Reichtum essen Seele auf - Miryam Muhm - E-Book

Reichtum essen Seele auf E-Book

Miryam Muhm

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Beschreibung

Unser Leben hat seit über einem Jahrhundert seine innere Bedeutung verloren. An ihre Stelle ist das Geld getreten – zur neuen Maxime erhoben, verleiht es einem inhaltsleeren Dasein scheinbar Sinn. Die Gier Einzelner, deren krankhafte Sucht nach Reichtum und Macht durch das darwinistische Narrativ als "natürlich" legitimiert wird, ist in der westlichen Gesellschaft zum dominanten Antrieb geworden. Über das Bildungssystem werden diese Denkweisen weitergegeben, reproduziert und verfestigt. Diese Verschiebung ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines Wirtschaftssystems, das auf Konsum, Wachstum und Profit basiert. Doch diese Lebensweise zehrt an der Seele. In ihrem neuesten Buch entlarvt Miryam Muhm den modernen Turbokapitalismus als ein System, das nicht Wohlstand für alle generiert, sondern bei vielen Krankheit erzeugt. Immer mehr Menschen leiden unter Depressionen, Angstzuständen und innerer Leere – selbst Superreiche wie Bill Gates und Elon Musk sind davor nicht geschützt. Was als Weg zum Glück verkauft wird, entpuppt sich als raffinierte Illusion: Die Vorstellung, Geld und Konsum könnten allein Zufriedenheit schaffen, ist eine vom System eingeimpfte Lüge, die sich tief in unser Denken eingebrannt hat. Miryam Muhm macht deutlich, dass der westliche Kapitalismus nicht nur soziale Ungleichheit, sondern auch psychisches Leid hervorbringt. Seit dem 19. Jahrhundert wird er mit einem Missverständnis von Darwins Evolutionstheorie gerechtfertigt: dem berühmten survival of the fittest. Doch die moderne Evolutionsbiologie zeigt klar, dass nicht Konkurrenz, sondern vielmehr Kooperation das Fundament der Entwicklung des Lebens ist. Damit verliert der Kapitalismus seine angeblich naturgegebene Legitimation. Diese neue Evolutionstheorie könnte einen Paradigmenwechsel einleiten, der es ermöglicht, eine alternative ökonomische Theorie zu entwickeln – eine, die sich an gerechteren Maßstäben orientiert und den Menschen ein besseres Leben ermöglicht als der derzeit vorherrschende Neoliberalismus. "Reichtum essen Seele auf" ist ein Weckruf und zugleich eine Einladung zum Umdenken. Miryam Muhm zeigt, wie dringend wir unser Wirtschafts- und Wertesystem verändern müssen, um nicht nur die Seele des Einzelnen, sondern auch die Zukunft unserer Gesellschaft zu retten.

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Seitenzahl: 353

Veröffentlichungsjahr: 2026

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EUROPAVERLAG

MIRYAM MUHM

REICHTUM ESSEN SEELE AUF

EVOLUTIONSTHEORIE, WIRTSCHAFTSWACHSTUM UND PSYCHIATRIE AUF DEM PRÜFSTAND

1. eBook-Ausgabe 2026

1. Auflage

© 2026 Europa Verlag in der Europa Verlage GmbH,

München Umschlaggestaltung und Motiv:

Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Layout & Satz: Margarita Maiseyeva

Redaktion: Franz Leipold

Konvertierung: Bookwire

ePub-ISBN: 978-3-95890-667-9

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

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Johannisplatz 15

81667 München

Tel.: +49 (0)89 18 94 733-0

E-Mail: [email protected]

www.europa-verlag.com

INHALT

Vorwort

KAPITEL 1:

Der ungesunde Neoliberalismus trifft auch die Reichen

KAPITEL 2:

Psychiatrie und Psychologie sind keine exakten Wissenschaften

KAPITEL 3:

Psychiatrie und Psychologie als systemerhaltende Faktoren

KAPITEL 4:

Über Darwin hinaus – eine erweiterte Evolutionstheorie

KAPITEL 5:

Wie die neoliberale Oligarchie uns zu »Monstern« machen kann

KAPITEL 6:

Wie ein fehlinterpretierter Darwin den Profitinteressen der Wirtschaft dienlich wurde

KAPITEL 7:

Der Kampf um die Gehirne – kurzer Umriss

KAPITEL 8:

Die darwinistische Weltanschauung und ihre Folgen

KAPITEL 9:

Ausblick in die Zukunft

Anhang

VORWORT

Der Titel dieses Buches lehnt sich an Fassbinders Angst essen Seele auf an – jenes Werk des international gefeierten deutschen Regisseurs, an das sich heute wohl vor allem die Boomer-Generation erinnert.

Reichtum essen Seele auf hat mit dem damaligen Film wenig gemein – es ist ein Fakten-Essay und widmet sich der hartnäckigen menschlichen Illusion, Glück ließe sich mit Geld oder Reichtum erreichen.

Um zu verstehen, wie diese Weltanschauung entstehen konnte, welchen Gruppen sie nützt und weshalb sie sich letztlich in ihr Gegenteil verkehrt hat, war es notwendig, die neuralgischen Punkte verschiedener Disziplinen genauer zu betrachten: Wirtschaftswachstum, Evolutionstheorie und Psychiatrie – Bereiche, die auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Doch dieser Eindruck ist trügerisch, denn in Wahrheit sind diese Bereiche enger miteinander verflochten, als es zunächst scheint.

Charles Darwin, der Vater der Evolutionstheorie, wurde ebenso gründlich missverstanden wie Adam Smith, der Begründer der klassischen Ökonomie – jener Denkschule, die weitgehend mit dem wirtschaftlichen Liberalismus gleichgesetzt wird und ebenfalls durch Auslassungen und Fehlinterpretationen verzerrt wurde. Auch unsere gängigen Vorstellungen von Psychiatrie und Psychologie leiden unter der hartnäckigen, aber falschen Annahme, es handle sich um exakte Wissenschaften. Damit stehen wir vor einer weiteren kollektiven Fehlinterpretation.

Im Buch werden einige dieser Punkte aufgegriffen und mit wissenschaftlich fundierten Nachweisen beleuchtet; außerdem wird aufgezeigt, wie sie miteinander verwoben sind: Darwin war ein Bewunderer Adam Smiths; er sog dessen ökonomische Ideen auf und ließ sie teilweise in seine Evolutionstheorie einfließen. Doch ausgerechnet diese führte bereits kurz nach Erscheinen der ersten Auflage von Über die Entstehung der Arten dazu, dass mehrere Wirtschaftstheoretiker – vor allem in den USA – ökonomische Konzepte mit nur einem einzigen Aspekt der Evolutionstheorie verknüpften. Ihr Ziel war es, bewusst oder unbewusst den Wirtschaftsliberalismus Adam Smiths weiter zu verschärfen, und zwar zugunsten einer gierigen Minderheit.

Darwins Prinzip des Survival of the fittest, verbunden mit der Idee eines allgegenwärtigen Kampfs ums Dasein, wurde faktisch auf gesellschaftliche Strukturen übertragen. Auf diese Weise entstand der Sozialdarwinismus – eine Denkrichtung, die die sozialen Elemente der Marktwirtschaft marginalisierte oder gar vollständig verdrängte. Darwins Evolutionstheorie wurde damit zu weit mehr als einer naturwissenschaftlichen Erklärung: Sie wurde zur Weltanschauung, deren Folgen für jeden sichtbar sind, der die aktuellen geopolitischen Entwicklungen verfolgt.

Einige Historiker gehen sogar davon aus, dass die fehlinterpretierte Evolutionstheorie als geistiger Pate der Eugenik diente – einer Bewegung, die lange vor der Machtübernahme der deutschen Nationalsozialisten auch in Großbritannien und den USA breite Zustimmung fand und dort in Form von Rassen- bzw. Volkshygiene praktiziert wurde. Selbst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs überlebten diese erschreckenden Ideen – so wurden in den USA »eugenische Maßnahmen« fortgeführt, etwa in Form erzwungener Sterilisierungen ausländischer Frauen. Auch in Europa fanden solche Eingriffe statt: In Dänemark, immerhin einer Demokratie, wurden noch bis 1991 Zwangssterilisationen an grönländischen Frauen vorgenommen.

Zahlreiche Experten vertreten zudem die Auffassung, dass Darwins Evolutionstheorie nicht nur der Eugenik und der Wirtschaft, sondern auch der Ausweitung kolonialer Herrschaft über andere Völker und Nationen eine vermeintlich naturverankerte Legitimation verlieh.

Man könnte sich nun fragen, was Psychiatrie und Psychologie mit alldem zu tun haben – und die Antwort lautet: eine ganze Menge. Die Psychiatrie, die nach dem Tod Adam Smiths entstand und mit der Industrialisierung – insbesondere während der zweiten industriellen Revolution – an Bedeutung gewann, spielte und spielt eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, bestehende Gesellschaftsordnungen zu stabilisieren. Vor allem der wirtschaftliche Liberalismus und der heutige Turbokapitalismus profitieren davon, nicht zuletzt seit der Einführung medikamentöser Therapien.

Vereinfacht gesagt: Psychiatrie und Psychologie verlagern jene Probleme, die das wirtschaftliche System erzeugt, auf die Psyche des Individuums: Depressionen, Angstzustände, die Furcht vor Jobverlust, das ständige Ringen darum, die Miete, die Lebenshaltungskosten, die Kindererziehung und vieles andere zu stemmen – all das wird nicht als Folge struktureller Bedingungen verstanden, sondern als persönliche Unfähigkeit. Wer nicht genügend Resilienz aufbringt, um den Anforderungen unseres Wirtschaftssystems standzuhalten, gilt als selbst verantwortlich für seine psychische Verfassung.

Unterstützt wird diese Sichtweise durch eine Vielzahl von Erklärungsmustern – und das, obwohl beide Disziplinen keine exakten Wissenschaften sind. Dem Einzelnen wird vermittelt, die Ursachen seiner seelischen Belastungen lägen in seiner Vergangenheit, in Kindheitstraumata, in einer dysfunktionalen Familie oder auch in einem Ungleichgewicht der Botenstoffe in seinem Gehirn – jedoch sicher nicht in der Gesellschaft oder in den wirtschaftlichen Strukturen, die sein Leben prägen.

So bleiben die vom Neoliberalismus verursachten psychischen Schäden weitgehend unerkannt – obwohl die Mehrheit der Menschen längst spürt, dass wir angesichts der epidemieartig wachsenden Zahl an Depressionen und Angstzuständen ein neues System, eine neue gesellschaftliche Ordnung brauchen. Die allumfassende Vermarktung sogar unseres Körpers und unserer Seele (man denke an junge Frauen, die ihr Leben über OnlyFans finanzieren, oder an die zahlreichen Fälle in den USA, wo man aus Geldgier noch lebenden Patientinnen und Patienten fast Organe entnommen hätte) nagt am Fundament menschlicher Würde. Und obwohl wir diese Entwicklungen instinktiv erfassen, gelingt es uns nicht, das bestehende System, wie es ein hinterfragender Multimillionär mir gegenüber einmal ausdrückte, zum Bröckeln zu bringen.

Zu tief stecken wir in den Narrativen fest, die uns täglich serviert werden. Wir glauben, Politik sei ein Kampf zwischen rechts und links. Dabei übersehen wir, wie der amerikanische US-Demokrat James Talarico immer wieder betont, dass diese Dichotomie vor allem dazu dient, einen Schleier zu errichten. Einen Schleier, der verhindert, dass wir nach oben blicken: dorthin, wo die Superreichen die Fäden ziehen, um ihren Wohlstand zu mehren, während unten breite Teile der Bevölkerung – selbst die Mittelschicht – zunehmend verarmen. Eine Entwicklung, die Jahr für Jahr durch die Zahlen von Oxfam untermauert wird.

Der Neoliberalismus führt letztlich dazu, die Schere zwischen oben und unten weiter zu öffnen. Deshalb sollten wir unseren Blick nach oben richten – dorthin, wo sich jene an öffentlichen Geldern bereichern, die eigentlich dem Gemeinwohl zugutekommen müssten. Gegenwärtig sind das etwa Rüstungsunternehmen, zuvor waren es Pharmakonzerne und davor die Banken. Diese Gelder fehlen dann der Gesellschaft, um ausreichend Personal in Krankenhäusern einzustellen, marode Schulen zu sanieren oder Menschen, die ein Leben lang gearbeitet haben, eine Rente zu zahlen, die ihnen ein würdiges Leben ermöglicht – ohne Flaschen zu sammeln.

Die viel beschworene Würde des Menschen verlangt daher nichts weniger als eine grundlegende Abkehr vom neoliberalen Weltbild. Wir wurden kollektiv darauf konditioniert, Glück mit Geld gleichzusetzen. Man hat uns eingeredet, je reicher wir seien an Geld und Dingen, desto näher rückten wir an das Prinzip des Survival of the fittest heran, und nur dann würde sich das Glück zwangsläufig einstellen. Doch genau das ist eine der größten Illusionen unserer Zeit, wie uns zahlreiche Reiche und Superreiche eindrucksvoll vor Augen führen. Denn auch sie leiden unter Depressionen und diffusen Angstzuständen – wenn auch aus anderen Gründen als jene, die finanziell schwach sind oder zur verarmenden Mittelschicht gehören.

Ein prominentes Beispiel ist Elon Musk, aber auch weniger bekannte Millionäre sprechen offen über ihre seelischen Krisen. Diese Form der Depression entspringt häufig einer tiefen inneren Leere, die die Seele langsam, aber unaufhaltsam aushöhlt. Der Schauspieler Jim Carrey brachte diese Erfahrung einmal präzise auf den Punkt: »Ich finde, jeder sollte reich und berühmt werden und alles tun, wovon er jemals geträumt hat, damit er erkennen kann, dass das nicht die Antwort ist.«

Wo also ist Glück zu finden? Nun, ganz woanders – in erster Linie in der Sinnhaftigkeit eines Lebens, das jenseits des Dogmas vom Wirtschaftswachstum liegt.

Das mag banal klingen, ist aber alles andere als das: Zahlreiche wissenschaftliche Studien zeigen eindeutig, dass wir Glück vor allem in echten zwischenmenschlichen Beziehungen finden. Unsere Kommunikation sollte sich wieder an kantischen Maximen orientieren – an der Pflicht zur Wahrhaftigkeit als einem »Medikament für unsere Seele«, denn in der Annäherung an die Wahrheit lebt es sich schlicht gesünder; so stellten bereits 2012 Wissenschaftler der University of Notre Dame (Indiana, USA) fest, dass es Menschen nicht nur psychisch, sondern auch körperlich besser geht, wenn sie weniger lügen. Die Epidemie an Depressionen und Angstzuständen, die wir seit Jahren im Westen beobachten, hängt auch damit zusammen, dass unsere Zeit von einer Flut an Lügen und Halbwahrheiten geprägt ist. Das kooperative Zusammenleben, das Darwin als grundlegend für die menschliche Evolution betrachtete, wird dadurch so erschwert, dass man inzwischen von einer Atomisierung der Gesellschaft spricht.

Wir müssen uns daher bemühen, Zugang zu Informationen zu finden, die der Wirklichkeit tatsächlich entsprechen. Dabei geht es nicht nur darum, Fake News oder manipulierte Medienberichte als solche zu erkennen, sondern auch Halbwahrheiten und insbesondere veraltete Theorien zu durchschauen, die uns weiterhin als unumstößliche Wahrheiten verkauft werden.

Dogmatisierte Theorien sind gefährlich, weil sie unsere Sicht auf die Welt prägen. Ein Beispiel – und dies muss immer wieder betont werden – ist Darwins Evolutionstheorie, die seit fast 200 Jahren unsere Vorstellungen von Gesellschaft und Wirtschaft beeinflusst.

Wir könnten eine völlig andere Gesellschaft gestalten, würden wir uns von dieser veralteten Lesart der Evolution lösen und in den Schulen endlich die neueren, erweiterten Erkenntnisse zahlreicher heutiger Wissenschaftler lehren: Seit Jahrzehnten zeigen Forschungen, dass Evolution in erster Linie auf Kooperation basiert – nicht auf Konkurrenz. Man stelle sich vor, Kinder würden mit diesem Verständnis aufwachsen: Sie würden das gegenwärtige Wirtschaftssystem nicht länger als »naturgegeben« betrachten, wie es bislang der Fall ist.

Das oft missinterpretierte Prinzip des Survival of the fittest könnte dann nicht mehr als Rechtfertigung für unser ausbeuterisches, auf reine Gewinnmaximierung ausgerichtetes Wirtschaftssystem dienen, das uns letztlich krank macht. (Selbst ihre eigene Disziplin kritisch hinterfragende Psychiater weisen darauf hin, dass unser Wirtschaftssystem die Seele zerstört.) Wir würden erkennen, dass unsere Gesellschaftsordnung von Grund auf – und zwar dringend – erneuert werden und sich an echter Kooperation orientieren muss, so wie sie uns die Natur seit jeher vorlebt.

Angesichts der ineinandergreifenden Aspekte, die in diesem Buch zusammengeführt werden, um die Probleme unserer gegenwärtigen Gesellschaftsordnung sichtbar zu machen, war es notwendig, so häufig wie möglich auf Originalzitate zurückzugreifen (wo nötig, in deutscher Übersetzung) – sei es aus Büchern, Essays, Artikeln oder wissenschaftlichen Arbeiten. Gerade in einer Zeit, die von Halbwahrheiten und immer komplexeren Narrativen geprägt ist, kommt dieser Transparenz besondere Bedeutung zu.

So entstand dieses Buch aus einer Verkettung von Fakten – ein Projekt, das mir als Autorin zutiefst am Herzen liegt. Schließlich geht es heute mehr denn je darum, verschüttete Wahrheiten freizulegen und zu verbreiten, damit wirtschaftliche wie gesellschaftliche Strukturen an diese Erkenntnisse angepasst werden können. Nur so haben wir die Chance, unseren Kindern und den kommenden Generationen eine gerechtere, menschenwürdigere und hoffentlich friedlichere Welt zu hinterlassen. Dies ist alles andere als banal.

KAPITEL1

DER UNGESUNDE NEOLIBERALISMUS TRIFFT AUCH DIE REICHEN

»Ich hoffe, dass jeder reich und berühmt wird und alles bekommt, wovon er jemals geträumt hat, damit er erkennt, dass dies nicht die Antwort ist.«1

Jim Carrey, Schauspieler

»Nach Golde drängt,

Am Golde hängt

Doch alles! Ach wir Armen!«2

Johann Wolfgang von Goethe (Faust. Ein Fragment. Leipzig, 1790)

»Der Armut fehlt vieles, dem Geiz alles.«3

(Lat.: Inopiae desunt multa, avaritiae omnia) Publilius Syrus, um 85 – 43 v. Chr.

Seit den 1980er-Jahren befindet sich die westliche Gesellschaftsordnung fest im Griff einer neoliberalen Spielart des Kapitalismus. Sie hat eine kaum für möglich gehaltene Rücknahme arbeitsrechtlicher Errungenschaften mit sich gebracht4 – begleitet von einer stetigen Beschleunigung des Arbeitstempos, das heute wie ein unsichtbares Metronom die Beschäftigten antreibt. Zugleich breiten sich Sorgen aus, die in den 1960er- und 1970er-Jahren undenkbar gewesen wären: die Angst vor dem Verlust des eigenen Arbeitsplatzes, vor sozialem Abstieg, vor dem Abrutschen in prekäre Verhältnisse.

Diese Entwicklungen hinterlassen Spuren. Sie greifen unsere Gesundheit an – psychisch, in Form von Depressionen und Angstzuständen, und körperlich, sichtbar in Kopf- und Magenschmerzen oder chronischen Rückenproblemen.5

Ganz andere Sorgen belasten die Vermögenden, die eher mit mentalen und psychischen Problemen zu kämpfen haben.

Wer verstehen will, warum eine ganze Gesellschaft unter einem System leidet, das sie eigentlich tragen soll, kommt nicht umhin, einen Schritt zurückzutreten. Ein knapper Rückblick auf die Geschichte soll den krank machenden Mechanismus dieses Systems freilegen.

Kurze historische Einordnung

Fragen zur mentalen Gesundheit der Menschen wurden bereits vor Hippokrates gestellt. Er war einer der Ersten, die nach organischen Ursachen für Erscheinungen wie Manie oder Depression suchten. Es vergingen aber viele Jahrhunderte, bis dieser Medizinbereich einen Namen erhielt: Erst 1808, einige Jahre nach dem Beginn der Industrialisierung in England, prägte der deutsche Arzt Johann Christian Reil den Begriff »Psychiatrie«.6

Bereits zuvor hatte der französische Arzt Philippe Pinel moderne Klassifikationssysteme für psychische Erkrankungen eingeführt und neue, humanere Therapiemethoden entwickelt.7 So verzichtete er auf absurde Praktiken wie den sogenannten Drehstuhl – ein von Joseph Mason Cox und in Abwandlung von Charles Darwins Großvater erfundenes Schleudergerät, das psychisch Kranke so lange drehte, bis sie sich u. a. übergaben.8

Jean- Étienne Dominique Esquirol (ein Schüler Pinels) wurde Anfang des 19. Jahrhunderts zu einem der wichtigsten Erneuerer der Psychiatrie in Frankreich: Er erkannte, dass psychische Krankheiten auch im Zusammenhang mit den sozialen Veränderungen der Moderne stehen könnten. Diese Reaktion nannte er »aliénation mentale«, also geistige Entfremdung.9

Interessant ist, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Ländern wie Frankreich und Großbritannien nur einige Hundert sogenannte Geisteskranke hospitalisiert waren, während es um 1890, also um das Ende dieses Jahrhunderts, bereits Hunderttausende waren.10 Diese Entwicklung fällt mit der ersten und dem Übergang zur zweiten Phase des modernen Kapitalismus zusammen. In ebenjener zweiten Phase – geprägt vom Aufstieg des Finanzkapitals – wurde die Psychologie zusätzlich zur Psychiatrie immer bedeutender und etablierte sich Ende des 19. Jahrhunderts als akademische Disziplin.

Kritik am Kapitalismus als Quelle seelischen Leidens gab es bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts (etwa bei Marx, Engels, Fourier oder Owen). Im 20. Jahrhundert wurde sie durch Denker der Frankfurter Schule wie Adorno oder Fromm erweitert und erreichte in den 1970er-Jahren einen Höhepunkt. Die 1980er-Jahre jedoch – geprägt vom Siegeszug des Neoliberalismus und von einem oberflächlichen Hedonismus – brachten dann einen Rückgang dieser kritischen Auseinandersetzung.

Erst in jüngerer Zeit wird diese Thematik wieder verstärkt aufgegriffen: Immer mehr Fachleute erkennen psychische Erkrankungen als Ausdruck einer krank machenden Wirtschaftsordnung – und in vielen Fällen als direkte Folgen des kapitalistischen Systems.

Wie der Neoliberalismus die Reichen psychisch zerstört

Psychische Störungen werden häufig mit Armut, Arbeitslosigkeit und prekären Lebensverhältnissen assoziiert.11 Doch der Neoliberalismus wirkt sich auch auf jene aus, die auf der sozialen Leiter ganz oben stehen: die Reichen und Superreichen. Dieses System, das auf Leistung, Konkurrenz und Selbstoptimierung basiert, fordert seinen Tribut – und das betrifft alle Schichten der Gesellschaft, auch die Vermögenden, von denen man ja gemeinhin annimmt, dass es ihnen »gut geht«.12

Auf der Website der schweizerischen CALDA Clinic äußert sich Dr. med. Claudia M. Elsig, Spezialistin für Psychotraumatologie, zur psychischen Verfassung wohlhabender Menschen: »Reich sein bietet alle möglichen Vorteile im Leben, aber ein Leben in Reichtum ist nicht immer das, was es scheint. Zwar werden Superreiche von vielen beneidet, mit Geld aber lässt sich Glücklichsein nicht kaufen, und ein Leben in Wohlstand bringt viele Herausforderungen mit sich. […]«13

Studien zeigen zudem, dass Reichtum das moralische Urteilsvermögen beeinträchtigen kann und vermögende Menschen häufiger von Süchten betroffen sind.14

Viele von ihnen sprechen offen über ihr psychisches Leid, darunter auch bekannte Persönlichkeiten wie Elon Musk, der sich zu seiner Depression und der Behandlung mit Ketamin geäußert hat.15 Bill Clinton erzählte 2020 in einem Interview mit der BBC, dass er jahrelang unter Angststörungen litt und dass die Lewinsky-Affäre, als diese noch nicht öffentlich bekannt war, ihm geholfen hatte, mit seiner ständigen Angst besser fertigzuwerden.16 Auch Bill Gates sprach über seine psychische Verfassung und über die »Traurigkeit«, die ihn lange Zeit nach seiner Trennung begleitete.17

Gerade dieses Gefühl der Traurigkeit – oft ein Vorbote oder bereits Bestandteil einer Depression18 – scheint unter Reichen besonders verbreitet zu sein. Der bekannte US-amerikanische Psychologe Marty Nemko schreibt diesbezüglich in Psychology Today: »Ich habe wohlhabende Kunden, die zwar nicht depressiv, aber traurig sind. Ich nenne dies das Wohlhabend-aber-traurig-Syndrom. […] Reiche Menschen arbeiten in der Regel sehr lange, tragen große Verantwortung und stehen unter Stress. Sie kommen erschöpft nach Hause (oder in meine Praxis), vielleicht mit dunklen Ringen unter den Augen und aschfahler Haut. Zudem müssen sich reiche Menschen, auch wenn sie große Summen auf ihrem Sparkonto sehen, mit der Realität auseinandersetzen, dass man sich Zufriedenheit nicht kaufen kann. Sie fühlen sich vielleicht leer und versuchen, Fragen darüber zu verdrängen, ob sich all ihre Arbeit gelohnt hat.«19

Das große Versprechen des Neoliberalismus – je reicher, desto glücklicher – entlarvt sich damit als Illusion. Der US-amerikanische Psychotherapeut Dr. Paul Hokemeyer, der sich auf die Heilung psychischer Probleme gut betuchter Patienten spezialisiert hat, beschrieb in Men’s Health, dass viele Reiche das Gefühl haben, ihren Reichtum nicht verdient zu haben, oder fürchten, ihre »krummen« Wege zum Wohlstand könnten »aufgedeckt« werden. Manche, so Hokemeyer, leiden auch an einem permanenten Gefühl der Einsamkeit, weil sie sich fragen, ob Menschen ihnen echte Zuneigung entgegenbringen – oder ob sie nur wegen ihres Geldes geschätzt werden.20 Seine beruflichen Erfahrungen mit Vermögenden hat er in seinem Buch Fragile Power: Why Having Everything Is Never Enough; Lessons from Treating the Wealthy and Famous (auf Deutsch: Fragile Macht: Warum es nie genug ist, alles zu haben; Lehren aus der Behandlung der Reichen und Berühmten) veröffentlicht.21

Ihm schließt sich der Therapeut Clay Cockrell an, denn er spricht vom »Wealth Fatigue Syndrome«, dem »Reichtumerschöpfungssyndrom«.22In einem Interview mit dem Stern beschrieb er, wie sich Reiche fühlen: »Sie entwickeln ein Misstrauen gegenüber Menschen ohne Geld. Woran sind die Leute interessiert – an dir oder nur an deinem Geld? Der Besitz wird zum Geheimnis, und das kann belastend sein. Bei manchen meiner Patienten geht es um Schuld. Warum besitze ich so viel mehr als andere? Muss ich mich schlecht fühlen, mit Nichtreichen über meine Probleme zu sprechen?«23

Wichtig ist also festzuhalten: Reiche leiden, dürfen aber in den meisten Fällen ihre Depressionen oder Angstzustände nicht zeigen, da man sonst, insbesondere als Leiter eines Unternehmens, schnell seine Position verlieren könnte. Deshalb boomen diskrete Luxuskliniken, etwa Paracelsus Recovery in Zürich – sie gilt als »eine der exklusivsten Kliniken der Welt. Hier werden Königsfamilien, Milliardäre und Politiker behandelt.«24

Ihr Gründer, Jan Gerber, wohlhabend und in der Vergangenheit selbst mit einer gravierenden psychischen Krise konfrontiert, beschreibt seine eigene Erfahrung mit Depression so: »Vor einem Vortrag in einem privaten Schloss saß ich allein in der Bibliothek und weinte. Auf der Bühne funktionierte ich, der Applaus war groß. Danach lag ich zwei Tage im Bett. Von außen schien alles souverän, innen war nur Leere. Genau so fühlt sich dieser Käfig an: Man erfüllt Erwartungen, während innen nichts mehr trägt.«25

Gerber bestätigt uns hier, dass der Neoliberalismus die Mär, Reichtum bedeute Glück, nicht aufrechterhalten kann, weil er oft ein seelisches Vakuum erzeugt: Reichtum allein bietet nämlich keinen Lebenssinn. Mit klaren Worten formulierte es auch der berühmte Schauspieler Jim Carrey (»The Truman Show«) in einem Interview mit dem Ottawa Citizen: »Ich hoffe, dass jeder reich und berühmt wird und alles bekommt, wovon er jemals geträumt hat, damit er erkennt, dass dies nicht die Antwort ist.«26

Einige Multimillionäre vertrauen ihre Zweifel, Hoffnungen und Probleme der Plattform Medium an, die auf diese Weise zu einer Art kollektivem Tagebuch geworden ist. Jüngst tat dies Ken Walker – und es lohnt sich, ihn in deutscher Übersetzung selbst zu Wort kommen zu lassen, führen seine Reflexionen doch eindrücklich vor Augen, was auch der oben erwähnte Schauspieler und Multimillionär Jim Carrey formulierte: Geld vermag vieles, aber es kann das Glück nicht garantieren.

»Ich bin Multimillionär. Ich habe die verdammten Spiele dieser Gesellschaft mitgespielt. Und ich habe sie gewonnen. Alle. Und jetzt gehe ich – für eine Weile. Ich verschwinde nicht. Ich verzichte nicht auf das moderne Leben. Ich trete nur lange genug aus ihm heraus, um es wieder klar sehen zu können. Ich habe beschlossen, meinen Besitz zu verkaufen, mich vom Komfort meiner Ehe, meinem bequemen Leben und meinem schönen Haus am Fluss zu verabschieden und sechs Monate lang einfach zu leben – hauptsächlich im Wald – und auf dem Fernwanderweg Appalachian Trail nach Norden zu wandern. Das ist keine Flucht. Es ist eine Neukalibrierung. Ich habe getan, was uns allen gesagt wird. Ich habe mir Stabilität aufgebaut. Ich habe mich auf Komfort optimiert. Ich habe vernünftige, verantwortungsbewusste Entscheidungen getroffen. Und dabei habe ich etwas gelernt, das überraschend schwer in Worte zu fassen ist, ohne undankbar zu klingen: Das System hält genau das, was es verspricht – und weit weniger, als wir annehmen. Uns wird gesagt, dass Sicherheit durch Anhäufung entsteht, dass Freiheit später kommt, dass Erfüllung etwas ist, das man plant, wenn alles andere erledigt ist. Aber für viele Menschen kommt dieses »später« nie – es verschiebt sich immer weiter hinter die nächste Verpflichtung.«27

Oft beginnt es ganz unspektakulär: Man jongliert mit Krediten. Mal, weil man – wie in seinem Fall – Wohnungen oder Häuser kauft. Mal, weil ein Auto hermuss (dies betrifft vor allem die Mittelschicht), das man sich eigentlich nicht leisten kann. Und so arbeitet man unablässig weiter, nur um die nächste Kreditrate zu bedienen. Auf diese Weise entsteht eine unsichtbare Falle. Ken Walker bringt es unmissverständlich auf den Punkt: »Schulden zum Beispiel […] Mit der Zeit finanzieren sie nicht nur Dinge, sondern auch Konformität. Ich habe beschlossen, dass ich meine zukünftigen Entscheidungen nicht vorab ausgehandelt haben möchte. Das Gleiche gilt für Eigentum. Es gibt etwas, das es wert ist, untersucht zu werden, in einer Kultur, in der selbst eine vollständig im Besitz befindliche Unterkunft eine fortwährende Zahlung erfordert, um in Ihrem Besitz zu bleiben. Die meisten von uns hinterfragen dies nie – nicht, weil es offensichtlich gerecht ist, sondern weil eine Hinterfragung zu viel Umdenken auf einmal erfordern würde. Anstatt also über Theorie zu diskutieren, entscheide ich mich für Erfahrung. Wandern reduziert das Leben auf das Wesentliche. Man trägt nur das Nötigste mit sich. Man lernt schnell, was wichtig ist und was nicht. Es gibt keinen Raum für Ablenkungen – nur direktes Feedback. Hunger, Wetter, Müdigkeit, Klarheit. Das ist nicht romantisch. Es ist ehrlich. Und Ehrlichkeit ist Mangelware. Wir leben in einer Zeit beispielloser Annehmlichkeiten und ebenso beispielloser Ängste. Die Menschen sind erschöpft, überreizt und desorientiert, doch sie verteidigen vehement genau die Strukturen, die sie erschöpfen. Allein dieser Widerspruch legt nahe, dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen. Das ist keine Ablehnung der Gesellschaft. Es ist eine Pause, die lang genug ist, um bessere Fragen zu stellen.

Fragen wie:

Wie viel von meinem Leben ist selbst gewählt und wie viel wird mir auferlegt?

Was würde ich behalten, wenn ich nicht damit beschäftigt wäre, den Schein bestmöglich zu wahren? Welche Aspekte meiner Identität müssen fortwährend bekräftigt werden, damit sie bestehen bleiben?

Vielleicht komme ich zurück. Ich bin nicht gegen Technologie, Gemeinschaft oder Fortschritt. Aber ich werde zunehmend skeptisch gegenüber Systemen, die ständige Ablenkung erfordern, um akzeptabel zu sein, und ständiges Wachstum, um stabil zu bleiben. Wenn wir Menschen wollen, die geerdet, kreativ und zur Selbstverwaltung fähig sind, sollten wir wahrscheinlich Bildungssysteme, Karrierewege und Lebensentwürfe entwickeln, die diese Eigenschaften zum Vorschein bringen. Bis dahin werden einige von uns gelegentlich einen Schritt zurücktreten – nicht aus Protest, sondern um zu hinterfragen.

Wenn dieser Beitrag bei Ihnen Anklang findet, gibt es keine Maßnahmen und keine Ideologie, die Sie übernehmen müssen. Nur eine Einladung: Entfernen Sie irgendwann in naher Zukunft eine Schicht des Lärms. Halten Sie eine automatische Verpflichtung an. Schauen Sie sich ehrlich an, was übrig bleibt. Sie müssen das System nicht verlassen, um dies zu tun. Aber vielleicht entdecken Sie, dass Teile von Ihnen das bereits getan haben. Und es somit wert sein könnte, darauf zu hören. Sie wissen es eh: Kein Geld der Welt bringt Sie jemals in Verbindung mit Ihrer Seele.«28 (Fettdruck im Original).

Seele und Geld sind, streng genommen, Antonyme. Sie stehen in einem fast unversöhnlichen Gegensatz – besonders dann, wenn Geld zum Erfüllungsgehilfen jener oberflächlichen, egozentrischen Wünsche wird, die unsere Konsumgesellschaft uns eintrichtert. Kleidung, Autos, Uhren, Taschen: Sie werden nicht mehr getragen, weil sie gebraucht werden, sondern weil sie gesehen werden sollen. Status als Spektakel. Das zeigt sich exemplarisch an jenen Superreichen, die sich eine Vintage-Hermès-Birkin-Tasche leisten – ein Objekt, das längst zum Fetisch geworden ist. Eine dieser Taschen, deren Schätzpreis ursprünglich zwischen 230 000 und 430 000 Dollar lag, erzielte im Dezember 2025 bei Sotheby’s mehr als 2,86 Millionen Dollar, wie der Stern berichtete.29

Das Geld der Superreichen, mit dem sich so viel Sinnvolles bewirken ließe, verpufft nur allzu oft in erbärmlichen Formen des Amüsements. Besonders deutlich wird das, wenn es – wie in einem ZDF-Dokumentarfilm festgehalten – darin besteht, »zu trinken, junge Mädchen auf der Party und Bodykontakt zu haben«, wie einige chinesische Milliardärssöhnchen prahlerisch erklärten, ganz im Gestus westlicher Erben, denen sie nacheifern.

Wie trostlos diese Welt der Überreichen sein kann, zeigte Ende 2025 die Schriftstellerin Joyce Carol Oates. Mit ihren 87 Jahren postet sie noch immer auf X und teilte dort ein paar knappe, aber bemerkenswerte Gedanken über Elon Musk – Gedanken, die weniger über den Menschen aussagen als über die Leere, die extreme Vermögen oft hinterlassen: »Es ist seltsam, dass ein so wohlhabender Mann nie etwas postet, das darauf hindeutet, dass er das genießt oder überhaupt wahrnimmt, was praktisch jeder schätzt – Szenen aus der Natur, Haustiere wie Hunde oder Katzen, Lob für einen Film, Musik oder ein Buch (obwohl ich bezweifle, dass er liest); Stolz auf die Leistungen eines Freundes oder Verwandten; Beileidsbekundungen für jemanden, der gestorben ist; Freude am Sport; Lob für eine Lieblingsmannschaft; Verweise auf die Geschichte. Tatsächlich wirkt er völlig ungebildet und unkultiviert. Die ärmsten Menschen auf Twitter haben vielleicht Zugang zu mehr Schönheit und Sinn im Leben als der ›reichste Mensch der Welt‹.«30

Der junge italienische Autor Lorenzo Camerini gelangt zu einer ähnlichen Diagnose über die Welt der Superreichen. In seinem Text nimmt er zunächst ein Video in den Blick, das auf X kursierte: eine Party auf Saint Barth, jener karibischen Insel, die längst zum inoffiziellen Spielplatz der globalen Elite geworden ist. Gefeiert haben Freunde von Jeff Bezos – und selbstverständlich war auch er selbst anwesend: »Auf Saint Barth gibt es keinen Winter und keine Karaffen mit Hauswein. Man sitzt unter einem weißen Zeltdach im Stil von ›Füße im Sand‹ mit den klassischen rechteckigen Strandsofas, die furchtbar unbequem sind, mit Mojitos und frischem Obst auf dem Tisch. Es herrscht jene typische, etwas künstliche Spaßatmosphäre, wie man sie aus den Strandbädern von Rimini kennt. Oben sieht man die Flügel der Deckenventilatoren, die sich drehen, um die Luft zu bewegen. Auf den Tischen stehen billige chinesische Kleinventilatoren. Fünf Arbeiter aus der Gegend (…Solidarität!) betreten das Bild von links, der erste trägt eine Maske im Mad-Max-Stil und schüttelt eine Magnumflasche Sekt mit einer funkelnden Kerze, hinter ihm schwenkt eine hübsche Frau im Bikini zwei weitere Partykerzen, […] Jeff Bezos wird von hinten gefilmt, während er unrhythmisch klatscht. Er sitzt in der Mitte seines Sofas, man hat ihm den besten Platz gelassen, den Ehrenplatz mit Meerblick. Er ist der Anführer […]. Die Atmosphäre ist beklemmend, […] Man möchte fliehen, auch wenn man nicht dort ist. Das Video schnell schließen. Man schämt sich für diese Leute. Wie ist es möglich, so viel Reichtum anzuhäufen und nichts Besseres zu finden, um sich auf diese Art und Weise zu vergnügen, […]?31 (Fettdruck im Original)

Camerini verweist dabei auf den scharfen Kontrast zu früheren Generationen von Superreichen. Er erinnert an die »Größe« eines Gianni Agnelli, des verstorbenen Fiat-Eigentümers und Konzernchefs, der seinen Automobilgiganten schon in den 1970er- und 1980er-Jahren mit staatlichen Subventionen stützte – und dennoch eine gewisse äußere Eleganz kultivierte. Agnelli war belesen, sportlich und kunstaffin32 – ein Mann, der zumindest den Anschein eines kulturell gebildeten Patrons wahrte. Camerini nutzt diese berühmte und wohlhabende Person nicht zur Verklärung, sondern als Kontrastfolie zu einer neuen Elite, die Reichtum ohne Haltung zur Schau trägt. »Die Superreichen leben heute von der Realität abgekoppelt, umgeben von Jasagern und Privatflügen, ohne Warteschlangen und ohne Sinn für Kontext, und sie werden niemals erfahren, wie es ist, sich nach einer ausgelassenen Nacht mit Freunden zu umarmen. Das ist ihre Sache, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Diese Figuren entscheiden in einer Art mittelalterlichenRevival über das Schicksal aller, ohne dass sie jemals von irgendwem gewählt worden wären.Es wäre eine freundliche, beruhigende Geste, wenn sie, während sie unsere (menschliche) Natur manipulieren, um uns neue algorithmische Realitäten aufzuzwingen, zumindest so tun würden, als würden sie die kleinen Dinge schätzen, die das Leben angenehm machen.«33

Was dem Leben oft fehlt, ist Sinnhaftigkeit: Etliche Studien zeigen, dass Menschen mit einem klaren Lebenssinn seltener an Depressionen oder Angststörungen leiden.34

Ein Leben, das allein auf Konsum und Prestige basiert, kann auf Dauer nicht tragen – und Reichtum schützt nicht vor innerer Leere.

Aber was bedeutet das eigentlich – Lebenssinn?

Es ist jener subjektive Bedeutungsgehalt, den jeder Mensch seinem Leben verleiht – vorausgesetzt, er lässt sich nicht allzu sehr von äußeren Vorbildern, Erwartungen oder gesellschaftlichen Modellen vereinnahmen: »Forschende nehmen an, dass es bestimmte Merkmale gibt, die dazu beitragen, dass ein Mensch sein Leben als sinnhaft empfindet:

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Kohärenz: Das eigene Leben erscheint stimmig und ist frei von Widersprüchen

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Bedeutsamkeit: Die Person fühlt sich wahrgenommen, und ihr Handeln hat einen Effekt

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Zugehörigkeit: Es besteht das Gefühl, einen Platz im Leben zu haben – egal, ob wortwörtlich oder im übertragenen Sinne, etwa in Bezug auf Weltanschauung oder Ideale

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Orientierung: Die Person verfolgt einen Weg, auf dem sie im Leben gehen möchte.«

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In einer Metaanalyse aus dem Jahr 2023 von Ian D. Boreham und Nicola S. Schutte (University of New England) stellen beide Forscher fest: Wer einen Lebenssinn hat, leidet seltener an Depressionen und Angststörungen.36

In einer weiteren wissenschaftlichen Übersichtsarbeit, die 2025 im Springer Verlag erschien, konnten Liling Wang und Junjun Fu aufgrund der Analyse von 228 Studien einen klaren Zusammenhang zwischen Sinn des Lebens und psychischem Wohlbefinden feststellen.37 Auch andere Studien bestätigen das. So schrieb Angelina R. Sutin: »Der Lebenssinn ist eine psychologische Ressource, die dabei helfen kann, Stress zu regulieren.«38

Das Problem liegt auf der Hand: Der Neoliberalismus – die radikalste Ausprägung des modernen Kapitalismus – entzieht den Menschen den eigentlichen Sinn ihres Lebens, indem er ihn mit Konsum, Status und materiellem Erfolg gleichsetzt. Der Zweck des Daseins wird auf die Akkumulation von Geld und damit von Einfluss reduziert – ein Narrativ, das uns prominente Unternehmerfiguren immer wieder vor Augen führen.

Diese Logik hat längst die gesamte soziale Breite durchdrungen. Die Vorstellung, seelisches Wohlbefinden ließe sich durch den Erwerb von Dingen herstellen, ist nicht nur in wohlhabenden Milieus verbreitet, sondern hat sich auch tief in die weniger begüterten und sogar in die ärmsten Schichten unserer Gesellschaft eingeschrieben. Der Konsum wird zur Ersatzreligion, die Glück verspricht, aber ihr Versprechen selten hält.

Hier ein Fallbeispiel aus dem richtigen Leben: Eine Mutter kauft ihrer zwölfjährigen Tochter zum Geburtstag etwa 30 Kleidungsstücke, ohne sich den maßlosen Wünschen der Kleinen zu widersetzen – ein Konsumritual, das der neoliberalen Logik perfekt entspricht. Viele Kinder wachsen in dieser von Instagram, TikTok und Co. geprägten Welt auf, die permanentes Begehren erzeugen. Auf diese Weise werden Heranwachsende zu perfekten Konsumenten »gezüchtet«.

Ein solches Lebensmodell bietet keinen Sinn, sondern erzeugt tiefe Leere, die mit Gütern gefüllt wird. Zahlreiche Studien belegen, dass der Konsum, zum Beispiel von Kleidungsstücken und Schuhen, alles andere als glücklich macht. »Die Indikatoren für das subjektive Wohlbefinden zeigten negative Auswirkungen auf [die Psyche, insbesondere bei – Anm. d.A.] Ausgaben für Bekleidung und Schuhe, Freizeit und Kultur sowie Restaurants und Hotels.«39

Das Leben reicher Kinder, prall gefüllt mit Dingen und Aktivitäten, ist besonders gefährdet, wie die Psychologin Suniya Luthar bereits 2013 darlegte: Sie leiden häufiger unter Angst, Depressionen und selbstverletzendem Verhalten als der Durchschnitt. Ursache sei eine Überbetonung von Leistung, kombiniert mit mangelnder emotionaler Präsenz der Eltern: »Über alle geografischen Gebiete und öffentlichen und privaten Schulen hinweg weisen Jugendliche der oberen Mittelschicht alarmierend hohe Raten schwerwiegender Störungen auf.«40 Besondere Beachtung verdient hier die sogenannte Affluenza – eine Form der Wohlstandsverwahrlosung, bei der Kinder reicher Eltern oftmals durch mangelnde Grenzen, Verantwortungslosigkeit, fehlende Empathie und erhöhte Aggressivität auffallen.41

Ein besonders drastischer Fall ereignete sich 2012 in den USA: »Ein betrunkener 16-jähriger Amerikaner bricht mit einem Auto zu einer Spritztour auf und rast mit 120 Stundenkilometern in eine Gruppe Jugendlicher am Straßenrand. Vier Personen sterben. Ein klarer Fall für den Richter – eigentlich. Dass der 16-jährige Ethan Couch aus dem texanischen Fort Worth nicht ins Gefängnis musste, verdankte er seinen Anwälten und einem Psychologen, der bei ihm Affluenza diagnostizierte: Unzurechnungsfähigkeit aufgrund materiellen Wohlstandes.«42

Das Urteil spaltete die Nation, weil die Richterin ihn zu zehn Jahren auf Bewährung verurteilte – trotz der vier Toten und entgegen der staatsanwaltschaftlichen Forderung von 20 Jahren Gefängnisstrafe.43

Dieser 16-Jährige, der mit gravierenden psychischen Problemen zu kämpfen hat (weil er die Folgen seiner Handlungen nicht versteht), ist eben ein Produkt dieses Systems, das Reichen vermittelt, sie könnten sich alles leisten, grenzenlose Macht ausüben und verbrecherisches Verhalten an den Tag legen, ohne dafür bestraft zu werden. Ein System, das sich in diesem skandalösen Urteil eindeutig widerspiegelt.

Fälle dieser Art zeigen, wie sehr das System selbst Wohlhabende krank macht – und sie zeigen auch, dass jemand, der ohne Empathie, aber mit Macht und Einfluss aufwächst, später in wichtigen gesellschaftlichen Positionen viel Schaden anrichten kann. Donald Trump, der als Kind eines reichen Vaters aufwuchs, wurde von Abigail Disney (Enkelin von Ron, dem älteren Bruder von Walt Disney) 2025 in einem Interview mit The Guardian folgendermaßen beschrieben: »Trump ist ein Erbe […] Er gibt es nie zu, aber ohne sein Erbe hätte er nichts von dem erreichen können, was er erreicht hat. Er hat die Praktiken des Geld-Ererbens fast ungefiltert verinnerlicht […] Wenn man über seine Kindheit liest, ist das wie ein Lehrbuchbeispiel für die schlechteste Art, einen Menschen zu erziehen – er war gewalttätig, er war ein Tyrann und er wurde dafür belohnt, schon als kleines Kind. Und je mehr Geld er hatte, desto mehr zeigte er diese schlechten Eigenschaften, und desto mehr sagten ihm die Leute, wie wunderbar er sei.«44 Megalomanie und Narzissmus, gepaart mit geerbtem Vermögen, bilden eine brisante Mischung. Wenn Reichtum ohne ethische Orientierung weitergegeben wird, kann er zerstörerische Wirkungen entfalten – auf den Einzelnen ebenso wie auf die Gesellschaft. Wenn man heutigen Politikern und Superreichen zuhört, entsteht tatsächlich der Eindruck, dass manche an der Spitze der neoliberalen Pyramide Züge von Soziopathie zeigen.45

Krank machende Ausbeutung

In vielen Krankenhäusern sind die Zustände alarmierend: lange Wartezeiten, überlastete Notaufnahmen, chronischer Personalmangel. Der Grund ist kein Geheimnis – es liegt an den rigorosen Sparmaßnahmen neoliberaler Regierungen in Europa. Während Gelder für militärische Aufrüstung vorhanden sind, wird das Gesundheitssystem auf Verschleiß gefahren.

Ein Beispiel: Im Oktober 2025 beschloss die deutsche Bundesregierung erneut Einsparungen im Gesundheitssektor. »Konkret sollen laut dem Beschluss der Regierung bei den Kliniken 1,8 Milliarden Euro eingespart werden.«46 Ob das zu weiterem Personalmangel führt, wird sich zeigen – doch die Entwicklung lässt nichts Gutes erwarten. Bereits 2022 warnte die WHO, dass bis 2030 in der EU fast eine Million Fachkräfte im Gesundheitswesen fehlen könnten.47

Manche Beobachter vermuten, dass solche Engpässe durchaus gewollt sind – um Patienten, ganz nach neoliberaler Logik, in die Arme privater Anbieter zu treiben und diesen lukrativen Markt weiter auszubauen. Die Lobbyarbeit entsprechender Interessenverbände ist jedenfalls beachtlich.48

Was hat das mit psychischer Gesundheit zu tun? Sehr viel. Wenn zu wenige Fachkräfte immer mehr Arbeit schultern müssen, leidet nicht nur die Qualität der Versorgung – auch das medizinische Personal gerät psychisch zunehmend unter Druck. Eine groß angelegte Studie (2025) der WHO unter mehr als 90 000 Beschäftigten im Gesundheitswesen bestätigt dies eindrücklich: »In den letzten zwölf Monaten gaben etwa ein Drittel der Ärzte und ein Drittel der Pflegekräfte an, am Arbeitsplatz Mobbing oder Gewaltandrohungen erlebt zu haben. Jeder Zehnte berichtete von körperlicher Gewalt oder sexueller Belästigung. Ein ähnlicher Anteil hatte in den zwei Wochen vor der Umfrage Selbstverletzungs- oderSuizidgedanken – eine Rate doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung.«49

WHO-Regionaldirektor Hans Henri P. Kluge ergänzt dazu: »Jeder dritte Arzt und jede dritte Krankenschwester berichtet von Depressionen oder Angstzuständen, und mehr als jeder Zehnte hat schon einmal daran gedacht, sich das Leben zu nehmen oder sich selbst zu verletzen. Das ist eine inakzeptable Belastung für diejenigen, die sich um uns kümmern.«50

Die WHO fordert unter anderem, übermäßige Arbeitsbelastungen – ein wesentlicher Faktor für Burn-out – zu vermeiden. Die Ursache der psychischen Belastungen liegt hier also eindeutig in der Arbeitswelt selbst – nicht in der Kindheit oder in »biochemischen Ungleichgewichten«.

Was für den Gesundheitssektor gilt, trifft auf viele andere Bereiche ebenso zu: Postzusteller, Verwaltungsmitarbeiter, Reinigungskräfte – auch sie sind dem massiven Druck eines gnadenlos durchgetakteten Systems ausgesetzt. Die Mehrheit der Depressionen und Angststörungen entsteht heutzutage als Reaktion auf äußere Arbeitsbedingungen. Gerade in den USA – mit ihrem extrem flexiblen Arbeitsmarkt, in dem man von heute auf morgen entlassen werden kann – äußert sich das in einer massiven Verbreitung von Angststörungen: Über 40 Millionen Menschen sind jährlich davon betroffen.51

In Europa hingegen dominiert die Depression,52 woraus sich folgern lässt, dass Unsicherheit im Job psychischen Dauerstress bedeutet. Eine Studie unter 1660 Angestellten, an der unter anderem das Wilhelm-Wundt-Institut der Universität Leipzig beteiligt war,53 bestätigt dies: »Wurde der Job etwa aufgrund des Wegfalls von Kunden oder Aufträgen objektiv unsicherer, griff dies die psychische Gesundheit der Betroffenen an.«54

Die moderne neoliberale Arbeitswelt, geprägt von ständiger Erreichbarkeit, verpassten Pausen, Termindruck, endlosen Meetings, schlechter Führung und toxischem Betriebsklima, ist wie geschaffen dafür, Menschen krank zu machen. Viele merken erst zu spät, dass sie unter ernsthaften Schlafstörungen, ständiger innerer Unruhe oder bereits einer reaktiven Depression leiden.

Professor Dr. Peter Falkai, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der LMU München, brachte es 2019 auf den Punkt: »Ein Faktor, der immer wieder genannt wird, ist die Globalisierung. Aber was dem zugrunde liegt und großen Stress bereitet, ist die Digitalisierung und mit ihr auch die neuen Berufsformen: Jeder ist leichter erreichbar, es stehen immer größere Datenmengen zur Verfügung, die zum Beispiel via E-Mail schnell übermittelt werden können und die man dann auch entsprechend zur Kenntnis nehmen muss. Hinzu kommt eine enge Terminsetzung. Man hat ein Treffen um vier Uhr und um zwei Uhr bekommt man die Agenda und die letzten Unterlagen. Implizit und explizit wird erwartet, dass man sich die Unterlagen vorher noch anschaut. Zudem gibt es mittlerweile in der sogenannten On-Demand-Economy neue Formen der Beschäftigung. Es ist nicht mehr erforderlich, dass man einen festen Arbeitsplatz hat mit einem eigenen Schreibtisch, sondern man loggt sich von irgendwo ein, arbeitet seinen Teil ab und wird dann entsprechend entlohnt. Viele sind dabei als Selbstständige tätig und kommen nicht in den Genuss von sozialrechtlichen Absicherungsmaßnahmen, von der Krankenversicherung bis hin zu Rentenansprüchen etc. Die Digitalisierung verändert nicht nur bei denjenigen, die einen festen Beruf haben, die Arbeitsstruktur. Es entsteht eine größere Belastung, höherer Zeitdruck, und die Grenzen zwischen Freizeit und Beruf heben sich auf. Es werden ganz neue Berufe geschaffen, die im Netz arbeiten und besonders gefährdet sind. Das sind die sogenannten prekären Arbeitsverhältnisse oder Arbeitsplatzsituationen.«55

Dieser ständige Druck belastet. Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) warnte schon vor Jahren, dass psychische Erkrankungen durch zu hohe Anforderungen, Zeitdruck und geringe Einflussmöglichkeiten begünstigt werden.56 Besonders gefährdet sind Beschäftigte in Callcentern, in der öffentlichen Verwaltung und im Sozial- und Gesundheitswesen.57 Deshalb forderte die BPtK 2022, psychische Belastungen am Arbeitsplatz als Berufserkrankungen anzuerkennen, da sie im erheblichen Maße die Gesundheit gefährden,58 und auch ver.di warnte 2023: »In einer Zeit, in der Menschen in einer immer schnelllebigeren und stressigen Umgebung arbeiten, müssen wir ernsthaft darüber nachdenken, wie wir die Belastungen reduzieren können.«59

Leider hat sich die Lage seitdem nicht verbessert. Eine Studie der Auctority GmbH von 2024 ergab, dass über 55 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland unter Erschöpfung leiden – und für viele Fachleute ist Erschöpfung das erste Warnsignal einer Depression.60 Insbesondere belastet sind die 30- bis 49-Jährigen – von ihnen gab über ein Drittel an, dass ihre psychische Belastung direkt auf den Arbeitsplatz zurückzuführen sei.61

Hinzu kommt die Angst vor Arbeitsplatzverlust – ein ständiger Begleiter im Zeitalter der neoliberalen Globalisierung. Allein 2025 gingen in der deutschen Autoindustrie 114 000 Arbeitsplätze verloren.62 Kein Wunder, dass laut Psychologie Heute (2025) »Die dauerhafte Sorge um die Arbeit […] an den mentalen Ressourcen [zehrt], die dann bei der Arbeit fehlen. Dies kann auf längere Sicht dazu führen, dass die psychische Gesundheit leidet und die Person krank wird.«63

Der Einsatz von künstlicher Intelligenz verschärft die Lage noch. Bereits 2024 verloren 250 000 Menschen in der Tech-Branche ihren Job64 – vermutlich, weil KI viele Aufgaben schneller und effizienter erledigt, obwohl dies nicht als Grund angegeben wurde. Amazon dagegen machte es öffentlich und kündigte 2025 an, Zehntausende Stellen wegen KI zu streichen.65 Selbst fachkundige Berufe sind betroffen: 2024 entließ BlackRock, der größte Vermögensverwalter der Welt, 600 hoch qualifizierte Mitarbeiter.66

Wir sind inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem selbst die großen US-Kanzleien ihre Einstellungen für Berufseinsteiger aussetzen, weil KI inzwischen viele juristische Aufgaben übernimmt. Ein Partner einer renommierten US-Kanzlei sagte kürzlich: »KI erledigt heute Aufgaben, die früher von Junganwälten im ersten bis dritten Jahr übernommen wurden. KI kann in einer Stunde eine Antragsschrift erstellen, für die ein Junganwalt eine Woche brauchen würde. Und die Arbeit ist besser. Das sollte man den Leuten sagen, die sich gerade für ein Jurastudium bewerben.«67