Ritter Simons Geliebte - Julie Tetel - E-Book

Ritter Simons Geliebte E-Book

Julie Tetel

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Beschreibung

England, 1153: Im Schloss steht Gwyneth dem stolzen Ritter Simon zum ersten Mal gegenüber. Auf Befehl des Königs muss sie ihn heiraten, damit ihre Güter nicht den Feinden des Monarchen in die Hände fallen. Mit bangem Herzen erwartet Gwyneth die Hochzeitsnacht. Was hält das Schicksal für sie bereit: Leid - oder nie endende Leidenschaft?

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Ritter Simons Geliebte erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Katja Berger, Jürgen WelteLeitung:Miran Bilic (v. i. S. d. P.)Produktion:Christina SeegerGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 1994 by Julie Tetel Andresen Originaltitel: „Simon’s Lady“ erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Deutsche Erstausgabe 1995 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg, in der Reihe HISTORICAL, Band 73 Übersetzung: Vera Möbius

Umschlagsmotive: Harlequin Books S.A.

Veröffentlicht im ePub Format in 08/2021.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783751502450

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, TIFFANY

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1. KAPITEL

London, EnglandEnde Mai, im Jahre des Herrn 1153

Simon of Beresford kniete über seinem Opfer. Sein breites Schwert lag einen Schritt entfernt neben der Waffe, die er seinem Gegner soeben abgenommen hatte. Der Mann am Boden schaute angstvoll zu seinem Bezwinger auf, halb benommen von seiner Erschöpfung und der sengenden Sonne. Er glaubte, seine letzte Stunde habe geschlagen, als er die Hände spürte, die sich um seinen Hals legten.

Mühelos hielt Beresford ihn fest. „Nun ist es so weit. Sprecht Euer letztes Gebet!“

„Gnade!“, würgte der Mann hervor.

Statt ihm die Kehle zuzudrücken, stand Beresford auf, aber keineswegs, um sich barmherzig zu zeigen. „Ihr seid ein altes Weib, Langley“, stieß er angeekelt hervor. „Fleht niemals um Gnade, damit beschwört Ihr nur den Tod herauf. Selbst wenn Ihr schon am Boden liegt, solltet Ihr nach einem wunden Punkt Eures Gegners suchen.“

Langley ergriff Beresfords ausgestreckte Hand. „Leider fand ich keinen“, klagte er und wischte sich den Staub ab. Dann versuchte er, das Entsetzen zu überwinden, das ihn erfasst hatte.

„Ihr habt nichts gelernt“, erwiderte Beresford, hob die beiden Schwerter auf und warf Langley eines zu. Unter dem Gewicht des Stahls schwankte der Mann.

Lässig schwang Beresford seine Waffe und ließ die Muskeln seiner starken Arme spielen.

„Ich bin müde“, verteidigte der Knappe seine Ungeschicklichkeit, „und das wärt Ihr auch, hätte man so lange mit Euch gefochten und Euch dann niedergestreckt.“

„Hört zu winseln auf! So leicht solltet Ihr Euch nicht geschlagen geben. Schon am Anfang habt Ihr den Kampf verloren, weil Ihr ein elender Fechter seid. Haltet das Schwert hoch! Ja, so ist es besser. Und Ihr müsst wissen, dass ich Eure Nase nur zu gern wieder in den Staub pressen würde. Also bietet mir keine Gelegenheit dazu! Nun seht her! Wenn ich mich so bewege, verteidigt Ihr Euch auf diese Weise … Nein, nicht so, junger Narr! So!“

Schweißperlen rannen über Langleys Stirn. „Den ganzen Nachmittag üben wir schon“, keuchte er. „Es ist – so heiß …“

„Und der Tod ist unabänderlich. Wir wiederholen die Übung noch einmal, damit ich weiß, dass ein Mann hinter mir steht und kein altes Weib, wenn wir Henrys Kriegern erneut begegnen.“ Unerbittlich griff Beresford seinen Schüler an, von allen Seiten. Endlich war er einigermaßen zufrieden, hielt dem jungen Burschen aber noch einen strengen Vortrag, ehe er sich abwandte.

Blitzschnell drehte er sich um und schlug Langley das Schwert aus der Hand, das dieser gegen seinen Herrn erhoben hatte. Keineswegs wütend, sondern hocherfreut, rief Beresford: „Sehr gut! Aber wenn Ihr nächstes Mal jemanden von hinten angreift, seht zu, dass sich die Spitze Eurer Klinge zumindest auf gleicher Höhe wie der Nacken Eures Gegners befindet.“ Mit einem Fußtritt beförderte er die Waffe aus der Reichweite des Knappen. „Morgen fangen wir eine Stunde früher an“, entschied er und überquerte den Kampfplatz, den Hof seines Stadthauses.

Das Schwert unter einen Arm geklemmt, zog er seine Lederhandschuhe aus, als er Geoffrey of Senlis an einem Pfosten lehnen sah. „Was führt dich hierher?“, fragte er lächelnd und ging zu seinem Freund.

„Guten Morgen, Simon. Gott schütze dich. Ich habe eine Nachricht für dich.“

Beresford überreichte seine Waffe und die Handschuhe einem Pagen, von dem er ein Tuch und eine Wasserflasche aus Leder entgegennahm. Er bot Senlis einen Trunk an, was dankend abgelehnt wurde, vergönnte sich einen großen Schluck, rieb sein Gesicht mit dem Tuch ab und gab es dem Jungen zurück, ebenso wie die Flasche. „Was für eine Nachricht?“

„Vom König.“

„Und welche Dienste verlangt Stephen von mir?“

„Keine Dienste. Der König – und Adela, wie ich hinzufügen darf – erbitten nur deine Anwesenheit. Ich soll dich holen.“

„Des Königs Mätresse wünscht mich zu sehen?“, fragte Beresford überrascht.

„Ja. Beide wollen eine geschäftliche Angelegenheit mit dir erörtern.“

Beresford blickte auf sein ledernes Koller und die blaue Tunika hinab, die der Staub so grau gefärbt hatte wie seine Augen. „Erlaube mir, mich umzuziehen. Dann begleite ich dich zum Tower.“

„Dafür fehlt uns die Zeit.“

„Aber wenn ich Adela gegenübertrete, sollte ich …“

„Wir müssen sofort aufbrechen.“ Senlis grinste. „Seit wann legst du so großen Wert auf deine Kleidung, Simon?“

Beresford sah keinen Grund, der Anspielung zu widersprechen, die in dieser Frage lag. „So schmutzig möchte ich nicht vor Adela erscheinen“, entgegnete er seufzend.

„In diesem Fall wird sie gern auf deine Sauberkeit verzichten, wenn du nur so schnell wie möglich zu ihr kommst.“

Neidlos musterte Beresford seinen hübschen, eleganten blonden Freund. Sein Unbehagen rührte nicht von seinem eigenen Äußeren her, das zu wünschen übrig ließ. „Sind Henrys Truppen auf dem Weg nach London? Ich dachte, meine Männer und ich hätten sie vorerst zurückgeschlagen.“

Senlis schüttelte lachend den Kopf. „Stets der große Krieger, was, Simon? Nein, sie sind immer noch im Westen, aber dank deiner Hilfe belästigen sie Malmesbury nicht mehr.“

Beruhigt erkundigte sich Beresford: „Und was will der König mit mir besprechen?“

„Keine Ahnung. Und ich wünschte, du würdest dich beeilen, damit ich endlich erfahre, was die ganze Aufregung zu bedeuten hat.“

Die Neugier seines Freundes belustigte Beresford. „Welche Aufregung?“

„Schon den ganzen Tag flüstert man im Tower deinen Namen“, behauptete Senlis, wobei er nur geringfügig übertrieb.

„Tatsächlich?“, rief Beresford verblüfft. Soviel er wusste, wurde nicht über ihn geredet, aber wie er zugeben musste, kümmerte er sich nicht um höfische Klatschgeschichten. Er runzelte die Stirn. „Und wer steckt seine lange Nase in meine Angelegenheiten?“

„Deine Unterredung findet im Sitzungssaal statt, also werden die Barone daran teilnehmen.“

Im Sitzungssaal ging es nicht so hochoffiziell zu wie im Audienzzimmer, und das besänftigte Beresford. Seine Stirn glättete sich. „Nun, dann auf zum Tower!“ Kurz entschlossen verwarf er seinen Plan, sich umzukleiden, wozu er ohnehin keine Lust hatte. Er ließ sein Pferd holen und befahl dem Pagen, ihm sein Zeremonienschwert zu bringen. Dann erklärte er den Rittern, die untätig im Hof herumstanden, welche Übungen während seiner Abwesenheit durchgeführt werden sollten, und übertrug dem Waffenmeister die Aufsicht. Nachdem er die Zügel seines scheckigen Streitrosses ergriffen hatte, verließ er mit Senlis den Hof durch den Bogengang. Der Pförtner ließ sie auf die sonnige Straße hinaus und verriegelte hinter ihnen das schwere Tor.

Draußen hielt ein Straßenjunge Senlis’ Pferd fest. Der Ritter warf dem zerlumpten Burschen eine Kupfermünze zu, dann schwang er sich ebenso wie sein Freund in den Sattel.

„Sicher wollen der König und Adela mit mir das Turnier am St.-Barnabas-Tag besprechen“, meinte Beresford. Sie lenkten die Pferde zur Aldgate und folgten dieser Straße, die zum Tower führte.

„Warum lassen sie dich dann schon jetzt rufen, obwohl das Turnier erst in zwei Wochen veranstaltet wird?“

„Vielleicht muss das Programm geändert werden.“

Senlis zuckte die Achseln. „Da wir gerade vom Turnier reden – du scheinst den jungen Langley ziemlich hart an die Kandare zu nehmen.“

„Nicht hart genug“, erwiderte Beresford grimmig, „wenn er sich einigermaßen respektabel schlagen will.“

„Angeblich zählt er zu den besten Knappen.“

„Pah!“, entgegnete Beresford verächtlich.

Sie kamen am efeuumrankten Schild des „Swan“ vorbei, das zum Eingang der Schenke wies. Da Beresford das gemeine Volk in dieser Gegend gut kannte, rief er dem Deicharbeiter Daw und dem Kesselflicker Wat ein Grußwort zu. Während sie sich in der offenen Tür sonnten, beobachteten sie interessiert die beiden vornehmen Ritter. Ein paar Zecher lümmelten an der Theke im Freien und schwenkten ihre Holzkrüge. Auch ihnen nickte Beresford zu, ritt aber weiter, ohne in den Schankraum zu spähen, wo das schwache Licht die Gaunereien der Berufswürfler begünstigte und die Wäscherinnen und Straßenhändlerinnen verschönte, die hier ihre Nebengeschäfte betrieben.

Beharrlich blieb Senlis bei seinem Gesprächsthema. „Du verlangst zu viel von den jungen Kämpen, Simon. Wie sollen sie deinen Ansprüchen genügen, wenn du scheinbar Augen im Hinterkopf hast und sogar die Angriffe abwehrst, die deinem Rücken gelten?“

Beresford lächelte. „Diese Gelegenheit gab ich Langley mit Absicht, um seinen Kampfgeist zu erproben.“

„Das wusste ich nicht, und mir war sehr unbehaglich zumute, als er sein Schwert hob, um dich von hinten zu attackieren. Aber du hast dich erstaunlich schnell verteidigt – und das entsprach natürlich genau deinem Plan, den du mir gleich erläutern wirst.“

Doch das hatte Beresford nicht vor. Er war es nicht gewohnt, seine Handlungsweise zu erklären, aus dem einfachen Grund: weil er es überflüssig fand, von Dingen zu reden, die man ohnehin sehen konnte. Stattdessen zählte er Langleys Schwächen auf und führte aus, welche Fähigkeiten der Bursche verbessern musste, wenn er sich auf dem St.-Barnabas-Turnier einen Namen machen wollte.

Sie verließen die Straßen, wo die Händler und Handwerker ihrer Tätigkeit nachgingen, und näherten sich der Stadtmauer, mit deren Bau zur Römerzeit begonnen worden war. Acht Fuß dick und zweiundzwanzig Fuß hoch, war der Wall im Lauf der Jahrhunderte immer wieder neu befestigt worden. Sechsmal hatte er den Belagerungen der dänischen Invasoren standgehalten und vor über hundert Jahren Earl Godwin getrotzt, aber nicht Beresfords und Senlis’ Urgroßvätern, die mit William dem Eroberer übers Meer gesegelt waren, um das Inselkönigreich der normannischen Herrschaft zu unterwerfen.

Als sich die beiden Ritter dem Nordufer der Themse und der östlichen Mauer näherten, ragte die größte Londoner Bastion vor ihnen auf – der Tower, Zitadelle, Burg und Gefängnis. Über den Mauern der Festung erhob sich der mächtige Mittelturm, White Tower genannt. Hell schimmerte die Kalksteinfassade im Sonnenlicht und erinnerte an den Steinbruch jenseits des Kanals, aus dem das Baumaterial stammte.

Ehrerbietig wurden Beresford und Senlis vom Pförtner begrüßt und ritten durch eine im Haupttor eingelassene Tür in den Schlosshof. Reitknechte übernahmen die Pferde, und die beiden Neuankömmlinge gingen zum Mittelturm.

Der Anblick des Mannes, um den sich der Hofklatsch gerade drehte, veranlasste die versammelten Ritter und Barone zu hilfreichen Bemerkungen wie: „Der König wünscht Euch zu sehen, Beresford!“ – „Schnell, zum Sitzungssaal!“ – „Falls man den Gerüchten glauben darf, werdet Ihr zu hohen Ehren gelangen, Beresford!“

Missmutig runzelte er die Stirn und murmelte: „Zum Teufel mit diesen Schwätzern!“

Senlis lachte. „Lieber Freund, ich hoffe, dir wird tatsächlich eine Ehre zuteil. Eine Überraschung erwartet dich ganz sicher.“

Darauf gab Beresford keine Antwort. Seine Instinkte hatte er auf dem Schlachtfeld erprobt, wo es auf Kraft und körperliches Geschick ankam. Für höfische Intrigen fehlte ihm jegliches Talent. Mit Streitkolben und Lanzen und glänzenden Schilden kannte er sich aus, aber das Doppelspiel politischer Manöver stellte seine Geduld auf eine zu harte Probe. Im Allgemeinen besaß er kein Gespür für die Subtilitäten des höfischen Lebens. Doch da sein Empfang im Tower keineswegs subtil verlief, was sogar ihm auffiel, wuchs sein Unbehagen. Während er an Senlis’ Seite über die kühlen Steinfliesen den Gang entlangeilte, gab er die Hoffnung auf, die Order des Königs könnte mit einem so schlichten Ereignis wie dem bevorstehenden Turnier zusammenhängen. Und er hasste Überraschungen, sogar erfreuliche.

Im Sitzungssaal begegnete er den neugierigen Blicken mehrerer Barone und ahnte sofort, dass Unannehmlichkeiten auf ihn zukamen. Aber er trat furchtlos vor, ohne zu merken, wie seine imposante äußere Erscheinung den Raum sofort beherrschte oder wie unpassend er aussah, die Hände in die Hüften gestemmt, das Schwert an der Seite. Stolz aufgerichtet, blieb er unter den rot-goldenen Seidenbannern König Stephens stehen, die an der Decke hingen.

Durch die hohen Bogenfenster mit den dicken Mittelsäulen fiel Sonnenlicht herein, vergoldete den dunklen Eichenboden und den alten Tisch aus Eschenholz, der inmitten des Saals stand. Und es übergoss den Mann, der direkt vom Kampfplatz an den Hof gekommen war, die schulterlangen ungekämmten braunen Locken, die verschmutzte Kleidung, die dem Kampfplatz, nicht jedoch der königlichen Residenz angemessen war.

Seine kühlen grauen Augen betrachteten den König und dessen Mätresse, die auf einem Podest saßen.

„Es freut mich, dass Ihr so schnell kommen konntet, Mylord“, begann Adela, dann dankte sie Senlis, der am Tisch Platz genommen hatte.

Beresford kniete nieder, erhob sich jedoch sofort, nachdem Stephen ihm ein Zeichen gegeben hatte. „Madam, ich bin stets bereit, Euch zu dienen.“ Seine tiefe Stimme klang höflich und respektvoll. „Und dem König, meinem Lehnsherrn.“

„Auch das freut mich.“ Einladend wies sie auf einen Stuhl am unteren Ende des Tisches.

Er setzte sich, und unerklärlicherweise verstärkte Adelas Liebenswürdigkeit sein Missbehagen.

Stephen of Blois, König von England, saß leicht zusammengesunken auf seinem Stuhl, ein trotz seiner Korpulenz attraktiver Mann, der mit seiner einzigen kühnen Tat vor achtzehn Jahren den Thron erobert hatte. Nach einigen belanglosen Worten zu seinem treuesten Ritter überließ er die Initiative wieder seiner tüchtigen Geliebten Adela of Chartres, die zu seiner Linken saß und offensichtlich das Heft in der Hand hielt.

Die kleine, dunkelhaarige Frau sah eher unscheinbar aus, war aber eine ebenso kluge Politikerin wie Königin Mathilda, die im Vorjahr gestorben war. Nach ihrem Tod hatte man befürchtet, Stephens Trägheit könnte Henry, den Herzog von Angevin, veranlassen, ihn vom Thron zu verdrängen. Aber seit Adela dem König den Rücken stärkte, wurde ihre Position als seine Mätresse akzeptiert und sogar befürwortet.

Zunächst erwähnte sie die treuen Dienste, die Beresford der Krone geleistet hatte, und bat die anwesenden Barone, dies zu bestätigen. Während er sich diese Lobeshymne anhörte, überlegte er, was sie im Schilde führen mochte. Schließlich kam sie zur Sache. „Und nun, Mylord, bereitet mir Eure Einsamkeit große Sorgen.“

„Meine Einsamkeit?“, wiederholte er erstaunt. „Madam, ich versichere Euch, ich bin nicht einsam. Wie Ihr vermutlich wisst, leben sehr viele Leute in meinem Haus.“

„Ja, aber nun seid Ihr schon seit fünf Jahren Witwer“, erwiderte sie sanft.

„Das stimmt. Aber ich verstehe noch immer nicht, worauf Ihr hinauswollt.“

Ihre Lippen verzogen sich zu einem gütigen Lächeln. „Mittlerweile habt Ihr lange genug um Eure liebe Roesia getrauert …“

„Keinen Tag lang!“, fiel er ihr hastig ins Wort, um das Missverständnis zu berichtigen.

Rings um den Tisch erklang Gelächter, aber Adela verlor keineswegs die Fassung und fuhr unbeirrt fort: „Und Ihr wart so tapfer. Ihr habt Euch bemüht, Eure mutterlosen Söhne großzuziehen, und vergeblich versucht, in Eurem Haushalt auf Ordnung zu achten …“

„Mein Haushalt ist in allerbester Ordnung.“ Seine Verblüffung bewog ihn ein zweites Mal, Adela unhöflich zu unterbrechen.

„… und unter ernstlichen Schwierigkeiten musstet Ihr Eure Ländereien allein verwalten. Aus diesem Grund, Mylord, und in erster Linie zu Eurem persönlichen Wohl teile ich Euch nun hocherfreut mit, dass wir – König Stephen und ich – eine passende Ehefrau für Euch gefunden haben.“

Im ersten Augenblick versagte ihm die Stimme. Dann sprang er so vehement auf, dass sein Stuhl krachend umstürzte. „Was?“, schrie er. Beinahe erstickte er an seiner Wut. Nun wandte er sich nicht mehr an Adela, sondern an Stephen. „Eine Ehefrau? Wozu, wenn ich fragen darf? Für mein persönliches Wohl? Soll das ein Scherz sein, Sire? Wenn Ihr mir das versichert, will ich diese ungeheuerliche Zumutung vergessen!“

Bei dieser beispiellosen Beleidigung des Herrschers durch einen seiner Lehnsmänner stockte allen Anwesenden der Atem. Hätte ein anderer diese Worte auszusprechen gewagt, wäre er sofort des Hochverrates bezichtigt worden. Begierig warteten die Barone ab, was nun geschehen würde.

Lächelnd hob Adela eine Hand, um die Entgleisung eines ansonsten untadeligen Gefolgsmannes zu überspielen. „Sie heißt Gwyneth of Northumbria und ist seit Kurzem verwitwet. Da Ihr Witwer seid und sowohl das Glück einer Ehe als auch ihr schmerzliches Ende erlebt habt, erfüllt Ihr die besten Voraussetzungen, um die junge Frau in ihrer Trauer zu trösten.“

Entgeistert schnappte Beresford nach Luft. Man brauchte wohl niemanden in diesem Saal an seine unglückliche achtjährige Ehe mit einer berüchtigten Xanthippe zu erinnern. Er hatte Roesias Tod nicht gewünscht, aber auch nicht beklagt und seither einen inneren Frieden genossen, der ihm erst jetzt richtig bewusst wurde. Seine Miene wirkte so verwirrt und verzweifelt, dass einige Barone ihre Belustigung nicht verbergen konnten.

Adela nutzte seine momentane Sprachlosigkeit, indem sie ihn freundlich aufforderte, doch wieder Platz zu nehmen. Ohne seinen Zorn zu verhehlen, gehorchte er. „Ich bin keineswegs imstande, eine Frau zu trösten.“

„Außerdem ist sie sehr schön“, betonte Adela.

„Dann verheiratet sie doch mit Lancaster!“, fauchte er und zeigte auf den Baron zu seiner Linken, einen stadtbekannten Schürzenjäger.

Mit ihrer prompten Antwort kam sie einem herzhaften Gelächter zuvor. „Derzeit hat Lancaster einige Probleme auf seinen Ländereien, die im unruhigen Westen liegen. Und Eure Gwyneth besitzt ein großes Landgut im Norden, das von einer sicheren, nicht anderweitig beschäftigten Hand verwaltet werden muss – wie Eurer.“

Beresfords Brauen zogen sich zusammen. „Dann ist sie wohl Canutes Witwe.“ Dieser Mann hatte Henry unterstützt, dessen Anhänger jüngst von den königlichen Streitkräften besiegt worden waren, wenn auch eher zufällig. Nun erkannte Beresford, was hinter Stephens und Adelas Wunsch steckte. „Also braucht Ihr meine gut ausgebildeten Kämpen, um die restlichen Rebellen zu unterdrücken.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Madam, meine Königstreue ist allgemein bekannt, und ich stelle Euch alle meine Männer für etwaige Kämpfe in Northumbria zur Verfügung. Ihr müsst mich nicht verheiraten, um Euch meiner Hilfe zu versichern.“

Fast unmerklich presste Adela die Lippen zusammen. Dass so freimütig auf ihren Plan hingewiesen wurde, missfiel ihr. „Hier geht es nicht um Eure Loyalität, Mylord, sondern um die Notwendigkeit, Gwyneth als Verbündete zu gewinnen, damit sich Canutes Männer zu Stephen bekennen.“

„Dann soll sie Fortescue heiraten“, entgegnete Beresford und wies auf einen anderen Baron. „Er ist Witwer und hat mehr Schwertkämpfer zur Verfügung als ich.“

„Nun, die schöne Gwyneth braucht einen Mann in der Blüte seiner Jahre, der ihr zu Mutterfreuden verhilft, da sie kinderlos ist.“ Höflich nickte sie Fortescue zu. „Mit allem Respekt vor Sir Walter, der dem König schon lange in unverbrüchlicher Treue dient, möchten wir seinen Wunsch erfüllen und ihm erlauben, seinen Enkeln etwas mehr Zeit zu widmen.“

„Und Northampton?“, fragte Beresford, verzweifelt bemüht, sich aller Witwer in seinem Bekanntenkreis zu entsinnen, die große Ländereien besaßen und zahlreiche Mannen befehligten.

Ungehalten runzelte Adela die Stirn. „Zum Glück ist Bernard of Northampton heute Nachmittag nicht hier, Mylord, denn es würde ihn zutiefst bekümmern, an seine zwei Ehen erinnert zu werden, die ihm den ersehnten Kindersegen nicht bescheren konnten.“

„Oder Valmey?“ Beresfords Blick richtete sich auf den Mann, der neben der königlichen Mätresse saß. „Wie jeder weiß, hat er unzählige Bastarde gezeugt, und er ist ledig.“

Das gedämpfte Gelächter, von dieser rüden Bemerkung hervorgerufen, wurde von Adelas ruhiger Antwort nicht völlig übertönt. „Er hat sich bereits mit einer anderen Frau verlobt.“

Beresford wünschte, er wäre etwas genauer über den höfischen Klatsch informiert, denn er hätte schwören können, dass Cedric of Valmey zurzeit ein ehebrecherisches Verhältnis mit einer von Adelas Lieblingshofdamen unterhielt. Aber da er bereits befürchtete, auf verlorenem Posten zu kämpfen, erschien es ihm nicht ratsam, Stephens Mätresse in diesem heiklen Punkt herauszufordern. Sogar er kannte seine Grenzen. Aber noch gab er sich nicht geschlagen und suchte nach weiteren Heiratskandidaten für Gwyneth of Northumbria. „Dann Warenne“, schlug er vor und deutete auf den Mann an seiner Seite, der erschrocken zusammenzuckte.

Diesmal bewirkte er einen unverhohlenen Heiterkeitsausbruch. „Sicher hätte Warennes Gemahlin Felicia einiges dagegen einzuwenden …“ Adela musste sich auf die Unterlippe beißen, um ihren Lachreiz zu bezähmen und sich die Situation nicht aus den Händen gleiten zu lassen.

Da Felicia of Warenne völlig farblos aussah, hatte Beresford ihre Existenz vergessen. Sicher hätte sie nichts dagegen – das war der erste Gedanke, der ihm in den Sinn kam, aber den verschwieg er, um die allgemeine Belustigung nicht erneut zu schüren. „Verzeiht mir, Roger“, bat er mürrisch.

Sofort nutzte Adela die Gunst des Augenblicks. „Nun, dann wollen wir auf Simon of Beresfords künftiges Glück trinken.“

Die Kelche wurden mit Wein gefüllt, der König und seine Mätresse prosteten den Baronen zu.

Beresfords Magen krampfte sich zusammen, aber er fügte sich in seine unausweichliche Niederlage und hob seinen Kelch an die verkniffenen Lippen. Der Wein, den er zähneknirschend auf seine bevorstehende Eheschließung schlürfte, schmeckte gallebitter.

2. KAPITEL

Auf ein Zeichen des Königs erhoben sich die Barone vom Tisch, aber sie verließen den Saal noch nicht. Stattdessen unterhielten sie sich, wie es nach dem Ende einer Sitzung üblich war. Ein oder zwei besonders tapfere Ritter wagten, mit Beresford zu reden. Der alternde Walter Fortescue und Cedric of Valmey gingen sogar so weit, ihm zu gratulieren. Und der Schürzenjäger Lancaster kam auf das St.-Barnabas-Turnier zu sprechen.

Missgelaunt nahm Beresford die Glückwünsche entgegen. Er fühlte sich keineswegs geehrt, dass der König ihm eine neue Gemahlin erwählt hatte, sondern höchst ungerecht behandelt, und nun suchte er ein Opfer, an dem er seine Wut auslassen konnte. Bald hatte er eins gefunden.

„Senlis!“, rief er erbost, rannte zu seinem Freund und packte ihn an der Schulter. „Du hast es gewusst, du Schurke, und mich armen, arglosen Mann in die Falle tappen lassen!“

Vergeblich versuchte Senlis, sich loszureißen. „Oh nein, ich wusste gar nichts, Simon“, protestierte er, hin und her gerissen zwischen Belustigung und Unbehagen. „Wirklich nicht!“

Am liebsten hätte Beresford in das grinsende hübsche Gesicht geschlagen. Gerade wollte er der Versuchung nachgeben, als einige Barone, die den Wortwechsel gehört hatten, seinem Freund zu Hilfe kamen.

„Niemand wusste es“, beteuerte Roger of Warenne.

Ohne Senlis loszulassen, wandte sich Beresford zu Lancaster, der nun erklärte: „Ich dachte, Ihr wäret an den Hof gerufen worden, weil der Turnierplan geändert werden soll. Darüber sprach ich erst heute Nachmittag mit Valmey.“

„Ja, in der Tat“, bestätigte Cedric of Valmey eifrig, „Lancaster behauptete, Adela würde mit uns ein neues Turnierprogramm erörtern. Stattdessen wird Euch nun die Ehre zuteil, im Dienste Eures Monarchen zu heiraten. Hätte man mir diese Gunst erwiesen, so hätte ich meine Pflicht erkannt und mich ebenso bereitwillig in mein Schicksal gefügt, wie Ihr es vorhin tatet.“

Damit lenkte er Beresfords Zorn von dessen Freund ab. Aber Senlis wurde immer noch eisern festgehalten. „Also hätte Adela Euch erwählen können? Verdammt, Valmey, Ihr habt einen erfolgreichen Feldzug in Northumbria befehligt! Wurdet Ihr zuerst befragt? Habt Ihr das Ansinnen abgelehnt und eine Verlobung vorgeschützt, die gar nicht existiert?“

Rasch hob Valmey die Hände, um seine Unschuld zu bekunden. „Oh nein, Simon, ich wurde nicht gefragt. Vielmehr glaube ich, Ihr seid die erste und einzige Wahl des Königs.“ Geflissentlich ignorierte er Beresfords Frage nach der Verlobung und fuhr glattzüngig fort: „Und das ist eine bemerkenswert gute Wahl, wie wir alle wissen, nachdem Ihr Adela ermutigt habt, zwischen Euch und anderen Rittern Vergleiche anzustellen und Eure Vorzüge herauszustreichen.“

Da Beresford unumwunden auszusprechen pflegte, was er dachte, ärgerte es ihn maßlos, wenn ihm solche taktischen Manöver unterstellt wurden. Wären seine Finger nicht in Senlis’ Tunika gekrallt gewesen, hätte er sie um Valmeys Hals gelegt. „Bei allen Heiligen, reizt mich nicht so sehr …“, begann er, wurde aber von Walter Fortescue unterbrochen.

„Da täuscht Ihr Euch, Cedric.“ Obwohl er die angespannte Atmosphäre nicht wahrzunehmen schien, trug er zu ihrer Lockerung bei. „Beresford hat Adela gewiss nicht absichtlich veranlasst, sein Loblied zu singen. Er ist kein Angeber. Und ich gewann eher den Eindruck, dass er dem Zwang einer zweiten Ehe entrinnen wollte – was ich ihm nachfühlen kann, wenn mich die Erinnerung an seine verstorbene Gattin nicht trügt. So habe ich sein Gespräch mit Adela gedeutet.“

„Nun, ich lasse mich gern eines Besseren belehren“, murmelte Valmey, sah aber nicht so aus, als hätte er die Situation unwissentlich missverstanden.

Fortescue nickte ihm lächelnd zu, hochzufrieden mit seinen logischen Gedankengängen. „Oh, ich war sehr überrascht, als Adela verkündete, Beresford müsse Gwyneth of Northumbria heiraten, statt die arme Frau mit einem Mann zu vermählen, der den Damen wohlgesinnt ist. Natürlich …“ Liebenswürdig wandte er sich zu Beresford. „Ihr gehört gewiss nicht zur Sorte des Bernard of Northampton, der Männer bevorzugt, Gott bewahre! Wir alle wissen Bescheid über Eure Ermina, ein reizendes Mädchen. Aber wie Ihr zugeben müsst, haltet Ihr nicht allzu viel von den Frauen, wenn Ihr auch einige Söhne gezeugt habt. Und genau deshalb wurdet Ihr ausgewählt, Beresford – damit Ihr Gwyneth Söhne schenkt. Dafür seid Ihr genau der Richtige.“

Belustigtes Schweigen folgte diesen taktlosen, wenn auch zutreffenden Worten. „Und jetzt lasst Euren Freund los, Simon“, fügte Fortescue hinzu. „Es ist nicht nötig, den Boten zu töten, der die Neuigkeiten überbringt.“

Beresfords Hand, die Senlis’ Tunika umklammert hatte, war ohnehin schon erschlafft, und nun ließ er sie sinken. Wütend starrte er Fortescue an und stieß zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor: „Und wen soll ich sonst töten?“

„Niemanden, Simon“, erwiderte Fortescue schlicht, „denn Ihr habt keine schlechten, sondern gute Nachrichten erhalten. Durch diese Ehe werdet Ihr Euren Landbesitz verdoppeln.“

Immerhin war Beresford diszipliniert genug, um nicht über einen Mann herzufallen, der zweimal so alt war wie er. Aber er ballte die Hände zu Fäusten. „Ich habe Land – und Erben – im Überfluss!“

„Und bald werdet Ihr noch mehr Euer Eigen nennen – von beidem“, meinte Fortescue gelassen. „An Eurer Stelle würde ich nicht klagen, wenn Gwyneth wirklich so schön ist, wie Adela behauptet.“

Adela wählte den Zeitpunkt ihres Auftritts sehr geschickt. In diesem Augenblick schlenderte sie zu den mächtigen Baronen, die ehrerbietig beiseitetraten. Sie kam nicht sofort auf Gwyneth’ Schönheit oder ihre Ländereien zu sprechen, sondern fragte Beresford: „Nun, Mylord, fandet Ihr inzwischen genug Zeit, um Euch mit Eurem erfreulichen Schicksal abzufinden?“ Als er zögerte, warf sie einen Blick zu Stephen hinüber, der immer noch am Tisch stand, einen Hofschreiber an seiner Seite. Der König beugte sich über ein Pergament und versah es mit seinem Siegel. „Als Draufgabe bekommt Ihr noch eine Grafschaft von Stephen“, erklärte Adela. „Nun, was sagt Ihr dazu?“

Diese Neuigkeit rief allgemeines Staunen hervor. Die meisten Barone hoben die Brauen, nur Valmeys Augen verengten sich. Beresfords Miene blieb unverändert. Eine Grafschaft interessierte ihn nicht im Mindesten. Aber als Adela lächelte und mit gebieterischer Miene die Hand ausstreckte, wusste er, wie er antworten musste. Mühsam bezwang er seinen Zorn, kniete nieder und neigte sich über ihre Hand. „So hat sich mein Glück verdoppelt, Madam“, erwiderte er gehorsam.

Während er sich erhob, erklärte Adela: „Nun werdet Ihr Gwyneth of Northumbria kennenlernen. Sie erwartet Euch in der Halle, in Begleitung von Lady Chester. Ich würde Euch selbst mit Eurer Braut bekannt machen“, fügte sie hinzu und blickte wieder zum König hinüber, „aber ich werde anderswo gebraucht. Wenn Ihr Lady Chester kennt, wird sie Euch Eure Braut vorstellen.“

Mürrisch entgegnete Beresford, die Lady sei ihm fremd.

Senlis, der inzwischen seine Kleidung wieder zurechtgerückt hatte, mischte sich nun ein und ließ verlauten, er kenne Lady Chester und werde Beresford sehr gern zu seiner künftigen Gemahlin führen. Lächelnd entfernte sich Adela, die Barone verbeugten sich, und einer nach dem anderen verließ den Saal.

Als Senlis sich zu Beresford wandte und die düstere Miene seines Freundes sah, konnte er nur mühsam ein Lächeln unterdrücken. Von jenem närrischen Leichtsinn getrieben, der ihn manchmal packte, schlug er vor: „Vielleicht möchtest du die Tunika wechseln, bevor du dich Gwyneth präsentierst – so wie du dich vorhin Adela zu Ehren umkleiden wolltest.“

Ein vernichtender Blick strafte ihn. „Kommt überhaupt nicht infrage!“

Gwyneth of Northumbria stand in der Sonne, deren Strahlen schräg durch ein hohes Fenster in die Halle fielen, und hoffte, die Wärme des Lichts würde ihre kalte Haut durchdringen. Für eine kleine Weile war sie allein mit ihren Gedanken, denn Lady Chester hatte soeben den Raum verlassen.

Erleichtert seufzte Gwyneth auf und genoss die kurzfristige Freiheit. Doch sie konnte die Angst, die ihr Herz zusammenkrampfte, nicht verscheuchen. Sie war müde und erschöpft. Das Gefühl kannte sie. Aber diesmal erschien es ihr noch schlimmer – denn sie fühlte sich auch noch mutlos.

Wo war sie geblieben, die Tapferkeit, die in den letzten vierzehn Tagen ihrer blutigen Niederlage und grausigen Gefangenschaft nicht geschwankt hatte? Jener unerschütterliche Mut, der ihr geholfen hatte, hocherhobenen Hauptes die fünf demütigenden Ehejahre mit Canute zu ertragen? Die Kühnheit, die sie stets für selbstverständlich gehalten hatte und auf die sie so stolz gewesen war? Wo verkroch er sich jetzt, jener wundervolle Mut?

Die dicken Mauern, die sie von ihrer Freiheit trennten, drohten sie zu erdrücken.

Um sich aufzumuntern, beschwor sie alte Erinnerungen herauf. Schon einmal hatte sie sich in einer solchen Situation befunden und das Grauen überlebt. Eigentlich dürfte es keinen Unterschied machen, ob sie von den massiven Mauern des Londoner Towers umgeben wurde oder auf Castle Norham eingesperrt war. Und es spielte auch keine Rolle, ob sie in der mächtigsten normannischen Festung gefangen war oder in einem Schloss, das dem dänischen Gesetz unterstand. Ebenso bedeutungslos war ihre Verlobung mit einem normannischen Baron, den sie nicht kannte. Schlimmer als das Ungeheuer, das sie zuvor geheiratet hatte, konnte er auch nicht sein.

Sie war jünger und empfindsamer gewesen, als man sie aus ihrem angelsächsischen Zuhause geholt hatte, um sie mit Canute, dem Nachfahren der dänischen Eindringlinge, zu verheiraten und ihn auf diese Weise daran zu hindern, die Ländereien ihres Vaters zu verwüsten. Damals hatte sie ihrem Schicksal tapfer ins Auge geblickt. Warum war sie mit achtzehn Jahren mutiger gewesen als jetzt, mit fast vierundzwanzig?

Das ergab keinen Sinn. Während ihrer Ehe hatte sie gelernt, die Furcht vor Canutes Drohungen und seiner Gewalttätigkeit zu meistern. Sie kannte die Anzeichen jener Angst. Ihr Magen drehte sich um, die enge Kehle erschwerte ihr das Atmen. Trotzdem gestattete sie sich niemals, ihre Verletzlichkeit zu zeigen. Ihr Mut rettete sie in allen Lebenslagen, immer stellte sie sich vor die Schutzbedürftigen, auch wenn sie sich selbst in noch schlimmere Gefahr brachte. Beharrlich hatte sie Mittel und Wege gefunden, um die grausamen Entscheidungen ihres Mannes zu umgehen und ihn zu überlisten.

Wenn ich mich an diese Erfolge erinnere, dachte sie nun, müsste ich zuversichtlich in die Zukunft blicken, statt den Mut zu verlieren. Aber aus unerklärlichen Gründen war ihre Kehle wie zugeschnürt.

Sie rang mühsam nach Luft und schaute sich in der großen Halle um. Ihr Blick glitt zu den massiven Deckenbalken, wo bunte Banner hingen und die normannische Vorliebe für symbolische Darstellungen verrieten. Bedrückt musterte Gwyneth die vornehmen Damen und Herren, die sich hier versammelt hatten, um das Abendessen und diverse unterhaltsame Darbietungen zu genießen. War der Mann schon eingetroffen, der sie „in ihrer Trauer trösten“ sollte, wie Adela es ausgedrückt hatte?

Nachdenklich betrachtete sie einen kleinwüchsigen, einen dicken, einen alten und einen blutjungen Mann. Alle kamen infrage, denn man hatte ihr nichts über ihren künftigen Gemahl mitgeteilt, nicht einmal seinen Namen. Ein Baron stolzierte wie ein Pfau umher; ein großer, dünner schwatzte unentwegt; und ein anderer, verschwenderisch gekleidet, beobachtete sie interessiert. Rasch wich sie seinem Blick aus, und als sie sich umwandte, entdeckte sie zwei Ritter, die soeben die Halle betreten hatten und nun an der Wand stehen blieben.

Der hübschere fiel ihr zuerst auf. Er war gut gebaut und besaß ein charmantes Lächeln, das er soeben seinem Gefährten schenkte. Welch ein Glück, wenn er der erwählte Bräutigam wäre … Wie man mit Männern dieser Sorte umging, wusste sie.

Dann betrachtete sie seinen Begleiter, und ihr Herz begann, schneller zu schlagen. Bei Odin, dachte sie und rief einen Gott ihres Großvaters väterlicherseits an. Tatsächlich, dieser Mann sah aus wie einer von Odins Kriegern, die aus der Himmelsburg Asgard herabstiegen, mit gewaltigen Hämmern bewaffnet, mit Augen, die wie Stahlsplitter glitzerten, und Haaren von der Farbe geschmolzener Bronze. Sein Köper glich einer Skulptur aus Granit, und seine Züge waren wie geschaffen, um auf dem Schlachtfeld Angst und Schrecken zu verbreiten. Nur die Göttin Freyja konnte ein solches Gesicht lieben.

Hastig schaute Gwyneth weg und redete sich ein, es sei unwahrscheinlich, dass man unter all den Männern in dieser Halle ausgerechnet den Krieger Odins für sie ausgewählt hatte. Glücklicherweise wurde sie von diesen Gedanken abgelenkt, als Lady Chester in die Halle zurückkehrte. Gwyneth sah, wie ein vielsagendes Lächeln das schöne, winterlich blasse Gesicht ihrer Aufpasserin erhellte.

„Soeben hörte ich, die Zusammenkunft im Sitzungssaal habe ein Ende gefunden“, berichtete Rosalyn. „Und es spricht sich bereits herum, wer Euer künftiger Gemahl ist – Simon of Beresford.“

„Was müsste ich über ihn wissen?“

Rosalyn hob die schmalen Brauen. „Eine unerwartete Wahl! Ein kalter, hartherziger Mann … Vor allem solltet Ihr wissen, dass er Witwer ist und drei Söhne hat.“ In aller Eile rechnete sie nach. „Nun müssen schon fünf Jahre vergangen sein, seit die arme Roesia ihr vorzeitiges Ende gefunden hat.“

„Und wie ist sie gestorben?“, brachte Gwyneth mit bebender Stimme hervor.

Rosalyn lachte. „Ihr fragt, ob Beresford sie erschlagen hat? Oh nein! Mehr oder weniger brachte sie sich selber um, bei einem törichten Reitunfall. Aber gewiss fühlte er sich mehrmals versucht, sie ins Jenseits zu befördern.“

Diese Bemerkung jagte Gwyneth noch größere Angst ein. „Seid Ihr ihm bereits begegnet? Wisst Ihr, wie er aussieht?“

Ein Lächeln umspielte Rosalyns hübsche rote Lippen. „Alle Damen und Herren, die am Hof verkehren, kennen Beresford.“ Ihr Blick wanderte durch die Halle, dann brach sie in melodisches Gelächter aus. „Oh ja? Schaut da hinüber! Er steht neben Geoffrey of Senlis.“

Gwyneth spähte in die Richtung, in die Lady Rosalyn mit einer kaum merklichen Kopfbewegung deutete. Nervös beobachtete sie, wie sich die beiden Ritter näherten – der hübsche Mann, begleitet von Odins Krieger. Ihr Puls beschleunigte sich.

„Nun haben sie uns gesehen, meine Liebe“, flötete Rosalyn, „und sie kommen zu uns.“

Wer ist Senlis, fragte sich Gwyneth verzweifelt, und wer ist Beresford? Darüber musste sie nicht lange nachdenken, denn obwohl sie die Augen gesenkt hatte, gerieten beide Männer in ihr Blickfeld, und sie konnte sie betrachten, von der Brust abwärts. Der Baron zur Linken nahm eine lässige Haltung ein; gekleidet war er nach der neuesten höfischen Mode. Der andere stand stocksteif da, fest verwurzelt und kraftvoll wie Yggdrasil, die nordische Weltesche. Staub und Schmutz bedeckten seine abgetragene tiefblaue Tunika, das Beinkleid und die Schuhe befanden sich in ebenso beklagenswertem Zustand.

Der Mann zur Linken begann zu sprechen, und seine Worte bestätigten Gwyneth’ schlimmste Befürchtungen. Schicksalsergeben neigte sie den Kopf.

Auf dem Weg vom Sitzungssaal zur Großen Halle hatte sich Senlis bemüht, seinen Freund ein wenig aufzuheitern – kein leichtes Unterfangen. Als dieser beharrlich schwieg, überlegte er bereits, welche diplomatischen Maßnahmen er ergreifen sollte, wenn die unglückliche Braut bei der ersten Begegnung mit Simon of Beresfords finsterer Miene schreiend aus dem Tower flüchten würde.

Nur mit halbem Ohr lauschte Beresford den Schmeicheleien seines Gefährten. Die geplante Heirat an sich ärgerte ihn nicht so sehr wie der Grund, warum man ihn als Bräutigam erwählt hatte. Heiße Wut erfüllte seine Brust, und einmal unterbrach er Senlis’ aufmunternden Vortrag mit dem bitteren Ruf „Söhne!“. Seine heisere Stimme überschlug sich beinahe. „Ich soll Söhne zeugen!“

Ausdrucksvoll zog Senlis die Brauen hoch. „Ist das denn so schwierig?“, fragte er in gespielter Unschuld und passte sich den langen Schritten seines Freundes an. Als sich Beresfords Stirnfalten vertieften, fügte er hinzu: „Jeder Mann braucht Söhne!“

Beresford warf ihm einen düsteren Blick zu und knurrte: „Die Söhne, die ich schon habe, genügen mir vollauf, und ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben, so wie es jetzt ist.“

„Du brauchst Ermina nicht aufzugeben, falls du das meinst.“

Nur mit einiger Mühe konnte sich Beresford an seine hübsche, vollbusige Dienerin erinnern, die bei diesem Gespräch nicht die geringste Rolle spielte. „Wenn ein König seinem Ritter befiehlt, für ihn sein Schwert auf dem Schlachtfeld zu erheben, so ist das nur recht und billig. Aber wenn er von einem Mann verlangt …“ In rüden Worten erklärte er, was ein Mann erheben musste, um die gewünschten Söhne in die Welt zu setzen. Diesen Vorgang schilderte er sehr anschaulich, ohne seine derbe Ausdrucksweise zu mäßigen.

Schließlich fiel Senlis ihm lachend ins Wort. „Wir haben die Halle fast erreicht, Simon. Es steht nicht in meiner Macht, deinen Zorn zu beschwichtigen, aber ich bitte dich sehr herzlich, deine scharfe Zunge zu bezähmen. Adela wird es mir wohl kaum danken, wenn du mit deinem ätzenden Mundwerk einen Aufruhr entfesselst.“

Beresford stieß einen unartikulierten Laut hervor, um seinen Ekel zu bekunden.

„Das ist schon viel besser“, ermutigte ihn sein Freund. „Da sind wir. Lächle, Simon! Nein? Dann schau wenigstens nicht ganz so finster drein, damit deine Braut nicht vergeblich nach liebenswerten Zügen in deinem Gesicht sucht.“

Sobald sie die Halle betraten, fühlte sich Beresford besser – einerseits, weil er eine Gelegenheit gefunden hatte, seinem Zorn Luft zu machen, und andererseits, weil die Ausstattung des riesigen, imponierenden Raumes ihn stets aufs Neue beeindruckte. Obwohl er eine ihm vom König auferlegte, ungewöhnliche Pflicht erfüllen musste und nur widerwillig gehorchte, begann er, sein Los hinzunehmen.

„Ich sehe sie nicht“, sagte Senlis langsam, reckte den Hals und schaute nach allen Seiten. „Könnte sie den Tower schon verlassen haben? Ah, nein – das ist sie, und sie geht zu … Großer Gott!“

„Nun, wohin?“, fragte Beresford mürrisch.

„Schau doch, mein lieber Freund!“ Ein seltsamer Unterton schwang in Senlis’ Stimme mit. „Sie geht zum Kamin.“

Beresford blickte hinüber, und seine Lippen kräuselten sich spöttisch. „Ist Lady Chester die Dicke?“, fragte er voll grimmiger Genugtuung. „Oder die Verhutzelte?“

Lächelnd schüttelte Senlis den Kopf, als er dem Blick seines Gefährten folgte. „Weder noch, Simon. Siehst du die Frau, die auf der anderen Seite des Kamins steht? Die dunkelhaarige Schönheit?“

Gleichmütig betrachtete Beresford die junge Frau. „Ja, ich sehe sie.“

„Das ist Lady Chester. Und die Frau an ihrer Seite muss Gwyneth of Northumbria sein.“

Nun begutachtete Beresford die Dame neben der dunkelhaarigen Schönheit. Da seine Braut mit Rosalyn sprach, zeigte sie nur ihr Profil. Verwirrt riss er die Augen auf, von heftigen Gefühlen erfasst, die er nie zuvor empfunden hatte und nicht erklären konnte. Plötzlich strömte eine wilde Hitze durch seine Adern, sehr verlockend, aber auch bedrohlich.

Noch nie war ihm eine so schöne Frau begegnet. Aus ihrem Antlitz mit der geraden Nase und den vollen Lippen sprach ruhige Kraft. Ihre helle Haut schimmerte wie Alabaster. Das Haar glich gesponnenem Gold. Kerzengerade stand sie da, die schmalen Hände vor den sanft gerundeten Brüsten gefaltet.

„Mach den Mund zu, mein Freund“, flüsterte Senlis ihm ins Ohr.

Sofort gehorchte Beresford. Er hatte nicht gewusst, dass er nach Luft geschnappt hatte. In diesem Augenblick wandte sich die Frau zu ihm, und er sah ihre veilchenblauen Augen strahlen, ehe sie züchtig die Wimpern senkte.

„Rosalyn winkt uns zu sich, Simon“, verkündete Senlis. „Komm mit, du musst deine Braut kennenlernen.“

Ohne Widerstreben durchquerte Beresford an der Seite seines Freundes die Halle. Aber irgendwie erschien es ihm eigenartig, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Viel lieber wäre er über einen Turnierplatz galoppiert, seine Lanze erhoben, den kraftvollen Rücken seines Streitrosses zwischen den Schenkeln. Da hätte er gewusst, was er tun musste – seinen Feind niederstrecken und sich für den nächsten Kampf wappnen. Jetzt hatte er kein klares Ziel vor Augen, aber seine Schritte drückten aus reiner Gewohnheit Selbstvertrauen und Stärke aus.

Als sie nun vor den beiden Frauen standen, hörte er Senlis’ Stimme. „Simon of Beresford, es ist mir eine Ehre, dir Gwyneth of Northumbria vorzustellen.“

Rosalyn folgte dem Gebot der Höflichkeit so wortkarg wie nur möglich. „Gwyneth of Northumbria – Simon of Beresford.“

Was Beresford murmelte, wusste er selber nicht genau. Gwyneth of Northumbria brachte kein Wort hervor. Sie war größer, als er zuvor gedacht hatte, denn ihr Scheitel reichte immerhin bis zu seinem Kinn. Er warf einen kurzen Blick auf sie hinunter und stellte fest, dass ihre Wimpern die Augen immer noch verhüllten. Obwohl es ihm so vorkam, als müsste er in eine Feuersbrunst laufen und eine Mutprobe bestehen, streckte er seine Hand aus, und sie legte ihre Finger hinein. Er verbrannte sich nicht, was ihn verblüffte. Ihre Hand fühlte sich kühl an. Er zwang sich zu einer Verbeugung, dann ließ er Gwyneth’ Finger einfach los und stand schweigend da, denn er hatte keine Ahnung, was er sagen sollte.

Rosalyn brach das Schweigen. „Welche Freude, Euch wiederzusehen, Sir Simon! Das letzte Mal trafen wir uns beim Himmelfahrtsfest.“