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· Der Ratgeber erklärt, warum Rheuma bei Frauen anders verläuft
· Wissen aus der modernen Rheumatologie, praktische Empfehlungen
· 4-Wochen-Starter-Pläne zu Bewegung, Ernährung und emotionaler Gesundheit
Alles, was für Frauen mit Rheuma wichtig ist
Ob jung oder alt: Rheuma kann jeden treffen. Als Frau bist du jedoch deutlich häufiger betroffen, erlebst Schmerzen anders und reagierst oft anders auf Medikamente als Männer. Auch Schmerzen nimmst du anders wahr. Trotzdem wird die weibliche Sichtweise in Forschung, Diagnostik und Therapie noch viel zu wenig berücksichtigt. In „Rheuma ist weiblich“ erklärt Dr. med. Anna Maier, warum Rheuma bei Frauen besondere Aufmerksamkeit braucht und wie du deine Erkrankung besser verstehen und aktiv mitgestalten kannst.
Dr. med. Anna Maier, Leitende Oberärztin und bekannt als RheumaDoc Anna, zeigt dir, was wirklich wichtig ist: Wie kannst du Entzündungen vermeiden? Warum sind Ernährung, Bewegung und mentale Balance so entscheidend? Welche Rolle spielen hormonelle Veränderungen, eine Schwangerschaft oder die Wechseljahre? Dieser Ratgeber gibt dir Orientierung in allen wichtigen Fragen – von der Diagnose über das Arztgespräch bis hin zu Therapie und Lebensstil.
„Rheuma ist weiblich“ richtet sich an Frauen mit rheumatischen Erkrankungen sowie an Angehörige, die die Besonderheiten weiblicher Krankheitsverläufe verstehen möchten. Das Buch verbindet medizinisches Fachwissen mit verständlichen Erklärungen und macht dir Mut, dein Leben aktiv und selbstbestimmt zu gestalten.
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Seitenzahl: 179
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Verstehe wissenschaftliche Zusammenhänge und entdecke, was du selbst tun kannst
5 Gründe, warum Rheuma bei Frauen anders ist
1. Autoimmunität – warum das weibliche Immunsystem anders reagiert
2. Hormonelle Einflüsse – wie Östrogen und Co. das Immunsystem mitbestimmen
3. Zyklus, Schwangerschaft & Wechseljahre – wie Lebensphasen Entzündungen beeinflussen
4. Stress & Emotionen – die oft unterschätzte Verbindung zwischen Psyche und Entzündung
5. Behandlung & Lebensstil – was Frauen selbst tun können, um Entzündungen zu bremsen
10 Dinge, die dir als Frau mit Rheuma helfen
1. Wissen statt Ohnmacht: Verstehe, was in deinem Körper passiert, und triff Entscheidungen bewusst.
2. Stress ernst nehmen: Seelische Anspannung kann Entzündungen verstärken. Entspannung ist aktive Therapie.
3. Bewegung anpassen statt vermeiden: Bewegung ist dein Medikament ohne Beipackzettel.
4. Schlaf priorisieren: Guter Schlaf beruhigt dein Immunsystem und schenkt Regeneration.
5. Entzündungshemmend essen: Frische, pflanzenbetonte Kost hilft, Entzündungen zu senken.
6. Physikalische Reize einsetzen: Wärme, Kälte oder Wasser können Schmerzen lindern.
7. Hormone verstehen: Sie beeinflussen Entzündungen, Schmerzen und Energie stärker, als du denkst.
8. Offen über Gefühle sprechen: Akzeptanz und Austausch entlasten Körper und Seele.
9. Selbstfürsorge leben: Kleine, regelmäßige Schritte wirken stärker als jeder Perfektionismus.
10. Freude zulassen: Sie stärkt dein Immunsystem und erinnert dich daran, dass du mehr bist als deine Krankheit.
Die Starter-Pläne zeigen dir, wie du mit Ernährung, Bewegung und Balance Schritt für Schritt Einfluss auf Entzündungen nehmen kannst – einfach, alltagstauglich und in deinem Tempo.
HERZLICH WILLKOMMEN!
WARUM ICH IN DIESEM BUCH NUR ÜBER FRAUEN SPRECHE
Rheuma ist weiblich
Unterschiede in der Immunantwort
Wann Rheuma ins Leben einer Frau kommt
Das soziale Geschlecht
Frauen erleben Schmerz anders
Das Schmerzgedächtnis
Der Umgang mit Schmerz
Medikamente wirken bei Frauen anders
Die Lösung: Personalisierte Medizin
SO WIRD RHEUMA DIAGNOSTIZIERT UND BEHANDELT
Was ist Rheuma?
Entzündliche Rheumaformen
Nicht-entzündliche Rheumaformen
Mischformen
Rheumaformen abgrenzen
Der Weg zur Diagnose
Anamnese
Differenzialdiagnose
Untersuchungen
Rheuma-Entzündung vermeiden
Die unkontrollierte Rheuma-Entzündung ist ungünstig!
Die Entzündungsspirale stoppen
Nerven, Hormone und Immunsystem in Balance bringen
Keine Angst vor deinem Basismedikament
Krankheitsfolgen gezielt abwenden
Kortison
Rheuma-Schmerzmittel (NSAR)
Rheuma-Basistherapie
Geht es auch ohne Medikamente?
Den richtigen Rheuma-Doc finden
Gut vorbereitet zum Termin
Dein Fahrplan für die Sprechstunde
Das Beste aus dem Gespräch herausholen
DREI BAUSTEINE FÜR EIN GUTES LEBEN MIT RHEUMA
Baustein 1: Bewegung
Darum ist Bewegung bei Rheuma wichtig
Gibt es einen richtigen oder falschen Sport?
Dein 4-Wochen-Starter-Plan: Bewegung
Die vier Säulen der ganzheitlichen Bewegung
Woche 1 – Einstieg und Mobilisation
Woche 2 – Sanfte Kraft in den Alltag integrieren
Woche 3 – Bewegungsfreude entdecken
Woche 4 – In Bewegung bleiben
Baustein 2: Ernährung
Das richtige Körpergewicht
Gibt es „die” Rheuma-Ernährung?
Wichtige Nährstoffe – nicht nur bei Rheuma
Zucker bei Rheuma: Besser weniger als mehr
Rheuma-Medikamente und Darmgesundheit
Fasten – sinnvoll bei Rheuma?
Dein 4-Wochen-Starter-Plan: Ernährung
Woche 1 – Dein Einstieg
Woche 2 – Ballaststoffe erhöhen und Eiweiß einbauen
Woche 3 – Vielfalt, Farben und Omega-3-Fettsäuren
Woche 4 – Routinen etablieren
Baustein 3: Emotionale Gesundheit
Wenn das Immunsystem nicht zur Ruhe kommt
Was du selbst tun kannst
Dein 4-Wochen-Starter-Plan: Emotionale Gesundheit
Woche 1 – Ankommen bei dir selbst
Woche 2 – Gedanken beobachten lernen
Woche 3 – Stabilität aufbauen
Woche 4 – Den eigenen Rhythmus finden
Kannst du jetzt deine Medikamente absetzen?
Folgeschäden vermeiden
RHEUMA UND KINDERWUNSCH
Schwanger werden und schwanger sein
Das Wichtigste: Die Entzündungskontrolle
Wie sicher sind Medikamente in der Schwangerschaft?
Was Studien und Register leisten
Informiere dich umfassend
Diese Medikamente musst du absetzen
Diese Medikamente sind erlaubt
Stillen und Medikamenteneinnahme
Rheuma und Kinderwunsch bei Männern
DU SCHAFFST DAS!
ANHANG
Hilfreiche Adressen
Studien und Veröffentlichungen
Liebe Leserin,
wünschst du dir wissenschaftlich fundierte Fakten, um zu verstehen, was in deinem Körper bei entzündlichem Rheuma passiert – und zu sehen, dass mit Klarheit, Struktur und Freude an der Sache erste Erfolge möglich werden?
In der medizinischen Forschung, der Diagnostik und auch in der Therapie wird der Geschlechteraspekt noch immer zu wenig berücksichtigt.
Ich bin Anna Maier, Ärztin für Innere Medizin und Rheumatologie, und behandle seit fast zwei Jahrzehnten Menschen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen. In dieser Zeit habe ich immer wieder erlebt, wie sehr Mythen, Halbwissen und widersprüchliche Ratschläge verunsichern können. Menschen mit Rheuma wünschen sich weniger Schmerzen und mehr Energie im Alltag. Sie suchen Klarheit über ihre Erkrankung und moderne Behandlungsmethoden. Sie brauchen das Gefühl, ihr Leben trotz der Herausforderungen der Krankheit selbst in der Hand zu behalten.
In der medizinischen Forschung, der Diagnostik und auch in der Therapie wird der Geschlechteraspekt noch immer zu wenig berücksichtigt – und genau das führt dazu, dass wichtige Aspekte oft übersehen werden. Zyklische Veränderungen, hormonelle Einflüsse, Schwangerschaften und die Wechseljahre wirken sich spürbar auf den Verlauf und das Erleben rheumatischer Beschwerden aus, werden jedoch nicht konsequent genug mitgedacht.
Zum Glück beginnt die Medizin endlich, Besonderheiten jedes Geschlechts ernst zu nehmen. Genau hier liegt deine Chance: Je besser du verstehst, was in deinem Körper passiert, desto klarer kannst du selbst deine Gesundheit mitgestalten.
Von diesem Buch wirst du schnell profitieren, wenn du mit Offenheit, Neugier und der Bereitschaft, Neues zu lernen, ein gutes Gespür für deinen eigenen Körper entwickelst. Du wirst lernen, wie du dich sicherer und souveräner durch unser Gesundheitssystem bewegst.
Du findest hier medizinisches Wissen, verständlich erklärt und in deinen Alltag übertragbar. Vielleicht wirst du dich in den Geschichten aus meiner Praxis wiederfinden. Du bekommst praktische Impulse in Form von 4-Wochen-Plänen, die dir helfen, aktiv zu werden: in Gesprächen mit Ärztinnen und Ärzten, in deiner eigenen Lebensgestaltung und in deinem neuen Körpergefühl.
„Rheuma ist weiblich” ist für Frauen geschrieben, die ihre Erkrankung verstehen und ihren eigenen Einfluss nutzen wollen.
„Rheuma ist weiblich” ist für Frauen geschrieben, die ihre Erkrankung bewusst verstehen und ihren eigenen Einfluss nutzen wollen. Gleichzeitig spricht es die Menschen an, die an ihrer Seite stehen – Partnerinnen, Partner, Freundinnen, Familie. Denn wer die Zusammenhänge kennt, kann besser unterstützen, begleiten und stärken.
Ich wünsche dir, dass dir dieses Buch neue, greifbare Möglichkeiten zeigt – solche, die zu dir passen, die in deiner eigenen Entscheidungskraft liegen und die dir im Alltag wirklich weiterhelfen.
Hast du dich schon einmal gefragt, warum entzündliches Rheuma Frauen häufiger betrifft? In diesem Kapitel erfährst du, welche Rolle deine Hormone und dein Immunsystem dabei spielen – und warum bestimmte Autoimmunerkrankungen bei Frauen häufiger diagnostiziert werden als bei Männern. Auch beim Thema Schmerz gibt es Unterschiede: Frauen nehmen Schmerzen oft anders wahr und schildern sie auf ihre eigene Weise. Manche dieser Unterschiede sind gut untersucht, andere werden in der Medizin erst nach und nach besser verstanden. Dieses Kapitel gibt dir einen Überblick über die wichtigsten biologischen Zusammenhänge – einfach erklärt und klar verständlich. So kannst du besser nachvollziehen, was in deinem Körper passiert, und selbstbewusst entscheiden, welche nächsten Schritte für dich sinnvoll sind.
In meiner täglichen Arbeit als Rheumatologin sehe ich es immer wieder: Entzündliches Rheuma betrifft Frauen öfters als Männer. Das Auftreten häuft sich rund um hormonelle Umbruchphasen wie Schwangerschaft oder Wechseljahre. Das ist kein Zufall. Unsere Hormone, insbesondere Östrogene, beeinflussen das Immunsystem, auch wenn hier nicht alle Zusammenhänge verstanden sind. Schwankungen oder Umstellungen können Entzündungen fördern oder dämpfen.
Frauen erkranken häufiger an Rheuma.
Nicht nur die Verteilung der Geschlechter in meiner Sprechstunde, auch breit gefasste wissenschaftliche Daten zeigen: Frauen erkranken häufiger an Kollagenosen wie Sjögren-Syndrom, systemischem Lupus erythematodes und systemischer Sklerose als Männer. Kollagenosen sind eine Gruppe von entzündlich-rheumatischen Autoimmunerkrankungen, die sich gegen das körpereigene Bindegewebe – insbesondere Kollagen – richten. Auch die rheumatoide Arthritis ist deutlich öfter weiblich besetzt.
Lange hat man angenommen, dass die axiale Spondyloarthritis (AxSpA), eine rheumatische Entzündung der Wirbelsäule, bei Männern deutlich häufiger vorkommt. Die neuesten Untersuchungen zeigen jedoch, dass der Unterschied zwischen den Geschlechtern gar nicht so groß ist. Lange hat man den „Frauen-Rückenschmerz” auf andere Ursachen geschoben: Regelschmerz, Stress.
Einfach ist es in der Tat nicht. Zum Beispiel hat fast jede Schwangere Rückenschmerzen, die die Vorbereitung des weiblichen Beckens auf die bevorstehende Geburt widerspiegeln. Immer noch dauert es gerade bei der axialen Spondyloarthritis bei Frauen besonders lang, bis die Diagnose gestellt und die Behandlung begonnen wird. Männer sind hingegen häufiger von den Verknöcherungen der Wirbelsäule – früher Spondylitis ankylosans oder Morbus Bechterew genannt – oder Morbus Behçet (eine Entzündung der Blutadern) betroffen.
Rheumatische Erkrankungen und Geschlecht
ERKRANKUNG
VERHÄLTNIS FRAUEN ZU MÄNNERN
Sjögren-Syndrom
9:1
Systemischer Lupus erythematodes (SLE)
7:1
Systemische Sklerose
3:1
Rheumatoide Arthritis prämenopausal
4:1
Rheumatoide Arthritis postmenopausal
2:1
Riesenzellarteriitis
3:1
Myositis
2:1
Psoriasisarthritis
1,2:1
ANCA-Vaskulitis
1,2:1
Axiale Spondyloarthritis (AxSpA)
1:2
Quelle: Albrecht A., Ohrndorf S., Strangfeld A. GeschlechtersensibleAspekte in der Rheumatologie, 2024
Es gibt auch biologische Unterschiede in der Immunantwort. Darunter versteht man die Reaktion des Immunsystems auf einen Fremdkörper (z. B. Viren, Bakterien, Pilze, Parasiten oder auch körperfremde Substanzen wie Pollen, Giftstoffe oder Transplantate). Ziel der Immunantwort ist es, den Körper vor Krankheitserregern zu schützen und potenziell gefährliche Zellen zu beseitigen. Frauen zeigen insgesamt eine stärkere Immunantwort als Männer.
Frauen zeigen insgesamt eine stärkere Immunantwort als Männer.
Das liegt daran, dass Frauen zwei X-Chromosomen besitzen, Männer nur eines. Das X-Chromosom ist ein Teil unserer Erbanlagen – also der „Baupläne”, die in jeder Körperzelle gespeichert sind. Es gehört zu den sogenannten Geschlechtschromosomen, weil es mitbestimmt, ob ein Mensch ein Junge oder ein Mädchen ist. Eins bekommen wir von der Mutter und eins vom Vater.
Damit im Körper nicht alles doppelt läuft, wird bei Frauen eines dieser X-Chromosomen größtenteils abgeschaltet. Doch eben nur größtenteils – etwa 15 Prozent der Gene auf dem zweiten X-Chromosom bleiben aktiv. Sie arbeiten also zusätzlich mit, als würden sie ein Back-up-System bilden. Dieses „Doppelspiel” sorgt dann dafür, dass Frauen oft ein besonders starkes Immunsystem haben: Sie können Infekte schneller erkennen und effektiver bekämpfen.
Doch dieser Vorteil hat auch seine Kehrseite. Denn ein sehr aktives Immunsystem bedeutet nicht nur bessere Abwehrkräfte, sondern auch ein höheres Risiko, dass der Körper überreagiert und sich gegen sich selbst richtet – was zu Autoimmunerkrankungen führen kann. Es ist also ein zweischneidiges Schwert.
Auch bei Impfungen zeigt sich dieser Effekt: Frauen entwickeln häufig stärkere Abwehrreaktionen, was einerseits gut ist, weil der Impfschutz besser greift – andererseits treten bei ihnen häufiger Nebenwirkungen auf.
Die Natur hat uns Frauen die Aufgabe gegeben, neues Leben zur Welt zu bringen. Dabei passiert etwas Faszinierendes: Die Hälfte der Erbinformationen eines ungeborenen Kindes stammt vom Vater und ist für den Körper der Mutter eigentlich komplett fremd. Trotzdem wird das Baby ausgetragen und nicht abgestoßen. Damit das gelingt, setzt der weibliche Körper während der Schwangerschaft viele komplexe Schutzmechanismen in Gang, die die Forschung immer besser versteht.
Das Immunsystem der Mutter passt sich in dieser Zeit auf besondere Weise an. Es bleibt wachsam und tauscht sich eng mit dem Immunsystem des wachsenden Kindes aus – immer darauf bedacht, das Fremde nicht als Bedrohung zu erkennen und gleichzeitig sich selbst vor echten Gefahren zu schützen. Ein fein abgestimmtes Gleichgewicht, das das Wunder einer gesunden Schwangerschaft überhaupt erst möglich macht.
In der Zeit der Schwangerschaft steigen die weiblichen Hormone – Östrogene – um das Tausendfache an, um nach der Entbindung auf das normale Niveau zurückzufallen. Diese starken Schwankungen der Hormone passieren in der Pubertät und in den Wechseljahren sowie – nicht zu vergessen – in den monatlichen Schwankungen. Vorsicht, lieber männlicher Leser: Wir sind nicht zickig. Wir sind zyklisch!
Frauen erkranken häufig in und nach der Schwangerschaft und in und nach den Wechseljahren an Rheuma.
Wir kommen also der Erklärung nahe, wann Rheuma-Erkrankungen ins Leben einer Frau kommen. Es gibt einen ersten Gipfel in und nach der Schwangerschaft und den zweiten in und nach den Wechseljahren. Wenn du jetzt denkst: „Nicht alle Frauen bekommen Kinder, trotzdem haben sie Rheuma”, hast du vollkommen recht. Es geht hier um Statistik, um die Vogelperspektive – und sie gibt nun einmal diese Zahlen her.
Alle Zellen in unserem Körper – auch die Zellen des Immunsystems – reagieren auf Signale von Hormonen. Hormone sind winzige chemische Botenstoffe, die wie Dirigenten den gesamten Stoffwechsel steuern. Wenn der Hormonspiegel stark schwankt, z. B. in den Wechseljahren, nach einer Geburt oder unter Dauerstress, gerät das ganze System durcheinander. Der Körper versucht dann, wieder ins Gleichgewicht zu kommen – manchmal gelingt ihm das nicht vollständig.
Ist das Gleichgewicht länger gestört, kann das Immunsystem verwirrt reagieren und plötzlich körpereigenes Gewebe angreifen. Man spricht dann von einer Autoimmunerkrankung – also einer Erkrankung, bei der sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet. Solche Erkrankungen können viele Bereiche betreffen, z. B. Haut, Gelenke oder Organe. Besonders häufig ist die Schilddrüse betroffen: Bei der sogenannten Hashimoto-Thyreoiditis greift das Immunsystem das Schilddrüsengewebe an.
Man weiß inzwischen, dass solche Erkrankungen in manchen Familien gehäuft auftreten. Es scheint also auch eine genetische Veranlagung dafür zu geben.
Nicht nur das biologische, sondern auch das soziale Geschlecht spielt bei Erkrankungen wie Rheuma eine Rolle. In der deutschen Sprache ist es manchmal gar nicht so einfach, zwischen dem körperlichen Geschlecht und der erlebten Geschlechtsidentität zu unterscheiden. Im Englischen ist das klarer: Dort spricht man von sex für das biologische Geschlecht und von gender für das soziale, also das erlebte Geschlecht.
Das biologische Geschlecht wird durch unsere Gene, Hormone und Geschlechtsorgane bestimmt. Du hast es weiter oben schon gelesen: In der Regel haben Frauen zwei X-Chromosomen (XX), Männer ein X- und ein Y-Chromosom (XY). Es gibt aber auch andere Varianten – etwa beim Turner-Syndrom (nur ein X) oder beim Klinefelter-Syndrom (XXY). Diese Vielfalt zeigt: Geschlecht ist nicht immer eindeutig. Trotzdem zeigt sich in der Medizin, dass bestimmte Erkrankungen – wie viele Formen von Rheuma – häufiger bei Menschen mit weiblicher Biologie auftreten.
Auch das soziale Geschlecht spielt bei Erkrankungen wie Rheuma eine Rolle.
Geschlecht ist nicht immer eindeutig
Mir ist bewusst, dass es viele geschlechtliche Identitäten gibt, und ich schätze jede davon. Wenn ich in diesem Buch von „Frauen” spreche, beziehe ich mich der Verständlichkeit halber auf Menschen mit weiblicher Biologie, da sich viele medizinische Besonderheiten bei Rheuma genau auf diese Kombination aus Körper, Hormonen und gesellschaftlicher Prägung beziehen.
Doch nicht nur der Körper, auch das soziale Geschlecht hat Einfluss, also wie Menschen sich selbst sehen, wie sie mit Schmerzen umgehen, wie sie auf Beschwerden reagieren oder wann sie ärztliche Hilfe suchen. Studien zeigen beispielsweise, dass Frauen oft lange zögern, ihre Symptome ernst zu nehmen – oder nicht gehört werden, wenn sie über diffuse Schmerzen sprechen. Gleichzeitig gilt es gesellschaftlich häufig noch immer als „stark”, wenn Männer Schmerzen ignorieren. All das beeinflusst, wie und wann rheumatische Erkrankungen erkannt und behandelt werden.
In meiner Sprechstunde höre ich es immer wieder: „Ich bin einiges gewohnt – dieser Schmerz bringt mich trotzdem an meine Grenze.” Viele meiner Patientinnen beschreiben ihre Schmerzen intensiver, komplexer – und oft auch anders, als man es in Lehrbüchern liest. Das hat nichts mit Empfindlichkeit im Sinne von „übertreiben” zu tun, sondern mit messbaren biologischen und psychologischen Unterschieden zwischen Frauen und Männern.
Frauen leiden häufiger unter chronischen Schmerzen als Männer.
Studien belegen, dass Frauen häufiger unter chronischen Schmerzen leiden als Männer. Sie berichten nicht nur mehr Schmerzen, sondern erleben diese oft auch als stärker, länger andauernd und belastender. Beispiele dafür sind Migräne, Fibromyalgie, Reizdarmsyndrom oder auch chronische Rückenschmerzen – Erkrankungen, bei denen entzündliche und nicht entzündliche Prozesse ineinandergreifen.
Ein Grund dafür liegt in unserem Nervensystem, genauer im sogenannten Schmerzgedächtnis – also der Fähigkeit des Körpers, Schmerzen auch nach Abklingen der Ursache weiter zu empfinden. Neurowissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sich bestimmte Hirnregionen, die an der Schmerzwahrnehmung beteiligt sind, unter Einfluss der weiblichen Geschlechtshormone anders vernetzen. Östrogene wirken z. B. nicht nur auf das Immunsystem, sondern auch direkt auf die Schmerzwahrnehmung.
Man kann sich das wie einen doppelten Effekt vorstellen: Das weibliche Hormon Östrogen stärkt grundsätzlich das Immunsystem. Das ist wichtig, um Viren oder Bakterien gut abwehren zu können. Doch genau dieser Schutzmechanismus kann bei chronischen Entzündungen, wie sie bei Rheuma vorkommen, auch zum Problem werden. Denn das Immunsystem bleibt dauerhaft aktiv und schüttet dabei bestimmte Botenstoffe aus, die Entzündungen im Körper weiter anfeuern.
Diese Botenstoffe – sogenannte Zytokine – heißen z. B. TNF-alpha, Interleukin-1 oder Interleukin-6. Sie fördern nicht nur die Entzündung, sondern machen auch die Schmerzrezeptoren in den Nerven empfindlicher. Man könnte sagen: Die Nerven „funken lauter”, als sie eigentlich müssten.
Das führt dazu, dass schon ein eigentlich harmloser Reiz als schmerzhaft empfunden werden kann. Und: Schmerzen können länger anhalten oder sich stärker anfühlen, als es objektiv nötig wäre. Gerade bei Rheuma ist das ein Grund dafür, warum Betroffene oft unter anhaltenden oder übermäßig starken Schmerzen leiden – selbst dann, wenn die Entzündung an sich schon wieder abklingt.
Schmerzen können bei Frauen länger anhalten oder sich stärker anfühlen, als es objektiv nötig wäre.
Ein weiterer, oft übersehener Aspekt im Zusammenhang mit Schmerz: Viele Frauen machen schon sehr früh im Leben regelmäßig schmerzhafte Erfahrungen, die nicht krankhaft, aber dennoch körperlich und emotional belastend sein können. Monat für Monat erleben sie Menstruationsschmerzen – bei manchen nur leicht spürbar, bei anderen krampfartig, stechend oder dumpf und über viele Stunden hinweg anhaltend. Auch Schmerzen rund um den Eisprung, Rückenschmerzen im Zyklus oder Beschwerden durch hormonelle Schwankungen sind für viele Frauen ein wiederkehrender Teil ihres Alltags.
Hinzu kommen Erfahrungen wie Geburtsschmerzen, die zu den intensivsten Formen körperlichen Schmerzes zählen, die ein Mensch erleben kann. Auch viele gynäkologische Eingriffe oder Untersuchungen, etwa das Einsetzen einer Spirale, Operationen an der Gebärmutter oder Endometriose, sind mit Schmerzen verbunden, die in ihrer Wirkung oft unterschätzt oder bagatellisiert werden.
Viele Frauen lernen schon in jungen Jahren, Schmerzen zu beobachten und auszuhalten.
All diese Erfahrungen hinterlassen Spuren: Sie beeinflussen das Nervensystem und die Schmerzwahrnehmung. Doch sie verändern auch unsere innere Haltung gegenüber Schmerz. Viele Frauen lernen schon in jungen Jahren, Schmerzen nicht einfach zu ignorieren, sondern sie zu beobachten und auszuhalten.
Diese geschulte Körperwahrnehmung führt dazu, dass viele Frauen ihre Beschwerden später genauer beschreiben können als Männer. Sie sind oft besser darin, Veränderungen im Körper frühzeitig zu bemerken – auch bei chronischen Erkrankungen wie Rheuma. Das kann ein Vorteil sein, wenn es um eine frühe Diagnose und Behandlung geht. Gleichzeitig führt genau dieses „Mehr an Wahrnehmung” nicht selten dazu, dass Frauen von Ärzten als überempfindlich oder „zu empfindlich” wahrgenommen und ihre Schmerzberichte weniger ernst genommen werden, als es nötig wäre.
Hinzu kommt, dass Frauen Schmerzen oft anders ausdrücken als Männer. Während Männer ihre Beschwerden eher sachlich und körperbezogen beschreiben („Es zieht im Rücken”, „Es sticht im Knie”), sprechen wir Frauen häufiger über das, was Schmerzen emotional mit uns machen – über Überforderung, Erschöpfung oder Hilflosigkeit. Schmerz ist für viele von uns nicht nur ein körperliches Symptom, sondern ein Hinweis darauf, dass etwas im ganzen Leben aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Auch psychische Belastungen haben einen großen Einfluss auf die Schmerzwahrnehmung – und gerade bei Frauen mit chronischen Erkrankungen treten sie häufig auf. Stress, emotionale Anspannung, soziale Überforderung und Erschöpfung sind keine Begleiterscheinungen, sondern wirken direkt auf das Nervensystem. Besonders die Kombination aus alltäglichem Druck, mentaler Daueranspannung, familiärer und beruflicher Mehrfachbelastung sowie hormonellen Schwankungen kann das Schmerzempfinden verstärken – wie ein innerer Lautstärkeregler, der immer weiter aufgedreht wird.
Viele Frauen beschreiben diesen Zustand als eine Art „Schmerzspirale”: Körperliche Beschwerden führen zu psychischem Stress – der wiederum die Schmerzen verstärkt. Diese Spirale kann dazu führen, dass selbst kleinere Symptome sich plötzlich massiv anfühlen oder chronische Beschwerden kaum noch abklingen. Die Erschöpfung, die daraus entsteht, ist nicht nur körperlich, sondern auch seelisch tiefgreifend.
Gerade deshalb genügt es aus meiner Sicht nicht, bei Schmerz nur an Tabletten oder schnelle Behandlungsansätze zu denken. Denn Schmerz ist nicht gleich Schmerz. Er wird von biologischen, hormonellen, psychischen und sozialen Faktoren beeinflusst. Es braucht ein ganzheitliches Verständnis – eines, das biologische Unterschiede ernst nimmt, hormonelle Einflüsse mitbedenkt und emotionale Belastungen nicht abtut. Denn Schmerz ist nie nur eine „körperliche Sache”. Er ist oft ein vielschichtiges Signal, das nach Aufmerksamkeit ruft. Deshalb ist es so wichtig, weibliche Schmerzbiografien ernst zu nehmen und sie differenzierter zu betrachten.
Frauenrunden ticken anders
Ich durfte viele Frauenseminare leiten und Online-Runden begleiten und habe dabei eines gelernt: Der Austausch unter Frauen ist offen, ehrlich und voller Vertrauen. Wir sprechen ohne Scheu über Menstruationsbeschwerden, Schwangerschaftsvergiftungen, Blasenschwäche oder die Herausforderungen eines Kaiserschnitts. Auch die Hitzewallungen in den Wechseljahren sind kein Tabu. All das geschieht nur, wenn Frauen sich sicher fühlen – was oft erst dann der Fall ist, wenn kein Mann im Raum ist.
In diesen geschützten Räumen entstehen Gespräche, die weit über das rein Medizinische hinausgehen. Es geht um Selbstfürsorge, Körperwissen und emotionale Belastungen – Dinge, die viel Raum brauchen und im Alltag oft zu kurz kommen. All das, was im Sprechzimmer beim Arztgespräch oft kaum Platz findet – dafür umso mehr unter Frauen. Für mich als Ärztin ist dieser Austausch ein Schatz, den ich auch in die Behandlung einfließen lasse. Ich nehme ihn mit – er hilft mir, achtsamer und näher dran zu sein. Immer wieder bin ich bewegt, wie viel Wissen im Raum gesammelt wird und wie groß die gegenseitige Unterstützung ist.
Dieses Buch widme ich den Erlebnissen, Fragen und Bedürfnissen von Frauen mit entzündlichem Rheuma – und allen, die sie auf ihrem Weg begleiten. Hier darf alles gesagt, gedacht und gefühlt werden. Du bist willkommen.
Vielleicht hast du es schon mitbekommen: Noch heute beruhen viele medizinische Therapien und Dosierungsempfehlungen auf Studien, in denen männliche Versuchstiere, Zelllinien oder Probanden zu häufig vertreten sind.
