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Die Geschichte lässt den Menschen der Gegenwart allein. Ratlos blickt er auf Regale, irrt in Bibliotheken umher und blättert in Enzyklopädien, erschlagen von der Fülle der dargestellten Ereignisse. Dem Arzt und Autor Gottfried Benn erschien die Ereignisgeschichte gar als die Krankengeschichte eines Irren. Es fehlt eine Orientierung über den dünnen chronologischen Faden hinaus, doch jenseits von Ideologie und Spekulation. Weit entfernt von ihrem einst reklamierten Titel einer Lehrmeisterin der Menschheit, begnügt sich die Geschichtsschreibung mit Exkursionen in das Meer der Zeit. Dabei könnte es mehr sein. Wirft man einen Stein ins Meer, so entstehen zunächst konzentrische Kreise, dann gerät er in das Auf und Ab der Wellen, um schließlich beim Sinken von einer Tiefenströmung erfasst zu werden. Mit diesem Bild erläutert der französische Historiker Fernand Braudel seine Unterscheidung dreier Zeitebenen in der Geschichte: Unterhalb der erratisch gekräuselten Oberfläche der Ereignisgeschichte verbergen sich langsamer pulsierende Konjunkturen und - noch tiefer- nahezu konstante Strukturen. Die beiden unteren Ebenen unterliegen einer verborgenen Regelmäßigkeit. Braudel gab seinerzeit das Versprechen, mit Hilfe seines Zeitmodells Geschichte systematisch zu erfassen. Dieses Versprechen wird im vorliegenden Werk eingelöst. Dabei kommt der Verfasser nicht um die Warnung umhin, dass sich in seiner Darstellung eine Formel verbirgt, deren schlichtes Prinzip jedem Leser eingängig sein wird: Teilt man die Summe aller günstigen Umstände durch die Summe aller Hindernisse so erhält man einen aussagekräftigen Quotienten. Zugegeben, durch die Einbeziehung von Braudels Zeitebenen wird es etwas komplizierter, doch bedarf der Leser keiner höheren Mathematik zum Nachvollziehen der vorliegenden Führung durch die Reformen der Geschichte, ergänzt durch Chronologie, Kartenmaterial und Epiphanie.
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Seitenzahl: 535
Veröffentlichungsjahr: 2017
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„The time is out of joint. O cursed spiteThat ever I was born to set it right!“(Hamlet Act I, Scene 5)
Das Werk ist das Ergebnis langer und fruchtbarerDiskussionen im Kreis eines engagierten historischenKolloquiums.
Besonderer Dank gilt Laura, Martin, Oliver undSascha
Die Geschichte schreibt sich fort in Kriegen, Revolutionen und Reformen.
Anders als Kriege beschreiten Reformen nicht den Weg kompromissloser Gewalt und blinder Zerstörung. Anders als Revolutionen wollen Reformen das Bestehende im Kern erhalten durch dessen Anpassung an veränderte Bedingungen. Reformen setzen keine scharfen Zäsuren, wollen nicht mit der Vergangenheit brechen, sondern das Alte korrigieren. Reformen mögen der Dramatik entbehren, sie mögen dem Betrachter weniger spektakulär erscheinen, doch sie sind der humanste Weg der Geschichte. Scheitern Reformen, pflegt die Geschichte einen blutigeren Verlauf zu nehmen.
In diesem Buch wird zum ersten Mal der Versuch gewagt, die Geschichtsmächtigkeit von Reformen systematisch zu analysieren. Es handelt sich darum, alle Antriebe und Hindernisse ausgewählter Reformen zu erfassen und zu bilanzieren. Mittels verschiedener Annäherungsverfahren sollen das historische Gewicht großer historischer Reformen und die Durchschlagskraft gegenwärtiger Reformen bestimmt werden.
Ein solch universalhistorisch gespannter Bogen ist zwangsläufig selektiv und ergänzungsbedürftig. Quellen und Darstellungen zeichnen ein unvollständiges und subjektives Bild vergangener Reformen und bei Reformen der Gegenwart ist der historische Fluss noch nicht zu einem festen Tableau geronnen. In keinem Fall kennt die Geschichte ein abschließendes Urteil, insofern jede Zeit mit den ihr eigenen Fragestellungen an die Vergangenheit herantritt. Kritik im Detail sollte jedoch den Mut zum großen Wurf nicht schmälern.
Das Buch wendet sich an den historisch interessierten Leser im Allgemeinen und an Entscheidungsträger im Besonderen.
Reformen gedeihen auf dem Boden der Krise und müssen Althergebrachtes ändern, verkrustete Strukturen aufbrechen. Damit beginnen Reformer a priori mit einem Malus, insofern sie dem geronnenen Geist von Generationen gegenüberstehen. Roger Rosenblatt beschlich in seinem einfühlsamen TIME-Artikel über das sowjetische Alltagsleben Oktober 1987 das Gefühl, dass Ineffizienz und Altmodischkeit den Menschen selbst zu eigen ist, im Bestreben, die Vergangenheit zu erhalten und das Moderne fernzuhalten.
Zudem neigt der Mensch zum Vergessen und Verdrängen. So geraten die Schrecken der Vergangenheit in Vergessenheit über den Segnungen der Gegenwart. Das gute Leben wird als Selbstverständlichkeit perpetuiert, Frieden und Wohlstand werden zu freien Gütern, vergangene Errungenschaften werden als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt. Güter aber, die nichts kosten, sind nichts wert. Die Lethargie der Gegenwart pflegt nicht die Schätze der Vergangenheit. Jede angestrebte Reform muss sich über die Persistenz des Bestehenden hinwegsetzen. Erst wenn die Dinge schlecht stehen, wächst die Bereitschaft sie zu ändern.
Dabei ist Reformvorhaben eine gewisse Doppelbödigkeit zu eigen.
Es konkurrieren Zwang und Verlockung des Neuen und das Trägheitsmoment des Alten. Die Entstehungsgeschichte von Reformen ist geprägt durch eine Dialektik von Wandel und Beharrung – die Konjunktur des Wandels trifft auf die Persistenz des Bestehenden, Innovationsdrang stößt auf eine konservative Disposition. Einerseits sind Reformen ihrem Wesen nach konservativ in ihrem Bestreben, strukturelle Mängel auszugleichen, das Bestehende systemimmanent fortzuentwickeln und zu verbessern. Andererseits ist vielen Reformen die Herstellung eines Mehr an Gleichheit im weitesten Sinne zu eigen als latente Leitlinie, unterschwelliges Motiv und unausgesprochene Richtschnur. Gerechtigkeit und Gleichgewicht dienen Reformen als regulative Idee. Eine gerechtere Verteilung soll alle Betroffenen mit dem prinzipiellen Status quo versöhnen. Dabei geht es weniger um Gleichheit als um Gleichgewicht.
Die Doppelbödigkeit von Reformen findet nicht selten ihr Pendant im zwiespältigen Wesen der Reformer, in deren Innern gleichermaßen Vernunft und Leidenschaft wühlen. Mitunter wird die Leidenschaft genährt durch das Motiv verletzten Stolzes, der Tilgung erlittener Schmach. So wühlte in Tiberius Gracchus der Stachel des kassierten Mancinus-Vertrages, in Luther die bischöfliche Ignorierung seiner Thesen und in Peter dem Großen die Zurechtweisung durch einen schwedischen Wachsoldaten in Riga.
Reformer empfinden die Zeit als aus den Fugen geraten, sehen die Welt in ihrem inhärenten Gleichgewicht erschüttert. Sie spüren das Unbehagen einer Verschiebung, sie registrieren die Entstehung eines Ungleichgewichts, einer Unwucht und sie stellen sich der herkulischen Aufgabe, der Plattentektonik historischer Prozesse Einhalt zu gebieten. Sie fühlen sich berufen, den originären Zustand einer prästabilisierten Harmonie wiederherzustellen und hadern nicht selten unter der selbst auferlegten Bürde. Hamlet verflucht seine Mission und Luther wehklagt „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir! Amen.
Radikale Eingriffe in die Eigentumsverhältnisse, soziale Umverteilung und gesellschaftliche Nivellierung sind der Reformer Sache nicht. Gerechtigkeit ist ihnen im Sinne der Stoa das abstrakte Wissen davon, was jedem gemäß der Natur zukommt und ihre Reform soll als lenkende Vernunft wieder zur Gerechtigkeit führen, das allgemeine Gleichgewicht neu justieren.
Stehen sie nicht selbst an der Spitze, kommen Reformer häufig von außen und stoßen in den inneren Zirkel der Macht. Dort schaffen sie sich mit viel Glück eine Kirche, einen engen Kreis von Anhängern, im Widerstreit mit etablierten Mandarinen um das Ohr der Herrschenden bemüht.
Reformer nutzen die Gunst der Stunde, sie reiten auf der Welle des Jetzt soweit die vorgefundene Konjunktur sie tragen möge. Reformer sind Spieler, einen ungedeckten Wechsel auf die Zukunft in den Händen. Sie verfolgen eine konservative Utopie, sind Auslöser doch nicht Vollender geschichtsmächtiger Bewegungen. Nicht selten gehen sie unter im Strudel der von ihnen angestoßenen Ereignisse.
Mitunter gibt es Reformer wider Willen, die wie Luther in ihrem Bestreben zu konservieren das Alte einreißen. Dann finden sich Gesinnungsethiker unter den Reformern, die sich wie Peter der Große in ihrem skrupellosen Vorgehen als Werkzeug eines historischen Auftrages empfinden. Schließlich erscheint unter Reformern der Typus des tragischen Helden, der gleich Gorbatschow einen aussichtslosen Kampf führt, den Keim seines Scheiterns jedoch unbewusst in sich trägt. Der Generalsekretär der KPdSU stand zwischen Alt und Neu und konnte sich nicht entscheiden, da er immer eines von beiden verlieren würde, wie immer er sich festlegte.
Ob eine Reform gelingt, ist eine Frage des Verhältnisses von Kontinuität und Diskontinuität in der Geschichte. Da beide Erscheinungen gleichzeitig aufzutreten pflegen, ist die Reformbilanz stets ambivalenter Natur. Reformen sind das Resultat des Verhältnisses von akzelerierenden und retardierenden Kräften, spiegeln sich im Quotienten von Anstoß und Beharrung. Die Geschichtsmächtigkeit von Reformen lässt sich quantitativ darstellen in Form eines Reformindexes. Gelingt die Ermittlung aller eine Reform und einen Reformer begünstigender Momente, ebenso die Erfassung aller Faktoren, die einer Reform und einem Reformer im Wege stehen, so lassen sich beide Größen nach einer bestimmen Formel in Bezug setzen. Der quantitativ ermittelte Wert sollte sich im qualitativen Kapitel Bilanz widerspiegeln, in dem jede Reform bewertet wird.
Die Unterscheidung zwischen biographischen Gegebenheiten des Reformers und historischen Rahmenbedingungen der Reform trägt der Feststellung Jacob Burckhardts Rechnung, dass nicht jede Zeit ihren großen Mann findet und umgekehrt nicht jede große Fähigkeit ihre Zeit. Biographisches Korrelat und historische Rahmenbedingungen müssen sich zu einer kritischen Masse vereinen, um eine Reform auf den Weg zu bringen. Dabei kommt den Rahmenbedingungen als kontextuellem Wirkungskoeffizient ein größeres Gewicht zu als den biographischen Gegebenheiten. Die Geschichte pflegt zur gegebenen Zeit ihre welthistorischen Individuen zu finden. Umgekehrt bleiben potentielle Geschäftsführer der Weltgeschichte namlos und vergessen ohne entsprechende historische Voraussetzungen.
Mitunter kann ein und derselbe Umstand akzelerierender und retardierender Natur zugleich sein. So führte verletzter Stolz Tiberius Gracchus zuerst zum Volkstribunat und dann zu politischen Fehlern, so verhalf die Steuerreform Diokletians dem Reich zu verbesserten Einnahmen, auf der anderen Seite führte die verschärfte Steuereintreibung zu Verdruss an der Reichseform. Die Minken-Bewegung für Freiheit und Volksrechte hinterfragte und begünstigte in einem die Meiji-Reformen Japans. Der dialektische Umschlag von Beschleunigung zu Blockade ist häufig zeitlich aufzulösen. So förderte etwa der wirtschaftliche Erfolg zunächst das Gedeihen der Klöster, gefährdete jedoch langfristig deren spirituelle Orientierung.
Eine Zeitmaschine ist uns nicht vergönnt, doch gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich in das Meer der Zeit zu versenken. Quantifizierung ist ein Weg, sich mit Geschichte zu befassen.
Ein anderer Weg ist der Versuch, sich in die Person des Reformers und deren Zeitumstände hineinzufühlen, um so das hartnäckige Schweigen der Vergangenheit empathisch zu brechen. Prinzipiell werden die Spuren geschichtlich handelnder Individuen im Laufe der Zeit schwächer. Nur in der Epiphanie erschließt sich unmittelbar der ferne Zeitgeist in symbolisch verdichteter Form.
Im Übrigen ist auch die Gegenwart nicht mitteilsam, insofern die ohnehin seltenen Antworten der angeschriebenen, noch unter den Lebenden weilenden Reformer wenig ergiebig waren.
Quantifizierung und Empathie - beide Verfahren haben ihre methodischen Probleme.
Problematisch bleiben die Frage der Gewichtung einzelner Reformaspekte und die Zusammensetzung der Reformel, der hergestellten Beziehung von kontextuellem Wirkungskoeffizient und biographischem Korrelat. Kommt etwa dem fränkischen Eigenkirchenwesen innerhalb der cluniazensischen Reformbewegung die gleiche Bedeutung zu wie dem Verfall monastischer Zucht, ist die F.D. Roosevelt jäh überkommene Lähmung von gleicher Bedeutung wie die Dürrekatastrophe, wenn es um die Reform des New Deal geht? Ein prinzipielles Problem liegt in der Quantifizierung qualitativer Gegebenheiten.
Einzig die intersubjektive Ermittlung der einzelnen Faktoren im Kreise eines historischen Kolloquiums kann hier teilweise Abhilfe schaffen.
Auch der Versuch, sich einer Reform anzunähern durch Herausgreifen einer Epiphanie ist notgedrungen spekulativ. Die Epiphanie stellt ein imaginäres Schlüsselmoment dar, eine erdachte Episode aus der Geschichte einer Reform, in der sich Zeitgeist und historisches Individuum unverhofft offenbaren und verdichten. Ein Hineinversetzen in die Vergangenheit soll deren Geist empathisch erfassen unter Überwindung aller Barrieren der Sozialisation und Geistesgeschichte. Jenseits aller Trennung durch inzwischen eingetretene kollektive Erfahrungen und Denkmuster schlägt die Epiphanie eine Brücke zu einer fernen Zeit. Sicherlich wird an dieser Stelle die Grenze zwischen Geschichte und Literatur überschritten, doch ist es nicht die Literatur, die menschliche Erfahrung auf beispielhafte Weise verdichtet und uns die Archetypen zur Einordnung unserer Existenz verschafft, die Urbilder zur Entschlüsselung der Welt?
Die Beschäftigung mit der Geschichte birgt ihre Fallstricke, doch das vielbeschworene Lernen aus der Geschichte erfordert den großen Wurf. Ohne Mühe und Wagnis universalhistorischer Vergleiche verharrt die Geschichtsbetrachtung im sicheren Kleinklein wissenschaftlicher Pflichtexerzitien und droht zur antiquarischen Liebhaberei zu verkommen. Viel besser dient dem öffentlichen Interesse eine Angewandte Geschichte, und dies ist deren erster Teil.
Die Reformen des Tiberius Gracchus
Das römische Reich zur Zeit des Tiberius Gracchus
Akzelerierende Faktoren
Retardierende Faktoren
Reformbilanz
Epiphanie – Vater, gebt mir ein Zeichen!
Quantitative Auswertung
Gaius Aurelius Valerius Diocletianus Augustus
Das römische Kaiserreich zur Zeit Diokletians
Das tetrarchische System im Wandel
Akzelerierende Faktoren
Retardierende Faktoren
Reformbilanz
Epiphanie - Alles hat seine Zeit
Quantitative Auswertung
Die Cluniazensische Reform (10.-12. Jahrhundert)
Burgund im Mittelalter
Akzelerierende Faktoren
Retardierende Faktoren
Reformbilanz
Epiphanie - Die Ordnung der Welt
Quantitative Auswertung
Luther und die Reformation (16. Jahrhundert)
Das Deutsche Reich zur Zeit Luthers
Akzelerierende Faktoren
Retardierende Faktoren
Reformbilanz
Epiphanie – Ich bin hindurch!
Quantitative Auswertung
Die Petrinischen Reformen 1698-1725
Das Zarenreich zur Zeit Peter des Großen
Akzelerierende Faktoren
Retardierende Faktoren
Reformbilanz
Epiphanie – Was kommt danach?
Quantitative Auswertung
Die Preußischen Reformen (1807 -1819)
Preußen 1806 und 1807: Wie gewonnen, so zerronnen
Akzelerierende Faktoren
Retardierende Faktoren
Reformbilanz
Epiphanie – Don Carlos zum Zweiten
Quantitative Auswertung
Die Meijireformen 1868 – 1912
Die vier peripheren Provinzen – eine eigene Welt
Akzelerierende Faktoren
Retardierende Faktoren
Reformbilanz
Epiphanie - Wie gesellt sich das Neue zum Alten?
Quantitative Auswertung
Bismarcks Sozialgesetzgebung 1881 – 1889
Parlamentarisierung wider Willen
Akzelerierende Faktoren
Retardierende Faktoren
Reformbilanz
Epiphanie – Der Zipfel des Mantels
Quantitative Auswertung
Mustafa Kemal Atatürk, Vater der Türken
Das verlorene Reich
Akzelerierende Faktoren
Retardierende Faktoren
Reformbilanz
Epiphanie - Auserwählt vom Schicksal ?
Quantitative Auswertung
Der New Deal 1933 – 1938
The adopted son of the South
Akzelerierende Faktoren
Retardierende Faktoren
Reformbilanz
Epiphanie – Ein großes Schiff steuern
Quantitative Auswertung
Das Reformwerk Gorbatschows 1985-1991
Das abhandengekommene Reich
Akzelerierende Faktoren
Retardierende Faktoren
Reformbilanz
Epiphanie - Warum gerade ich ?
Quantitative Auswertung
Peter Hartz und die Agenda 2010
Parallelbiographien
Akzelerierende Faktoren
Retardierende Faktoren
Reformbilanz
Epiphanie – Die ganz Großen trinken ihren Kelch
Quantitative Auswertung
Die europäische Integration (1951 - ? )
Stafetten
Eine immer weitere Union
Akzelerierende Faktoren
Retardierende Faktoren
Reformbilanz
Epiphanie - Das Spiel ist aus
Quantitative Auswertung
Auslese
Reformfördernde Umstände
Reformer kommen von außen
Reformer haben einen Vorsprung an Ideen
Verletzter Stolz als persönliches Motiv
Die Mutterfigur spielt mitunter eine wichtige Rolle
Reformer unter einer schützenden Hand
Reformer verfügen über eine rechte Hand
Reformer sind geborene Organisatoren
Reformer brauchen Fortune
Reformer sind in der Regel langlebig
Reformen enstehen eher aus Angst denn aus Macht
Wirtschaftlicher Niedergang beflügelt Reformen
Machtpolarität und Dreieckskonstellation
Reformen beginnen selten bei Null
Mediale Vermittlung tut not
Reformschädliche Umstände
Umstand der Spaltung
Kardinalen Fehler
Verriss in den Medien
Zerklüftetes Vorfeld
If all men who set the example of forcible infringement of law are criminals, Gracchus was a criminal.
But in the world's annals he sins in good company.
(A.H. Beesly in The Historian's History of the World, V, p.363)
Mit der Zerstörung Korinths und Karthagos im Jahre 146 wurde das Mittelmeer zum mare internum und Rom zur Herrin der Welt. Doch der Sieg hatte zwei Gesichter. Die Schattenseite des außenpolitischen Glanzes war eine Polarisierung der Gesellschaft. Die Siege mehrten den Reichtum der Wohlhabenden.
Der altrömische Agrarstaat wurde nun dominiert vom senatorischen Großgrundbesitz. Der Zufluss von Sklaven und billigem Getreide führte zur Entwurzelung der freien Bauern, ehemals das moralische und militärische Rückgrat der römischen Republik. Weder konnten sie konkurrieren mit den billigen Importgütern, noch konnten sie ihre Produktion umstellen auf die lukrativere Oliven- und Viehwirtschaft. Olivenöl und Viehzucht wurden im großen Stil auf den Latifundien erzeugt, von Sklaven bewirtschafteten Großgütern, zumeist im Besitz von Senatoren. Schwerer noch wog die kriegsbedingte Abwesenheit der Legionäre, die sich mit immer ferneren Feldzügen bis in die Erntezeit hinein erstreckte. Durch die Okkupierung von Staatsland und brachliegender Höfe hatten die Senatoren ihren Grundbesitz arrondiert während die Kleinbauern in die Städte zogen und zu Proletariern absanken. Ihnen blieben nur noch zwei Güter, ihre Nachkommenschaft (proles) und ihre Stimme in den Volksversammlungen. Rom hatte die Mittelmeerwelt pazifiziert und seinen inneren Frieden verloren.
Gegen diese Polarisierung stemmten sich zwei Brüder aus vornehmer Familie, Tiberius und 10 Jahre darauf sein ungestümer jüngerer Bruder Gaius. Beide bezahlten ihren politischen Einsatz mit dem Leben. Ihrem Scheitern folgte ein Zeitalter der Bürgerkriege, das in der Alleinherrschaft Caesars mündete.
Unser Augenmerk liegt auf dem vergeblichen Versuch des Erstgeborenen Tiberius das alte republikanische Rom zu retten.
Der republikanische Stadtstaat stieg auf zur Großmacht nach Ausschaltung seines Rivalen Karthago. Rom fasste Fuß in Nordafrika, Spanien, Makedonien, Griechenland (Achaia) und Kleinasien (Pergamum) und legte den Grundstein für das Imperium Romanum der Kaiserzeit. Gleichzeitig öffnete sich Rom hellenistischem Gedankengut aus dem Osten. Griechische Philosophie, Erlöserreligionen und orientalisches Gottkönigtum drangen langsam ein in den republikanischen Geist, doch das Schwert blieb fest in der Hand Roms.
'Mögen andere kundiger reden am Markt', dichtete Vergil in seinem Nationalepos Aeneis kurz vor der Zeitenwende, 'sei du, Römer, gedenk des Reiches und übe die Herrschaft, den Besiegten gelind, siegreich über den Stolzen.'Schwer tat sich Rom mit der Unterwerfung der keltiberischen Stämme in Spanien. Erst Konsul Scipio Aemilianus, dem Zerstörer Karthgos, gelang 133 die Eroberung Numantias nach 13monatiger Belagerung. Die meisten Verteidiger gingen in den Tod um sich Rom nicht unterwerfen zu müssen. Den Tod seines Schwagers Tiberius Gracchus soll der Konsul im Heerlager vor Numantia mit einem Homerzitat kommentiert haben, jedem solle dasselbe Schicksal widerfahren, der sich zu solchen gesetzlosen Taten hinreißen lässt. Auch den Fall Karthagos soll Scipio wehmütig mit einem Homerzitat begleitet haben, da Rom einst das gleich widerfahren könne. Scipio selbst starb 129 überraschend und unter rätselhaften Umständen.
Tiberius Sempronius Gracchus und sein jüngerer Bruder Gaius waren für die Politik prädestiniert. Das Plebejergeschlecht der Gracchen mit seinem Zweig der Sempronii gehörte zu den führenden Familien der römischen Nobilität. Sein Vater war zweifacher Konsul und nicht der erste der Familie, der dieses höchste Amt der Republik bekleidete. Tiberius stand in einer langen Tradition von gleichnamigen Amtsvorgängern – alle bis hin zum Konsul Tiberius Sempronius Gracchus des Jahres 238 teilten sich den Praenomen Tiberius.
Seine Mutter Cornelia war eine Tochter des Siegers über Hannibal Publius Cornelius Scipio Africanus und war mit 25 Jahren die Ehe mit dem doppelt so alten und angesehenen Tiberius Sempronius eingegangen. Seine ältere Schwester Sempronia schließlich war verheiratet mit dem überaus angesehenen Scipio Aemilianus, dem Adoptivsohn des großen Scipio Africanus.
Die beiden Brüder genossen nach dem Tod ihres Vaters eine durch ihre Mutter beaufsichtigte sorgfältige Erziehung durch den Stoiker Blossius und den griechischen Rhetor Diophanes und waren geschulte Redner, wobei der hochbegabte Gaius seinen älteren Bruder noch übertraf. Blossius wurde zum politischen Vertrauten des Tiberius.
Tiberius folgte den Fußstapfen seines gleichnamigen Vaters, schlug die klassische Militärlaufbahn ein und bekleidete hohe Ämter. Gleich seinem Vater setzte sich Tiberius für die Armen ein, doch anders als dieser geriet ihm dies zur Lebensaufgabe. Was veranlasste den vielversprechenden jungen Mann, sich kompromisslos auf die Seite der Besitzlosen zu schlagen und zum Anwalt des Volkes zu werden?
Familiär vernetzt in die Zirkel der Macht hätte Tiberius wohl nach dem Beispiel seines Vaters den cursus honorum weiter gehen können bis zum Gipfel, dem Konsulat. Sein Weg zu Erfolg und Ruhm war vorgezeichnet, und doch verließ er ihn und agierte gegen seine eigene politische Klasse.
Es mögen vor allem drei Gründe gewesen sein, die Tiberius die Bürde der Reform auf sich nehmen ließen: Verletzter Stolz, sodann die von seiner ehrgeizigen Mutter vermittelte Erziehung zur Stoa und schließlich die politische Fehleinschätzung zur Tragweite seiner Reform.
136 erlitt das von Konsul Hostilius Mancinus geführte Heer auf der iberischen Halbinsel eine schwere Niederlage gegen die Numantiner. Zur Schonung seiner geschlagenen Legionäre ließ Mancinus den ihn begleitenden Quaestor Tiberius einen Kapitulationsvertrag aushandeln, den die Numantiner im Andenken an die Verlässlichkeit seines Vaters unterzeichneten. An sich oblag Tiberius als Quaestor die Verwaltung der Kriegskasse und die Vertretung des Feldherrn, doch Name und Ansehen seines Vaters empfahlen ihn den Numantinern.
Der Senat kassierte den von Tiberius ohne Mandat ausgehandelten Vertrag ohne dass sein Schwagers Scipio Aemilianus eingriff. Der unglückliche Hostilius wurde auf Geheiß des Senats den Numantinern ausgeliefert, der von Tiberius persönlich ausgehandelte und verbürgte Vertrag für null und nichtig erklärt. Die Annullierung bedeutete nicht nur einen schmerzlichen politischen Rückschlag, sondern eine persönliche Bloßstellung. Ebenso führte die harsche Senatsreaktion zur Hinwendung des jungen Tiberius zur Gens Claudius, einer mit den Scipionen rivalisierenden Familie. Überdies galt die Ehe seiner älteren Schwester Sempronia mit Scipio Aemilianus als unglücklich. Tiberius stand nicht mehr uneingeschränkt unter dem gewichtigen Schutz der mehrfach verwandten Scipionen.
Es ging jedoch um mehr als Familienpolitik und Karriereknick. Nicht militärische Unfähigkeit, sondern sinkende Wehrkraft hatten in Tiberius’ Augen zu dem iberischen Debakel geführt. Moral und Zahl der Legionäre schwanden und einer musste sich finden, dieses Übel zu kurieren. Die Lehre der Stoiker sprach vom Determinismus des Schicksals und die Freiheit des Menschens bestand in seiner freiwilligen Einordnung in die Teleologie des fatums. Wahrhafte Glückseligkeit fand der Entscheidungsträger in der Unterwerfung unter das göttliche Gesetz und das Pflichtgebot der Vernunft. Die Ethik der Stoa gebot jedem das zukommen zu lassen, was er für ein der Natur gemäßes Leben benötigte. Aus den ihm von Plutarch zugewiesenen Worten spricht eine tiefe moralische Empörung, ein verletzter Gerechtigkeitssinn:
"Die Tiere in Italien haben ihr Lager und jedes weiß, wo es hingehört. Die Männer aber, die für Italien fechten und sterben, haben nur leere Luft, sonst nichts. Ohne Haus und Dach, irren sie unstet mit Weib und Kind umher. Die Feldherren lügen heute, wenn sie in Schlachten die Soldaten ermuntern, für ihre heiligen Stätten zu kämpfen. Sie sterben für fremden Reichtum und Überfluss, angeblich die Herren der Welt, in Wirklichkeit haben sie keine Erdscholle!"
Der Vergleich von Mensch und Tier in dieser berühmten Passage deutet auf eine kynisch-stoische Gedankenwelt, insofern er eine radikale Kritik an den sozialen Verhältnissen beinhaltet: Der altgediente Legionär sinkt noch unter das Los eines wilden Tieres, verarmt und entwurzelt.
Mochte die Furcht vor Karthago in Erinnerung an den Existenzkampf gegen Hannibal das Milizheer einigen und disziplinieren, so endete diese die sozialen Gegensätze schlichtende Wirkung mit dem Wegfall des äußeren Feindes. Die Männer, die für Italien kämpften hatten nach dem Verlust eines ebenbürtigen Gegners nur noch eines zu fürchten – den Verlust ihres Hofes, ihrer Existenz.
Aber auch innerhalb der Nobilität zerbrach der auf dem Selbsterhaltungstrieb Roms fußende Grundkonsens. Ein Teil der Patrizier betrieb nun Politik gegen die eigene Klasse.
Unternahm so Tiberius die Reform als stoische Pflicht, so war er doch seinem eigenen Verständnis nach ein Konservativer wie sein Vater. Eine Agrarreform war in seinen Augen unumgänglich zur dringend erforderlichen Stärkung der Wehrkraft. Das römische Milizheer rekrutierte sich maßgeblich aus der Zahl der freien Bauern, sank diese infolge von Hofaufgabe so litt die Schlagkraft Roms. Neben dem militärischen Aspekt trat die Sorge um die öffentliche Sicherheit. Seit dem zweiten Punischen Krieg waren versklavte Kriegsgefangene in großer Zahl eingeführt worden, die sich häufig mit ihrem Schicksal nicht abfanden. In den Jahren 136 bis 132 führte ein Sklavenaufstand in Sizilien unter der Führung des Syrers Eunus die Gefahren der Latifundienwirtschaft vor Augen. Auch besitzlose Bauern hatten sich den gegen ihre schlechte Behandlung rebellierenden Sklaven anschlossen. Eine Stärkung des freien Bauerntums lag offenkundig im öffentlichen Interesse.
Bereits vor Tiberius war die Notwendigkeit einer Agrarreform diskutiert worden. In Rom hatte sich ein reformfreudiger Kreis hellenistischer Intellektueller zusammengefunden, die als Lehrer der Rhetorik und Philosophie Gehör bei den Mächtigen fanden. So hatte sich bereits um 140 Konsul Gaius Laelius Sapiens, der Freund seines Schwagers Scipio Aemilianus, mit einer Gesetzesvorlage zur Landreform beschäftigt, diese aber wegen Opposition des Senats und mangelnder Unterstützung durch Scipios fallen gelassen. Seine politische Vorsicht brachte ihm den Beinamen „der Weise“ ein. Doch auch im Senatorenstand gab es eine entschlossene Reformfraktion um den Schwiegervater von Tiberius, Appius Claudius Pulcher und den renommierten Juristen Mucius Scaevola. Appius ClaudiusPulcher führte immerhin als princeps senatus die Rednerliste des Senats an und war später von 133-130 Triumvir agris dividendis, Mitglied der von Tiberius eingesetzten Dreimännerkommission zur Landverteilung. Mucius Scaevola war einer der Konsuln des Jahres 133 und viele Senatoren orientierten sich in ihrer Stimmabgabe nach der Autorität der Konsulare.
Waren die freien Bauern das Rückgrat der römischen Armee, so musste deren Landflucht infolge ihres wirtschaftlichen Abstieges das römische Heer empfindlich schwächen. Die Höfe wurden aufgegeben, weil ihre Besitzer im Krieg gefallen, auf langwierigen Feldzügen abwesend, oder nicht mehr konkurrenzfähig waren gegenüber billigen Agrarimporten. Nur eine Verbesserung der Lebensbedingungen der freien Bauern im Anschluss an eine Agrarreform konnte dieser Zersetzung der Wehrkraft Einhalt gebieten. Dieser Denkansatz war konservativ im Unterschied zur späteren Lösung des Marius, der das Problem der sinkenden Zahl der Legionäre mittels einer Berufsarmee von Proletariern löste. Dies freilich änderte den Charakter der Republik, ein Gedanke der dem konservativen Reformer Tiberius fernlag.
Dezember 134 trat Tiberius sein Amt als Volkstribun an und stand damit der concilia plebis, der wichtigsten Volksversammlung der Republik vor. Er war von Amts wegen unverletzlich und konnte von ihm initiierte Gesetze in Form von Plebsziten verabschieden lassen. Formal war die Volksversammlung an die Empfehlung des Senats, die senatus consulta, nicht gebunden, doch war es üblich, eine Senatsempfehlung zu berücksichtigen.
Tiberius berief sich auf frühere Agrargesetze, denen er lediglich zum Durchbruch verhelfen wollte. Im Volk fand Tiberius breite Unterstützung für sein moderates Agrargesetz. Die erste Fassung seines Gesetzesantrages Lex Sempronia agraria zielte lediglich auf die Herausgabe illegal besetzten Staatslandes und sah hierfür Fristen, Freibeträge und eine Entschädigung vor.
Eine längst bestehende Rechtslage sollte lediglich gesellschaftlich durchgesetzt werden. Erst nach der Blockade des Agrargesetzes durch den Volkstribunen Octavius im Auftrag des Senats verschärfte Tiberius seine Vorlage in einem zweiten Entwurf. Nunmehr sollte zu Unrecht angeeignetes Staatsland frist- und entschädigungslos zurückgegeben werden. Erst die Senatsopposition radikalisierte Tiberius.
von dessen Immunität abwählen lassen, da dieser gegen das Interesse des Volkes handele. Mit diesem unerhörten Schachzug überschritt Tiberius allerdings den Grat vom Reformer zum Revolutionär und exponierte sich für die Zeit nach seinem Tribunat.
In den kleinen Kreis der Mächtigen geboren, waren Tiberius Sempronius Gracchus und sein jüngerer Bruder Gaius für die Politik prädestiniert, doch sie hätten sich ihrer besser enthalten. Das Glück kam der Familie derart abhanden, dass die ihre Söhne überlebende Mutter Cornelia als beispielhafte Stoikerin in die Geschichte einging in ihrer Kraft, das Unglück standhaft zu ertragen. Die Wogen der Unzufriedenheit der sozial deklassierten Bauern brandeten im auf Lebenszeit besetzten Senat auf eine Mauer des Besitzdenkens.
Neben Besitzstandswahrung ging es um politischen Einfluss. Die Umsetzung des Agrargesetzes drohte dem Tribun eine Vielzahl neuer Klienten zu bescheren.
Ein Pfeiler des römischen Gesellschaftssystems war die personale Bindung des einfachen Mannes an einen Patron. Diese Gewohnheit, sich schutz- und hilfesuchend nach oben zu orientieren, musste jeder Reformpolitik im Wege stehen, insofern sie die breite und dauerhafte Anhängerschaft einer politischen Idee ausschloss. Die Mobilisierung der Masse durch ein Programm fand ihre Grenzen in der Loyalität zu einem Patron. Gab es Verpflichtungen des Klienten gegenüber mehreren, mitunter konkurrierenden Schutzherren, wurde die Politik endgültig zu einer volatilen Angelegenheit. Begann der Wind sich zu drehen, folgte man dem Patron auf der sicheren Seite der Macht.
Der politische Konflikt wurde nicht durch die Konkurrenz von Ideologien bestimmt, sondern durch die Rivalität großer Familien, die über Generationen den Magistrat besetzten. Reformen drohten im Netz der Beziehungen ins Leere zu laufen.
Zur persönlichen Prägung der Politik kamen zwei weitere Reformhindernisse hinzu, einmal das komplizierte Rechtskonstrukt des ager publicus, zum anderen ein konservativen Reflex gegen eine befürchtete Gräzisierung durch hellenistische Zirkel griechischer Exilanten in Rom. Die vielfältige juristische Differenzierung des ager publicus, des im Eigentum des römischen Staates stehenden annektieren Ackerlandes besiegter italischer Stämme, ließ jedem zumindest die entfernte Hoffnung auf private Nutzung. Mitunter verteilt, vielfach einfach dem eigenen Besitz zugeschlagen, waren die Unterschiede zwischen besetztem Staatsland und Privatbesitz so verwischt, dass der Tatbestand der Okkupation von Staatsland im Einzelfall schwer nachweisbar war.
Neben der juristischen Problematik der justitiablen Trennung zwischen über Generationen hinweg besetztem Staatsland und Privatbesitz wirkte sich für die Gracchen ihre Affinität zum griechischen Denken aus. Wie in vielen Familien der Nobilität waren ihre Hauslehrer Griechen, doch die Gracchen schienen ihre Lehrer zu sehr beim Wort zu nehmen und gerieten in den Geruch der Demokratie und sogar des Tyrannentums. Im weiteren Sinne sahen konservative Senatoren im Import griechischen Lebensstils eine gefährliche Verweichlichung der Sitten.
Im engeren politischen Kontext erschien vielen Römern Demokratie als eine historisch nicht bewährte Staatsform der Griechen, zwangsläufig endend in Demagogie und Ochlokratie, der Willkürherrschaft des Pöbels.
Die römische Verfassung sah in ihrem Prinzip SPQR eine politische Beteiligung von Senat und Volk vor – SenatusPopulusque Romanus – in dieser Reihenfolge.
Zur Machtbegrenzung galt in der römischen Republik die Annuität, die Begrenzung der Amtsgewalt auf ein Jahr. Ferner sollte das Veto- oder Interzessionsrecht der Volkstribunen Machtmissbrauch vorbeugen.
Waren nicht die von Tiberius herbeigeführte Abwahl seines interzedierenden Kollege Octavius und seine sofortige Kandidatur zu einer zweiten Amtszeit als Volkstribun zur Umgehung einer Anklage ein schwerwiegender Verstoß gegen die Gesetze der Republik, eine klare Missachtung der Sitten der Vorfahren?
Schlimmer noch, deuteten die offenkundige Vetternwirtschaft bei der Besetzung der Dreimännerkommission und das öffentliche Auftreten inmitten einer Leibwache und umfangreichen Klientelen nicht darauf hin, dass Tiberius die Tyrannis anstrebte?
Doch war Tiberius ein Getriebener, den die Opposition und anschließende Hinhaltetaktik des Senats zu einer Radikalisierung seiner Vorgehensweise anreizten, die ihn schließlich einen Großteil seiner Anhängerschaft kosten sollte. Mochte die erste Fassung seines Agrargesetzes moderat sein, so musste die erstaunlich hemdsärmelige Vorgehensweise des neuen Tribunen die Senatsopposition anfachen. Entgegen aller Usance verzichtete Tiberius auf eine Rücksprache mit dem Senat vorab, auf einen Schulterschluss mit dort ihm wohlgewogenen Kräften. Er legte seinen Gesetzesentwurf unmittelbar der Volksversammlung zur Abstimmung vor, ohne sich zuvor den Rat des Senates einzuholen.
Als der Senat einen der 10 Volkstribunen auf seine Seite zog und durch seinen Strohmann Octavius die Abstimmung über das Agrargesetz blockierte, legte Tiberius durch Interzessionen seinerseits das öffentliche Leben lahm, um Druck auf den Senat auszuüben. Noch weitergehend, ließ er den gegen sein Gesetz interzedierenden Octavius abwählen und verschärfte seine Gesetzesvorlage durch Streichung der im ersten Entwurf vorgesehenen Entschädigung für Landabgabe. Nach Verabschiedung des Agrargesetzes besetzte er die dort vorgesehene Dreimännerkommission neben ihm selbst mit seinem Schwiegervater Appius Claudius Pulcher und seinem jüngeren Bruder Gaius. Ein konservatives Mitglied in der Kommission hätte deren Arbeit sabotiert, doch die Besetzung aus seinem engsten Kreis war unklug und musste spaltend wirken. Es hätte im Senat angesehene und ihm gewogene Kandidaten gegeben wie etwa Mucius Scaevola oder Quintus Mucius Scaevola.
Die karge Mittelausstattung der Kommission durch den Senat ließ Tiberius unter Missachtung der traditionellen Finanzhoheit des Senats die Hand nach Attalos' Erbe ausstrecken. Zur Deckung der mit der Agrarreform verbundenen Kosten ließ Tiberius die Volksversammlung unter Verletzung der außenpolitischen Prärogative des Senats das Testament des Königs Attalos III. von Pergamon annehmen und konnte so dessen Staatsschatz zur Finanzierung der Agrarreform einsetzen. Schließlich kandidierte Tiberius unter Verletzung der Tradition nach Ablauf seiner Amtszeit ein zweites Mal für das Tribunenamt um der ihm drohenden Anklage zu entgehen. Allerdings hatte sein Schwager Scipio Aemilianus durch seine Wahl zum Konsul 134 ebenfalls gegen das Iterationsverbot der römischen Verfassung verstoßen ohne Einspruch des Senats, ebenso sein entschiedenster Gegner Nasica mit seinem zweiten Konsulat 155.
Wiederwahl von Amtsträgern außerhalb des Tribunats war nicht unüblich und in Form des Prokonsulats geradezu gängig.
So trieb hinhaltender konservativer Widerstand Tiberius Schritt für Schritt in die Radikalität. Tiberius handelte in einer politischen Zwangslage. Keinesfalls wollte er nachgeben, wie zuvor der gescheiterte Laelius, doch unterliefen ihm in seiner Ungeduld und seinem Ehrgeiz politische Fehler.
Was veranlasste ihn zur Umgehung des Senats? Sein im numantinischen Feldzug verletzter Stolz?
Weshalb saß in der Dreimännerkommission kein neutraler und angesehener Senator?
Wäre es statt der Abwahl von Octavius und seiner abermaligen Kandidatur für das Tribunenamt nicht besser gewesen, seinen jüngeren Bruder Gaius in den Tribunatswahlen Ende 133 aufzustellen und bei diesen Wahlen sicherzustellen, dass kein Kandidat des Senats Volkstribun würde. Tiberius wollte zu schnell zu viel. Anstatt sich in Geduld zu üben verstieß er gegen ungeschriebene Gesetze der Tradition.
Die römische Gesellschaft wehrte sich gegen jedes Streben nach übermäßiger Macht und musste der Eskalation des Konfliktes zwischen altehrwürdigem Senat und einem sich profilierenden Volkstribunen mit Misstrauen begegnen. Die politisch unsensible Eigenmächtigkeit seiner Vorgehensweise brachte Tiberius den Vorwurf ein, er strebe die Alleinherrschaft an. Sein Vorgehen brüskierte nicht nur den Senat, sondern alle an der Sitte der Vorfahren festhaltenden wertkonservativen Bürger. Selbst die Mutter der Gracchen soll im Nachhinein das Ziel aber nicht die Vorgehensweise ihrer Söhne gebilligt haben.
Entsprechende Erwägungen mögen auch den reformfreundlichen Konsul Mucius Scaevola zur Distanzierung von Tiberius bewogen haben. Als Vorsitzender in der entscheidenden Senatssitzung lehnte er zwar jede Gewaltanwendung ab, hinderte jedoch Scipio Nascia nicht an dessen brachialem Vorgehen gegen Tiberius. Das legalistische Denken hatte sich bei dem Rechtsgelehrten durchgesetzt gegen Legitimitätserwägungen, obwohl er Tiberius ursprünglich zur Vorlage einer lex agraria ermuntert hatte. Tiberius verlor seine Anhänger, die Zeiten wandten sich gegen ihn.
Tiberius´ jüngerer Bruder Gaius war der politischere Kopf. Das Schicksal seines älteren Bruders vor Augen versuchte er, eine breite Reformallianz zu schmieden um das Ackergesetz seines Bruders durchzusetzen. Eine Interessengemeinschaft zwischen Plebs, Ritterschaft und Bundesgenossen sollte die Dominanz der Konservativen brechen. Die Spaltung von Rittern, der höchsten Einkommensgruppe und Stellern der Kavallerie, und Senatoren sollte einen Keil in die Oberschicht treiben.
123 und abermals 122 wurde Gaius in das Tribunenamt gewählt, zehn Jahre nach dem Tod seines Bruders. Schon vor seiner Wahl hatte er durchgesetzt, dass die Wiederwahl eines Tribuns gesetzlich zulässig wurde. Durch eine Reihe von Gesetzen gewann er das Volk und die Ritter. Gaius galt Cicero als größter Redner Roms und strahlte Charisma aus.
Zu allem staatsbürgerlichen Reformengagement kam ein weiterer Antrieb hinzu, das Motiv der Rache. Gaius wollte Genugtuung für das von seinem Bruder erlittene Schicksal und musste dieses schließlich teilen.
Seine umfassende legislative Tätigkeit zielte klar auf die Entmachtung des Senatorenstandes.
Doch der Bogen seiner Allianz von Rittern, Kleinbauern, Proletariern und Bundesgenossen war zu weit gespannt und 122 begann sein Stern zu sinken.
Sein Abstieg begann mit seinem Projekt der Kolonie Iunonia wo einst Karthago gestanden hatte. Gaius wollte durch die überseeische Landvergabe in das nordafrikanische Provinzialgebiet die Territorien der Bundesgenossen schonen, doch die Bauern zogen heimatliches Land vor. Karthago galt als verfluchter Ort, an dem Wölfe die von Gaius gesetzten Grenzsteine herausgerissen hätten. Gaius wurde von dem populistischen Vorschlag seines Kollegen Marcus Livius Drususübertrumpft, zwölf neue Siedlungskolonien auf italischem Boden anzulegen. In Abwesenheit des in Karthago wirkenden Gaius wurde der Antrag von Marcus angenommen, obwohl in Italien dafür kaum genügend Land zur Verfügung stand ohne einen Konflikt mit den Bundesgenossen auszulösen.
Vollends verlor Gaius seinen Rückhalt beim Volk, als er das Bürgerrecht allen Italikern zukommen lassen wollte. Die Proletarier wollten ihre wenigen Privilegien nicht teilen und keine neuen Nutznießer der erwarteten Landverteilung. Der Volkstribun Livius Drusus interzedierte erfolgreich gegen den Antrag von Gaius. Im Jahr 121 wurde Gaius nicht wiedergewählt.
Als der Volkstribun Minucius Rufus die Aufhebung der Kolonie Iunonia in Afrika beantragte, gelangte die Volksversammlung in einer stürmischen Sitzung zu keiner Entscheidung. Bedenken gegen den verfluchten Ort Karthago und politische Hoffnungen der plebs hatten sich gegen das gracchische Programm gewandt und Gaius hatte seine Immunität verloren.
Der Senat erklärte angesichts bewaffneter Unruhen das Notstandsrecht, ein neues Instrument der Senatsherrschaft, und ordnete an, den Aventin stürmen, die alte Hochburg der Plebejer.
Gaius ließ sich auf der Flucht von einem Sklaven töten. Nach einem Strafgericht gegen die Anhänger der Gracchen wurde ein Tempel der Concordia geweiht.
Tiberius war kein Revolutionär.
Die lex agraria des Tiberius hatte vorgesehen, dass niemand mehr als 500 iugera Staatsland bewirtschaften durfte. Bei zwei Söhnen erhöhte sich die Deckelung auf maximal 1000 iugera, was 250 Hektar entspricht. Der freiwerdende Rest sollte zu Parzellen von 7 Hektar als Erbpacht zu einem symbolischen Pachtzins an besitzlose Bürger verteilt werden. Damit war ein Verkauf der Parzelle ausgeschlossen. Bei der Umverteilung ging es ausschließlich um okkupiertes Staatsland - kein Privatland oder Pachtgrundstück sollte angetastet werden; für geleistete Verbesserungen sollte eine Entschädigung gezahlt werden.
Zum Vergleich zogen die Bodenreformgesetze in der sowjetischen Besatzungszone in Ostdeutschland 1945 und 1946 allen Grundbesitz über100 Hektar entschädigungslos ein und verteilte das eingezogene Land zu Parzellen von unter 10 Hektar.
Trotz des behutsamen Vorgehens der lex agraria kam die Arbeit der nach Verabschiedung des Gesetzes eingesetzten Dreimännerkommission nicht voran. Der Senat bewilligte nur ein Minimum an Diäten für die Kommissionsmitglieder und lehnte die Beschaffung eines Zeltes für die Landvermesser ab. Zwar blieb die lex agraria nach dem Tod des Tiberius bestehen, doch wurde die Ausführung des Gesetzes immer zögerlicher, nachdem 129 der Dreimmännerkommission durch Volksbeschluss die Befugnis genommen worden war, in Eigentumsfragen zu entscheiden. Dies war aufgrund von Protesten wohlhabender Bundesgenossen geschehen.
Immerhin deutet ein Zuwachs der Bürgerliste in der Zeit von 131 bis 125 daraufhin, dass das Gesetz manchem Proletarier zu einem gracchischen Bauernhof verholfen hat, und der Konsul Publius Popillius Laenas rühmte sich, vom ager publicus Hirtensklaven entfernt und Bauern angesiedelt zu haben. Von 318.823 stieg die Zahl der Bürger in den Zensuslisten auf 394.736 im Jahre 125.
Gaius lies eine neue lex agraria verabschieden und versuchte durch Neuanlage von Kolonien in den Provinzen alle Ansprüche zu befriedigen. Auch ihn überlebte die lex agraria nur um wenige Jahre. Im Jahre 118 soll noch von einem Mitglied der Dreimännerkommission, Licinius Crassus, in der neuen Provinz Gallia Narbonensis eine Kolonie angelegt worden sein. Danach verliert sich die Arbeit der Kommission und im Jahr 111 wurde der gracchischen Ansiedlungspolitik durch die prinzipielle Privatisierung des Staatslandes ein Riegel vorgeschoben.
Die Agrarreform wurde mit Revolution gleichgesetzt und beseitigt.
Andere, die lex agraria flankierende Gesetze blieben bestehen, so sein Getreidegesetz, das den Proletariern den Bezug verbilligter Grundnahrungsmittel garantierte, ebenso wie sein Richtergesetz, das das Repetundengerichte zur Aburteilung von Provinzausbeutern mit Rittern besetzte. Auch das Asiengesetz, das den Rittern die Steuerpacht der neuen Provinz Asia, dem früheren Reich von Pergamon, übertrug, hatte Bestand.
Nutznießer der Gesetze waren damit weniger die ursprüngliche Zielgruppe der Kleinbauern, sondern vor allem die Ritter und in beschränkterem Umfang die Proletarier.
Die Ritter gelangten durch die gracchischen Reformen zu einem neuen mit dem Senatsadel konkurrierenden Standesbewusstsein.
Schließlich blieb die von Gaius bereits vor seinem Tribunat durchgesetzte Möglichkeit der Wiederwahl zum Volkstribun bestehen. Damit wurde das Prinzip der Annuität schließlich auch bei dem höchsten Magistratsamt, dem Konsulat, durchbrochen.
Die zentralen Probleme aber, die Stärkung des freien Bauerntums und die Integration der Bundesgenossen in das römische Gemeinwesen harrten einer anderen Lösung, die letztendlich das Ende der Republik und der Senatsherrschaft mit sich bringen sollte.
Ein Tempel der Concordia war denn doch zu wenig um die Eintracht wiederherzustellen.
Hinfort kannte die römische Gesellschaft den Zwist zwischen der Adelspartei der Optimaten und der Volkspartei der Popularen, Begriffe, die mit den Gracchen in das politische Leben eingeführt wurden.
Das gewaltsame Ende der Gracchen war der Auftakt zu einer Reihe blutiger Kriege, ihre gescheiterte Reform mündete in einer Epoche revolutionärer Umwälzungen.
Am frühen Morgen vor der entscheidenden Tribunatssitzung zur Abwahl des interzedierenden Kollegen Octavius hält Tiberius vor dem Hausaltar, dem Lararium im Atrium seines Hauses Zwiesprache mit dem Genius seines verstorbenen Vaters, dessen Totenmaske in der Hand. Er teilt die Überzeugung vieler seiner Zeitgenossen, dass der Genius als göttlicher und unsterblicher Teil der Vorfahren seine schützende Hand über Haus und Familie hält.
An zentraler Stelle im Lararium ist die corona muralis plaziert, eine Tapferkeitsauszeichnung, die der junge Tiberius beim Sturm auf Karthago als junger Offizier errungen hatte, als er als einer der ersten die Stadtmauer erklomm.
Tiberius befindet sich in einem inneren Konflikt: Sollte er sich abfinden mit dem zumindest vorläufigen Scheitern seiner Reform, oder sollte er Brauchtum und Stand hinter sich lassen und den Sprung wagen hinein in die Unwägbarkeiten einer Revolution?
Vater, gebt mir ein Zeichen.
Vater, Ihr habt mich aufgenommen und mir Euren Namen gegeben.
Die Vorsehung ließ mich leben und setzte mich früh an die Spitze unserer Familie und ich will ihr ohne Leidenschaft folgen.
Vater, gebt mir ein Zeichen.
Vater, ich habe mich bemüht, unserer Sippe nie Schande zu bereiten und Euch meine wertvollste Auszeichnung zu Füßen gelegt. Aber diese Auszeichnung wurde von einem Scipionen vergeben. Und hat nicht derselbe ScipioAemilianus zugelassen, dass der Senat den Mancinusvertrag kassiert und meine Würde verletzt? Vater, ich habe gelernt zu unterscheiden zwischen Erscheinung und Wirklichkeit und zwischen Seiendem und Nicht-Seiendem: Die Interzession scheint legal, doch in Wirklichkeit ist sie nicht legitim. Legitim ist der Anspruch des Volkes auf Boden.
Der Senat stellt lediglich das Seiende dar, das Sichtbare. Doch über ihm steht als Nicht-Seiendes seine Bestimmung zum Wohle der res publica zu verfahren.
Eure Gattin hat mich an die Sitten der Vorfahren, an den mos maiorum verwiesen, doch sie war eine Scipionin.
Diesmal aber sollen die Sempronier Großes leisten und sich unsterbliche Verdienste um das Gemeinwesen erwerben, nicht auf dem Schlachtfeld, sondern auf dem Boden des Rechts.
Auch Mucius Scaevola beschied mir, die Abwahl eines Volkstribuns verstoße gegen das Gesetz, doch war er es nicht, der mich erst ermutigte?
Die göttlichen Zeichen waren günstig für mein Vorhaben, doch wie kann es sein, dass Octavius interzediert? Ich habe ihm die Hand gereicht, doch er hört nur auf die Reichen und Begüterten und verstößt gegen die Würde seines Amtes. Soll bei den Tribunen wirklich allein derjenige Herr sein, der etwas hindern will? Stellt er sich nicht gegen die Vernunft, gegen das Gemeinwohl? Ja, stellt er sich nicht gegen die Götter? Würde ich nicht deren Willen Genüge leisten, ließe ich das Volk entscheiden, wer von uns beiden im Tribunenamt bleiben und wer ausscheiden soll?
Verlieren nicht sogar Vestalinnen ihre Unverletzlichkeit bei Verfehlung wider die Götter?
Vater, gib mir ein Zeichen.
Sie sagen, ich sei jung und könne warten, doch was ist morgen? Nicht mehr im Tribunenamt könnte ich nach dem Konsulat streben, doch meine Mittel sind zu gering und die Zahl meiner Feinde zu groß. Und bekämen dann nicht die Recht, die behaupten, ich strebe nur nach Vollendung der Ämterlaufbahn, des cursus honorum? Wären nicht meine Anhänger maßlos enttäuscht? Und sind nicht jetzt die Umstände günstig mit dem Konsulat Scaevolas und der Abwesenheit von Scipio Aemilianus im Numantinischen Krieg in Spanien? Noch habe ich die Gunst der Stunde, doch wie lange noch?
Bestünde morgen noch dieselbe Begeisterung, der gleiche starke Wille zum Ackergesetz? Jetzt folgen sie mir, doch was ist morgen?
Was ist morgen?
Vater, gebt mir ein Zeichen umzukehren und ich werde einhalten.
Gebt Ihr mir kein Zeichen, so soll ich auf meinem Weg fortschreiten.
Prinzipiell ist der Quotient von akzelerierenden und retardierenden Momenten ein Indikator für das Potential von Reformen. Ist der Quotient größer 1, so überwiegen die eine Reform begünstigenden Faktoren. Umgekehrt hat ein Reformer schlechte Karten, wenn der Wert unter 1 sinkt. So überwiegen im Falle von Tiberius zwar seine biographischen Trümpfe (Wert 5), doch die politischen Rahmenbedingungen seines Reformvorhabens waren ungünstig (Wert 0,71), ganz zu schweigen von den langfristigen strukturellen Gegebenheiten (Wert – 0,67). Da bei der langen Dauer im Zähler des Quotienten die Differenz von akzelerierenden und retardierenden Momenten steht, ergibt sich bei Überwiegen der retardierenden Momente ein negativer Wert, wie im Falle Tiberius -0,67.
Die Tabelle überträgt auf drei Ebenen systematisch alle Untersuchungsergebnisse und verdeutlicht die Situation des Agrarreformers. Tiberius traf bei günstigen biographischen Voraussetzungen auf einen schwierigen zeitspezifischen Kontext und noch ungünstigere strukturelle Gegebenheiten der langen Dauer.
Die Dreiteilung des Zeithorizonts in „lange Dauer“, „kontextuellen Wirkungskoeffizient“ und „biographische Korrelat“ folgt der Unterscheidung des französischen Historikers Fernand Braudel zwischen einer über Generationen hinweg nahezu unbeweglichen Geschichte, einer langsam pulsierenden mittleren Zeitebene und einer schnelllebigen Ereignisgeschichte, die durch individuelle Begebenheiten und Zufälle geprägt ist. Letztere gleicht den ringförmigen Wellen, die ein ins Wasser geworfener Stein kurz hervorruft, bevor er versinkt. Die mittlere Geschichte, der kontextuelle Wirkungskontext, gleicht den Wellen der Brandung und die lange Dauer entspricht der konstanten Strömung unter der ständig in Bewegung befindlichen Wasseroberfläche.
Dieses Bild legt nahe, dass der „langen Dauer“ eine größere Bedeutung zukommt als der Ereignisgeschichte. Hier wiegt das retardierende Moment der konservativen Beharrung schwer. Ein Reformer muss seine Zeit finden, sein Unterfangen kann nur Erfolg haben, wenn er auf günstige Rahmenbedingungen stößt. Die persönlichen Voraussetzungen allein sind notwendig, doch nicht hinreichend für die Durchsetzung einer Reform. Diesen Überlegungen trägt folgende Reformel Rechnung:
oder
oder
wobei
Die Reformel reduziert das Gewicht der Biographie auf eine katalysatorische Funktion:
Bei ungünstigeren biographischen Gegebenheiten und günstiger Rahmenbedingungen beträgt die Geschichtsmächtigkeit nahezu das Vierfache.
Der Wert 1 gilt als Scheidepunkt einer Reform und sollte sich auch im Kapitel Bilanz widerspiegeln. Erfolgreiche Reformen müssen deutlich über dem Wert 1 liegen. Ist G größer als 1, so ist die Reform prinzipiell gelungen, hat aber umso größere Auswirkung je höher G über 1 liegt. Umgekehrt gilt bei G kleiner 1 eine Reform als gescheitert. Bewegt sich der Wert um 1 so steht die Reform auf Messsers Schneide.
Dieser Wert spiegelt die im Kapitel Bilanz vorgenommene Wertung seiner Agrarreform.
Die Reformel misst und spiegelt die Geschichte, ein Anspruch, den bereits Fernand Braudel erhob, wenn er Methodenvielfalt einforderte und einen quantitativen Weg aufwies, der an dieser Stelle weiterverfolgt werden soll. Dabei wird den in der Einführung angestellten Überlegungen zum prinzipiellen Charakter von Reformen Rechnung getragen mit der Berücksichtigung der Persistenz des Bestehenden als retardierendes Moment im Bereich „lange Dauer“.
Die prinzipiellen Überlegungen zur Reformel gelten für alle weiteren quantitativen Auswertungen und werden dort vorausgesetzt.
fatis victricibus
Im 3. Jahrhundert geriet das Römische Reich in eine Sinnkrise. In den 50 Jahren von 235 bis 285 rief das Heer 26 Kaiser aus, die in Bürgerkriege und Grenzkriege verwickelt alsbald eines zumeist gewaltsamen Todes starben. Es war ein kurzer Weg von Heerlager über Kaisertitel bis hin zu zur Ermordung. Von den Wirren drohte Verfall.
Diokletian, der 51. Kaiser desRömischen Reiches, stemmte sich mit einem umfangreichen Reformprogramm dem Zerfall des Imperiums entgegen. Anknüpfend an die militärischen Erfolge seiner Vorgänger versuchte er, durch eine neue Nachfolgeregelung das Chaos der Soldatenkaiser zu überwinden und das Reich wieder in ruhigeres Fahrwasser zu lenken mittels einer Steuer-, Wirtschaft- und Finanzreform. Diokletian berief sich dabei auf göttliches Recht und seine rigorose Vorgehensweise sicherte Rom in seiner westlichen Reichshälfte immerhin gut weitere 150 Jahre Überleben. Doch selbst ihm als dominus et deus waren Grenzen gesetzt und manches Scheitern musste der aus eigenen Stücken in den Ruhestand getretene Augustus noch miterleben.
Das Reich Diokletians hatte nach der Konsolidierung durch seinen mittelbaren Vorgänger Aurelian mit einigen Einschränkungen seine alte Größe wiedererlangt. Geschätzte 80 Millionen Einwohner lebten auf einem Gebiet von gut 3,5 Millionen Quadratkilometer, der siebenfachen Fläche der heutigen Bundesrepublik.
Verwaltet wurde das Reich von den kaiserlichen Residenzen in Eburacum, dem heutigen York, Augusta Treverorum, dem heutigen Trier, Mediolanum (Mailand) und Nicomedia, der Residenz des Senioraugustus Diokletian. Rom verlor seine zentrale Bedeutung. Seit der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts geriet das Reich in immer schwerere Abwehrkämpfe gegen seine Nachbarn im Osten. Im Norden bedrängten Alamannen die Rheingrenze und Goten die Donaugrenze. Mit dem Dienst germanischer Söldner im römischen Heer hatten die germanischen Stämme in Sachen Bewaffnung und Taktik aufgeholt. Allerdings verfügte das römische Heer mit Katapulten und Wurfarmen (Onager) über eine Artillerie, die immerhin ein Zentner schwere Steinkugeln bis zu 300 m gegen den Feind schleudern konnte.
Im Süden waren die Sassaniden als Nachfolger der kriegerischen Parther ein noch gefährlicherer Nachbar. Im harten Frieden von Nisibis sicherte Diokletian die Grenze gegen das Sassanidenreich. Zur Grenzverteidigung stieg die Heeresstärke um ein Viertel auf gut 500 000 Legionäre, von denen rund die Hälfte die Grenze im Süden gegen die Sassaniden sicherte. Ein schnell bewegliches Reiterheer (comitatenses) von gepanzerten Elitetruppen stand den lokal stationierten Grenzschutzeinheiten der Limitanei zur Seite. Der bereits von seinen Vorgängern angelegte Limes wurde ausgebaut. Ein Gürtel von Kastellen folgte dem Flusslauf von Rhein und Donau. Auch gegen die Sassaniden wurde ein Festungsgürtel errichtet.
Maximian nahm trotz seines Rücktrittes 305 im Folgejahr den Augustustitel wieder an und eilte seinem gegen Severus rebellierenden Sohn Maxentius zu Hilfe. 307 versuchte er erfolglos auch seinen Sohn zu stürzen und floh nach Trier zu seinem Schwiegersohn Constantin. 308 in der Kaiserkonferenz von Carnuntum abermals zum Rücktritt gezwungen, wandte er sich 310 erfolglos gegen Constantin und beging auf dessen Befehl Selbstmord.
Maxentius ließ sich nach dem Beispiel Constantins 306 in Rom zum Kaiser ausrufen, nachdem er in der 2. Tetrarchie überraschend übergangen wurde zugunsten von Günstlingen des Galerius. Sein Schwiegervater zog es vor, seinen Neffen Maximinus Daia und seinen Kriegskameraden Severus zu protegieren.
Nachdem Constantin in der 2. Tetrarchie übergangen wurde, war er seines Lebens am Hofe des Galerius nicht mehr sicher. Er floh 305 zu seinem Vater Constantius.
315 lässt Licinius Valeria und deren Mutter Prisca hinrichten, nachdem diese vergeblich Schutz bei Maximinus Daia gesucht hatte.
Constantius ließ auf dem Sterbebett in York seinen Sohn Constantin von seinen loyalen Truppen zum Augustus ausrufen, nachdem dieser wie Maxentius als Kronprinz galt, in der 2. Tetrarchie jedoch übergangen wurde.
Severus unterlag Maxentius, als dieser in Rom revoltierte und den Caesarentitel reklamierte. Als Galerius 307 erfolglos Severus zu Hilfe eilte, wurde dieser auf Veranlassung von Maxentius ermordet.
Severus wird zum Augustus erhoben nachdem Galerius Constantin 306 angesichts von dessen loyalen Truppen in Britannien und Gallien zähneknirschend den Caesarentitel verleihen muss.
Maximinus Daia erhebt nach der Proklamation von Licinius 308 ebenfalls Anspruch auf den Augustustitel und steigt nach dem Tod von Galerius zum ranghöchsten Augustus auf.
Galerius ernennt seinen Jugendfreund Licinius nach der Kaiserkonferenz von Carnuntum zum Augustus.
Maximinus Daia verbündet sich nach dem Tod von Galerius 311 mit Maxentius gg. Licinius und Constantin. Maximinus Daia unterlag 313 Licinius und fand den Tod.
Constantin besiegt 312 Maxentius und wendet sich gegen seinen einzig verbleibenden Konkurrenten Licinius, den er 324 endgültig besiegt und ein Jahr später hinrichten läßt.
Am Anfang besaß Diokletian Fortune.
Aus einfachen Verhältnissen diente er sich als Soldat empor, gefördert durch seinen Gönner und Mentor, den Senator Anullinus. Nach dem Tod des Kaisers Numerian im Jahre 284 wurde der Dalmatier Diocles als Befehlshaber der kaiserlichen Leibwache vor den Toren Nicomedias am Marmarameer zum Kaiser ausgerufen durch eine ihm treu ergebene Truppe. Bei dieser Gelegenheit bezichtigte er seinen Rivalen, den Prätorianerpräfekten Aper, des Mordes an dessen Schwiegersohn Numerian und erdolchte ihn eigenhändig. Damit erfüllte er eine Prophezeiung, er werde an dem Tage Kaiser, an dem er einen Eber (lat. aper) töte. Das Schicksal Apers vor dem Hintergrund der Eberlegende trug nicht unwesentlich zu Diokletians Ansehen bei. Im Namen des im Heer weithin verehrten Sonnengottes agierte Diocles als Rächer Kaiser Numerians, der tatsächlich wohl einer Krankheit oder Verwundung erlegen war.
Mit seinem auch späten häufig verkündeten Bekenntnis zum Deus Sol Invictus verkörperte Diokletian einen im östlichen Teil des Heeres verbreiteten Glauben, in dem der Sonnenkult mit dem Mithraskult synkretistisch verschmolzen war. Gleichzeitig knüpfte der um Legitimation bemühte, frisch ausgerufene Soldatenkaiser an Kaiser Aurelian an, um dessen Name er seinen Gentilnomen erweiterte. Der Name des Soldatenkaisers Aurelian war Programm und empfahl ihn als Conservator, als Erhalter und Stabilisator des Reiches, als Beender der Zeit der Wirren und Unruhen. Schon Aurelian hatte die Verehrung des Sonnengottes vorangetrieben und sich als dessen Günstling auf Erden darstellen lassen.
Ein weiterer Diokletian zugutekommender Umstand war das Fehlen männlicher Nachkommen, das eine dynastische Nachfolge ausschloss. Seine Tochter Valeria wurde 293 mit dem zum Caesar ernannten Galerius vermählt. Als Diocles von seinen Soldaten zum Kaiser ausgerufen wurde war er gut 40 Jahre alt und hatte keine Söhne, sodass sich mancher Offizier eine Rangerhöhung bis hin zur Herrschaftsbeteiligung als Coaugustus vorstellen konnte.
285 wandte sich Kaiser Carinus, der jüngere Sohn Numerians, gegen seinen Herausforderer Diokletian. Das Schlachtenglück neigte sich durch die wohl von Diokletian veranlasste Ermordung von Carinus auf die Seite Diokletians. Der Usurpator half seiner Fortune etwas nach. Diocles trat nun unter dem Namen Gaius Aurelius Valerius Diocletianus an der Seite des von ihm 286 ernannten Mitkaisers Maximiam seine lange Herrschaft an. Zwanzig Jahre sollte er an der Spitze stehen – eine derart lange Herrschaft war den wenigsten römischen Kaisern vergönnt.
Maximians Loyalität wurde durch seine Erhöhung gesichert und er wurde zur rechten Hand des Kaisers im Westen des Reiches, um dort allerdings mit geringem Erfolg eine Ursupation des Offiziers Carausius in Gallien und Britannien niederzuschlagen.
Gegenüber dem altehrwürdigen doch faktisch entmachteten Senat erwies Diokletian in seinem behutsamen Vorgehen Fingerspitzengefühl. Diokletian nahm den senatorischen Adel in Rom für sich, indem er 285 an seiner Seite Aristobulus, den wahrscheinlichen Mörder von Carinus, nach dem alten Kollegialitätsprinzip als zweiten Konsul beließ. Auch im Folgejahr erhob er zwei Senatoren in den Konsularsstand und erwies Geist und Tradition der Prinzipatsverfassung die erforderliche Reverenz. Rom blieb von seiner in Italien eingeführten capitatio-iugatio Steuer ausgenommen. In der augusteischen Tradition des Prinzipats bekleidete Diokletian insgesamt selbst neunmal das Amt des Ersten Konsuls, zum Teil an der Seite seines Mitaugustus Maximian.
Die Gefolgschaft seines unterlegenen Gegners Carinus verschonte er. Die Clementia, Milde auszuüben gegenüber den Besiegten wie seinerzeit Caesar, war ein Privileg der Starken, der Sieger.
Die römische Gesellschaft im kaiserlichen Rom war offen und ließ den Aufstieg eines illyrischen Offiziers in das höchste Amt zu. Dies gilt für die meisten Angehörigen der Tetrarchie. Die Augusti und Caesaren kamen nicht selten aus bescheidenen Verhältnissen in der Provinz. Vor allem im Illyricum rekrutierte die Armee Soldaten und Offiziere. Zur Zeit der Republik hatte es für soziale Aufsteiger die eher abträgliche Bezeichnung homo novus gegeben und deren Zahl war begrenzt.
Diokletian hätte in der alten Ordnung noch nicht einmal das Bürgerrecht besessen – im Kaiserreich stieg der Dalmatier Diocles auf bis zum Augustus und konnte seine Kameraden in höchste Ämter heben. Sein Koaugustus Maximian kam aus bäuerlichen Verhältnissen in der Nähe von Sirmium, Galerius war Hirte.
Die Romanisierung der Provinzen verhalf dem Reich zu neuen Eliten. Die meisten lokalen Würdenträger und Aufsteiger aus der Provinz hatten das das traditionelle Werteystem verinnerlicht und verkörperten es ihrer Auffassung nach in reinerer Form als Patriziat und Proletariat in der Reichshauptstadt.
287 verlieh Diokletian sich den Beinamen Jovius, Sohn des Jupiters, und Maximian den Beinamen Herculius, Sohn des Hercules: Göttliche Weisheit und Kraft sollten in einer Herrschaft vereint sein. Zur Macht gesellte sich sakrale Herrschaftslegitimation.
Alles hatte sich zu seinem besten geregelt - die Schicksalsgöttinnen schienen auf seiner Seite, ihre Siege waren die seinen. Fatis Victricibus, die siegreichen Schicksalsgöttinnen, ließ nun Diokletian auf die Rückseite seiner Goldaurei prägen als Umschrift zu den drei Schicksalsgöttinen. Auf der Vorderseite prangte sein Konterfei mit der Umschrift Imperator Augustus. Auf einer Münze reichen sich die drei Parzen die Hände als Zeichen der Eintracht, die links außen stehende Göttin hält ein Zepter empor.
So wie das Schicksal von einem Kollektiv einträchtig obwaltet wurde, so sollte auch sein Reich regiert werden durch eine sakral legitimierte, familiär verbundene Viererspitze.
293 erweiterte Diokletian die Herrschaftsspitze auf vier Kaiser durch die Ernennung von seinem Schwiegersohn Galerius und Constantius, dem Schwiegersohn Maximians, zu Caesaren. Er selbst und Maximian avancierten zu Augusti. Gleichzeitig adoptierten die Augusti formell die Caesaren, deren Söhne Maxentius und Constantin wurden am Hof Diokletians in Nicomedia auf ihre künftige Rolle als Caesaren vorbereitet, wenn ihre Väter nach 20 Jahren zu Augusti aufsteigen sollten. Constantius beendete an Stelle des erfolglosen Maximian den Aufstand in Britannien.
Selbst innerhalb der von ihm ins Leben gerufenen Tetrarchie war Diokletian als Jovius seinem Mitkaiser Maximian übergeordnet, der sich mit dem Titel Herculius begnügen musste. 305 musste der widerstrebende Maximian zusammen mit Diokletian zurücktreten. Ohne leiblichen Sohn fiel dem von längerer Krankheit gezeichneten Diokletian die Umsetzung seines tetrarchischen Zyklus nicht schwer. Seinem Mitaugustus Maximian fiel der Abschied von der Macht nach 20 Jahren deutlich schwerer. Zweimal mischte sich Maximian noch ein in die große Politik und das zweite Mal sollte ihn dies das Leben kosten, als er sich erfolglos gegen Constantin wandte.
Eine nicht unwesentliche Stärke Diokletians lag in der Verwaltungsorganisation, dem Dichter Vergil zufolge die traditionelle Stärke Roms. Der letzte Soldatenkaiser war ein geborener Organisator. Er delegierte Verantwortung und Kompetenzen und hielt doch prinzipiell an seiner auctoritas, seinem Alleinherrschaftsanspruch fest. In seiner Tetrarchie suchte Diokletian Eintracht und Macht zu vereinen. Dies gelang durch das subtile Spiel mit Form und Substanz. Es gab mit Diokletian und Maximian zwei Augusti, doch de facto war Maximian seinem Förderer Diokletian untergeordnet, was sich formal wieder in deren Beinamen Jovius und Herculius widerspiegelt. Jupitergab die Direktiven und Herculius war der Ausführende, das Schwert des Herren.
Ebenso verfuhr Diokletian mit den Residenzen.
Rom blieb formal Hauptstadt, doch wurden nun Grenzen des Riesenreiches von peripheren Residenzen gesichert. Mit der Tetrarchie einher ging eine Dezentralisierung der Reichsverwaltung, insofern das Reich jetzt vier politische Zentren besaß: Diokletian beherrschte den Osten mit der Hauptresidenz Nicomedia 50 km südöstlich von Byzanz, sein Kriegskamerad und Mitaugustus Maximian erhielt Italien und Afrika und regierte von Mailand aus. Caesar Constantius Chlorus war zuständig für Gallien und Britannien mit den beiden Hauptstädten Trier und York und sein Mitcaesar Galerius schließlich sollte im Illyricum, in Makedonien und Griechenland von Sirmium aus herrschen.
Diokletian herrschte absolut über seine Untertanen. Mit seinen Edikten dominierte er an der Seite seiner Mitkaiser Verwaltung, Gesetzgebung und Rechtsprechung. Senat und Magistrat in Rom hatten nur noch eine symbolische Funktion. Die kund getanen Verfügungen der Kaiser galten für das gesamte Reich und hatten sofort Gesetzeskraft. Neben dem Offizierskorps stand dem Kaiser ein besoldetes Staatsbeamtentum zu Diensten. Die agentes in rebus konnten mit dem Vorwurf des Majestätsverbrechens gegen jede Opposition vorgehen. Im Ausbau seiner absoluten Stellung konnte Diokletian an Vorleistungen anknüpfen.
Bereits das Prinzipat des Augustus hatte den behutsamen Übergang von Republik zu Kaiserreich geleistet und die sakrale Stellung des Kaisers mit dem Ehrentitel Augustus und dem Amt des pontifex maximus begründet. Eine lange Reihe von Kaisern hatte bereits vor Diokletian den Senat weitestgehend entmachtet und das Kaisertum als Herrschaftsform etabliert im ursprünglich vehement antimonarchisch eingestellten Rom. Die in gebildeten Kreisen rezipierte Lehre der Stoa hatte nichts einzuwenden gegen einen höchsten Magistraten solange gewährleistet war, dass der Beste im Interesse aller herrschte. Dies schloss eine Erbfolge aus – der Kaiser sollte den Besten adoptieren und der Senat sollte ihm nach Möglichkeit diesen nennen. Manche Kaiser folgten dieser Vorstellung, andere nicht. Das tetrarchische System sollte beide Bedingungen erfüllen. Die ehemalige Republik hatte sich lange vor Diokletian mit der Monarchie als Herrrschaftsform ausgesöhnt und zumindest dem hellenistische Osten des Reiches waren Kaiserkult und Theokratie nicht fremd. Diokletians inszenierte Vergöttlichung als dominus et deus war die Vollendung des hellenistischen Königsgedankens und zentrierte die Macht auf eine Person. Der Kaiser residierte mit strengem Hofzeremoniell im sacrum palatium
