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»Es ist nur so, dass ich, bevor ich mich den Rest meines Lebens nur noch mit Toten beschäftige, gern selbst richtig gelebt hätte.«
Der Sommer 2003 in der niedersächsischen Kleinstadt beginnt wie immer: Freibad, Bandproben, die Leichen in Papas Keller. Dominik ist der Sohn des Bestatters und soll den Familienbetrieb in naher Zukunft von seinem alleinerziehenden Vater übernehmen. Bislang sprach nichts dagegen, denn Domi ist erstaunlich routiniert im Umgang mit Trauernden und weiß mehr über Tod und Verlust als die meisten Erwachsenen. Worüber er allerdings wenig weiß, ist das Leben selbst. Das ändert sich, als kurz vor den großen Ferien ein Neuer in seiner Klasse auftaucht: Biff ist unangepasst, lässig, impulsiv. Gegen seinen Willen fühlt Domi sich von dessen scheinbar endlosem Hunger auf das Leben angezogen, und so entsteht im Laufe dieses heißen, flirrenden Sommers zwischen den beiden etwas Größeres, etwas, das in seiner Intensität alles andere, Freunde, Familie, Zukunft, an den Rand drängt.
»Kea von Garnier schreibt vom Erwachsenwerden in der Kleinstadt und von der ersten großen Liebe zweier Jungs: maximal zärtlich, humorvoll und so nah, dass man jede Berührung spürt.« Johannes Bullinger (@queerinliterature)
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Seitenzahl: 491
Veröffentlichungsjahr: 2026
Dominik soll später mal das Bestattungsinstitut seines Vaters übernehmen. Doch je näher das Ende der Schulzeit rückt, desto größer werden seine Zweifel: Was ist mit seinen eigenen Träumen? Als er sich zum ersten Mal verliebt, muss er sich entscheiden: auf vertrautem Boden bleiben oder springen? Denn für diese Liebe braucht es Mut.
Mitreißend, feinfühlig und stimmungsvoll erzählt dieses Debüt von einem alles entscheidenden Sommer des Suchens und Findens.
Kea von Garnier ist Autorin und Schreibmentorin und teilt auf Social Media ihre Gedanken zu mentaler Gesundheit, Feminismus und Konsumkritik. Sie lebt in Königstein im Taunus und in Hildesheim, wo sie Literarisches Schreiben studiert. 2020 erschien ihr erzählendes Sachbuch »Die Vögel singen auch bei Regen« bei Eden Books. »Restsommer« ist ihr Romandebüt.
Kea von Garnier auch auf Instagram: @keavongarnier.
Kea von Garnier
Roman
Blessing
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Copyright © 2026 by Karl Blessing Verlag, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
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Alle Rechte vorbehalten.
Coverdesign: t.mutzenbach design
Umschlagillustration: © Samantha French
Lektorat: Katja Bendels
Herstellung: Gabriele Kutscha
Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-34004-9V005
Für alle Liebenden
Scheiße. Beethoven.
Das heißt, Papa hat was Heikles auf dem Tisch. Einen spät Entdeckten. Gerade bei der Hitze. Oder einen Springer. Vielleicht auch einen vom Gleis. Oder ein Kind. Keine dieser Optionen steigert meine Lust, jetzt zu klopfen. Wenn Papa schwierige Fälle präpariert, hört er Beethoven. Oder Mendelssohn Bartholdy. Dabei stellt er sich vor, er würde Schäden in einem Gemälde von Michelangelo ausbessern. In der Sixtinischen Kapelle oder so. Während die Geigen zu einem gewaltigen Crescendo ansetzen, richtet er, was noch zu richten ist.
Ich schiebe mir einen der Mentholstecker, die immer in einer kleinen, diskreten Perlmuttschatulle auf der Anrichte stehen, in die Nase und klopfe unten im Keller gegen die Brandschutztür des Präparationsraums. Erst beim zweiten Mal hört er mich. Ludwigs Fünfte haut rein.
»Dominik!«
Papa öffnet die Tür und strahlt mich an, die Arme bis zur Achsel in den Handschuhen.
»Komm ruhig rein. Deckel ist schon drauf.«
Ich trete ein, Papa dreht die Musik leiser. Mit einem schnalzenden Geräusch zieht er die Handschuhe und den Spritzschutz von den Armen und wäscht sich die Hände am Waschbecken.
»Danke, dass du runterkommst. Rischmann steht im Stau, und hier« – er nickt in Richtung des Sanitätssargs – »ist der Teufel los.«
Er schält sich aus seiner Schürze, hängt sie an einen der Haken und steckt einige Spritzen in den gelben Kanülenbehälter neben der Tür.
Ich greife mir einen der Müllbeutel und halte ihn Papa hin.
»War’s spät gestern?«, fragt er.
Ich weiß, dass er genau weiß, wie spät es gestern war. Als ich heimkam, stand die Tür zu seinem Schlafzimmer einen Spaltbreit offen, wie immer. Und wie immer hat Papa ziemlich sicher mitgekriegt, dass ich nicht wie vereinbart um elf zu Hause war, sondern weit nach Mitternacht. Tuan und ich haben bei Lukas abgehangen und meinen Sechzehnten gefeiert. Mit zu viel Cola-Rum und schlechten Actionfilmen, die Lukas in der Videothek neben der Tanke ausgeliehen hat, diesem ramschigen Laden, in dem er vor zwei Jahren mal einen Porno mit dem stimmungsvollen Titel Ficken bis der Arzt kommt geklaut hat. In der Hektik des Moments konnte er nicht wählerisch sein. Ich bin jedenfalls froh, dass wir gestern Abend Terminator 3 gesehen haben und ich mein neues Lebensjahr mit Schwarzenegger beginnen durfte und nicht mit einem nymphomanen Frauenarzt. Die Nachwirkungen des gestrigen Abends hängen mir trotzdem in einer Mischung aus Schwindel und einem fiesen Klopfschmerz zwischen den Schläfen. Vorsichtig lehne ich mich an die gekachelte, angenehm kühle Wand hinter mir.
»Wer feiern kann, kann auch früh aufstehen«, sagt Papa ungerührt und stopft Handschuhe, Watte und gebrauchte Papiertücher in den Müllsack.
Ich öffne die Luke in der Wand, Papa schmeißt den Beutel hinein. Lautlos fällt er in den Schacht, direkt in den Müllcontainer, den das Entsorgungsunternehmen jeden zweiten Montag abholt.
»Schon gefrühstückt?«, fragt Papa, während er die Instrumente in die Desinfektionswanne verfrachtet.
Frühstück. Samstags esse ich nie vor zwölf. Wüsste Papa auch, wenn er am Wochenende mal zu Hause wär. Aber die Leute sterben halt am liebsten freitags. Wenn ich mal die Biege mache, dann an einem Montagmorgen. Und am Wochenende vorher mach ich noch so richtig einen drauf.
Ich murmle irgendwas von keinen Hunger.
»Dauert auch nicht lang.« Papa spritzt üppig viel Desinfektionsmittel aus dem Spender in seine Hände und reinigt mit einem knatschenden Geräusch die Haut zwischen seinen Fingern. »Ich brauch nur einen von den neuen Eichensärgen.«
Er zieht seine Uhr wieder an. Auch seinen Ehering. Ich werde nie verstehen, warum er den noch trägt. Er behauptet, er sei es eben so gewohnt, und ohne würde es sich komisch anfühlen. Als wäre der Ring ein Körperteil von ihm geworden.
»Ich warte oben«, sage ich, und Papa nickt, während er noch das Protokoll ausfüllt.
Ich schmeiße die Mentholstöpsel in den Müll und nehme den Aufzug hoch ins Erdgeschoss. Hier oben empfangen wir die Angehörigen. Die Geschäftsräume liegen direkt neben unserem Wohnhaus, aber trotzdem ist alles voneinander getrennt. Genau deshalb ist Papa nach der Wende mit dem Institut in das kleine Gebäude-Ensemble im Nachbarort gezogen. Wobei wohl eher Mama die treibende Kraft war. Sie wollte nicht mehr Nacht für Nacht mit den Verstorbenen im selben Haus schlafen. Und Papa ist ganz zufrieden so. Die Kosten für die Kühlräume sind hier geringer, sagt er, außerdem hätten beide so mehr Ruhe und Raum für sich – die Lebenden und die Toten.
Gerade liegt das Institut im Dämmerlicht da, um diese Uhrzeit haben wir offiziell noch gar nicht geöffnet. Ich gähne, schaue mich um, hocke mich schließlich in den Sessel neben der Tür. Mein Hintern sinkt so tief ein, dass ich die Sprungfedern spüre und das Gefühl habe, nie wieder aufstehen zu können. Papa muss den mal austauschen. Wenn dir grade jemand gestorben ist, willst du doch garantiert nicht in einem Sessel landen, aus dem du gefühlt nie wieder hochkommst.
Während ich da sitze und warte, fällt mein Blick auf den Kronleuchter an der Decke. Ich weiß nicht, wieso, aber plötzlich erinnere ich mich daran, dass ich mich als Kind oft daruntergelegt habe. Alle viere von mir gestreckt, lag ich hier auf dem Teppich, wenn niemand mehr im Institut war. Wenn Papa mit dem großen Kastenwagen weggefahren war oder mich rüberschickte, um irgendwas zu holen, das er vergessen hatte. Dann lag ich da. Ganz still. Von unten sehen die acht gläsernen Becher, in denen die Glühlampen befestigt sind, aus wie Sterne. Das Ding wiegt locker zwanzig Kilo. Ich habe mir immer vorgestellt, wie der Leuchter von der Decke runterkommt. So intensiv hab ich mir das vorgestellt, dass es beinahe aussah, als ob die Messingspitze, die direkt über meiner Stirn schwebte, immer näher auf mich zukäme. Näher und näher, bis sie die Haut meiner Stirn berührte. Ich sah bereits den Friedhof und meine Klassenkameraden in schwarzen Hemden, wie sie Blumen auf meinen Sarg legten und sich die Tränen von den Wangen wischten. Ich konnte sie dabei beobachten, denn in meiner kindlichen Vorstellung war man, wenn man tot war, nicht wirklich weg. Also lief ich unsichtbar zwischen den anderen rum und sah ihnen dabei zu, wie sie um mich weinten. Das war gruselig, aber gleichzeitig auch irgendwie schön.
Schuhe poltern die Treppen hoch. Papa nimmt selten den Aufzug, er meint wirklich, diese fünfzehn Stufen würden einen Unterschied für seine Gesundheit machen.
»Die Lieferung kam heute Morgen«, sagt er, etwas außer Atem. »Ganz neues Modell. Tolle geschwungene Beschläge.«
Wir gehen rüber ins Lager, einen flachen Anbau hinterm Institut. Ohne Fenster, mit niedrigen Decken und einem Boden aus bloßem Zement. Hier lagern die einfachen Holzsärge für die Feuerbestattungen und die teuren Modelle, die nur alle paar Jahre angefragt werden. Zugeben will es keiner, aber die meisten Leute kriegen Herzflattern, wenn sie sehen, was Sterben in Deutschland kostet. Natürlich sagen sie das nicht. Soll ja nicht so aussehen, als wollten sie am letzten Gang ihrer Liebsten sparen.
Ich stoße die Tür auf, und die stickige Hitze der letzten Tage schlägt uns entgegen. Als die Birne an der Decke aufhört zu flackern, liegt Papas Schatzkammer vor uns – picobello aufgeräumt, die Särge in Reih und Glied. Nussbaum-Imitat, unbehandelte Kiefer, Ahornfurnier mit Pusteblumenmotiv. Alles andere – Kerzen, Kränze, Bauteile für Kreuze – ist in passenden Boxen verstaut und säuberlich beschriftet. Papa wird nicht müde, mir jedes Jahr nach der Inventur stolz seinen lückenlosen Bestand zu präsentieren. Noch nie hat was gefehlt. In zwanzig Jahren! Dafür ist heute etwas da, das erkennbar nicht hierhergehört: Über den beachtlichen Haufen Holz flattert mit einer Leichtigkeit, als säße sie in der Krone einer Eiche, eine Amsel von Sarg zu Sarg. Sie legt den Kopf schief und mustert uns mit kleinen, knopfartigen Augen.
»Was zum …« Papa kratzt sich am Kopf. »Wie ist denn die hier reingekommen?«
Statt einer Antwort öffne ich das Tor zum Hof. Sonnenlicht flutet den Raum, die Helligkeit schießt mir bis unter die verkaterte Schädeldecke, explodiert in lauter kleinen Lichtpunkten auf meiner Iris. Reflexartig kneife ich die Augen zusammen. Der Vogel hingegen zeigt sich unbeeindruckt. Er macht keinerlei Anstalten rauszufliegen. Stattdessen hüpft er in der hintersten Ecke auf den weißen Sarg mit Klavierlack und Messingbeschlägen, von dem ich sicher bin, dass wir den nie verkaufen werden. Der ist bestimmt ein Relikt aus der Zeit nach dem Mauerfall. In der DDR gab es nur drei Modelle, alles billigstes Material. Anweisung von ganz oben: Wenn Klassenunterschiede zu Lebzeiten nicht existieren sollten, dann im Tod erst recht nicht. Die haben die Leute quasi in Sperrholzkisten unter die Erde gebracht. Nach der Wende war Papa dann von den neuen Katalogen aus dem Westen so überfordert, dass er in Designs investiert hat, die bis heute Ladenhüter sind. Aber so ist Papa. Er kann nichts wegwerfen, das mal viel Geld gekostet hat.
Als die Amsel jetzt in aller Seelenruhe eine schwarze Vogelkackspur auf der weißen Hochglanzoberfläche zurücklässt, schmeißt Papa sich grollend zwischen die Särge und versucht, den Vogel mit einem langen Holzkreuz Richtung Tor zu scheuchen.
»Die verkratzt mir den ganzen Lack«, flucht er und fuchtelt mit seinem Kruzifix in Richtung des Vogels. Kurz scheint die Amsel verschwunden, und Papa lässt seine Waffe sinken, da taucht sie wieder auf, hoch oben auf dem mannshohen Paket mit der Sarglieferung, die noch auf der Palette steht. Auch wenn es ganz unterhaltsam ist, Papa bei seiner ornithologischen Austreibung zu beobachten, erbarme ich mich schließlich und wedle von der anderen Seite mit einem Besen, bis die Amsel unter lautem Flügelklatschen den Fluchtweg in das helle Quadrat findet und vom Sommertag verschluckt wird.
Ich schnappe mir den Cutter und löse mit wenigen Handgriffen die schwarze Schutzfolie von der Lieferung.
Papa biegt das Verpackungsmaterial zur Seite. Erwartungsvoll schaut er mich an. »Wildeiche. Geölt. Fühl mal.«
Vorsichtig fahren meine Finger über die abgeflachten Kanten.
»TOUCH & FEEL heißt die Serie. Guck dir mal dieses Finish an – so natürlich! Da sieht man noch die Lebenslinien. Und die Astlöcher. Das ist ein Holz, das lebt richtig.«
So wie Papa über die Oberfläche streichelt, könnte man sich vorstellen, unter seinen Händen befände sich der Körper einer Frau und nicht die letzte Ruhestätte irgendeiner Altenheimbewohnerin.
Für mich lebt da nichts mehr, aber gut. TOUCH & FEEL, was für ein schräger Name. Besonders viel fühlen können die, für die er gedacht ist, ohnehin nicht mehr.
Wir lösen den ersten von drei Särgen aus der Verpackung. Auch ohne Verstorbene drin wiegt das Teil gut und gerne siebzig Kilo. Stöhnend hieven wir den Koloss von der Palette auf den Sargroller. Papa hebt den Deckel einmal an und setzt ihn behutsam wieder auf. Der Geruch von frischem Holz steigt mir in die Nase.
»Tadellos«, sagt Papa mit einem Stolz in der Stimme, als hätte er das Ding soeben selbst gedrechselt. Dabei machen wir das schon lange nicht mehr. Opa hat früher neben den Särgen sogar noch Küchenbüfetts und Kommoden zusammengezimmert, wir bestellen nur noch beim Großhandel.
Gemeinsam rollen Papa und ich den Sarg in den vorderen Verkaufsraum, wo jetzt Rischmann durch die Tür poltert.
»Entschuldigung, der Verkehr.« Er eilt an uns vorbei, um seine Sachen in der Garderobe aufzuhängen.
Papa klopft mir auf die Schulter und schiebt mich Richtung Tür. »Bist entlassen. Den Rest schaffen wir allein. Kann ich noch was für dich tun? Dich nachher irgendwohin mitnehmen?«
Ich schüttle den Kopf. »Nee, nicht nötig.«
Erstens hat um diese unchristliche Zeit noch alles zu, und zweitens bin ich nicht scharf drauf, am Wochenende mit dem Leichenwagen durch die Gegend zu fahren. Als Mama gegangen ist, hat sie ihren alten Fiat mitgenommen, und Papa und mir ist nur der Kastenwagen geblieben. Ein zweites Auto für private Fahrten wollte Papa nicht kaufen. Findet er unökonomisch. »Wenn’s nicht zu schade ist zum Sterben, können es auch die Lebenden nutzen«, sagt er, sodass wir allen Ernstes am Wochenende mit dem Leichenmobil zu Netto fahren. Anfangs haben die Wartenden an der Kasse noch große Augen gemacht und verstohlen auf den Parkplatz geschielt, aber nach ein paar Wochen haben sich alle an unseren Anblick gewöhnt. Ich will mich trotzdem nicht dauernd darin sehen lassen. In der Grundschule war mein Spitzname Grufti. Das hat mir gereicht.
Auch zum Mittagessen ist Papa noch nicht wieder aus dem Institut zurück. Das Haus ist schattig und still. In der Küche hängt der Geruch von kaltem Kaffee und Essig aus der Fruchtfliegenfalle. Ich fische mir eine Pizza Hawaii aus unserem reichhaltigen Sortiment von Tiefkühlkost und schiebe sie in den Ofen. Während der Teig hochgeht und der Käse viel zu langsam schmilzt, stütze ich mich auf die Fensterbank und starre aus dem Fenster. Die Häuser in der Neubausiedlung gegenüber liegen wie Schildkrötenpanzer in der sengenden Sonne, die Ziegel schieferfarben und glänzend. Alles Leben hat sich ins Innere zurückgezogen, die Rasenflächen sind leer, die Schaukeln hängen still herab. Hinter zugezogenen Rollläden hört man das Klappern von Bügelbrettern und den Publikumsapplaus aus irgendwelchen Mittagstalkshows. Manchmal glaube ich, dass überall auf der Welt mehr los ist als in diesem gottverlassenen Kaff.
Während ich esse, öffne ich noch zwei Geburtstagsbriefe von meinen beiden Tanten. Darin stecken jeweils zwanzig Euro. Ich rolle die Scheine mit fettigen Fingern zusammen und stecke sie in die alte Spardose, die auf dem Regal über meinem Bett steht. Wenn ich genug zusammenhabe, kaufe ich mir ein Mofa.
Nach dem Essen lege ich mich eine Runde aufs Ohr, habe aber nach dem Aufwachen immer noch Kopfschmerzen. Schließlich hieve ich mich aus dem Bett und schwanke ins Bad, wo ich mir eine Ladung kaltes Wasser ins Gesicht klatsche. Während ich vorm Klo stehe, fällt mein Blick auf das leere Fach im Regal, in dem Mama früher ihre Sachen hatte. Nur eine einsame Packung Wattebäusche steht noch da, pink, rosa und blau, keine Ahnung, für was sie die benutzt hat. Es sind nur harmlose Bällchen aus Baumwolle – aber ihr Anblick löst sofort eine unangenehme Anspannung in meiner Magengegend aus.
Mama hat uns nicht mal vorgewarnt. Als sie Papa und mir letzten Sommer beim Endspiel Deutschland gegen Brasilien verkündet hat, dass sie auszieht, hat sie uns einfach vor vollendete Tatsachen gestellt. Keine drei Wochen später war sie weg. Und Papa hat sich in das Institut gestürzt, als wollte er sich selbst gleich mit begraben. Hat doppelt so viele Bestattungen angenommen wie sonst und Tag und Nacht im Präparationsraum bleiche Wangen geschminkt. Manchmal habe ich ihm abends einen Teller mit Broten rübergebracht, die am nächsten Morgen immer noch unberührt dastanden.
Ich drücke die Spülung, nehme die Wattedose mit runter und werfe sie in der Küche in den Müll. Dann packe ich meine Sachen für die Probe zusammen.
Als ich die Haustür hinter mir zuziehe, ist der Himmel wolkenlos. Auf der Einfahrt flimmert die Luft, und es ist so hell, dass ich kurz überlege, noch meine Sonnenbrille zu suchen. Aber da winkt mir schon Susanne zu, unsere Nachbarin. Sie steht in ihrer Kittelschürze zwischen den Beeten und hält den Gartenschlauch in die Hortensien. Wenn ich mich jetzt nicht beeile, verwickelt die mich noch in eins dieser endlosen Gespräche, in denen sie mir erzählt, dass die Katze aus der Nachbarschaft ihr Rosenbeet als Toilette benutzt oder der Kompost stinkt, aber nur, wenn der Wind von Westen kommt.
Ich winke hastig zu ihr rüber und sehe zu, dass ich vor zur Hauptstraße komme.
Unser Proberaum liegt in Lünsheide. Manchmal fahre ich mit dem Rad rüber, aber meistens sammelt Lukas uns ein. Erst Tuan, dann mich, immer in dieser Reihenfolge. Lukas ist der Einzige von uns, der schon fahren darf. Er hat einen weißen VW Golf aus den Achtzigern mit grünem Fellüberzug auf den Sitzen. Er hat allerdings auch den dringendsten Bedarf. Als Einziger von uns wohnt er nicht direkt im Ort, sondern draußen auf dem Hof seiner Eltern am Bremsenbach. Der Golf ist für ihn überlebenswichtig. Nach der Prüfung haben wir alle gemeinsam seinen Führerschein abgeholt, den er mit ungewöhnlichem Ernst als sein Ticket zur freien Welt bezeichnet. Eine Gelegenheit, zu der sogar Tuan freiwillig an einem Samstag vor neun Uhr aufgestanden ist. Lukas’ Eltern sind Landwirte, und weil Lukas weiß, dass er den Betrieb mal übernehmen wird, hat er die Schule nach der zehnten Klasse geschmissen. Zu seinem Achtzehnten haben seine Eltern ihm den Golf gekauft, gebraucht, über eine Zeitungsanzeige, von einem Rentner, der den Wagen nur noch in der Garage geparkt hatte. Unfallfrei, TÜV war neu, nur 64 000 Kilometer drauf. Auf Lukas’ Geburtstagsparty stand das gute Stück zwischen den Traktoren in der Scheune, mit einer Schleife auf der Motorhaube. Sein Vater hat ihm eine kurze Einweisung gegeben, dann ging es direkt los zu unserer ersten Spritztour. Kaum sind wir um die Ecke gefahren, hat Lukas richtig aufs Gas gedrückt, wir haben die Musik hochgedreht und sind laut brüllend über die Landstraße gedonnert, völlig berauscht von dieser ungewohnten Freiheit.
Besagter Golf rollt jetzt um die Kurve und kommt mit quietschenden Bremsen vor mir zum Stehen. Als ich mich auf den Beifahrersitz fallen lasse, schlägt mir als Erstes der Geruch von Hotdogs und Pommes entgegen. Tuan veranstaltet ein halbes Picknick auf der Rückbank.
»Vierzig Minuten waren die noch in der Luft nach dem Hydraulikschaden. Mann, kannst du dir das vorstellen?«, fragt Lukas. »Vierzig Minuten, und du denkst, du fliegst in den sicheren Tod. Alter, das muss so krass sein. Was machst du in dieser Zeit?«
»Einen rauchen«, antwortet Tuan und streckt mir seine klebrigen Finger entgegen, damit ich einschlage.
»Rauchen ist im Flugzeug verboten«, sagt Lukas, obwohl er als Einziger von uns noch nie einen Flieger von innen gesehen hat, weil seine Eltern wegen der Tiere nie Urlaub machen.
Die beiden haben vor Kurzem eine Doku über einen Flugzeugabsturz geguckt. Jetzt fachsimpeln sie darüber, wie eine Maschine, deren Hydraulik ausgefallen ist, noch sicher gelandet werden kann, obwohl natürlich niemand von uns auch nur die geringste Ahnung vom Fliegen hat und wir nicht mal ein Papierflugzeug vernünftig in die Luft bringen.
Lukas greift in die Pommestüte auf seinem Schoß und schenkt mir ein ketchupgetränktes Grinsen.
»Und, Domi? Alles frisch?«
Ich ziehe eine Grimasse.
»Nie wieder von dir gemixter Cuba Libre«, murmelt Tuan, dem der Schweiß auf der Stirn steht.
»Klappe dahinten! Wer sich beschwert, läuft!«, ruft Lukas über seine Schulter.
Wir kurbeln die Scheiben runter. Aber selbst der Fahrtwind fühlt sich an wie ein zu heiß gestellter Fön. Bis zum Proberaum sind es zum Glück nur wenige Minuten.
Kurz bevor wir da sind, steuert Lukas den Wagen direkt nach einer Bushaltestelle so plötzlich an den Straßenrand, dass Tuan die Hälfte seines zweitens Hotdogs in den Fußraum fallen lässt.
»Mann, meine Wurst!«, ruft er, und Lukas und ich lachen laut los.
»Kümmer du dich ruhig um deine Wurst«, sagt Lukas. »Geht gleich weiter!« Er springt leichtfüßig aus dem Wagen und joggt zum Kofferraum. Kurz darauf hören wir, wie er eine Sprühdose schüttelt.
»Alter, was zur Hölle? Am helllichten Tag?«, ruft Tuan aus dem Seitenfenster, und wir schauen uns besorgt um. Aber außer Feldern, Bäumen und ein paar Kühen ist niemand zu sehen, der uns verpfeifen könnte. Das Aerosol zischt, und Tuan und ich halten weiter die Luft an.
Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, immer, wenn wir irgendeinen rechten Rotz entdecken, drüberzumalen. Seit einer Weile hat Lukas ein richtiges Battle mit einem von denen am Laufen, der immer ein K.O. unter seine braunen Drecksbotschaften schreibt. Lukas setzt, nachdem er die Hakenkreuze oder das Ausländer raus übermalt hat, immer noch ein T hinter das Tag, sodass da KOT steht. Ich finde das ziemlich cool, auch wenn ich mittlerweile schon ein bisschen Schiss habe, dass uns der Typ irgendwann auf frischer Tat ertappt. Das würde nicht gut ausgehen. Besonders wegen Tuan, den diese rechten Zecken bestimmt schon auf hundert Meter Entfernung auf dem Kieker hätten.
»Easy, Jungs! Die Luft ist rein«, sagt Lukas, als er wieder ins Auto springt. Er setzt zurück, und ich sehe auf der braunen Holzrückwand des Haltestellenhäuschens ein großes Kondom, das Lukas rund um das Hakenkreuz gemalt hat, und daneben der Spruch: Verhüten gegen Rechts.
Zwei Kilometer weiter biegen wir von der Landstraße ab. Einmal links, zweimal rechts, und schon rollt der Wagen auf die unkrautbedeckte Einfahrt der Nummer 23. Ich kenne dieses Haus schon mein halbes Leben. Es liegt neben dem Dorffriedhof, wo mein Vater öfter zu tun hat. Als ich klein war, hat er mich manchmal mitgenommen, und ich bin zwischen den Gräbern rumgesprungen und habe Blütenblätter von den Grabgestecken abgeknipst, wenn niemand hingesehen hat. Lilien, Nelken, Schlüsselblumen.
Das Haus ist eins dieser Gründerzeithäuser – rötlicher Backstein, eine Menge Schnörkel an den Fenstern und unterm Dachfirst, drum herum ein zwei Meter hoher Eisenzaun. Seit ich denken kann, steht das Tor zum Grundstück offen, hinten auf dem Gelände befindet sich ein alter Stall, der schon lange nicht mehr benutzt wurde, bevor wir das Ganze im letzten Herbst als perfekten Proberaum identifiziert haben.
Im Vorderhaus lebt Frau Nowak, eine Frau um die fünfzig, mit zerknittertem Blick und überhaupt ziemlich unwirsch. Aber sie hat zugestimmt, als wir gefragt haben, ob wir den Stall zum Proben nutzen könnten. Das Ganze war eigentlich nur eine spontane Idee, aber das ist das Ding mit mir und den älteren Leuten im Ort: Die wissen alle, wer ich bin und was mein Vater macht, und halten mich für wahnsinnig vernünftig. Und deshalb können sie mir kaum eine Bitte abschlagen. Frau Nowak beschwert sich jedenfalls nie über den Lärm, der aus dem Stall kommt und den sie zweifelsfrei hören muss, wenn sie im Sommer auf der Terrasse sitzt und liest. Wir leben in friedlicher Koexistenz auf dem Hof. Manchmal sehen wir sie auch wochenlang gar nicht.
Als wir jetzt aus dem Auto steigen, merke ich direkt, dass an diesem Tag etwas anders ist als sonst. Das Tor zum Hinterhof ist verschlossen.
Lukas rüttelt am Griff, aber da ist nichts zu machen.
»Scheiße, Mann, was solln das?«
Wir klingeln am Vorderhaus, aber niemand öffnet. Tuan wiegt sich mit gequältem Gesichtsausdruck von links nach rechts.
»O Mann, ey, ich muss schiffen.«
Lukas drückt noch mal auf den Klingelknopf neben der Tür. Aber außer dem schrillen Geräusch, das bis auf die Straße dringt, ist nichts zu hören. Ich schirme meine Augen mit den Händen gegen die Helligkeit ab und versuche, durch die Fenster im Erdgeschoss etwas zu erkennen. Einiges kommt mir bekannt vor – die alte Sofagarnitur im Wohnzimmer, die Ansammlung von Puppen auf der Rückenlehne und die Yuccapalme, die hier drin so groß geworden ist, dass sie garantiert niemand mehr an einem Stück aus dem Haus bringt. Frau Nowak hat mich einmal zu sich reingebeten, als mein Vater mich auf dem Weg zu einer Beerdigung abgesetzt hat und ich aus Versehen über eine Stunde vor Tuan und Lukas da war. Frau Nowak hat mir ein Glas Limonade angeboten und mich im Wohnzimmer Platz nehmen lassen. Ältere Leute bitten mich gerne rein auf ein Glas Limonade. Ich scheine so etwas auszustrahlen, etwas Durstiges, aber auf harmlose Weise. Noch nie hat mich jemand reingebeten und mir mit einem Augenzwinkern ein Bier eingeschenkt oder auch nur einen Kaffee. Dabei trinke ich den jeden Morgen, schwarz und ohne Zucker.
»Ich glaub, es ist wirklich niemand da«, sage ich.
Tuan wägt ab, wie hoch der Zaun ist, der neben dem Tor am Grundstück entlangführt.
»Drüberklettern?«, fragt er, und wir nicken.
Wir spielen das komplette Set. Alle fünf Songs, die wir haben. Lukas an den Drums, Tuan am Bass, ich an der Gitarre. Heute läuft es zum ersten Mal richtig gut. Obwohl es so schwül ist, dass ich Mühe habe, mit meinen schwitzigen Fingern nicht von den Saiten zu rutschen, und Lukas’ Gesicht unter seiner Chicago-Bulls-Cap die Farbe von reifen Tomaten angenommen hat. Mein T-Shirt klebt an meinem Rücken, die Hitze schickt kleine Bäche an unseren Schläfen herab. Aber der Sound stimmt.
Seit Wochen proben wir für unseren ersten Auftritt. Das Sommerfest der freiwilligen Feuerwehr. Nicht, dass das eine irgendwie prestigeträchtige Sache wäre. Es wird nicht mal eine richtige Bühne geben. Und vermutlich wird kaum jemand zuhören, weil alle damit beschäftigt sein werden, Bratwürste zu essen, sich volllaufen zu lassen und auf den Bierbänken über die Nachbarn zu tratschen. Aber absagen geht auch nicht. Lukas’ Vater ist Ortsbrandmeister auf der Feuerwache und hat die Sache klargemacht.
Der letzte Song, den wir spielen, »Mr. Neverman«, handelt von einem Jungen, der keine Freunde hat und dem dann plötzlich der verstorbene Nachbar erscheint. Jeden Abend, wenn alle anderen schlafen, sitzt der Geist im Lehnstuhl im Wohnzimmer und gibt dem Jungen Rat in allen möglichen Lebensfragen. Einmal, weil er alt ist, und außerdem, weil er sich auf dem Friedhof mit all den anderen Verstorbenen ausgetauscht hat und so viel übers Leben weiß wie kaum einer. Dann verlassen die beiden gemeinsam die Stadt und machen einen Roadtrip. Sie essen Blaubeerpfannkuchen in einem Diner, gehen in ein Erotik-Kino und haben die Zeit ihres Lebens. Und jeder, der den Song hört, erwartet bestimmt, dass dem Jungen irgendwann auffällt, dass es Herrn Neverman eigentlich nicht gibt. Aber das tut es nie. Oder es ist ihm egal.
Manchmal verkacken wir den Refrain nach der Bridge, aber heute nicht. Tuan steigt an genau der richtigen Stelle ein, und sogar meine zweite Stimme sitzt. Heute klingt der Song zum ersten Mal so, wie ich ihn in meinem Kopf immer gehört habe. Nach Freiheit und scheiß drauf und so, als ob man sich nur ins Auto setzen, das Radio anschalten und unseren Song hören müsste, um alles hinter sich zu lassen. Und in dem Moment wünsche ich mir, dass wir einfach für immer so weitermachen könnten. Einfach weiterspielen, den ganzen Sommer, der nie zu Ende geht, solange wir spielen. Der Geruch von Holz und Stroh, das Sonnenlicht, das durch die Dachbalken fällt, ja, selbst die Fliegen, die in der Luft vor der Stalltür hin und her surren – all das würde bleiben. Aber dann kommt die letzte Note doch, sie strömt aus dem Verstärker und versickert in den alten Teppichen, die wir für eine bessere Akustik auf den Steinboden gelegt haben.
»Geil, Mann«, sagt Lukas schließlich und schaut sich mit einem triumphierenden Grinsen um. »Habt ihr gehört, wie geil das war?«
Ich will gerade antworten, als ein Pfiff durch die Luft gellt, hoch und schrill. Wie auf Kommando heben wir alle die Köpfe. Oben auf dem ehemaligen Heuboden steht ein Typ. Er muss reingekommen sein, während wir gespielt haben, über die Außenleiter. Jetzt steht er da, stützt seine Arme auf das Geländer und schaut mit einem nicht zu deutenden Gesichtsausdruck zu uns runter. Er ist groß und schlaksig, aber auf so ’ne drahtige Art. Alles an ihm ist dunkel. Schwarze Hose, schwarze Jacke, schwarze Stiefel. Bis auf die Haare. Die sind raspelkurz und weißblond, und für einen Moment denke ich, jetzt hat uns der Hakenkreuz-Fascho am Arsch.
Vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem wir für unseren künstlerischen Widerstand die Visage poliert bekommen – aber heute nicht. Denn der Typ in der Scheune ist kein Fascho, sondern nur der Neffe von Frau Nowak, der bald mit seiner Familie ins Vorderhaus einzieht.
»Sie hat gar nichts gesagt«, flüstert Tuan zu mir rüber und zuckt mit den Schultern. Niemand von uns hat was mitgekriegt. Es gab keinen Umzugswagen, keine Malerarbeiten, nichts.
Der Typ löst sich vom Geländer, schlendert zur Leiter und klettert mühelos und geschmeidig die Sprossen runter, bis er vor uns steht. Trotzdem müssen wir weiter zu ihm aufschauen, denn er ist einen Kopf größer als wir alle. Ausgerechnet vor mir hält er an, blickt mir direkt in die Augen und sagt: »Sie ist tot.«
Er sagt das nicht dramatisch. Er sagt das so, wie andere Leute sagen »es ist heiß« oder »der Sommer kommt früh dieses Jahr«. Entweder, weil es ihn nicht juckt, oder um mich mit genau dieser Nüchternheit zu schockieren. Sein Blick belauert mich. Als ob er mich testen wollte. Vielleicht denkt er, ich weiß nicht, was man auf so einen Satz antwortet. Nur hat er sich da den Falschen ausgesucht. Wann immer das Wort »tot« fällt, richten sich alle Blicke auf mich. Ich schwöre, ich habe ein Abo auf dieses Wort. Auch dieses Mal ist es nicht anders. Der Typ sagt »tot«, und Lukas und Tuan drehen ihre Köpfe zu mir, als wäre ich für das Thema zuständig.
»Herzliches Beileid«, kommt es aus meinem Mund wie von einer automatischen Bandansage.
Der Typ nickt wortlos. Ich suche in seinem Gesicht nach Spuren von Trauer oder Erschütterung, aber ich kenne ihn zu wenig, um beurteilen zu können, ob dieser angespannte Zug um seinen Mund mit dem Verlust zu tun hat oder bei ihm der Normalzustand ist. Lukas setzt verlegen seine Cap ab, wiederholt die Beileidsbekundung und traut sich dann, die Frage zu stellen, die uns nach dem ersten Schock allen auf der Zunge liegt – ob wir trotz des Mieterwechsels weiter im Stall proben können oder ob sich unsere Drei-Mann-Band ein neues Zuhause suchen muss. Der Typ kratzt sich am Hinterkopf und zuckt mit den Schultern.
»Muss meinen Alten fragen, ob das klargeht.« Wir nicken synchron. Dann macht er eine vage Handbewegung durch den Raum. »Meine Familie ist gleich hier. Die kommen vom Friedhof rüber. Wäre cool, wenn ihr vielleicht erstmal abhaut.«
»Ja, ist klar«, sage ich. Garagen-Rock ist nur eine bedingt passende Untermalung für eine Trauerfeier. »Jungs, packt euren Kram.«
Während ich meine Sachen zusammensuche, mustere ich Frau Nowaks Neffen aus dem Augenwinkel. Er steht immer noch da, die Hände in den Taschen, und schaut aus der Tür Richtung Vorderhaus. Ich frage mich, wie das ist, in das Haus zu ziehen, in dem eben jemand gestorben ist, den du kennst. Die Vorstellung ist irgendwie beklemmend.
»Die Drums und die Mikros würden wir hierlassen. Die stehn immer hier«, sagt Tuan.
Der Typ nickt wortlos.
Wir packen unsere Rucksäcke und beeilen uns, nicht doch noch mit der Trauergesellschaft zusammenzutreffen. Dieses Mal nehmen wir den zivilisierten Weg durchs Tor, das sich von innen problemlos öffnen lässt. Ich will mich gerade auf die Rückbank von Lukas’ Golf schmeißen, als mir einfällt, dass es besser wäre, wenigstens den Verstärker mitzunehmen. Dann kann ich zu Hause im Keller spielen, bis klar ist, was aus dem Proberaum wird.
»Jungs, wartet mal ’ne Sekunde.«
Ich werfe meinen Rucksack in den Kofferraum und laufe zurück. Es ist seltsam, eben noch lag der Hof in sommerlicher Ruhe da und war für mich einer der vertrautesten Orte der Welt. Jetzt hat sich die Ruhe in eine unbestimmte Stille verwandelt, in der irgendwas fehlt. Auch wenn wir Frau Nowak selten gesehen haben, war sie offenbar der Klebstoff, der die Dinge hier an seinem Platz gehalten hat. Jetzt droht alles auseinanderzufallen. Die Steine in den Mauern des Gehöfts kommen mir mit einem Mal sehr alt und marode vor, so als könnten sie jederzeit nachgeben und all die Momente, die wir hier erlebt haben, unter sich begraben.
Vorsichtig schiebe ich die Tür zum Stall auf. Anscheinend ist niemand mehr hier. Erleichtert schlüpfe ich hinein und mache mich daran, den Verstärker abzukabeln. Leider ist der Stecker unter dem Holzpodest von Lukas’ Drumset so weit hinten eingeklemmt, dass ich ihn nicht zu fassen kriege und mich ganz flach auf den Boden legen muss, um im Dunkeln danach zu angeln.
»Bist ja immer noch da«, sagt plötzlich eine Stimme hinter mir.
Obwohl es schon das zweite Mal an diesem Tag ist, dass er sich nähert, ohne dass ich es merke, zucke ich zusammen. Dabei stoße ich gegen die Podestkante, und ein stechender Schmerz schießt mir ins Schulterblatt. Ich beiße mir auf die Unterlippe, um nicht aufzujaulen.
Ein heiseres Lachen dringt zu mir runter.
»Ganz ruhig, Mann. Ich tu dir schon nix.«
»Machst du das immer so?«, frage ich, ohne nach oben zu schauen.
»Was?«
»Dich anschleichen«, sage ich, während ich weiter an der Steckverbindung rumfummle, die sich partout nicht lösen will. Ich spüre, wie vor Anstrengung mein Kopf rot anläuft. Die Art, wie der Typ mich beobachtet, streicht meine Souveränität total zusammen. Vielleicht, weil sein Blick so eine Intensität hat. Da ist so ein Flirren dahinter. Vorhin, als er mich angesehen hat – ich kam mir vor wie durchleuchtet.
Er kommt näher und bleibt direkt neben meinem Kopf stehen. Die Spitzen seiner Stiefel sind abgestoßen und mit Schrammen übersät. Zusammen mit der schwarzen Bikerjacke, die er trägt, und den Silberringen an fast jedem Finger hat das Ganze eher was von Rockstar als von Trauergast.
»Du kommst nicht von hier, oder?«, frage ich.
Wieder dieses Lachen. Es klingt, als wäre seine Stimme einmal über den Boden geschrammt.
»Nee«, sagt er. Und nach einer Weile: »Haben früher manchmal Urlaub hier gemacht.«
Ich kann mich nicht erinnern, ihn mal hier in der Gegend gesehen zu haben. Aber in den Ferien waren oft irgendwelche Kinder auf den Spielplätzen, die wir nicht kannten, die ihre Großeltern besuchten und mit dem Ferienende wieder verschwanden.
»Seid ihr euch nahgestanden?«
»Meine Tante und ich? Nee. Kannte sie kaum.«
Ich zerre weiter an der Steckverbindung rum. Die Balken sind voller Splitter, was das Navigieren in dem schmalen Spalt nicht leichter macht.
»O. k.«, sagt die Stimme über mir, »das war gelogen.«
»Was?«
»Dass ich sie nicht kannte. Sie war … in Ordnung. Vielleicht der einzige vernünftige Mensch in meiner Familie. Na ja… ist auch nicht so schwer.« Er lacht leise, aber seine Stimme klingt nicht mehr ganz so sicher.
Ich lasse vom Kabel ab und schaue zu ihm nach oben. Unsere Blicke treffen sich. Seine Augen sind blau und klar und mit einer gewissen Konzentration auf mich gerichtet. Unmöglich zu sagen, was er denkt.
»Wie ist sie gestorben?«, frage ich.
Er zuckt mit den Schultern.
»Beim Tauchen.«
Ich versuche mir vorzustellen, wie Frau Nowak in einem Taucheranzug aussieht, aber es gelingt mir nicht. Wird kein Spaß gewesen sein, den steifen Körper aus dem Neopren zu kriegen.
»Tut mir wirklich leid«, sage ich.
Der Typ hebt den Kopf, löst seinen Blick von mir und schaut in den Hof.
»Keine Ahnung. Ging wohl schnell. Sie hat quasi nichts mitgekriegt.«
Ich nicke. Warte, ob noch was kommt. Fühle mich dadurch langsam wieder sicherer. Das hier ist gewohntes Terrain. In Gesprächen mit Trauernden ist Warten Verhaltensregel Nummer eins. Warten und reden lassen.
»Immerhin«, sagt er nach einer Weile, »ist sie bei was gestorben, das sie geliebt hat. Meinen zumindest alle.«
»Gibt schlimmere Tode«, sage ich, auch wenn es seltsam ist, das zu vergleichen.
»Keine Ahnung«, sagt er. »Bin noch nie gestorben.«
Ich lache leise auf.
»Ich mein nur«, sage ich. »Wenn man alt ist. Und Sachen bereut.«
»Was für Sachen?«
»Sachen halt. Die man gemacht hat. Oder nie gemacht hat. Obwohl man wollte. Aber man kann’s nicht mehr ändern.«
»Also, das wird mir nicht passieren«, sagt er, und so, wie er es sagt, weiß ich, dass es stimmt.
Er schaut mich an. Jetzt hat sein Gesicht wieder etwas von dieser Härte, wie vorhin am Geländer. Das ist ein Gesicht wie eine Faust, angespannt, weiß um die Knochen, hart. Ich weiß nicht, woher es kommt, aber in meinem Hals ist es plötzlich trocken und kratzig. Ich schlucke. Für einen Moment ist es komplett still.
»Ganz gut übrigens«, sagt er schließlich mit einem Kopfnicken Richtung Verstärker. »Eure Mucke.«
Ich erwache aus meiner Starre. Beuge mich wieder runter. Endlich kriege ich den Stecker unter dem Podest zu fassen und ziehe ihn aus der Leiste. Ich wickle das Kabel ein paarmal um meine Hand und schnappe mir den Verstärker. Als ich mich aufrichte, stehen wir direkt voreinander. Peinliches Schweigen sickert zwischen die Ritzen im Boden.
»Ja, also, ich werd dann mal …«, sage ich.
Er deutet eine Verbeugung an und sagt: »Nach Ihnen.«
Gemeinsam verlassen wir den Stall. Im Hof nicke ich ihm noch einmal zu.
»Also, bis dann«, sage ich und gehe die Einfahrt runter zum Tor.
»Hey!«, höre ich ihn hinter mir herrufen. »Wie heißt du eigentlich?«
Ich drehe mich um.
»Dominik.«
Statt seinen Namen zu sagen, nickt er nur.
Vogel, denke ich, drehe mich um, stolpere über das Kabel und taumle durch das Tor zur Einfahrt hinaus.
Papa ist zu Hause. Ich merke es, als ich zur Tür reinkomme, weil seine Schuhe im Flur stehen, und zwar so, wie nur Papa sie hinstellt – auf den Millimeter genau parallel. Ich glaube, ich habe ihn in meinen sechzehn Jahren noch nie seine Schuhe in die Gegend pfeffern oder auch nur achtlos abstreifen sehen. Manchmal rückt er sogar im Vorbeigehen meine zurecht, und früher die von Mama. Weiß nicht, was da bei ihm im Kopf abgeht, ob ihm parallel ausgerichtete Schuhe irgendeine Art innere Befriedigung geben oder das Gefühl, sein Leben unter Kontrolle zu haben.
Aus dem Wohnzimmer höre ich leises Stimmengemurmel. Papa hockt vorm Fernseher, die Füße auf dem kleinen Hocker vor sich.
»Feierabend?«, frage ich.
Er nickt. Ich werfe mich neben ihm auf die Couch.
Die Jalousien zur Terrasse sind halb runtergelassen, die Lichter der Fernsehbilder flackern im verdunkelten Raum.
»Da kommt was auf uns zu«, sagt Papa und zeigt mit der Fernbedienung auf den Bildschirm. Auf der Karte der Wettervorhersage nichts als Sonnensymbole. Obwohl erst Ende Mai ist, pendeln die Temperaturen um dreißig Grad. Das heißt, die Alten in den umliegenden Krankenhäusern sterben wie die Fliegen. Überhaupt, der Tod ist ein antizyklisches Business. Während die anderen aus meiner Klasse Urlaub auf Malle oder Wattwanderungen in Holland machen, muss ich im Institut mithelfen. Statt mich am Strand in der Sonne zu braten, stehe ich dann im Kühlraum und ziehe Socken und Schuhe über kalte, blau geäderte Füße.
»Gibt’s was zum Abendessen?«, frage ich.
»Im Kühlschrank ist noch Lasagne.« Papa klopft sich auf den Bauch. »Ich verzichte. Dr. Gerdes sagt, ich muss kürzertreten.«
Ich erhebe mich seufzend vom Sofa und gehe rüber in die Küche.
»Vielleicht solltest du einfach nicht immer mitessen, wenn die Kunden dir Kuchen anbieten«, rufe ich, den Kopf schon halb im Kühlschrank.
»Aber das ist die soziale Komponente«, ruft Papa mir hinterher. »Das ist wichtig, Dominik.«
Im Kühlschrank finde ich die Reste der Lasagne, außerdem drei Tupperdosen mit klein geschnittener Rohkost. Kann mir schon vorstellen, wie Papa die mit leidvollem Gesichtsausdruck verspeist. Spätestens in drei Wochen wird alles wieder beim Alten sein: Braten am Sonntag, Schokolade zum Tatort und ein Blechkuchen für die Kollegen an seinem Geburtstag. So ist es, und so wird es immer sein. Bis zur Rente.
Ich schiebe mir gerade in der Küche die erste Gabel in den Mund, als es klingelt. Es ist Susanne aus dem Nachbarhaus. Sie will den Kärcher zurückbringen, den sie von Papa ausgeliehen hat, um ihre Terrasse mal wieder »blitzblank« zu kriegen. Mit verschmitztem Lächeln holt sie zum Dank eine Flasche Rotkäppchen hinter ihrem Rücken hervor, als wäre es Schmuggelware. Papa, der in seinem Socken-in-Sandalen-Feierabend-Outfit dazukommt, schickt mich zurück in die Küche, Gläser und den Korkenzieher zu holen. Dass Alkohol flüssige Kalorien sind, scheint ihn in seiner Diäten-Logik nicht zu stören. Während Papa und Susanne draußen über den Kärcher fachsimpeln, gieße ich in der Küche ihre Gläser halb und meines ganz voll. Ich genehmige mir zwei kräftige Schlucke und gehe zurück zu den beiden vors Haus. Wir stehen in Susannes Haarspray-Wolke, die mir fast die Atemwege zuklebt, stoßen an, worauf auch immer, und Daisy, Susannes Cockerspaniel, tanzt um uns alle herum wie um einen Maibaum.
»Erzählt doch mal, wie geht’s euch so?«, fragt Susanne. Sie hat, wie sämtliche Frauen in der Nachbarschaft, mitbekommen, dass Mama und Papa sich im letzten Sommer getrennt haben. Ich glaube, er ist der einzige alleinerziehende Vater im Umkreis von dreihundert Kilometern. Und jetzt umschwirren ihn die Frauen, besonders die geschiedenen, wie Bienen einen Honigtopf.
»Dominik geht im Herbst an die Berufsschule. Nach Lintrop«, sagt Papa und klingt dabei fast so andächtig, wie wenn er von einem neuen Sargmodell spricht.
Ich spüre seine Hand auf meiner Schulter. Sie bleibt dort für ein paar Sekunden liegen, ihre Wärme geht in mich über. Als er mir noch einmal auf den Rücken klopft und die Hand wegnimmt, bleibt ein feuchter Abdruck auf meinem T-Shirt zurück. Ich stehe da und sage nichts. Nehme stattdessen noch mal einen Schluck aus meinem Glas. Die Perlen in den Gläsern sprudeln vor sich hin, die Sonne knallt auf uns runter. Susanne blinzelt vom einen zum anderen.
»Ach, unser Hendrik weiß noch gar nicht, was er machen will«, sagt sie schließlich und lacht dabei etwas zu laut. »Der wohnt noch in zehn Jahren daheim, ich sag’s euch!«
Papa fängt an, über die Hitze zu reden und die hohe Sterblichkeit und die neuen Eichensärge, weil das einfach das Einzige ist, das ihn wirklich beschäftigt, auch wenn das echt keine Small-Talk-Themen sind. Susannes verklärtem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, denkt sie wahrscheinlich nur, was für ein tiefgründiger Typ Papa doch ist und dass er eben nur die richtige Frau an seiner Seite braucht, um sich wieder mehr für die Lebenden zu interessieren als für die Toten.
Ich lasse die beiden reden und verabschiede mich mit dem Hinweis, dass ich noch für Mathe pauken muss. Spüre Papas stolzen Blick förmlich im Nacken, als ich den Flur runterlaufe, meine Bücher hole, die ich natürlich nur als Tarnung mitnehme, mich hinterm Haus auf die Terrasse pflanze, meine Kopfhörer aufsetze und mir das neue Album von Oasis auf die Ohren ballere. Die Mischung aus Sonne und Sekt verursacht in meinem Gehirn ein Brausegefühl. Waldmeister im Kopf. Ich schließe die Augen und lehne mich im Liegestuhl zurück. Wahrscheinlich sollte ich wirklich lernen. Die letzte Klausur habe ich definitiv verhauen. Aber irgendwie ist es mir gerade seltsam egal. Wenn ich meine Zukunft damit verbringe, blasse Lippen zu schminken und zitternde Hände zu drücken, wen juckt es dann, ob ich Stochastik verstanden habe? Wenn in einem Altenheim mit 100 Bewohnern die durchschnittliche Sterberate an normalen Tagen 1 Bewohner pro Tag beträgt, an Tagen mit Temperaturen über 30 °C im Durchschnitt 2 Bewohner sterben und an Regentagen 50 % mehr Bewohner als an normalen Tagen, wie viele Bewohner sterben dann in einem August, in dem es 10 Regentage gibt, davon 5 Tage mit Temperaturen über 30 Grad, und 21 Tage, die weder heiß noch regnerisch sind?
Es ist nicht so, dass die Leute mir nicht leidtun. Jemanden zu verlieren, den man liebt, das kann einen brechen, einen richtig fertigmachen. Es ist nur so, dass ich, bevor ich mich den Rest meines Lebens nur noch mit Toten beschäftige, gern selbst richtig gelebt hätte. Und bisher, so fühlt sich das hier draußen an, habe ich nichts erlebt. Ich existiere bloß.
»Den Tod als Beruf, Domi, das sucht man sich nicht aus. Das ist eine Berufung«, sagt Papa oft. Ich kann nicht sagen, dass ich mich auf irgendeine Weise berufen fühle. Obwohl das alle erwarten. Opa, als er noch gelebt hat. Papa, seit ich denken kann. Sogar meine Mutter. Niemand sagt es geradeheraus, aber ich spüre es. Sie alle erwarten, dass ich das Institut eines Tages übernehme. Es gibt so Sachen, die muss man nicht aussprechen, die weiß man einfach.
Was mir daran gefällt, der Sohn des ortsansässigen Bestatters zu sein, ist die Art, wie mich die Erwachsenen ansehen. Das war immer schon so. Wenn ich durchs Dorf gehe, schauen sie mich nicht an wie einen normalen Sechzehnjährigen. Die sehen einen »verantwortungsbewussten jungen Mann«. Keine Ahnung, ob ich das bin, aber in den Augen der meisten Leute weiß jemand, der mit dem Tod zu tun hat, offenbar über das Wesentliche im Leben Bescheid. Für mich fühlt sich das komplett anders an. Mit dem Tod kenne ich mich aus, aber vom Leben hab ich keine Ahnung. Und ich glaube auch nicht, dass mir die Berufsschule da weiterhilft.
Ich war bisher nur einmal dort, weil ein Mädchen, in das Tuan sich im Bus verknallt hatte, dort hingeht und wir einen ganzen Nachmittag davorgehockt und gewartet haben, ob sie rauskommt. Kam sie natürlich nicht. Das Gebäude liegt direkt an der Hauptstraße, ein zweistöckiger Bau aus roten Klinkern, mit niedrigen Fenstern. Vielfalt, Perspektiven, Erfolg. Das steht auf der Tafel am Haupteingang.
Theoretisch muss ich nicht dorthin. Ich könnte auch einfach hier weiterarbeiten, bei uns im Institut. Als Bestatter brauchst du nicht zwingend einen Abschluss. Für alles im Leben brauchst du einen Nachweis, nur nicht dafür, Leute unter die Erde zu bringen. Aber Papa hat diesen Plan für mich. Papa, der selbst keine Ausbildung gemacht, sondern den Betrieb ohne weitere Nachfrage von Opa übernommen hat. Vielleicht ist es seine Vorstellung davon, dass ich es mal besser haben soll. Vielleicht ist eine Ausbildung in der Berufsschule, mit Lehrern und Zeugnissen und Abschlussprüfungen, seine Idee von Weltgewandtheit. Oder aber er will damit einfach nur Menschen wie Susanne beeindrucken. Mich beeindrucken andere Sachen.
Vor ein paar Tagen, als ich bei Tuan war, lag ein Studienführer auf seinem Schreibtisch. Den haben seine Eltern da platziert, weil sie hoffen, dass Tuan mal Arzt wird. Oder Anwalt. Ihm wäre beides recht, solange er damit »ordentlich Schotter« machen kann. Der Studienführer hatte locker vierhundert Seiten, ich hab kurz darin rumgeblättert. Archäologie. Astrophysik. Darstellende Kunst. Entwicklungshilfe. Forstwirtschaft. Dieser Katalog an Möglichkeiten hat mich komplett umgehauen. Als könnte man ein Leben anziehen wie einen Pullover oder ein Paar Schuhe. Als könnte man sich einfach aussuchen, was und wer man sein will, und dann läuft man los.
Der Mai kippt in den Juni. Noch sechs Wochen bis zu den Ferien, was bedeutet, dass sich ab jetzt Test an Test reiht und keiner mehr Bock hat auf irgendwas. Das einzig Spannende, das passiert, ist, dass der Typ aus dem Proberaum jetzt in unsere Klasse geht, mitten im Schuljahr. Am Montag nach der Begegnung im Stall hat ihn der Schondelmeyer im Schlepptau, als wir uns zur Doppelstunde Physik im Untergeschoss einfinden. Tuan zeigt mir gerade verschiedene Sneaker von Nike aus einem Bestellkatalog.
»Die Turbulence in Silber? Oder die Zoom in Weiß und Schwarz?«
Es spielt keine Rolle, von seinem Taschengeld kann er sich weder Turbulence noch Zoom leisten, und seiner Mutter leiert er niemals Kohle für Neue aus dem Kreuz.
Ich tippe auf das Modell mit hoher blauer Sohle, während ich mein Heft auspacke. »Die sehen ’n bisschen aus wie von deinem kleinen Bruder.«
»Was? Was ist denn bitte falsch an denen?«
»Man, die sind hässlich! Das trägt kein Mensch mehr!«
»Das ist’n 1-a-Schuh, Alter!« Tuan schüttelt fassungslos den Kopf und blättert lustlos weiter, als sich plötzlich die weißblonde Stoppelfrisur hinterm Schondelmeyer durch die Tür schiebt. Auch ohne den 6-mm-Schnitt würde er hier sofort auffallen. Er trägt ein Hemd mit Leoprint und eine viel zu hoch sitzende Hose, die aussieht, als wäre sie vor zwanzig Jahren modern gewesen. Dazu ein Paar ausgelatschte Converse und an beiden Armen jede Menge Armbänder aus schwarzem Leder. An den meisten Typen würden die Klamotten vollkommen lächerlich aussehen, aber er kann es irgendwie tragen.
»Ach was, wen haben wir denn da?«, flüstert Tuan und lässt den Katalog sinken.
Der Schondelmeyer stellt seine Tasche aufs Pult und winkt ihn näher ran.
»Das ist der Benjamin. Benjamin Nowak. Er kommt aus Berlin zu uns.«
»Oh, oh! Aus der Hauptstadt nach Schönacker? Herzliches Beileid!«, brüllt Stratmann, und alle lachen, sogar der Schondelmeyer.
Der Neue, Benjamin, nimmt die Hände nicht aus den Hosentaschen. Er lässt seinen Blick über die Klasse gleiten, deutet ein Achselzucken an.
»Ich heiße Biff«, sagt er. Mehr nicht. Dann geht er einmal quer durchs Klassenzimmer, wirft seinen Rucksack über den Tisch, sodass er quer über die Platte schlittert und laut klatschend dahinter auf den Boden fällt, und hockt sich, zwei Plätze freilassend, in die letzte Reihe neben mich. Eine Millisekunde guckt er rüber und hebt die Hand zu einem halben Gruß. Ich lehne mich nach hinten und versuche, lässig zu nicken.
Tuan haut mir den Ellenbogen in die Seite.
»Was ist denn eigentlich mit dem Proberaum?«
»Schhh, Mann, keine Ahnung.«
»Du hast dich doch noch mal mit dem unterhalten, als du zurück bist.«
»Ja, und?«
»Frag halt noch mal nach«, flüstert Tuan.
Dem Schondelmeyer ist das entschieden zu viel Getuschel. »Meine Herren in der letzten Reihe, wollen Sie sich nach vorne setzen und die Gleichung vorrechnen? Wenn nicht: Mund zu und Hefte raus.«
Tuan macht noch einen kläglichen Versuch, den Schondelmeyer dazu zu bewegen, früher Schluss zu machen. Angeblich könnte man sich bei den aktuellen Ozonwerten nicht richtig konzentrieren, das sei wissenschaftlich erwiesen. Aber der Schondelmeyer bleibt hart.
Wir beugen uns über unsere Hefte und tun so, als ob wir mitschreiben würden. Ab und zu schaue ich rüber zu Biff. Er hat seinen Rucksack nicht geöffnet, sitzt mit verschränkten Armen da und scheint den Ausführungen vom Schondelmeyer kaum zuzuhören. Ich merke, dass auch die anderen ihn immer wieder verstohlen mustern. Sein ganzes Erscheinungsbild erschüttert die gewohnte Ordnung. Biff macht den Eindruck, als hätte er sich nach Schönacker nur mal kurz verirrt.
»Aus welcher Zeitmaschine ist der denn gefallen?«, raunt Stratmann zu uns nach hinten. Dann lehnt er sich zurück und ruft über die Stuhlreihen in Biffs Richtung: »Ich dachte, die Achtziger sind vorbei.«
Ein paar lachen noch mit, Tuan rollt nur mit den Augen und schüttelt den Kopf. Dem Schondelmeyer reicht es jetzt, er holt Stratmann an die Tafel. Während der sich vorne mit der Aufgabe abmüht, gucke ich immer wieder rüber zu Biff. Einmal schaut er zurück, unsere Blicke treffen sich. Schnell konzentriere ich mich wieder auf mein Heft.
In der Pause hängt Biff nicht mit den anderen ab, sondern lehnt neben dem Kiosk am Schuleingang an der Wand, raucht und tippt irgendwas auf einem sauteuren Blackberry. Ich hocke mit Tuan auf der Treppe und beobachte, wie Stratmann und seine Kumpels Biff beäugen. Der könnte die ganze alteingesessene Hackordnung im Jahrgang stören. Vielleicht überlegen sie, wie sie ihn auf ihre Seite bekommen. Hingehen tut aber keiner, dazu fehlen ihnen die Eier. Zu riskant, vor den Augen des ganzen Schulhofs bei ihm abzublitzen. Keine Ahnung, wer es so schnell in die Welt gesetzt hat, aber es geht direkt das Gerücht rum, Biff sei wegen einer Schlägerei von seiner alten Schule in Berlin geflogen. Anscheinend hat irgendein Typ sein Augenlicht verloren. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Aber zutrauen würde ich es ihm.
Nach der Pause steht noch eine Doppelstunde Deutsch auf dem Plan, bei der Dittrich. Die macht Biffs hartnäckigem Schweigen ein Ende, als sie von ihm wissen will, welche Bücher er dieses Halbjahr gelesen hat. Offenbar quälen sie die Schüler in der Hauptstadt mit demselben Kram, den wir hier lesen müssen. Woyzeck? Hat er schon gelesen. Faust? Auch. Ebenso Unterm Rad, obwohl das weder in Berlin noch in Brandenburg auf dem Lehrplan steht. Frau Dittrich kriegt sich gar nicht mehr ein. Ein junger Mensch, der freiwillig ein fast hundert Jahre altes Buch liest! Ich find’s ja bezeichnend, dass wir im Unterricht eine Story lesen, die uns klarmacht, wie die Schule uns zerstört, aber gut. Die Geschichte ist nicht schlecht. Hans, der Typ im Buch, wandert viel durch die Natur, ist andauernd müde und fühlt sich von seinen Lehrern und seinem Vater unter Druck gesetzt – da kann ich an einigen Stellen schon mitgehen.
Kurz bevor es zur Pause klingelt, hält Stratmann in selbstgefälligem Ton mal wieder einen nicht enden wollenden Monolog. Der arbeitet in allen Fächern fleißig an dem 1,0er-Abi, auf das seine Eltern bestehen, das aber am Ende wahrscheinlich eh scheißegal ist, weil der mit den Beziehungen und der Kohle seiner Alten überall reinkommt. Während er spricht, schlendert Frau Dittrich in die letzte Reihe und bleibt vor Biff stehen. Sie klopft mit dem Zeigefinger zweimal auf die Tischplatte neben ihm und bringt ihn damit immerhin dazu, sich von seiner halb liegenden Position in die Senkrechte zu begeben.
»Danke, Herr Stratmann. Und Sie, Herr …«, Frau Dittrich schaut auf ihre Notizen, »Nowak. Nachdem Sie Unterm Rad ja bereits gelesen haben – gibt es denn auch positive Einflüsse auf Hans? Wer hätte ihn vielleicht davon abhalten können, sich für den Freitod zu entscheiden?«
»Na, sein Kumpel, dieser Heilner!«, ruft Stratmann dazwischen, und dann, etwas leiser: »Die kleine Schwulette.«
Biff legt den Kopf schief. Ein paar Sekunden ist es still. Jemand in den vorderen Reihen hustet.
»Na ja«, sagt Biff und lehnt sich auf seinem Tisch leicht nach vorne in Stratmanns Richtung. »Das ist vielleicht dein rezeptionsästhetischer Trugschluss.«
Alle Köpfe drehen sich zur letzten Reihe um. Keiner hat ein Wort verstanden. Stratmann steht sogar der Mund offen. Selbst Frau Dittrich scheint aus dem Takt geraten zu sein. Sie hat ihre Lektürehilfe sinken lassen, räuspert sich und schiebt ihre Brille nach oben.
»Könnten Sie das näher erläutern?«, fragt sie mit einem Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen Unglaube und Begeisterung schwankt. Biff lehnt sich auf seinem Stuhl wieder zurück, verschränkt die Arme vor der Brust und zuckt mit den Achseln.
»Nur weil die sich küssen, heißt das nicht gleich, dass sie schwul sind.«
»Ach, komm, ja?«, ruft Stratmann nach hinten. »Der Typ hängt am See ab und schreibt Gedichte, und dann rennt er in den Kreuzgang und knutscht im Dunkeln seinen Freund ab? Was soll denn der sonst sein?«
»Und wenn?«, fragt Biff. »Warum machst du dir deswegen so in die Hose?«
Er hat immer noch diesen lässigen Tonfall, aber ich kann sehen, wie sein linker Fuß unterm Tisch nervös auf und ab wippt.
Stratmann lacht nur und stößt seine Kumpels in die Seite. »Die können ja machen, was sie wollen. Sollen mich nur nicht anschwulen.«
»Glaub mir«, ruft Biff durch die ganze Klasse, »an deinen Arsch will bestimmt keiner ran.«
Frau Dittrich, die dem Schlagabtausch einigermaßen perplex zugehört hat, löst sich endlich aus ihrer Schockstarre. »Herr Nowak, das ist hier nicht der Ton, in dem wir uns unterhalten.«
»Aber gegen Schwule hetzen geht klar, oder was?«, sagt Biff, während er beschwichtigend die Arme hochnimmt.
»Es reicht jetzt!« Frau Dittrich hat richtig Puls, das sieht man. Sie wedelt mit ihren Papieren und geht zurück zur Tafel. »Sie schreiben bis zur nächsten Stunde alle zwei Seiten über Rezeptionsästhetik.«
»Danke, Poser!«, ruft Stratmann nach hinten.
Biff tut so, als hätte er nichts gehört, aber als es kurz darauf zur Pause klingelt, hält er an Stratmanns Platz noch mal inne, beugt sich zu ihm runter und sagt: »Kannst bei mir abschreiben, wenn dir nichts einfällt.«
Startmann zeigt ihm den Mittelfinger, seine Kumpels grölen hinter Biff her.
»Macht sich ja beliebt«, sagt Tuan, der neben mir seine Sachen packt.
Lukas ist mittwochs früher mit der Arbeit fertig und wartet am Tor auf uns. Als er Biff im Strom der Schüler entdeckt, stößt er mich an.
»Ist das nicht der Typ vom Hof?«
In dem Moment ertönt ein dröhnendes Motorgeräusch, und ein fetter Geländewagen rauscht um die Ecke und hält mit quietschenden Bremsen direkt vorm Eingang der Schule, mitten im Halteverbot. Den Fahrer des Jeeps mit ausgehängten Türen scheint das nicht zu stören. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass sich der halbe Schulhof nach ihm umdreht.
»Leck mich«, sagt Lukas und packt mich am Arm. »Das ist ’n Rubicon.«
Ich verstehe gar nichts, Autos sind sein Spezialgebiet, nicht meins.
Eigentlich wollen wir uns nicht die Blöße geben zu glotzen. Aber dann verfolgen wir doch, wie Biff auf den Wagen zusteuert, seinen Rucksack auf die hintere Ladefläche wirft und auf den Beifahrersitz springt. Dann wird das Gaspedal durchgedrückt, und dieser dicke, schwarze Käfer von Auto, der zwischen den bröckelnden Fassaden ringsum wirkt wie ein Gefährt aus einer anderen Welt, verschwindet in Richtung Stadtmitte.
Lukas fährt uns nach Schöppenried. In der Sommersaison arbeitet Tuan alle zwei Wochen nach der Schule im Kassenhäuschen vom Freibad. Ehrenamtlich, aber dafür hat er die ganze Saison freien Eintritt. Uns lässt er natürlich ohne Ticket durch das Drehkreuz. Was echt was wert ist, denn wegen Papas Beruf fahre ich nie in den Urlaub. Sommer, das ist die wichtigste Zeit für uns, sagt er immer. Wir hatten sogar mal eine Abholung hier im Schwimmbad. Badeunfall. Seitdem warte ich schon fast darauf, dass jemand die Biege macht, wenn ich hier abhänge. Unter der Woche ist immerhin nicht allzu viel los. Der Wahnsinn bricht an den Wochenenden aus, da kommen sie alle aus ihren Löchern und quetschen sich, Handtuch an Handtuch, auf die Liegewiese, und am Ende des Tages ist die Wasseroberfläche im Becken voller Sonnencremeschlieren. Aber heute ist es nur moderat voll, und Lukas und ich ziehen in Ruhe ein paar Bahnen im Schwimmerbecken. Nachdem wir uns abgekühlt haben, geht er mit ein paar Jungs aus der Parallelklasse Beachvolleyball spielen. Damit kann ich nichts anfangen, mein Ballgefühl ist quasi nicht existent. Und selbst wenn ich es hätte – auf dem Spielfeld komme ich mir neben Lukas vor wie ein Zwerg. Er geht ins Fitnessstudio im Nachbarort, den Rest erledigt die Arbeit auf dem Hof. Regelmäßig werden Tuan und ich von den Mädchen ausgefragt: Ob er eine Freundin hat, auf wen er steht, ob wir seine ICQ-Nummer haben. Auch jetzt hängen auffällig viele Mädchen am Spielfeldrand ab.
Ich schlendere rüber zum Kassenhäuschen, um Tuan Gesellschaft zu leisten. Es ist nicht allzu viel zu tun. Vereinzelt kommen Familien mit ihren Kindern, die vermutlich gerade aus dem Mittagsschlaf aufgewacht sind. Eine Oma mit Plastikbadekappe fragt mich nach einem Pflaster, Tuan schickt sie weiter zu den Sanis.
Wir nutzen die Ruhe, um die berühmten Sandwiches von seiner Mutter zu vernichten: gegrilltes Hähnchen, Koriander, Gurken und so viel Chili, dass Tuan sich köstlich darüber amüsiert, wie mir beim Essen der Schweiß ausbricht. Trotzdem sind wir uns einig.
»Geil«, sage ich mit vollem Mund.
»Geil«, sagt Tuan.
Nach dem letzten Bissen ext er eine Dose Eistee, rülpst und streicht sich zufrieden über den Bauch.
»Wann wollen wir uns eigentlich für das Physik-Referat treffen?«
»Freitag?«, schlage ich vor, obwohl ich überhaupt keine Lust habe. Die Fünf in der letzten Klausur werde ich mit einer astreinen Kopie von Papas Unterschrift zurückgeben. Ich weiß, das verschiebt die Probleme nur, aber für den Moment ist mir das genug.
»Gar kein Bock«, seufzt Tuan, der findet, dass er so was wie Naturwissenschaften für seine Zukunftsvision – Tourneen, ausverkaufte Stadien, Interviews auf MTV – eh nicht braucht.
Eine Weile blättern wir in Tuans Spin-Magazin, das schon mit etlichen Eselsohren versehen ist.
»Denkst du, ich sollte mir die Haare abrasieren?«
Tuan hält mir ein Bild von Chester Bennington, dem Leadsänger von Linkin Park, unter die Nase.
