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Feminismus ist die Superpower des 21. Jahrhunderts! Denn feministische Ideen verbessern das Leben von uns allen, egal welchem Geschlecht wir uns zuordnen. Im Lila Podcast sprechen Laura Lucas, Katrin Rönicke und Lena Sindermann regelmäßig über weibliche Selbstbestimmung, gesellschaftliche Machtverhältnisse und die bitteren Tränen des Patriarchats.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Katrin Rönicke, Lena Sindermann& Laura Lucas
Weich bleiben inharten Zeiten
Intro: Feminismus für alle – Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
1. Take: Vom Fooling her ein gutes Gefühl – Über Emotionalität und Rationalität im Patriarchat
Was heißt hier emotional?
Wer wird denn gleich emotional werden?
Wir können nicht nicht emotional sein
We listen and we don’t judge: Jedes Gefühl darf sein
„Hass, Frau – Du nichts, ich Mann”: Emotionen und Geschlecht
Verstand gut, Gefühle schlecht
Die eine, die immer lacht: Emotionen im Wahlkampf
Gute, alte Tradition: Frauen verrückt machen
Irren ist menschlich, Frauen sind’s nicht
Darf sie so? Die Role Congruity Theory
Zum Totlachen: Angst vor Heiterkeit
Politik machen die Gefühle
Abgestraft: Die wütende Schwarze
Crazy but normal: Emotionen in den Medien
Emotional? Rational? Beides!
Ich fühl’s nicht: Warum Emotionen stärker sind als Fakten
Lass ma’ emotional werden: Narrative des Gewinns
Es könnt’ alles so einfach sein, ist es aber nicht
Gute Aussichten: Das neue Normal
2. Take: Wie redet ihr denn?! – Sprache zwischen Inklusion und Irritation
Ich geb dir mein Wort: Über richtige Begriffe und wichtige Begriffe
Weil ich es so sage: Über Sprache, Macht und Emotionen
Mitgehört: Männergespräche
Überleg mal, was du sagst: Warum Sprache politisch ist
Da fehlen dir die Worte: Vom Mitreden und Missverstehen
Das haben wir immer schon so gesagt: Das generische Maskulinum
Hör mal, wer da spricht: Vom Privileg, zu bezeichnen
Was sag ich da jetzt? – Die eigene Sprachpraxis finden
Wertfrei zuhören und Wohlwollen
Neugierde und Demut
Selbstbestimmung
Pragmatismus
Transparenz
Ach, hör doch auf! – Hasswort „Identitätspolitik”
3. Take: Kritik und Solidarität
Medial verstärkter Rechtsruck
Die Silvesternacht 2015 in Köln
#ausnahmslos
Feministische Ent-Solidarisierung
Exkurs: Critical Whiteness
Solidarität vs. Faschismus
Triggerpunkt „trans sein”
Exit Racism & Capitalism
Mitten im Backlash
Exkurs: Weißer Feminismus
Kritik ist Liebe
4. Take: Männer lieben: Zwischen Begierde und Aversion
Harte Schale, weicher Kern?
Ist doch alles nicht so gemeint!
Kritische Männlichkeit: Mehr Fluch als Segen
Aus dem Klischeekatalog
Exkurs in meine Libido
Ist das nicht romantisch?
Wir erwarten zu wenig
Wie läuft’s bei den Queens?
Das Patriarchat ist kein Naturgesetz
5. Take: Vergessener Klassenkampf
Zwickmühle
Links im eigenen Dunstkreis
Kapitalismus, voll normaaal
Klassenbewusst
Wir (ver-)erben Selbstwert!
Gewollte Armut
Leerstelle Klassismus
Bürger und Proleten
6. Take: Feminismus vs. Kapitalismus
Nie wieder arm
Plötzlich Kapitalistin
Das Problem mit der Gewinnmaximierung
Sind Milliardäre Antifeministen?
Alternative ökonomische Modelle
Gemeinwohlorientierung und Umverteilung
Kritik der Machtverhältnisse
Füllhorn statt Knappheit
7. Take: Spieglein, Spieglein – Über Schönheit und Hass
Bin ich noch zu ficken?
Woran liegt das?
Radikal, kämpferisch und unzivilisiert
„Disabled bodies are summer bodies!”
Hier bekommen Sie Ihr Fett weg!
Hauptsache gesund
Normal oder normativ?
„Du willst ein Body? Dann musst du pushen!”
Tränen des Patriarchats
8. Take: Sexarbeit: Lust, Last und Legitimation
„Stolze Schlampen”
Pay for your porn!
#NotyourPorn
Back to business: Sex sells
Wer die Wahl hat
Sexkaufverbote
In welcher Welt willst du leben?
9. Take: Auch Jüdinnen*Juden brauchen Allys
2000 Jahre alte Vorurteile
Der 7. Oktober 2023
Exkurs: Warum ist die BDS-Kampagne antisemitisch?
Legitime Kritik an Israel oder Antisemitismus?
Antisemit*in? Ich?!
Dämonisierung, Überlegenheit, Privilegierung
Antisemitismus vs. Antirassismus
Und jetzt?
Feature, not a bug
Oberste Maxime: Das friedliche Zusammenleben
10. Take: Biologismus nervt, PMS aber auch – Brauchen wir einen Ambiguitätsfeminismus?
Die Natur, die Biologie und wir
Die Sache mit dem biologischen Geschlecht
Das gegenderte Gehirn
Brauchen wir einen Ambiguitätsfeminismus?
Outro: Warum wir niemals fertig sind
Credits
Glossar – Zum Nachschlagen
Literaturverzeichnis
Endnoten
Die Autorinnen:
Lena Sindermannforscht im Rahmen ihrer Promotion zu geringer Literalität bei Erwachsenen und strukturellen Bildungsungleichheiten. Ihr Studium der „Interkulturellen Kommunikation und Bildung” ergänzte sie durch vielfältige Projekte in den Bereichen Bildung, Demokratie und Inklusion. Zum Lila Podcast kam sie 2020.
Laura Lucasschreibt und macht Podcasts. Zum Lila Podcast kam sie 2020. Als freie Autorin arbeitet sie unter anderem für das Medienmagazin Übermedien oder den Kinderpodcast Kakadu von Deutschlandfunk Kultur. Sie brennt für Feminismus, Psychologie und Adultismus-Kritik.
Katrin Rönickehat den Lila Podcast 2013 ins Leben gerufen. Sie schreibt Bücher über Emanzipation und Sex – zuletzt erschien ihre Biografie von „Beate Uhse. Ein Leben gegen Tabus”. 2017 gründete sie zusammen mit Susanne Klingner das Podcastlabel „hauseins”. Seitdem war und ist sie unter anderem bei Audible, Deutschlandfunk Kultur und als Host der „Wochendämmerung” zu hören.
Hi! Willkommen bei Feminismus für alle. Ihr lest den Lila Podcast – heute mit: Katrin, Laura und Lena. Normalerweise sprechen wir über Feminismus – für dieses Buch durften wir über Feminismus schreiben. Schön, dass ihr dabei seid!
Wir leben in harten Zeiten. Zeiten, in denen feministische Errungenschaften nicht nur angegriffen, sondern aktiv zurückgedrängt werden. Während rechtspopulistische Bewegungen erstarken, werden Abtreibungsrechte eingeschränkt, die Gender Studies diffamiert und Schutzräume für marginalisierte Gruppen systematisch abgebaut. In sozialen Medien breiten sich Misogynie und digitale Gewalt aus, während organisierte Kampagnen gezielt feministische Stimmen zum Schweigen bringen sollen. Die Versuchung, härter, lauter und kompromissloser zu sein oder zu werden, scheint allgegenwärtig. Doch gerade jetzt brauchen wir eine andere Form des Widerstands: eine, die Verletzlichkeit zulässt, Solidarität stärkt und das Weiche als revolutionäre Kraft begreift.
Unser Podcast steht für eine inklusive, niedrigschwellige, unaufgeregte und trotzdem kritische Auseinandersetzung mit den Herausforderungen im Patriarchat. Gemeinsam lernen wir, Stereotype, Ungleichheiten, Diskriminierung und Gewaltstrukturen zu erkennen und: sie zu überwinden. Wir greifen aktuelle Debatten und Ideen auf, bilden uns eine Meinung und teilen sie. Vor allem aber stellen wir Fragen: Was passiert da gerade? Warum? Geht das auch anders? Oder kann das ganz weg? Mal setzen wir uns vors Mikro, um zusammen laut zu denken; mal laden wir uns jemanden mit Expertise ein oder lassen Menschen ihre Geschichten erzählen. In diesem Buch wollen wir euch daher ein wenig von uns erzählen und ergründen, wie feministische Praktiken im 21. Jahrhundert aussehen und wie sie gelebt werden können.
In einer zutiefst patriarchalen Gesellschaft lässt sich so gut wie alles durch die feministische Brille betrachten. An Themen mangelt es uns nie! Auf den folgenden Seiten greifen wir einige wenige heraus, die uns persönlich bewegen. Dabei wechseln wir uns ab: Mal schreibt Lena, mal Laura, mal Katrin. Und manchmal, so wie jetzt gerade, schreiben wir alle drei gemeinsam. Manche von euch hören unseren Podcast schon lange, andere fangen gerade erst an, sich mit Feminismus zu beschäftigen. Für euch alle ist dieses Buch. Das bedeutet, dass manche Leser*innen mehr Vorwissen mitbringen als andere. Wir versuchen, dieser Herausforderung mit einem Glossar zu begegnen. Wer bereits fließend Feminismus spricht, braucht sich nicht lange mit Begriffserklärungen aufzuhalten, aber wer mag, blättert beim Lesen nach hinten und setzt die Lektüre anschließend fort. Wir erheben mit diesem Buch keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Feminismus ist komplex. Feminismus sind viele. Wir wissen auch nicht alles und begreifen uns als lebenslang Lernende. Trotzdem wollen wir – wie es unser Name verspricht – Feminismus für alle machen. Dahinter steht die Überzeugung, dass Feminismus tatsächlich für alle gut ist. Und ja, auch für Männer. Gleichzeitig können wir aber nicht wirklich für alle sprechen, denn es ist unmöglich, alle Perspektiven abzubilden. Trotzdem wollen wir es versuchen: im Sinne einer demütigen Annäherung.
Als Podcasterinnen wollen wir Fürsprecherinnen sein, wo immer es nötig ist, und Menschen für sich selbst sprechen lassen, wo immer es geht. Diese Haltung ist auch in unser Buch eingeflossen. Was bedeutet das konkret? Es bedeutet zum Beispiel, dass wir alsweiße Autorinnen Rassismus als unser Problem betrachten: Nicht Schwarze Menschen, nicht People of Colorsind dafür verantwortlich, Rassismus aus der Welt zu schaffen – sondern diejenigen, die ihn reproduzieren, ob nun absichtlich oder nicht. AuchMisogynie oder Sexismus lassen sich nicht überwinden, wenn Männer diesen Kampf nicht als ihren eigenen verstehen. Es geht im Feminismus eben nicht (nur) darum, dass Marginalisierte sich in Betroffenengruppen organisieren und solidarisieren, sondern darum, dass die sogenannte Mehrheitsgesellschaft als großes Ganzes die Anliegen marginalisierter Gruppen zu ihren eigenen Anliegen machen muss. Und genau das ist unser Ziel.
Dabei machen wir Fehler. Im Feminismus liegen theoretischer Anspruch und praktische Realität manchmal auseinander – eigentlich ziemlich oft sogar. In den letzten Jahren haben wir viele gute Ideen kennengelernt, tolle Menschen getroffen, die unser Denken vorangebracht und unser Weltbild geweitet haben. Trotzdem aber fallen wir manchmal in alte Muster zurück, stolpern in Fettnäpfchen und lassen uns vom Patriarchat austricksen. Auch wir hadern mit unseren Körpern, ringen um die richtigen Begriffe und sind ab und zu ratlos. Auch wir beobachten uns manchmal selbst und denken: Das war jetzt irgendwie unfeministisch. Diskriminierungssensibel zu leben und zu handeln, ist harte Arbeit. Wie für jede Arbeit gilt aber: Better done than perfect. Wir glauben, dass Ehrlichkeit und echte Fehlerkultur uns allen an den kniffligen Stellen helfen. Es bringt nichts, perfekt sein zu wollen. Perfektionismus schützt nicht vor Kritik, sondern er schottet uns von ihr ab.
Viel zu oft wird die feministische Bewegung auf Streitfragen reduziert: Sexarbeit oder Prostitution? Kopftuch: ja oder nein? Emotional oder rational? Sorgearbeit oder Liebe? Mit oder ohne Männer? Gleich oder anders? Dafür oder dagegen? Dies oder das? Richtig oder falsch? Als wäre eine glasklare Haltung zu allem immer möglich! Wir wollen genauer hingucken – und finden uns nicht selten in einem Dazwischen wieder. Wir glauben, dass es uns alle weiterbringt, wenn wir Widersprüche und Gleichzeitigkeiten hin und wieder aushalten. Und dafür gibt es sogar ein Wort: Ambiguitätstoleranz.
Dieses Buch verstehen wir als eine Übung in Ambiguitätstoleranz. Für uns, die wir es geschrieben haben – und für euch, die ihr es lest. Es wird immer Ungerechtigkeiten geben, gegen die sich Feminist*innen zur Wehr setzen. Es wird immer Ungerechtigkeiten geben, die übersehen werden. Und es werden immer wieder neue junge Menschen kommen, die sich mit Feminismus und feministischer Theorie auseinandersetzen und ganz vorne anfangen. Auch deshalb, weil feministisches Wissen immer wieder aus dem Bildungskanon verdrängt wird. Womit die ganze Geschichte auch immer wieder von vorne beginnt und wir immer wieder neu erklären und erkunden müssen, was wir vor Jahren schon als selbstverständlich und allgemein bekannt betrachtet hatten.
Nun aber los. Den Anfang macht Laura.
„So how do we change minds?
A change in feelings changes minds.“
Brian Eno
Ich sag’s, wie’s ist: Männer werden nicht emotional. Für alle, die jetzt gerade das Buch noch einmal zugeklappt haben, um zu gucken, ob es hier wirklich um Feminismus geht: Japp, ihr seid hier richtig. Ich sage es gerne noch einmal: Männer werden nicht emotional.
Sie sind es.
Bei genauerer Betrachtung werden sogar permanent öffentlichkeitswirksam Gefühle verhandelt. Nur gibt das kaum jemand gern zu, vor allem Männer nicht. Und das ist ein Problem. Warum? Weil das Innere politisch ist – und umso heftiger nach außen dringt, wenn wir es nicht betrachten. Also: Lasst uns über Gefühle reden.
Damit es nicht gleich am Anfang schon zu komplex wird, nutze ich die Begriffe Emotion und Gefühl synonym, weil sie auch in der Alltagssprache meist so gebraucht werden. In der Fachliteratur werden die Begriffe differenzierter betrachtet und diskutiert. Wir könnten uns, vereinfacht gesagt, Emotionen als automatisch ablaufende, körperliche Reaktionen auf innere wie äußere Reize vorstellen – und Gefühle als bewusste Wahrnehmung oder Interpretation dieser Emotionen.1 Ob wir Gefühle und Emotionen getrennt betrachten oder nicht, für beide gilt dasselbe: Sie entstehen im Gehirn. Und wir alle haben sie, völlig unabhängig vom Geschlecht. Trotzdem wird Frauen noch immer gern unterstellt, dass sie emotionaler seien als Männer. Und wisst ihr was? Ich glaube, das stimmt sogar auf eine gewisse Art: Die meisten Frauen sind emotionaler als die meisten Männer. Nur kann ich darin keine Beleidigung erkennen. Sie sind halt in puncto Emotionen nicht genauso zugerichtet.
Auch ich habe in meiner Kindheit ständig Sätze zu hören bekommen wie „Stell dich nicht so an“, „Was hast du denn jetzt schon wieder?!“ oder „Nimm dir doch nicht immer alles so zu Herzen“. Meine Gefühle sind dadurch natürlich nicht auf wundersame Weise verschwunden. Stattdessen begann ich, an meiner Wahrnehmung zu zweifeln. Dabei war Traurigkeit in meiner Familie noch halbwegs gestattet: Sie wurde zwar belächelt, aber immerhin nicht bestraft. Anders sah das aus, wenn ich wütend wurde. Wut machte meine Eltern … wütend. Sie reagierten – wie in den Neunzigern noch durchaus üblich – mit Drohungen, mit Liebesentzug, mit Schweigen, mit Zimmerarrest. Nach einer Weile hatte dann alles wieder gut zu sein. Beim Abendessen lächelten wir uns an und ich versuchte, das seltsame Gefühl in meinem Bauch zu ignorieren. Ich wurde nicht mehr wütend. Ich wurde nur noch traurig. Als Kind und Jugendliche weinte ich viel. Auch in Situationen, in denen Wut eigentlich viel angebrachter gewesen wäre. Dieses Muster behielt ich bis ins Erwachsenenalter bei.
Frühling in Berlin. Ich habe Geburtstag, bin jetzt 26 Jahre alt. Ich sitze mit meinem Freund auf einer Bank am Landwehrkanal. Ich entdecke einen kleinen Marienkäfer, der sich auf dem warmen Holz sonnt. Ich freue mich über den Anblick. Mein Freund holt aus und erschlägt den Marienkäfer. Einfach so. Ich bin entsetzt, aber unfähig, Wut zu empfinden. Stattdessen weine ich. Ein Streit entwickelt sich. Irgendwann flehe ich meinen Freund an, er solle nicht mehr sauer sein, immerhin sei doch heute mein Geburtstag. Er antwortet: „Ist mir scheißegal, dass du Geburtstag hast, du Fotze.“ Es braucht noch einige Monate und mehrere Anläufe, bis ich mich von ihm trenne. Wenn ich heute, zehn Jahre später, an die Szene am Landwehrkanal zurückdenke, frage ich mich manchmal, wie wir auf die Leute um uns herum gewirkt haben mögen. Wer von uns beiden wurde wohl von den Umstehenden als emotional wahrgenommen? Wer als rational? Mein damaliger Freund verzog keine Miene. Er saß ganz ruhig da. Ich hingegen war aufgebracht, weinte und gestikulierte.
Es gibt da ein grundlegendes Missverständnis, dem vielleicht die allermeisten Menschen aufsitzen: Es besteht in der Vorstellung, Emotionalität und Rationalität ließen sich voneinander trennen und abwechselnd an- und ausknipsen. Die Wahrheit aber lautet: Menschen können nicht nicht emotional sein. Oder, um es mit den Worten der Neurowissenschaftlerin Maren Urner zu sagen: „Genau genommen sind wir nichts anderes als emotionale Blobs auf zwei Beinen!“2 In ihrem Buch Radikal emotional – Wie Gefühle Politik machen beschreibt Urner, wie sehr Gefühle uns antreiben und unser Handeln und unsere Entscheidungen prägen. Ohne Gefühle würde ich diesen Text hier nicht schreiben und ihr ihn nicht lesen. Ohne Gefühle würde niemand in die Politik gehen. Oder zur Wahlurne. Gefühle sind wie ein Kompass. Und das meine ich nicht nur als Metapher, denn Gefühle weisen uns tatsächlich den Weg. Sie sind Teil dessen, was ich jetzt mal „innere Triade“ nenne: Zuerst ist da ein Bedürfnis, etwa Sicherheit, Ruhe, Nahrung oder Selbstwirksamkeit. Dann kommt das Gefühl, das uns auf das Bedürfnis hinweist. Und dann kommt das Verhalten, mit dem wir das Bedürfnis zu stillen versuchen. Bedürfnisse lassen sich nicht abschalten – Gefühle genauso wenig. Wir können zwar versuchen, sie zu verdrängen und den Kompass zu ignorieren, aber dann dürfen wir uns auch nicht wundern, wenn das Schiff auf Grund läuft.
„Wie jetzt?“, denken einige von euch vielleicht: „Heißt das etwa, dass wir uns nur noch von unseren Gefühlen leiten lassen sollen? Wo kommen wir denn da hin?“ Nun, wir werden wie gesagt ohnehin von unseren Gefühlen geleitet. Das Problem besteht vielmehr darin, dass wir so tun, als wäre dem nicht so. Und das lässt sich praktisch überall beobachten: auf der Autobahn, im Feuilleton oder im Bundestag. „Allgemein gilt als ‚psychologische Faustregel‘: Je lauter die Forderung nach Rationalität, desto emotional aufgeladener werden die Debatten“, schreibt Maren Urner.3 Wieso ist das so? Warum haben wir so wenig Bock auf Gefühle?
Die „innere Triade“ aus Bedürfnis, Gefühl und Verhalten hat letztlich nur einen Zweck: unser Überleben zu sichern. Dass wir essen und trinken müssen sowie ab und zu ’ne Mütze Schlaf brauchen, ist vermutlich noch komplett selbsterklärend. Dass Säbelzahntiger und Raser in der Dreißigerzone potenziell tödlich sind, auch. Wir haben jedoch neben diesen körperlichen Grundbedürfnissen auch psychologische Grundbedürfnisse. Der Psychotherapieforscher Klaus Grawe hat vier dieser Grundbedürfnisse definiert.4 Eines davon ist zum Beispiel Bindung und Zugehörigkeit. Auch hier steckt unser Trieb nach Selbsterhaltung dahinter. Der Kapitalismus und die FDP wollen uns zwar etwas anderes einreden, aber Menschen brauchen andere Menschen – siehe Säbelzahntiger. Denn die Gruppe bedeutet Schutz, während es gefährlich ist, allein zu sein. Unsere Gehirne haben das nicht vergessen, auch wenn Säbelzahntiger heute eher keine Gefahr mehr darstellen. Ihr merkt, ich vereinfache hier stark. Stellt es euch aber ungefähr so vor: Unsere Gefühle geben uns immer einen kleinen Hinweis darauf, welches Verhalten gerade angemessen ist. Es gibt Gefühle, die intensiver sind als andere. Das gibt uns Aufschluss darüber, wie wichtig etwas ist. Und es gibt Gefühle, die unangenehmer sind als andere, weil Dinge unterschiedlich bedrohlich sind. Ein angenehmes Gefühl motiviert uns, weiterzumachen oder etwas zu wiederholen, während uns ein unangenehmes Gefühl zum sofortigen Abbruch bewegen möchte, oder zumindest dazu, dass wir das, was sich gerade so blöd anfühlt, nicht noch einmal machen. Das ist ein grundsätzliches psychologisches Prinzip, weshalb Grawe dem Ganzen ein eigenes psychologisches Grundbedürfnis zuschreibt: Es ist das Bedürfnis, Unlustgefühle zu vermeiden und Lustgefühle herzustellen. Es liegt auf der Hand, dass angenehme Gefühle mehr Bock machen als unangenehme. Logisch also, dass wir Angst und Schmerz eher negativ bewerten und Freude positiv. In Wahrheit aber gibt es keine guten oder schlechten Gefühle, denn jedes hat seinen Zweck. Jedes Gefühl darf sein! Wenn wir nun also ein bestimmtes Gefühl „weghaben“ wollen, ist es klug, dort anzusetzen, wo das Gefühl herkommt. Habe ich Hunger, muss ich essen. Habe ich gegessen, ist der Hunger weg. Easy as pie. So unter’m Strich sollten Emotionen als nützliche Helferlein also eigentlich einen guten Ruf haben. Haben sie aber nicht. Und das hat sehr viel mit dem Patriarchat zu tun.
Alice Schwarzer kann man ja leider nun wirklich nicht mehr guten Gewissens feiern, vor allem wegen ihrer radikalen Haltung gegenüber trans Frauen. Ich hätte selbst nie gedacht, dass ich Alice Schwarzer in diesem Buch erwähnen würde, aber ich kann das erklären: Beim Schreiben höre ich gerne Musik. Zum einen, damit mein hyperaktives Köpfchen mal Ruhe gibt und ich mich auf meinen Text konzentrieren kann. Zum anderen, um in eine bestimmte Stimmung zu kommen. Stimmung ist schließlich auch nur ein anderes Wort für Gefühle. Und die beiden Gefühle, die ich am meisten brauche, wenn ich gegen das Patriarchat anschreibe, sind: Wut und Mut. Also höre ich SXTN. In ihrem Track Hass Frau sampelt das Rap-Duo einen legendären Fernsehmoment: Im April 2007 sitzt Alice Schwarzer mit weiteren Menschen bei Maischberger, unter anderem auch einem Rapper: King Orgasmus One. Er ist der Schöpfer des Albums Fick Mich … Und Halt Dein Maul. Er muss offenbar völlig kopflos und unvorbereitet in die Sendung gegangen sein. Wäre er mal ein bisschen rationaler gewesen im Vorfeld, wäre ihm vielleicht bewusst gewesen, was ihm blüht: Alice Schwarzer nimmt ihn komplett auseinander. Sie zieht einen Zettel hervor und zitiert aus dem Song „Du Nichts, Ich Mann“:
„Mädel, deine Sprüche sind alle fürn Arsch
Wat quatschst du für Scheiße, wat laberst du mich voll?
Denkst du, du bist lustig mit deiner verkackten Art?
Ich komme nicht klar mit deinem Rumgelaber
Du siehst aus wie’n Stück Scheiße mit zwei Augen und nem Tanga
Halt dein Maul, Frau, du gehst mir aufn Sack
King Orgasmus One fickt jetzt tief in dein Arsch
Fotze, mach mir was zu essen
Und danach gehst du putzen, so wie sich das gehört
Warum denkst du, du wärst was Besonderes?
Du bist keine Lady, du bist ne Hure!
Hure, du dumme Hure!“
Der anschließende Refrain ist eine Wiederholung der Worte: „Hass, Frau – Du nichts, ich Mann. Fick mich und halt dein Maul.“ Schwarzer faltet den Zettel zusammen, hebt den Blick und fragt: „Sagen Sie mal, ist Ihnen so etwas eigentlich gar nicht peinlich?“ Im weiteren Verlauf stellt sie dann eine sehr zentrale Frage, auch für unser Thema hier: „Sind Frauen keine Menschen?“5
SXTN verarbeiten Orgis „Kunst“ auf ihre ganz eigene Weise. Sagen wir mal, sie drehen den Spieß um – und schaffen damit für mich so eine Art feministische Rap-Hymne. Diese Hymne höre ich also, während ich über das Thema Gefühle nachdenke. Und plötzlich wird mir etwas klar. In nur sechs Worten fasst King Orgasmus One unfreiwillig alles zusammen, was man über Emotionalität und Rationalität im Patriarchat wissen muss: Hass, Frau – Du nichts, ich Mann. Jetzt aber erst einmal der Reihe nach.
Wir springen in den Sommer 2024 – da ist der amtierende US-Präsident noch kein verurteilter Verbrecher, Rassist, Sexist, Demagoge und Lügner, sondern Joe Biden. Beim NATO-Gipfel im Juli 2024 stellt Biden den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj versehentlich als „Präsident Putin“ vor, korrigiert seinen Fehler aber umgehend. Zuvor war Joe Biden mit verbalen beziehungsweise kognitiven Ausrutschern aufgefallen. Im Februar 2024 gab er eine Geschichte vom G7-Gipfel aus dem Jahr 2021 zum Besten, in der er Kanzlerin Angela Merkel mit dem damals bereits verstorbenen Altkanzler Helmut Kohl verwechselte. Kurz davor hatte Biden den französischen Präsidenten Emmanuel Macron mit François Mitterand verwechselt, der zu dem Zeitpunkt bereits seit 30 Jahren tot war. Die Sorge um die geistige Fitness Bidens wächst. Ist dieser Mann fortgeschrittenen Alters seinem hohen Amt noch gewachsen? Eine berechtigte Frage, die von Donald Trump und der republikanischen Partei schamlos ausgenutzt und aufgebauscht wird. Mit einer gezielten Desinformationskampagne, manipulierten Videos und geschickten Täuschungen soll ein eindeutiges Bild Joe Bidens gezeichnet werden: verwirrt, senil, gebrechlich – und gänzlich ungeeignet für den Job als US-Präsident. Dass Trump mit 78 zu dem Zeitpunkt nur etwa dreieinhalb Jahre jünger ist als Biden – geschenkt. Dass er selbst schon Barack Obama mit Joe Biden und Nancy Pelosi mit Nikki Haley verwechselt hat – egal.11
Am 21. Juli 2024 gibt Joe Biden bekannt, dass er kein weiteres Mal kandidieren werde, und spricht der amtierenden Vize-Präsidentin seine Unterstützung aus. Es wird noch etwa vier Wochen dauern, bis Kamala Harris die offizielle Nominierung annehmen und als Kandidatin für die Demokrat*innen ins Rennen um das Weiße Haus gehen wird. Trump und die Republikaner*innen: Sie brauchen eine neue Strategie, einen neuen Angriffspunkt. Lange suchen müssen sie nicht. Noch am selben Tag steht Trump vor einem Rednerpult auf einer Wahlkampf-Rally in Michigan und sagt: „I call her laughing Kamala. Have you ever watched her laugh? She is crazy. You can tell a lot by a laugh. She is nuts.“12 Trump erklärt seine Kontrahentin kurzerhand für verrückt und begründet das mit ihrer Art zu lachen. Damit hatte er schon einmal Erfolg: Im Wahlkampf 2016 bezeichnete er das Lachen Hillary Clintons als „Gackern“ und versuchte, sie als unecht, unsympathisch und unglaubwürdig darzustellen. In jenem Sommer 2024 erscheinen zahlreiche Artikel, auch im deutschsprachigen Raum, die das Lachen der Vize-Präsidentin zum Thema machen. Ganz richtig: Über die Art, wie Kamala Harris lacht, werden Artikel geschrieben. Journalist*innen werfen Fragen auf wie diese: „Reicht herzliches Lachen, um einen Wahlkampf gegen einen aggressiven Typen wie Donald Trump zu bestreiten?“13 Oder: „Könnte sie ihr Lachen am Ende gar eine Präsidentschaft kosten?“14 Oder, auch schön: „Leuchtet da jemand von innen, oder bekommt man eine Maske präsentiert, hinter der jemand Unsicherheit verbirgt?“15 Interessant ist auch die folgende Überschrift: „Harris wird wegen ihres Lachens attackiert“.16 Als Schlagzeile ist das in etwa so treffend wie „Mann tötet seine Partnerin aus Liebe“ – nämlich gar nicht. Männer töten Frauen aus Hass, nicht aus Liebe. Und Kamala Harris wird nicht aufgrund ihres Lachens attackiert, sondern aufgrund ihres Geschlechts. Und ihrer Hautfarbe. Ein Artikel aus der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) sticht hier besonders hervor.17 Schon das dazugehörige Bild ist bemerkenswert: Es zeigt Harris mit offenem Mund und geneigtem Kopf. Man könnte ihre Wirkung auf dem Bild als „affektiert“ bezeichnen. Und natürlich hätte die NZZ ein vorteilhafteres Bild wählen können. Hat sie aber nicht. Im Alt-Text des Bildes heißt es: „Kamala Harris’ Lachen irritiert“, ganz so, als sei das ein Fakt statt einer persönlichen Meinung der Autorin. In den sozialen Medien heißt es im Teaser zu dem Artikel: „Ihre Fans lieben ihr Lachen. Doch der hemmungslose Gefühlsausdruck gehört sich nicht für eine so hohe Politikerin. Und nein, diese Kritik hat nichts damit zu tun, dass Kamala Harris eine Frau ist.“ Dass ich nicht lache.
Der Inhalt des Artikels lässt sich in etwa wie folgt zusammenfassen: Harris lache zu oft. Zu laut. Zu fake. Im falschen Moment. Sie solle sich mehr zurückhalten, das ließe sie „staatsmännischer“ wirken. Ob die Autorin des NZZ-Artikels zum Lachen in den Keller geht, ist mir nicht bekannt, aber dass Kamala Harris es auf Bühnen und vor Mikrofonen tut, stört sie offenkundig so sehr, dass sie darüber einen Artikel verfassen musste. Vorhin schrieb ich, dass wir maßgeblich von unseren Gefühlen angetrieben würden. Welches Gefühl könnte die Autorin zu ihrem Artikel in der NZZ bewogen haben? Neid vielleicht? Oder Ekel! Ausgelöst unter anderem durch internalisierten Frauenhass und einen Unconscious Gender Bias. Der Begriff beschreibt das gut erforschte Phänomen, dass Menschen anderen Menschen aufgrund des (angenommenen) Geschlechts automatisch bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten zuschreiben. Das hat viel mit Kultur zu tun. Mit Normen. Und mit Traditionen – von denen es im guten alten Patriarchat einige gibt. Frauen für den Ausdruck von Emotionen zu diskreditieren, ist so eine Tradition.
Zu den wenigen Journalist*innen, die das Agenda Setting von Donald Trump und der Republikanischen Partei kritisch analysieren, anstatt es zu übernehmen, gehört Sophie Gilbert. Sie veröffentlicht im Juli 2024 einen Essay mit dem Titel „Kamala Harris and the Threat of A Woman’s Laugh“ im Magazin The Atlantic.18 Darin beschreibt sie, wie Kritik an weiblichen Emotionen seit Jahrhunderten als Waffe genutzt werde, um Frauen von politischer Macht fernzuhalten: „Frauen, die in der Öffentlichkeit lachen, werden seit jeher mit mangelnder sozialer Zurückhaltung, Hysterie und sogar Wahnsinn in Verbindung gebracht“, schreibt Gilbert. Die Hysterie war eine „Krankheit“, die von Männern erfunden wurde und ausschließlich Frauen betraf. Der Begriff leitet sich ab vom altgriechischen Wort für Gebärmutter: hystéra. Schon Hippokrates vermutete, dass gesundheitliche Probleme von Frauen ihren Ursprung im Uterus hätten. In der Antike glaubte man(n), dass die Gebärmutter im Körper herumwandere und so Nervenleiden verursache. Die Lösung? Völlig logisch: Schwangerschaft.19
Grob 1000 Jahre und ein Mittelalter später, also in der Frühen Neuzeit, gilt die Frau noch immer als nervenschwach und damit als besonders anfällig für Besessenheit von Dämonen oder dem Teufel – wie mir die Kulturwissenschaftlerin, Geschlechterforscherin, Autorin und Podcasterin Beatrice Frasl im Lila Podcast erklärt. Wenige Wochen vor Erscheinen von Gilberts Artikel sprechen Beatrice Frasl und ich über ihr Buch Patriarchale Belastungsstörung und mentale Gesundheit im Patriarchat. Ein Zitat aus Frasls Buch hat es mir besonders angetan:
„Eine der Funktionsweisen patriarchaler Verhältnisse ist es, Frauen verrückt zu machen. Eine andere ist es, Frauen, die gegen patriarchale Verhältnisse aufbegehren, für verrückt zu erklären.“20
Ich hebe es hier hervor, weil es zu allem passt, worüber ich in diesem Kapitel schreibe. Wer die Wahrheit, die Frasl hier so treffend auf den Punkt bringt, einmal verstanden hat, sieht die Welt fortan mit anderen Augen.
Wir bleiben noch einen Moment in der Frühen Neuzeit. Ich verkürze jetzt wieder stark, aber sagen wir mal so: In jener Zeit musste sich die Kirche massiv um ihre lieb gewonnene Autorität sorgen. Damals wie heute suchen Menschen die Ursache für ihre Probleme nicht unbedingt zuerst bei sich selbst, sondern eher im Außen, im Umfeld. In diesem Fall wird maßgeblich jener ominöse Teufel für die Misere verantwortlich gemacht, für den Frauen angeblich so anfällig sind. Wie Claudia Opitz-Belakhal, Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Basel, in einem Aufsatz für die Schriftenreihe APuZ – Aus Politik und Zeitgeschichte erläutert, „konzentrierte sich das Interesse der Dämonologen nun auf das weibliche Geschlecht und seine besondere Beziehung zum Teufel, während es eine solche Zuspitzung auf ein Geschlecht in der spätmittelalterlichen Ketzerliteratur noch nicht gab […]“.21
Das Ergebnis ist die wohl berühmteste und größte Welle anFemiziden: die Hexenverfolgung und die damit einhergehenden massenhaften barbarischen Hinrichtungen von (hauptsächlich) Frauen. Opitz-Belakhal bezeichnet die Hexenverfolgung als „Instrument zur Unterwerfung von Frauen als vermeintlich subversive Kräfte innerhalb der frühmodernen Gemeinwesen“. Dem Hexerei-Stereotyp attestiert sie eine deutliche Ausrichtung auf Frauen und den Dämonologen (kein Gendern notwendig) eine misogyne Argumentation, da sie „alle Frauen als ‚Evastöchter‘ betrachteten und die Hexen wahlweise als Sexsklavinnen des Teufels oder als rachsüchtige und machthungrige ‚böse Weiber‘ verunglimpften […]“.22 Ich fasse die Situation in der Frühen Neuzeit noch einmal in meinen Worten zusammen: Es waren einmal eine ganze Reihe mächtiger Männer, die ihr nettes komfortables Leben bedroht sahen und dafür ein imaginäres rotes Männchen mit Hörnern verantwortlich machten. Vor lauter Angst fingen sie an, Frauen für ihre eingebildeten Machenschaften mit dem nicht existenten Männchen massenweise zu ermorden. Trotzdem gelten Männer bis heute als das rationale Geschlecht, während Frauen sich noch immer anhören müssen, sie seien zu emotional. Wow.
An kleine rote Männchen zu glauben, kam dann im weiteren Verlauf der Geschichte ein bisschen aus der Mode. Die Kirche und auch der Adel verloren zusehends an Macht. Stattdessen betrat eine neue „politische Spielfigur“ das Tableau, wie es die Historikerin und Journalistin Leonie Schöler in ihrem 2024 erschienenen Sachbuch Beklaute Frauen beschreibt: der weiße Mann.23 So revolutionär die Ideen der Aufklärung waren, so frauenfeindlich und rassistisch waren sie jedoch auch. Vordergründig wurde die Gleichheit der Menschen proklamiert, aber in Wahrheit galt das nur für weiße Männer – Frauen waren explizit ausgeschlossen. „Menschenrechte waren Männerrechte, und es vergingen noch einmal fast zweihundert Jahre, bis diese rechtliche Minderstellung der Frau beendet war“, schreibt die Geschlechterforscherin und Soziologin Franziska Schutzbach in Die Erschöpfung der Frauen.24
Da neben dem roten Männchen auch blaues Blut als Erklärung ausgedient hatte, musste die Unterdrückung anders legitimiert werden. Praktischerweise waren Rollen wie Biologe, Mediziner oder Philosoph exklusiv den Männern vorbehalten25 – Frauen waren ja keine Rechtssubjekte und hatten nichts zu melden. Jene Männer begannen, den Menschen (also: sich selbst) zu untersuchen und zu beschreiben. Naja, und wie das eben so ist, wenn eine zu homogene Truppe mit einer Aufgabe betraut wird (also: sich selbst damit betraut), ist das Ergebnis ein biiiisschen einseitig: Der weiße Mann wurde zur Blaupause des Menschen, wie Schöler schreibt. „Mensch“ und „weißer Mann“ wurden Synonyme: „Er war der Standard, alle anderen galten als minderwertige Abwandlung davon.“26 Ist das nicht pfiffig? Wenn du willst, dass Menschenrechte nur für ganz bestimmte Menschen gelten, musst du jenen Menschen, für die sie nicht gelten sollen, einfach das Menschsein absprechen. Das Ganze hat nur einen Nachteil: Um die steile These, Frauen seien keine Menschen, halten zu können, mussten immer weitere Beweise geliefert werden. So entstand das interdisziplinäre Projekt der „Wissenschaft vom Weibe“. Franziska Schutzbach schreibt: „Bis ins kleinste Detail wurde von den Humanwissenschaften ‚nachgewiesen‘, dass und warum Frauen sich von Männern unterschieden und was daraus für ihr soziales, kulturelles und politisches Leben folgen müsse.“27 Es etablierte sich das Konzept der „Geschlechtscharaktere“, schreibt Leonie Schöler, „mit jeweils klar formulierten, geistigen, körperlichen und seelischen Eigenschaften.“28 Männer galten demnach als „rational, permanent eigenkontrollierend, vernunftbezogen und hierarchieerfahren“. Die Frauen hingegen „ließen sich nicht primär von ihrem Gehirn, sondern ihren Sexualorganen leiten und seien deshalb von ihren Gefühlen und ihrem Gemüt bestimmt“.
Beatrice Frasl erzählt mir im Lila Podcast von dem Neurologen und Psychiater Paul Julius Möbius, der 1900 seinen Essay Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes veröffentlichte.29 Darin behauptet er, Frauen seien aus biologischen Gründen geistig weniger leistungsfähig als Männer. Er führt dies insbesondere auf die geringere Größe des weiblichen Gehirns zurück. Auch die Fähigkeit von Frauen, schwanger werden zu können, zu gebären und zu stillen, schränke ihre kognitive Leistung ein. Die Hauptaufgabe der Frauen bestehe demnach darin, sich fortzupflanzen und die Kinder zu versorgen, aber für intellektuelle oder gesellschaftlich verantwortungsvolle Aufgaben seien Frauen hingegen ungeeignet. Außerdem warnt er vor der Emanzipation. Diese schade der Gesundheit der Frauen und sei noch dazu gefährlich für die Gesellschaft.
Kurzer Recap: Wo es vorher hieß, Frauen seien besonders anfällig für den Teufel, heißt es nun wieder, Frauen seien besonders anfällig für Nervenkrankheiten. Während Mannsein gleichbedeutend ist mit Menschsein, wird das Frausein zu etwas per se Krankhaftem. Alles, was weibliche Körper tun, wird mit Ekel betrachtet und pathologisiert. In der Folge entwickelt sich eine zweigeteilte Vorstellung von Weiblichkeit, wie mir Beatrice Frasl erklärt. Auf der einen Seite steht die Femme Fragile, die besonders schwächlich und anfällig ist, auf der anderen Seite die Femme Fatale. Letztere ist gewissermaßen das krassere Update Ersterer. Und wie wird aus der Femme Fragile eine Femme Fatale? „Die nervenzarte Frau erkrankt an Hysterie und dadurch wird sie zur Femme Fatale, zur gefährlichen Frau“, sagt Frasl im Gespräch. Ende des 19. Jahrhunderts, beziehungsweise zu Beginn des 20. Jahrhunderts, feiert die Hysterie nicht einfach nur ein Comeback. Nein, sie ist auf dem Höhepunkt ihrer Karriere! Tausende Frauen in Europa landen mit dieser Diagnose in Krankenhäusern und Nervenheilanstalten. Die vielleicht berühmteste davon ist damals das Pariser Hôpital de la Salpêtrière. „Gerade der Hysterikerin wurden alle möglichen Dinge zugeschrieben“, erzählt mir Beatrice Frasl. „Dass sie promiskuitiv ist, dass sie manipulativ ist, dass sie schwierig, aggressiv und impulsiv ist.“ Mit anderen Worten: dass sie emotional und unberechenbar ist. Erst 1952 wird die Hysterie als Krankheitsbegriff aus den Diagnosemanualen gestrichen. Ihre Symptome hingegen fließen im Laufe der Zeit in andere Diagnosen ein, darunter die histrionische Persönlichkeits-, die Borderline- oder die bipolare Störung. Im Adjektiv „hysterisch“ begegnet die Hysterie uns bis heute und damit werden nach wie vor erstaunlich selten Männer beschrieben – aber erstaunlich häufig Frauen, die etwas kritisieren oder ihrem Ärger Luft machen.
All dies ist jedoch nur ein kleines Fleckchen des historischen Nährbodens, auf dem Trump Harris für ihre Art, zu lachen, angreift, auf dem er ihr Lachen als Beweis für ihre Verrücktheit anführt. Trump versuche in den Köpfen seines Publikums eine Verbindung herzustellen, schreibt Sophie Gilbert in The Atlantic: zwischen Harris’ emotionaler Gelassenheit und ihrer moralischen Haltung als politischer Führungspersönlichkeit:
„Indem sie darauf beharren, dass Harris’ Lachen irgendwie ein Zeichen psychischer Verdorbenheit oder durch Drogen hervorgerufener Hemmungslosigkeit sei, tun Konservative ihr Bestes, um Harris im Unterbewusstsein der Menschen mit einer bestimmten Reaktion zu verknüpfen: Ekel.“30
Möglicherweise mit Erfolg. Zumindest werte ich die zahlreichen Artikel zu Harris’ Lachen als Indiz. Keine*r der Autor*innen scheint bemerkt zu haben, dass sie Trump und dessen frauenfeindlichemFraming auf den Leim gegangen sind – vielmehr halten sie vermutlich ihre Texte für objektiv und rational, würden den Gedanken, dass sie sich beim Schreiben möglicherweise von ihren Gefühlen und geschlechtsbezogenen Vorurteilen haben leiten lassen, empört von sich weisen. Die Autorin des NZZ-Artikels versucht diese Kritik sicherheitshalber schon in ihrem Text vorwegzunehmen: „Nicht jeder Angriff auf Harris gehört […] gleich in die Sexismusschublade.“31 Das stimmt natürlich. Diesen spezifischen Angriff auf Harris hier jedoch nicht als sexistisch zu werten? Schwierig. Der Sexismus liegt weniger in der Kritik an den sichtbaren Emotionen als in den Rückschlüssen, die daraus über eine Person gezogen werden. Statt Harris zu unterstellen, sie kaschiere mit ihrem Lachen Unsicherheit, sei unauthentisch, gar hemmungslos oder verrückt, könnte man sie mit derselben Berechtigung als souverän, selbstbewusst oder heiter bezeichnen.
Zeit für einen weiteren Analysebegriff: Die Role Congruity Theory besagt, dass Menschen dafür belohnt werden, wenn sie sich entsprechend der an sie herangetragenen Rollenerwartungen verhalten.32 Abweichungen von diesen geschlechtsspezifischen Zuschreibungen hingegen werden bestraft. Das klingt jetzt vielleicht ein wenig übertrieben. Erinnert ihr euch an den Anfang dieses Kapitels? Als ich schrieb, dass ich als Mädchen von meinen Eltern bestraft wurde, wenn ich einmal nicht brav, sondern wütend war? Wie könnte die Kindheit meines Ex-Freundes ausgesehen haben? Wurde er ausgelacht, wenn er sich als kleiner Junge an etwas so Profanem wie einem Marienkäfer erfreute? Wurde sein Vater wütend, womöglich sogar gewalttätig, wenn sein Sohn weinte? Wie sind unsere Großeltern jeweils aufgewachsen? Zwischen dem Jahr 1900, in dem Möbius’ Essay Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes erschien, und dem Jahr 1989, in dem ich geboren wurde, liegen nur grob vier Generationen. Meine Oma war Jahrgang 1924 und damit bei ihrer Geburt ungefähr so weit von Möbius entfernt wie heutige Neugeborene vom 11. September 2001 oder ich von der Veröffentlichung des Beatles-Albums Help!. Als 1955 mein Vater auf die Welt kam, war der Zweite Weltkrieg gerade erst seit zehn Jahren vorbei. Gut möglich, dass im Haus meiner Großeltern, in dem auch ich später aufgewachsen bin, ein Exemplar des NS-Erziehungsratgebers Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind von Johanna Haarer zu finden war. Er wurde in hoher Auflage kostenlos an Mütter verteilt, denn das Regime wollte damit sicherstellen, dass Kinder zu disziplinierten, gehorsamen, belastbaren und unsentimentalen Menschen heranwuchsen, die sich bereitwillig in die Dienste Hitlers begeben würden. Zuwendung und Liebe galten als schädlich. Emotionale Bindungen, Empathie und Individualität als hinderlich. Haarer riet dazu, schon Säuglinge abzuhärten und sie keinesfalls hochzunehmen, wenn sie schrien. Füttern, baden, trockenlegen, aber ansonsten sich selbst überlassen – das war die Devise.33 Das Buch wurde nach dem Krieg in überarbeiteter Fassung wieder aufgelegt. Man strich sicherheitshalber aber noch das Wörtchen „deutsche“ aus dem Titel. Die letzte Auflage erschien 1987: zwei Jahre vor meiner Geburt. Meine Schwestern waren zu diesem Zeitpunkt zehn und drei Jahre alt.
Solche Gedankenspiele helfen mir dabei, zu verstehen, dass die Ansichten über Emotionen und Geschlechter, die wir aus heutiger Perspektive sicher verschlossen in der Mottenkiste der Geschichte wähnen, eigentlich noch gar nicht so verstaubt sind. Die Erwartungen darüber, wie eine Frau und wie ein Mann zu sein haben, sind tief in unser kollektives (Unter-)Bewusstsein eingeschrieben. Und damit einhergehend auch die Angst, von diesen Erwartungen abzuweichen. Noch vor wenigen Generationen galt eine Frau als minderwertige Abweichung vom Mann und musste sich, um halbwegs akzeptiert zu werden, dem männlichen Idealbild des Menschen möglichst annähern. Ein herzliches Lachen galt als unzivilisiert, da es vom Bild des rationalen, zivilisierten Mannes abwich.
Zwischen 1870 und 1920 häuften sich in den US-amerikanischen Medien Berichte über Frauen, die sich in Theater- und Kinosälen angeblich zu Tode lachten. Diese Berichte, oft in einem herablassenden, spöttischen Ton verfasst, spiegelten und befeuerten die gesellschaftliche Angst, dass unkontrolliertes weibliches Vergnügen schädlich sei: „Fun-loving women were being terrorised into believing that their unrestrained pleasure could destroy them“, schreibt Maggie Hennefeld in einem Beitrag für Psyche.34 Hennefeld ist Professorin für Cultural Studies und Vergleichende Literaturwissenschaft an der University of Minnesota und veröffentlichte 2024 ihr Buch Death by Laughter – Female Hysteria and Early Cinema.35 Eine „Laughing Kamala“ weckt unter Umständen also nicht nur Empörung, Wut, Ekel oder Abneigung, sondern Angst – auch und insbesondere bei Frauen. Ihr offenes, herzliches Lachen, noch dazu oft eine Reaktion auf ihre eigenen Witze, ist nur eine von mehreren Arten, auf die Harris von den traditionell an eine Frau herangetretenen Erwartungen abweicht. Sie ist außerdem ambitioniert und erfolgreich – und zwar in einer Domäne, die lange den Männern vorbehalten war. Sie hat keine Kinder, ist selbstbewusst und empfindet Freude dabei, zu führen, anstatt sich unterzuordnen. System overload.
