Rhetorik & Kommunikation - Dieter-W. Allhoff - E-Book

Rhetorik & Kommunikation E-Book

Dieter-W. Allhoff

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Beschreibung

Wie sage ich, was ich meine? Wie argumentiere ich überzeugend? Wie kann ich Gesprächspartnern gut zuhören? Die Autoren führen in alle Bereiche der angewandten Rhetorik ein: Körpersprache, freie Rede, Argumentation, Gesprächsführung, Moderation etc. Gezeigt wird, wie man sein Kommunikationsverhalten auf verschiedene Situationen und Persönlichkeiten einstellen kann. LeserInnen sollen lernen, ihr Verhalten in Gesprächs- und Redesituationen bewusst wahrzunehmen und zu optimieren. Jetzt in der 18. Auflage: Das moderne Lehrbuch zur angewandten Rhetorik, das in keinem Bücherregal fehlen sollte: Damit man mehr als Worte sagt.

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Seitenzahl: 250

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Dr. phil. Dieter-W. Allhoff, Sprechwissenschaftler und Logopäde, Begründerdes Lehrgebietes Mündliche Kommunikation und Sprecherziehung an derUniversität Regensburg. Gründer und Leiter des Instituts für Rhetorik undKommunikation, IRK-Team Dr. Allhoff.

Dr. phil. Waltraud Allhoff, Bankkauffrau, Logopädin und Dipl.-Sozialpäd -agogin (FH), eigene Praxis für Logopädie und Kommunikation in Regensburgmit den Schwerpunkten Stimm-, Sprach- und Kommunikationstherapie; Geschäftsführerindes IRK-Teams Dr. Allhoff.

Das vorliegende Buch wurde auch in die Sprachen Arabisch, Tschechisch undPolnisch übersetzt.

www.allhoff.de • www.irk-team.com • [email protected]

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der DeutschenNationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internetüber <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

ISBN 978-3-497-02661-6 (Print)

ISBN 978-3-497-61487-5 (PDF-E-Book)

ISBN 978-3-497-61488-2 (EPUB)

18. Auflage

© 2021 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes istohne schriftliche Zustimmung der Ernst Reinhardt GmbH & Co KG, München,unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen,Übersetzungen in andere Sprachen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherungund Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Printed in EU

Reihenkonzeption Umschlag: Oliver Linke, Hohenschäftlarn

Covermotiv: © scusi / Fotolia.com

Cartoons im Innenteil: Helmut Heimmerl

Satz: Rist Satz & Druck GmbH, 85304 Ilmmünster

Ernst Reinhardt Verlag, Kemnatenstr. 46, D-80639 München

Net: www.reinhardt-verlag.de E-Mail: [email protected]

Inhalt

Vorwort zur 17. Auflage

1 Die Bedeutung der Rhetorik

2 Körpersprache

2.1 Die Funktion des nonverbalen Ausdrucks

Arbeitsblatt Nonverbale Kommunikation

2.2 Sichtbare Signale – Der visuelle Kanal

2.2.1 Haltung und Auftreten

2.2.2 Gestik

2.2.3 Mimik

2.2.4 Blickkontakt

2.2.5 Räumliches Verhalten (Proxemik)

2.3 Fühlbare Signale – Der taktile Kanal

2.4 Hörbare Signale – Der auditive Kanal

2.4.1 Stimme

2.4.2 Aussprache (Artikulation)

2.4.3 Betonung (Akzentuierung)

Arbeitsblatt Stimmlicher Ausdruck

2.5 Atmung und Sprechen

2.6 Engagement

Arbeitsblatt Beobachtungsbogen Körpersprache

3 Präsentation – Vortrag – Rede

3.1 Verständlichkeit

3.1.1 Struktur und Ordnung

3.1.2 Einfachheit des Ausdrucks

3.1.3 Auswahl der Information

3.1.4 Anregung und Interesse

3.1.5 Visuelle Hilfsmittel

3.1.6 Hörergerechte Darbietung

3.1.7 Sprechweise

Arbeitsblatt Verständlich sprechen

3.2 Gliederung

3.2.1 Einstieg und Schluss

3.2.2 Informative Gliederungen

3.2.3 Argumentative Gliederungen

Arbeitsblatt Strukturiertes Sprechen

3.3 Präsentationstechniken – Visualisieren mit dem Beamer

3.4 Zum Umgang mit kritischen Fragen

3.5 Sprechen mit und ohne Konzept

3.5.1 Stichwortkonzept

3.5.2 MMM – die Mind-Map-Methode

Arbeitsblatt Stichwortkonzept

3.5.3 Schlagfertigkeit

Arbeitsblatt Schlagfertigkeit

3.5.4 Sprechdenken

Arbeitsblatt Sprechdenken

3.6 Lampenfieber und Sprechhemmungen

3.7 Redenschreiben

3.7.1 Tipps für Ghostwriter

3.7.2 Rhetorische Stilfiguren

Arbeitsblatt Rhetorische Stilfiguren

4 Argumentieren und Überzeugen –Strategien zur Meinungsbildung und zumMeinungswechsel

4.1 Argumentationsfiguren

4.2 Argumentationsziele

Arbeitsblatt Argumentieren

5 Gespräch – Moderation

5.1 Grundlagen der Gesprächsführung – Verstehen und verstanden werden

5.1.1 Strukturierte Gespräche

Arbeitsblatt Zusammenfassen

5.1.2 Moderation

5.1.3 Fragetechniken

5.1.4 Non-direktives Gesprächsverhalten

Arbeitsblatt Zuhören

5.1.5 Feedback

5.1.6 Themenzentrierte Interaktion (TZI)

5.2 Typische Gespräche

5.2.1 Besprechung, Konferenz, Meeting

5.2.2 Verhandlung

Arbeitsblatt Verhandeln

5.2.3 Das Verkaufsgespräch

5.2.4 Das Beratungsgespräch

Arbeitsblatt Beratungsgespräch

5.2.5 Non-direktives Interview

5.2.6 Konfliktgespräch

5.2.7 Kritikgespräch

5.3 Gespräche verstehen lernen

5.3.1 Transaktionsanalyse (TA)

5.3.2 Neurolinguistisches Programmieren (NLP)

5.3.3 Kommunikationsstile

5.3.4 Systematische Gesprächsbeobachtung

5.3.5 Interaktionssoziogramm

Arbeitsblatt Gesprächsanalyse

6 Gender-Kompetenz – GeschlechtsspezifischesKommunikationsverhalten

6.1 Jahrtausendealte Rollenstereotype

6.2 Gender und Gender Mainstreaming

6.3 Gender und Kommunikationsverhalten

6.4 Geschlechtstypische Verhaltensweisen

6.4.1 Dominante Formen des Gesprächsverhaltens

6.4.2 Nichtdominante Formen des Gesprächsverhaltens

7 Internationale Rhetorische Kompetenz –Aspekte der interkulturellen Kommunikation

8 Zur Geschichte der Rhetorik

8.1 Die Antike

8.2 Das Mittelalter

8.3 Das 15. bis 19. Jahrhundert

8.4 Das 20. Jahrhundert

8.5 Das 21. Jahrhundert

Statt eines Nachworts

Literatur

Kontakt & Training

Sachregister

Vorwort zur 17. Auflage

Rhetorische Schulung will kein uniformes Rede- oder Gesprächsverhaltenbewirken, sondern variables, der jeweiligen Situation und der Persönlichkeitdes Einzelnen angemessenes Kommunikationsverhaltenermöglichen. Dieses Lehr- und Übungsbuch steht in der Tradition eineremanzipatorischen, wertschätzenden und kooperativen Rhetorik.

Rhetorische Schulung hat immer die Verbesserung zwischenmenschlicherKommunikation zum Ziel. Das gilt für Präsentation wieModeration, für Rede wie Gespräch.

Deshalb heißt der Titel dieses Buches: „Rhetorik & Kommunikation“.

Ziel angewandter Rhetorik ist es, durch Information und Übung die kommunikative Leistung jedes Einzelnen zu fördern und etwaige Sprechhemmungen abzubauen:

damit Sie sagen können, was Sie meinen;

damit Ihre Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner Ihre Gedanken verstehen und mit Ihnen diskutieren können;

damit Sie Argumente besser erkennen und selbst effektiver argumentieren;

damit Sie lernen, Ihren Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern besser zuzuhören;

damit Rede und Gespräch letztlich zu Verständigung und gegenseitiger Hilfe führen, und das heißt: zu echter Kommunikation.

Dieses Buch gibt in seiner Geschlossenheit eine fundierte Einführung in alle Bereiche angewandter Rhetorik: die Körpersprache, die freie Rede, die Argumentation, die Gesprächsführung.

Dieses Lehr- und Übungsbuch wendet sich an alle, die sich selbst in Rhetorik und Kommunikation fortbilden wollen oder die ein entsprechendes Seminar besuchen oder besucht haben.

Durch die Teilnahme an einem Kommunikationsseminar werden am leichtesten Voraussetzungen geschaffen, das eigene Verhalten in Gesprächs- und Redesituationen bewusst und selbstkritisch zu kontrollieren und – wenn gewünscht – verbessern zu lernen.

Aber auch unabhängig vom Besuch eines Seminars geben die Informationen sowie vor allem die Arbeitsblätter und ausführlichen Literaturhinweise dieses Buches einen grundlegenden Über blick und ermöglichen selbstständige rhetorische Übung.

Ein besonders herzlicher Dank gilt unseren KollegInnen und MitarbeiterInnen, die durch viele Hinweise und kooperative Gespräche an den Neuauflagen mitgewirkt haben, insbesondere danken wir für ihre aktive Mitarbeit bei dieser 17. Auflage Christian Gegner und Dr. Brigitte D. Teuchert.

Regensburg, im April 2016

Dieter-W. und Waltraud Allhoff

Im richtigen Ton kann man alles sagen, im falschen Ton nichts.

Das einzig Heikle daran ist, den richtigen Ton zu treffen.

(G. B. Shaw)

Sprechen und Zuhören bestimmenunser Leben:

Vergiss nicht,

dass Dein Satz eine Tat ist.

(Antoine de Saint-Exupéry)

Wer so spricht,

dass er verstanden wird,

spricht gut.

(Molière)

Einmal entsandt,

fliegt das Wort unwiderruflich dahin.

(Horaz, Episteln I, 18, 71)

1 Die Bedeutung der Rhetorik

Rhetorik – oft missverstanden als „Kunst der Schönrederei“ oder der „manipulativen Überredung“.

Die Kritik an so missverstandener Rhetorik hat Tradition: von Platon über Kant bis heute; und manches populärwissenschaftliche Handoder Taschenbuch zur Rhetorik bestätigt leider dieses Vorurteil.

Dennoch: Rhetorik, wie sie hier verstanden wird, hat

selten etwas mit „schönem Reden“,

nicht immer etwas mit „Überreden“ und

fast nie etwas mit „Kunst“ zu tun.

Zu anderen oder mit anderen überlegt, gezielt und intendiert zusprechen, zu reden, zu diskutieren, zu debattieren, zu verhandeln istkeine Kunst, sondern die Notwendigkeit, Informationen zu empfangenund weiterzugeben, überzeugend zu präsentieren, Problemekooperativ zu lösen, Konflikte gewaltfrei zu lösen, Prozesse zielorientiertzu moderieren, sich mit anderen zu verständigen, zwischenmenschlicheBeziehungen herzustellen und zu erhalten: genau dassind Inhalte und Ziele einer emanzipatorischen, wertschätzendenund kooperativen Rhetorik.

Unter Rhetorik verstehen wir Theorie und Praxis mündlicher Kommunikation. Unter angewandter Rhetorik verstehen wir im engeren Sinn die Rede- und Gesprächspädagogik.

Wir alle haben ein Bildungssystem durchlaufen, das meist großen Wert auf schriftliche Verständigung legte, mündliche Kommunikation aber weitgehend vernachlässigte; in der beruflichen Aus- und Fortbildung fand vor Jahren zuerst ein Prozess des Umdenkens statt (Allhoff 2001a,b; Teuchert 2015c).

Aufgrund mangelnder rhetorischer Schulung und oft nur geringer Übung zeigen viele Gespräche erst sehr spät ein Ergebnis (oder auch gar keines), verstehen wir einander häufig nicht, ist die Fähigkeit Einzelner, ihre Gedanken auszudrücken und durchzusetzen, so unterschiedlich, fällt es uns schwer, fundiert zu argumentieren und – last, not least – zuzuhören.

Für das Sprechen im größeren Kreis oder mit sog. Autoritäten kommt für die meisten noch etwas erschwerend hinzu: das Phänomen Lampenfieber (siehe Kapitel 3.6), das viele oft erst gar nicht das sagen lässt, was sie sagen möchten und sollten. Unsere sprachlichen Möglichkeiten bestimmen auch unsere privaten, gesellschaftlichen und beruflichen Möglichkeiten; d.h.: sprachliche ist immer auch soziale Kompetenz. Grund genug, Seminare zur Schlüsselkompetenz „Angewandte Rhetorik“ anzubieten bzw. zu besuchen.

Vier Erfahrungen führten uns zur Beschäftigung mit angewandter Rhetorik:

1. Wir sind auf das gemeinsame Gespräch angewiesen. Das gilt im Kleinen wie im Großen, in Partnerschaft und Familie ebenso wie in Beruf und Gesellschaft. Gespräche, Verhandlungen, Besprechungen, Telefonate, Konferenzen, der Dialog mit dem Partner etc. machen einen wesentlichen Anteil des täglichen Lebens aus. Darauf wurden die meisten nicht ausreichend vorbereitet.

2. Was man sagt, ist oft nicht identisch mit dem, was man sagen wollte.

3. Was der Gesprächspartner bzw. Zuhörer aufnimmt, ist nicht immer identisch mit dem wirklich Gesagten. Man wählt die Information aus, man hört selektiv.

4. Richtiges setzt sich nicht allein deshalb durch, weil es richtig ist; es muss anderen auch als richtig erklärt werden können. Oder wie es Gerd Otto (1976, 9) ausdrückt:

„Wahrheit ist nicht zu haben ohne den Prozess der Wahrheitsfindungund der Mitteilung von Wahrheit. Was wahr ist, ist nicht per sewahr, sondern in Auseinandersetzung mit dem, was unwahr ist, undes ist wahr für die, denen ich es mitteilen will. Mit dem Weg, auf demich Wahrheit finde, und mit der Weise, sie anderen mitzuteilen, damites ihre Wahrheit werde, hat es Rhetorik zu tun.“

Um das eigene Sprechen im Sinne einer befriedigenderen Kommunikation zu verbessern, muss man rhetorische Prozesse erkennen lernen, muss um die Techniken der Kommunikation wissen und den Transfer in die Praxis geübt haben; man muss den Schritt wagen vom Wissenzum Können (Allhoff 2015; Teuchert 2015c).

Etwas kann die Rhetorik allerdings nicht lehren, sondern muss es voraussetzen: den Willen zum gemeinsamen Gespräch, die Bereitschaft zum Geben und Nehmen und die Achtung vor der (auch anderen) Meinung und die Wertschätzung der Persönlichkeit der Gesprächspartnerin, des Gesprächspartners.

Und eine letzte Selbstverständlichkeit: Über das Reden kann man sichnur Gedanken machen, wenn man etwas zu sagen hat.

Poeta nascitur,

orator fit.

Ein Dichter wird geboren,

ein Redner wird gemacht.

2 Körpersprache

Kommunikation ist vielschichtig: Wer spricht, sagt nicht nur, WAS er sagt; durch seine Sprechweise, sein gesamtes sprachliches und nichtsprachliches Verhalten übermittelt er dem Zuhörer bzw. Gesprächspartner zusätzliche (und oft die entscheidenden) Informationen, etwa

über seine Einstellung zum Thema,

über seine Gestimmtheit,

über sein Verhältnis zum Gesprächspartner und vieles mehr.

Der Sprecher sendet neben sprachlichen Zeichen verschiedene nichtsprachliche Signale. Der Zuhörer bzw. Gesprächspartner empfängt diese Signale (wenn auch zumeist nicht bewusst) und wird in seinem Kommunikationsverhalten und seiner weiteren Einstellung zum Sprecher und zu dem, was er sagt, erheblich von diesen nichtsprachlichen Signalen beeinflusst.

Zahlreiche und heute kaum noch zu überblickende wissenschaftliche Arbeiten haben die Bedeutung dieser sog. „nonverbalen“ Kommunikationsanteile bestätigt (vor allem Scherer/Wallbott 1984, Argyle/Henderson 2005, Scherer 1982, Goldin-Meadow/Wagner Cook 2012 und das praxisorientierte Übungsbuch von Heilmann 2009).

Bevor wir uns deshalb mit speziellen Problemfeldern der Rhetorik beschäftigen – der Rede und Präsentation, der Argumentation, dem Gespräch und der Moderation –, soll zu Beginn dieses Buches all das behandelt werden, was die Ausdrucksmöglichkeiten des Sprechers bzw. der Sprecherin selbst betrifft.

Das folgende Kommunikationsmodell ist von innen nach außen zu lesen:

Immer wenn jemand zu jemandem spricht, erfahren wir neben der Äußerung, also dem Inhalt im engeren Sinn, auch etwas über die Situation, in der gesprochen wird, über die Person, die spricht, über die Intention, die sie beim Sprechen verfolgt, und über die Beziehung der Partner zueinander. Jede Äußerung schafft wieder eine neue Kommunikationssituation. (Vergleiche auch das Kommunikationsmodell in Kapitel 5.1.)

Abbildung 1:Modell der mündlichen Kommunikation

„Wir sprechen mit unseren Stimmorganen,

aber wir reden mit unserem ganzen Körper“.

(Abercombie)

Bei jedem Zueinander- und Miteinandersprechen lassen sich außer dem gesprochenen Text verschiedene Kommunikationsanteile unterscheiden, die erst gemeinsam die menschliche Kommunikation ausmachen. In gängiger Terminologie kann man zwischen „verbaler“ und „nonverbaler“ Kommunikation unterscheiden. Der Begriff nonverbalerAusdruck umfasst verschiedene Äußerungsmöglichkeiten des Menschen, die nicht im engen Sinn sprachlich – verbal – sind (siehe Abbildung 2).

Dieser nonverbale Ausdruck umfasst „Sichtbares“ wie „Hörbares“. (Manche Linguisten unterscheiden deshalb zwischen verbal, extraverbal und paraverbal.) Im Einzelnen verstehen wir darunter:

Körperhaltung und -bewegung

Gestik

Mimik

Blickkontakt

(häufig zusammengefasst unter den Begriffen Körpersprache oder Kinesik),

Distanzverhalten

Körperorientierung

Bewegungen im Raum

(häufig zusammengefasst unter den Begriffen Räumliches Verhalten oder Proxemik),

aktive und passive körperliche Kontaktaufnahme, hier eingeschränkt: in mündlichen Kommunikationssituationen (häufig zusammengefasst unter dem Begriff Taktile Kommunikation) sowie

Stimme, Stimmklang

Aussprache, Dialekt etc.

Betonung

(häufig zusammengefasst unter den Begriffen Stimmlicher Ausdruck oder Prosodik).

Abbildung 2:Verbale vs. nonverbale Kommunikation

Die im engen Sinn nichtsprachlichen Kommunikationsanteile übermitteln wesentliche Informationen; sprachliche Information (also der eigentliche Text) ist oft nur im Zusammenhang mit Nonverbalem richtig zu verstehen. Deshalb muss ein rhetorisches Training, das sich etwa allein auf Redegestaltung, Redeaufbau, Argumentation, Dialektik etc. beschränkt, insgesamt wirkungslos bleiben. Gesprächs- und Redefähigkeit lassen sich nur im Zusammenspiel aller Kommunikationsanteile verbessern.

Rhetorische Kommunikation umfasst also immer beides: VERBALESund NONVERBALES. Auch wenn wir schweigen, spricht unser Körper.

Alle Kommunikationskanäle stehen in so engem Zusammenhang, dass Scherer (1982, 167) feststellt, ohne diese nonverbale Information wären „flexible Verhaltensreaktionen und komplexe soziale Interaktionen nicht möglich“, das heißt, wir Menschen könnten ohne das Zusammenspiel all dieser Ausdrucksmöglichkeiten gar nicht miteinander umgehen.

2.1 Die Funktion des nonverbalen Ausdrucks

Nonverbale Zeichen erfüllen innerhalb eines Kommunikationsprozesses verschiedene Funktionen (zum Teil beim Sprecher, zum Teil beim Hörer).

Die zehn wichtigsten Funktionen nonverbaler Kommunikation sind (vgl. Scherer 1984):

1. Sie begleitet und unterstützt die sprachliche Äußerung.

(Man spricht von der Kongruenz der einzelnen Kommunikationsebenen.) Z.B. Handbewegungen, die etwas unterstreichen, das An heben der Stimme bei wichtigen Mitteilungen. Die Worte werden also stimmlich und körpersprachlich unterstrichen, bestätigt.

2. Sie schwächt eine sprachliche Äußerung ab.

Z.B. freundlicher Ton beim Erteilen einer unmissverständlichen Rüge. Durch nonverbale Anteile werden Mitteilungen oft weit feiner differenziert als durch „viele Worte“.

3. Sie verstärkt eine sprachliche Äußerung.

Z.B. kann durch die Sprechweise eine Bitte, eine Aufforderung zum Befehl werden.

4. Sie widerspricht einer sprachlichen Äußerung.

Es kommt zum Widerspruch auf verschiedenen Kommunikationskanälen. (Man spricht auch von Inkongruenz.)

Diese meist nicht bewussten Widersprüche können durchaus im Sinne des Sprechers sein. Ein Beispiel: Einem unerwarteten Besucher wird die Tür geöffnet. Verbale Kommunikation: „Du bist es, komm doch herein.“ Nonverbale Kommunikation: Der Besuchte bleibt für einige Sekunden in der Tür stehen und drückt damit aus: „Eigentlich ist es mir nicht ganz recht . . .“ In der Regel wird die nonverbale Botschaft richtig verstanden. (Besucher: „Nein, ich wollte nicht hereinkommen . . .“)

Der Widerspruch kann aber auch nicht im Sinne des Sprechers sein, wenn sich dadurch Missverständnisse ergeben. Das in der geschichtlichen Entwicklung des Menschen (phylogenetisch) ältere, das nonverbale System ist offensichtlich der Kontrolle stärker entzogen. Es ist nicht immer leicht, die Kontrolle über alle Kommunikationskanäle zu behalten, so dass etwa

Sympathie/Antipathie

Interesse/Desinteresse

Ehrlichkeit/Unehrlichkeit etc.

durch Nonverbales (wie Körperhaltung, Stimmlage, Blickverhalten, Mimik) deutlich werden. Nonverbales Verhalten kann die innere Einstellung „verraten“. (Verbales Lügen ist leichter als nonverbales.)

Daneben gibt es für die angewandte Rhetorik bedeutsame Situationen, in denen ein Gesprächspartner bzw. Zuhörer nonverbale Signale falsch interpretiert und es zu einer vielleicht nicht angemessenen Reaktion kommt.

So führt z.B. situative Unsicherheit (Lampenfieber) häufig zu widersprüchlichen Signalen (Inkongruenz), die Kommunikationsprozesse erheblich behindern können. Zeichen von Lampenfieber können als Unsicherheit in der Sache interpretiert werden und so (sachlich vielleicht völlig unbegründet!) zu einem Verlust der Glaubwürdigkeit des Sprechers führen; oder umgekehrt: der Sprecher kompensiert seine Unsicherheit durch besonders forsches Auftreten, das für die Zuhörer Überheblichkeit und Arroganz signalisieren kann. In diesen Fällen spre chen wir von einem falschen rhetorischen Signal;mit falsch ist dabei die Interpretation des Signals, nicht das Signal an sich gemeint.

5. Sie ersetzt eine sprachliche Äußerung.

Z.B. Kopfschütteln statt „Nein“. Innerhalb eines Kulturkreises kommt es hier selten zu Missverständnissen.

Beim Telefonieren und im Rundfunk übernehmen die hörbaren (vokalen) Signale verstärkt die ausgefallenen visuellen Signale.

6. Sie drückt engagiertes Zuhören (oder das Gegenteil) aus.

Im wechselseitigen Miteinandersprechen, im Gespräch, aber auch in Redesituationen ist der Kommunizierende stets von der Rückmeldung durch seine Partner (Hörer) abhängig. So finden sich – wechselseitig – in Dialogen stets nonverbale Zeichen, die dem Gesprächspartner größere oder geringere Zuhörbereitschaft signalisieren. Ähnlich ist es in Redesituationen.

7. Sie drückt die Stellungnahme des Kommunikationspartners aus.

Durch sein Verhalten drückt der Hörer bzw. Partner z.B. Verstehen oder Nichtverstehen aus (Kopfnicken oder Hochziehen der Brauen) oder eine Wertung (z.B. Abwenden des Blickkontaktes, Zurücklehnen, Arme-Verschränken, Achselzucken).

8. Sie regelt den reibungslosen Ablauf eines Dialogs.

Nonverbale Signale dienen der Verständigung darüber, wer spricht. Z.B. signalisieren verlangsamtes (retardierendes) Sprechen, das Dehnen von Silben und Wörtern, dass der Sprechende das Wort weitergeben will; zunehmendes gestisches Verhalten oder zunehmende Lautstärke hingegen signalisieren dem Gesprächspartner den Wunsch, jetzt nicht unterbrochen zu werden.

9. Sie drückt die Gestimmtheit aus, das subjektive Befinden derKommunikationspartner.

Beispiele hierzu sind die vielen sog. körperorientierten Bewegungen wie Händereiben, Spielen mit Gegenständen, Kinnreiben, Korrigieren der Kleidung etc., durch die Unsicherheit, Nachdenklichkeit, Freude, innere Abwesenheit, Engagement u. v.m. ausgedrückt werden können.

10. Sie verdeutlicht die Beziehung zwischen den Partnern.

Durch Körperhaltung, Distanz, Lautstärke, Stimmhöhe, Blickverhalten, Kontaktaufnahme u. v. m. drückt sich das Verhältnis der Miteinan-der-Redenden aus – Sympathie oder Vertrautheit (etwa durch geringen Abstand, zugewandte Sitzweise), aber auch Status und Hierarchie (so wird z. B. körperlicher Kontakt, etwa ein „Auf-die-Schulter-Klopfen“, fast immer von der höhergestellten Person ausgehen).

Diese Beispiele der zehn hauptsächlichen Funktionen nonverbaler Kommunikationsanteile verdeutlichen zweierlei:

Viele dieser Signale werden nicht bewusst „gesendet“, aber dennoch „empfangen“.

Stimme, Gesichtsausdruck, Gestik, Körperhaltung, räumliche Orientierung u. v. m. haben – zusammen mit den verbalen Äußerungen! – einen nur schwer zu überschätzenden Einfluss auf die zwischenmenschliche Kommunikation.

Ein rhetorisches Training des nonverbalen Verhaltens soll . . .

. . . nonverbale Zeichen bewusst machen; die Wahrnehmungs -fähigkeit verbessern; für die nonverbalen Signale der Kommunikationspartnersensibilisieren;

. . . das Beobachten der eigenen Körpersprache ermöglichen, vorallem um sog. falsche rhetorische Signale vermeiden zu lernen;

. . . helfen, nonverbale Signale der Partner nicht vorbewusst falschzu interpretieren und so soziales Verhalten einzuengen.

Ein rhetorisches Beobachtungs- und Verhaltenstraining zur nonverbalen Kommunikation intensiviert und verbessert Zuhören und Verstehen, Sichverständigen und d.h. auch gegenseitiges Verständnis. Es führt zu gesamtsprachlicher (und damit eben auch körpersprachlicher) Echtheit und Identität des Einzelnen.

Vor weiteren Ausführungen zu einzelnen nonverbalen Verhaltensweisen möchten wir noch einmal betonen:

Rhetorische Schulung hat nichts mit Nachahmung oder dem Erlernen einer bloßen Technik zu tun. Sprech- und Sprachverhalten sind durch die besondere Biographie des Einzelnen geprägt – und werden und müssen auch individuell verschieden bleiben.

Rhetorische Schulung will kein uniformes Redeverhalten antrainieren.Jede sinnvolle Veränderung von Sozialverhalten ist ein individuellerProzess.

Bewusstmachung, Beobachtung und Eigenkontrollemündlicher Kommunikation sind die Lernziele angewandter Rhetorik, Verhaltenssteuerung ist die mögliche Konsequenz beim einzelnen Seminarteilnehmer.

Eine große Zahl von Untersuchungen zum Nonverbalen (Scherer/ Wallbott 1984, Argyle/Henderson 2005) konnte nachweisen: Wer Personen nur kurz hört und sieht, bildet sich schnell sein Urteil über sie. Dieses schnelle Vor-Urteil stimmt in hohem Maß mit den Persönlichkeitsmerkmalen überein, die ausführliche psychologische Tests dieser Personen ergaben.

Bei längerer bewusster Beobachtung kommt es erstaunlicherweise vermehrt zu Fehlinterpretationen, die Urteilskraft lässt zunächst einmal nach! Offensichtlich haben wir nur einen sehr begrenzten verstandesmäßigen Zugang zu emotionalen Regungen.

Beobachten lässt sich lernen. Dadurch werden Fehlinterpretationen vermieden. Die Urteile, die nach einem sorgfältigen Beobachtungstraining zur nonverbalen Kommunikation gefällt werden, stimmen in hohem Maße überein und sind dann besonders aussagekräftig.

Der „gesunde Menschenverstand“ ist – unreflektiert benutzt – garnicht so schlecht. Gefährlich ist das wenig qualifizierte „Herumpsychologisieren“.Bedenken Sie das bitte bei all Ihren Beobachtungenzur nonverbalen Kommunikation.

Ein Beobachtungstraining ist zunächst noch kein Interpretationstraining.

Arbeitsblatt

Nonverbale Kommunikation

1.Sammeln Sie nonverbale Verhaltensweisen, die Sie bei prominentenSprechern und Sprecherinnen (aus Politik, Kunst, Unterhaltung, Fern -sehen etc.) beobachtet haben.

2.Versuchen Sie, diese Beobachtungen den genannten zehn Funktionenzuzuordnen, und vermeiden Sie vorschnelle Interpretationen.

Sprecher/Sprecherinbeobachtetes nonverbales Verhaltenmögliche Funktion

2.2 Sichtbare SignaleDer visuelle Kanal

Der visuelle Eindruck ist entscheidend für das Bild (im wörtlichen wie im übertragenen Sinn), das der Hörer vom Sprecher bzw. der Gesprächspartner vom Partner gewinnt.

Körperhaltung, Gestik, Mimik „sagen“ dem Hörer etwas, drücken Entscheidendes aus:

Unsicherheit, Überlegenheit, Lässigkeit;

Verspannung, Spannung, Gelöstheit;

Gesprächsbereitschaft, Isolierung, Misstrauen, Zurückhaltung;

Offenheit, Unehrlichkeit;

engagiertes Zuhören, gespielte Aufmerksamkeit, Desinteresse und vieles mehr.

Die sichtbaren Aspekte des Verhaltens übermitteln neben demgesprochenen Text wesentliche Zusatzinformationen; außerdemsteuern sie den Ablauf von Kommunikationssituationen.

Zu den sichtbaren Signalen zählen wir

Haltung und Auftreten,

Gestik,

Mimik,

Blickkontakt,

räumliches Verhalten (Proxemik).

2.2.1 Haltung und Auftreten

Auf die häufigen Fragen „Wie soll man denn vorne stehen?“, „Wie soll man dasitzen?“, „Was soll man mit den Händen beim Sprechen machen?“ etc. lassen sich keine Antworten im Sinne fester Regeln geben, auch wenn das in manchem populärwissenschaftlichen Rhetorikbuch versucht wird.

Doch insbesondere hier darf rhetorische Schulung kein uniformes Verhalten antrainieren (s. oben).

Bei Übungen zur Körpersprache geht es immer:

erstens um Beobachtung des Verhaltens der Kommunikationspartner,

zweitens um Selbstwahrnehmung (vor allem auch der eigenenSpannung bzw. Verspannung) und erst

drittens um eigenverantwortliche Steuerung und evtl. Veränderungdes Verhaltens.

Selbstwahrnehmung und Steuerung aber sind erst nach steter bewusster Beobachtung anderer möglich. Das ist ein wichtiger Schritt eines jeden Kommunikationstrainings. Denn gerade Körperhaltung und Körpermotorik geben dem Kommunikationspartner wichtige Zusatzinformationen.

So wurde zum Beispiel festgestellt, dass

„stehende Personen eher eine Haltung mit verschränkten Armen einnahmen,wenn sich beide Personen nicht mochten, als wenn sie sichmochten. Eine Person, die sich zurücklehnt, ruft bei Männern wie beiFrauen den Eindruck hervor, abgelehnt zu werden, im Gegensatz zueiner Person, die sich vorbeugt . . . Jemand, der versucht, die Aufmerksamkeitanderer zu gewinnen und bestätigt zu werden, lächelt öfter,nickt öfter mit dem Kopf und gestikuliert mehr. Eine Person wurdedann als ‚warm‘ beurteilt, wenn sie lächelte, direkten Blickkontaktzeigte und die Hände stillhielt.“ (Knapp in Scherer/Walbott 1984, 324)

Außerdem wurden Personen mit ganz oder halb verschränkten Armen als unehrlich, kalt, ablehnend, unnachgiebig oder schüchtern, unsicher und passiv beurteilt.

Auch hier sieht man, dass eindeutige Zuordnungen oder gar Interpretationen falsch, gefährlich und die Kommunikation verzerrend sein können. (Mehrabian/Friar in Scherer/Walbott 1984, 188)

An dieser Stelle sei auch noch einmal das sog. falsche rhetorische Signal an dem zuletzt genannten Beispiel erläutert: Häufige Ur sache für ein Verschränken der Arme vor der Brust ist situative Unsicherheit (z.B. Lampenfieber) oder bloße Bequemlichkeit. Die – häufig falsche – Interpretation durch die Kommunikationspartner aber ist: Ablehnung, Verschlossenheit, Unehrlichkeit etc. Die Gefahr schneller und voreiliger Interpretation nonverbaler Signale wird hier einmal mehr deutlich.

Um die Zusammenhänge körpersprachlicher Effekte besser begreifen und beherrschen zu lernen, ist eine Erkenntnis besonders wichtig: In allen hier angesprochenen Problemfeldern kommt dem Muskel -tonus, also dem Grad körperlicher Gespanntheit, die zentrale Rolle zu. Denn intellektuelle wie psychische Überspannung führt auch zu Verspannungen in der Körperhaltung. Aber auch das Umgekehrte gilt: Bewusste körperliche Entspannung (die beim Sprechen jedoch noch im Bereich notwendiger physiologischer Anspannung liegt!), d. h. der Abbau von Verspannung, kann auch innere Überspannung lösen helfen, Ruhe und damit Sicherheit geben (siehe auch Kapitel 3.6).

Mehrabian (1977) stellte übrigens fest, dass dominantes Verhalten durch eine allgemeine körperliche Entspanntheitmitgeteilt wird. Menschen gegenüber, die von sog. niedrigerem Status sind, nehmen viele Personen eine entspanntere Körperhaltung ein als in der Kommunikation mit im Status Gleichgestellten (in unserem Kulturkreis übrigens auch noch bis heute Männer Frauen gegenüber!). Dies ist nur ein Beispiel dafür, dass sich gesellschaftliche Strukturen nicht nur im Verbalen, sondern auch im Nonverbalen widerspiegeln.

Wichtige Voraussetzung für die Kontrolle der eigenen Körpersprache ist daher das Erlernen von spannungsregulierenden Techniken, die es ermöglichen, ein Gefühl für den gegenwärtigen Spannungszustand zu bekommen und auf diesen Spannungsgrad bewusst einwirken zu können.

Aus der Vielfalt der Techniken und der Flut von Büchern, DVDs oder CDs zur Selbstentspannung geben wir bewusst keinen Hinweis und auch keine allgemeinen „guten Ratschläge“; denn ein spannungsregulierendes Training ist nur unter fachkundiger Anleitung sinnvoll zu erlernen, z. B. durch Sprechwissenschaftlerinnen, SprecherzieherInnen (DGSS), LogopädInnen, PsychologInnen.

Es ist wichtig, beim Reden Körperhaltungen zu vermeiden, die eineVerspannung geradezu fördern, z. B.

Verschränken der Arme vor der Brust,

Ballen der Hände zur Faust,

Hochziehen der Schultern,

Festhalten an Pult, Stuhl oder Tisch,

Hände auf dem Rücken oder in den Taschen u. v. m.

Auf diese Weise kann man einer weiter zunehmenden Verspannungoft noch rechtzeitig entgegenwirken.

Zum spannungsregulierenden Training noch ein abschließendes Wort. Ein reines Entspannungstraining, meist mit dem Ziel der Tiefenentspannung (z. B. Autogenes Training), bringt rede- und gesprächspädagogisch eher wenig Nutzen. Wirklich spannungslos kann man nicht mehr kommunizieren. Es geht in der Sprechpädagogik vielmehr um den Abbau von Überspannung mit dem Ziel situationsangemessenerGespanntheit. Das von uns entwickelte Situative tonusregulierendeTraining (STRT) ist nur unter Anleitung erlernbar (Anschriften: adressen@ irk-team.com).

2.2.2 Gestik

Eng mit dem Grad der Muskelspannung hängt auch die Gestik zusammen, das Reden mit den Händen. Die Art der Gestik, vor allem die Größe der Bewegungen ist

individuell verschieden und offensichtlich abhängig vom Temperament sowie

von Kulturkreis zu Kulturkreis unterschiedlich.

Hieraus ergibt sich die erste Folgerung:

Gestik macht man nicht, man hat sie.

Diese Forderung ist allerdings nur in entspannten Redesituationen, z.B. während einer Konversation, im vertrauten Kreis, selbstverständlich. Bei zunehmender Öffentlichkeit und dem subjektiven Gefühl, besonders gefordert zu sein, steigt die Tendenz, eine Haltung einzunehmen, die Gestik unterdrückt und nicht mehr zulässt. Hierdurch werden Sprechen und Sprechdenken erschwert (siehe Kapitel 3.5.4). In Untersuchungen an der Universität Regensburg haben wir festgestellt, dass bei einer – auch absichtlichen – Reduzierung der Gestik

Versprecher zunehmen;

der Satzbau komplizierter wird;

es häufiger zu sog. „Satzbrüchen“ kommt;

ungewollte, sinnwidrige Pausen zunehmen;

der gedankliche Faden häufiger abreißt;

der Sprecher leichter „stecken bleibt“.

Der Grund für dieses Phänomen liegt in der Art und Weise, wie sich die menschliche Sprachentwicklung und die jedes Einzelnen vollzogen hat. Auf diese phylogenetischen wie ontogenetischen Ursachen kann an dieser Stelle nur hingewiesen werden.

Aus dem Zusammenhang zwischen Sprechen und Gestik ergibt sich die zweite redepädagogische Folgerung:

Beim Auftreten Gestik-verhindernder Körperhaltung versuche man,diese zumeist verspannte Haltung zu ändern.

Es ist – trotz Nervosität und Angespanntheit – z. B. möglich, verschränkte Arme zu lösen; die Hände vom Rücken nach vorne zu nehmen; statt sich am Pult „festzuhalten“, fest „mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen“.

Im Übrigen wurde (von Baxter u. a. 1968) festgestellt, dass Personen mit größeren verbalen Fähigkeiten auch mehr Gesten verwenden, was die Verbindung von verbaler und nonverbaler Kommunikation einmal mehr verdeutlicht. Gesten sind vornehmlich sprachbegleitend und nur selten sprachersetzend.

Von der bisher beschriebenen Art der (sprachbegleitenden) Gestik abzuheben sind sog. körpergerichtete Gesten, auch „körperorientierte Bewegungen“ genannt, wie Sich-am-Kopf-Kratzen, Händereiben etc., die häufig Zeichen für inhaltliche oder situative Unsicherheit sein können (vgl. auch Ekman/Friesen 2003).

2.2.3 Mimik

Der Gesichtsausdruck ist in starkem Maße abhängig von der jeweiligen Emotion, der gefühlsmäßigen oder sachorientierten Einstellung des Sprechers bzw. Zuhörers.

Die meisten typischen Mienen sind interkulturell gleich, d.h. in allen Ländern und bei allen Völkern zeigen die grundlegenden Gefühle wie Trauer, Freude, Ärger oder Angst den gleichen Gesichtsausdruck, während das übrige mimische Verhalten stark von der Kultur geprägt wird (z. B. Eibl-Eibesfeldt 1998; Birdwhistell 1970).

Kleinste Veränderungen in der augenblicklichen Einstellung verändern unmittelbar den Gesichtsausdruck. Deshalb wurde in der Tradition der Rhetorik neben der Gestik auch der Mimik stets besondere Bedeutung beigemessen. Inzwischen gibt es sogar Trainingsprogramme zur Verbesserung der Fertigkeit, den Gesichtsausdruck zu interpretieren (z. B. von Ekman/Friesen 2003; 1978).

Die Mimik erfüllt vier Funktionen:

Sie spiegelt persönliche Eigenschaften wider; jeder hat seinen „typischen“ Gesichtsausdruck.

Sie zeigt Emotionen, z. B. Freude, Angst.

Sie zeigt die innere Stellungnahme des Einzelnen, z. B. Zustimmung, Überraschung.

Durch Mimik werden Interaktionsabläufe geregelt, z. B. durch Hochziehen der Augenbrauen oder Stirnrunzeln.

Ständige Beobachtung kann den Blick schärfen, lässt etwa Zustimmung oder Ablehnung, Kompromissbereitschaft etc. beim Partner auf dem nonverbalen Kanal schnell erkennen. Nicht selten ist der nonverbale dem verbalen Ausdruck zeitlich voraus.

Mehrabian (1977) stellte für Einwortäußerungen fest, dass die positive emotionale Einstellung zum Gesprächspartner

zu 7% vom Verbalen, also vom eigentlichen Inhalt,

zu 38 % vom Tonfall und

zu 55 % vom Gesichtsausdruck abhängt.

Auch wenn diese Zahlen immer wieder zitiert werden, verallgemeinert stimmen sie natürlich nicht. Mit diesen und ähnlichen Zahlen muss sehr vorsichtig umgegangen werden, entstammen sie doch immer nur einer ganz bestimmten Versuchsanordnung, hier zum Beispiel bezogen sie sich nur auf Einwortsätze. Es bleibt jedoch – auch aufgrund anderer Untersuchungen – festzuhalten: Das Zusammenspiel aller Kommunikationskanäle muss immer mit bedacht werden.

Für die Mimik gibt es übrigens auch Untersuchungen (z. B. Ekman/ Friesen 1978, 2003), die zeigen, dass unser Gesicht am besten lügen kann. Für das Erkennen von Lügen kommt offensichtlich dem Tonfall der Stimme eine Schlüsselrolle zu. (Zum Lügen siehe auch Berthold 1985 und die umfangreiche Literatur zu den sog. Lügen -detektoren.)

2.2.4 Blickkontakt

Unter Blickkontakt versteht man das gegenseitige Anblicken von Kommunikationspartnern, d. h. die Kontaktaufnahme zwischen Redner und Zuhörer bzw. zwischen Gesprächspartnern.

Für die Häufigkeit, Länge, den Zeitpunkt des Wechsels des Blickkontaktes etc. gibt es für jede Kultur offenbar feste – ungeschriebene – Regeln. Bereits vier Monate alte Säuglinge zeigen das typische Blickkontakt-Verhalten der Erwachsenen ihrer Kultur. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass Menschen die Intensität ihres Blickkontaktes, die sie als Säuglinge hatten, nicht mehr ändern.

Der Blickkontakt steuert den Gesprächsablauf, signalisiert Gesprächsbereitschaft und Aufmerksamkeit, vermittelt Feedback und kann die emotionale Gestimmtheit signalisieren.

Blickkontakt fällt vor allem da auf, wo er nicht vorhanden ist.

Wie wirken Personen mit wenig – für ihre Kultur zu wenig – Blickkontakt? Eine Untersuchung von Kleck und Nuessle (1968) ergab: Personen, die zu 80 % der Zeit beim Sprechen ihren Partner anschauten, wurden u. a. als „freundlich“, „selbstbewusst“ und „natürlich“ eingeschätzt. Personen, die nur zu 15 % der Zeit beim Sprechen ihren Partner anschauten, wurden dagegen u. a. als „kalt“, „pessimistisch“, „ausweichend“, „unterwürfig“ und „gleichgültig“ eingeschätzt. Prinzipiell werden Personen mit intensivem Blickkontakt als dominanter, aktiver und selbstbewusster angesehen. Nur bei ungewöhnlich langem Blickkontakt („Anstieren“) wird eine offensichtlich störende, weil zu starke Intimität provoziert.

Für die angewandte Rhetorik ist darüber hinaus wichtig zu wissen:

Blickkontakt nimmt mit zunehmender Verunsicherung oder auchbei zunehmender Konzentration auf ein zu lösendes Problem immermehr ab.

Doch auch gerade dann ist das Anschauen der Hörer bzw. Gesprächspartner während des Sprechens notwendig, um

einen positiven Kontakt aufrechtzuerhalten,

Hörerreaktionen beobachten zu können (auf die Bedeutung der nonverbalen visuellen Signale der Hörer wurde bereits hingewiesen),

das eigene Sprechen zu intensivieren,

von anderen nicht falsch eingeschätzt zu werden.

Ein längeres, unübliches Abwenden des Blickkontaktes beim Sprechen kann dem Partner den Eindruck von Kälte, Unsicherheit, Gleichgültigkeit oder Unaufrichtigkeit vermitteln.

Auch vor einem größeren Publikum ist Blickkontakt eine Kontaktaufnahmezwischen zwei Partnern (man kann nicht mehreren Personengleichzeitig in die Augen schauen); dabei ist wechselnder, aberintensiver Blickkontakt mit wenigen Hörern günstiger und effektiverals der Versuch eines flüchtigen Kontaktes mit allen (der ebenkeinen echten Kontakt herstellt).

2.2.5 Räumliches Verhalten (Proxemik)

Räumliches Verhalten drückt sich aus durch die interpersonale Nähe, durch das Maß gegenseitiger Zugewandtheit (sog. Körperorientierung) sowie durch Berührungen (sog. taktile Kommunikation, s. u.).