RICHTUNG SCHWEDEN 1945 - Jan van Ommen - E-Book

RICHTUNG SCHWEDEN 1945 E-Book

Jan van Ommen

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Beschreibung

Ende 2014 erhielt ich eine Anfrage aus den Niederlanden. Es betraf einen Vorfall bei der Evakuierung von Frauen aus dem Konzentrationslager Ravensbrück. Henny Blok war auf der Suche nach den Umständen des Todes seiner Tante Neeltje Blok, die im April 1945 auf dem Weg von Ravensbrück nach Schweden tödlich verunglückt war. Alliierte Piloten hatten die Fahrzeugkolonnen in Norddeutschland angegriffen. Herr Blok fragte mich, weil im März 2014 in den Niederlanden ein Artikel von mir über niederländische Frauen in Konzentrationslagern erschienen war. Es betraf die Lager Horneburg und Reichenbach und Neeltje Blok war vor ihrer Rückkehr nach Ravensbrück in Horneburg gewesen. Ich habe mich zuversichtlich an die Arbeit gemacht. Schließlich wohne ich in Norddeutschland, habe gute Kontakte zur Gedenkstätte Ravensbrück, ich bin mit einer Schwedin verheiratet und wir lebten acht Jahre in Dänemark. Es ist mir nicht gelungen! Von einigen Frauen konnte ich herausfinden, wo sie starben und ihre letzte Ruhestätte fanden. Von Neeltje Blok konnte ich nicht mal herausfinden, bei welchem Vorfall sie starb, und wir können nur vermuten, dass sie in Lübeck begraben wurde. Allerdings lieferte die Recherche umfangreiches Material über die Evakuierung nach Schweden von ca. 7100 Frauen aus Ravensbrück und ca. 2900 Frauen aus Hamburg sowie unbekannte Fakten über die Katastrophe in der Lübecker Bucht. Die Geschichte der Evakuierung von Ravensbrück umfasst mehr als "die Geschichte der Weißen Busse". Dieser Bericht beschreibt den tragischen Beschuss der Fahrzeuge, in denen sich die Frauen auf dem Weg nach Schweden befanden, und wirft ein neues Licht auf die Rolle der verschiedenen Teilnehmer an der Rettungsaktion. Der Erfolg dieser Aktion bestand darin, dass sich die richtigen Menschen zur richtigen Zeit am richtigen Ort befanden. Sie ist weniger das Ergebnis von Verhandlungen zwischen dem schwedischen Grafen Folke Bernadotte und dem berüchtigten Heinrich Himmler. Die Nationalsozialisten hielten selten ihr Wort und machten keine wesentlichen Zugeständnisse, bis es keinen Ausweg mehr gab. Im Fall von Ravensbrück war dies der Fall, als die sowjetischen Truppen am 21. April 1945 Berlin erreichten.

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Seitenzahl: 169

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Foto Umschlag: Gullers, KW Nordiska Museeterschienen 2020, letzte Änderungen 30.08.2023

Jan van Ommen

Richtung Schweden 1945

Die Evakuierung von Frauen aus den Konzentrationslagern Ravensbrück und Neuengamme

www.vanommen.de

Dies ist eine Übersetzung des niederländischen Originals „1945 NAAR ZWEDEN“. Die Übersetzung liegt einer Initiative des Neubrandenburger Stadtarchivs zugrunde. Angeregt und editiert wurde sie von Eleonore Wolf, der Leiterin des Archivs.

Vorwort

Zum Ende des Jahres 2014 erhielt ich eine Anfrage aus den Niederlanden. Sie betraf einen Vorfall bei der Evakuierung von Frauen aus dem Konzentrationslager Ravensbrück. Henny Blok war auf der Suche nach den Umständen des Todes seiner Tante Neeltje Blok, die im April 1945 auf dem Weg von Ravensbrück nach Schweden tödlich verunglückt war. Alliierte Piloten hatten die Fahrzeugkolonnen in Norddeutschland angegriffen. Herr Blok fragte mich, weil im März 2014 in den Niederlanden ein Artikel von mir über niederländische Frauen in Konzentrationslagern erschienen war. Es betraf die Lager Horneburg und Reichenbach und Neeltje Blok war vor ihrer Rückkehr nach Ravensbrück in Horneburg gewesen. Ich habe mich zuversichtlich an die Arbeit gemacht. Schließlich wohne ich in Norddeutschland, habe gute Kontakte zur Gedenkstätte Ravensbrück, ich bin mit einer Schwedin verheiratet und wir lebten acht Jahre in Dänemark. Es ist mir nicht gelungen. Von einigen Frauen konnte ich herausfinden, wo sie starben und ihre letzte Ruhestätte fanden. Von Neeltje Blok konnte ich nicht mal herausfinden, bei welchem Vorfall sie starb und wir können nur vermuten, dass sie in Lübeck begraben wurde. Allerdings lieferte die Recherche umfangreiches Material über die Evakuierung nach Schweden von ca. 7100 Frauen aus Ravensbrück und ca. 2900 Frauen aus Hamburg sowie unbekannte Fakten über die Katastrophe in der Lübecker Bucht. Die Geschichte der Evakuierung von Ravensbrück umfasst mehr als „die Geschichte der Weißen Busse“. Dieser Bericht beschreibt den tragischen Beschuss der Fahrzeuge, in denen sich die Frauen auf dem Weg nach Schweden befanden und wirft ein neues Licht auf die Rolle der verschiedenen Teilnehmer an der Rettungsaktion. Der Erfolg dieser Aktion bestand darin, dass sich die richtigen Menschen zur richtigen Zeit am richtigen Ort befanden. Das Gelingen der Aktion war weniger das Ergebnis von Verhandlungen zwischen dem schwedischen Grafen Folke Bernadotte und Heinrich Himmler.

Welche Gefangenen sollten gerettet werden?

Die Statuten des Internationalen Roten Kreuzes erlauben es nicht, bestimmte Kategorien von Gefangenen zu bevorzugen.1

Wäre dies strikt eingehalten worden, hätte niemand aus den Lagern gerettet werden können. Die Rettungsaktionen wurden im Namen des Roten Kreuzes, aber auch in Zusammenarbeit mit verschiedenen Organisationen durchgeführt. Die Skandinavier haben ihre eigenen norwegischen und dänischen Gefangenen gerettet. Darüber hinaus wurden eine große Zahl deutsch-schwedischer Flüchtlinge aus Deutschland und viele nicht-skandinavische Frauen aus Ravensbrück2 nach Schweden in Sicherheit gebracht.

Das IKRK (Internationales Komitee vom Roten Kreuz in Genf) selbst hatte sich die Rettung von Kranken, Kindern und alten Menschen zum Ziel gesetzt.3 Dabei blieb das IKRK seinen humanitären Prinzipien treu, konnte aber aufgrund verschiedener Umstände4 weniger Gefangene retten als die Schweden (zusammen mit den Dänen). Die Prioritäten des IKRK waren nicht frei vom Einfluss Dritter, wie den Regierungen und den Institutionen im bereits befreiten Frankreich und Belgien.5

Letztlich wurden die Auswahl und Anzahl der zu rettenden Gefangenen weitgehend bestimmt durch das, was die deutschen Befehlshaber erlaubten und die Transportkapazität der Retter hergaben, sowie durch die begrenzte Zeit, die bis zur Evakuierung der Lager blieb.

Bernadotte6 und das IKRK führten unabhängig voneinander mehrere Verhandlungen mit hochrangigen deutschen Offizieren über die Freilassung von Gefangenen. Es gab eine Reihe von Verhandlungen, in denen die Deutschen Versprechungen machten, die schließlich selten eingehalten wurden. Bis zu Bernadottes Treffen mit Himmler am 21. April 1945 in Hohenlychen7 war - abgesehen von der Freilassung der Skandinavier - wenig erreicht worden. Am 21. April jedoch war das Spiel für Himmler aus. Die Rote Armee stand kurz vor Berlin und am selben Morgen begann die Evakuierung von Sachsenhausen, dem Konzentrationslager 60 km südlich von Ravensbrück. Am 21. April hob Himmler die Beschränkungen für Ravensbrück auf. „Nehmen Sie mit, was Sie transportieren können“. Keine Prioritäten hinsichtlich der Nationalität und der Kategorie der freizulassenden Gefangenen. Als der Führer davon erfuhr, hatte dies noch Konsequenzen für Himmler, aber nicht mehr für die zu rettenden Frauen. Die Frage der Priorität war jedoch damit nicht vom Tisch. Die begrenzten Transportmöglichkeiten machten es notwendig, dass die Ausführenden Prioritäten setzen mussten. Wer dafür verantwortlich war, lässt sich nicht mehr feststellen, aber von diesem Tag an wurde überwiegend die Priorität „Frankreich - Belgien - Niederlande - Luxemburg – Polen“ beibehalten. Dies zeigt sich auch an der Nationalität der Frauen, die aus Ravensbrück in Malmö ankamen.8 Italienisch, griechisch, russisch, ungarisch, rumänisch, jugoslawisch, tschechisch und slowakisch sind selten. Bei der Evakuierung nach Schweden aus Hamburg9 wurde die oben erwähnte Priorität weniger deutlich gehandhabt. Unter ihnen waren viele jüdische Frauen aus Ungarn und der Tschechoslowakei. Sowjetische Frauen scheinen in Hamburg geblieben zu sein. Die männlichen Häftlinge aus Neuengamme, die von Lübeck aus mit dem Schiff Magdalena nach Schweden fuhren, scheinen nach der Priorität „Frankreich-Benelux“ ausgewählt worden zu sein.10 Die sowjetischen Gefangenen waren in der schlimmsten Lage. Sie wurden von allen Seiten im Stich gelassen.

Jüdische Gefangene

Verschiedene jüdische Organisationen und Privatpersonen haben über vielerlei Kanäle versucht, ihre eigenen Menschen zu retten: durch neutrale Regierungen, die Alliierten, das IKRK und zusammen mit Folke Bernadotte.

Eine fast unmögliche Aufgabe wegen der Unnachgiebigkeit Hitlers und seiner Getreuen. Angespornt von jüdischen Organisationen nutzte der Schweizer Ex-Bundespräsident Jean-Mary Musy seine Freundschaft mit dem SS-Mann Walter Schellenberg um Juden zu retten: sie sollten freigekauft werden. Damit hatte Musy eine Öffnung für Verhandlungen gefunden, die in der Folge auch von den Skandinaviern und dem IKRK genutzt wurde. Norbert Masur, der schwedische Vertreter des Jüdischen Weltkongresses, war eng an Bernadottes Verhandlungen mit Himmler beteiligt.11 Masur handelte jedoch als Privatperson und nicht im Auftrag des Jüdischen Weltkongresses. Mit Hilfe von Felix Kersten wurde ihm versprochen, dass tausend Jüdinnen mit den Weißen Bussen Ravensbrück verlassen könnten.12 Das Ergebnis von Kerstens (und Masurs) Bemühungen, jüdische Frauen aus Ravensbrück zu retten, ist jedoch gering. Keine Jüdin verließ Ravensbrück vor dem 21. April 1945 und so ist ihre Freilassung eher das Ergebnis des Treffens zwischen Bernadotte und Himmler in Hohenlychen. Der Deutschen General Schellenberg und Obersturmbannführer Franz Göring und der Schweizer Musy jr. widmeten sich nachweislich den Jüdinnen.13 Zusammen mit Kersten hielten sie Himmler zumindest davon ab, weiter Böses anzurichten. Am 18. April scheint Himmler für das Lager Flossenbürg angeordnet zu haben, dass kein Häftling lebend in die Hand des Feindes fallen dürfe.14 Besonders in den Niederlanden, wo Kersten sogar für den Friedensnobelpreis nominiert war, wog die Ernüchterung schwer. Inzwischen ist jedoch fast alles, was Kersten selbst (und seine Sekretärin) zu seinem Ruhm beigetragen hat, in Frage gestellt worden. Auch der so genannte „Vertrag für die Menschlichkeit“.

Um die Getreuen Hitlers nicht herauszufordern, wurden die Jüdinnen aus Ravensbrück und Malchow als Polinnen „deklariert“. Jüdische Frauen mit z.B. französischer, belgischer oder niederländischer Nationalität reisten ebenfalls nach Schweden.

Was die dänischen und norwegischen Juden betrifft: Die Deutschen waren überrascht, dass die Skandinavier ihre Juden zurückhaben wollten.15 Die dänischen Juden aus Theresienstadt wurden mit Weißen Bussen nach Schweden gebracht. Von den etwa tausend deportierten norwegischen Juden waren bloß noch etwa 100 am Leben. Man hatte sie aber nicht finden können und sie sind erst nach Kriegsende aufgetaucht.

Es ist schwer abzuschätzen, wie viele jüdische Frauen schließlich aus Ravensbrück gerettet wurden. Bei der Evakuierung einer Reihe von Häftlingen aus dem Außenlager Malchow nach Schweden16 - eine Evakuierung, die erst in letzter Minute realisiert werden konnte - wurden hauptsächlich jüdische Frauen berücksichtigt. Während der Evakuierung der Niederländerinnen aus Ravensbrück traf dort eine Gruppe jüdischer Frauen ein, die sofort nach Schweden mitgenommen wurden.17

Die Rettung

Die große Evakuierung von Ravensbrück nach Schweden wurde am Samstag, den 21. April 1945 eingeleitet.18 Folke Bernadotte und Heinrich Himmler trafen sich in Hohenlychen nördlich von Berlin und während des Frühstücks beschließt Himmler, dass alle noch in Ravensbrück anwesenden Frauen nach Schweden ausreisen können.19 In der Folge wurde der SS-Mann Franz Göring20 von General Schellenberg21 angewiesen, sich zur Umsetzung des Beschlusses nach Ravensbrück zu begeben. Göring traf in Begleitung von Musy jr22 am 22. April mittags in Ravensbrück ein, fast zeitgleich mit dem schwedischen Arzt Hans Arnoldsson23 und Rittmeister Ankarcrona. Sie waren gekommen, um kranke französische Frauen abzuholen.24 Dieser Transport sowie zwei frühere Transporte25 waren bereits vor der Entscheidung vom 21. April in Hohenlychen vereinbart worden. Ebenfalls am 21. April waren deutsche, tschechische und österreichische Frauen, zusammen etwa 60, aus unbekannten Gründen kurzfristig aus Ravensbrück entlassen worden.26

Unmittelbar nach den Anweisungen von Schellenberg setzte sich Göring27 mit den Schweden in Verbindung. Er sollte verhindern, dass die bereits zuvor eingesetzten schwedischen Weißen Busse, nach Schweden zurückfuhren. Am 21. April standen noch zwei schwedische Kolonnen zur Verfügung. Eine Kolonne hatte kürzlich dänische Juden von Theresienstadt nach Kopenhagen gebracht und die Evakuierung der in Neuengamme versammelten skandinavischen Gefangenen nach Dänemark war gerade abgeschlossen. Offenbar hatten die schwedische Transportleitung die Nachricht jedoch schon von Bernadotte erfahren, denn der erste Konvoi Weißer Busse unter Leitung von Svenson fuhr bereits am 22. April um 6 Uhr morgens von Padborg nach Ravensbrück.28 Der Konvoi für den Transport französischer Frauen unter der Leitung von Arnoldsson startete noch von Friedrichsruh. Etwa zur gleichen Zeit wurde das Hauptquartier der „Aktion Bernadotte“ von Friedrichsruh bei Hamburg nach Lübeck verlegt.29 In Lübeck befand sich eine schwedische Kirche, eine Zweigstelle des Internationalen Roten Kreuzes (IKRK) und den Hafen für die Versorgungsschiffe des Roten Kreuzes.

Als Arnoldsson und Ankarcrona in Ravensbrück ankamen, teilte ihnen der Lagerkommandant Suhren mit, dass sie alle Französinnen, Niederländerinnen, Belgierinnen und Polinnen mitnehmen könnten. Wegen der enormen Anzahl von Frauen einerseits und der begrenzten Transportkapazität andererseits wurde beschlossen, dass die gesunden Frauen zu Fuß nach Malchow gehen sollten. In Malchow, etwa 65 km westlich von Ravensbrück, gab es ein Außenlager von Ravensbrück. Dies bedeutete, dass die Entfernung nach Lübeck um 65 km verkürzt und die Entfernung zu der vorrückenden Roten Armee um 65 km vergrößert wurde. Als Arnoldsson die kranken Frauen nach Lübeck gebracht hatte und er, Ankarcrona und Göring am 24. April wieder auf dem Weg nach Ravensbrück waren, beschlossen sie, in Malchow nachzusehen. Es stellte sich heraus, dass der Plan zur Rettung der gesunden Frauen nicht durchgeführt worden war. Bei der Ankunft in Ravensbrück wurde klar, dass die „Antagonisten“ Suhren bearbeitet hatten. Kurz danach muss Suhren jedoch wieder eingelenkt haben. Am 24. April war die Evakuierung jedenfalls in vollem Gange. Am frühen Morgen des 23. April waren bereits etwa 650 Französinnen und 150 Polinnen in 20 Weißen Bussen abgefahren und am späten Abend des 24. April verließen die Konvois von Hallquist und Pontoppidan-Sørensen Ravensbrück. Hallquist mit etwa 706 Frauen in 1530 Lastwagen des IKRK plus seine eigenen Lastwagen und Pontoppidan-Sørensen mit 7431 Frauen in sechs dänischen Krankenwagen. Die Anzahl und Zusammensetzung der Passagiere sind nicht ganz klar.32 Auf der Grundlage der bisher bekannten Registrierung in Schweden schätzen wir die Zahl der Niederländerinnen auf 225, die der Belgierinnen auf 250 und die der Luxemburgerinnen auf 75. Die übrigen werden etwa 230 überwiegend polnische Frauen gewesen sein. Der Konvoi von Hallquist war am 24. April 1945 um 19 Uhr in Ravensbrück eingetroffen und begann sofort mit dem Einsteigen der Passagiere.33 Dies war der vierte Rot-Kreuz-Transport aus Ravensbrück und noch immer herrschte Misstrauen bei den Frauen: Sie fragten die Rot-Kreuz-Männer ständig, wohin sie fahren und wo die skandinavischen und französischen Frauen geblieben waren. Schließlich war ein Autotransport aus Ravensbrück bis dahin eine Fahrt in den Tod gewesen. Am Tag zuvor waren die Frauen zunächst in das Männerlager geschickt worden, von wo aus sie in einer langen Schlange am Krematorium entlanggingen und sich schließlich draußen für den Transport aufgestellt hatten. Inzwischen hatten es einigen Frauen geschafft, ihre Kameraden aus dem Krankenrevier zu holen. Jenneke Romkes34 beschreibt, wie sie eine Schubkarre benutzten, um zwischen dem Revier und den Wartenden vor dem Tor hin und her zu pendeln. Die erste war Jetty de Boer. Nach Angaben von Jenneke Romkes stellte sich bei ihrer Ankunft in Schweden heraus, dass sie einen Meter neunzig lang war und 40 Pfund wog.35

Die Ankunft des ersten dänischen Krankenwagens löste schließlich die größte Spannung und ein lauter Jubel brach los.36 Hallquists Lastwagen fuhren noch am selben Abend ab, etwas früher als der dänische Krankenwagenkonvoi, der um 22 Uhr abfuhr.37 Diese Krankenwagen mussten etwa 90 Frauen vor dem Tor von Ravensbrück zurücklassen, darunter Jenneke Romkes und Trudy Storm, die wegen der Betreuung der kranken Kameraden keinen Platz in den Autos bekommen hatten. In dieser Nacht fanden sie jedoch alle Unterschlupf in einer Baracke außerhalb des Lagers, erhielten ein Rot-Kreuz-Paket, standen unter der Obhut einiger Schweden38 und fuhren am nächsten Tag, dem 25. April mit den Weißen Bussen von Svenson in die Freiheit.39 Die 90 können von Glück sprechen: Sie entgingen den Unfällen des Konvois von Hallquist und kamen gleichzeitig in Padborg an.

Auch die Frauen, die in der Nacht zuvor von Hallquist abgeholt worden waren, erhielten alle ein Rot-Kreuz-Paket. Es ist nicht bekannt, wo sie übernachtet haben, aber es kann nicht weit von Ravensbrück entfernt gewesen sein. Am nächsten Morgen, dem 25. April, brachen sie um 5 Uhr morgens wieder auf.40 Hallquist wählte die südliche Route über Schwerin, aber einige Wagen seines Konvois nahmen eine nördliche Route. Die Straßen waren verstopft mit Flüchtlingen aus dem Osten und mit Armeefahrzeugen.41 Durch die Teilung des Konvois hofften sie, besser voran zu kommen. Diese nördliche Route verlief über Wismar.

Die Niederländerinnen verließen Ravensbrück am Abend des 24. April 1945 im Konvoi des schwedischen Leutnants Hallquist. Das Fahren bei Nacht war zu gefährlich und sie hielten in einem Wald an, unweit von Ravensbrück. Ihre erste Nacht außerhalb der Hölle von Ravensbrück. Der schwedische Arzt Hans Arnoldsson, der inzwischen ebenfalls Ravensbrück verlassen hatte, traf die Frauen im Wald. In seinem Buch „Natt och Dimma“ (Nacht und Nebel) schreibt er: „Und damals war die Stimmung noch bestens. Sie gingen Arm in Arm umher und es war ihnen anzusehen, wie sie ihre neu gewonnene Freiheit genossen.

Einige standen in Gruppen und sangen patriotische Lieder. Es wurde geredet und herumgealbert in drei, vier Sprachen. Im Mondlicht zwischen hohen Buchen war es ein ungewöhnlich bewegender, herzerwärmender Anblick“. Am nächsten Morgen blühten die Waldanemonen. Wenige Stunden später, zur Mittagszeit des 25. April, ereignete sich der erste Unfall. Zwei weitere Angriffe mit schwerwiegenden Folgen sollten folgen. Eine detaillierte Beschreibung des Beschusses und der Folgen finden Sie im Kapitel Der Angriff bei Schwerin. Der letzte Transport von Frauen aus Ravensbrück mit der Bahn und die Transporte mit LKW aus den Außenlagern Malchow und Neubrandenburg sind im Kapitel Die Transporte aus Ravensbrück beschrieben.

Die Ledermantel-Männer42

Die Deutschen hatten die Durchführung der Rettung mit den Weißen Bussen strengen Regeln unterworfen und die Teilnehmer mussten eine Vertraulichkeitsklausel unterschreiben. Die Rettungsaktion wurde von etwa 60 Gestapo-Männern mit Obersturmbannführer Rennau43 als Chef bewacht. Jeder Bus wurde von einem Gestapobeamten begleitet. Diese Beamten mussten unter anderem sicherstellen, dass keine „fremde“ Sprache gesprochen wurde. Bis zur Überfahrt von Kopenhagen nach Malmö wurden die Frauen von Gestapo begleitet. Für eine Pause, durften die Frauen nur aussteigen an einem Ort mit übersichtlichem Gelände. Ende April 1945 war von der Disziplin der Gestapo jedoch nicht mehr viel übrig. Als Pontoppidan-Sørensen mit seinem Krankenwagen in Ravensbrück ankam, bat sein deutscher Begleiter um ein Rot-Kreuz-Paket und verschwand. Später fand Pontoppidan-Sørensen eine Pistole und einen Gestapo-Ausweis im Handschuhfach seines Autos.

Die Situation in Norddeutschland am Ende des Krieges

Die Retter berichten ausführlich über die chaotische Situation und Notlage in Norddeutschland zur Zeit der Evakuierung von Ravensbrück. Hunderte von Menschen starben auf Todesmärschen, auf dem Schlachtfeld und bei ihrer Flucht aus dem Osten. Einen Tag nach der Ankunft der letzten geretteten Frauen aus Ravensbrück in Schweden starben Tausende Häftlinge aus dem Konzentrationslager Neuengamme in der Lübecker Bucht.44 In ihrem Buch J'ai eu vingt ans à Ravensbrück: La victoire en pleurant beschreibt Béatrix Toulouse-Lautrec eine Szene nach der Ankunft in der Quarantänestation in Padborg45: Als sie alle am Tisch sitzen, werden sie aufgefordert, sich draußen zu versammeln. Dort steht der Stationsleiter und verkündet, dass ein Transport angegriffen wurde und 13 Menschen getötet wurden. Es wird eine Schweigeminute eingelegt und die Nationalhymnen werden abgespielt. „Was für ein Theater für 13 Tote“, flüstert die Frau neben ihr. Dazu meint Béatrix Toulouse-Lautrec: Ich hielt es auch für übertrieben und ich dachte an die Leichen im Waschraum...46

Der Zustand der Frauen

Die Geschichte der Befreiung durch die Weißen Busse enthält zahlreiche Höhepunkte, wie zum Beispiel den ersten Abend außerhalb des Lagers nach dem sie Ravensbrück verlassen hatten. Die schreckliche Behandlung und die Entbehrungen im Konzentrationslager hatten jedoch ihre Spuren hinterlassen. Misstrauen hatte dazu geführt, dass sich einige Frauen versteckt hielten und erst im letzten Moment gerettet werden konnten. Einige der bei der Ankunft in Malmö aufgenommenen Fotos und Filme zeigen Skepsis und Apathie. Ein krasses Beispiel von Abgestumpftheit beschreibt die Dänin Tove Petersen. Tove Petersen war Krankenschwester im Krankenwagenkonvoi von Pontoppidan-Sørensen, der während des Beschusses in Wismar47 sich direkt hinter den Lastwagen des IKRK befand. Die Beschießung der IKRK-Fahrzeuge fand offenbar statt, als diese Fahrzeuge für eine Mittagspause angehalten hatten. Einige Jahre später schreibt Tove Petersen48:

In der Erinnerung an das, was sich vor unseren Augen abspielte, beschleicht mich noch immer ein Gefühl des Entsetzens. Wir fanden eine sterbende Frau. Sie lag...... - Dass diese armen Frauen, die in den Roten Kreuz Autos fuhren, dermaßen abgestumpft waren, dass sie nicht einmal mehr auf die schrecklichsten Dinge reagierten, dafür haben wir ein krasses Beispiel bekommen. Die Frauen aßen gerade ihre Butterbrote, als der Angriff ausbrach und ihr Brot mit der Hirnmasse des Opfers bestreut wurde. Ohne die geringste Notiz davon zu nehmen was passierte, bliesen sie die Hirnmasse vom Brot weg und aßen gierig weiter. - Es drehte sich vor unseren Augen.

Glücklicherweise war Apathie nicht alltäglich. In Ravensbrück galt es gerade, nicht an Entmenschlichung zu Grunde zu gehen. Hier sahen die Retter auch nationale Unterschiede, die französischen Frauen scheinen diesbezüglich positiv aufgefallen zu sein. So erzählte uns der dänische Arzt Per Lous von den Französinnen, die Ravensbrück mit dem ersten Krankentransport am 22. April 1945 verließen: „Die Frauen, die zu Fuß gehen konnten, pflückten bei jedem Aufenthalt unterwegs Blumen, in jedem Krankenwagen gab es eine leere Konservendose mit Blumen und als wir die Grenze erreichten, hatte jeder Fahrer mindestens einen Strauß Stiefmütterchen“.

Das Verhalten der Frauen, die mit dem Zug aus Hamburg in Padborg ankamen, hatte den Dänen die Haare zu Berge stehen lassen. Ihr Verhalten war umso überraschender, als die Frauen, die zuvor aus Ravensbrück gekommen waren, schlechter ausgesehen hatten.49 Die Frauen aus Hamburg waren jedoch kurz zuvor durch die Hölle gegangen und waren völlig ausgehungert.50

Einige Frauen aus Ravensbrück schreiben über den Schock, den sie erfuhren, als sie zum ersten Mal die zerlumpten Männer aus den Konzentrationslagern begegneten. Lise Børsum: „Frauen waren wir gewohnt so zu sehen, Männer nicht. Das hat uns auf andere Art getroffen“. Die niederländischen Frauen wurden mit dem Zustand der Männer konfrontiert, als sie vor der Evakuierung eine Nacht im Männerlager verblieben.51 Jeanne Bommezijn de Rochmont schreibt dazu: „Als wir hereinkommen [ins Männerlager], sehen wir eine lange Reihe von Männern oder besser gesagt, was einst Männer waren, jetzt sind sie lebende Skelette. Sie grüßen uns mit ihren Augen. Für einen Moment scheint etwas Freude aufzukommen, Freude über den Anblick der Leidensgenossen, ihrer Schwestern in Leid und Unterdrückung“. Die Schrecken des Konzentrationslagers und der Verlust von Familie und Freunden verfolgten viele Frauen ein Leben lang.52

Ankunft in Dänemark

Die unterschiedliche Form der deutschen Besatzung und die Einstellung der Dänen gaben den Frauen bereits bei ihrer Ankunft in Dänemark das Gefühl, frei zu sein. Zahlreiche Helfer standen an der Grenze. Eine Woche vor der Ankunft der Frauen hatte eine lange Kolonne dänischer Fahrzeuge die von den Schweden in Neuengamme versammelten Skandinavier abgeholt. Es gab eine Quarantänestation in Padborg und eine in Kruså. Die Unterkunft bestand aus der Quarantänebaracke, die am Bahnhof Padborg mit Eisenbahnwaggons für Personenverkehr ergänzt wurde.

Nach den Demütigungen im Konzentrationslager genossen die Frauen die Wohltat, wie Menschen behandelt zu werden. Einen ersten Vorgeschmack darauf hatten die schwedischen Fahrer bereits gezeigt, als sie die Türen der Busse für die Frauen beim Einsteigen offenhielten. Die Frauen aus Hamburg waren zu Tränen gerührt, als die Dänen bei der Ankunft ihres Zuges in Padborg mit Trittleitern ankamen, die ihnen den Ausstieg aus den Güterwagen erleichtern sollten.53

Der Himmel von Skatås