Rita und die Zärtlichkeit der Planierraupe - Jockel Tschiersch - E-Book

Rita und die Zärtlichkeit der Planierraupe E-Book

Jockel Tschiersch

0,0
7,99 €

Beschreibung

Eine wunderbare Geschichte vom Fortgehen und vom Ankommen – und vom großen Wagnis der Liebe.

Wie jedes Jahr gewinnt Ewald Fricker auch beim diesjährigen Sommerfest der Allgäuer Kiesgrube, in der er arbeitet, den Pokal im Wettplanieren. In Ratzisried hält man ihn für einen Deppen, doch Ewalds großer Traum ist es, an der Deutschen Meisterschaft im Präzisions-Planieren an der Ostsee teilzunehmen. Dieser Traum platzt, als Kiesgrubenchef Karl Zwerger der Belegschaft mitteilt, dass er in Insolvenz gehen muss. Nur seine Disponentin und Geliebte Rita Zieschke weiht er ein, dass die Pleite vorgetäuscht ist: Zwerger hat das Geld beiseite geschafft, um mit Rita ein neues Leben zu beginnen. Kurzerhand fährt Ewald nachts heimlich vom Hof, in Richtung Norden. Am nächsten Morgen fehlt die Planierraupe, und Zwerger schickt Rita mit seinem Porsche los, um ihn und die Raupe wieder herbeizuschaffen. Bald stößt Rita auf Ewalds Spur, doch es gelingt ihm immer wieder, Rita ein Schnippchen zu schlagen – und schon befinden sich die beiden auf einer Reise, die sie nicht nur an die Ostsee führt, sondern auch mitten ins Herz ihrer Sehnsüchte und Träume ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 301

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Jockel Tschiersch

Rita und die Zärtlichkeitder Planierraupe

Roman

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Originalausgabe

1. AuflageCopyright © 2012 by Wilhelm Goldmann Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.Satz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-641-07257-5V002

www.goldmann-verlag.de

Für Iris

1

Es war der pure Kitsch wie auf den analogen Postkarten oder im neuen Hochglanz-Internet-Auftritt der Gemeinde Ratzisried im westlichen Allgäu: Die Mittagssonne ließ den Hochgrat-Gipfel vor dem unverschämt saumäßig blauen Himmel glühen, an dem sich schon ein paar verfrühte Kumuluswolken aufgeplustert hatten. Davor lagen die sanften Moränenhügel, der kleine Elenschwander See ruhte eingebettet in grüne saftige Wiesen, auf denen mutmaßlich glückliche Allgäuer Braunvieh-Kühe standen und stoisch mit ihren Glocken herumbimmelten, passgenau zur Voralpenidylle, in der wochenweise einfallende Kurgäste aus Norddeutschland mittlerweile horrende Nächtigungspreise abdrückten.

Ewald Fricker hatte keinen Blick für die Kulisse, er war hier aufgewachsen und schrieb sowieso keine Postkarten. Er stand in seinem Zimmer und zog sich seine blaue Montierkombi an. Das Zimmer war klein und spärlich eingerichtet: ein altes Holzbett mit weißer Bettwäsche, ein kleiner Tisch und ein einfacher Schrank aus Kiefernholz, wie Städter ihn sich gern mal in ihre Neubauwohnungen stellten. Ewald hatte den Schrank aber nicht vom Antiquitätenhändler gekauft, sondern von seinem Großvater geerbt, als der gestorben war, kurz nach Ewalds zehntem Geburtstag. Fünf blaue Overalls hingen in dem Schrank, die alle schon recht ausgewaschen waren und völlig identisch zu sein schienen. Daneben baumelte auf einem Holzbügel Ewalds Sonntagsanzug, der im selben Blau gehalten war wie die Montieranzüge.

Über dem Bett glotzte ein röhrender Hirsch in Öl aus einem Holzrahmen, sonst gab es keine Bilder an den weißen Wänden, die längst einen neuen Anstrich nötig gehabt hätten. Auch Bücher hätte man vergeblich gesucht. Einzig über dem Tisch, neben dem Fenster, war mit Reißzwecken ein vergilbtes Schwarzweißfoto angeheftet. Es zeigte Ewald Fricker als jungen Kerl auf einer gelben Planierraupe. Durch das kleine Fenster konnte man, wenn man sich bückte, am oberen Rand einen schmalen Streifen der Allgäuer Berge sehen, denn das alte Bauernhaus lag in einem Tal, in das die Sonne auch im Sommer nur stundenweise hineinschien.

Ewald zog den Reißverschluss der blauen Kombi nach oben, als seine Mutter hereinkam, wie immer ohne anzuklopfen. Ewalds Mutter war klein und von einem schwer schätzbaren Alter, ihr gebückter Gang ließ sie manchmal gar wie eine Greisin aussehen. Sie hatte ihr Kopftuch um die strähnigen Haare gebunden und trug die alte Kittelschürze, mit der sie sowohl in der Küche als auch im Stall herumwerkelte. Zum Glück besaß sie zwei dieser Schürzen, die beide in grünlich blauen Tönen gehalten waren. Ewald sah, dass die Mutter heute am Sonntag wenigstens die Gummistiefel, die sie im Stall trug, gegen die alten Filzpantoffeln eingetauscht hatte.

Misstrauisch beäugte sie Ewald.

»Warum ziehst du Seckel nicht den Sonntagsanzug an?«

Ewald zuckte mit den Schultern.

»Der ist doch bloß für was Besond’res!«

»Den hast du noch kein einzig’s Mal angehabt! Der hat ein unverschämt’s Geld ’kostet!«

»Ja mei, es war halt nie was Besond’res.«

Ewalds Mutter dachte gar nicht daran, auf diese Argumentation einzugehen. Überhaupt war sie schwer zu bremsen, wenn sie einmal mit ihrer Litanei des Schimpfens angefangen hatte.

Aber so war sie halt, es hätte Ewald eher gewundert, wenn die Mutter gar nichts gesagt hätte, was manchmal sogar noch schlimmer sein konnte als das verbale Dauernörgelfeuer. Sie riss Ewalds Geldbeutel auf, der auf dem Tisch lag.

»Da hast wieder einen Fuch’ziger drin, Sakrament nochmal! Da kriegst dann wieder bloß die Hälfte z’ruck, die bescheißen dich doch, wo’s geht!«

Mit dem Geld war’s sowieso ein rechtes Geschiss. Die Mutter regte sich immer auf, dass Ewald große Scheine dabeihatte, wo er doch mit dem Geld nicht umgehen konnte.

»Aber wenn wir mein’ ganzen Lohn auf dem Konto droben lassen, dann platzt’s vielleicht irgendwann, das Konto …«

»Du bist doch ein Depp!«

Die Mutter ließ ihm einen Zehner im Geldbeutel, aber der war auch rot. Ewald wusste, dass die Zehner etwas kleiner waren als die Fünfziger und das Rot ein bissle anders war, aber er fand es schon blöd, dass der Staat ein Geld druckte, das man kaum voneinander wegkannte, wenn man die Zahlen nicht lesen konnte.

Er überhörte, dass er nichts saufen und nicht mitten in der Nacht nach Hause kommen sollte, schließlich stand er jeden Morgen um halb fünf Uhr auf und molk die Kühe, bevor er zur Arbeit ging. Ewald nahm den schwarzen Koffer, der neben dem Bett stand.

»Ja, nimm’s nur mit, des blöde Trum! Und mach mir bloß koi Schand!«

Ewald wusste, dass er seiner Mutter heute bestimmt keine Schande machen würde, als er die schmale Holztreppe hinunterging und sein Fahrrad aus der Scheune holte.

Er radelte den staubigen Feldweg entlang, der vom Grenis-Hügel in Richtung Dorf führte. Sein Staiger-Damenrad hatte mindestens schon so viele Jahre auf dem Buckel wie er selbst. Wobei Ewalds Alter wie das seiner Mutter auch schwer zu schätzen war: Es konnte irgendwo zwischen dreißig und fünfzig liegen. Sein Haar war kurz geschnitten, sein Gesicht hatte die gesunde Röte eines Landbewohners, der viel Zeit an der frischen Luft verbringt. Wie ein Intellektueller sah er nicht aus, aber seine Augen waren blau wie der Elenschwander See, und aus ihnen konnte schon mal der Schalk blitzen wie ein Springteufelchen auf der Durchreise. Sein Körper war kräftig, ein wenig gedrungen, auf dem breiten Rücken hatte er, wie einen Rucksack, seinen schwarzen abgeschundenen Akkordeon-Koffer festgeschnallt. Mit wohldosierter Energie trat er in die Pedale wie ein sturer Allgäuer Bock eben, der weiß, wo er hinwill.

Ewald hatte die Motorhaube hochgeklappt, kniete neben der Maschine und hörte genau auf den Klang der einzelnen Zylinder. Die Ventile machten keine übermäßigen Geräusche, allein die Leerlaufdrehzahl war ein wenig hoch.

»So schnell brauchst du gar nicht laufen, gell.«

Manchmal sprach Ewald ein paar Worte zu seinem Dieselmotor, aber er konnte ihm auch stundenlang zuhören, es lag etwas Beruhigendes und Friedliches im Klang des Aggregats, er mochte den Geruch des heißen Öls. Das schmeckte nach Leben und Maschine, fast ein bissel wie der Schweiß bei einem, der richtig viel geschafft hat. Ewalds Fiat-Allis FL 10 C mit der 3,4-Liter-Vierzylinder-Dieselmaschine mit 125 PS war noch eine alte Planierraupe ohne technischen Schnickschnack, ohne Kunststoffverkleidungen, ohne Display-Anzeigen und ohne das nervtötende Gepiepse beim Rückwärtsfahren. Und vor allem hatte die FL 10 C keinen dieser neumodischen Joysticks, sie war noch mit zwei Hebeln zu steuern wie früher. Da musste man schon mal ordentlich zulangen, aber Ewald mochte die haptische Ehrlichkeit des Gerätes viel lieber als diese modernen Sesselfurzer-Raupen, die auch seine Mutter hätte fahren können, wenn sie nur einer auf den Fahrersitz gehoben hätte.

So ein Schmarren wie »haptische Ehrlichkeit« wäre dem Ewald natürlich nie und nimmer in den Sinn gekommen, überhaupt war er nicht gerade ein Verschwender der Worte, er überlegte schon oft dreimal, bevor er etwas sagte. Oder lieber doch nichts sagte, statt einen Mist daherzureden, nur damit etwas gesagt wäre.

Bei ihm daheim hatte man nicht viel geredet, sein Vater war schon weg gewesen, bevor der Ewald irgendetwas hätte sagen können. Und genau dazu hatte Ewalds Mutter auch nichts gesagt, ihr Leben lang. Sie hatte genug zu tun, die kleine Landwirtschaft zu betreiben, die ihre Eltern ihr überlassen hatten, und nach dem Tod von Ewalds Großeltern war es noch schwieriger geworden. Ewald hatte schon früh auf dem Hof helfen müssen, und statt im Kindergarten »Fangis« zu spielen wie die anderen, hatte er daheim auf dem Hof mit der Heugabel herumgetobt. Vier Stück Milchvieh waren nicht viel, aber sie wollten versorgt sein. Dazu kam ein wenig Obstbau. Und weil der mütterliche Einsiedler-Hof höllisch weit draußen lag, hinter dem Hügel von Grenis, im Tal beim Weissach-Bächlein, hatte Ewald kaum Spielkameraden. In der Schule hatten die anderen bald gemerkt, dass der Ewald ein bissle anders war, und wer im Allgäu ein bissle anders war, der wurde gehänselt.

»Aus’m Wald, da kommt ein Dicker,

das ist der blöde Ewald Fricker,

der sei’ Milch im Saustall trinkt,

und allerweil nach Kuhstall stinkt!«

Irgendjemanden brauchte man zum Hänseln, Ausländer gab es damals noch nicht, zumindest nicht in der Dorfschule in Ratzisried. Den Ewald hatten die Hänseleien nicht gestört, er hatte die Trietzereien an sich abprallen lassen, denn um halb eins am Mittag musste er sich ohnehin wieder auf den halbstündigen Fußmarsch zum mütterlichen Grenis-Hof machen. Bis dorthin hatten sich die Schulkameraden selten getraut, die Eltern hatten ihnen eingebleut, da gehe man nicht hin, was ja eigentlich ein Grund gewesen wäre, erst recht hinzugehen. Ein bisschen Angst vor Ewalds Mutter hatten sie auch gehabt, weil die immer mit Kopftuch, Kittelschürze, grantigem Gesicht und einer für ihre Größe unverhältnismäßig wuchtigen Mistgabel in Erscheinung trat.

Mit sechs konnte Ewald den Traktor fahren, den alten luftgekühlten Eicher-Diesel mit 18 PS, den der Großvater zurückgelassen hatte. Und an seinem siebten Geburtstag schaffte er eine Acht rückwärts, mitsamt dem kleinen Mistanhänger hintendran, wenn es sein musste, auch dreimal hintereinander. Auf die Frage von Frau Brillisauer jedoch, seiner Lehrerin, wie viel drei mal acht waren, sagte der Ewald dann lieber wieder gar nichts. Heute wäre der Ewald zweifellos das umsorgte Opfer mannigfaltiger Betreuungsmaßnahmen für Kinder mit signifikanter Lernbenachteiligung oder Verhaltensauffälligkeit, aber in Ratzisried hatte es damals noch nicht mal so etwas wie eine Hilfsschule gegeben. Also zog man den Ewald durch bis zur achten Klasse, ob er nun redete, rechnete oder schrieb oder eben all dies nicht tat. Dafür befuhr er mit dem alten Eicher Diesel das unwegsame Gelände hinter dem Hof, auch dort, wo andere schon lange nicht mehr fuhren. Er durchquerte die Weissach bei Hochwasser und wusste instinktiv, dass man da viel Schwung brauchte, um nicht stecken zu bleiben. Einmal jagte er den alten Eicher sogar die steile Flanke des Grenis-Hügels hinauf, wofür er von seiner Mutter heftigst ausgeschimpft wurde.

»Hast jetzt du Hallodri nix anderes zum tun, als wie mit dem alten Glump den Grenis-Hügel ’naufzufahrn!«

Seiner Freude, diesen Steilhang bezwungen zu haben, hatte das allerdings keinen Abbruch getan.

Und wenn es abends dunkel wurde auf dem Grenis-Hof, die Sonne verschwand auch im Sommer schon nachmittags hinter den Hügeln, holte Ewald das alte Weltmeister-Akkordeon des Großvaters heraus, das er auf dem staubigen Dachboden entdeckt hatte. Niemand hatte ihm gezeigt, wie man damit spielt. Und was eine Tonleiter oder gar ein Akkord waren, wusste er natürlich auch nicht. Aber Ewald hatte Ohren, um zu hören, und nach und nach hatten seine Finger auf den Tasten immer sicherer die Töne gefunden, die er im Ohr hatte. Zuerst war es Volksmusik gewesen, die er in dem alten Saba-Radio gehört hatte, wo immer der Bayern 1 eingestellt war, weil seine Mutter nicht wusste, wie man einen anderen Sender suchte. Wenn Ewald am Sonntag nach der Kirche nach Hause kam, ging er in seine Kammer und versuchte auf dem Akkordeon herauszufingern, was Frau Brillisauer beim Gottesdienst auf der Kirchenorgel gespielt hatte. Ewalds Mutter allerdings mochte sein Spiel nicht.

»Jetzt ist aber mal Schluss mit dem Gedudel! Da wird man ja narrisch davon!«

Trotzdem hatte Ewald große Freude am Spielen, aber diese Freude behielt er für sich und schloss auch das Akkordeon immer in seinem Schrank weg, wenn er zur Schule ging. Als die gleichaltrigen Jungs aus seiner Klasse begannen, den Mädchen nachzustellen, hatte Ewald schnell merken müssen, dass es tausendmal leichter war, ein Lied auf dem Akkordeon nachzuspielen, als mit einem Mädchen ins Gespräch zu kommen. Eigentlich hätte er den Mädchen auch gerne mal etwas vorgespielt, aber von denen wusste ja keine, dass er ein Akkordeon hatte.

Als der Ewald mit 16 seiner Schulpflicht Genüge getan hatte, hatte ihn die Mutter kurzerhand zur Kiesgrube vom alten Erwin Poschedsrieder gebracht, die am anderen Ende des Dorfs in einer Waldlichtung lag.

»Pass auf, Poschedsrieder: Schaffen kann der Bub und Bulldog fahren auch. Der braucht eine Arbeit, der frisst mir noch die Haar’ vom Kopf!«

Poschedsrieder hatte Ewald fast gnädigerweise zur Probe auf eine uralte Fiat-Allis-Planierraupe gesetzt. Ewald hatte sich einen Tag lang mit der Allis in die hinterste Ecke der Kiesgrube verzogen, dort, wo schon lange nichts mehr abgebaut worden war, die Kiesflächen überwuchert waren und am Wochenende die Motocross-Jungs vom neu gegründeten MSC Ratzisried mit ihren alten Maicos und Jawas trainierten. Am nächsten Tag war Ewald mit der Raupe vors Büro gefahren und hatte dem Erwin Poschedsrieder gezeigt, was man mit einer Fiat-Allis alles machen konnte. Erwin Poschedsrieder hatte mit einem Blick gesehen, dass da ein Talent auf dem Gerät saß und Ewald eingestellt, ungeachtet dessen, was er sonst an Qualifikation mitbrachte. Das war jetzt fast schon 25 Jahre her, aber seit dieser Zeit musste immer Ewald ran, wenn es beim Poschedsrieder etwas Schwieriges zu planieren gab.

Ewald fühlte mit dem Handrücken vorsichtig die Motortemperatur, zog einen Schlitzschraubenzieher aus der Tasche seiner Kombi und drehte die Leerlaufverstellung ein wenig nach unten: Den Leerlauf konnte man nur bei warmem Motor optimal einstellen.

»Heut versägen’s dich, Fricker.«

Ewald brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, wer da hinter ihm stand. Bene Kempter war sein Arbeitskollege und eigentlich auch sein Freund. Bene war noch keine dreißig, groß, sah granatenmäßig gut aus und hatte das, was man im Allgäu einen definitiven »Stich bei den Mädels« nannte.

»Hast immer noch kein Mädle, oder?«

Ewald ließ ihn reden, es gehörte einfach dazu, dass Bene Sprüchle machen musste, gerade über die Mädels. Dabei, das hatte Ewald hintenherum mitbekommen, sollte der schöne Bene angeblich selber ziemlich abgeblitzt sein bei Frau Zieschke, der neuen Disponentin der Kiesgrube.

Es war eh nichts mehr so wie früher in der Kiesgrube, Ewald war mittlerweile bald einer der Letzten, die noch beim alten Poschedsrieder angefangen hatten. Seit zehn Jahren gehörte die Grube dem Herrn Zwerger, der eines Tages in Ratzisried aufgetaucht war, in seinem Honda Prelude de luxe, goldmetallic. Karl Zwerger war mit vierzig noch ein wilder Hund gewesen, hatte als Vertreter für Honda-Automobile in Kempten gearbeitet und sich, wie man im Dorf sagte, »geschwind« die Karin Poschedsrieder geschnappt, die damals auch schon Ende dreißig und noch zu haben war. Im Goldmetallic-Prelude hatte er die blasse Karin ausgiebig durchs Allgäu kutschiert, ihr die Wellness-Oasen des Voralpenraums gezeigt und sie ein halbes Jahr später geheiratet, samt dem Grundstück und der Kiesgrube vom alten Poschedsrieder. Es hatte keine drei Monate gedauert, dass Schwiegervater Erwin dank seines Bluthochdrucks in die ewigen Kiesgründe eingegangen war und Karl Zwerger die Kiesgrube übernommen hatte. Karl Zwerger hatte ein gutes Händchen, der Kiesbetrieb florierte und expandierte, und bald bekam Karin ihr Mercedes-Cabrio, zog sich aus der Firma zurück und engagierte sich für soziale Belange als First Lady von Ratzisried.

Durch die Krise war Karl Zwerger ganz gut durchgeschlittert, im Allgäu wurde eben immer noch mehr gebaut als sonst wo im Land. Vor einem halben Jahr hatte er sogar eine neue Disponentin eingestellt, die ihm nach kurzer Zeit den Laden schmiss. Diese Rita Zieschke war nicht nur fleißig und kompetent, sondern sah auch sehr gut aus mit ihren 32 Jahren. Man wusste ja im Dorf nichts über diese Frau, sie war nicht in Ratzisried aufgewachsen, sie stammte nicht mal aus dem Allgäu, sondern aus dem Osten, und das hörte man auch noch ein wenig. Sofort hatten die Gerüchteschnellkochtöpfe unter Volldampf gestanden, und es wurde eifrig gemutmaßt, was Rita Zieschke ins Allgäu verschlagen hatte. Manche witterten eine enttäuschte Liebe, andere ein in Sachsen in die Pleite gegangenes Kies-Unternehmen, und der alte Sepp Darchinger wollte sogar erfahren haben, dass die Rita mit einem Franchise-Unternehmen für Fertighäuser in Mecklenburg gescheitert war. Mit Räuberpistolen über ihren Lebenslauf wurde nicht gespart, angeblich war ihr Vater ein von der Staatssicherheit geschasster Chemie-Ingenieur, und womöglich sei sie auch Leistungssportlerin in der DDR gewesen, zumindest ließ ihre Figur darauf Rückschlüsse zu: Turnerin vielleicht oder Schwimmerin. Rita Zieschke äußerte sich zu all dem Unfug nicht, lächelte mit ihren schönen braunen Augen und tat ihre Arbeit als Disponentin der Kiesgrube, und zwar sehr gut und vor allem mit viel Spaß. So mancher Allgäuer Kerl hatte da gleich mal versucht, sich mehr als ein Lächeln einzufangen, aber Rita gab klar zu verstehen, dass da nichts lief, immer nett und liebenswert im Ton, aber klar und reserviert zur Sache.

Keiner wusste freilich, dass sie wirklich eine große Enttäuschung hinter sich und von dem Spiel, das man Liebe nennt, erst einmal genug hatte. Sie bevorzugte eher kleine unverbindliche Affären zur Besänftigung der alltäglichen Lustaufwallungen, bei denen allerdings sie die Spielregeln bestimmte. Rita Zieschke hatte alles andere als eine langfristige Bindung auf ihrem Wunschzettel stehen, hatte aber feststellen müssen, dass ihr, seit sie im Westen war, die Männer mit verblüffender Regelmäßigkeit Anträge fürs Leben machten, und es waren nicht nur Verlierer und Idioten, die das taten. Und als der schöne Bene Kempter sich ihr als permanenter Liebhaber anerboten hatte, musste sie dessen Ansinnen wohl auch relativ knapp vom Tisch gelächelt haben, soweit dem Ewald das richtig zugetragen worden war.

Bene stand immer noch hinter ihm, und Ewald drehte mit dem Schraubenzieher die Leerlaufdüse der Dieselpumpe ein wenig nach links, die Drehzahl sank und musste jetzt etwa bei 600 Umdrehungen pro Minute liegen, und das passte dann schon.

»Ewald, wie du stundenlang an der Raupe herumpfitzelst, da kann man gar nicht hinschaun … des tät’ mich narrisch machen, wenn einer immer so langsam …«

Ewald stellte die Drehzahl noch einen Hauch niedriger ein. »Weißt, Bene, bei denen, wo’s immer ganz schnell geht, bei denen dauert’s hinterher dann eh bloß länger.«

Bene lachte kurz auf, obwohl er das nicht so recht verstanden hatte.

»Ja, das kannst du nächste Woche denen da oben bei der Deutschen Meisterschaft erzählen … das wird eine saubere Hatz da oben, das sag ich dir! Das sind Profis, die haben auch alle ein viel besseres Material als dein altes Glump.«

»Schau, Bene, wenn man vorher immer schon alles weiß, dann weiß man hinterher eben überhaupt nix mehr.«

»Manchmal redest du schon einen ganz schönen Schmarrn daher, Ewald!«

Das Lächeln, das dem Ewald auskam, sah Bene nicht. Bis der Startschuss fiel, hatte Ewald noch etwa drei Stunden Zeit.

Die Vorhänge in Zwergers Büro waren zugezogen. Karl Zwerger schwitzte, der Schweiß lief ihm in Bächen von der Stirn. Wie ein Bulldozer arbeitete sein kompakter Körper, mit aller ihm gegebenen Kraft versuchte er, seine Disponentin Rita Zieschke auf das Hochplateau der Lust hinaufzuschieben, und das gelang ihm offenbar auch im nächsten Moment. Rita stöhnte kurz auf, wenn auch mit verhaltener Lautstärke, schließlich wollte sie kein Aufsehen erregen.

Karl Zwerger schnaufte, versuchte seinen Atem wieder auf eine alltagstaugliche Frequenz herunterzubringen. Er trank schnell einen Schluck Wasser aus der Flasche, die auf seinem Schreibtisch stand, dort, wo das kurze Intermezzo gerade stattgefunden hatte.

»Mein Gott, Rita, was du mit mir machst … das war so schön, mei oh mei, war das schön!«

Rita lächelte leise und winkte ab: Das fehlte noch, dass der Zwerger jetzt hinterher noch alles zusammenschrie, wo’s doch schon gegessen war.

»Für dich auch schön, Rita? Warst oben? Ich meine:Warst ganz oben, Rita?«

»Ja, ich war oben, Karl! Aber frag bitte nicht jedes Mal, ich kann doch hier nicht rumschreien wie eine Verrückte.«

Zwerger wischte sich den Schweiß mit einem Kleenex ab, zog die Hosen hoch und nahm Rita von hinten zart in den Arm.

»Ein Leben lang habe ich gewartet … auf eine Frau wie dich, Rita! Du mein kleiner Schmetterling!«

Rita gab Zwerger ein fast schon formales Küsschen und löste sich sanft aus seiner Umarmung.

»Mach’s bitte jetzt nicht kompliziert, Karl. Es ist, wie’s ist, und das ist schön und basta.«

Zwerger nickte, rückte sich die Krawatte zurecht, ging zum Fenster und zog die Vorhänge auf.

»Schau dir das an da draußen, Rita: Kies, Kies, immer bloß Kies. Ich kann bald keinen Kies mehr sehen! Hätte beste Lust, einfach alles hinzuschmeißen. Abzuhauen … irgendwo nochmal neu anfangen … Kies ist doch kein Leben …«

Rita Zieschke nickte: Sie hatte das alles schon öfters gehört, sinngemäß, und nicht nur von Karl Zwerger.

»Lass uns noch mal paar schöne Geschäftsreisen machen, Karl. Amsterdam, da war’s doch nett.«

Karl Zwerger schüttelte den Kopf.

»Nochmal Amsterdam geht nicht, mein Schmetterling, das merkt sie, die ist ja nicht blöd. Und immer nur Amsterdam oder Lissabon … das ist doch auf die Dauer auch keine Lösung.«

»Und du hättest gern eine Lösung, oder wie soll ich das verstehen?«

»Irgendeine Lösung ist doch auch keine Lösung, Schatz. Eigentlich sollten wir zwei …«

»Was?«

»Das sag ich dir dann, wenn’s so weit ist, mein Schmetterling.«

Rita strich sich den Rock gerade, ging zum Spiegel über dem kleinen Waschbecken und fuhr sich mit den Fingern durch ihr Haar.

»Hoffentlich merkt keiner was …«

»Ach was, da draußen stinkt’s nach Diesel und Bratwürsten, da riecht keiner was!«

Als Pragmatiker gefiel Rita ihr Chef weitaus besser denn als Romantiker, vielleicht war das, was immer sie mit ihm hatte, doch mehr eine Pragmanze als eine Romanze. Das störte Rita aber nicht, im Gegenteil. Zu viel Nähe entfernte die Menschen nur, dachte sie und lächelte zufrieden in sich hinein: Ihr Liebhaber und Chef der Planierraupen hatte sie wirklich bis ganz nach oben geschoben, sein Betteln um Bestätigung jedoch ging ihr auf die Nerven, ein wenig zumindest. Aber so waren sie eben, die Westler.

Die Sonne stand schon hoch über dem Hochgrat, es war ein wundervoller Samstagnachmittag, der Nachmittag hielt alles an Allgäuer Postkartenkitsch, was der Morgen versprochen hatte. Das weiße Mercedes-Cabrio vom Typ SLC mit Kompressor kam langsam auf das Areal gefahren, vorsichtig geradezu, kaum Staub aufwirbelnd, gesteuert wie auf rohen Eiern, auf die Vermeidung von Steinschlag bedacht, und rollte langsam auf dem Rollsplitt aus, direkt neben dem Podium, das Zimmerleute aus Kanthölzern und Bohlen zusammengenagelt hatten. Karin Zwerger stieg aus, mit einem Hauch von Mühsamkeit. Sie hatte ein dunkelrotes Kleid an, das ihren weiblichen Körper freundlich umschmeichelte, dazu trug sie hochhackige schwarze Schuhe, die ihren Gang auf dem Kies ein wenig unsicher wirken ließen. Ihr Haar hatte sie hochgesteckt, um die Schultern eine schwarze Stola gelegt. Karins Rückzug aus der ehemals väterlichen Firma und ihr zunehmendes Engagement für wohltätige Zwecke hatten sie ein wenig voller werden lassen, was man auch im Gesicht sah. Karin lächelte den Menschen zu, die sich in der Kiesgrube versammelt hatten, sie kannte ja fast jeden, als Tochter vom alten Poschedsrieder. Halb Ratzisried war hergekommen, das Sommerfest war ein fester Bestandteil im gesellschaftlichen Leben der Gemeinde. Karins Vater hatte es vor zwanzig Jahren ins Leben gerufen, wenn auch kleiner, mit drei Bierbänken und einem Fass Freibier, und damals hatte Karin immer an einem kleinen Tisch gestanden und Leberkäs-Semmeln verteilt.

Die »Weissachtaler Buben«, die führende und einzige Blaskapelle aus Ratzisried, spielten bereits, der Metzger Holdenried hantierte mit drei üppigen Fleischerei-Fachverkäuferinnen in seinem Imbisswagen, und es roch schon nach Bratwürsten und gegrillten Schweinesteaks. Karin schüttelte Hände, begrüßte alte Bekannte, ehemalige Schulfreunde, den Bürgermeister, und gefiel sich in ihrer Rolle als Gastgeberin.

Karin freute sich auch, Rita Zieschke unter den Gästen zu entdecken: Ihr Mann Karl hatte eine gute Entscheidung getroffen, sie einzustellen. Frau Zieschke machte gute Arbeit als Disponentin, der frische Wind im Büro tat ihrem Mann gut. Diese Rita ließ ihrem Karl einfach die Schlampereien nicht durchgehen, die sich im Laufe der Jahre eingeschlichen hatten. Eine bessere Ausnutzung des Maschinenparks und die Optimierung des logistischen Ablaufs hatten sich bereits sichtbar in der ersten Quartalsbilanz nach Frau Zieschkes Eintritt in die Firma gezeigt. Die hatte wahrscheinlich im Osten noch gelernt, wie man das Optimale aus Material und Menschen herausholte, weil man da ja nichts hatte. Und Karl war kein promovierter Betriebswirt, sondern ein schlitzohriger Autoverkäufer mit Organisationstalent, aber so etwas hatte auch seine Grenzen. Im Betrieb mochte man die Zieschke, obwohl viele am Anfang die Nase gerümpft hatten ob Karls Zwergers Entscheidung, als Disponenten eine Frau einzustellen, noch dazu eine aus dem Osten, die Land und Leute nicht kannte. Aber die »Ossi-Rita«, wie manche sie scherzhaft nannten, hatte sich ganz gut akklimatisiert. Karin wunderte, dass Frau Zieschke keinen Mann hatte, aber wahrscheinlich war sie wählerisch, und das gefiel Karin. Für eine Frau wie diese Rita war es natürlich nicht einfach, unter den Ratzisrieder Holzköpfen etwas Passendes zu finden.

»Das Fest wird Ihnen gefallen, Frau Zieschke, wir machen das jedes Jahr. Die Männer haben so einen Spaß mit den Raupen.« Rita war für einen Moment irritiert, sie hatte Karin Zwerger gar nicht kommen hören.

»Klar, Frau Zwerger. Hauptsache, die Kerle können sich kloppen, und wenn sie’s mit Planierraupen machen.«

Karin Zwerger lachte.

»Das haben Sie schön gesagt, Rita. Es sind halt doch rechte Kindsköpfe, die Männer, aber das wissen wir ja.«

Rita lächelte, so gut ihr das gelang.

»Und wie soll das nun ablaufen?«

Karin Zwerger zeigte auf die Kiesfläche vor dem hölzernen Podium, wo mit rot-weißen Bändern der Parcours abgesteckt war. In einer Reihe waren nebeneinander fünf identische Kieshügel aufgeschüttet, von vielleicht einem Meter Höhe, in einem Abstand von jeweils fünf Metern. Jeder Hügel hatte ein Volumen von exakt zehn Kubikmetern. Rote Absperrbänder führten von der Startlinie, die mit gelbem Kreidepulver in den Kies gemalt worden war, zu den einzelnen Kieshaufen. Hinter der Startlinie standen die Maschinen: zwei Caterpillar vom Typ C 47, eine Komatsu D75S, eine kleine 35er Liebherr, und ganz rechts außen stand Ewald Fricker mit seiner alten Fiat-Allis FL 10. Noch liefen die Motoren nicht, aber es herrschte aufgeregtes Gewusel rund um die Maschinen. Allein Ewald saß auf der Motorhaube seiner Fiat-Allis und spielte Akkordeon, und zwar ausgerechnet »La Paloma«. Sein Freund Schorsch, der an seiner Komatsu die Spannung der Raupenkette kontrollierte, konnte sich eine Bemerkung nicht verkneifen:

»Was spielst’ denn da wieder, Ewald? Seemannslieder! Eine Raupe ist doch kein Schiff!«

»›La Paloma‹ heißt auch nicht Schiff, sondern Taube. Und das klingt fast ein bissel wie Raupe.«

»Du bist doch ein spinnerter Hund, Ewald.«

»Schon. Aber wenn man das weiß, dann ist das gar nicht so schlimm. Schlimm wär’s bloß, wenn man’s nicht merken tät.«

Die anderen Männer, die sich um ihre Raupen kümmerten, lachten: der Franz Holdenrieder, der Sohn vom Metzger auf seiner Caterpillar, und der junge Kevin Maierhöfer, der es dieses Jahr mit der Liebherr versuchen wollte.

Karin Zwerger schenkte Rita noch einen Blick von Frau zu Frau, dann ging sie weiter, durchs Gewühl auf das Podium zu. Rita dachte sich, dass die Männer mit ihren Raupen genau die gleichen Knallköpfe waren wie in ihrer mecklenburgischen Heimat, aus der sie geflohen war. Und sie kam sich ein bisschen schäbig vor ob der Freundlichkeit, die Frau Zwerger ihr entgegenbrachte: Offenbar hatte die Frau wirklich nicht den geringsten Verdacht, dass Rita mit ihrem Mann Karl auch etwas anderes optimierte als Rollsplitt- und Kies-Logistik.

Rita beobachtete, wie Karin über die kleine Treppe hinaufschwebte auf das Podest, wo Karl Zwerger schon stand und den Weissachtaler Buben ein unmissverständliches Zeichen gab, ihre Instrumente abzusetzen. Karin bemerkte natürlich den heimlichen Blick nicht, den Rita sich von Karl Zwerger einfing. Karl griff sich ein Mikrofon und sagte schnell ein paar Worte, die Rita nicht genau verstand, aber als deren Folge die fünf Männer auf ihre Planierraupen kletterten und die Maschinen anließen. Die Raupenfahrer spielten mit den Gaspedalen und ließen die Motoren aufheulen, wie man das von Formel-I-Rennen aus dem Fernsehen kannte. Allein Ewald Fricker saß wie der kleine Bruder vom großen Buddha im Fahrersitz seiner Fiat-Allis und horchte auf den Klang seiner Maschine, die brav im Leerlauf vor sich hin tuckerte. Sein Akkordeon war wieder im Kasten verstaut, den er auf die Motorhaube geschnallt hatte. Ewald Fricker schien ganz im Hier und Jetzt zu ruhen, und irgendwie wurde Rita aus diesem Mitarbeiter, den sie ja nun auch schon ein halbes Jahr flüchtig kannte, nicht schlau.

Überhaupt waren Bierfeste nicht Ritas Ding. Sie sah, dass sich die Festgäste entlang der Absperrungsbänder aufstellten, und musste ein Kichern unterdrücken ob des Brimboriums, das da vor ihren Augen seinen Lauf nahm. Später würde sie sich vielleicht auch noch ein oder zwei Gläser Bier genehmigen und sich dann zuhause bei Kerzenlicht vielleicht eine CD anhören, aber bestimmt keine Blasmusik. Sie würde nicht allzu spät gehen, ihr stand der Sinn nach einem kleinen häuslichen Chill-out vom Allgäuer Kiesgruben-Sommerfest mit Bratwurst und Volksmusik.

Rita sah noch einmal hinüber zum Podium. Karl Zwerger wirkte angespannt, aber seine Frau Karin schien alle Zeit der Welt zu haben. Sie winkte vom Podium aus den Festgästen zu, mit einer Verve, Ernsthaftigkeit und Hingabe, als sei Podiumwinkerin ein ausgestorbener Lehrberuf. Rita konnte natürlich nicht hören, was Karl Zwerger seiner Frau ins Ohr zischte:

»Wo kommst du denn jetzt her? Warst du wieder beim Shoppen in Kempten?«

Karin Zwerger lächelte milde und blickte auf die Menschen in der Kiesgrube.

»Ach, Karl, das macht den Leuten jedes Jahr eine solche Freude …«

»Schön, wenn’s ihnen Freude macht … kostet ja auch genug.«

»Wenn du nur rummeckern kannst. Vielleicht freust du dich auch ein bisschen.«

Karl Zwerger grummelte etwas vor sich hin, holte aus seinem Aktenkoffer eine kleine Signalpistole und eine schwarz-weißkarierte Flagge. Er gab Karin die Pistole und die Flagge und griff sich nochmals das Mikrofon. Schlagartig schien seine Anspannung von ihm abzufallen, und er sprach mit dem Ton des professionellen Autoverkäufers.

»Also, meine lieben Gäste, meine lieben Freunde, liebe Mitarbeiter und meine starken Männer auf den Planierraupen, der Herrgott hat’s mal wieder gut gemeint mit uns, wir haben Bier, Musik, Bratwürst’ und Sonnenschein, und jetzt frage ich euch: Seid ihr so weit?«

Lautes Johlen und Klatschen waren die Antwort, die starken Männer auf den Raupen gaben so etwas wie Kampfgeheul von sich und spielten wieder mit den Gaspedalen. Nur Ewald Fricker saß seelenruhig auf seiner Raupe, nickte kurz und winkte mit der Hand einmal ins Publikum.

»Dann gehen wir’s an, Buben und Madeln. Ich eröffne hiermit das mittlerweile 15. Betriebs-Wettplanieren um den Wanderpokal der Firma Zwerger. Meine liebe Frau Karin wird jetzt gleich den Startschuss geben, und ich ruf euch zu, Buben: Lasst es krachen, und haut ihn weg, den Kies! Auf dass der Beste gewinnen möge!«

Karl Zwerger nickte seiner Frau zu, Karin hob die Hand. Augenblicklich verstummte das Gejohle, und nur das Tuckern der Dieselmotoren war zu hören. Karin streckte den Arm mit der Pistole nach oben, langsam und gesetzt, als wäre das alles ein großes Ritual, blickte noch einmal zu den Menschen, die da vor ihr standen, krümmte den Finger am Abzug und ließ den Startschuss über das Kiesgrubengelände knallen, der sich an den gegenüberliegenden Kieswänden brach und als dreifaches Echo zurückkam.

Das Toben des Publikums übertönte den Lärm der Dieselmotoren, mit durchdrehenden Ketten setzten sich die Raupen in Bewegung. Als Erster war der junge Kevin Maierhöfer losgekommen, er fuhrwerkte auf der Raupe herum wie ein Berserker. Staub wurde aufgewirbelt und vermischte sich mit den Wolken von Dieselqualm, der aus den Auspüffen der Raupen kam. Ewald Fricker schien seine Raupe wie in Trance zu steuern, mit ruhigen Bewegungen, und in seinem Gesicht lag ein fast schon geheimnisvolles Lächeln, eine Synthese aus höchster Konzentration und kindlicher Freude. Während die anderen mit ihren Hebeln schufteten wie Schwerstarbeiter, die Ketten ihrer Raupen durchdrehen ließen, die Gänge reinprügelten, als seien die Schalthebel zu klein geratene Mistgabeln, war Ewalds Steuern der Raupe fast wie ein Flirt mit dem Kies. Er schien ein physischer Bestandteil seiner Fiat-Allis geworden zu sein, ein Maschinenmensch. Einer, der mit dem Kies tanzte. Und wo sich das Planieren bei Schorsch und Kevin zu einem Schauspiel schierer Raupenkraft auswuchs, glitt Ewalds Fiat-Allis durch den Kies wie ein Schaumlöffel, der Eischnee unter eine unendlich leichte Masse hebt. Behende wie ein Eichkätzchen schien seine Raupe über den Kies zu gleiten, drehte sich über die linke oder die rechte Kette, als seien Vorwärtsbewegung, Rückwärtsfahrt und Richtungswechsel nur eine jeweils andere Schattierung einer großen Gesamtbewegung, in der Frickers Maschine wie eine hungrige Raupe dem Kieshügel zu Leibe rückte.

Rita stand an der Absperrung. An sich fand sie solche Männerspielchen albern, musste sich aber eingestehen, dass sie dieses absurde Planierraupen-Ballett doch ein wenig amüsierte. Die Männer gebärdeten sich wie wilde Staubritter auf neumodischen Rössern, die gegen wehrlose Kieshaufen zu Felde zogen, damit mal wieder einer der Sieger sein durfte: Es ging Rita manchmal auf die Nerven, in einem Land zu leben, das ständig von allem und jedem die oder den Besten suchte, um letztlich nach dem Event doch wieder nur Idioten gefunden zu haben. Nur dieser eigentümliche Herr Fricker schien sich samt seiner Raupe irgendwo außerhalb dieses ganzen Rummels zu bewegen.

Mitten in diesem Plätschern der Gedanken spürte Rita hinter sich eine Berührung, die mehr war als ein harmloses Gestreiftwerden im Gedränge. Und sie hörte ein Flüstern, das von einem Hauch alkoholgeschwängerten Atems begleitet wurde.

»Jaja, der Fricker … das ist auch alles bloß Show bei dem.«

Rita brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass Bene Kempter seinen Körper an sie herangeschoben hatte, wie immer viel zu dicht.

»Was du brauchst, das wär ein richtiger Kerl!«

Rita wendete den Kopf und fing sich Benes Grinsen ein, das der offenbar für unwiderstehlich hielt. Rita grinste zurück.

»Einen wie dich, oder?«

Benes ungebrochenes Grinsen ließ keinen Zweifel daran, dass Ironie ihm fremd war.

»Tu mir einen Gefallen, Bene, und lass mich in Ruhe zugucken.«

»Magst was trinken?«

»Danke. Aber ich bin alt genug, ich kann mir schon selber was holen. Und jetzt sei so nett, und lass mich zugucken.«

»Du könntest so süß sein, wenn du bloß nicht immer so kratzbürstig wärst …«

»Keine Sorge, ich bin nicht zu jedem kratzbürstig, Bene.«

Das hatte zumindest die erhoffte Wirkung: Bene trollte sich. Rita wusste, dass er nicht lockerlassen würde, aber mittlerweile hatte sie Erfahrung im Umgang mit Kerlen, die ihr am Hacken hingen und das Wort »nein« nicht zu kennen schienen.

Rita sah wieder zu Fricker hin: Mit einer verblüffenden Eleganz saß der auf seiner Fiat-Allis, schob den Kies mit höchster Effizienz umher und sang dabei vor sich hin, der bis dahin ungeschlacht geglaubte Hammel. Nie hätte Rita ausgerechnet diesem Herrn Fricker eine solche Leichtigkeit des Planierens zugetraut, sein Lachen steckte geradezu an, und als Rita bei einer eleganten Kehrtwende der Raupe genau in die beiden kleinen Lampen blickte, schien auch die Fiat-Allis aus vollem Herzen zu lachen.

Was aber höchst verblüffend war: Ewalds Kieshügel schrumpfte am schnellsten von allen, die zehn Kubikmeter schienen sich auf wundersame Weise verflüchtigt zu haben, und nach ein paar Minuten schon drehte Ewald die Raupe souverän übers Heck und fuhr, wieder La Paloma singend, zurück in Richtung Start&Ziel, während die anderen immer noch mit ihren widerspenstigen Kieshügeln kämpften. Karin Zwerger hob die schwarzweiß karierte Flagge und winkte ab, als das Heck der Fiat-Allis die Ziellinie passierte. Ein Freudengeschrei brach los, das Fricker lächelnd entgegennahm wie einer, der es gewohnt war, bejubelt zu werden. Rita erwischte sich dabei, wie sie auch applaudierte.

Den Blechblastönen der Weissachtaler Buben war ein gewisser Alkoholgehalt bereits anzuhören. In der Halle, in der sonst der Maschinenpark untergebracht war, standen jetzt Bierbänke, und Rita hatte sich etwa drei Reihen vom Podium entfernt hingesetzt, schön an den Rand, um jederzeit ohne allzu großes Aufsehen verschwinden zu können.

Ein Blick von Karl Zwerger zu den Weissachtaler Buben reichte, dass die ihre Instrumente absetzten. Nur Hansi Eberle, der Trompeter, war schon so benebelt, dass er ein paar Takte lang noch alleine weiterspielte, was seine falschen Töne umso gnadenloser hörbar machte und zu großem Gelächter in der vollen Maschinenhalle führte. Karin Zwerger, die neben ihrem Mann oben auf dem Podium stand, legte ihr gütiges Charity-Lächeln auf, und Ewald Fricker wirkte etwas verloren zwischen den beiden, wie zum Schutz hatte er sein Akkordeon umgehängt. Rita fing sich noch ein kurzes konspiratives Lächeln von Zwerger ein, und ihr war klar, dass ihm seine Karin wieder gehörig auf die Nerven ging mit ihrem betulichen und wohltätigen Gehabe. Zwerger holte einen Pokal, dessen Deckel eine stilisierte Planierraupe mit Eichenlaub aus Messing zierte, aus einem Pappkarton, etwa so liebevoll, wie man einen bei einem Preisausschreiben gewonnenen Eimer Industrie-Senf auspacken würde, und drückte ihn seiner Frau in die Hand, zusammen mit dem Mikrofon. Karin Zwerger drehte sich zum Publikum und räusperte sich kurz.

»Meine lieben Gäste, nun habe ich wie jedes Jahr die wunderschöne Aufgabe, die Siegerehrung vorzunehmen. The winner is, zum dreizehnten Mal hintereinander, wieder unser Ewald Fricker!«