Relikte aus dem Würfelbecher des Schicksals - Marco von Rodziewitz - E-Book

Relikte aus dem Würfelbecher des Schicksals E-Book

Marco von Rodziewitz

0,0
2,99 €

Beschreibung

Elf Kurzgeschichten über das Scheitern, aber auch die darin verborgene Hoffnung. Elf Geschichten über den Verlust, aber auch den darin verborgenen Beginn. Elf Geschichten über den Abschied, aber auch das darin verborgene Lächeln. Elf Geschichten als Metaphern für die Sinnlosigkeit des Glaubens und die Angst vor dem Wissen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 170

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Relikte aus dem Würfelbecher des Schicksals

TitelseitePost Skriptum: Mentale ResonanzDie Zärtlichkeit einer KlingeKommunikative Sperrphase[ - minus ]FrontalDas Prinzip der DosenpyramidenGestapelte WorteKurz, aber langDie Manege des AbschiedsFeuer fangenDein LächelnImpressum

Relikte aus dem Würfelbecher des Schicksals

Stories aus dem Hinterhalt menschlicher Sackgassen.

Von Marco von Rodziewitz

... besseren Momenten gewidmet

Inhalt

_____________________________

Post Scriptum: Mentale Resonanz

Die Zärtlichkeit einer Klinge

Kommunikative Sperrphase

[ - minus ]

Frontal

Das Prinzip der Dosenpyramiden

Gestapelte Worte

Kurz, aber lang

Die Manege des Abschieds

Feuer fangen

Dein Lächeln

Impressum

Post Skriptum: Mentale Resonanz

Suppiger Nebel brandet den Hain der Verlassenen hinunter über den Teppich des grasbewachsenen Tals, als du, kostümiert mit einem für die Jahreszeit unvorteilhaft leichten Hemd in rivalisierenden Komponenten unterschiedlicher Blauabstufungen, die karierte Wolldecke unter dem kahlen, in seiner Schieflage arthritisch anmutenden Baum aufschüttelst und an einer ausgewählten Stelle, wo feuchtes Moos das knöchelhohe, in der klammen Brise seufzende Gras verdrängt, mit einigen akkuraten Handkantenschlägen ausbreitest. Ich hatte deiner fixen Idee, an diesem kühlen, weitgehend bedeckten Novembernachmittag ein Picknick zu veranstalten – obendrein mit sämtlichen Schikanen, wie du euphorisch betont und mich in die Arme geschlossen hast –, nicht ohne berechtigten Einwand zustimmen wollen. Dein ungebändigtes Temperament jedoch, dein charmantes Dementi, mit dem du meine Zweifel letzthin zähmtest, ließ mich unverzüglich kapitulieren.

Ich schirme mit der Hand die Augen gegen den Scheinwerfer ab, der sich gegen die Wolkenformation, die sich mählich vom Horizont heranwälzt, aller Wahrscheinlichkeit nach würde erfolglos behaupten müssen, und schnuppere bereits den warnenden Geruch des Gewitter ankündigenden Ozons aus der Luft; sogar das milde, verführerische Aroma des Harzes, der aus den winzigen Wunden der Baumrinde blutet, sowie der erdige Duft des stillen Ortes, den du ausgesucht, verflüchtigen sich.

Du indes bist emsig beschäftigt, das teure Tafelservice auf der hier und dort Falten schlagenden Decke zu arrangieren; sehr präzise verteilst du Teller und Besteck, als wohne diesem ohnedies skurrilen Picknick in mancherlei Hinsicht eine nahezu militärische Strategie inne, dass allein die sorgfältige Platzierung des Porzellans und die ausbaldowerte Reihenfolge der mitgebrachten Speisen die vollkommene Harmonie garantiere. Du bist so eifrig bemüht, das scheinbar Unkomplizierte möglichst kompliziert, nach allen fachmännischen Regeln der Pedanterie, zu gestalten, dass ich leise schmunzeln muss. Just in diesem ansonsten trägen Augenblick dekorierst du, mit der Zungenspitze im linken Mundwinkel, ein Bund Weintrauben auf einem polierten Silbertablett neben ein paar Käsewürfel, und ich entsinne mich des Morgens, an dem du, eine schlichte Melodie aus dem portablen Radio mitsummend, den Käse, als hättest du mit einem Zollstock Maß genommen, in perfekte kubische Stücke geschnitten, und ich hatte, an einem Glase Sekt nippend, den Staub aus der Luft geatmet und nicht gewagt, dir einzugestehen, wie sehr ich dich gelegentlich vermisse.

Die geballte Wolkenfront nähert sich wie ein lauerndes Tier, das eine leichte Beute wittert. Der Himmel drängt sich um den Scheinwerfer, dessen Licht zusehends an Kapazität einbüßt, aber du,dukramst und wühlst nur weitere offenbar unentbehrliche Utensilien aus dem bauchigen Weidenkorb, immerhin dürfe es uns keinesfalls an Komfort mangeln, sagtest du, als wir die Haustür hinter uns schlossen, mit dem verlegenen Lächeln eines Großstädters, der sich erstmalig in die wilde Natur wagt als ein optimistischer Dompteur der Jahreszeit. Ausgerüstet mit allem erdenklichen Brimborium – sei es vom Flaschenöffner mit Kurbelmechanismus bis hin zu den mit orientalischen Ornamenten bestickten Stoffservietten –, scheinst du einen zeremoniellen Festakt auf die Beine stellen zu wollen, an diesem feuchtkühlen Novembernachmittag unter dem gekrümmten Stamm eines des Laubes beraubten Baumes.

Du reichst mir mit der Bitte, sie doch zu öffnen, eine Flasche Champagner (keinen Sekt diesmal, als genösse die Frage des Prestige besondere Geltung). Geschwind hast du auch die passenden Gläser parat –Flöten, wie du sie schelmisch nennst –, und ich mache mir nicht die Mühe, an den zwingenden Ernst unserer finanziellen Situation zu appellieren. Ich wage nicht, einen Moment zu zerstören, der so offensichtlich dir allein gehört, den du kreiert, den du geschaffen, den du kredenzt, den du ausstaffiert, den du schnörkellos inszeniert hast, einzig um mir das Herz zu öffnen.

So lapidar der gegenwärtige Augenblick, so sinnlos meine Gedanken. Ich schenke bereitwillig ein, der Schaum perlt über den Rand des Glases, und du lachst wie ein frivoles Kind, dessen nackte Füße von der Gischt des herantosenden Meeres beleckt werden. Auch wir stehen an einem Ufer, doch ist es uns vergällt, den Ozean der Zeit zu durchqueren. Das, so glaubtest du zunächst und mit naivem Zögern, machte ich dir zum Vorwurf, doch du irrtest selbstverständlich.

Du förderst eine Tupperware aus dem Korb ans schwindende Tageslicht; kaltes Hähnchenfleisch, am Vortage ursprünglich für das Abendessen geplant, wird auf die Teller verteilt. Ich betrachte, statt deiner Litanei, wie wohl du dich heute fühlst, gebührende Aufmerksamkeit zu widmen, das verzweigte Gitternetz der Äste, die sich gen Himmel recken; ich verfolge mit argwöhnischem Blick den Zickzackparcours der Baumkrone, die sich scheinbar unversehens in einer großen Leere verliert. Ich studiere regelrecht die knochigen Details des schiefen Stammes, dessen Wurzeln sich so tief in den kalten Boden klammern, und eine Sekunde wünsche ich mich hinein in diesen Baum, hinein in sein harziges Holz. Ich kann mir diesen Wunsch nicht plausibel erklären, dessen Quelle sich wohl in meinem Unterbewusstsein im Laufe der Jahre mit dir gebildet hat; aber mich dünkt, dass, erst einmal zum Baume geworden, mich niemand hätte fällen können.

Du klopfst neben mir einladend auf die Decke und forderst amüsiert, ich möge doch endlich Platz nehmen, darnieder sinken zu unserem bizarren Picknick, und ich drehe den Kopf, um mich der düsteren Wolkenformation zu vergewissern, die etliche Tonnen Regenwasser mit sich führt, Gallonen an Tränen des Himmels, und es ist mir, auf eine latente Art zumindest, unheimlich wichtig, mich des drohenden Gewitters zu überzeugen.

Die Zärtlichkeit einer Klinge

Sie nennen es großspurigNeuigkeiten, aber du hast sie durchschaut. Es ereignet sich de facto nichts tatsächlich Neues, es ist nur ein ambitioniertes Spiel mit mehreren Variablen. Das Gesamtbild bleibt stabil.

Du starrst auf den kleinen Bildschirm, der dir gegenüber an der schwarzen Schreibtischplatte montiert ist. Nicht dass die Firma in puncto Diebstahlversicherung sparen will, nein, es ist schlichtweg praktischer so. Du hast dich in dem englischen Ledersessel zurückgelehnt und kaust gedankenverloren auf einem Stück Baguette herum. Deine Aufmerksamkeit, eben noch abgelenkt von dem Vertrag mit der Werbefirma und dem Brief des Erpressers mit den beigefügten Fotos, die gar nichts beweisen, ist jetzt buchstäblich auf die Nachrichten fokussiert, die eine brünette Moderatorin mit emotionsloser Stimme mechanisch verliest. Du hast Frau und Kinder vergessen, die zu Hause darauf warten, dein Restleben zu vereinnahmen. So nennst du das:Restleben!, alles außerhalb des Firmengebäudes. Du blinzelst nicht einmal, während du auf den Fernsehapparat schaust, dabei ist es fürwahr nichts weltbewegend Neues, was über die Mattscheibe flimmert. Täglich schaltest du pünktlich zur Mittagspause die Nachrichten ein, und täglich variieren sie ihr Spiel. Mehr nicht.

Oder?

Du überlegst eine Sekunde

(oder zwei),

wie es wäre, diese brünette Sprecherin zu ficken, und kommst zu dem Schluss, dass sie vermutlich nur wie ein Brett unter dir läge und auf das Wetter warten würde. Jeden Tag verkündet sie diese Fast-Food-Meldungen, die einerseits das Bedürfnis nach vollständiger Aufklärung nie stillen, und die andererseits nur die Kriminalitätsstatistik einer Stadt aus den Angeln repräsentieren, in der die Geschehnisse des Alltags weitgehend auf Gewalt reduziert sind.

Du wartest, eine kribbelige Spannung zirkuliert durch deinen Körper. Im Büro nebenan bespricht D. Wagner, dein sogenannter Partner (ein Wort, das du verabscheust), mit Frau Hagenfurt den letzten Etat. Es hatte Beschwerden gegeben von Seiten der Auftraggeber, nichts wirklich

(Neues)

Bedrohliches. Der Erpresser hat ein bisschen auf die Pauke gehauen und einige sensible Gemüter der Firma in Alarmbereitschaft versetzt. Du hingegen stehst über den Dingen.

Eine Katastrophe im mittleren Osten, mehrere Tote bei einem Selbstmordattentat. Eine geplatzte Drogenrazzia im Norden. Ein vermisstes Kind

(mal wieder)

in der Nähe einer Kreishauptstadt. Ein kleiner Bürgerkrieg in Chile, etliche Verletzte warten auf Abtransport. Und es ist immer dasselbe. So ambitioniert, so etabliert inszeniert es auch ist – es bleibt die gleiche Konstante, deren Frequenz gelegentlich unmerklich ausschlägt.

Dann ein rascher Schnitt, Bildwechsel, und du beugst dich gespannt vor. Wagners Geschrei verstummt, und Frau Hagenfurts Vorwürfe sind Nebensächlichkeit. Du setzt dich aufrecht, hörst deine Rückenwirbel knacken und erinnerst dich an deinen Termin beim Chiropraktiker. Deine Hände verkrampfen im Schoß, und um ein Haar hättest du das Baguette zerkrümelt, du kannst es noch rechtzeitig auf dem Teller deponieren. Die Sprecherin schaut dir mit

(ehrlicher?)

Betroffenheit ins Antlitz und durch dich hindurch und erklärt beiläufig, dass die geheimnisvolle Mordserie ein neues Opfer verzeichne. Man nehme allgemeinhin an, dass der Täter psychopathische Tendenzen hege, weil er die morbide Angewohnheit pflege, diverse Souvenirs seiner Opfer aus den toten Körpern herauszuschneiden. So verschwanden bei M. Koch, dem letzten

(bekannten)

Opfer, das linke Ohr und zwei Finger der rechten Hand.

Nun, denkst du, obwohl es ein weiterer Mord in einer Reihe bislang ungeklärter ist, sticht es aus dem ganzen üblichen Rest hervor.

Dem üblichen Spiel.

Natürlich tut es das! Seit Anfang des Jahres hält dieser Mörder, der schamlos die Körper seiner Opfer plündert, die Öffentlichkeit in Atem, erregt das Aufsehen des ganzen Landes. Gutmöglich, dass sein vorwiegender Antrieb die Popularität ist, mit der heutzutage Gewaltverbrecher regelrecht zu medialen Superstars erhoben werden. Seine grausamen Taten sind eine prickelnde Abwechslung, bekennst du angewidert, als sie ein Bild der verstümmelten M. Koch senden, dreiundzwanzig Jahre jung, wohnhaft in der nächstgelegenen Großstadt, keine Spuren von Vergewaltigung oder brauchbaren Fingerabdrücken. Todesursache seien zwanzig Messerstiche gewesen, die offenbar wahllos in Kopf, Hals und Brust eingedrungen seien.

Dir vergeht der Appetit, dennoch verfolgst du den Bericht mit einiger Konzentration.

Die Polizei tappe momentan im dunkeln, ließ der zuständige Sprecher verlauten. Das kann weiß Gott auch ein geschickter Schachzug sein. Vielleicht sind sie dem Kerl längst auf der Spur, wollen die laufenden Ermittlungen allerdings möglichst schwammig postulieren. Man habe

(angeblich)

keinen konkreten Anhaltspunkt, wo sich der Mörder aufhalten könne, man wisse nicht einmal, ob der Täter männlich oder weiblich sei. Empirisch gesehen, könne man eine Frau als Täterin zwar größtenteils ausklammern, doch das hieße, Scheuklappen zu tragen. Es seien keinerlei Zeugen bekannt. Präzise Arbeit, honorierst du in Gedanken. Würdest du dich als Zeuge melden?

(weißt du das?)

Es sei keinesfalls auszuschließen, dass in nächster Zeit weitere Gräueltaten bevorstehen. Noch seien die Zeitabstände zu unterschiedlich, um ein gewisses Muster erkennen zu lassen, nur eines sei bislang immer identisch gewesen: die Mordwaffe, ein, nach stichhaltigen Aussagen des Gerichtsmediziners, Schweizer Armeemesser mit einer etwa fünfzehn bis achtzehn Zentimeter langen Klinge. Es wird ein Bild der Waffe eingeblendet, und du bist fasziniert von der phallusartigen Edelstahlklinge. Du stellst dir vor, wie es wäre, damit erstochen zu werden, wie dieser Fremdkörper sich in die Intimität des eigenen Leibes bohrt, wie er zärtlich die Haut spaltet und das Fleisch küsst, bespeichelt vom Blut.

Du erschauerst, zuckst ein wenig zusammen, als habe dich gerade diese Klinge am Nacken berührt.

Eine rasche Bilderfolge der anderen fünfzehn Frauen

(Mädchen),

die der Täter innerhalb dreier Monate verfolgt und beseitigt hat, bannen dich mit Fassungslosigkeit. Das Spiel ist unterbrochen, die Regeln außer Kraft. Keines der Opfer war älter als vierundzwanzig. Schöne, blonde Geschöpfe mit bevorzugt üppigen Brüsten und langen Beinen. Es ist, denkst du und fixierst kurz das belegte Baguette auf dem rechteckigen Teller, als drehe es sich in erster Linie für den Täter darum, ein landläufiges Klischee zu dezimieren: blond, große Titten, lange Beine. Dir kommt deine Frau ins Gedächtnis, die seit der Geburt der Zwillinge ihre Attraktivität eingebüßt hat. Sie trägt ihr Haar

(schwarz)

kurzgeschnitten.

Jedes der Mädchen hat ein Stück seines Körpers lassen müssen, und es gibt auch hier kein verlässliches Schema. Mal fehlten mehrere Zehen, dann ein beträchtliches Stück Fleisch aus der Wade, es wurden Brüste oder Füße amputiert, ebenso wie innere Organe, beispielsweise Leber, Milz oder Herz, entfernt worden sind. Die repräsentativen Fotografien schonen den geneigten Zuschauer der Mittagsnachrichten keineswegs; blutig klaffende Wunden, starre, wässrige Augen und verstümmelte, mitunter rabiat zertrümmerte Gliedmaßen. Was mögen siegedachthaben, als das Messer sie

(als das Messer sie begehrte)

nahezu aufschlitzte? Oder spürten sie nur den weißen Schmerz, sind angesichts dieser Tortur Gedanken grundsätzlich ausgeschlossen?

Das Spiel erfährt eine Abwechslung. Jemand kümmert sich darum, dass die Welt sich weiterdreht, dass in einer Spirale ordinärer Gewalt ein destruktives Element den Kreislauf unterbricht.

Du schaust abwesend auf die Uhr und stellst resigniert fest, dass deine Mittagspause vorüber ist. Trotzdem möchtest du den Bericht zu Ende sehen, auf beinahe animalische Weise hält er dich bei der Stange. In dessen Bann erkennst du die ambivalente Choreographie des Lebens. Du willst gern wissen, wie die Fernsehzuschauer in den Millionen Fernsehhaushalten reagieren: sind sie angewidert, entsetzt, teuflisch entzückt, womöglich unfreiwillig sexuell stimuliert, oder schalten sie lediglich gleichgültig auf einen anderen Kanal, um sich einer Sportsendung mit den aktuellen Fußballergebnissen zu widmen? Es ist so bizarr, sich vorzustellen, dass –

Du kaust den Rest des Baguettes, lutscht die Krumen von den Fingern und bedauerst es, als die Bilder erneut wechseln, die Farben verblassen und man über einer der zahlreichen Verkehrsunfälle plaudert, die im Laufe der Jahreszeit beachtenswert zugenommen haben und dir nur ein Seufzen entringen.

Du erhebst dich mit einiger Schwerfälligkeit

(der Chiropraktiker!)

und wirfst das fettige Butterbrotpapier in den Mülleimer. Wagners Stimme dringt wieder an dein Bewusstsein, und mit ihr kommt die piesackende Erinnerung an den verpfuschten Etat zurück. Ich habe die Schnauze voll davon und freue mich auf den Abend. An diesen besonderen Tagen freuen wir unsimmerauf den Abend. Nicht weil deine Frau dir via Telefon mitgeteilt hat, dass sie sich ein neues Negligé gegönnt habe. Neu ist das nämlich nicht.

Du öffnest eine der Schubladen unterhalb der Schreibtischplatte, und meine Finger tasten nach dem geschnitzten Griff des Schweizer Armeemessers. Es verleiht uns augenblicklich Ruhe. Auf der Zunge schmecke ich noch das zarte Aroma ihres Fleisches. Besonders das der Finger ist eine unbeschreibliche Delikatesse.

Kommunikative Sperrphase

Es war nur eine Frage der Zeit, ob.

Gedankenbruch. Die zentrale Datenbank schaltet sich automatisch ab. Eine Information zweier Synapsen echot in mentale Leere. Danach Funkstille.

Irgendwann drang, auf niedriger Frequenz, eine der akustisch aufgeblähten Stimmen durch die Käseglocke an sein lahmgelegtes Bewusstsein. Er neigte ein wenig den Kopf in Richtung Realität. Es manifestierten sich aus einem visuellen Desaster die anatomischen Puzzleteile, die sich allmählich zu einem größtenteils bleich gefärbten Gesicht formten, das in seiner Skizzenhaftigkeit scheinbar der Zeit entfleucht war.

Sein trübes Blickfeld klarte auf. Ihm gegenüber kauerte die Frau mit glasigen Augen am Boden der engen Fahrstuhlkabine. Sie war damit beschäftigt, ihr Chiffonkleid von Falten zu glätten. Sie widmete sich dieser Aufgabe mit angestrengter Präzision, mit sturer Pedanterie. Ihre Hände waren geübt, als bestände darin ihr einziger Nutzen. Es war eine schlichte Ablenkungsmaßnahme, aber sie zelebrierte sie mit einer heidnischen Hingabe, die vielleicht um Aufmerksamkeit heischte.

Der andere, an dessen Namen er sich nur vage am Rande seines Gedächtnisses erinnerte, hatte eine merkwürdigere Beschäftigung gewählt; er durchmaß jeden Quadratzentimeter des begrenzten Raumes mit bedächtigen, in ihrer Vorsicht fast lethargischen Schritten. Er investierte darin eine ebenso strenge Konzentration wie die Frau in ihre Hände. Der andere fixierte seine schlurfenden Schuhe, die in all ihrer glanzlosen Zerknautschtheit von seltener Hinwendung zeugten. Nichts in der stumpfen Mimik des anderen verriet irgendeinen Gedanken, allenfalls den Anflug einer Emotion, die womöglich auf schierer Ratlosigkeit basierte.

Wollte man sich setzen – und dieses Bedürfnis gewann nach einiger Zeit mit eigener Selbstverständlichkeit an Intensität –, hatte man sich gefälligst der Marschroute des anderen anzupassen. Man musste darauf achten, nicht seinen Weg zu kreuzen. Einmal war er über die Frau gestolpert, die so töricht war, anzunehmen, er sähe sie.

Das solide Manifest der Zeit bröckelte zunehmend auseinander. Man ersparte sich die triviale Gewohnheit, einen scheuen Blick auf die Armbanduhr zu werfen. Tatsächlich hatte er seine eigene unter dem weichen Absatz seines Schuhs längst zermalmt, weil er die Zähflüssigkeit der Minuten nicht ertrug. Die Notwendigkeit zeitlicher Maßeinheiten verlor in Extremsituationen ähnlich dieser an glaubwürdiger Relevanz.

Nur eine Frage der Zeit, ob.

Der Zug entgleist. Die Passagiere seiner Gedanken purzeln durcheinander.

Er nagte an seiner Unterlippe. Das permanente Lamento der Frau, ihr Plädoyer gegen das eigene Versagen, war einem stummen Schluchzen gewichen.

Obgleich es keine Falten mehr gab, waren ihre Hände dennoch eifrig bemüht, ihr Kleid penibel glatt zu streichen. Um die Falten in ihrem Antlitz, fiel ihm auf, hatte sie sich offenbar nie so hingebungsvoll gekümmert.

Es ließ sich keinesfalls abwägen, wie günstig die Chancen standen, dass die Flammen noch in den unteren Stockwerken wüteten. Aufgrund der steigenden Hitze war das keine Frage, die nach Begriff sucht. Unterm Strich konnte es ebenso gut an mangelnder Atemluft liegen. Er hatte einmal gehört, dass die Körpertemperatur analog zum Sauerstoffverlust steige. Sein Gedächtnis war wie leergefegt. Aber er rechnete nichtsdestotrotz damit, dass man sie fand, bevor das Feuer es tat.

„Die müssten doch längst nach uns suchen!“, jammerte die Frau. Der andere schlich gleichgültig an ihr vorbei. Sie klammerte sich an sein Bein und schaute bettelnd zu ihm auf, als sei er Jesus, der sein Kreuz schleppt. Anstelle einer erbarmungsvollen Absolution jedoch erteilte er ihr lediglich einen kurzen Fußtritt, der sie auf plumpe Weise in die Ecke beförderte.

„Weiß denn niemand, ob –“

Schlussstrich. Sein Hirn klinkte sich unweigerlich aus.Obwar die verbale Schranke. Zwei Buchstaben, die in ihrer Reihenfolge sowohl Zweifel als auch Misstrauen vereinigten und Anspruch nahmen auf die individuelle Skepsis. Man konnte sogar so weit gehen und sie als Superlativ des Argwohns bezeichnen. Kaum dassobirgend jemandes Mundes entschlüpfte, fiel sein ansonsten wendiger Verstand in Schatten. In regelmäßigen Intervallen wurde sein eigen Körper, in Sonderheit sein Haupt, zu einem hermetisch verriegelten Bunker, in den die Wirklichkeit keinen Zutritt hatte.

Ob.

Er wartete, bis die Welt ihn wieder einholte.

Die Frau zog es mittlerweile vor, den Mund zu halten. Vielleicht hatte er ihr gesagt, sie solle nicht kostbare Atemluft für ihre durchgekauten Wortklumpen verschwenden. Sie hockte da und pulte ein bisschen im Teppich herum.

Der stille Wanderer blieb unvermittelt in der Mitte der Fahrstuhlkabine stehen und schaute empor zur vergitterten Decke.

„Es muss doch eine Ausstiegluke geben“, murmelte er sinnierend. Eigentlich war es nur eine rhetorische Annahme. Er wartete auf keinerlei bestätigende Antwort. Aber ihre müden Blicke begegneten sich für zwei Sekunden der Solidarität, als genösse ihre gegenseitige Anteilnahme zumindest ein gewisses Quantum Priorität.

Er befeuchtete seine Lippen, ehe er sich mühsam aufrichtete. Seine steifen Glieder repräsentierten ein fortgeschrittenes Alter, auf das sein Körper nicht vor-bereitet war. Dank der immensen Hebelkraft seiner Beine wuchtete er sich schnaufend in die Senkrechte. Er legte dem anderen eine schlaffe Hand auf die Schulter und sagte eindringlich, als wohne allein ihm der letzte Funken Vernunft inne:

„Sobald wir die Luke öffnen, wird der Rauch eindringen. Spätestens dort oben –“ (und er verwies mit ausgestrecktem Zeigefinger zu der Luke hinter Fliegengitter) „ – werden wir eine Vergiftung erleiden. Besser, wir bleiben hier…“

Der andere folgte grübelnd dem Vektor seines Armes. Er nickte knapp und setzte dann seine endlose Wanderung kommentarlos fort. Im Gegensatz zu der Frau hatte er offensichtlich begriffen. Sie hingegen rappelte sich hastig auf und sprang ihm förmlich an den Hals. Sie flehte, es zumindest zuversuchen. Doch er schüttelte sie von sich. Er hatte keinen Geschmack an ihrer Hysterie, von der er bereits angenommen, sie sei nach der ersten beklemmenden Stunde verflogen. Die Angst hatte sich in ihrer aller Köpfe eingenistet, in dem der Frau allerdings produzierte sie emotionale Metastasen.

„Dies ist unser Sarg“, behauptete sie mit der religiösen Panik eines fanatischen Predigers, eines Apostels der Unbarmherzigkeit. „Wir werden hier lebendig begraben! Dieser Fahrstuhlschacht führt direkt in die HÖLLE!!“

Eine Ohrfeige hätte in ihrem Falle wenig Wirkung gezeigt. Er wusste, das nächste Ob käme gewiss. Dann hätte er seine Ruhe. Ihre Ausdauer war eh nur auf diese drei Sätze beschränkt. Er hockte sich, mit Augenmerk auf des anderen Marschroute, in eine Ecke, legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Ein Cello, dachte er und summte leise eine Melodie, die sein Erinnerungsvermögen als eine Komposition identifizierte, die am Grabe seines Sohnes von einer weitgehend untalentierten Kapelle gespielt wurde. Ein Cello wäre jetzt der passende Dolmetscher des Augenblicks.

Hinter der verspiegelten Wand, tief unten im Schacht ebenso wie zu allen Seiten, hörte er den Rauch, der sich hinterlistig heraufwälzte. Er vernahm jedoch nicht das Prasseln der Flammen, was ihn nur bedingt tröstete. Seine größte Sorge galt weiterhin der Atemluft. Drei Menschen auf engstem Raum. Wie viel Sauerstoff rechnet sich pro Kopf auf eine nicht kalkulierbare Zeitspanne? Und wann fände der Rauch ein Schlupfloch oder eine Ritze, um sie zu belästigen?

„Hört ihr das?“, flüsterte die Frau. Sie presste ihre Wange an die kühle Seitenwand. „Hört ihr das denn nicht?“

Die Stahlseile knackten und knurrten, als wollten sie jeden Moment reißen. Das aschfahle Gesicht der Frau zerfiel in seine Bestandteile. Die Panik saugte ihr jegliches Leben aus.

„WIR WERDEN ABSTÜRZEN!!“, schrie sie. Der andere hielt plötzlich inne wie ein Roboter, dem man den Saft abdreht. Seine Schuhe hatten einen Trampelpfad in den rot/braun gemusterten Teppich gelatscht. Er schaute auf seine Füße wie auf Instrumente, die ihre Funktionstüchtigkeit eingebüßt hatten. Über ihren Häuptern knirschten und ächzten die Stahlseile. Der Rauch kostete, knabberte, fraß an ihnen.

Die Frau krabbelte keuchend zur Schalttafel und begann, sämtliche Knöpfe auf einmal zu drücken. Mit flachen Händen schlug sie wahllos zu. Das hatte sie schon etliche Male zuvor probiert. Jetzt hämmerte sie mit maßloser Vehemenz auf den roten Alarmschalter ein. Bewirken tat sie damit freilich nichts.

„HOLT UNS HIER RAUS!!“, kreischte die Frau. Ihre Fäuste verschonten keine Kabinenwand. Erst der andere konnte sie bremsen, indem er sie mit bemerkenswerter Teilnahmslosigkeit zu Boden boxte. Sie war auf der Stelle ohne Bewusstsein. Ihr korpulenter Körper prallte mit einem dumpfen Geräusch auf, und ihr Chiffonkleid warf jetzt Falten wie ein Ozean.

„Können Sie mir sagen, ob –“

Kommunikative Sperrphase. Er wich dem schläfrigen Blick des anderen aus. Verifikation latenter Ängste. Jedes Wort ein blutleerer Krieger auf dem Schlachtfeld der Träume. Jeder Buchstabe ein defektes Bindeglied. Sein blasses Antlitz, einst von Unerschütterlichkeit geprägt, war glasiert von der morbiden Erkenntnis schlichter Ausweglosigkeit. Testamentarische Bilanz. Der stille Donnergroll zwischen seinen Schläfen. Der schleichende Nebel des Schweigens.

Er studierte den regungslosen Körper der Frau. Groteskerweise ermöglichte ihm ihr an dem Oberschenkel hochgerutschter Rock einen Blick auf ihren Slip. Ihre Hände sahen aus wie Tauben, die man vom Himmel geschossen.

„Sie haben sie womöglich umgebracht“, urteilte er emotionslos.

Der andere kniete sich neben den Körper der Frau. Er nahm ihr Handgelenk und fühlte nach dem Puls. In Zeitlupe schüttelte er das Haupt, auch wenn schlussfolgernd unklar blieb, ob es eine konkrete Verneinung auf seine Mutmaßung war.

Die Stahlseile quietschten. Außerhalb der Kabine umschlang der beißende Rauch des fernen Feuers den Fahrstuhl. Suchte mit substanzlosen Fingern nach einer Fuge, die ihm Einlass gewährte. Kroch unaufhaltsam den Schacht empor.