Ich werde darüber nachdenken.» Sie nippte an ihrem Kaffee.

«Du denkst schon seit Monaten darüber nach.» Tante Mae zog die Augenbrauen hoch. «Der Junge steht auf dich, seitdem du sechzehn bist. Wie lange willst du ihn noch warten lassen?»

Und noch eine Schippe auf den Schuldgefühl-Haufen. «Das stimmt doch gar nicht.»

«Da hast du recht. Er steht wahrscheinlich schon auf dich, seitdem seine Familie angefangen hat, für unsere zu arbeiten. Also ungefähr seit du neun Jahre alt warst.»

Olivia lachte. «Okay, hör auf.» Sie stieß ihre Tante mit der Schulter an. «Er hat nichts in dieser Richtung unternommen.» Nicht dass sie wüsste, was sie mit einem Flirtversuch anfangen sollte, wenn er es täte. Nakos hatte seinen Platz immer in der Was-wäre-wenn-Akte ihres gedanklichen Archivs gehabt. Trotz ihrer tickenden biologischen Uhr spürte Olivia kein Verlangen, diese Akte herauszuholen und abzustauben.

«Wer sagt, dass der Mann die ganze Arbeit machen muss? Ergreif selbst die Initiative.»

Jaja.

Den Rest des Weges legten sie schweigend zurück. Kurz bevor Olivia und ihre Tante sich trennten, trat Nakos mit einem Klemmbrett in der Hand aus der dritten Scheune.

«Was für eine Überraschung.» Tante Mae zwinkerte. «Hab einfach mal ein bisschen Spaß, Kleine. Und ich meine damit die nackte Art.»

Olivia lachte, winkte ihrer Tante zum Abschied zu und beobachtete dann, wie Mae den langen gewundenen Pfad zum Haus entlangging. Als sie sich umdrehte, merkte sie, wie Nakos sie aus seinen dunklen Augen ansah. Er kam näher. «Hebe, Olivia.»

Jeden Morgen begrüßte er sie mit dem Äquivalent des Wortes Hallo in seiner Muttersprache Arapaho, und irgendetwas daran beruhigte den Aufruhr in Olivias Brust. Nicht dass ihr Veränderung etwas ausgemacht hätte, doch manche Dinge – die wertvollen – sollten gleich bleiben.

Einer seiner Mundwinkel hob sich. «Das Lächeln steht dir gut. Ist eine Weile her, dass ich das gesehen habe.»

«Danke. Was liegt heute an?»

«Du und ich müssen diese Woche die Frühjahrsschur machen. Der Wollkäufer kommt am Freitag zum Abholen. Die ersten Schafe sind seit gestern im Stall. Ich habe vier Jungs darauf angesetzt, die restlichen zu zählen und auf der Ostweide zusammenzutreiben. Zwei Männer auf Pferden kontrollieren die südliche Zaungrenze, und drei tun dasselbe auf den nördlichen Höhenrücken. Wir hatten einige Probleme mit Gabelböcken, die unsere Ernte fressen.»

Damit waren alle Männer verplant. Mit Nakos waren es zehn. Sie heuerten bei Bedarf Saisonarbeiter an, doch bis zur Weizenernte war das nicht nötig.

Während Nakos sein Klemmbrett konsultierte, musterte Olivia ihren Vorarbeiter. Genau wie sie trug er Jeans und ein Flanellhemd, doch seine Jacke bestand aus Leder, und auf seinem Kopf thronte ein schwarzer Cowboyhut. Aufgrund seiner Körpergröße von einem Meter achtzig musste sie den Kopf in den Nacken legen, um zu ihm aufzusehen. Glattrasiert, breite Schultern, breiter Brustkorb, schmale Hüften. Sie versuchte, sich sie und ihn in einer Beziehung vorzustellen. Das einzige Ergebnis, das sie erhielt, war … vielleicht.

Doch warum zur Hölle nicht? Sie würde es nie erfahren, wenn sie es nicht probierte. «Tante Mae sagt, ich soll mal ein bisschen Spaß haben.»

Nakos warf ihr einen kurzen Blick zu. «Nun, du könntest die Schafe Schafe sein lassen und in die Stadt fahren. Wir können auch morgen noch mit dem Scheren anfangen.»

Seufz. «Sie meinte die nackte Art von Spaß.» Olivia konnte ihm nicht übelnehmen, dass er nicht verstand, worauf sie hinauswollte. Es war ja nicht so, als hätte sie schon einmal mit ihm geflirtet. Sie war sich nicht mal sicher, ob sie das gerade tat. In dieser Gegend ging man eher direkt vor: ein Bier in der einzigen Kneipe der Stadt zu spendieren, entsprach einem eindeutigen Angebot.

Nakos erstarrte, dann glitt sein Blick wie in Zeitlupe von seinem Klemmbrett zu ihr. Harte schwarze Augen nagelten sie fest und musterten sie, als könnte er sie verstehen, wenn er nur genau genug hinsah.

Sie fühlte sich verunsichert und mehr als nur ein bisschen dumm, also verschränkte sie die Arme. «Hast du je darüber nachgedacht? Du, ich, Klamotten auf dem Boden?» Igitt. Direkter konnte sie wirklich nicht mehr werden. Sie würde Tante Mae umbringen.

Er atmete scharf ein, dann richtete er seinen Blick auf die Berge in der Ferne. Sein Adamsapfel hüpfte, als Nakos schwer schluckte, dann schloss er für einen Augenblick die Augen, bevor er sie erneut ansah. In seinen Augen brannte Interesse, doch sie entdeckte ebenso viel Unsicherheit.

Schließlich verlagerte er das Klemmbrett in die andere Hand und ließ sich zu einer Antwort herab. «Woher kommt das plötzlich, Little Red?»

Er nannte sie nur Little Red – eine Anspielung auf ihre Körpergröße und ihre Haarfarbe –, wenn er sauer war oder wenn sie etwas tat, was er niedlich fand. Sie konnte nicht erkennen, welchem Extrem er gerade zuneigte. Seine Miene bot keinerlei Hinweise.

Sie zuckte mit den Achseln. «Wir werden nicht jünger, und wir sind beide solo.» Wunderbar. Wahrscheinlich würde sie an zu viel Romantik sterben.

«Das ist nicht gerade ein guter Grund, mit jemandem auszugehen.»

Himmel. Sie wünschte sich inständig, sie hätte das Thema nie angesprochen. «Ich habe nichts von Ausgehen gesagt.» Als er nur blinzelte, seufzte sie tief. «Ach, ist auch egal. Waren die Schafe die ganze Nacht in der Scheune?» Sie konnten die Tiere nicht scheren, wenn die Wolle durch die Elemente nass geworden war.

Nakos schob sich das Klemmbrett unter den Arm und stemmte eine Hand in die Hüfte. «Ja.»

«Und sie haben seit gestern nichts gefressen?» Damit verhinderte man übermäßige Ausscheidungen, um Wolle und Boden sauber zu halten. Außerdem war es für die Schafe mit vollem Magen noch unangenehmer, wenn sie auf den Rücken gerollt wurden.

Nicht dass Nakos das alles nicht gewusst hätte, doch ein Themenwechsel war dringend nötig. Langsam fragte Olivia sich, ob sie mit ihren Instinkten und Tante Mae mit ihren Annahmen über Nakos’ Gefühle nicht vollkommen danebenlagen. So oder so hatte Olivia die Situation zwischen ihr und ihrem Vorarbeiter gerade sehr, sehr unangenehm werden lassen.

«Ja.» Er beäugte sie mit einer Mischung aus Verwirrung und Frust. «Das erste Viertel der Herde ist zusammengetrieben und im Pferch. Das ist nicht mein erstes Rodeo.»

«Klar.» Manchmal fragte sie sich, was sie nur ohne Nakos anfangen würde. Er war immer ihr Fels in der Brandung gewesen – still, stark, unnachgiebig. «Du leistest tolle Arbeit. Tut mir leid. Ich stehe heute neben mir.» Heute? Wohl eher das gesamte Jahr.

In seinem Blick mischte sich Skepsis mit Sorge. Olivia setzte sich in Bewegung. Ihr Plan war, um Nakos herum in Richtung Scheune zu gehen, doch er packte sie sanft am Arm, um ihre Flucht zu stoppen.

Sein Gesicht war halb im Schatten des Huts verborgen, aber Olivia sah, wie er tief Luft holte. «Tun wir das wirklich? Reden wir darüber, diese Grenze zu überschreiten?»

«Ich weiß es nicht.» Trotz der kühlen Luft brannten ihre Wangen. «Vielleicht sollten wir diese Diskussion verschieben und erst mal darüber nachdenken.»

Er starrte sie an. «Warum jetzt? Ich hatte nie den Eindruck, dass du dich von mir angezogen fühlst.»

«Du bist sehr attraktiv.» Das war nicht das Problem. Oh Mann. Sie würde ihren Hintern darauf verwetten, dass dies hier das dämlichste Gespräch war, das sie beide je geführt hatten. «Ich bin rastlos, nehme ich an. Tante Mae hat darüber geredet, sich niederzulassen und, na ja … Bla, bla, bla.»

Nach einem unendlichen Augenblick nickte er langsam, dann ließ er ihren Arm los. «Lass uns mit dem Scheren loslegen. Die Schafe werden unruhig.» Steif drehte er sich zur offenen Scheunentür um.

«Bist du wütend?»

Er hielt inne, den Rücken ihr zugewandt «Nein.» Über die Schulter hinweg musterte er sie. «Ich verarbeite. Du machst mich aus dem Nichts heraus an, dann behauptest du, es wäre nur aus Langeweile passiert.»

Mist! Sie trat vor ihn, während ihr Magen sich vor Schuldgefühlen verkrampfte. Genau, was sich jeder Kerl wünschte – einen Tritt in sein Ego. «Tut mir leid. Und ich habe nicht gesagt, dass ich gelangweilt bin. Ich habe rastlos gesagt. Das ist ein Unterschied. Wenn du nicht interessiert bist, können wir gerne so tun, als wären die letzten zehn Minuten nie passiert.»

«Mein Interesse steht nicht zur Diskussion, und das weißt du auch, sonst hättest du das Thema gar nicht erst angesprochen. Aber ich habe meine Gefühle immer für mich behalten, Little Red.» Er trat näher an sie heran, bis sie sich fast berührten, dann sah er auf sie herab. «Und rate mal, warum? Weil du nicht interessiert bist.»

«Woher weißt du das? Wir haben uns nie geküsst. Wir haben es nie mit einer Beziehung versucht.» Tatsächlich konnte sie die Male, wo er sie berührt hatte, quasi an einer Hand abzählen – und dann blieben noch Finger übrig. Nakos stand immer neben ihr und schützte sie, aber es war keine berührungsintensive Freundschaft.

«Man fühlt es, oder man fühlt es nicht. So einfach ist das.» Er schüttelte den Kopf. «Mach nur. Verschieb die Diskussion, wie du vorgeschlagen hast. Denk darüber nach. Ich werde hier sein, genauso wie in den letzten zwanzig Jahren. Also, können wir uns jetzt an die Arbeit machen, oder willst du mir noch einen Tiefschlag verpassen?»

Olivias Schultern sackten nach unten, und sie schloss die Augen. Das war der Grund, weshalb sie Tante Maes Vorschlag, etwas mit Nakos anzufangen, bisher stets ignoriert hatte: Mit ein paar unbedachten Worten und einem missglückten Flirtversuch war es ihr gelungen, seinen Stolz zu verletzen, ihn zu beleidigen und ihrer Freundschaft Schaden zuzufügen. Ratlos öffnete sie die Augen, nur um festzustellen, dass er über ihre Schulter ins Leere starrte, sein Mund eine harte Linie.

«Es tut mir leid.» Sie würde es tausendmal wiederholen. Fast widerwillig sah er sie an. «Du bedeutest mir etwas, Nakos, aber ich habe nicht über den Moment hinausgedacht.» Was für sie ziemlich ungewöhnlich war.

Offensichtlich empfand er mehr für sie als bloße Anziehung. Sie hätte niemals mit seinen Gefühlen spielen dürfen. Zum Teil war Olivia froh, dass sie etwas gesagt hatte – weil sie jetzt Klarheit hatte, statt nur Vermutungen anzustellen. Wenn sie sich küssten und sie ein Knistern empfand, konnten sie vielleicht darauf aufbauen, nachdem die Idee jetzt schon einmal zwischen ihnen schwebte. Doch in ihrem Kopf schrillten sämtliche Warnglocken. Denn Nakos hatte recht. Es war nicht so, als hätte sie leidenschaftliches Interesse an ihm. Was sie empfand, war nicht das alles verzehrende Verlangen, das es wert wäre, diese solide Freundschaft zu riskieren, um einfach mal zu schauen, was geschah.

Hin und her gerissen rieb sie sich das Ohrläppchen – ein nervöser Tick, den sie schon seit Kindheitstagen hatte.

«Betrachte das Gespräch als vergessen.» Nakos deutete Richtung Scheune. «Arbeit zuerst. Reden später.»

Aber sie würden nicht darüber sprechen. So lief das zwischen ihnen nicht. Nakos besaß die Fähigkeit, in ihr zu lesen wie in einem offenen Buch, und andersherum war es meist genauso, sodass Worte unnötig waren. Nicht dass sie nicht ehrlich zueinander wären. Olivia hatte noch nie jemanden getroffen, der so brutal ehrlich war wie Nakos. Aber sich gegenseitig das Herz ausschütten? Zur Hölle, nein. Selbst nachdem Justin gestorben war, hatte Nakos keine hohlen Phrasen geäußert. Er hatte einfach neben ihr gestanden, hatte sie stumm beobachtet und sie wissenlassen, dass er da war, falls sie zusammenbrach.

Sie folgte ihm in die Scheune und verschaffte sich einen Überblick. Mäah-mäah-Geräusche ertönten von allen Seiten, und die Luft war erfüllt vom Duft nach Stroh und Erde. Nakos hatte ein Viertel der Herde zusammengetrieben. Einige der Schafe waren auf einer Seite des großen Innenraums eingepfercht, der Rest befand sich im äußeren Pferch jenseits des offenen Tors. Ungefähr hundert Schafe trotteten herum, während ihr treuer braun-weißer Sheltie, Bones, in der Mitte des Raums saß und auf Befehle wartete. Rechts von ihr stand ein stabiler Holztisch, auf dem sie die Wolle rollen konnten, und eine große Kiste, die für den einfacheren Transport bereits auf Kufen stand.

Nakos hatte heute Morgen, während er auf sie gewartet hatte, alles perfekt vorbereitet. Eilig zog Olivia ihre Canvasjacke aus und hängte sie an einen Haken hinter der Tür. Da jedes Schaf acht bis zehn Pfund Wolle liefern konnte und das Scheren einiges an Übung erforderte, war es nicht so einfach, wie viele vermuteten. Glücklicherweise hatten sie und ihr Vorarbeiter den Ablauf inzwischen perfektioniert.

Olivia schor die Schafe, während Nakos die Tiere in der richtigen Position festhielt. Er holte die neuen Tiere und schickte die fertigen nach draußen, während sie die Wolle rollte und verstaute. Sie arbeiteten in kameradschaftlichem Schweigen, präzise wie ein Uhrwerk, die gesamte Mittagszeit hindurch bis in den späten Nachmittag hinein. Dann endlich waren sie mit dem für heute geplanten Teil der Herde fertig.

Sobald die Scheune verriegelt und die Herde auf der Weide stand, wanderten sie im dämmrigen Licht des Sonnenuntergangs den gewundenen Pfad zum Haus hinauf. Grillen zirpten, während ihre Stiefel auf dem Kies knirschten. Bones trottete neben ihr, wobei seine Zunge schief aus dem Maul hing.

Olivia wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. Jetzt, wo die Sonne sank, wurde ihr kühl. Ihre Nackenmuskeln protestierten, als sie den Kopf drehte und Nakos ansah. «Bleibst du zum Abendessen?»

«Nein. Ich habe noch Reste. Aber ich bringe dich zum Haus.»

Er hatte eine eigene Hütte auf dem Gelände der Ranch, in Richtung des südlichen Höhenrückens, vielleicht zehn Minuten Fahrt entfernt. Sein Truck, mit dem er nach Hause fahren würde, stand in der Einfahrt, also war es nicht ungewöhnlich, dass er sie noch bis zur Tür brachte. Doch sein kühler Tonfall hielt die Distanz zwischen ihnen aufrecht, die er nach ihrem Gespräch errichtet hatte. Olivias Magen verkrampfte sich vor Unbehagen, als sie um eine Kurve bogen, doch sie beschloss, ihm ein paar Tage Zeit zu geben, bevor sie sich noch mal entschuldigte. Hoffentlich würde dann alles wieder normal werden.

Nakos hielt abrupt an, den Blick nach vorne gerichtet. «Erwartest du Besuch?»

«Nein.» Sie folgte seinem Blick zu seinem blauen Pick-up, der halb verborgen hinter der Hausecke parkte. Dahinter, direkt neben den Kiefern, die die Zufahrt säumten, stand ein Motorrad.

Sie kannte nur eine Handvoll Leute in der Stadt, die ein Motorrad besaßen, und keiner von ihnen würde so früh im Jahr damit zu ihrer Ranch fahren. Als sie näher kamen, entdeckte sie festgezurrt hinter dem Sitz einen verräterischen Seesack in Grün, der zur Standardausstattung der Army gehörte. Ihr Herz schien einen Schlag auszusetzen.

«Oh nein. Glaubst du, es hat etwas mit Justin zu tun?» Doch er war seit sechs Monaten tot. Wer könnte sie jetzt noch seinetwegen besuchen?

Mit zusammengebissenen Zähnen sah Nakos von dem Motorrad zu ihr, dann zu dem dreistöckigen Haus aus Zedernholz, als suche er nach Anzeichen für Ärger.

Die Lampen im Erdgeschoss brannten, gelbes Licht drang aus den Fenstern. Auf der überdachten Veranda schien nichts in Unordnung zu sein. Die Schaukelstühle und Töpfe voller Ringelblumen standen, wo sie immer standen, und die schwere Eingangstür war geschlossen. Alles war ruhig.

«Ich komme noch mit rein.» Er deutete mit dem Kinn voraus, um ihr zu sagen, dass sie vorgehen sollte.

Sie ging um das Haus herum zur Hintertür und betrat die Waschküche dahinter, wo sie beide ihre Stiefel auszogen und ihre Jacken aufhängten. Mit verkrampftem Magen öffnete Olivia die Tür zu Küche und ließ Bones ins Haus. Dann folgte sie ihm, Nakos direkt auf ihren Fersen.

Nichts köchelte auf dem großen Herd mit den sechs Gaskochstellen. Die Arbeitsflächen aus Schiefer waren frei von Küchenutensilien, doch in der Luft hing der Duft von italienischem Essen.

Tante Mae erhob sich von dem verkratzten Kiefernholztisch in der Mitte des Raums, eine Teetasse in der Hand, während Bones ins andere Zimmer trottete. «Da bist du ja. Du hast einen Gast.»

Olivia betrachtete besagten Gast, als er sich aufrichtete und dann aufstand. Die Stuhlbeine scharrten über den Boden, und das Geräusch wurde von den weißen Küchenschränken zurückgeworfen wie ein Querschläger.

Heilige Scheiße. Ihr Atem stockte. Groß war nicht das richtige Wort, um den Mann zu beschreiben, der in ihrer Küche stand. Riesig traf es vermutlich eher. Sie konnte nur starren, gefangen zwischen Verwirrung, Neugier, wer er wohl sein mochte, und Faszination.

Mit seinen mindestens ein Meter neunzig ragte er hoch über ihr auf, selbst mit dem Tisch und einigen Quadratmetern sandsteingefliestem Boden zwischen ihnen. Sein Kopf war glattrasiert, doch auf seinem Kinn erkannte sie Bartstoppeln, die ihr einen Hinweis auf seine Haarfarbe gaben. Beide Arme waren von Tätowierungen überzogen, die unter den Ärmeln eines weißen T-Shirts verschwanden, das absolut nichts der Phantasie überließ, weil es so eng anlag. Feste Muskeln, deutlich sichtbare Venen und … Testosteron. Dieser Kerl verströmte Testosteron aus sämtlichen Poren.

Er stopfte seine großen Hände in die Taschen seiner abgetragenen Jeans, was seinen Bizeps betonte. Der Mann musste Autos gestemmt haben, um solche Muskeln zu bekommen. «Mein Name ist Nathan Roldan, aber ich werde Nate genannt.»

Lieber Gott, seine Stimme. Tief, kehlig und mit einem Echo, das durch ihren Körper lief. Sie kaute auf dem Namen herum, weil er vertraut erschien. Doch wenn sie diesem Mann schon mal begegnet wäre, hätte sie das auf keinen Fall vergessen.

«Kenne ich Sie?» Sie vermutete, dass er ungefähr in ihrem Alter war, vielleicht ein Jahr älter oder jünger.

«Ah.» Tante Mae lächelte, und die Anspannung in ihrer Miene sorgte dafür, dass Olivias Puls noch mehr raste. «Wieso springst du nicht schnell unter die Dusche, und dann reden wir? Während wir auf dich gewartet haben, haben Nate und ich schon gegessen. Ich werde etwas für dich aufwärmen.»

Nakos schob sich dichter an sie heran, als rechne er mit einem Problem. Dann warf er ihr einen Blick zu, der klar sagte: Ich lasse dich mit diesem Kerl nicht allein.

Erneut musterte sie den Neuankömmling. Dessen Blick glitt zwischen ihnen beiden hin und her, bevor er verständnisvoll nickte. Damit verstand zumindest einer hier irgendwas.

«Ich bin nicht gekommen, um Ärger zu machen.» Er zog einen Geldbeutel aus der hinteren Hosentasche und kam um den Tisch herum.

Seine Bewegungen hatten die Eleganz eines Raubtiers. Und jetzt, wo er direkt vor ihr stand, konnte sie die Details seines Gesichts betrachten. Leichte, kaum wahrnehmbare Falten zogen sich über seine Stirn. Seine olivfarbene Haut deutete eher auf Jahre in der Sonne hin als auf ein südländisches Erbe – ein leichter goldener Schein, wie Bronze. Seine zurückhaltend gesenkten Lider standen in Kontrast zu den harschen Linien seiner Brauen. Und dasselbe galt für das Verhältnis seines vollen Mundes zu seinem harten Kinn.

Verdammt. Er war wirklich ein schönes Exemplar von Mann. Ein wenig einschüchternd und rau, aber, wow! Das war ein Mann, mit dem man sich besser nicht anlegte – vorausgesetzt, das ließ sich überhaupt verhindern –, doch zugleich zog seine Bad-Boy-Ausstrahlung sie unwiderstehlich an.

Leg-dich-nicht-mit-mir-an kombiniert mit Ich-fordere-dich-heraus,-mir-zu-widerstehen.

Er streckte ihr etwas entgegen, das aussah wie ein Foto, doch sie verlor sich einen Moment im dunklen Braun seiner Augen, umrahmt von kriminell langen Wimpern. Er schürzte die Lippen, als sie ihm das Bild nicht abnahm.

«Ich habe mit Justin gedient.»

Als sie den Namen ihres Bruders hörte, schnappte Olivia nach Luft und riss sich zusammen. Mit zitternder Hand nahm sie das Foto und sah es an.

Justin stand in Tarnkleidung und mit einem Gewehr in der Hand neben dem Mann, der sich jetzt in ihrer Küche aufhielt. Die beiden posierten vor einem Army-Jeep, Nates Arm auf den Schultern ihres Bruders. Justins Grinsen und das Funkeln seiner blauen Augen sorgten dafür, dass Olivias Kehle eng wurde und Sehnsucht ihr Herz erfüllte. Bevor sie zu emotional werden konnte, gab sie Nate das Bild zurück und räusperte sich.

Als Nächstes zog er einen Führerschein heraus, ausgestellt in Illinois, und zeigte ihn erst ihr, dann Nakos, der sowohl die kleine Plastikkarte als auch den Mann vor sich beäugte, als wäre er nur noch eine Sekunde davon entfernt auszurasten. Dann verschränkte Nakos die Arme, in einer klaren Was-willst-du-Pose.

Nate warf einen unsicheren Blick zu Tante Mae. Als diese aufmunternd nickte, sah er wieder Olivia an. «Ich möchte nur reden. Wenn du willst, werde ich danach gehen.» Sein Blick bohrte sich in ihren, bis sie den Eindruck gewann, er sähe tief in sie hinein und erkenne einen Teil von ihr, von dem sie selbst gar nichts wusste. «Bevor er gestorben ist, hat Justin mir eine Nachricht für dich hinterlassen.»

2

Ein Versprechen. Das war es, was Nate nach der ehrenhaften Entlassung aus medizinischen Gründen von Chicago nach Meadowlark, Wyoming, geführt hatte. Wobei ehrenhaft eher ein schlechter Witz war. Aber was nicht war, konnte ja noch kommen – an diese Hoffnung klammerte er sich. Auch wenn ihm irgendetwas sagte, dass er immer noch nach Absolution suchen würde, wenn er eines fernen Tages seinen letzten Atemzug tat.

Eigentlich hätte er derjenige sein sollen, der unter der Erde lag, während Justin die Ehrenwache bei der Beerdigung hielt. Nicht andersherum. Und er würde für den Rest seines jämmerlichen Lebens dafür büßen. Hier war er nun, wie Justin ihn gebeten hatte … doch es gab keine Wiedergutmachung dafür, den Tod eines Freundes verursacht zu haben.

Nate starrte aus dem riesigen Wohnzimmerfenster der dunklen Wildflower Ranch, während er darauf wartete, dass Olivia aus dem oberen Stockwerk zurückkehrte. Justin hatte oft über seine Familie und ihr Land geredet. Zum Beispiel über die unzähligen Wildblumen, die der Farm ihren Namen gegeben hatten. Im Sommer wuchsen sie so zahlreich, dass das gesamte Land bis zum Horizont mit einem Blütenteppich in den schönsten Gelb-, Orange-, Pink- und Weißtönen bedeckt war. Und doch – irgendwie war es Justin nicht gelungen, der Ranch in seinen Beschreibungen wirklich gerecht zu werden. Nate hatte sich ein kleines Farmhaus in der Mitte des Nirgendwo vorgestellt, umgeben von Hügeln und Kühen. Er hatte ja keine Ahnung gehabt.

Es hatte ihn fünf Minuten auf seiner Maschine gekostet, um von der Straße aus das Haus zu erreichen. Er hätte die Abzweigung vielleicht verpasst, wäre das schmiedeeiserne Schild nicht so offensichtlich gewesen. Auf der einen Seite von Kiefern, auf der anderen von Solarlampen gesäumt, zog sich die Einfahrt kilometerlang hin, bis er fast gedacht hatte, er würde sein Ziel nie erreichen.

Das dreistöckige Blockhaus erinnerte fast an ein Herrenhaus, wenn auch im rustikalen Stil. Zedernholz und Glas von außen, Stein und Holzakzente im Inneren. Breite Balken zogen sich unter hohen Decken entlang. An einer Wand erhob sich ein massiver gemauerter Kamin. Die Sofas und Sessel waren mit marineblauem Cord bezogen. Die Art von Sofa, in die man sich an einem verschneiten Tag sinken ließ, nur um nie wieder aufstehen zu wollen. Familienfotos und Landschaftsbilder hingen an den holzverkleideten Wänden. Nate hatte bisher nur Wohnzimmer und Küche zu Gesicht bekommen, doch er war bereits beeindruckt. Auch die Küche war riesig, luftig und modern, mit Geräten aus rostfreiem Stahl.

Für einen Stadtjungen, der an Wolkenkratzer und Sirenen gewöhnt war – der Essen hatte horten müssen, um gerade so durchzukommen –, war das hier ein echter Kulturschock. Zur Hölle, selbst der Irak hatte weniger Anpassung erfordert.

Schritte erklangen auf der Treppe, und er drehte sich um. Der kalte Knoten aus Angst in seinem Bauch wuchs zu einem ganzen Knäuel heran. Sie war die größte Überraschung gewesen. Olivia Cattenach. Er hatte ein paar Fotos von ihr gesehen, dank ihres Bruders, doch ihr gegenüberzustehen, hatte ihn vorhin getroffen wie ein Schlag gegen den Kopf.

Jetzt umrundete sie das Treppengeländer am Ende der riesigen polierten Birkenholztreppe, gekleidet in lockere graue Jogginghosen, pinke Socken und ein weißes Tanktop. Und verdammt. Er hatte sich falsch ausgedrückt. Sie war kein Schlag. Sie war eine Wasserstoffbombe, die direkt in seinem Solarplexus explodierte.

Wie ihr Bruder hatte sie einen schlanken Körperbau, in ihrem Fall mit unglaublich langen Beinen. Vielleicht wäre «dürr» das richtige Wort gewesen, hätte sie nicht diese sanft geschwungenen Hüften und die perfekt proportionierten Brüste. Und dieses Haar? Verdammt. In seinen wildesten Phantasien hätte er sich kein solch lebhaftes Rotbraun vorstellen können. Es fiel seidenweich und glatt über ihre Schultern nach unten, was dafür sorgte, dass er sofort das Verlangen verspürte, seine Finger darin zu vergraben.

Sie betrat den Raum und wich seinem Blick aus. «Tut mir leid, dass du warten musstest. Wir haben heute geschoren, und ich war dreckig. Ich brauchte eine Dusche.»

Er hatte nicht den blassesten Schimmer, wovon sie sprach, nickte aber trotzdem. «Kein Problem.» Als ihr Blick wieder durch den Raum huschte, setzte er sich vorsichtig in einen der Sessel, um nicht so bedrohlich vor ihr aufzuragen. Seine Größe konnte einschüchternd wirken, und er wollte ihr auf keinen Fall Angst einjagen. «Deine Tante hat gesagt, sie wäre in ihrem Zimmer, falls du sie brauchst. Und der Mann, der bei dir war … Nick? Er ist gegangen.» Unter Protest, obwohl Olivias Tante ihm versichert hatte, dass ihre Nichte schon klarkommen würde.

«Nakos», korrigierte sie ihn mit einem höflichen Lächeln. «Er ist unser Vorarbeiter und ein guter Freund.»

Nate fragte sich, ob dieser Nakos wohl wusste, dass er nur ein Freund war. Der Typ hatte zwar nichts gesagt, ihm aber bedenklich böse Blicke zugeworfen.

Nach kurzem Zögern setzte Olivia sich auf den Sessel ihm gegenüber und zog die Beine unter den Körper. «Wann bist du in die Stadt gekommen?»

Smalltalk sorgte normalerweise dafür, dass er Pickel bekam, doch er mochte den Klang ihrer Stimme. So melodisch, fast singend. «Vor ungefähr einer Stunde. Ich bin direkt aus Chicago hergefahren.»

«Stammst du von dort?» Sie zog an ihrem Ohrläppchen, den Blick auf den Schoß gerichtet. Sie hatte es bisher vermieden, ihm wirklich in die Augen zu sehen. Er hatte noch nicht mal ihre Farbe erkennen können, und im Augenblick wollte er nichts mehr als das.

«Ja. Aus der Southside.» Er ließ seinen Blick über die hellen Sommersprossen auf ihren Schultern gleiten. Ihre Haut war unglaublich. Nicht wirklich hell, aber auch nicht dunkel genug, um als braun bezeichnet zu werden. Als sie bei der Erwähnung von Chicagos Problemviertel blinzelte, lehnte er sich ein wenig vor. «Bitte hab keine Angst vor mir. Ich mag gebaut sein wie ein Bär, aber ich bin harmlos.» Tatsächlich konnte er einen Mann auf fünfzig verschiedene Arten mit bloßen Händen umbringen, aber das brauchte sie nicht zu erfahren.

Schließlich richtete sie ihren Blick auf ihn. Jegliche Luft schien den Raum zu verlassen. Kornblumenblau – blauer als alles, was er bisher in seinem Leben gesehen hatte. Die Augen ihres Bruders waren auch strahlend blau gewesen, doch ihre waren … unglaublich. Die sanfte Wölbung der Brauen und ihre langen Wimpern ließen die Augen in ihrem hübschen ovalen Gesicht noch größer wirken.

«Tut mir leid.» Sie kaute kurz auf der Unterlippe. «Als das letzte Mal jemand vom Militär aufgetaucht ist, war es, um …»

Um sie darüber zu informieren, dass Justin gestorben war. Daran hätte Nate denken müssen.

Er zwang sich dazu, die Hände nicht zu Fäusten zu ballen, als er ihr mit einem Brummen zu verstehen gab, dass er begriff. «Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich die Beerdigung verpasst habe. Ich war verletzt und lag in einem Krankenhaus in Deutschland. Ich bin erst vor ein paar Wochen in die Staaten zurückgekehrt.» Er war gerade lang genug in Chicago geblieben, um ein paar Sachen von Jim abzuholen und auf seine Harley zu springen.

«Oh.» Ihr Blick glitt über seinen Körper, als suche sie nach Hinweisen auf seine Wunden. «Ich wusste nicht, dass noch jemand verletzt wurde. Ist es auch bei … bei dieser Explosion passiert? Geht es dir wieder gut?»

Es würde ihm nie wieder gut gehen. «Es war dieselbe Explosion, und ich bin wieder ganz gesund. Ich hatte ein paar Splitter im Bein und in der Hüfte, die herausoperiert werden mussten.» Er wünschte sich nur, sie hätten ihm auch eine Lobotomie verpasst. Die Narben und die verbliebenen Schmerzen in seinem Bein waren einfach nicht ausreichend als Strafe.

«Also warst du bei Justin, als er gestorben ist?»

Drei Meter entfernt. «Ja.» Er spürte, dass sie mehr Details brauchte, selbst wenn sie sie nicht unbedingt hören wollte. «Was weißt du über das, was passiert ist?»

Sie schluckte schwer und wandte den Blick ab. «Nur, was sie mir gesagt haben, was nicht allzu viel ist. Er wurde in ein Gebäude geschickt, und ein Sprengsatz ist explodiert. Sie haben angedeutet, dass die Mission deswegen schiefgelaufen ist, weil der befehlshabende Offizier falsche Informationen ausgegeben hat.»

Manchmal war es schlimmer, die ganze Wahrheit zu kennen, als nur ein paar Informationsfetzen zu besitzen. Entweder die Army hatte sie beruhigen wollen, oder sie hatte etwas missverstanden. Auf jeden Fall stimmte kaum etwas von dem, was sie gesagt hatte. Bis auf eine Sache. Justins befehlshabender Offizier hatte Mist gebaut. Und dieser Mann war Nate. Als First Lieutenant war er Justin übergeordnet gewesen, der nur den Rang eines Second Lieutenant gehabt hatte. Es war Nates Aufgabe gewesen, auf Justin aufzupassen. Und er hatte versagt.

Bei Olivia würde er nicht versagen. Sie durfte nie erfahren, welche Rolle er beim Tod ihres Bruders gespielt hatte, dachte Nate. Damit er Justins Bitte erfüllen konnte, musste Olivia ihm vertrauen. Daher wappnete er sich, um die Geschichte zu erzählen, ohne sie gleichzeitig erneut zu durchleben.

«Wir wurden in ein winziges Dorf geschickt, um nach Flüchtlingen und Waffen zu suchen. Die meisten Gebäude waren zerstört, und wir hatten nicht vor, dort länger als einen Tag zu bleiben. Justin und ich haben uns zusammen ein Gebäude vorgenommen, während der Rest unserer Einheit sich um die anderen kümmerte.»

Der Ort war eine Geisterstadt gewesen, also war Nate davon ausgegangen, dass Justin sich geirrt hatte, als er behauptete, einen kleinen Jungen gesehen zu haben. Er hätte es besser wissen müssen, als Justin zuerst in das Gebäude zu schicken, während er selbst ein Update an die Basis funkte. Es hatte sich herausgestellt, dass der Junge keine Fata Morgana gewesen war. Sondern ein echter Achtjähriger mit einem Sprengstoffgürtel um den hageren Brustkorb.

«Wir haben die Bombe zu spät gesehen.» Nate brach der kalte Schweiß aus. Seine Hände wurden feucht.

Olivia holte zitternd Luft. Ihr Blick wirkte verschleiert. «Hat er … gelitten?»

«Nein. Es ging schnell.» Manchmal waren Lügen einfach notwendig. Justin hatte schreckliche Schmerzen erlitten. Unendliche Pein. Es hatte eine Viertelstunde gedauert, bis er gestorben war. Angefühlt hatte es sich wie fünfzehn Jahre, als Justin auf dem verdammten Boden gelegen hatte – sein Körper gebrochen und blutüberströmt. Er hatte Nates Hand umklammert, während sie auf das Evakuierungsteam gewartet hatten. Die Erinnerung daran würde Nate niemals auslöschen können. «Er hat nichts gespürt.»

Olivia schloss die Augen und schien sich einen Moment Zeit zu nehmen, um sich zu sammeln. Ihre Schultern sackten erleichtert nach unten. «Danke.» Während in Nates Magen Säure brannte, veränderte sie ihre Position im Sessel, um dann wieder ganz still dazusitzen. «Du hast gesagt, Justin hätte dir eine Nachricht für mich gegeben?»

«Ja.» Er zog den Wenn-du-diese-Zeilen-liest-Brief aus seiner hinteren Hosentasche und entfaltete den Umschlag. «Wir haben Briefe ausgetauscht, für den Fall, dass uns etwas zustößt.» Er gab ihr die Nachricht.

Sie starrte den einfachen weißen Umschlag an, dem die Elemente zugesetzt hatten, seit er geschrieben worden war. «Hat er noch etwas gesagt, bevor er gestorben ist?»

«Scheiße, es tut weh, Nate. Mir ist so … kalt. Kümmere dich um meine Schwester. Versprich mir, dass du dich … um … Olivia kümmern wirst.»

«Dafür blieb keine Zeit.» Nate biss die Zähne zusammen, um nicht zu schreien. Er wollte weglaufen. Seinen Kopf mehrfach gegen die nächstbeste harte Oberfläche schlagen, um alles zu vergessen. «Als er den Brief geschrieben hat, hat er mich gebeten, ihn dir persönlich zu übergeben und in der Nähe zu bleiben, während du ihn liest.»

Er konnte nicht abschätzen, was in den nächsten Minuten passieren würde. Aber er sollte ihr etwas Raum geben.

«Ich habe noch ein paar Sachen von Justin auf meinem Motorrad.» Nate stand auf. «Ich werde sie holen. Du findest mich auf der Veranda, wenn du bereit bist.»

Ihr Blick hob sich. Niemals zuvor hatte er sich dringender gewünscht, jemand anderes zu sein. Ein Mann, der Trost spendete, statt Kummer zu bereiten. Ein Mann, der die Dankbarkeit in ihren Augen wert war. Aber leider war er einfach nur ein Arschloch erster Güte.

«Weißt du, was drinsteht?» Ihre leise Stimme schien sich um seine Kehle zu schlingen und sie zusammenzupressen.

«Nein. Wir haben den Brief des anderen nicht gelesen.» Mit zugeschnürter Brust trat er aus der Tür und in die kühle Nachtluft hinaus.

Seine Schuhe knirschten auf dem Kies, als er zu seiner Harley in der Einfahrt ging. Über ihm funkelten unendlich viele Sterne. Zu viele, um sie zu zählen, und mehr, als er je zuvor gesehen hatte. In diesem Drecksloch von Wüste hatte es jede Menge Sterne gegeben, aber nicht wie hier. Hier draußen im Niemandsland, ungestört von den Lichtern der Stadt oder Smog – oder Explosionen und Rauch –, erstreckte sich der Himmel scheinbar bis in die Unendlichkeit.

Und es war still. Nur das Rascheln von trockenem Gras hier, das Zirpen einer Grille dort. Der gelegentliche Ruf einer Eule vollendete die Symphonie. Die Stille war fast ohrenbetäubend, wenn man bedachte, woran er gewöhnt war.

Nate zog eine schuhschachtelgroße Kiste vom Gepäckträger seiner Harley, dann ließ er sich auf der Veranda in einen Schaukelstuhl fallen, um zu warten. Absolute Dunkelheit hüllte die Wildflower Ranch ein, abgesehen vom Silber des Mondlichts. Jetzt verstand er, wieso Justin mit solcher Begeisterung von diesem Ort gesprochen hatte. Man konnte sich in den Schatten der Berge, den Silhouetten der Bäume und der Einsamkeit verlieren.

Nach ein paar Minuten hörte er das leise Geräusch von Krallen, dann umrundete ein Hund die Hausecke. Das Tier ließ sich ungefähr zwei Meter entfernt von ihm nieder und starrte ihn an. Vorhin hatte Nates ganze Aufmerksamkeit Olivia gegolten, doch er meinte sich zu erinnern, dass ihr ein Hund in die Küche gefolgt war.

«Hey, Junge.» Oder Mädchen?

Nate klopfte sich auf den Oberschenkel, und der Hund trottete heran. Vorsichtig hielt Nate ihm die Hand hin, dann ließ er sie sanft über das braun-weiße Fell gleiten, bis der Hund mit der Schnauze gegen sein Knie stupste, als bäte er um eine richtige Krauleinheit. Mit einem Lachen, das in seinen eigenen Ohren rau und ungeübt klang, kratzte er den Hund hinter den Ohren.

«Ich nehme an, du gehörst Olivia. Wie heißt du?»

«Bones.» Besagte Besitzerin trat auf die Veranda und schloss die Schiebetür hinter sich. «Als er noch ein Welpe war, hat er mir ständig Knochenreste von jedem Kadaver gebracht, den er finden konnte. Daher der Name.» Sie setzte sich in den Stuhl neben ihm und ließ ihren Kopf nach hinten sinken. Ihre Augen wirkten verdächtig rot und geschwollen. Sie hatte sich ein Sweatshirt übergezogen, als Schutz gegen die Kälte der Nacht.

Nate ging davon aus, dass sie reden würde, wenn sie bereit war, also kraulte er weiter den Hund und musterte seine Umgebung, soweit das eben möglich war. Wenn er noch zehn Jahre Zeit bekam, würde er sich vielleicht an die Stille und die frische Luft gewöhnen.

«Sieht aus, als hättest du bereits einen Freund gefunden.» Sie drehte den Kopf und schenkte ihm ein trauriges Lächeln.

Er sah erneut auf Bones herunter. Ein guter Name. «Ich wollte immer einen Hund haben.» Stirnrunzelnd klappte er den Mund wieder zu, weil er nicht verstand, wieso er ihr das erzählt hatte.

«Deine Eltern haben dir kein Haustier erlaubt?»

Angesichts der Tatsache, dass seine Pflegefamilien schon Essen zum Privileg erklärt hatten – und das waren die anständigen gewesen –, antwortete er nicht.

«Wartet in Illinois irgendetwas auf dich? Ein Job? Familie?»

Er besaß nicht mehr Dinge als das, was er auf seiner Harley unterbringen konnte. «Ein paar Freunde.» Nur Jim, um genau zu sein. Und da Jim sein ehemaliger Bewährungshelfer war, sollte er ihn wahrscheinlich nicht als Freund einordnen. Aber wenn es ihn nicht gegeben hätte, wäre Nate wahrscheinlich entweder in einer Gangschießerei gestorben oder nach dem Jugendknast sofort wieder im Gefängnis gelandet. «Ich habe darüber nachgedacht, eine Weile in Meadowlark zu bleiben.»

«Bist du je auf einem Pferd geritten oder hast einen Traktor gefahren?»

Zur Hölle, nein. Die Frage hätte ihn fast zum Lachen gebracht. «Nein. Ich bin ein Stadtkind. Warum?»

Sie holte tief Luft und setzte ihren Schaukelstuhl in Bewegung, den Blick in die Ferne gerichtet. «Nun, wenn du hier arbeiten willst, sollte ich dir wahrscheinlich ein paar Dinge beibringen.»

Er erstarrte, den Blick auf ihr Profil gerichtet. Tja … Er hatte immer gedacht, einen Mann wie ihn könnte nichts mehr überraschen. Aber da hatte er sich wohl geirrt. Sein Plan hatte gelautet, in der Nähe zu bleiben, in der Stadt, um dort einen Job und ein Dach über dem Kopf zu finden. Für den Rest ihres Lebens – oder seines – wollte er aus akzeptabler Distanz über sie wachen.

Olivia sah ihn mit einem Lächeln an, das ihm fast den Boden unter den Füßen wegzog. «Also nur, falls du interessiert bist?»

«Ich kann einen Motor auseinanderbauen und wieder zusammensetzen. Im Notfall komme ich mit Holzarbeiten klar. Ich kann Sachen reparieren. Aber ich weiß nicht das Geringste über die Arbeit auf einer Ranch, Olivia.»

Sie zuckte mit den Achseln, als spiele das keine Rolle. «Wie gesagt: Ich kann es dir beibringen. Einen Mann für alles könnte ich gut gebrauchen.» Sie schluckte, und eine winzige Falte bildete sich zwischen ihren Brauen. «Ich fände es wirklich schön, wenn du bleibst.»

Was zum Teufel hatte Justin seiner Schwester in dem Brief geschrieben? Olivias gesamtes Verhalten hatte sich um hundertachtzig Grad gedreht. Sie war nicht länger zurückhaltend, sondern sah ihn direkt an, ohne eine Spur von Unbehagen oder Anspannung. Sowohl ihr Äußeres als auch ihr Verhalten erinnerten so sehr an Justin, dass Nates Herz wegen des seltsamen Déjà-vu-Gefühls wie wild schlug.

Nachdenklich senkte er den Blick auf den Hund. Ihr Angebot löste sein Jobproblem. Und wenn er auf der Ranch arbeitete, konnte er sie genauer im Auge behalten. Doch er hasste die Vorstellung, Geld von ihr anzunehmen, egal, welche Arbeiten er auch erledigen mochte.

«Du weißt nichts über mich.» Denn wenn sie das täte, würde sie anders handeln. «Ich könnte ein Serienvergewaltiger oder ein Juwelendieb sein.»

«Bist du das?» Ihre Lippen verzogen sich zu einem amüsierten Lächeln.

«Nein.» Durch furchtbare Umstände ein Mörder, ein ehemaliges Gang-Mitglied aus der Southside und insgesamt ein Loser, aber er hatte noch nie in seinem Leben etwas gestohlen. Und er würde sich niemals einer Frau aufzwingen. «Trotzdem. Du hast mich gerade erst getroffen.»

«Du hast gesagt, du hättest darüber nachgedacht, in der Stadt zu bleiben. Meadowlark ist eine Farmgemeinde. Die Stadt hat nur dreihundert Einwohner. Es dürfte dir schwerfallen, einen anderen Job zu finden.»

Und die nächstgelegene Stadt war Casper, hundertsechzig Kilometer westlich, mal abgesehen von weiteren winzigen Ortschaften auf dem Weg. Er seufzte und starrte ins Leere, während er seine Optionen abwog. Es war eine Sache, in der Nähe zu bleiben, aber etwas ganz anderes, ihr so dicht auf den Pelz zu rücken. Noch schlimmer, sie würde ihm beibringen müssen, wie er seine verdammte Arbeit machen konnte.

«Justin hat gesagt, ich könne dir vertrauen. Dass du ein guter Kerl bist.»

Himmel, sie war atemberaubend. Nicht wie diese Frauen, die man auf Laufstegen oder in Hollywood fand. Nein, ihre Schönheit war hundertprozentig natürlich und daher umso kostbarer. So etwas Schönes hatte keinen Platz in seinem Leben.

Und verdammt, er war kein guter Kerl. Sie sollte ihm nicht vertrauen. Klar, er würde sie beschützen, sie niemals verletzen und den Rest seines jämmerlichen Lebens damit verbringen, ein Versprechen zu erfüllen. Aber er war so ziemlich das Gegenteil von einem Heiligen.

«Wenn zu Hause nur ein paar Freunde auf dich warten, wieso probierst du es hier nicht einfach mal?» Sie wiegte sich entspannt in ihrem Schaukelstuhl, Haltung und Tonfall weder drängend noch forsch. «Kann ja nicht schaden. Ehrlich, es wäre schön, einen Freund von Justin in der Nähe zu haben. Das ist, als wäre ein Teil von ihm hier.»

Scheiße. Wie sollte er da noch nein sagen? Eine Stunde in ihrer Gegenwart, und er stand kurz davor, vor ihr auf die Knie zu fallen – bereit, ihr jeden Wunsch zu erfüllen.

«Okay.» Er räusperte sich. Er würde die Sache mit dem Lohn irgendwie umgehen müssen, weil er auf keinen Fall Geld von ihr annehmen konnte. Aus seiner Zeit in der Army hatte er genug Ersparnisse, und zusätzlich kam noch jeden Monat der Scheck mit seiner Versehrtenrente. «Wenn du dir sicher bist.»

«Absolut.» Diesmal erreichte das Lächeln ihre blauen Augen, was dafür sorgte, dass ihm heiß wurde. «Willkommen an Bord.»

«Danke.» In der Hölle war garantiert ein Platz für ihn reserviert. Er verdiente es zu brennen. Nate griff nach der Kiste vor seinen Füßen und gab sie ihr. «Das sind ein paar Dinge von Justin.»

Sie ließ die Fingerspitzen über das eingeschnitzte Hufeisen auf dem Deckel gleiten. «Diese Kiste habe ich noch nie gesehen.»

Wie sollte sie auch? Aber es hätte sich angefühlt wie Batteriesäure in einer Stichwunde, wenn er ihr den Besitz ihres Bruders in einer Plastiktüte zurückgebracht hätte. «Ich habe die Kiste gemacht. Seine Sachen sind dadrin.»

Sie blinzelte ihn an. «Du hast das gemacht?» Ihr Blick senkte sich auf ihren Schoß, dann ließ sie erneut die Hände über den Deckel gleiten. «Im Notfall komme ich mit Holzarbeiten klar», murmelte sie.

«Was?»

«Das hast du gesagt. Das hier zeigt, dass du mehr kannst, als einen Hammer oder eine Säge zu schwingen. Die Details sind phantastisch.»

Jim hatte Nate als Teenager das Schnitzen beigebracht. Müßiggang ist aller Laster Anfang und so. Über die Jahre hatte er sich mit allen Arten von Holz vertraut gemacht und war besser geworden; hatte angefangen, andere Dinge zu schnitzen. In diesem Krankenhaus in Deutschland war es das Einzige gewesen, was ihn bei Verstand gehalten hatte.

Sie öffnete die Kiste und blätterte ein paar Fotos durch. Als sie eine Kette herauszog, musste sie ein Schluchzen unterdrücken. «Ich wusste gar nicht, dass er die mitgenommen hat.» Tränen rannen über Olivias Wangen und glitzerten im Mondlicht. «Ich habe letzte Weihnachten überall danach gesucht. Sie hat meiner Mom gehört.»

Er sah von dem kleinen herzförmigen Anhänger an der Goldkette zu ihr und wieder zurück. Wenn es sein musste, kam er mit Feuergefechten klar, mit Scharfschützengewehren, die direkt auf seinen Kopf gerichtet waren. Aber Olivia Cattenach, die neben ihm weinte …? Nein, das konnte er nicht ertragen. Er hatte keine Erfahrung mit Gefühlen oder Frauen, und diese hier hatte ihn bereits um den kleinen Finger gewickelt.

Scham, Bedauern und Selbsthass zerrissen ihn innerlich.

Er stand auf und sah sehnsüchtig zu seinem Motorrad. «Ich werde dir, ähm … ein wenig Zeit für dich geben.» Er musste sowieso ein Zimmer für die Nacht finden. «Wann soll ich …»

Bevor er wusste, wie ihm geschah, stellte Olivia die Kiste auf dem Stuhl ab und presste sich an ihn. Ihre Brüste wurden gegen seinen Oberkörper gedrückt, und ihr gesamter Körper befand sich in Kontakt mit seinem. Er erstarrte.

Schlanke Arme um seine Hüfte, Finger im Stoff seines Hemds und der Kopf an seiner Brust vergraben. Ihr Scheitel befand sich noch ein Stück weit unter seinem Kinn, als ihre Tränen sein T-Shirt befeuchteten. Der Duft ihres Shampoos und etwas, was ihn an die Elemente erinnerte – Regen? –, umgab sie, und … Hölle. Bisher hatte er noch nie etwas erlebt, was ihn gleichzeitig so erregte und beruhigte.

«Danke.» Er meinte, ihren Atem durch den Stoff auf seiner Haut zu spüren. Er musste die Zähne zusammenbeißen, um sein aufsteigendes Interesse zu unterdrücken.

Luzifer gravierte da unten in der Hölle wahrscheinlich gerade Nates Namen auf einen speziellen Käfig.

Nachdem sie offensichtlich Trost brauchte und er in ihrer Schuld stand, umfasste er sanft ihren Hinterkopf und legte seine andere Hand an ihr Kreuz. Bei der Berührung drückte sie sich noch enger an ihn. Sein Verlangen kämpfte in ihm mit dem verzweifelten Wunsch, sie zu beschützen – vor der Welt, vor allem, was ihr vielleicht Schaden zufügen konnte, vor … ihm selbst.

«Tut mir leid.» Sie trat zurück und lächelte. Der plötzliche Verlust ihrer Nähe ließ ihn schwanken. «Jemanden zu treffen, der mit Justin gedient hat, und seine Sachen wiederzusehen, hat mich ein wenig wahnsinnig werden lassen.» Ihr Lachen war flüchtig und verheerend. «Komm. Wir sollten uns um dich kümmern.»

Kümmern? Wie? Mit einer gedächtnisauslöschenden Flasche Jack Daniels? Denn etwas anderes würde kaum helfen.

«Kommst du?»

Er schüttelte den Kopf, nur um dann festzustellen, dass sie die Fliegengittertür zum Wohnzimmer offen hielt. «Wohin?»

«Tante Maes Zimmer liegen neben der Küche. Meine sind im zweiten Stock, also kannst du dir eines von den drei Zimmern im ersten Stock aussuchen.»

Wie bitte? Sie wollte, dass er hier wohnte? «Ich werde mir eine Unterkunft in der Stadt besorgen.»

Ihr Grinsen sorgte dafür, dass die Welt sich um ihn drehte. «Viel Glück damit. Es gibt keine Motels.»

Der Hund stupste Nates Hand an, als wollte er sagen: Setz dich in Bewegung, Trottel.

Schön. Er würde sich morgen früh etwas ausdenken. Bei all den Untaten, die er begangen hatte, kam es auf eine mehr auch nicht mehr an. Oder?

3

Olivia nippte am Küchentisch an ihrem Kaffee, während Tante Mae am Herd stand und Speckstreifen in der Pfanne wendete. Knistern und Brutzeln füllten den Raum mit einer vertrauten und beruhigenden Geräuschkulisse.

«Hast du Nate heute Morgen schon gesehen?» Olivia schob das Rührei auf ihrem Teller herum, in der Hoffnung, dass es dann aussah, als hätte sie mehr gegessen. Sonst würde Tante Mae sich aufregen.

«Nein. Aber wenn er ohne Pause aus Illinois hierhergefahren ist, war er wahrscheinlich total erledigt und schläft jetzt noch.»

Zweifellos. «Ich hätte mit dir darüber reden sollen, dass ich ihn hier einquartiere.» Das war ein impulsives Angebot gewesen, nachdem sie Justins Brief gelesen hatte … doch Olivia konnte sich nicht dazu bringen, die Entscheidung zu bereuen. Laut ihrem Bruder hatte Nate keine Familie. Justin hatte gehofft, dass sein Freund nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst einen Ort fand, den er als Zuhause bezeichnen konnte. Justin hatte noch andere Dinge geschrieben – Dinge, über die Olivia noch nicht allzu genau nachdenken wollte. Damit würde sie sich später auseinandersetzen. «Ist das okay für dich?»

Tante Maes Augenbrauen wanderten nach oben. «Ich mische mich nicht ein, wenn du Leute anstellst, Kleine.»

«Ich weiß. Aber da er bei uns wohnt, ist es etwas anderes.»

Ihre Tante legte den gebratenen Speck auf einen Teller und gab weitere Streifen in die Pfanne. «Nun, die Zimmer in den Häusern sind alle belegt, also wüsste ich nicht, wo er sonst wohnen sollte.»

«Stimmt.» Es gab zwei große Häuser an der nördlichen Grundstücksgrenze, in denen die Arbeiter wohnten. Die Bezahlung beinhaltete Unterkunft und Verpflegung, da das für alle einfacher war, als jeden Morgen aus der Stadt zu pendeln.

«Außerdem wollte Justin, dass er hier wohnt. Dass er ganz nett anzusehen ist, schadet auch nicht.»

Lachend stellte Olivia ihren Kaffee zur Seite. «Er ist ein Riese, oder?»

«Pfft. Berg, würde ich sagen.»

Mit einem Seufzen, die Lippen immer noch zu einem Lächeln verzogen, ließ Olivia ihren Kopf nach hinten auf die Stuhllehne sinken. Dieser «Berg» hatte sie gestern für einige Sekunden im Arm gehalten – und das Gefühl der Sicherheit, das sie empfunden hatte, hatte sie durch die Nacht bis in den heutigen Morgen begleitet. Seltsam, da sie sich bisher nie als jemand betrachtet hatte, der Schutz brauchte.

«Ich bin nicht allzu lang geblieben, aber er schien ziemlich angetan von dir.» Tante Mae grinste. «Hat die Augen quasi nicht von dir losreißen können, um ehrlich zu sein.»

Himmel. «Halt mir bloß nicht wieder deinen Hab-ein-bisschen-Spaß-Vortrag. Das ist gestern nicht allzu gut gelaufen.»

Ihre Tante lachte. «Wenn dir bei diesem Adonis nicht von selbst Gedanken an Spaß kommen, dann gibt es keine Hoffnung mehr für dich.»

Der Adonis stampfte durch die Hintertür, eine lockere graue Trainingshose tief auf den Hüften, ergänzt durch ein verschwitztes graues T-Shirt. Sein kahler Kopf und die kräftigen Arme glänzten vor Schweiß. Fast hätte Olivia ihre Zunge verschluckt.

Bones trottete neben ihm ins Haus, nur um sich sofort vor Tante Mae zu setzen und um Speck zu betteln.

Olivia zwang sich, Nate in die Augen zu sehen, obwohl sie am liebsten ihren Blick über seinen Körper hätte wandern lassen. Mann, er sorgte echt dafür, dass ihr ganz heiß wurde. «Ich wusste nicht, dass du schon wach bist.»

Er zog sich ein Paar Kopfhörer aus den Ohren und sah sich um. «Ich laufe jeden Morgen ein paar Kilometer.» Als Tante Mae ihm eine Flasche Wasser reichte, starrte er sie verwirrt an. «Danke. Bin ich zu spät dran für die Arbeit?»

«Nein, quatsch.» Olivia trug ihren Teller zur Spüle. «Ich bin gerade erst aufgestanden. Nakos wird den Männern bald ihre Aufgaben zuteilen, aber wir müssen uns erst in ungefähr neunzig Minuten mit ihm treffen.»

Nate nickte und nahm einen großen Schluck aus der Flasche, wobei er aussah wie die Pornoversion eines Werbespots für Sportbekleidung. «Ich gehe kurz duschen, dann komme ich wieder runter.»

«Iss erst etwas.» Ihre Tante reichte ihm einen Teller, und wieder starrte er, als hätte er noch nie zuvor Rührei gesehen.

«Sie müssen mich nicht durchfüttern.»

«Kost und Logis inklusive.» Olivia setzte sich lächelnd zurück auf ihren Stuhl. «Du brauchst Proteine. Vertrau mir. Außerdem kommen die Männer ständig, um sich etwas zu essen zu holen.»

«Okay.» Ohne sich hinzusetzen, aß er ein paar Bissen, während Olivia mit Tante Mae besorgte Blicke wechselte. «Das erinnert mich an etwas. Wo kann ich ein paar Sachen kaufen?»

«Ich gehe heute sowieso einkaufen. Was brauchst du?»

Er blinzelte Tante Mae an. «Gatorade. Das Zeug trinke ich seit meiner Verwundung. Die Elektrolyte sorgen dafür, dass meine Muskeln sich nicht versteifen. Ich kann aber auch selbst losziehen, wenn ihr mir sagt …»

«Ich setze es auf die Einkaufsliste.» Seinen Protest tat Tante Mae mit einer wegwerfenden Handbewegung ab.

Rico, einer der Ranch-Arbeiter, rauschte durch die Tür herein, drückte Tante Mae einen Kuss auf die Wange und schnappte sich zwei Streifen Speck. «Ich liebe dich.»

Ihre Tante schnalzte missbilligend mit der Zunge. «Du liebst meinen Speck.»

«Das auch.» Er drehte sich um, nur um zu erstarren, als sein Blick auf Nate fiel. «Ähm. Hallo.»

Olivia verdrehte die Augen. «Rico, darf ich dir Nate vorstellen? Er ist ein Army-Kumpel von Justin.»

«Ach so.» Rico streckte die Hand aus. «Danke für deinen Dienst.»