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"Reihenhaus" erzählt die Geschichte eines Hauses und der Familie, die darin wohnt. In dieser Reihenfolge. Das zwanzigste Jahrhundert in drei Generationen. Westpreußen, Odenwald, Berlin. Umzüge, Fluchten, Neubeginne.
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Seitenzahl: 403
Veröffentlichungsjahr: 2026
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AUF SAND GEBAUT
BAU AUF!
EIN FESTERE BURG
UNTER EINEM DACH
ES KANN DER FRÖMMSTE NICHT IN FRIEDEN LEBEN
RICHTFEST
SOLANGE DU DEINE FÜßE UNTER MEINEN TISCH STELLST
HINTER GITTERN
GEGESSEN WIRD ZU HAUS
PUPPENHAUS
WO GEHEN WIR HIN? IMMER NACH HAUS (NOVALIS)
VON HAUSE AUS
ZWEI NARREN IN EINEM HAUS MACHEN EINEN GROßEN LÄRM
WOHNMASCHINE
HERR IM HAUSE
DIES HAUS IST MEIN UND DOCH NICHT MEIN
HAUS OHNE TÜR
BESTELLE DEIN HAUS (JES 38,1)
IN DEN EIGENEN VIERWÄNDEN
DER LÄNGSTE UMWEG IST DER KÜRZESTE NACH HAUSE (JAMES JOYCE)
DER FRIEDE BEGINNT IM EIGENEN HAUS (KURT JASPERS)
KEIN HAUS OHNE MAUS
DAS GEHT AUFS HAUS
GLASHAUS
TOLLHAUS
HAUS OHNE HÜTER (HEINRICH BÖLL)
SICH AUS DEM HAUS STEHLEN
DIE AXT IM HAUS ERSPART DEN ZIMMERMANN
FREI HAUS
EIN LEERES HAUS UND NICHT EIN MENSCH, DER MIT MIR SPRICHT (ALEXANDRA)
KRANKENHAUS
EIN HAUS OHNE HERRIN IST EIN LEIB OHNE SEELE, DER BALD ZERFÄLLT (JEAN-JACQUES ROUSSEAU)
IST DIE KATZE AUS DEM HAUS
WIR MÜSSEN DANACH STREBEN, NATUR, GEBÄUDE UND MENSCHEN IN EINER HÖHEREN EINHEIT ZUSAMMENZUBRINGEN (LE CORBU-SIER)
EIN TEMPEL DES HEILIGEN GEISTES (1. KOR 6,19)
DAS HAUS AUF DEN KOPF STELLEN
TRAUTES HEIM
Eigentlich ist es gar kein richtiges Haus, eher eine Wohnung in einem umgestürzten Hochhaus. In dem auf die Seite gekippten Gebäude hängen zehn miteinander verbundene Einheiten wie ein einziger Patient an einem lebenswichtigen Strang und werden gemeinsam versorgt. Ein Wasserrohr, ein Stromkabel, eine Gasleitung für alle. Auch die Gärten sind streng genommen ein einziges Grundstück, das durch Zäune in Parzellen unterteilt ist. Steht man am Ende der Hausreihe, kann man den Blick bis zur Straße schweifen lassen und sogar einen Eindruck von Großzügigkeit gewinnen.
Aber das ist erst seit einigen Jahren möglich. Früher waren alle Einzelgärten gegeneinander abgeschottet, mit dichten Hecken, wuchernden Büschen, hohen Stauden und da, wo es nicht anders ging, mit Palisaden und Sichtschutzwänden. So war es in den 1970ern und 1980ern, als Wildwuchs und Inseldasein die Flucht aus bürgerlichen Zwängen verhießen. Mittlerweile sind die Büsche abgeholzt, die Paneele entfernt, an manchen Orten sogar die Zäune demontiert worden. Das Kollektiv erhebt Anspruch auf geteilte Schönheit. Verunstaltet ein Nachbar seinen Garten mit einem unansehnlichen Blechschuppen, wird er mit Missachtung gestraft. Wenn Bauten notwendig sind, haben sie wenigstens aus Holz zu sein. Es kommt vor, dass Nachbarn einander nachdrücklich bestimmte Blumensorten empfehlen. Schließlich haben alle den Nutzen davon, die die Rabatten täglich vor der Nase haben. Der Garten ist ein Aushängeschild, und der Besitzer hat die Pflicht, ihn so zu gestalten, dass er alle erfreut.
Sichtachsen wurden geschaffen, auf die Abwechslung von Farben und Formen wurde Wert gelegt, verstreute Sitzplätze wie Oasen gemeinsam genutzt. Und doch widersetzte sich die Familie im letzten Haus, die als einzige ein größeres Grundstück besaß und obendrein das Privileg eines direkten Zugangs zum Wald, hartnäckig den Forderungen, ihren Garten als Raum für alle zu öffnen. So weit ging die Vergemeinschaftung nicht. Stattdessen wurde diese Familie, die sogar um eine Hälfte ihres Hauses herumgehen konnte, im Stillen beneidet. Was für ein Freiheitsgefühl!
Den Preis dafür zahlte sie damit, dass bei ihr am häufigsten eingebrochen wurde. Womöglich vermuteten die Diebe in diesem letzten Haus, das auf dem Immobilienmarkt einen um ein Drittel höheren Preis erzielen würde als die davor liegenden neun, wertvollere Besitztümer. Außerdem konnten sie sich dem Haus ungestört vom Wald aus nähern und an der frei stehenden Hauswand auf die Dachterrasse klettern.
Einige Jahre lang war dieser größere Garten Schauplatz eines jährlichen Sommerfestes. Alle zehn Familien trafen sich am letzten Abend der Schulferien, um das Ende des Sommers zu begehen. Eine brachte einen großen Gasgrill mit, eine andere förderte unendliche Servietten-, Senfund Teelichtervorräte zutage, eine holte an der Tankstelle gestoßenes Eis, und dann wurde gegrillt und getrunken und geredet, zwar nicht jeder mit jedem wie geplant; sondern wie bei allen Partys blieben diejenigen, die auch sonst miteinander sprachen, unter sich. Die auch sonst am stillsten waren, saßen ein wenig abseits und verabschiedeten sich früh. Andere tanzten, als es dunkel wurde, zu den Hits von vor zehn Jahren.
Für diesen Abend wurde eigens ein Festkomitee ins Leben gerufen, als müsse eine Grillparty für maximal vierzig Personen minuziös geplant werden. Im Grunde genügte es, eine Liste herumzureichen, in die jeder eintrug, was er mitbrachte. Aber die Gründerinnen des Komitees hielten es für notwendig, vorher mindestens drei oder vier Treffen abzuhalten – mitten am Vormittag und zur Arbeitszeit –, bei denen ein detaillierter Zeitplan für die Abläufe des Abends, aber auch des vorangehenden und folgenden Tages, immer wieder diskutiert wurde. Das Ergebnis dieser Sitzungen mündete in eine Doodle-Abfrage, die von der Hälfte der Eingeladenen ignoriert wurde, weil sie nie im Internetzeitalter angekommen waren.
Während die Gärten im neuen Jahrtausend immer mehr ineinander übergingen und sich die Unterschiede zwischen Nachbarschaft und Freundschaft verwischten, wurden die Häuser oder Hausabschnitte umso sichtbarer voneinander abgegrenzt. Jede Fassade zierte eine andere Farbe, wenngleich Weiß oder Hellgelb am beliebtesten waren. Es gab sogar olivgrüne oder orangefarbene Hauswände, allerdings keine schwarzen oder violetten. Nicht nur die Farbe der Häuser, auch ihr Gesicht änderte sich. Türen und Fenster wurden ausgetauscht, Portale angebaut, Pflaster und Treppen erweitert oder entfernt und vor allem Wintergärten gebaut, so weit das Auge reichte. Da die Häuser nur so taten, als wären sie richtige Häuser, wirkten diese Eingriffe planlos. Wie bunte Flicken, notdürftig vernäht, hingen sie zusammen, und man hätte vermuten können, dass der nächste Sturm sie auseinanderreißen würde.
Ursprünglich war es umgekehrt gewesen. Als die Häuser in den 1950er Jahren zum ersten Mal bezogen wurden, begann man, sich in den Gärten zu unterscheiden. Bei der Fassadengestaltung blieben eigene Wege lange verpönt. Erst der Zwang der energetischen Sanierung brachte die Menschen auf die Idee, ihre Häuser glatt zu verputzen oder eben in einer anderen Farbe zu streichen. Zuvor hatte das Bauamt darauf geachtet, dass der Straßenzug einheitlich wirkte. Die Gleichheit des Äußeren war das höchste Ziel. Darum war es lange Zeit offiziell verboten, architektonische Änderungen vorzunehmen. Es waren überhaupt nur drei Farben zulässig: gebrannte Siena für die Dachziegel, Ochsenblut für die Haustür und ein gräuliches Beige für den Putz. Doch als Mitte der 1990er Jahre die ersten neuen Farben auftauchten wie über Nacht verfärbte Blätter im Herbst, verfügte niemand über den Elan, seinen Nachbarn beim Bauamt anzuzeigen. Und kurze Zeit später wurden die Eingriffe nachträglich legalisiert.
In meiner Kindheit lag diese Farbtrias wie Schmutz auf den Häusern und auf meiner Seele: Siena, Beige und Ochsenblut. Farben, denen man jede Buntheit ausgetrieben hatte. Nichts war weniger lebendig als diese Mischung aus Feuer, Sand und Tod.
Feuer, Sand und Tod, das ist es, worauf die Häuer gegründet sind. Das Feuer kam mit dem Krieg und verwüstete die gerade erst gelegten Fundamente. Der Tod zog mit den Menschen ein, den vaterlosen Familien, den Ehepaaren ohne Söhne, den Männern mit nur einem Arm und steifen Beinen. Und der Sand, der Sand war schon immer da. Wir tanzen auf dem mürben Deckel der märkischen Streusandbüchse. Es kann die ganze Nacht regnen, am nächsten Morgen ist der Boden trocken wie Papier. Das Haus ist voller Sandkörner, die man mit den Schuhen hereinträgt, die der Wind durch Fenster und Türen bläst, die man aus den Kleidern schüttelt, nachdem man sich draußen irgendwo hingesetzt hat. Manche Hausbewohner fegen jeden Tag aus, sogar mehrmals.
Nirgendwo ist der Boden sandiger als hier in Zehlendorf. Schon wenige Kilometer weiter östlich, in Lankwitz oder Tempelhof, wächst Klee an den Straßenrändern, höher, grüner und saftiger als bei uns. Erst im Erwachsenenalter entdeckte ich, dass es in der Umgebung Berlins schwarzen, zähen Waldboden gibt. Als Kind glaubte ich, Wald sei eine Ansammlung streichholzartiger, astloser Kiefernstämme auf trockenen Moosflechten oder nacktem Sandboden. Dass sich im Wald unterschiedliche Pflanzen in verschiedenen Größen, Formen und Farben abwechseln, hielt ich für ein exotisches Phänomen, welches nur in fernen Regionen vorkomme, weit weg von meiner Heimat. Zum ersten Mal begegnete mir eine vielfältigere Vegetation auf einer Klassenfahrt nach Franken. Die dunkle Tiefe und Feuchte des Waldes überwältigte mich und flößte mir Angst ein.
Im Grunewald ging es mir nie so. Ebenso wenig, wie mein Haus ein Haus ist, ist der Grunewald ein Wald. Im Vergleich zu den barocken Eichenwäldern des Südens wirkt er wie eine Konstruktion der Moderne. Form follows function. Verstärkt wird der Eindruck dadurch, dass sich ein engmaschiges Raster rechtwinkliger Forstwege durch den Grunewald zieht. Verlaufen kann man sich dort nicht.
Ich erinnere mich an öde Wandertage mit der Schulklasse, an denen man stundenlang einer schnurgeraden Sandtrasse folgte, um zum Abschluss am Kaiser-Wilhelm-Turm anzukommen, einer der uninteressantesten unter den vielen uninteressanten Sehenswürdigkeiten Berlins. Übertroffen wird er nur vom Brandenburger Tor, einem Ort vollkommener ästhetischer Belanglosigkeit. Lange Zeit hielt ich alle historischen Stätten Berlins für zweitklassig, etwa die primitiven mittelalterlichen Kirchen, die sich wie verlorene Inseln mühsam gegen den Verkehrsstrom behaupten, oder die historistischen Ungetüme, mit denen die Stadt flächendeckend zugepflastert ist. Nur das Schloss Charlottenburg nehme ich aus. Sein böhmischer Glanz wirkt entrückt und gehört nicht hierher. Nichts gehört weniger hierher als Glanz.
Auch unseren Häusern ist diese Eigenschaft völlig fremd. Entworfen in einer von sich selbst begeisterten Phase der 1930er Jahre, nachdem alle störenden Elemente – also alles, was als dekadent gebrandmarkt wurde: Juden, Sozialisten, Künstler, Intellektuelle – aus der deutschen Gesellschaft entfernt oder zurückgedrängt worden waren, als die Wirtschaft wuchs und der Krieg noch fern war, als Deutschland der Welt während der Olympischen Spiele vorübergehend ein freundliches Gesicht zeigte, sollten sie einen Kontrapunkt zu der benachbarten modernen Gartenstadt setzen, die vor dem Zugriff des Nationalsozialismus errichtet worden war. In meiner Straße baute man auf deutsche Spitzdächer, nicht auf entartete Flachdächer. Statt durchgehende oder gar gebogene Glasflächen einzusetzen, unterteilte man die Fenster mit ordentlichen Holzkreuzen, um den Lichteinfall auf ein mittelalterliches Maß zu verringern. Symmetrie statt verspielter Variation, und vor allem: keine Farben. Die Nachbarsiedlung ist berühmt für ihr buntes Aussehen und wird darum „Papageiensiedlung“ genannt. Nicht Siena, Ochsenblut und Beige findet man dort, sondern warmes Waldgrün, leuchtendes Lila, betrunkenes Burgunderrot, gehässiges Gelb, schockierendes Schwarz und andere Farbtöne in aufregenden Kontrasten. Seit einigen Jahren zwängen sich gelegentlich Reisebusse durch die engen Straßen, die Grüppchen von Architekturstudenten und Kulturtouristen ausspucken. Diese streifen durch die Siedlung, lauschen Referaten, fertigen Skizzen an und fotografieren alles, bis sie wieder in den Bus steigen und in die Stadtmitte zurückfahren.
Die Gartenstadt, die in den 1920ern auf unbewohntem Gelände hochgezogen worden war, erstreckte sich damals bis an den Waldrand. Einen Teil der Kiefern ließ man stehen, um Natur und Stadt miteinander zu versöhnen. In der Nachbarsiedlung, die in den 1930er Jahre unter veränderten politischen Vorzeichen gebaut und deren Ruf bald gründlich ruiniert wurde, blieben die Bäume ebenfalls stehen, diesmal jedoch als Reverenz daran, wie sich die völkischen Architekten das Leben der Urdeutschen im Wald vorstellten. Sie konzipierten einen Themenpark des Dorflebens, samt Thing-Plätzen, wo sich die neuen Germanen abends versammeln und Gericht über die Feinde ihrer Gesellschaft halten konnten. Die grüne Idylle dieser zweiten Siedlung verströmt noch heute eine einlullende Gemütlichkeit. In ihr erholten sich die Männer, für die sie gebaut worden war, nach ihrer anstrengenden Arbeit. Morgens verließen sie ihr Dorf und traten den weiten Weg in ihr Hauptquartier in der Wilhelmstraße an, um abends zurückzukehren und sich mit Frauen und Kindern zur Ruhe zu betten. Die bescheidene Enge der Häuser überdeckte, welch verantwortungsvolle Aufgabe der Staat diesen Männern zugedacht hatte. Gleichwohl gehörten sie als einfache SS-Leute nicht zum inneren Zirkel der Macht. Dafür gab es zu viele von ihnen, und darum hatten sie sich mit sechzig Quadratmetern pro Familie zu begnügen.
Der Volksmund nannte das Quartier Jahrzehnte lang nur die „SS-Siedlung“, und ich fragte mich oft, wie es wohl war, unter diesem Stigma dort zu wohnen. Den heutigen Bewohnern ist diese Bezeichnung verständlicherweise unangenehm, und so hört man den alten Namen immer seltener, Euphemismen wie „Waldsiedlung“ dafür häufiger. Die neu Zugezogenen kennen den überlieferten Schreckenstitel nicht einmal mehr.
Als meine Straße hinzukam, die weder zur Gartenstadt noch zur SS-Siedlung gehört, sondern einfach dahintergeklemmt wurde, machte sich niemand Gedanken, wer einmal darin wohnen würde: Arbeiter, Angestellte, Nazis oder alles zusammen. Man nutzte schlicht eine Baulücke, die sich aufgetan hatte. Denn gleich hinter der Siedlung der Moderne führte ein befestigter Forstweg in den Grunewald. Am Ende lag eine Sprungschanze, die der Berliner Ski-Verein Pallas in den 1920er Jahren errichtet hatte und die sich trotz schon damals spärlicher Schneefälle großer Beliebtheit erfreute. Beim Wettbewerb des norddeutschen Skiverbandes 1929 jubelten ganze 20.000 Zuschauer den mutigen Springern zu. 1931, nach der Fertigstellung der Vorstadt, wurde die Schanze wegen einer Auflage des Gartenbauamtes geschlossen und in eine Rodelbahn umgewandelt, damit sich die Kinder der Arbeiterfamilien, die sich ringsherum ansiedeln sollten, besser erholten. Heute fallen dem aufmerksamen Besucher an dieser Stelle verwitterte hölzerne Startboxen und steinerne Sitzbänke ins Auge.
Wäre die Schanze noch in Betrieb gewesen, wer weiß, ob die Regierung nicht versucht hätte, die olympischen Winterspiele 1936 auch in Berlin abzuhalten. Da jedoch der Schanzentisch abgebrochen und der Aufsprung mit Sand aufgefüllt worden war, entschied man sich für eine pragmatische Lösung. Im grenzenlosen Pragmatismus lag ja die genuine Leistung der Nationalsozialisten, dank der sie lange Zeit über andere Ideologien triumphierten.
Man baute also lediglich den Forstweg zur Wohnstraße aus und schlug damit zwei Fliegen mit einer Klappe: Wohnraum schaffen und ein konservatives I-Tüpfelchen auf die verhasste Bauhaus-Architektur nebenan setzen. Von der Avus kommend, der berühmten ersten Autobahn, sollten die Häuser im deutschen Stil das Erste sein, was der Kraftfahrer erspähte.
Über hundert identische Reihenhäuser wurden geplant, nichts Besonderes, in schnörkelloser, billiger Bauart. Die einzige Variation bestand darin, dass in der einen Hälfte der Häuser die Treppe links lag, in der anderen rechts. So sparte man Baukosten, indem jeweils zwei spiegelbildliche Treppenhäuser ineinander verankert und aus einem Stück gezimmert wurden. Holz war knapp. Eine Folge dieser Sparmaßnahme ist, dass die Treppe als Schallkörper dient, als akustische Brücke zum Nachbarhaus. Auch nach jahrelanger Übung weiß man nicht gleich, ob jemand im eigenen Haus die Treppe heruntergeht oder beim Nachbarn.
Der Krieg legte die Baupläne auf Eis, und das gleich für zwanzig Jahre. Fast wie bei den großen Kathedralen! Sogar die Gründe waren ähnlich: Geldmangel, Katastrophen, andere Prioritäten. Anfangs, vor dem Armageddon, ging noch alles seinen Gang: Bäume wurden gefällt und Stämme zugesägt, Steine geliefert und Fundamente gemauert. Dann passierte nichts mehr. Zwei Jahrzehnte, in denen sich die Nation vom vermeintlichen Hoch ins Elend stürzte. In den Nächten des Bombenkriegs verschwanden die Pakete mit Baumaterial, die am Waldrand lagerten. Die rohen Grundmauern beherbergten Katzen und Füchse und auch manchen Menschen. Unter ihrem Schutz konnte man die Feuerschweife der Brandbomben am Nachthimmel beobachten, ohne aus dem Haus zu gehen.
In dieser Zeit wahrte die Siedlung einen paradoxen Schwebezustand. Während um sie herum das Chaos zunahm und zu einem infernalischen Crescendo anwuchs, verharrten die begonnenen, aber unfertigen Bauten in absoluter Stille. Vielleicht reiften sie dadurch zu weisen Zeugen heran, die eine brüchige Verbindung herstellten zwischen einer Gegenwart, die sich selbst abschaffte, und einer Zukunft, die sich ungewiss anfühlte. Beide Perspektiven verloren zusehends an Fassbarkeit. Dagegen blieben die Grundmauern dieser Häuser von tröstlicher Festigkeit. Einerseits. Andererseits ließen sie sich auch als Sinnbild des Scheiterns ansehen. Je nach Mentalität und Verfassung.
Nach dem Krieg benötigte man erst recht Wohnraum für Ausgebombte und Flüchtlinge. „Berliner Aufbauprogramm“ steht auf den Plaketten, die an zahllosen Häusern der 1950er Jahre prangen. Die Baugenossenschaft erinnerte sich der alten Pläne und holte sie aus der Schublade. Sie verzichtete auf einen neuen Entwurf und setzte das Bewährte um. Sich ästhetisch von den Nazis abzugrenzen hätte man als sinnlosen Luxus empfunden. Im Gegenteil, wollten die Menschen doch am liebsten unter vertrauten Umständen weiterleben. Lediglich die verordneten Repräsentationsbauten der Demokratie, meist von den Amerikanern bezahlt, landeten wie fremde Raumschiffe in der Stadt und brachten allmählich die Moderne zurück. An den alltäglichen Lebensformen sollte sich nach Möglichkeit nichts ändern.
Unter der Oberfläche der Kontinuität spielte sich jedoch etwas anderes ab. Die junge Bundesrepublik vampirisierte die Vorkriegszeit. Ihr schnell wachsender Reichtum floss aus den unterschiedlichsten, per Handstreich als gleichwertig erklärten Quellen zusammen. Ohne dass es den Menschen bewusst war, verschlang die gigantische Aufgabe des Aufbaus alles, was ganze Generationen vorher an Ideen, Besitz und Infrastruktur zusammengetragen hatten. Und dieser Überfluss speiste sich nicht nur aus dem Lebenssaft der Entrechteten, die man bis zum Letzten ausgepresst hatte, sondern ebenso aus den vorübergehenden Nutznießern und den gewollten und ungewollten Opfern des Reichs, im eigenen Land wie in den überfallenen Gebieten.
Die Not war der große Gleichmacher, der nicht darauf sah, woher die Dinge kamen, eine Maschine, die das, was wieder und immer noch zur Verfügung stand – Wissen, Materie, Energie – erfasste, verarbeitete und als Ware ausspuckte. Was einem zufiel, wurde auch benutzt. Vieles wurde von dieser Maschine neu verteilt, selbst wenn es einigen gelang, ungeschoren davon zu kommen und ihren Reichtum ungestört zu vermehren.
Diese fielen der Menge erst später auf, als die Arbeit getan war; denn solange die Menschen arbeiten, denken sie nicht an das, was sie benutzen und wovon sie benutzt werden. Die Arbeit, von der die Wenigen genug hatten, füllte die Lücke, welche die Vernichtung geschlagen hatte, ja sie deckte sie zu. Die Arbeit war ein Krake, der alles strangulierte, was es an Schönheit, Lust und Schrecken gegeben hatte. Er machte die Menschen fühllos, und das war ihr einziges Glück. Wunder, Wirtschaftswunder nannte man das später, als hätte niemand daran geglaubt, dass es funktionieren könnte.
Nach dem Prinzip der Verteilung überkommener Ressourcen waren auch die Architekten der Reihenhaussiedlung längst entlohnt worden und wahrscheinlich nicht einmal mehr am Leben. An sie brauchte man nicht zu denken. Hier konnte man etwas einsparen, und Sparen war das Mantra jener Zeit. Billig waren aber nicht nur die Grundrisse, billig war auch die Bauweise. Von den wertvollen Vorkriegsziegeln war kaum etwas übrig. Darum wurden Trümmer und Brocken von Bunkerbeton herangekarrt und verbaut. Was man nicht verwenden konnte, weil es zu kleinteilig war, bröseliger Schutt aus zerbombten Ruinen, wurde in die Vorgärten gekippt und dort verbuddelt. Die Mischung aus Mörtel, Steinsplittern und Sand verwandelte die Brachen endgültig in eine unfruchtbare Wüste, in der kaum etwas gedieh. Noch heute siebe ich bei jedem Umgraben Geröll aus.
Nur die tragenden Außenmauern der Häuser sind massiv. Die inneren Zwischenwände bestehen aus einem schäbigen Vorläufer von Rigips, sogenannten Sauerkohlplatten, deren staubige Masse an Pappmaché erinnert. Statt Tapeten halten alte Zeitungen den Putz an den Wänden fest. Bei den kleinsten Eingriffen in die Substanz – sei es, dass man einen Nagel einschlägt, sei es, dass man es zu gut mit dem Auskratzen der Badfugen meint – rieselt überall Sand heraus.
Sand, der Grundstoff unserer Existenz. Feuer und Tod haben sich vorerst zurückgezogen, Gott sei Dank. Aber der Sand bleibt.
1956, das Haus war noch nicht ganz fertig, besichtigte ein junger Mann aus der Nachbarschaft, nennen wir ihn Kurt, zum ersten Mal den Rohbau. Nur wenige Häuser in der Straße waren schon verkauft. Es gab nicht viele, die sich so kurz nach dem Krieg ein eigenes Haus leisten konnten, wenn sie nicht das Glück gehabt hatten, das ihre über die Zeit zu retten. Trotzdem war die Liste der Anwärter lang, und er hatte es nur dank seines Kontakts zum Wohnungsamt geschafft, relativ früh den Zuschlag zu erhalten. In der Hausreihe, für die er sich interessierte, waren erst zwei Häuser vergeben: das allererste, das günstig an der Straße lag und eine eigene Garage vorweisen konnte, und das vorletzte, dem Wald und der Stille möglichst nah. Die Reihe, die er sich ausgesucht hatte, verband beide Vorzüge miteinander: Sie lag zentral in der Mitte der Straße, aber sie war dem Wald zugewandt und weit genug von dem Großparkplatz entfernt, den die Baugenossenschaft in völliger Überschätzung der Parkraumnot angelegt hatte.
Das letzte Haus war noch frei, aber es war teurer als die übrigen; es kostete 25.000 statt 20.000 D-Mark. Der junge Mann besaß weder 20.000 noch 25.000 D-Mark. Er hatte mit seiner Bank gesprochen, und sie hatte ihm ein Lastenausgleichsdarlehen und Hypotheken in Höhe von 20.000 zugesagt. Selbst musste er nur die Notarkosten und den Grundbucheintrag übernehmen. Die fehlenden 5.000 waren nicht gedeckt, aber vielleicht würde er die Bank über zeugen können, etwas draufzulegen. Im Grunde war es egal, ob er 20.000 oder 25.000 plus Zinsen zurückzahlte. Schließlich hatte er eine gute Anstellung in der Wirtschaftsverwaltung des Magistrats von Berlin, als Regierungsinspektor im Preisamt, wo seine Aufgabe hauptsächlich darin bestand, Bußgelder zu vollstrecken.
Und dennoch, für ihn spielte die Höhe der Anleihe durchaus eine Rolle. Schulden erpressten einen, versperrten den Fluchtweg. Außerdem gehörte es sich nicht, Geld zu borgen; das hatte ihm seine Mutter beigebracht. Darum würde er schweren Herzens auf das Endhaus verzichten und damit auch auf den größeren Garten und die Lage am Waldrand, obwohl ihn gerade letztere unwiderstehlich anzog. Von dort konnte man jederzeit ungesehen im Schutz der Bäume entkommen.
Das vorletzte Haus hatte ihm leider schon jemand weggeschnappt. Ein Angestellter der amerikanischen Besatzungsmacht war ihm, was wenig verwunderlich war, zuvorgekommen. Er selbst arbeitete ja nur für den Senat. Die alliierten Behörden standen außerhalb geltender Rechte, auch wenn sie selten Gebrauch davon machten. Dieses Prinzip hätte er selbst niemals angezweifelt; schließlich verdankte er der Willkür der Besatzer seinen Arbeitsplatz. Von Deutschen hätte er ihn niemals bekommen. Er war einfach in das Büro des sowjetischen Stadtkommandanten gelatscht und hatte gesagt: „Genosse Kotikow, Ihre Partei sagt, dass die Arbeiterklasse die Macht übernehmen soll. Dafür braucht die Arbeiterklasse aber eine solide Ausbildung. Die Faschisten haben mich gezwungen, mit vierzehn die Schule zu verlassen. Darum bin ich sozu sagen ein Arbeiter. Ohne Schulabschluss kann ich in dieser Stadt nichts werden. Geben Sie mir einen Ausbildungsplatz, und ich werde die Macht in der Berliner Verwaltung erobern, zumindest ein kleines Stückchen davon.“ Der Genosse hatte gegrinst und genickt, und Kurt besuchte von da an die Verwaltungsakademie, wo er zum ersten Mal etwas von Recht und Gesetz hörte, nachdem ihm beides so lange sträflich vorenthalten worden war. Bis zum Nachmittag drückte er seine Stunden im Amt ab, und abends tauchte er in römisches Recht und die Welt von Radbruch und Kant ein. Sein Kopf rauchte zu gleichen Teilen vor Anstrengung und Begeisterung.
Seinem zukünftigen Nachbarn war Kurt schon einmal begegnet, einem hochgewachsenen, beängstigend klapprigen und ein wenig finster aussehenden Mann mit pechschwarzem Haar, dem er kaum ein Wort entlockte. Er war nicht nur dünn – dünn waren damals alle –, sondern geradezu skeletthaft. Nicht nur war er in Stalingrad gewesen, sondern nach jahrelanger russischer Kriegsgefangenschaft geflohen und zu Fuß nach Berlin gelaufen. In den ersten Monaten weigerte er sich zu sprechen. Sein Medizinstudium gab er auf und wurde stattdessen Fahrer für die amerikanischen Besatzungskräfte. Wahrscheinlich bezog er aus ähnlichen Gründen wie Kurt ein Haus möglichst nah am Waldrand. Beide verspürten den gleichen Impuls, sich bei Bedarf rasch abzusetzen.
Dieses Haus war also schon vergeben, darum nahm Kurt mit dem drittletzten vorlieb. Er hatte ausgerechnet, dass es ungefähr zwanzig Jahre dauern würde, bis es ihm gehörte und nicht mehr der Bank. Zwanzig Jahre. In seinem Alter war das eine kaum zu ermessende Zeitspanne. Er war gerade einunddreißig geworden. Dennoch, hätte ihm ein paar Jahre zuvor jemand gesagt, er würde mit Anfang dreißig Hausbesitzer werden, er hätte denjenigen einen Zyniker genannt.
Das Haus, in dem er mit seiner Frau zur Miete wohnte, lag nur zweihundert Meter Luftlinie entfernt. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, morgens den längeren Weg zur U-Bahn zu wählen, um die Fortschritte der Bauarbeiten zu verfolgen. Normalerweise musste er vor der Haustür rechts abbiegen, dann wieder rechts und einmal links, um zum Bahnhof zu gelangen. Man lief nicht länger als fünf Minuten. Ging er stattdessen dreimal links, brauchte er doppelt so lang, kam aber an der Großbaustelle vorbei, die sich vom Wald aus in Richtung U-Bahn erstreckte.
Zunächst hatte man die Lücke zur bestehenden Siedlung geschlossen, in der er selbst wohnte, und darauf verzichtet, den neuen Straßenzug von der Hauptstraße aus möglichst schnell zugänglich zu machen. Dementsprechend begann die Zählung der neuen Häuser am hinteren Ende der Straße. Hier hatten sich die Planer etwas Merkwürdiges ausgedacht: Während auf der linken Straßenseite die ungeraden Hausnummern in normaler Abfolge kamen und mit der Eins begannen, wie es sich gehörte, gab es auf der rechten Seite kaum erklärliche Sprünge. Die erste Häuserzeile hatte die Nummer 20 und nicht die Zwei. Von der 20 aus gesehen lagen zwischen den geraden Hausnummern immer zwölf Zahlen Unterschied. Auf die 20 folgte die 32, auf die 32 die 44, auf die 44, die 56, auf die 56 die 68, auf die 68 die 80.
Dann kam der Parkplatz, und hinter dem Parkplatz ging es wieder anders weiter. Der Parkplatz war der Dreh- und Angelpunkt der Straße – wohl kein Zufall in jener vom Auto besessenen Epoche –, und vom Parkplatz aus hatte man offenbar rückwärts gerechnet. Aber warum von 80 bis 20 rückwärts und nicht von bis 62 bis zwei? Und warum in Zwölferschritten? Weil die Zwölf die heilige Zahl der Germanen war? Ging etwa die Nummerierung der Häuser auf nationalsozialistische Mythen zurück und war schlichtweg aus den alten Plänen abgeschrieben worden?
Numerologie war Kurt so fremd wie die Analyse der jüngsten Vergangenheit, und jedes Mal, wenn er hier entlangging, grübelte er darüber nach, welches logische System hinter der ungewöhnlichen Zahlenfolge steckte. Eine der möglichen Erklärungen hatte er schnell heraus: Jede Reihe war zehn Häuser lang, umfasste also zehn Hausnummern. Die beiden „leeren“ Nummern, die zur Zwölf fehlten, kennzeichneten den Abstand zwischen den Reihen. Aber auch auf der linken Seite befanden sich freie Räume zwischen den Reihen, und trotzdem wurde keine Zahl übersprungen. Und was er ebenfalls nicht erklären konnte, als seine Frau ihn danach fragte: warum die Häuser auf der geraden Seite, wo die Reihen rechtwinklig zur Straße standen, nicht einfach durchnummeriert waren wie die Häuser auf der ungeraden, welche parallel zur Straße aufgereiht waren, sondern stattdessen jeweils mit derselben Zahl plus einem Buchstaben markiert waren.
Der junge Mann namens Kurt stellte keine spekulativen Fragen. Es blieb kommenden Generationen überlassen, auf ihre Art darüber nachzusinnen, wo die fehlenden Hausnummern geblieben waren. In den 1970ern fragte man sich vielleicht, ob sie auf eine andere kosmische Dimension verwiesen, ob die fehlenden Hausnummern möglicherweise da seien, nur unseren Augen entzogen. In den 1990ern würde man die lückenhafte Zählung als Symbol für das Abwesende verstehen, als besonders weisen und bescheidenen Ratschluss der Erbauer.
In den 1950er Jahren, in denen der junge Mann lebte, konnte sie nur eines bedeuten: Es gab eine logische Erklärung dafür, und für Kurt lag eine niederdrückende, aber vertraute Erfahrung darin, dass er sie nicht entschlüsseln konnte.
An diesem Tag war Kurt eigens eine Stunde früher aufgebrochen, um das Haus in Augenschein zu nehmen, das er sich ausgesucht hatte. Seine Frau Erika hatte ihn nicht begleiten können, weil sie ihren Sohn vom Bahnhof abholte. Möglicherweise hatte sich Kurt gerade heute Zeit für die Besichtigung genommen, weil er nicht da sein wollte, wenn sie den Jungen nach Hause brachte.
Vor der Haustür wandte er sich nach kurzem, automatisiertem Zögern nach links, lief rasch die lange Reihe gelb-grüner Fassaden ab, noch im Stil der Gartenstadt, bis das Kopfsteinpflaster jäh endete und in frischen, duftenden Asphalt überging. Hier war die Demarkationslinie zwischen Alt und Neu. Er bog links ein, denn geradeaus wäre er im Wald gelandet. Ein perfekter Frühsommertag, blauer Himmel, nicht zu warm, ein laues Lüftchen wehte. Bei solchem Wetter dachte er an Tage in den Dünen am Ostseestrand.
Kurts Gang war kraftvoll, aber frei von Anstrengung, wie es sich für einen passionierten Rennfahrer und Tennisspieler gehörte. Im Gehen lockerte er mit zwei Fingern seine senfgelbe Strickkrawatte. Als er die Mitte der neuen Straße erreicht hatte, wechselte er die Straßenseite, schnippte seine Reval ohne Filter in den Rinnstein und wich einem Betonmischer aus, der die Auffahrt blockierte. Der Weg führte ein wenig bergan. Am Ende der Reihe sah er zwei Bauarbeiter stehen, die sich an die Hauswand lehnten und rauchten. Der eine, im Blaumann und mit grau bemehlter Schiebermütze auf dem Kopf, war der Polier, den er schon einmal auf der Straße angesprochen hatte. Den anderen kannte er nicht.
„Ach, der Herr H.!“, rief ihm der Polier herzlich entgegen. „Gerade richtig, wie immer. Wir ziehen die Wände im ersten Stock hoch. Können Sie uns dann gleich sagen, wie Sie es haben wollen. Kommen Sie ‘rin.“ Wie nahezu jeder zweite Berliner sprach er mit dem rollenden R der Vertriebenen, das Kurt aus seiner Heimat kannte. Der Polier und sein Stift drückten die Zigaretten auf dem bleiernen Fensterbrett aus und gingen ihm voraus in das Haus hinein. In sein Haus hinein. Ihm war feierlich zumute und auch ein wenig bang.
Er kannte das Haus bisher nur von außen. Zwar hatte er schon viele Fotos gemacht – von dem rasch hochgezogenen und daher schartigen und unebenen Mauerwerk, von den weithin leuchtenden, frischen Holzbalken des offenen Dachstuhls, von den hoch aufgeschütteten Sand hügelnund dem Baugerüst aus ungeschlachten Kiefernstämmen, aber noch keinen einzigen Schritt hineingetan.
Dieser Moment, der Moment, in dem er sein Haus das erste Mal betrat, konnte es auch entzaubern. Natürlich wusste er, dass er keine Villa gekauft hatte. Er kannte ja die älteren, bunten Reihenhäuser in der Nachbarschaft. In zweien davon hatte er schon gewohnt. Der Grundriss der neuen Häuser versprach die gleiche rationale Durchdachtheit und Zweckmäßigkeit, die ihm so gefiel. Er schätzte es, sich zu beschränken, hatte es sein Leben lang getan. Zu viel Angebot wäre ihm nicht bekommen.
Und doch steckten in diesen Räumen unerschöpfliche Möglichkeiten. So viel Platz hatte er noch nie für sich allein gehabt. Wenn er an die engen, dunklen Wohnungen seiner Kindheit dachte, die sie sich zu sechst geteilt hatten … Nach jedem Umzug hatten sich Luft und Raum zum Atmen verringert, als ob es sich dabei um erschöpfliche Ressourcen handelte. Als Kind hatte er nicht durchschaut, dass der dramatisch abnehmende Status seiner Familie immer ärmlichere Mietverhältnisse nach sich zog.
Doch hier konnte man atmen, leben, sogar feiern! Hier war überall Licht. Die Räume schienen stets weit offen zu sein, selbst wenn die Türen geschlossen waren.
Durch den quadratischen Windfang betraten sie den schmalen Flur. Er war fensterlos, würde aber genug Licht von außen bekommen, da sowohl die Haustür als auch die Windfangtür verglast waren. Rechts lag die Küche, links die geschwungene Treppe. Sein Großvater, ein begabter Heimwerker und Imker, hatte sich immer gewünscht, so seine Treppe zu bauen, doch die Gartenhäuser und Katen ihrer Verwandtschaft waren alle einstöckig gewesen, und er fand keinen geeigneten Ort für das Meisterstück seines Mannseins.
Die gesamte Wandfläche unter der Treppe war mit weiß lackiertem Holz verschalt. Dort ging es in den Keller hinunter. Der Türsturz war hier niedriger als über den anderen Türen. Er würde sich ein wenig bücken müssen, um hinunterzugehen. Zwar hatte er seinen älteren Bruder nie eingeholt, war aber doch von ansehnlicher Größe, wie er selbst fand. Groß und kräftig und immer noch sehr dünn, obwohl der Krieg schon seit über zehn Jahren vorbei war.
In der Küche war der Estrich nackt, wie er durch den Türrahmen sehen konnte. Die Tür stand schon bereit, war aber nicht eingehängt. Im Flur und auf den Treppenstufen lag schon rostrotes Linoleum. Der entscheidende Augenblick kam, als sie das Wohnzimmer betraten. Geblendet blieb er stehen. Wie eine Woge traf ihn das einströmende Sonnenlicht von der Glasfront aus, die der Tür gegenüberlag. Fast die ganze gegenüberliegende Wand war zum Garten hin aufgebrochen, sodass Drinnen und Draußen auf einer gläsernen Leinwand ineinanderflossen. Wie im Kino, dachte er. Vom Garten selbst konnte er im Gegenlicht nichts erkennen, aber die strahlende Helligkeit dieses Raums, in dem sich sein Leben abspielen sollte, erfüllte ihn mit solchem Glücksgefühl, dass er beinahe die Neugier auf die anderen Räume seines Besitzes verlor. Eigentlich hätte er die Besichtigung hier abbrechen können.
Aber die Gelegenheit war günstig, der Polier erwartete Antworten auf seine wichtigen Fragen, und er hatte jede Menge Zeit, bis er im Büro sein musste. Darum sagte er zu dem Mann, der wartend neben ihm stand, während sich der Gehilfe längst daran gemacht hatte, die Küchenwand glatt zu putzen: „Sie wollten mir die Wände im Obergeschoss zeigen?“
„Ja, aber bevor wir nach oben gehen, habe ich hier unten ein paar Fragen. Erstens, sehen Sie das Rohr da?“ Er zeigte über die Schulter.
Kurt drehte sich um. Neben der Tür war ein großes Loch in der Wand, aus dem ein Ofenrohr ragte. „Ja, natürlich, das ist der Kamin, und?“
„Wenn Sie ein bisschen früher gekommen wären, hätten Sie uns sagen können, wie viele Züge der kriegen soll. Will sagen, ob Sie ‘ne Zentralheizung oder ‘n Brenner in jedem Zimmer brauchen, so alles drinne, wissen Sie.“
„Kann man denn am Standort des Ofens noch was ändern?“, fragte Kurt zögernd.
„Nee, das nicht, aber wir können das Loch da wieder verkleinern und ‘n gusseisernen Heizkörper anhängen, wenn Sie die Brandstätte lieber im Keller haben wollen. Das Gleiche können wir oben machen. Aber das müssen Sie uns jetzt sagen, solange wir an die Züge rankommen.“
Kurt überlegte. So eine folgenschwere Entscheidung Am liebsten hätte er sich Bedenkzeit ausgebeten. Aber der Polier wollte seine Antwort sofort hören, das war klar. Zeit ist Geld, dachte Kurt, heute mehr denn je.
„Was würde eine Zentralheizung kosten?“
Der Polier winkte ab. „Das brauchen Sie mich nicht fragen. Darüber müssen Sie mit den Bauleiter reden. Ich mach hier nur meine Arbeit.“
„Hm. Und wie soll ich dann entscheiden? Wo ist denn der Bauleiter?“
„Der ist auf ‘ner andern Baustelle in Schmargendorf. Aber Mittag …“ – er sagte „Middaach“, was Kurt sofort an Mutter denken ließ: „Jungee, komm ruff, et jiebt Middaach!“ –, „wollte er vorbeikommen. Haben Sie so lange Zeit?“
„Nein. Ich muss zur Arbeit. Gut, ich verspreche Ihnen, dass ich bis morgen Bescheid sage, und bitte Sie, das Loch so lange offen zu lassen, einverstanden?“
Der Polier zuckte unzufrieden mit den Schultern.
„Und was ist mit den Wänden?“, fragte Kurt.
„Warten Sie mal, hier unten ist noch was. Kommen Sie mal mit.“
Ohne ihn anzusehen, schlurfte der Polier zurück in den Windfang. Die schmale Tür auf der rechten Seite war ihm beim Hereinkommen gar nicht aufgefallen.
„Wissen Sie, da kommt ja ‘n Klo ‘rin.“
Eine zusätzliche Toilette. Für zwei Personen. Was für ein Luxus. Kurt jauchzte innerlich, ohne zugleich einen Anflug von Schuld abweisen zu können. Was hatte er getan, um so etwas zu verdienen?
„Ja, das habe ich auf den Plänen gesehen. Was ist Ihre Frage?“
„Hier haben wir den Boden schon fertig. Soll der in der Küche auch so werden?“
Kurt blickte nach unten. Der Fußboden war grau-weiß gesprenkelt und uneben, wie harte Butter auf frischem Graubrot.
„Wird das Terrazzo?“
„Genau. Hier im Eingang und im Klo ist das inklusive. Viele wollen ’s auch in die Küche. Das kostet aber was.“
„Dann lassen Sie es weg.“ Er konnte kurzentschlossen sein.
Der Polier sah ihn zweifelnd an. „Das ist aber praktisch da, wo es Nässe gibt. Wollen Sie es oben im Bad auch nicht haben?“
„Doch, im Bad schon, aber in der Küche nicht. Da dusche ich ja nicht.“ Er lächelte den Mann entwaffnend an. „Können wir jetzt nach oben gehen?“
„Nu klar. Geht doch mit uns.“ Der Polier lächelte zurück, ein bisschen müde, aber nicht unfreundlich. Ein sympathischer Mann, dachte Kurt.
Auf dem Weg nach oben strich er mit den Fingern über die in der Biegung glatt verfugten Zapfen des Handlaufs. Es war fast schade, dass das Geländer weiß lackiert würde wie die Schalwände. Dann würde man die feine Holzarbeit nicht mehr sehen.
Im oberen Stockwerk standen überhaupt keine Wände. Die Installationsarbeiten im Bad waren beendet, aber sonst blieb noch viel zu tun. Doch Kurt hatte keine Eile. Seine Wohnung in der Nebenstraße war zwar gekündigt, doch konnte er jederzeit wieder bei Onkel Willi unterkommen. Nur seine Frau konnte er dorthin nicht mitbringen, dafür war es zu eng bei den Verwandten in Lankwitz. Aber Erika war schon immer unabhängig gewesen. Sie hatte ihn von der Straße gelesen, nicht umgekehrt.
Allerdings, jetzt wo der Junge da war, waren ihre Möglichkeiten natürlich eingeschränkt.
Der Polier führte ihn in das Zimmer zur Linken, das über dem Wohnzimmer lag. Dort sah er ihn wieder fragend an, während Kurt sich um die eigene Achse drehte, um den Gesamteindruck aufzunehmen. Das Licht und der Ausblick waren noch schöner als im Wohnzimmer. Unten hatte es ihn förmlich in den Garten hineingesogen, hier oben schwebte man über dem Panorama wie auf einer luftigen Wolke. So ähnlich musste es sein zu fliegen. Natürlich war es auch dank der fehlenden Wände heller als im Erdgeschoss, fiel doch das Tageslicht von beiden Seiten herein. So etwas hatte er noch nicht gesehen. In den Häusern, die er kannte, gingen Fenster immer nur zu einer Seite hinaus.
Je nach Tageszeit hatte er in der Danziger Wohnung entweder am Fenster in dem großen Märchenbuch gelesen oder im trüben Dämmer gehockt und sich mit anderem beschäftigt. Seine Mutter war mit ihrer Stickerei in der Hand den Himmelsrichtungen hinterhergewandert, zumindest solange sie noch Zimmer hatten, die nach Osten oder Westen hinausgingen.
Diesen Raum wollte er für sich. Er würde ihn nicht so leer lassen, wie er war, aber zumindest konnte er ihn zum schönsten und größten Zimmer des Hauses machen. Das große Fenster, vor dem er stand, reichte beinahe bis zum Boden, weshalb man davor zur Sicherheit ein schmiedeeisernes Gitter in steiler Wellenform angebracht hatte. Dieses Gitter war, soweit er gesehen hatte, der einzige Zierrat an dem so nüchternen und klaren Gebäude. Es kam ihm vor wie die kleine Besonderheit, das Extra, das er sich zu gönnen bereit war. In diesem Zimmer wollte er wohnen. Dass das Fenster nach Westen zeigte, war ihm nur recht, denn aus ihm würde nie ein Frühaufsteher werden. Vielleicht konnte man das vordere Ostzimmer zum Arbeiten benutzen. Aber der Junge, fiel ihm ein, musste ja auch irgendwohin. Schließlich war er nicht mehr klein und konnte nicht bei der Mutter schlafen. Er brauchte ein eigenes Zimmer.
„Wie sind denn die Räume ganz oben?“, fragte er den geduldigen Polier.
„Oben wird nicht viel gemacht. Das eine Zimmer ist ein Trockenboden, da sehen Sie ja nischt. Das andere, na ja, weiß nicht, vielleicht für Kinder oder so? Ist schon klein. Aber Sie wollten doch die Wände …“
„Ach ja, die Wände. Da habe ich klare Vorstellungen. Dieses Zimmer ist das beste, darum soll es möglichst groß werden. Ich würde die Wand zum Nachbarzimmer ein ganzes Stück weiter zurücksetzen, also hinter die Türlinie. Gerade so, dass man ein Bett in die Nische stellen kann. Oder zwei Betten. Dann behält das Zimmer seine Form und wird nicht mit einem riesigen Möbel zugestellt. Den Kleiderschrank kann man ja einbauen, vielleicht an der Türwand. Dann stört er nicht die Linie. Oder was meinen Sie?“
Den Polier überforderte diese Frage keineswegs, aber es verunsicherte ihn, dass er nach seiner Meinung gefragt wurde.
„Na ja, das andere Zimmer wird dann mehr so ein begehbarer Schrank, wenn Sie davon noch was wegnehmen. Wollen Sie mal hier drüben?“ Er führte Kurt auf die andere Fensterseite.
„Kucken Sie mal, ein Doppelbett ist, sag ich mal, eins sechzich breit. Wenn Sie das komplett in die Nische versenken wollen, muss die Wand hier verlaufen.“ Er stellte sich in Höhe der Treppe auf, die ins Dachgeschoss führte. „Dann ist nicht mehr viel übrig von das Zimmer.“
„Wer redet von einem Doppelbett?“, entgegnete Kurt unwillig. „Ich sagte doch zwei Betten. Das geht schon. Die kann man über Eck stellen, das ist sowieso besser. Dann ist die Nische eben nur achtzig Zentimeter tief. Sind Sie damit zufrieden?“
„Zufrieden, ich? Ja, wieso nicht. Sie müssen doch damit zufrieden sein.“ Der Polier schien die Besprechung zu Ende bringen zu wollen. „Aber gut, nu ist alles klar, denke ich. Wenn Sie wollen, können Sie nach oben. Wir müssen jetzt mal weitermalochen.“ Er schickte sich an, wieder hinunter zu steigen. Kurt blieb einen Moment stehen. Vor dem kleineren Fenster stand im gegenüber liegenden Garten eine große Lärche, deren Zweige fast bis an die Dachrinne des Hauses reichten. Es würde Arbeit machen, die Rinne von den Nadeln zu reinigen.
Arbeit. Zum Glück gab es Arbeit. Nichts schreckte ihn weniger als Arbeit.
Er nahm die Brille ab. Die zartgrünen Zweige der Lärche, die er vor sich gesehen hatte, verschwammen in seiner Vorstellung zu einem Teppich aus Algen, der auf dem Bodden schwamm. Er war wieder zehn Jahre alt. Das Wasser reichte ihm bis über die Knie. Seine Zehen spielten mit dem Schlick, der zwischen ihnen hervorquoll, und seine Füße kippten dabei von einer Seite zu anderen. Er versuchte, sich möglichst weit zu verbiegen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, wie ein Schlangenmensch. Seine Lederhose durfte auf keinen Fall nass werden. Sie würde niemals rechtzeitig trocknen, bevor er nach Hause musste. Das Sonnenlicht glitzerte auf dem grünen Überzug, der den Bodden von der offenen See unterschied. Ein paar Enten schwammen um ihn herum und zogen dunkle Schneisen hinter sich her, die sich bald wieder schlossen. Er ließ die Hände ins Wasser fallen und erwischte ein paar Algen. Sie fühlten sich an wie Mutters Spinat, den er nicht mochte, glibschig, faserig, kalt. Er formte ein kleines Paket daraus, hob es hoch in die Luft und versuchte, es mit der Kraft seiner Finger zu Mus zu zerquetschen. Es ging nicht. Enttäuscht warf er das Päckchen nach einer der Enten. Laut schnatternd flog sie auf, und im Flug verlor sie einen langen Spritzer, der die Algen auf dem Wasser weiß sprenkelte. Das sah aus wie Egons Spucke, wenn er ein Stück Kreide gegessen hatte. Kurt lachte, und als er lachte, verlor er das Gleichgewicht und rutschte aus. Schiete. Die Hose. Es würde zwei Tage dauern, bis sie wieder trocken wäre.
Vater würde ihm ein Paar knallen, wenn er heimkäme. Was war er auch jeden Tag zu Hause und passte auf wie ein Schießhund! Andere Väter waren tagsüber auf Arbeit, aber Vaters Beruf bestand offenbar darin, über alles, was in seinem Heim geschah, Protokoll zu führen.
Der junge Mann Kurt, nicht der Zehnjährige, setzte seine Brille wieder auf. Was machte er hier? Musste er nicht ins Büro? Er sah auf die Uhr. Die hatte er sich von seinem ersten Beamtengehalt gekauft, eine Junghans. Tatsächlich, es war schon halb acht. Er würde zu spät kommen. Eilig hastete er die Treppe hinunter, winkte dem jungen Arbeiter, der vor der Tür das Material für die Wände zurechtschnitt, einen Gruß zu und rannte zur U-Bahn. Der Polier war nirgendwo zu sehen.
Um Viertel nach acht betrat er sein Büro in der Martin-Luther-Straße und sah seine Sekretärin entschuldigend an. Sie wedelte aufgeregt mit den Armen. „Herr Theuner ist schon in der Sitzung. Sie sollen gleich dazukommen. Hier ist der Bericht.“
Er nahm den Bogen entgegen und las auf dem Deckblatt: „Bericht und Statistik über den Straßenverkehr und über Maßnahmen zur Hebung der Verkehrssicherheit in Berlin (West)“. Dann zog er vor dem Garderobenspiegel seine Sommerkrawatte fest und öffnete leise die Tür zum Dienstzimmer des Senators. In Gedanken bei dem Haus und dem neuen Zeitalter, wie er den nun beginnenden Abschnitt seines Lebens getauft hatte.
Kurts Frau Erika stand am Zoo auf dem Bahnsteig und wartete auf den verspäteten Zug aus Lübeck. Der Bahnverkehr aus der Bundesrepublik nach West-Berlin war unregelmäßig. Für eine Strecke von dreihundert Kilometern musste man sechs bis zwölf Stunden rechnen. Die Züge wurden unterwegs immer wieder angehalten oder auf toten Gleisen abgestellt, wo blinde Passagiere einstiegen oder wiederum aus dem Zug geworfen wurden.
Es war Erika gar nicht recht, dass ihr achtjähriger Sohn Richard allein und dazu über Nacht mit dem Zug fuhr. Sie hatte ihre Schwester mehrfach gebeten, ihn zu begleiten, aber die meisten Menschen, die in der Westzone lebten, schreckten vor der Fahrt durch die DDR zurück wie vor einem bösen Traum. Manche nahmen grundsätzlich das Flugzeug, damit sie nicht aus den Zügen geholt werden konnten.
In den zehn Jahren, die Erika in West-Berlin lebte, hatte sie kaum Besuch von Verwandten bekommen. Gewöhnlich war sie es, die die beschwerliche Reise auf sich nahm, da sie sich vorgenommen hatte, ihr Kind wenigstens zweimal im Jahr zu sehen. Dennoch lag ihr letzter Familienbesuch fast elf Monate zurück, weil Kurt sich weigerte, Weihnachten bei Erikas Schwester in Lübeck zu feiern. Die beiden waren sich von Anfang an nicht grün gewesen. Rosemarie hatte es ihm übel genommen, dass er sich Richards Umzug nach Berlin widersetzte, und er war der Meinung, dass sie sich aufführte, als wäre sie Erikas Mutter, nicht Schwester, obwohl sie nur vier Jahre älter war.
„Ich lasse mich gern ein wenig bemuttern“, hatte sie zu Kurt gesagt, obwohl es gar nicht stimmte. „Wir haben doch alle in diesen Zeiten nur so wenig Familie, da muss man dankbar sein, wenn sich jemand um einen kümmert. Ich verstehe nicht, warum du deine Mutter nie besuchst. Wenigstens hast du eine.“
„Ich habe keine Mutter, das muss ein Irrtum sein“, hatte er gebrummt und sich hinter der Zeitung versteckt.
Die Entscheidung, dass Richard bei ihrer kinderlosen Schwester leben sollte, hatte sie getroffen, bevor sie Kurt kennen lernte. Richard war während der Blockade zur Welt gekommen, und niemand konnte sich vorstellen, dass es für ein Kind sicher sei, unter solchen Bedingungen aufzuwachsen. Diese Begründung lag so auf der Hand, dass sie jedem sofort einleuchtete. Erika wollte nicht, dass die Menschen als Erstes auf die Idee kämen, sie würde ihr uneheliches Kind verstecken – auch wenn es so war. Ein Doppelleben war nichts für sie.
Nur zwang die Weltpolitik heutzutage allen ein Doppelleben auf, nicht nur den Berlinern. Kein Mensch wusste, wie lange es dieses merkwürdige Gebilde West-Berlin geben würde. Selbst jetzt, zehn Jahre nach dem Krieg, hatte sich die Lage kaum entspannt. Und dennoch hatte sie Rosemarie gebeten, Richard herzuschicken, erst einmal für den Sommer, vielleicht für länger. Sie wollte sehen, wie sie zu dritt miteinander zurechtkämen. Als Familie.
Um halb zehn fuhr endlich der Zug ein. Erika drängte sich durch die Schar der Wartenden und spähte suchend den schmalen Bahnsteig entlang. Ihr Herz klopfte. Da war er. Ein schmächtiger, nicht besonders großer Junge mit blonden Locken. Mit Erikas eigenen Locken, matt und sanft wie Ostseesand. Er schien überhaupt nicht gewachsen zu sein. Vielleicht bekam er nicht genug zu essen. Sein Vater war hochgewachsen und stattlich gewesen, soweit sie sich erinnerte. Aber manche Kinder kamen spät ins Wachstum, vor allem Jungen. Außerdem war sie selbst nicht gerade groß. Sportlich, aber nicht groß.
Sie lief auf das verloren dastehende Kind zu und nahm es in die Arme. Der Junge riss erschrocken die Augen auf, und sie konnte sehen, dass er völlig übermüdet war. „Mutti?“, fragte er mit unsicherer Stimme.
„Ja, mein Junge, liebster Richard, ich freue mich so, dass du hier bist. Du wirst es schön haben. Endlich können wir zusammen reiten. Das habe ich dir schon so lange versprochen. Ganz in der Nähe bei uns gibt es ein Gestüt, da helfe ich manchmal aus. Ich habe schon ein Pferd für dich ausgeguckt, einen großen Braunen. Der ist zahm, du brauchst keine Angst zu haben.“
Die letzten Worte waren ihr eingefallen, weil er sie so schüchtern ansah und sie noch immer kein Zeichen des Erkennens in seinen Augen entdeckte. „Komm erst einmal mit. Du hast bestimmt Hunger nach der langen Fahrt. Ich habe dir eine Schmalzstulle mitgebracht. Hier, bitte.“ Sie hielt ihm ein Päckchen in Butterbrotpapier hin, das er zögernd entgegennahm, hob seinen kleinen, leichten Koffer hoch und schob den Jungen behutsam Richtung Ausgang.
Draußen parkte ihr neuer Karmann-Ghia. Richard machte Augen, als er den Wagen sah. „Du hast ein Auto?“Sie lächelte stolz. „Ja, es geht uns gut hier. Warte nur, bis du unser Haus siehst.“
Die Fahrt vom Zoo nach Zehlendorf dauerte nur eine Viertelstunde. Um diese Zeit herrschte nicht viel Verkehr, die Leute waren bei der Arbeit. Arbeit gab es mehr als genug an diesem Ort, an dem sich die Menschen selbst beschäftigten, um zu vergessen, dass außerhalb der Stadt niemand auf ihre Tätigkeit angewiesen war. Die Berliner produzierten nichts, im Gegenteil, sie verbrauchten, was andere sich mühsam absparten; aber über der Stadt lag eine symbolische Betriebsamkeit, die aller Welt zeigen sollte: „Seht her, wir halten stand! Wir gehen niemals unter, wir geben niemals auf.“ Wie in dem Lied vom Insulaner.
Ihr Mann arbeitete immerzu, genau wie sie selbst. Für ein Kind hatten sie bisher gar keine Zeit gehabt. Das würde sich jetzt hoffentlich ändern. Sie hatte schon im Büro Bescheid gegeben, dass sie nun häufiger mal früher gehen würde. Das war kein Problem. Der Direktor hatte Verständnis gezeigt und sie gefragt, ob sie sich die Arbeit nicht mit jemandem teilen wolle. Erika hatte gleich gewusst, wen sie fragen würde. Ihre Freundin Liese hatte eine Ziehtochter, die gerade mit der Sekretärinnenschule fertig war.
