Rendezvous mit dem Säbelzahntiger - Sophia und Andreas Hillert - E-Book

Rendezvous mit dem Säbelzahntiger E-Book

Sophia und Andreas Hillert

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Beschreibung

Säbelzahntiger sind ausgestorben. Selbst wenn man sich noch so weit von der Gesellschaft, deren Erwartungen und deren Sicherheiten entfernt, kann einem nichts passieren. Junge Menschen haben heute unendliche Möglichkeiten, viele Freiheiten und nur die Verpflichtung, glücklich zu werden. Niemand sagt ihnen mehr, wo es langgeht. Jeder soll sich frei entfalten! Daraus ergibt sich eine Konstellation, die es so noch nie zuvor gab. Und an der nicht wenige scheitern. Max und die Studentin Sophia bieten im Orientierungsladen ein Seminar für Jugendliche an. Es geht um die Frage „Wo bin ich und wo will ich hin?“. Theoretisch, praktisch, spielerisch und ernst. Freiheit ist abgründig, Traditionen sind unvermeidlich und zwischendurch taucht der Säbelzahntiger höchstpersönlich auf. Von wegen ausgestorben! Einfache Lösungen und Perspektiven, die nur Spaß machen, sind nicht in Sicht. Wer sich diesen Herausforderungen stellt, und sich dabei nebenbei selber findet, hat gute Chancen und garantiert keine Langeweile. Sophia Hillert ist Psychologin und promoviert derzeit an der FAU Erlangen. Parallel dazu studiert sie Operngesang an der Hochschule für Musik Nürnberg. Sie beschäftigt sich intensiv mit den aktuellen Entwicklungen in Gesellschaft und Arbeitswelt und ist erschrocken über deren Auswirkungen auf die individuelle Entwicklung und die Gesundheit von Jugendlichen. Prof. Dr. phil. Dr. med. Andreas Hillert ist Chefarzt an der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee und Dozent für Klassische Archäologie an der Katholischen Universität Eichstätt.

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Seitenzahl: 428

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Sophia und Andreas Hillert

Rendezvous

mit dem Säbelzahntiger

Sophia und Andreas Hillert

Rendezvous mit dem Säbelzahntiger

oder:

Wo bin ich und wo will ich hin?

Perspektiven sind heute so teuer wie niemals zuvor,

aber man gönnt sich ja sonst nichts!

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die über die Grenzen des Urheberrechtsgesetzes hinausgeht, ist unzulässig und strafbar.

Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Speicherung in elektronischen Systemen.

1. Auflage 2025

ISBN 978-3-96438-078-4

© 2025 SWB Media Entertainment, Sommenhardter Weg 7, 75365 Calw

Titelbild: Christina Ross

Satz und Umschlag: abc-satz, Stuttgart

Druck, Verarbeitung: custom printing, PL

Für den Druck des Buches wurde chlor- und säurefreies Papier verwendet.

www.suedwestbuch.de

Warum und von wem dieses Buch geschrieben wurde

Sophia hat, wie die Sophia im Buch, in ihrem richtigen Leben Psychologie (und Gesang) studiert. Andreas ist ihr Vater und als Arzt in einer großen psychosomatischen Klinik tätig. Beide haben viel mit jungen Menschen zu tun, von denen wiederum viele psychische Probleme haben. Die meisten dieser Jugendlichen und Adoleszenten beantworten die Frage „Was habt ihr im Leben vor?“ mit „Weiß nicht“. Je älter junge Menschen werden, umso schlechter geht es ihnen damit.

Dass wir in einer ziemlich komplizierten, nach Orientierung suchenden Welt leben, spürt mittlerweile jeder. Gleichzeitig gibt es letztlich niemanden mehr, der jungen Menschen sagt, was sie im Leben zu tun haben. Schließlich muss jede und jeder selber wissen, was für sie oder für ihn am besten ist! Das klingt gut, funktioniert aber oft nicht. Woher soll man wissen, was man will, wenn man keine Ahnung hat, welche Konsequenzen eine bestimmte Entscheidung hat? Und auch welche Konsequenzen es hat, keine Entscheidung zu treffen. Wer und was ist man selber, wenn man keine Ahnung hat, wo man im Leben ist und wo es hingehen soll? Und dann gibt es die Freundinnen und Freunde, die realen und die in den sozialen Netzwerken, die eine Meinung dazu haben, die einem wichtig ist. Mehr oder weniger. Auch die Eltern spielen eine Rolle, welche auch immer. Und selbstverständlich gibt es im Internet eine Lawine von Informationen, eine Lawine, unter der man nicht begraben sein möchte. Wenn dies in etwa Deine Situation ist, bist Du im Orientierungsladen von Max richtig, wo Du Sophia, dem Mops Quintus, ein paar netten Leuten und dem Säbelzahntiger begegnen wirst.

Parallel zu diesem Buch, das ein Roman, ein Sachbuch und was auch immer ist – wobei Ähnlichkeiten der hier auftretenden Personen mit real existierenden Menschen reiner Zufall wären, haben wir in einer Klinik am Chiemsee, zusammen mit der Kollegin und Freundin Carolin Göhre, ein Gruppenprogramm für orientierungslose junge Menschen entwickelt (JuKo –Jugend-Kompass, ein Präventions- und Gruppen-Therapie Manual für orientierungslose Jugendliche und Adoleszente. Mgo Verlag Kulmbach 2025). Wenn es ein solches Angebot bei Dir in der Nähe geben sollte: Quintus und den leibhaftigen Säbelzahntiger wirst Du dort vermutlich nicht treffen, aber junge Menschen wie Arndt, Karolin, Martha, Lena und Michael, mit denen Du intensiv über das Thema aller Themen, dem Woher und Wohin, diskutieren kannst, die gibt es dort sicher!

Wir bedanken uns beim SWB Verlag, dessen Leiter Klaus Pfrommer und unser Lektorin Johanna Ziwich für ihre engagierte Unterstützung bei der Erstellung dieses Buches. In der Hoffnung, dass Du darin, neben Spaß beim Lesen, auf Anregungen stößt, die Dir helfen, Antworten auf die Frage zum Thema „Wo bin ich und wo will ich hin?“ zu finden,

mit herzlichen Grüßen

Sophia und Andreas Hillert

Nürnberg und Prien am Chiemsee, im Sommer 2025

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Sophia sucht einen Job

Ein verpasster Bus, eine Bushaltestelle im Regen und ein neuer Laden

Angebot und Nachfrage

Mein erster Arbeitstag, eine Liste und einige Telefonate

Die Telefonliste

Laufkundschaft

Kapitel 2: Orientierungsladen

Hund ist nicht gleich Hund

Schwarz und trotzdem unscheinbar: ein Überraschungsgast

Einzug der Gäste und eine Begrüßungsrede

Eine Südseereise

Nachbesprechung, Standortbestimmung und andere Erkenntnisse

Eine Frage der Perspektive: wovon hängen Wahrheiten ab?

Karolin: Ich bin ziemlich viel, zu viel? – Meine Geschichte

Lena: Ich bin ich? – Meine Geschichte

Arndt: Wer ich bin? Wer bin ich? – Meine Geschichte

Marthas Geschichte

Michael: Meine Geschichte

Kapitel 3: Das zweite Seminar: Stress, Angst und andere Realitäten

Am Anfang war der Stress

Besuch im Rattenlabor

Begegnungen mit Hans Selye

Will man das wirklich wissen?

Säbelzahntiger und andere Ärgernisse

Noch ein Psychologe

Von der Bewertung hängt (fast alles) ab

Ein Säbelzahntiger in Aktion

Kapitel 4: Das dritte Seminar: Epochale Dimensionen und immer offenere Perspektiven

Wirkliche Träume, traumhafte Wirklichkeit

Existenzielle Fragen: bitte schnell und einfach lösen!

Steinzeit: mehr als nur spitze Steine

Rollenspiele diesseits und jenseits der Vorstellungskraft

Zwischendurch in der Gegenwart

Integratives Sein in Familie und unendlicher Generationenfolge

Die Alles-hat-seinen-Platz-und-seine-Ordnung-Epoche

Die bürgerliche Kapitalismus-Maschine – durch die Industrialisierung in die Moderne

Lena: Meine Familie

Arndt: Meine Familie

Karolin: Meine Familie

Martha: Meine Familie

Michael: Meine Familie

Kapitel 5: Das vierte Seminar: Traditionen und andere Erwartungen

Neues Spiel, neues Glück! Alle Freiheiten und keine Perspektive

Wo ist das Problem?

Erfahrungen, die man nicht selber gemacht hat, bleiben Geschichten

Familien werden sortiert

Du kannst werden und machen, was immer du willst!

Geschichte und kein Ende (für nichts und niemanden)

Postmoderne: nach dem Film ist vor dem Film

Hausaufgaben

Kapitel 6: Das fünfte Seminar: Spaß, Glück und andere Messlatten

Was den Unterschied macht: Ziele haben oder keine Ziele haben

Entscheidungen für sein Leben treffen: zwischen Ambivalenzkonflikten und der Entscheidung, sich zunächst einmal nicht zu entscheiden

Wer bin ich und wo will ich hin? Klären Sie Ihre Perspektiven im Orientierungsladen

Arndt und Martha

Arndt über Martha

Martha über Arndt

Karolin und Lena

Karolin über Lena

Lena über Karolin

Michael und ich

Sophia über Michael

Michael über Sophia

Glücklich werden: wie funktioniert das?

Messlatten für ein gelungenes Leben

Glück: Definition, Untersuchungsbefunde und Strategien, wie man glücklich wird

Kapitel 7: Das sechste Seminar: Wertenetze und Entscheidungsstrategien

Auf unterschiedlichen Wegen zum Ziel

Marthas Wertenetz

Arndts Wertenetz

Michaels Wertewolken …

Lenas Werte

Karolins Werte, alle Werte

Das finale Seminar?

IKIGAI, oder: Lässt sich Wahrheit und Weisheit in einem Modell kondensieren?

Spaß haben, wie funktioniert das?

Zurück nach Ostasien

Ende und Anfang

Kapitel 8: Folgetermine

Lebensregeln

Grabreden

Michaels Grabrede

Karolins Grabrede

Marthas Grabrede

Arndts Grabrede

Lenas Grabrede

Perspektivenzwischenbericht (nach ca. einem Jahr)

Kapitel 1

Sophia sucht einen Job

Ein verpasster Bus, eine Bushaltestelle im Regen und ein neuer Laden

Er befindet sich zwischen Seminargebäude und Domplatz. Den Moment, bevor ich diesen Laden betrat, der mir zuvor nie aufgefallen war, den hätte ich am liebsten gleich wieder aus meinem Gedächtnis gelöscht. Es ging mir schon seit Tagen nicht gut. Das Studium lief irgendwie. Bei Klausuren durchzufallen kann passieren. Aber sie gerade noch zu bestehen macht auch nicht glücklich. Es hat dann weniger mit einem selber zu tun als mit der Frage: Warum sollten sich Professoren mehr Arbeit machen als unbedingt nötig? Psychologie hatte mir anfangs wirklich Spaß gemacht. Es ist auch nicht selbstverständlich, dass man einen Psychologiestudienplatz bekommt. Um sich dann durch Statistik und Methodenlehre zu arbeiten. Und um Vorlesungen abzusitzen, in denen sich Professoren nach der ersten Sitzung durch gelangweilte Assistenten vertreten lassen. Ich befand mich dabei zwischen Mitstudentinnen und -studenten, die Psychologie studierten, weil sie ein gutes Abi hatten und es ganz interessant fanden. Für sie war es offenbar kein Problem zu lernen, was immer es zu lernen gibt. An den Fragen, um die es eigentlich gehen sollte, waren sie zum Ausgleich dafür nur dann interessiert, wenn diese in den Prüfungen abgefragt wurden. Man kann mit Psychologie alles machen!? Alles und nichts. Wenn man nebenbei jobben muss, wird es noch heftiger. Natürlich zahlen meine Eltern, aber so üppig haben die es nicht. Wenn ich kellnern gehe, bin ich den nächsten Tag nicht zu gebrauchen. Also etwas anderes finden? Idealerweise zwei Nachmittage die Woche, montags und freitags, dann, wenn ich keine Vorlesungen und Seminare habe. Regale einräumen wäre mir zu dumm. Aber besser als nichts. In einem Städtchen, in dem es nur Studenten, Touristen, Uni-Leute und ein paar Priester gibt, sind gute Jobs selten. Zwischenzeitlich war auch die Sache mit Julian, die eigentlich nie begonnen hatte, zu Ende gegangen. Dann hatte noch die Professorin oder eher eine Korrekturassistentin meinen Praktikumsbericht mit mangelhaft bewertet. Irgendwelche Kleinigkeiten, die man natürlich auch anders machen kann, uneinheitliche Zitierweise … da spielt sich ein Korrekturassi auf, als ob es in der Wissenschaft nur darauf ankommt, ob man Punkte hinter die Anfangsbuchstaben der zitierten Autoren schreibt oder nicht. Vielleicht haben die Vorgaben, wie viele sie durchfallen lassen müssen. Wie auch immer, mich würde es Stunden kosten, den Bericht umzuschreiben, verschwendete Stunden. Heute hatte ich mich mit Anna verabredet. Aber die konnte nicht lange bleiben, jemand in ihrer Familie war krank geworden. Das war es also für heute, ein vergeudeter Tag, den es besser nicht gegeben hätte. Entsprechend waren meine Stimmung und das Wetter. Nieselregen im November. Ein Mittwoch, alles grau, feucht, unangenehm kalt. Es wurde schon dunkel, mehr Grau geht nicht. Alles zusammen. Ich war dabei, in meine Wohnung zu fahren. Und dann war auch noch der Bus weg. Ich hatte ihn noch aus der Parkbucht ausfahren sehen, das provokativ blinkende Rücklicht. Zwanzig Minuten an einer Bushaltestelle stehen, auf einem zugigen, riesigen Platz, ist echt ätzend. Kopfsteinpflaster, Pfützen zwischen den glänzenden Steinen und kalter Wind. An der kleinen Bushaltestelle, unter dem Dach, standen gedrängt und mit dem Abstand, der sich aus nassen Mänteln und Regenschirmen ergibt, isolierte menschliche Figuren. Also: Irgendwo unterstellen und hoffen, dass die Zeit schneller vorübergeht als sonst. Was sie nie tut, gerade dann nicht.

Dann kam der Moment, in dem ich den Laden betrat, der gleich hinter der Ecke zwischen Seminargebäude und Domplatz liegt. Ich hatte diesen Laden zuvor nicht bemerkt. Selbst wenn ich ihn bemerkt hätte, hätte ich ihn nicht betreten. Die Scheiben waren von innen mit Zeitungspapier zugehängt. Dort, wo sie ein Stück weit heruntergerissen waren, konnte man in den Laden hineinsehen. Er sah wie ein Antiquitätengeschäft aus. Alte Möbel, ein großer Schreibtisch mit einer Lampe, Bilder, alles Mögliche eben. An der Scheibe außen klebte ein Plakat: „Neueröffnung– Orientierung in allen Preisklassen, kurzfristig lieferbar!“ Als ich den Laden betrat, hatte ich keine Ahnung, was das sein sollte. Zumindest wusste ich, dass es draußen kalt, nass und unangenehm war. In solchen Situationen sind … also, ihr wärt da auch hineingegangen! Zumal es drinnen warm und vor allem ruhig war. Als die Tür hinter mir zugefallen war, wurde mir unmittelbar bewusst, wie laut, hektisch und besinnungslos es draußen war, an der Bushaltestelle direkt an der Kreuzung von Hauptverkehrsstraßen.

Ich stand in dem Laden. Obwohl er warm und ruhig war und freundlich aussah, fühlte ich mich plötzlich unwohl. Was suchte ich hier? Am Schreibtisch saß ein Mann, ein älterer Herr, der in einem Buch blätterte und, ohne mich anzuschauen, sagte: „Kommen Sie ruhig rein, schauen Sie sich nur um … eigentlich haben wir noch nicht geöffnet, aber das kann ja noch kommen!“ „Guten Tag, ich schaue mich nur um …“ flüsterte ich, um auch etwas zu sagen, worauf der Mann aber nicht reagierte. Der breite Schreibtisch, an dem er saß, lag voll mit Büchern, alten und neueren, dazwischen ein ziemlich neuer Computer. An den Wänden hingen in dichter Reihe Bilder: Landschaften, Porträts irgendwelcher Leute, Heilige. Stühle von unterschiedlicher Form und ein Sofa standen herum. Dass der Laden noch nicht fertig eingerichtet war, war unübersehbar. Hinten, in einer Ecke, waren größere Kartons und Umzugskisten aufgestapelt. „Kommen Sie wegen dem Aushang?“ fragte der Mann, „Welcher Aushang?“ erwiderte ich, „Wegen dem Job, der Aushang hängt an der Tür“ meinte er nur. „Den habe ich noch gar nicht bemerkt, das Schild“ antwortete ich nach einer Weile. An der Glastür, die ich beim Eintreten schnell hinter mir geschlossen hatte, hing tatsächlich ein Aushang. Er war nur von außen zu lesen. „Sie brauchen nicht wieder rauszugehen, auf dem Schild steht nur, dass wir eine Aushilfe suchen, eine studentische Hilfskraft. Schließlich kann ich nicht immer in dem Laden sitzen. Ich muss mich um die Ware kümmern und vor allem darum, dass Kunden kommen. Die Organisation macht sich auch nicht von alleine!“ So, wie es der Mann sagte, klang es sehr geschäftlich, distanziert, aber nicht unfreundlich. Mit Menschen, die man nie vorher gesehen hat, in Kontakt zu kommen, ist eine merkwürdige Angelegenheit. Eigentlich weiß man sofort, mit wem man es zu tun hat. Ob einem diejenige oder derjenige sympathisch ist und, was nicht so gemeint ist wie es klingt, in welche Schublade der Mensch gehört. Student, Bäckereifachverkäuferin, Vorlesungsassistent, Verwaltungsangestellte, aufdringlicher Macho, Lehrerin, Busfahrer, selbstverliebter Professor und so weiter. Für den Mann, der dort saß, hatte ich keine Schublade. Wenig Haare, aber noch nicht wirklich alt. Ein Sakko, aber nicht besonders elegant. Eigentlich freundlich, aber auch ein wenig auf Abstand, einladend, schon. Wenn ich in diesem Moment wieder gegangen wäre, dann hätte er kaum den Kopf gehoben. Ein bisschen wirkte er wie ein Professor oder wie ein Antiquitätenhändler.

„Wenn Sie zu Ihrem Bus müssen, gehen Sie ruhig! Vielleicht kommen Sie ein anderes Mal vorbei. Wenn Sie jemanden kennen, der Interesse an dem Job hat, empfehlen Sie uns weiter“, sagte nun der Mann, so freundlich wie ein Verkäufer in einem Möbelgeschäft. Es gibt Momente, in denen man alles gleichzeitig will, zum Bus gehen, erstaunt darüber sein, wieso der Mann den Job nochmal angesprochen hat, sich eben danach erkundigen und sich einfach nur wundern, wohinein man da geraten war. Kennt ihr das? Unschlüssig, was ich tun und antworten sollte, blätterte ich in einem Buch, das auf einem Regal lag, das gleich neben dem Eingang stand. Es schien ein psychologisches Buch zu sein, es ging offenbar um Stress, das ich nicht kannte. Etwas sagen musste ich. Aber unangenehm war mir die Situation, trotz aller Widersprüche, nicht. Sogar ein wenig spannend, wie wenn man einen Krimi liest. War der Mann ein Detektiv? „Also, um was für einen Job handelt es sich?“ Der Mann hob den Kopf, schaute mich an, lächelte: „Was hätten Sie denn gerne für einen Job?“ Es war mir vermutlich anzusehen, dass ich mit dieser Frage nicht gerechnet hatte. „Das wird später eine der Fragen sein, die in diesem Laden am häufigsten gestellt werden, dann, wenn er richtig in Betrieb ist.“ Was sollte ich sagen? „Na ja, mit flexiblen Arbeitszeiten, wegen meinem Studium, jedenfalls nicht immer bis Mitternacht … Und was muss ich tun?“ brachte ich noch heraus. „Und wieviel Sie verdienen wollen Sie sicher auch noch wissen?“ ergänzte der Herr. „Ja, selbstverständlich auch“ erwiderte ich, deutlich schüchterner als ich sonst bin, „wieviel zahlen Sie für die Stunde?“ „Gerne“, meinte der Mann und zeigte mit der Hand in Richtung des Sofas, das dem Schreibtisch gegenüberstand, „aber dann müssten wir zunächst darüber reden, worin die Tätigkeit besteht. Ihr Bus fährt in fünf Minuten. Sie müssen also hier und jetzt eine Entscheidung treffen: Entweder Sie nehmen Ihren Bus, was absolut o.k. ist, und kommen wieder oder auch nicht. Oder Sie bleiben jetzt da und wir unterhalten uns über diesen Laden und den Job, den ich anzubieten habe.“ „Mit Entscheidungen habe ich so meine Probleme“ sagte ich, ohne darüber nachgedacht zu haben.„Nicht nur Sie!“, sagte der Mann, etwas lauter und so, dass es fast fröhlich klang, „Genau darum geht es in unserem Laden! Um Entscheidungen, um Perspektiven, um Lebensperspektiven … wirklich ein tolles Angebot, aber ich will Sie nicht überreden zu irgendetwas. Das funktioniert langfristig nie. Also, wenn Sie zum Bus müssen, bitte gehen Sie.“ Was er aber so sagte, dass es fast wie eine Einladung klang. Gehen oder bleiben? Was hätte ich an diesem Abend in meiner Studentenwohnung noch gemacht? Vermutlich gar nichts. Im Internet gesurft, irgendetwas findet man ja immer, irgendwelche Freunde auf Facebook, die irgendetwas zu vermelden haben, was in dem Moment ganz nett ist, oder telefoniert, mit wem? Ich würde mir viele Gedanken machen, über das Studium, das ganz anders war, als ich es mir vorgestellt hatte. Sicher. Aber wozu das? Also bleiben?! Warum nicht. Das Risiko war überschaubar. Ich nehme dann also den nächsten Bus oder den übernächsten.

Im Laden war es angenehm warm, er sah nicht nur so aus, er fühlte sich auch ein wenig gemütlich an, obwohl alles noch ziemlich unaufgeräumt war. Aus jeder Perspektive sah der Laden anders aus. Ein großer, alter Schreibtisch, im Raum verteilte Stühle, und das mit rotem Stoff bezogene Sofa, das wie ein großes Schiff wirkte. Eine Studentin alleine mit einem älteren Herrn? Gefährlich wirkte der Herr auf mich in keiner Weise, eher nett, etwas verpeilt, so wie jemand, der alles Mögliche im Kopf hat, an das andere Leute nicht denken. Aber woher wusste er, dass ich zum Bus wollte? Das war nicht schwer zu erraten, schließlich lag die Bushaltestelle direkt vor der Tür. Zum Bus wollte ich jetzt erst einmal nicht mehr, sondern dableiben und darauf warten, was passiert. „Soll ich mich wirklich auf das Sofa setzen, mit meinem nassen Anorak?“ „Wie Sie wollen, der alte Bezug hält das bisschen Feuchtigkeit aus. Sie bleiben noch ein bisschen? Freut mich sehr.“ Ich setzte mich auf das Sofa, der Herr begann zu erzählen: „Ich glaube, am besten ist es, wenn ich kurz berichte, was es mit diesem Laden auf sich hat,“ der Herr saß auf einem alten Stuhl mit hoher Lehne, fast wie auf einem Thron, und schaute mich auf eine Weise an, wie es Väter gelegentlich tun, wenn sie etwas Wichtiges zu sagen haben, „ein bisschen jung sind Sie ja noch für den Job, aber das kann auch nichts schaden.“ „Sagen Sie schon, ich bin gespannt“ warf ich etwas ungeduldig ein, schließlich wird ein Gespräch erst dadurch zum Gespräch, dass alle Beteiligten etwas sagen. Ich hatte meine Tasche vor mich auf den Boden gestellt, zog meinen Anorak aus und legte ihn über die Seitenlehne des Sofas. Dann setzte ich mich aufrecht hin, so aufrecht, wie der Herr am Schreibtisch mir gegenüber saß. Es muss ein merkwürdiges Bild gewesen sein. Ich lächelte ebenfalls, weil mir das dazu passende Gefühl gekommen war. Vielleicht auch deshalb, weil die Situation ein bisschen komisch war. Sich gerade hinzusetzen, wirklich gerade, den Kopf hoch, hilft fast immer. Ich hatte keine Ahnung, worauf das Ganze hinauslaufen sollte, aber wie schon gesagt, unangenehm war es nicht. Ein bisschen wie ein Spiel? Kannte ich den Mann nicht schon seit langem? Ich war neugierig und entspannt zugleich. Wie in dem Moment, in dem jemand beginnt, einem eine schöne Geschichte zu erzählen.

Angebot und Nachfrage

„Es ist ganz einfach“, begann der Herr und dann, eine ganz andere Geschichte als die, die ich erwartet hätte, „wir analysieren den Markt. Wo eine große Nachfrage ist, da lohnt es sich zu investieren. Als nächstes braucht man dann eine gute Idee, wie sich die Nachfrage befriedigen lässt. Ein Produkt und eine Lösung, die für die Kunden attraktiv ist. Dann muss man strategisch vorgehen, eine Marktanalyse machen, ein Marketingkonzept erstellen und vor allem auch einen Investor finden. Man braucht Geschäftsräume, in denen sich die Geschäftsidee umsetzen lässt. Und man braucht gutes Personal, was heutzutage vielleicht das größte Problem ist. Nicht irgendwelche Menschen, die ihre Arbeitszeit vermieten, sondern die mit dabei sein wollen. Wenn man alles beisammenhat, dann kann es losgehen. So funktioniert die freie Marktwirtschaft.“ Einen Moment glaubte ich, in eine wirtschaftswissenschaftliche Vorlesung geraten zu sein, wobei der Tonfall, in dem der Herr seinen Text sprach, nicht ganz zu dem spröden Inhalt passte. „Und was soll ich dabei tun?“ direktes Nachfragen ist besser, als es wer weiß wohin laufenzulassen, dachte ich mir. Da bin in eine merkwürdige Geschichte hineingeraten! Die aber derzeit noch nebulös war, „Was soll hier verkauft werden? Bücher, alte Möbel, Antiquitäten?“ „Entschuldigung, ich versuche hier den Geschäftsmann zu spielen, der ich eigentlich nicht bin. Ich bin selber nur ein Angestellter, also: wir verkaufen, nein, keine Bücher oder Möbel! Wir sind so etwas wie ein Beratungsunternehmen, genauso wie es draußen auf dem Plakat steht: ‚Orientierung in allen Preisklassen, kurzfristig lieferbar!‘“ „Tut mir leid, das verstehe ich immer noch nicht, wirklich nicht“, entgegnete ich, etwas verwirrt und zunehmend ungeduldig, „Orientierung kann man doch nicht kaufen!“ „Schon, schon,“ widersprach der Herr, „aber viele Menschen würden sich heute gerne Orientierung kaufen! Orientierung ist genau das, was heute viele Menschen, gerade junge Menschen, unbedingt nötig haben. Vielleicht, wenn sie ganz jung sind, dann merken sie es noch nicht, aber dann später, nach und nach, da kann es geradezu weh tun, wenn man keine Orientierung hat!“ „Sie sagen den Leuten, den Kunden dann, was sie machen sollen?“, die Frage kam mir spontan, verbunden mit einem Gefühl, dass es hier vielleicht doch nicht so nett und seriös sein könnte, wie ich anfangs den Eindruck hatte. „Auf keinen Fall!“, erwiderte der Mann, „Da habe ich Sie aber gehörig erschreckt! Tut mir leid, es ist ziemlich kompliziert. Was wir anbieten ist schon so etwas wie eine Beratung, aber noch einiges mehr.“ „Also eine Art psychologische Beratung?“, fragte ich, das hätte dann wieder gut zu meinem Studium gepasst, genau zu den Vorstellungen, die ich von Psychologie hatte. „Durchaus, auch psychologisch! Vielleicht erklärt es das am besten. Wir beraten Menschen, die nicht genau wissen, welche Ziele sie haben und wie es in ihrem Leben weitergehen soll. Wir helfen ihnen, Entscheidungen zu treffen, die sie sonst nicht treffen könnten oder treffen würden.“ „Und Sie sind der Berater?“, diese meine nächste Frage lag nahe. Die Antwort, die der Herr gab, weniger. „Ich, mein Hund Quintus, der … wo ist er denn, also der Mops, der dort unten in seinem Körbchen schnarcht ...“, womit er auf einen kleinen Hund, einen Mops, zeigte, der unter dem Schreibtisch vor den Füßen des Mannes lag und der mir bis dahin noch gar nicht aufgefallen war. Merkwürdig, wo ich Hunde mag! Der beige-braune Mops sah mich mit seinen großen Augen an. Der Mann ergänzte:„Ein kluger Hund, der hat es in sich. Und dann gibt es natürlich noch weitere Mitarbeiter, die gerade nicht hier sind. Noch nicht. Und vielleicht auch Sie als Mitarbeiterin? Dass Sie Psychologie studieren schadet nichts, schließlich bedeutet es, dass Sie sich für Menschen interessieren. Und das ist genau die Qualifikation, die Sie hier brauchen!“ Meine schnell wechselnden, mal bestimmten und oft sehr unbestimmten Gefühle während dieses Gespräches kann ich kaum beschreiben. Einerseits war alles, die ganze Szene in dem Laden, ganz klar, glasklar. Andererseits war alles ein wenig wie in einem Traum. Nein, Fieber hatte ich nicht, Corona schon gar nicht. Der Mann war ebenso real wie der Hund, das Sofa, auf dem ich saß, und ich als Person, als Studentin Sophia, sowieso. Tiere sind immer real, nur Menschen spinnen gelegentlich, sagt meine Mutter. Oder war es eine Art Spiel, so wie „Verstehen Sie Spaß“, wo gleich aus der hinteren Ecke im Raum, wo sich eine Tür befand, eine Person, ein bekannter Schauspieler heraustritt und sagt, dass alles nur fürs Fernsehen inszeniert wurde und es sehr lustig sei, wie ich mich verhalten habe? Die Tür öffnete sich nicht. Der Mann bückte sich und streichelte Quintus. Dieser war damit offenkundig sehr einverstanden. Er legte sich auf den Rücken, streckte die Beine hoch und den Kopf nach hinten. „Das Wichtigste ist, dass sich die Kunden hier wohlfühlen. Zunächst, weil alles, was dann kommt, eben nicht einfach und auch nicht immer angenehm ist. Welche Erfahrungen haben Sie mit Entscheidungen gemacht?“ Wieder eine Frage, die ich nicht erwartet hatte, aber der Herr hatte sicher recht, sie zu stellen: „Mit Entscheidungen tue ich mich oft schwer. Ich war ziemlich glücklich, als ich den Psychologiestudienplatz bekam. Aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es das ist, was ich wirklich will.“ „Eben, eben“, erwiderte der Herr bedächtig, „genauso und noch viel schlimmer geht es vielen jungen Menschen. Wenn diese dann alle, nach und nach, den Weg in unsere Läden finden, dann können wir zufrieden sein, dann rollt …“ „… der Rubel!“ ergänzte ich. „Vielleicht auch,“ meinte der Herr ein wenig schelmisch, „aber das Wichtigste ist, dass hier und woanders etwas eine Richtung bekommt. Es mag sein, dass alle Richtungen gut sind, aber letztlich braucht jeder Mensch eben eine Richtung, und wenn er versucht, in mehrere zu laufen, dann kann das nicht funktionieren. Unser kleines Leben ist viel zu kostbar, um sich auf diese Weise zu paralysieren. Gleichwohl ist dies heute recht häufig. Sie wissen sicher, was ich meine. Um solchen Menschen zu helfen, ist unser Angebot, unser Programm da. Und weil es anstrengend ist, sollte es zum Ausgleich dazu wenigstens auch spannend sein. Um so etwas verkaufen und durchführen zu können, könnten wir Mitarbeiterinnen wie Sie gut gebrauchen! Ihre Aufgaben, zumindest am Anfang, sind, dass Sie bei der Organisation helfen, Termine koordinieren, am Telefon, auch per Mail, und die Kunden in Empfang nehmen. Für jeden Kunden muss ein Vertrag vorbereitet, es müssen Unterlagen sortiert werden. Mitunter verleihen wir an Kunden auch Bücher … und dann würde sich Quintus freuen, wenn Sie ihn ab und zu streicheln. Jetzt sieht er ganz friedlich und entspannt aus. Aber er hat eine ziemlich schlimme Vergangenheit und einiges an Potenzial, Sie werden es noch mitbekommen. Da kann er gar nicht genug Streicheleinheiten bekommen …“ Letzteres hätte der Herr mir nicht sagen müssen. Quintus war aufgestanden, stand vor mir und rieb seinen kräftigen Kopf, mit schwarzer Maske, Stupsnase und wunderschönen, runden braunen Augen, an meinem Bein. Ich streichelte ihn erst vorsichtig und dann sehr herzlich am Hals, „Ein total netter Hund, er mag mich!“ „Stimmt“, bestätigte der Herr, „das ist offensichtlich. Wenn Quintus Sie mag, dann haben Sie die Aufnahmeprüfung bereits bestanden!“ „Welche Aufnahmeprüfung?“, die Frage kam mir quasi automatisch. „Das habe ich nur so gesagt“, meinte der Mann, „aber es ist doch wichtig, dass man sich versteht und gut miteinander auskommt! Quintus ist diesbezüglich absolut unbestechlich, Sie werden es noch erleben! Kommen wir nun zum Geschäftlichen. Ich bräuchte Sie, wenn Sie möchten, zunächst einmal nur an zwei Nachmittagen die Woche. Sagen wir: montags und freitags? Sie kommen hier in den Laden, schauen, ob Kundschaft kommt. Sie machen Termine und laden die Leute, die sich im Laufe der Woche gemeldet haben, zu unseren Seminaren ein. Sie schicken ihnen Mails oder telefonieren. Dann führen Sie Listen, streicheln Quintus … und wenn die ersten Seminare anfangen, dann setzen Sie sich einfach dazu. Mit der Zeit finden Sie vielleicht Spaß daran und können dann nach und nach noch andere Aufgaben übernehmen.“ „Das ist alles?“, fragte ich auch deshalb erstaunt, weil es genau die Tage und die Zeiten waren, die ich gut unterbringen konnte. „Zunächst einmal, ja! Wenn unser Laden erst einmal angelaufen ist, dann schauen wir weiter. Bevor ich es vergesse, die Bezahlung … wie viel wollen Sie denn, das heißt, wie viel haben Sie denn beim Kellnern verdient?“ Für einen Geschäftsmann klang der Herr recht unbeholfen. Aber woher wusste er, dass ich gekellnert habe? Vielleicht hatte er mich gesehen, als ich in der Trompete gejobbt hatte. „Zwölf Euro die Stunde plus Trinkgelder“, wenn er wusste, dass ich gekellnert habe, dann kannte er sicher auch die üblichen Tarife. „Also, dann sagen wir 25 Euro die Stunde, macht 100 Euro für einen Nachmittag. Aber wie Sie das versteuern ist Ihre Sache.“ Der Herr schien erleichtert zu sein, den finanziellen Teil hinter sich gebracht zu haben. Er sah mich an, in Erwartung meiner Entscheidung. „Ich kann es ja mal versuchen“, was hätte ich sonst sagen sollen? Es klang nach einem Traumjob, meine finanziellen Engpässe wären damit erledigt. Aber die Umstände waren doch recht seltsam. Meine Zusage hatte ich gegeben und mir gleichzeitig ein Hintertürchen offengelassen, was im Moment sicher die beste Lösung für mich war. „Bingo, dann machen wir es so“, schloss der Herr diesen Teil des Gespräches ab, „Sie kommen am Freitag um 14 Uhr in den Laden und dann besprechen wir genauer, was zu tun ist. Und bevor ich es vergesse. Falls Sie den Laden nicht finden sollten, dann folgen Sie einfach Quintus, der bringt Sie sicher hierher! Ihr kennt euch ja bereits bestens.“ Natürlich habe ich auch diesen Satz gehört, aber darüber nachgedacht habe ich in dem Augenblick nicht. Ich streichelte Quintus, war mit der Welt zufrieden und saß schon lange nicht mehr so gerade und aufrecht wie am Anfang. Ich war entspannt und saß wie selbstverständlich, als wäre ich hier bereits zuhause, zurückgelehnt auf dem bequemen Sofa. Und neben mir lag Quintus. Auf das Sofa zu springen war für ihn überhaupt kein Problem.

Es klingelte. Der Herr zog sein Smartphone aus dem Sakko und begann ein Gespräch, in dem es um Vereinbarungen, Absprachen und Raummieten ging. Ich schaute mich derweil im Laden um, schließlich muss man irgendetwas tun, wenn man fast schon ein Mitarbeiter ist, und stellte ein paar der Bücher, die auf einem Regal herumlagen, sorgfältig auf. Das hätte meine Mutter sehen sollen. Nebenbei las ich einige der Buchtitel. Es gab psychologische Bücher, etwas zu Ambivalenzkonflikten. Es gab historische Bücher, etwas zur Zukunftsforschung und dann noch ein Buch, das „Gebrauchsanleitung für das Leben in der Postmoderne“ hieß. Nachdem die Bücher keine Preise hatten, waren sie wohl nicht zum Verkauf gedacht, sondern als Dekoration. Oder zum Lesen, für die Kunden? Aber wer liest solche Bücher? Studenten, die das im Seminar durchnehmen? Hinten, in der linken hinteren Ecke des Geschäftes, standen aufgestapelt mehrere Kartons und Umzugskisten. Ob da auch noch mehr Bücher drin waren? Quintus hatte sich wieder in sein Körbchen gelegt und schaute mich an, was soviel hieß wie, „Schön, dass du da bist.“ Und das war es auch. Als der Herr sein Telefonat beendet hatte und ich auf die Uhr schaute, bekam ich einen Schreck: „Ich muss los, mein letzter Bus ist vor fünf Minuten gefahren!“ „Keine Sorge, der hat heute zehn Minuten Verspätung. Wenn Sie jetzt rübergehen, ist es ganz entspannt. Es ist mir ein Vergnügen, Sie als Mitarbeiterin gewonnen zu haben. Es wird Ihnen sicher gefallen, Sophia, zumal Ihr Name gut zu dem passt, was wir hier machen. Dann also bis Freitag!“ Der Herr stand auf, ich zog meinen Anorak an. Er geleitete mich zur Ladentür, Quintus folgte ihm. Als ich wieder, nun tief in der Nacht, auf dem nassen, feuchten und noch kälteren Platz stand, hielt wenige Augenblicke später der Bus direkt vor mir. Ich stieg als einziger Fahrgast ein.

Die Geschichte mit dem Laden, hatte ich sie geträumt? Irgendwelche Beweise dafür, dass es Realität gewesen sein könnte, hatte ich nicht. Aber woher kannte der Herr meinen Namen? Vielleicht hatte er mich gesehen, beim Kellnern? Als der Bus um die Ecke fuhr, schaute ich zurück, aber der Laden war schon nicht mehr zu sehen. Vielleicht hatte der Herr die Lichter ausgemacht. Es war schließlich schon spät. In entsprechend merkwürdiger Stimmung kam ich in meiner Studentenwohnung an, die eigentlich ein Zimmer in einem Seniorenheim ist. Weil dort Pflegekräfte fehlten, Senioren gab es genug, wurden einige Zimmer an Studenten vermietet, also an Menschen, die keine Pflege brauchen. Da lag ich nun auf meinem Bett, schaute an die Decke und … freute mich auf Freitagnachmittag.

Mein erster Arbeitstag, eine Liste und einige Telefonate

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hatte ich keine Zeit nachzudenken. Es war ziemlich spät. Um neun Uhr musste ich zu einem Seminar. Also schnell fertigmachen, einen Kaffee trinken, heißes Wasser auf das Pulver, irgendetwas essen kann man auch später … und los. Was war von der Begegnung mit dem Herrn und Quintus, was war vom Laden übrig geblieben? Ein paar Eindrücke, Bilder und ein Gefühl, das schwer zu beschreiben ist. Ich würde es „Richtungsgefühl“ nennen, so wie der Zeiger auf einem Kompass, der eine Richtung hat und sie anzeigt. Damit weiß man automatisch, was links und rechts vom Weg liegt, was nötig ist und was weniger nötig ist. Statistik und Lernen für die Klausuren ist wichtig. Aufregung und Angst ist es nicht. Annas Großmutter war krank, sehr krank. Mich mit Anna zu treffen war auch wichtig, aber nicht ganz so wichtig wie Annas Großmutter. Mich nochmal mit Julian zu treffen, dem ich in diesem Moment am Uni-Eingang begegnet bin, war es nicht. Ich bin nach dem Seminar nach Monaten zum ersten Mal wieder laufen gegangen. Das Wetter war alles andere als angenehm, aber man bekommt einen klaren Kopf und lernen fällt danach leichter. Abends habe ich mit Anna, deren Stimmung ziemlich gedrückt war, bei mir gekocht. Und am Freitag, nach den Vorlesungen und einem Brötchen und einem Kaffee in der Uni-Cafeteria, machte ich mich auf den Weg zum Laden. An der Bushaltestelle kam ich jeden Tag vorbei, zwangsläufig. Rechts an der Kirche vorbei, gleich dahinter. Der Laden war nicht da. Als hätte ich es geahnt. Da, wo am Mittwoch die Schaufenster des Ladens gewesen waren, war jetzt eine Baustelle, ein Gerüst stand davor. Also hatte ich mir das Ganze nur eingebildet. Ein Traum, ein netter, skurriler Traum, aber weg, aus und vorbei. Eine Geschichte, die man niemandem erzählen kann, so absurd war sie. So stand ich eine Weile neben dem Baugerüst und versuchte hinter den dort aufgehängten Planen doch noch den Laden zu entdecken. Ich habe vorsichtig „Hallo“ oder etwas Ähnliches gerufen, schließlich will man sich ja nicht lächerlich machen. Die Kirchturmuhr schlug zwei. Das war es also. Aus der Traum. Ich drehte mich um, um in den nächsten Bus einzusteigen. Das saß er. Quintus. Direkt vor mir, auf dem Bürgersteig, und wedelte mit seinem aufgerollten Schwänzchen. Er sah mich auf eine unbeschreiblich selbstverständliche Art und Weise an, wie hätte ich nur daran zweifeln können. Er bellte kurz. Er stand auf, ging an der Baustelle vorbei, bog um die nächste Ecke und ich hinterher. Wir waren noch keine hundert Meter gegangen, als er erneut kurz bellte. Wir standen vor dem Laden, der ganz genauso aussah, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Nur dass es jetzt eben heller Nachmittag und noch nicht Abend war. Die Schaufenster waren nicht mehr mit Zeitungen verklebt, drinnen war alles erleuchtet und über dem Eingang war nun eine Leuchtreklame angebracht: „Orientierungsladen“.

Ich öffnete die Tür. Eine Ladenglocke, an die ich mich nicht erinnern konnte, schepperte und der Herr saß wieder hinter dem Schreibtisch. Er grüßte herzlich: „Schön, dass du da bist! Nein, keine Sorge, du warst doch pünktlich! Wegen der Baustelle musste ich den Laden hierher verlegen. Es passt nicht zu unserem Geschäft, es stört die Orientierung ungemein, wenn den ganzen Tag vor dem Fenster gestemmt und gebohrt wird! Ansonsten ist alles beim Alten … darf ich dir gleich die Schlüssel geben? Damit du das nächste Mal, auch wenn ich nicht da sein sollte, hereinkommen kannst“, der Herr zeigte auf einen Schlüsselbund, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag. „Damit müsstest du hier überall hineinkommen … und den Anorak, den kannst du dort hinten aufhängen.“ Rechts hinten im Laden, vor der breiten, geschlossenen Tür, stand jetzt ein Garderobenständer, an dem bereits ein Mantel, offenbar der des Herrn, hing. „Entschuldigen Sie“, begann ich, „ich habe ganz vergessen zu fragen, wer Sie sind.“ „Meine Schuld, meine Schuld“, entgegnete der Herr, „ich hätte mich selbstverständlich vorstellen müssen, und dass ich dich bereits geduzt habe, war auch nicht angemessen. Entschuldigung! Es ist halt alles noch ein wenig unsortiert, hier, in meinem Kopf und überhaupt. Wer ich bin, das ist eine schwere Frage, psychologisch und philosophisch gesehen. Könntest du sagen, wer du bist? Aber so hast du es sicher nicht gemeint. Nenn mich Max, Max Andereya. Ich habe die Ehre, diesen Laden hier von meinem Vorgänger übernommen zu haben. Er hat ihn vor siebzig Jahren eröffnet. Wobei der Laden seitdem nie wirklich gelaufen ist. Ziele und Orientierung verkauft man eben am besten, wenn viele Menschen Ziele und Orientierung nötig haben. Seinerzeit waren Ziele die reinsten Ladenhüter, entweder man hatte selber bereits welche oder konnte mit anderen Zielen praktisch nichts anfangen. Die Restbestände habe ich nun aus dem Lager geräumt, da hinten, in den Kisten, liegen noch ganze Stapel davon, einige ziemlich angestaubt und von Motten angefressen. Ich versuche sie zu restaurieren, wieder instand zu setzen, zumindest einige davon müssten auch heute noch brauchbar sein, ein paar dürften sogar Spitzenpreise erzielen. Vielleicht machen wir eine Auktion? Entschuldigung, wenn du, ich meine Sie, nichts dagegen haben, nennen Sie mich einfach Max … wenn ich Sie Sophia nennen dürfte?“ Ich hatte nichts dagegen. Natürlich nicht. Ungemütlich war mir nur, dass ich immer noch keine Ahnung hatte, was ich hier konkret tun sollte, wofür würde ich gut bezahlt werden? Geld einfach so zu bekommen ist eine merkwürdige Sache. Das geht gar nicht, würde Anna sagen. Recht hat sie. „Also, Max, mir wäre es wirklich wichtig zu wissen, was ich jetzt tun soll. Wissen Sie, weißt du, ich will mein Geld wirklich verdienen, sonst fühlt sich das für mich nicht gut an.“ „Sophia, das ist mir absolut klar, sonst hätte ich Sie auch gar nicht eingestellt! Ihr Nachmittag sieht wie folgt aus: hier ist eine Liste mit sechs Namen, alles junge Leute aus der Stadt, die meisten aus der Uni, die sich in den letzten Tagen bei mir gemeldet haben. Bitte rufen Sie sie an und laden sie für unser erstes Seminar am kommenden Montag ein, ab 14 Uhr hier im Laden. Wenn Sie eine Zusage bekommen haben, dann vermerken Sie dies bitte, tragen die Teilnehmer in der Liste ein und schicken ihnen eine Bestätigung per Mail. Es sollten für den Anfang mindestens vier Teilnehmer sein, damit wir das Seminar starten können. Wenn die Leute noch Fragen haben, hier …“, womit er mir eine bunte Broschüre überreichte, in etwa so groß wie ein Schulheft, „… darin müsstest du fürs erste alles Wissenswerte finden. Vielleicht lesen Sie sich das zunächst einmal durch und telefonieren dann. Ich habe gleich noch einen externen Termin und hoffe, spätestens gegen 18 Uhr wieder im Laden zu sein. Und Quintus lasse ich dir natürlich da. Einer muss ja auf das alles hier aufpassen!“ Der Herr, ich meine Max, stand auf. Er streckte sich, ging zum Kleiderständer, zog seinen Mantel an, machte vor mir eine angedeutete Verbeugung und verließ den Laden.

Ganz so hatte ich mir meinen ersten Arbeitstag nicht vorgestellt. Wobei ich nicht hätte sagen können, was ich mir überhaupt vorgestellt hatte. So wie man sich eine Arbeit eben vorstellt, wobei Überraschungen nicht gerade das sind, was Anfängern wie mir angenehm ist. Ich nahm die Broschüre, setzte mich auf das Sofa, begann zu blättern … und stand wenige Augenblicke später wieder auf. Die Ladentür im Rücken, das passt nicht. Man muss doch sehen, wer in den Laden kommt. Und auf dem Sofa sitzen und blättern, das machen Kunden, keine Mitarbeiter. Nachdem es zwar hinten im Laden ein paar Stühle gab, die aber auch kein angemessener Platz für mich als Mitarbeiterin waren, setzte ich mich an den Schreibtisch, auf den Stuhl, auf dem Max gesessen hatte. Auf diesem Stuhl sitzt man wie von selber aufrecht, was wohl mit dessen besonderer Form zu tun hat. Aber es ist nicht unangenehm. Ich legte die Broschüre vor mich auf die Schreibtischplatte und begann zu lesen. Auf der Titelseite stand „Orientierung in allen Preisklassen, kurzfristig lieferbar“. Darunter war ein Bild zu sehen, das dem Ganzen einen sehr professionellen, geradezu wissenschaftlichen Charakter gab.

Ich schlug die erste Seite auf und begann zu lesen.

Orientierung in allen Preisklassen, kurzfristig lieferbar!

Ihr Problem:

Das Leben ist schön: alles ist möglich!

Sie haben das geglaubt und dann folgende Erfahrung gemacht: Ein Leben, in dem alles möglich sein muss, ist fürchterlich! Niemandem ist alles möglich.

Jede Entscheidung bedeutet Verzicht auf etwas anderes.

Was langfristig die richtige Entscheidung ist, weiß vorher: niemand.

Nicht entscheiden ist eine Lösung. Kurzfristig.

Langfristig macht Nichtentscheiden krank.

Kurz: Sie wissen nicht, für was Sie sich entscheiden sollen … das lähmt, macht Angst und unglücklich.

Unsere Lösung:

Wir sagen Ihnen, wie die Welt funktioniert warum entscheiden so schwer fällt – nie war es schwerer als heute!

Wir machen mit Ihnen eine Reise in Ihre Vergangenheit und in Ihre Zukunft

und wenn das alles nicht helfen sollte,

begleitet Sophia Sie bei Ihrem persönlichen Rendezvous mit dem Säbelzahntiger.

Unser Preis:

wird individuell ausgehandelt.

Umsonst ist der Tod. Aber der ist bekanntlich das Letzte. Ihre Orientierung ist unser Erfolg.

Kontakt unter www.säbelzahntiger.de oder telefonisch

Was mich am meisten stutzig machte war, dass da mein Name groß und gedruckt zu lesen war. Und alles andere? Da hätte ich länger drüber nachdenken müssen, zumal das Thema mir nicht unbekannt war. War das nicht auch irgendwie mein Problem? Es hatte gerade für den Psychologiestudienplatz gereicht. Interessant ist Psychologie allemal, also fange ich mal an und wenn es nichts ist, dann bin ich ja noch jung genug, um etwas anderes zu versuchen. So hatte ich mein Studium vor zwei Jahren begonnen und so ähnlich war es bis heute geblieben. Vieles in dem Studium ist knochentrocken, man muss da durch… aber wohin man da kommt und ob man da überhaupt hin will, ist eine andere Sache. Mein Name und der Säbelzahntiger in einem Satz! Wenn das ein Witz sein sollte, ein Spaß, etwas, um Kunden anzulocken? Etwas anderes war kaum möglich. Die Ankündigung für eine Art Geisterbahn, durch die wir Menschen schicken, mit einem schaurigen Säbelzahntiger als Kulisse? Zähnefletschend, Blut, das an seinen Zähnen heruntertropft? Quintus war unterdessen auf das rote Sofa gesprungen, durfte er das? Ob er es durfte oder nicht, das spielte für ihn offensichtlich keine Rolle. Quintus wusste immer, was und wohin er wollte. Er schob mit den Vorderpfoten ein Kissen zurecht und lag nun, mir direkt gegenüber, in einer Art Nest, das er sich zwischen der Seitenlehne und dem Kissen geschaufelt hatte. Er war absolut entspannt und sah mich mit seinen großen Augen an, die ein wenig müde, ein wenig liebevoll und absolut zufrieden mit sich und seiner Umwelt wirkten. Wobei er gewissermaßen sagte „Mach du nur, was du tun musst, aber vergiss bitteschön nicht, mich gelegentlich zu streicheln“. Also bin ich aufgestanden und habe mich neben Quintus auf das Sofa gesetzt. Er schnupperte an meiner Hand. Ich streichelte ihn, erst vorsichtig hinter dem Kopf und dann ganz wild, wobei Quintus sein Nest zerwühlte, die Beine hochstreckte und in dieser merkwürdigen Haltung noch zufriedener mit der Welt war. Derart zufrieden, dass man gar nicht zufriedener mit der Welt sein kann. Aus der Sofaperspektive wirkte der Schreibtisch einerseits imposant und andererseits ein wenig unaufgeräumt, ein moderner Computerbildschirm, alte Bücher, Unterlagen und die Liste, die ich abarbeiten, abtelefonieren sollte. Nur sechs Namen …

Wer zahlt Geld für ein Seminar, in dem man erfährt, wie die Welt funktioniert? War Max dafür der Experte? Und kann man das nicht alles in jedem Geschichtsbuch nachlesen und googeln? Job ist Job. Ich stand vom Sofa auf, setzte mich an den Schreibtisch, nahm die Broschüre in die Hand und stellte mich darauf ein, eine zuverlässige, überzeugende Mitarbeiterin des Orientierungsladens zu sein. Hinter mir schlug eine Uhr, eine alte Standuhr, es war gerade fünf Uhr geworden. Schon spät, zu spät? Ich drehte mich um und sah auf das von goldenen Figuren umrahmte Ziffernblatt, über dem ein Segelschiff im Sekundentakt hin und her über die Wellen zu fahren schien. Das Pendel der Uhr sah man nicht, es war in einer Art Schrank eingeschlossen. Umso deutlicher hörte man die Uhr ticken, sobald man hinhörte. Eine Sekunde, noch eine Sekunde … was war aus den immerhin drei Stunden geworden, die ich bereits in dem Laden saß? War ich in Gedanken derart abgetaucht gewesen, irgendwohin, oder nur müde von den letzten Tagen? Quintus, der sich am liebsten unendlich streicheln ließ, war auch ein wenig schuld, aber was hätte ich sonst tun können? Punkt. Ich war hier, weil ich dafür Geld bekam! Und so nahm ich die Liste, die schräg vorne auf der Schreibtischplatte lag, griff zum Telefon, das ebenfalls auf dem Schreibtisch stand, gleich neben dem Computerbildschirm, und wählte die erste Nummer des ersten Kandidaten: Michael A.

Die Telefonliste

Kaum hatte ich gewählt, war Michael A. auch schon dran. Offenbar ein Junge, ein junger Mann. Ja, er war gestern in dem Laden gewesen, gleich hinten am Marktplatz und hatte mit dem Herrn – also mit Max – geredet. Der habe ihm von dem Seminar erzählt. Eigentlich müsste er für die Schule lernen, für sein Abi, er sei scheußlich schlecht. Aber, kommenden Montag, natürlich werde er kommen, ab 14 Uhr, gerne. Was es kostet konnte ich ihm auch nicht sagen, das musste er mit Max verhandeln … aber vielleicht zahlt es ja die Krankenkasse? Man könne es mal versuchen. Zumindest war das die Idee von Michael. Ich fand ihn ganz nett, verabschiedete mich, schrieb seinen Namen auf die Teilnehmerliste und war mit mir und dem Ergebnis meiner ersten Arbeitsaufgabe zufrieden. Ein leichter Job …

… eine Einschätzung, die bereits beim zweiten Anruf einen Dämpfer erhielt. Erst ging Xenia B. nicht dran. Es dauerte lange, einige Minuten, bis sich jemand meldete, den ich dann kaum verstand. Sie sprach langsam, leise. Es klang verschlafen, obwohl wir ja schon mitten am Nachmittag waren und es auf den Abend zuging. Ach, das Orientierungsseminar? Ja, den Herrn fand sie ganz niedlich, was das für ein Typ sei? Eigentlich stehe sie ja nicht auf alte Typen, die ihr Vater sein könnten. Das Gespräch mit Xenia war nervig, wir plauderten, das heißt ich bemühte mich, das Gespräch freundlich weiterlaufen zu lassen, schließlich brauchte ich Teilnehmer. Aber ob sie am nächsten Montag kommen könne, das könne sie noch nicht sagen. Das hänge davon ab, wie sie sich dann fühle. Heute fühle sie sich jedenfalls nicht gut, wegen der Schule, wegen ihrer blöden Eltern und so weiter. Vielleicht gehe sie noch auf eine Party, zu Freunden … am Montag? Vielleicht. Aber versprechen wolle sie nichts, schließlich könne sie sich nicht festlegen. Ich solle sie bitte in Ruhe lassen, schließlich habe sie schon Stress genug … Kennt ihr solche Leute? Ich wurde nervös, weil ich noch andere Telefonate machen musste und auch nicht wusste, ob ich Xenia nun in die Liste aufnehmen sollte oder nicht. Letztlich war mir klar, dass diese Xenia nicht kommen würde, zumindest nicht pünktlich. Was auch immer Max für ein Seminar machen würde, mit Xenia als Teilnehmerin würde das nichts. Wollen wir so eine Teilnehmerin im Seminar überhaupt haben? Ich hatte sechs Leute auf der Liste, vier brauchte ich. Also habe ich Xenia gesagt, sie solle es sich noch überlegen und mich in der nächsten Stunde zurückrufen, wenn sie denn kommen wolle. Und habe dann, nach ein paar weiteren freundlichen Worten, aufgelegt. Ich habe nie wieder etwas von Xenia gehört. Den Namen auf der Liste hatte ich gleich nach dem Telefonat durchgestrichen, dick durchgestrichen, wobei ich zunächst wütend auf die dumme Ziege war und dann ein schlechtes Gewissen bekam. Wenn jemand Orientierung nötig hätte, dann doch solche Gestalten wie Xenia?

Der dritte Anruf war noch merkwürdiger. Ich wollte Alexandra C. sprechen. Am Telefon hatte ich aber ihre Mutter, die mir erklärte, dass Alexandra keine Zeit habe, weil sie für die Uni lernen müsse. Alexandra habe ihr, der Mutter, zwar etwas von einem Seminar zur Orientierung berichtet. Von einem netten Gespräch, das sie mit einem älteren Herrn, einem Agenten, geführt hatte, in dessen Büro gleich hinten am Uni-Parkplatz. Nachdem die öffentlichen Verkehrsmittel zu unsicher und unzuverlässig sind, holt sie nämlich die Tochter jeden Tag dort ab. Treffpunkt: Uni-Parkplatz. Aber wie gesagt, Alexandra habe keine Zeit, schließlich müsse sie lernen, damit sie ihr Psychologiestudium schafft und später eine leitende Position einnehmen kann, so wie ihr Vater. Als die Mutter dies recht ausführlich schilderte, wonach ich gar nicht gefragt hatte, da kam mir eine Idee, eine vage Vorstellung, wer diese Alexandra sein könnte. Ein blasses, braves Mädchen, das mit keinem von uns Studenten Kontakt hatte und wenn, dann dadurch auffiel, wie offensichtlich brav und unübersehbar blass sie war. In jeder Hinsicht. Hatte ich sie nicht schon mehrfach gesehen, nach den Vorlesungen? Dass Max sie zu dem Orientierungsseminar eingeladen hatte, war sicher sinnvoll. Aber die Agentur am Uni-Parkplatz, passte das? Die Mutter von Alexandra war jedenfalls hinreichend orientiert und entschieden, was ihre Tochter anbelangte. Eine Diskussion mit ihr war offenbar ebensowenig möglich wie ein Gespräch mit Alexandra. Mir blieb nichts anderes übrig, als auch diesen Namen durchzustreichen. Das Durchstreichen und mein Mitleid mit Alexandra waren nur ein Teil des Problems. Bedenklich war, dass die nun folgenden vier Anrufe erfolgreich sein mussten, damit der Kurs beginnen konnte.

Schon deshalb war ich nicht entspannt, als ich die vierte Nummer wählte: Karolin D., was dann aber ein total nettes Gespräch wurde. Sie ging gleich ran und erinnerte sich sofort an das Gespräch, das sie mit dem Herrn geführt hatte, der sein Büro gleich neben dem Konservatorium hatte. Dem Konservatorium, wo sie im Pre-College Cello studierte, parallel zur Schule. 14 Uhr am Montag, das könne sie einrichten. Sie müsse dann aber spätestens um 16 Uhr weg, um noch üben zu können und die Hausaufgaben zu machen. Dass ich Karolin mochte, wusste ich sofort. Aber warum Max dieses überaus dynamische Mädchen zum Seminar eingeladen hatte, das verstand ich nicht. Wenn jemand weiß was er will, dann absehbar Karolin, gleichermaßen klar, freundlich und bestimmt, mehr geht gar nicht. Ich freute mich darauf, Karolin kennenzulernen, sagte es ihr auch und verabschiedete mich dann schnell, um die nächsten Telefonate zu machen. Karolins Name trug ich in die Liste ein und malte ein kleines Ausrufezeichen hinter ihren Namen.

Das fünfte Telefonat war nicht so schwungvoll wie das vierte, aber immerhin. Es dauerte zwar ein wenig, bis Arndt E. abhob, aber dann lief alles reibungslos. Er ging noch ins Gymnasium, hatte aber eine tiefe, klingende Stimme wie ein deutlich älterer Mann. Wobei er aktuell ein wenig außer Puste war. Offenbar nicht, weil er zum Telefon gerannt war, sondern weil er vom Fußballtraining kam, was er dann auch gleich berichtete. Wobei er allerdings frustriert sei, weil er nach seinem Unfall, etwas mit dem Knie, noch nicht richtig wieder in Schwung gekommen sei. Ja, an das Seminar, an das Gespräch mit dem Herrn, den sein Fußballtrainer ihm vorgestellt hatte, konnte er sich gut erinnern. Schon deshalb, weil ältere Herren im Sakko eigentlich nie auf dem Trainingsplatz auftauchen. Ein merkwürdiger Typ, sicher, aber nett. Am Montag, es passe ihm eigentlich nicht, weil er ins Training müsse oder wolle, aber doch, er werde es einrichten. Ich könne mich darauf verlassen. Am Montag im Laden, ja, die Adresse hatte er schon von dem betreffenden Herrn im Sakko bekommen. Und so kam auch der Name von Arndt auf die Liste–wenn es so weiterging, super Job!

Ganz so super ging es nicht weiter. Der nächste Name auf der Liste war eine gewisse Sabrina F., die aber nicht zuhause war. Auch in diesem Fall hatte ich wieder eine Mutter am Apparat, die nun allerdings gar nicht bestimmt, sondern traurig klang. Nein, Sabrina sei nicht zu sprechen, ich würde zu spät anrufen. Ja, von dem Gespräch mit dem Herrn und dem Seminar hatte Sabrina erzählt. Es sei wohl ein Beratungsgespräch in der Schule gewesen, in der Sabrina gerade die zwölfte Klasse wiederholte, weil sie es wegen der Essstörung, der Magersucht beim ersten Mal nicht geschafft hatte. Zu viele Fehlzeiten. Und jetzt musste sie wieder in die Klinik … die Mutter werde ihr Grüße ausrichten, wenn sie wieder zuhause sei, dann werde sie sich sicher bei mir melden. Aber wann das genau sein werde, hoffentlich bald, wisse sie nicht. Das letzte Mal hatte es fast drei Monate gedauert. Gehalten habe es nur ein paar Wochen. Die Mutter erzählte und erzählte, so dass es mir kaum möglich war, das Gespräch auf eine irgendwie nette Weise zu beenden. Ich sagte ihr etwas, was sie beruhigen sollte. Sabrina werde es sicher schaffen, ich würde sie gleich für das nächste Seminar vormerken, wofür sich die Mutter sehr bedankte. Aber am nächsten Montag, der Termin sei leider für die Tochter ganz und gar unmöglich, dazu müsste Sabrina mindestens acht Kilo zunehmen, sagten die Ärzte. Wobei sich die Mutter nicht erklären konnte, wie Sabrina überhaupt in die Magersucht hineingeraten sei, weil sie immer ein braves und kluges Kind gewesen sei. Ich wiederholte meine tröstenden Worte, die viel zu leicht gesagt klangen, versprach in ein paar Wochen nachzufragen … und legte endlich auf.