Roadtrip Richtung Liebe - Amelie Winter - E-Book

Roadtrip Richtung Liebe E-Book

Amelie Winter

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Beschreibung

Zauberhafte Lovestory – Herzklopfen garantiert! Joesy hat früh gelernt, dass das Leben kein Zuckerschlecken ist – und sie weiß, mit einer Pistole umzugehen. Womit sie jedoch nie gerechnet hat: Dass sie entführt wird, von Bill, einem Mechaniker, den sie hat abblitzen lassen. Doch Joesy wäre nicht Joesy, würde sie ihrem Entführer nicht ordentlich das Leben schwer machen! Die Dinge geraten ins Rollen und ein Missverständnis jagt das nächste, bis die beiden erkennen, dass sie dasselbe wollen. Eine gemeinsame Reise quer durch die Staaten nimmt ihren Anfang, von der Ost- bis zur Westküste, auf der Route 66, der Mutter aller Straßen. Dabei lernen Joesy und Bill nicht nur ein Stück amerikanische Geschichte kennen, sondern kommen auch einem Ziel näher, das auf keiner Straßenkarte verzeichnet ist ... Ein Roman voller Überraschungen mit viel Witz und Leidenschaft!   Leserstimmen: »Eine irre Geschichte mit sehr viel Gefühl.« »Die Protagonisten werden charmant dargestellt und sprühen vor Lebendigkeit.«  »Zuckersüß und mit einer Lachfaltengarantie.«   Bisher erschienen: Der Prinz von Manhattan - Küssen erwünscht! Selbst Amor schießt mal daneben Verlobt, verliebt, verpeilt Heiratsschwindler küsst man nicht Projekt Cinderella - Bloß nicht verlieben!    

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Roadtrip Richtung Liebe

Romantische Komödie

Amelie Winter

E-Book-Ausgabe Juli 2021

Copyright © Amelie Winter

Alle Rechte vorbehalten 

BookRix GmbH & Co. KG

81371 München

 Für die Umschlaggestaltung verwendetes

Bildmaterial von Adobe Stock:

Copyright © ComicVector, Blake Alan, vectorpocket, nmarques74, yik2007, juliars;

verwendete Schriftart: Magnolia Sky

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Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Bücher von Amelie Winter

1

Bill starrte auf das Klemmbrett. Mike hatte das Lenkgetriebe bei dem Ford Ranger ausgetauscht. Der Pick-up war ein altes Modell, Baujahr 1995, und hatte über zweihunderttausend Meilen auf dem Tachometer. Er gehörte Joesy Williams – zumindest stand dieser Name ganz oben auf dem Reparaturschein.

»Ich habe sie vorhin angerufen. Sie meinte, dass sie den Wagen heute noch abholen kommt«, sagte Mike. »Da draußen steht sie.« Er deutete auf die verglaste Eingangstür zum Kundenbereich.

»Wo?«, meinte Bill überrascht. Draußen war nur ein Junge, der in sein Handy vertieft schien und sich nervös über den kahl geschorenen Kopf strich. Er trug Bluejeans und einen schwarzen Sweater.

Mike machte sich an die Arbeit und Bill wollte sich um die Fakturierung kümmern, als seine Mutter plötzlich hinter ihm stand.

»In einer Woche bin ich wieder da«, sagte sie. Bill schielte auf den Koffer, den sie hinter sich herzog. Sie fuhr ein paar Tage zu ihrer Schwester, die in Kentucky lebte. Tante Becky fühlte sich seit Wochen nicht wohl.

»Mach dir keine Sorgen, Mom. Ich werde den Laden schon schmeißen«, sagte er beiläufig.

»Das weiß ich doch, mein Schatz.« Sie klopfte ihm auf die Schulter. Es war ein heftiger Schlag. Seine Mutter war groß und stark. Es hatte lange gedauert, bis es ihm gelungen war, sie zu überragen. Die Werkstatt hatte sie von ihrem Vater übernommen und führte sie nun seit über zwanzig Jahren. Von Autos verstand sie eine Menge. Alles, was Bill darüber wusste, hatte sie ihm beigebracht.

»Flirte bloß nicht mit jedem hübschen Mädchen, das zur Tür hereinkommt!«, wies sie ihn an.

»Ich werde mich hüten!« Bill grinste breit. Er unterhielt sich nun mal gerne mit schönen Frauen.

»Das hast du von deinem Vater«, murrte sie.

»Das habe ich wohl eher von dir.« Seine Mutter traf sich immer mal wieder mit einem Mann. Meist nur für ein paar Wochen, dann suchte sie sich jemand Neuen. Keinen der Kerle hatte sie Bill vorgestellt. Auch er stellte ihr nie ein Mädchen vor. Wozu auch? Er ging mit so vielen verschiedenen Frauen aus, dass er manchmal die Namen durcheinanderbrachte.

Bills Handy klingelte. Es war Caroline – oder hieß sie Carol? Den Namen hatte er unter Caro gespeichert. Er kannte sie seit zwei Wochen.

Warum meldest du dich nicht?, hatte sie ihm geschrieben.

Weil er es vergessen hatte. Er hatte überhaupt nicht mehr an sie gedacht. Aber da er vor einer Woche Sex mit ihr gehabt hatte, glaubte sie vermutlich, sie würden sich wiedersehen.

Das mit uns wird nichts, schrieb er ihr zurück und zögerte, bevor er auf Senden drückte. Frauen das Herz zu brechen, machte ihm keinen Spaß. Caroline – oder Carol – war ganz nett. Aber mehr auch nicht. Wozu ihr etwas vormachen? Den liebenden Freund spielen, wenn er sie gar nicht liebte?

»Was ist?«, fragte seine Mutter und deutete auf das Telefon. Bill steckte sein Handy sofort weg.

»Nichts«, nuschelte er.

»Das ist doch nicht wieder Harvey?« Sie klang alarmiert.

»Nein«, erwiderte Bill und seine Mutter guckte streng.

»Nimm dich in Acht!«, warnte sie ihn.

»Harvey ist mein Freund. Wir kennen uns seit ... Ich kann mich nicht erinnern, ihn jemals nicht gekannt zu haben.«

»Er hat Probleme, das weißt du doch selbst am besten. Lass dich bloß nicht da mit reinziehen!«

»Nein, Mom. Ich bin vorsichtig«, leierte Bill herunter. Harvey hing mit den falschen Leuten herum – und das schon seit einigen Monaten. In letzter Zeit war er verschlossener als sonst. Irgendetwas schien ihn zu belasten, aber er hatte Bill nicht verraten, was ihm zusetzte.

»Ich meine es ernst!« Sie erhob die Stimme. »Ich weiß, dass er dein bester Freund ist, aber ich kann nicht zulassen, dass –«

»Ist gut, Mom!« Sie hatte ihm diesen Vortrag schon etliche Male gehalten. Bill wusste selbst, dass Harvey ihm ständig Ärger machte. Er war mal wieder arbeitslos und dann kam er auf dumme Gedanken. Zuletzt hatte er in einem Computershop gearbeitet. Dort hatte er etwas mitgehen lassen und sie hatten ihn rausgeworfen. Er hatte Glück gehabt, dass ihm eine Anzeige erspart geblieben war.

»Wenn ich noch mal Drogen bei dir finde ...!«, begann seine Mutter und Bill verzog reflexartig das Gesicht.

»Ich habe nichts davon genommen«, meinte er matt. Harvey hatte ihm eine Tüte Gras zugesteckt. Bill hatte sich deswegen keine Gedanken gemacht, aber seine Mutter war ausgerastet, als sie die Drogen gefunden hatte. Sie fürchtete, Bill würde auf die schiefe Bahn geraten – und das wollte sie unbedingt verhindern. Deswegen hatte sie ihn aufs College geschickt, und deswegen wollte sie auch, dass er in Zukunft für seinen Vater arbeitete: den CEO eines gigantischen Automobilkonzerns – der übrigens Bills Studium bezahlt hatte.

»Du darfst dir dein Leben nicht vermasseln«, sagte sie seufzend. »Vor allem nicht jetzt, wo du kurz davor stehst ...«

»Für meinen Vater zu arbeiten?«, fiel er ihr ins Wort.

»Das ist deine große Chance!«

»Er hat sein Geld in mich investiert. Natürlich will er, dass es sich für ihn lohnt. Du weißt doch, dass seine Investitionen immer gut überlegt sind.«

»Du bist doch nicht seine Investition!«

»Doch, genau das bin ich.« Bill wusste, wie sehr es seinem Vater missfiel, wenn sich seine Investitionen nicht lohnten.

»Also willst du nicht für ihn arbeiten?« Sie klang zutiefst erschrocken, auch war sie ungewöhnlich blass. Dabei ließ sich in ihrem Gesicht für gewöhnlich nur schwer ablesen, was sie fühlte. Bill presste die Lippen zusammen und sagte vorerst gar nichts. Mit seiner Mutter konnte er über alles sprechen – aber nicht darüber.

»William ...«, ermahnte sie ihn, woraufhin er ein verdrossenes Gesicht zog. So nannte sie ihn immer, wenn sie etwas Ernstes zu besprechen hatte. In zwei Wochen sollte er bei GPM Motors anfangen. In einem Büro hocken, mit Hemd und Krawatte – das lag ihm gar nicht. In den letzten zwei Jahren hatte er einen ähnlichen Job gehabt. Lieber würde er die Werkstatt seiner Mutter übernehmen, aber das würde ihr das Herz brechen. Er sollte es ja mal besser haben als sie. Sich nicht immerzu abmühen müssen.

»Ich mach ja, was du willst«, brummte Bill.

»Du sollst nicht tun, was ich will, sondern was du willst. Für deinen Vater zu arbeiten, ist die beste Entscheidung!« Sicher glaubte sie, er würde irgendwann in seine Fußstapfen treten und an der Spitze von GPM Motors stehen. Eigentlich war der Posten für Bills Stiefbruder reserviert gewesen, aber diesem schien es mehr Spaß zu machen, Geld auszugeben – als es zu erwirtschaften.

»Keine Sorge, du kannst dich auf mich verlassen. So wie immer.« Die Miene seiner Mutter war unergründlich. »Alles wird gut. Du wirst sehen!«, versuchte er es erneut. Bill wollte dieses Gespräch nicht länger führen. Seine Mutter so besorgt zu erleben, setzte ihm zu.

»Wo ist bloß mein Handy?«, sagte sie plötzlich und wühlte angestrengt in ihrer Handtasche, bevor sie herumwirbelte und zur Treppe ging, die sich hinten in der Werkstatt befand und hoch in die Wohnung führte.

Bill wandte sich wieder dem Computer zu. Joesy Williams ... ein hübscher Name. Eifrig tippte er die nötigen Daten in die Rechnungssoftware, als die Tür aufging und der Junge eintrat. Bill sah auf und stutzte.

Ozeanblaue Augen funkelten ihn unter dichten Wimpern an. Die Stoppeln am Kopf waren aschblond. Der Junge hatte volle Lippen und eine niedliche Nase, in der links ein Piercing aus Roségold steckte. So etwas trugen eigentlich nur Mädchen!

»Ich bin gekommen, um meinen Ranger abzuholen«, sagte er. Bill verschlug es die Sprache, aber er fing sich sofort wieder.

»Joesy Williams?«, hakte er nach. Bei dem Jungen handelte es sich gar nicht um einen Jungen. Sie nickte und Bill ertappte sich dabei, wie er sie von oben bis unten inspizierte. Die Kleine war dürr, flachbrüstig, burschikos – und zwar nicht nur, weil sie sich eine Glatze geschoren hatte. Breitbeinig stand sie vor ihm, die Hände in den Hosentaschen. Sie trug einen übergroßen Sweater, der an den Ärmeln fusselte. Drei weiße Buchstaben prangten auf der Höhe ihres Brustkorbes: WTF. What the fuck beschrieb ganz gut, was Bill sich im Moment dachte.

Die Kleine beäugte ihn misstrauisch.

»Dauert das noch lange?«, fragte sie.

»Nein ...« Er druckte die Rechnung aus und gab sie ihr.

»Was soll das?« Sie runzelte die Stirn. »Ich wollte, dass das Lenkgetriebe kontrolliert wird, mehr nicht!«

Bill stutzte und zeigte ihr den Reparaturschein. Lenkgetriebe kontrollieren und wenn nötig reparieren, stand dort. Er deutete auf die krakelige Schrift ganz unten. Mit viel Fantasie konnte er den Namen Joesy Williams lesen. Die Schrift war kein bisschen mädchenhaft.

»Das ist doch Ihre Unterschrift, oder?«, sagte er.

Sie guckte böse. »Das stand da nicht so, als ich es unterschrieben habe!«, schimpfte sie.

Bill war irritiert, da sie sehr überzeugt wirkte. Hatte Mike einen Fehler gemacht? Aber Mike machte doch nie Fehler. Ganz sicher nicht solche.

»Bitte warten Sie kurz«, sagte er und ging nach hinten, wo sich Mike gerade über den Motor eines Toyotas RAV4 beugte.

Bill zeigte ihm den Reparaturschein. »Die Kleine sagt, sie wollte das Lenkgetriebe nur kontrollieren.«

»Was? Ich habe ihr die Situation erklärt und sie hat der Reparatur zugestimmt. Aber sie wirkte etwas abwesend.«

»Wenn das so ist ...« Bill ging zurück zu Joesy Williams. »Tut mir leid, aber hier liegt bestimmt kein Fehler vor.«

»Neunhundert Dollar«, sagte sie matt und schenkte ihm einen hässlichen Blick, bevor sie nach hinten an ihre Gesäßtasche langte und eine Geldbörse daraus hervorzog. Er hatte noch nie eine Frau getroffen, die ihre Brieftasche dort aufbewahrte. Es war auch kein Portemonnaie für Damen, sondern eine faltbare Lederbrieftasche für Herren.

»Hier.« Missmutig reichte sie ihm eine Bankkarte. Er hielt sie gegen das Lesegerät und schob dieses über den Tisch zu ihr hinüber, damit sie ihren PIN eingeben konnte. Sie zog die Stirn in Falten und schien angestrengt nachzudenken. Bill beobachtete sie gespannt. Der Ranger gehörte ihr nicht, sondern lief auf den Namen Daniel Brockman. Auch bei der Bankkarte schien es sich nicht um ihre zu handeln, sonst wüsste sie doch den Code, oder nicht?

Bill hatte ein komisches Gefühl. Er sah sich die Kleine noch mal ganz genau an. Sie war blass, wirkte unterernährt und hatte tiefe Augenringe.

»Was ist?«, fragte er, da sie noch immer keinen Code getippt hatte.

»Ich muss nachdenken«, gab sie mürrisch zurück und leckte sich über die spröden Lippen. Dann endlich legte sie die Finger auf die Tasten. Die Transaktion lief – sie hatte den richtigen Code eingegeben. Die Kleine schaute auf und ihre Blicke trafen sich. Ihre Augen waren wirklich hübsch. Als wäre ein kleiner Ozean darin, dessen Wellen immerzu brachen.

»Was starrst du so?«, fuhr sie ihn an.

»Hm?«

»Willst du mich anmachen?«

»W...was?« Er musste sich verhört haben!

»Ich habe einen Freund, also vergiss es«, meinte sie nüchtern.

Bill verzog das Gesicht. »Gar keine Freundin?«, erwiderte er frech. Sie guckte irritiert. »Bist du wirklich eine Frau?«, hakte er vorsichtig nach und schaute noch mal auf ihre Unterschrift auf dem Reparaturschein. Joesy Williams ...

»Sehe ich aus wie ein Kerl?«, fragte sie überrascht.

Er sog scharf die Luft ein, sagte aber nichts. Stattdessen gab er ihr die Rechnung und den Autoschlüssel. »Der Wagen steht draußen auf dem Parkplatz. Wenn du wieder Probleme mit dem Auto hast, dann kannst du jederzeit vorbeikommen.«

»Klar doch! Und dann muss ich wieder für was bezahlen, das ich nicht in Auftrag gegeben habe! Nein, danke!«

»Hey, wir hauen unsere Kunden nicht übers Ohr.« Mike hatte noch nie etwas ohne vorherige Absprache mit dem Autobesitzer repariert.

Sie grinste garstig. Es war offensichtlich, dass sie sich im Recht glaubte. Die Kleine würde ihm doch keine Probleme machen? Online eine schlechte Bewertung abgeben oder ihren Freunden erzählen, dass man diese Werkstatt lieber meiden sollte?

»Was kann ich tun, um dich zufriedenzustellen?«, fragte er charmant.

»Du musst mich nicht zufriedenstellen«, gab sie schnippisch zurück. Dann drehte sie sich um und schritt schnurstracks zur Tür. Bill schaute ihr hinterher. Sie war nicht klein, aber auch nicht besonders groß. Unter dem riesigen Sweater konnte er keine weiblichen Rundungen ausmachen.

Kopfschüttelnd widmete er sich wieder der Arbeit.

»Das lief ja großartig!« Seine Mutter stand plötzlich im Büro und lachte lauthals. Offenbar hatte sie ihr Handy wiedergefunden.

»Du hast das mit angehört?«

»Ich fürchte ja. Gefallen dir nicht eher Mädchen, die hübsch zurechtgemacht sind?«

»Was ...? Du meinst doch nicht ...! Das ist nicht dein Ernst!« Bill stand doch nicht auf kahlköpfige Jungs! Er mochte Frauen, die sich die Nägel lackierten und die Lippen schminkten. Frauen, die gut dufteten und gut aussahen. Joesy war bestimmt nicht sein Typ.

»Hässlich ist sie nicht ...«, gab er dennoch zu. Mit langen Haaren, etwas Make-up und ein paar Pfunden mehr auf den Hüften sah sie sicher ganz okay aus.

Mittlerweile stand die Kleine wieder draußen und starrte auf etwas, das sie in der Hand hielt. Bill sah genauer hin: Es war die Rechnung. Kurz rieb sie mit den Fingern über die Wange, als wollte sie eine Träne wegwischen. Jetzt fühlte er sich richtig mies. Neunhundert Dollar waren eine Menge Kohle. War sie in finanziellen Schwierigkeiten?

»Sind das nicht ihre Fahrzeugpapiere?«, fragte seine Mutter und deutete auf den Tisch. Sie lagen gleich neben der Tastatur. Jetzt hatte er einen Vorwand, ihr hinterherzurennen. Bill schnappte sich die Papiere und eilte nach draußen. Als er vor ihr stand, schaute sie sofort auf und zog ein hässliches Gesicht. Bill hatte sich geirrt: Da waren keine Tränen auf ihren Wangen. Dennoch sah sie unendlich traurig aus.

»Deine Papiere«, sagte er schnell. Schweigend nahm Joesy sie entgegen. »Hast du wirklich einen Freund?«, fragte er und biss sich daraufhin auf die Zunge. Er wollte nur wissen, ob es jemanden gab, der sich um sie kümmerte. Mehr nicht.

»Ich bin nicht interessiert an dir«, stellte sie klar.

»Du verstehst das falsch ...«, versuchte er zu erklären.

»Hör zu: Ich habe wirklich einen Freund. Und selbst wenn ich keinen hätte, würde ich bestimmt nicht mit dir ausgehen!«

»Warum nicht?«, rutschte es ihm heraus. »Die meisten Frauen finden mich charmant.« Normalerweise waren die Damen von ihm sehr angetan – was nicht nur an seinem Charme lag, sondern auch an seinem guten Aussehen. Er schenkte ihr ein gewinnendes Lächeln, während ihm bewusst war, dass er sich immer tiefer reinritt. Lässig stand er vor ihr, die Hände in den Taschen seines grauen Overalls. Die haselnussbraunen Locken, die ihm bis zur Schulter reichten, gefielen den Frauen in der Regel. Mit seinem Körper konnte er auch punkten. Er war gut in Form.

»Ich bin aber nicht eine dieser meisten Frauen«, zischte sie. Er trat einen Schritt näher, woraufhin sie sofort zurückwich. An der Frau biss er sich die Zähne aus! Warum versuchte er überhaupt, mit ihr ins Gespräch zu kommen? Wahrscheinlich tat er es, weil ihm langweilig war. Und Joesy Williams fand er interessant. Er hatte schon lange keine Frau mehr interessant gefunden.

»Dein Auto steht da hinten«, sagte er und deutete in die Richtung. Da sie offensichtlich kein Interesse an ihm hatte, sondern sich von ihm belästigt fühlte, ließ er es gut sein. Bill drehte ihr resigniert den Rücken zu und ging zurück in die Werkstatt. Dort erwartete ihn seine Mutter, die den Kopf schüttelte.

»Du bist hartnäckig!«, meinte sie. Bill war froh, dass sie ihm nicht die Hölle heiß machte, weil sie fürchtete, das unglückliche Zusammentreffen mit Joesy Williams würde dem Geschäft schaden.

Wieder bimmelte sein Handy.

»Wer ist es diesmal?«, wollte sie wissen.

»Seit wann bist du so neugierig?« Harvey war dran.

»Seit wann tust du so geheimnisvoll?«

»Es ist Carolin«, log er.

»Du hast eine Freundin und dann flirtest du mit einem anderen Mädchen? Also das hast du bestimmt nicht von mir!«

Bill holte tief Luft. »Ich habe nicht geflirtet!«, stellte er klar.

»Sicher doch.« Seine Mutter grinste wissend. »Willst du nicht abheben?«

»Ich ruf sie später zurück«, sagte er schnell und schob das iPhone in die Hosentasche. »Musst du dich nicht beeilen?« Die Fahrt dauerte sieben Stunden. Wenn sie jetzt losfuhr, schaffte sie es noch vor Einbruch der Dunkelheit bis Kentucky.

»Willst du mich loswerden, damit du ungestört mit deiner Freundin telefonieren kannst?«

»Mom! Du bist unmöglich.«

»Und trotzdem wirst du mich vermissen!« Sie lächelte zufrieden.

»Natürlich werde ich das.« Er schlang die Arme um sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Richte Tante Becky schöne Grüße von mir aus.«

»Mach ich.«

»Und ruf mich an, wenn du angekommen bist.«

»Klar doch.«

Seine Mutter löste sich aus der Umarmung und machte sich auf den Weg, wobei sie den schweren Koffer hinter sich herzog. Joesy Williams stand nicht länger draußen vor der Tür. Die Kleine tat ihm leid. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr. Er schaute ein letztes Mal auf den Reparaturschein. Mike hatte sich eine Telefonnummer notiert. Ein defektes Lenkgetriebe musste ausgetauscht werden. Das konnte man nicht hinausschieben.

Sie würde ihn für einen Stalker halten. Es war klüger, an die Frau nicht weiter zu denken. So was fiel ihm sonst immer leicht.

Bills Handy klingelte erneut. Wieder war es Harvey. Nun, da seine Mutter nicht mithören konnte, hob er ab.

»Was ist?«, brummte er ins Telefon.

»Mann, du musst mir bei einem Job helfen!«

»Ein Job?« Bill spürte, wie sich sein Magen unangenehm zusammenzog. »Ist doch nichts Kriminelles, oder?«, hakte er mürrisch nach.

»Ich muss da was erledigen!« Harvey wirkte unruhig. »Allein schaffe ich das nicht!«

»Hast du wieder was genommen?«, flüsterte Bill ins Telefon. Gras rauchte sein Freund schon seit Jahren, aber in letzter Zeit war er auf Koks umgestiegen – und deswegen verdammt aufgekratzt.

»Nein!«, beteuerte er. Bill glaubte ihm nicht. »Was musst du erledigen?«, fragte er dennoch.

»Du hilfst mir?« Bill schwieg sekundenlang. Seine Mutter hatte recht: Er musste vorsichtig sein. »Komm schon, Mann! Ohne dich krieg ich das nicht hin.«

Was würde passieren, wenn er ihm nicht half? Es war seit jeher Bills Aufgabe, Harvey aus jedem Schlamassel herauszuboxen. Das tat er schon, seit er denken konnte. Nur in letzter Zeit war es immer schwieriger geworden, weil Harvey in immer größere Schlamassel hineingeriet. Er zog den Ärger magisch an.

»Okay, ich lass dich nicht hängen.«

»Bill, du bist der beste Freund auf der ganzen Welt!«

»Ich weiß. Also ... worum geht’s?« Wenn er wegen Harvey Schwierigkeiten bekam, würde ihm seine Mutter den Kopf abreißen.

2

Joesy stützte sich mit den Unterarmen am Ladentisch ab, während sie durch ihr Handy scrollte. Ethan hatte ihr nicht geantwortet.

Können wir uns heute sehen? Hast du Zeit?, hatte sie geschrieben. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Er verhielt sich schon seit Tagen seltsam. Eigentlich verhielt er sich seltsam, seit sie sich den Schädel rasiert hatte. Der neue Look gefiel ihm nicht.

Was ist nur los mit dir?, hatte er zu ihr gesagt.

Was los war? Ihr Vater war tot. Das war los.

Seufzend legte sie das Handy weg, als es plötzlich piepste. Es war nicht Ethan, sondern Alicia, die sich bei Joesy meldete.

Ich muss mit dir reden. Ist wichtig.

Joesy stutzte. Nicht nur Ethan verhielt sich seltsam, auch Alicia war kaum wiederzuerkennen. Außerdem hingen die beiden in letzter Zeit häufig miteinander herum. Was sollte Joesy davon halten? Mit Ethan war sie seit sieben Monaten zusammen. Und natürlich hatte sie ihm ihre beste Freundin Alicia vorgestellt. So hatten sich die beiden kennengelernt.

Die Ladentür ging auf und ein junger Mann trat ein. Er trug ein Baseballcap der Chicago Cubs, Jeans und ein schlichtes T-Shirt. Ohne zu zögern, griff er mit der Hand hinter den Rücken und im nächsten Moment zielte er mit einer Pistole auf Joesy. Es war eine Glock, das sah sie sofort, sogar aus zehn Fuß Entfernung.

Sie legte das Handy weg, stellte sich aufrecht hin und nahm den Mann ganz genau ins Visier, während er näher kam. Wollte er sie ausrauben, sie erschießen – oder ihr einfach nur seine Waffe zeigen? Er legte die Pistole auf den Ladentisch, der Lauf zeigte auf Joesy. Wenn die Waffe jetzt losging, dann hatte sie eine hübsche Kugel im Bauch. Sie würde gleich unter dem Rippenbogen einschlagen.

»Ich brauche Munition für diese Pistole«, sagte der Mann.

»Gut. Aber bitte zielen Sie nicht auf mich«, murrte Joesy.

»Die ist nicht geladen.« Blonde Locken schauten unter dem Baseballcap hervor. Sein dümmlicher Blick verhieß nichts Gutes.

Joesy drehte die Glock vorsichtig um neunzig Grad, sodass der Lauf auf die Wand zeigte, bevor sie die Pistole hochhob. Sie nahm das Magazin heraus – es war leer – und schob dann den Schlitten zurück. Eine Kugel sprang aus dem Patronenlager.

»Ich dachte ...«, stammelte der Kerl beschämt.

Joesy legte die Waffe kopfschüttelnd auf den Ladentisch. So etwas passierte ihr mindestens dreimal die Woche: Dass irgendwelche Typen mit einer geladenen Waffe auf sie zukamen. Auch das Schild draußen an der Tür schien keine Abhilfe zu schaffen: Betreten Sie den Laden nur mit einer Waffe, wenn es unbedingt nötig ist.

»Sie müssen die Pistole nicht in den Laden bringen, wenn sie nur Munition kaufen wollen«, klärte sie ihn auf.

»Und wenn ich dann die falsche Munition kaufe?«

Joesy verkniff sich mit viel Mühe eine bissige Bemerkung. Der Kerl wusste nicht einmal, welche Waffe sich in seinem Besitz befand? Es war eine Glock 26, Gen4, Kaliber 9 mm Parabellum.

»Wie viele Patronen brauchen Sie?«

»Fünfzig müssten reichen.« Joesy drehte ihm den Rücken zu und suchte im Regal gleich hinter dem Ladentisch nach den Kugeln. Sie fand sie sofort.

»Hier, bitte.« Sie nannte ihm den Preis, er bezahlte und bedankte sich. Die Waffe nahm er wieder an sich und schob sie hinter den Gürtel.

»Wollen Sie sich die Eier wegschießen?«, rutschte es Joesy heraus. Zwar war keine Patrone im Magazin, aber dennoch war es eine schlechte Idee, sich anzugewöhnen, die Waffe dort zu verstauen. Er lächelte verschmitzt, bevor er die Pistole weiter nach rechts schob. Nun würde er sich in den Fuß schießen – das war ihm offensichtlich lieber. Der Kerl sollte sich ein anständiges Holster zulegen. Ungläubig sah sie ihm hinterher, als er lässig aus dem Waffenladen spazierte. Mit einer Glock konnte man sich nur schwer aus Versehen erschießen. Im Abzug war eine automatische Sicherung eingebaut. Wahrscheinlich würden nicht nur seine Eier, sondern auch sein Fuß unbeschadet davonkommen.

Joesy war in diesem Laden aufgewachsen. Er hatte ihrem Vater gehört, der ihn von seinem Onkel Harry übernommen hatte. Im Sommer hatte sie immer ausgeholfen und deswegen war sie daran gewöhnt, es mit Dummköpfen zu tun zu haben. Im Boden, gleich vor dem Ladentisch, war ein Einschussloch, das sie täglich daran erinnerte, vorsichtig zu sein. Ein Kerl hatte mit seiner Waffe herumgespielt, bevor er sie Joesy überreicht hatte, die routinemäßig jede Waffe kontrollierte – und ein Schuss war losgegangen.

Die Ladenglocke ertönte und diesmal trat Al Higgins ein. Er war ein alter Freund ihres Vaters. Die beiden hatten sich über dreißig Jahre gekannt.

»Kleine, was hast du mit deinen hübschen Haaren gemacht?«, rief er erschrocken. »Danny hätte einen Schock gekriegt!«

»Hätte er nicht. Haare wachsen wieder nach.« Sie lächelte. Ihrem Dad hatte es auch nichts ausgemacht, als sie sich damals im Alter von fünfzehn Jahren das aschblonde Haar pechschwarz gefärbt hatte. Wolltest wohl 'ne Veränderung, Joe?, hatte er gesagt und geschmunzelt.

Ihr Vater hatte sie immer Joe genannt. Niemand sonst tat das.

Sie strich sich über den kahlen Schädel. »Gefällt’s dir etwa nicht?«, fragte sie Al amüsiert.

»Du siehst aus wie Danny ...« Er klang betroffen und rückte seinen Cowboyhut zurecht, den er so gerne trug und der perfekt zu dem Westernhemd und der Schnürsenkel-Krawatte passte.

Joesy hatte dieselbe Kopfform wie ihr Vater und dieselbe breite Stirn. Eine Glatze war sein Markenzeichen gewesen. Die Haare waren ihm schon im Alter von zwanzig Jahren ausgefallen. Mit dreißig hatte er sich endgültig von seinem Kopfhaar verabschieden müssen.

»Vielleicht hab ich’s deswegen getan.« Joesy lächelte traurig.

Ihr Dad war vor acht Tagen gestorben. Er hatte morgens im Bett gelegen und nicht mehr aufwachen wollen. Plötzlicher Herztod, hatte der Notarzt gemeint. Da ist nichts mehr zu machen. Sie hatte sich nicht mal von ihm verabschieden können. Und jetzt stand seine Asche auf dem Ladentisch, in einem Standardbehälter, der ihr im Krematorium überreicht worden war. Die schwarze Box war aus Plastik und sah aus wie ein Mülleimer. Sie stand dort schon seit Tagen. Joesy hatte noch nicht mal eine schicke Urne besorgt, weil sie nicht wusste, welche sie kaufen sollte. Alles war so schnell passiert. Sie hatte sich für eine schlichte Einäscherung ohne Trauerfeier entschieden. Diese wollte sie später abhalten. Aber sie hatte noch keine Pläne, keine Ideen. Ihr Kopf war völlig leer.

»Willst du dir ansehen, was neu reingekommen ist?«, fragte sie Al Higgins. Sie musste sich ablenken. An ihren Vater zu denken, tat verdammt weh.

»Klar, Joesy!« Al wischte sich mit seiner großen Hand eine Träne aus dem Augenwinkel. Er war einer der Ersten gewesen, den Joesy angerufen hatte, als ihr Dad gestorben war. Beim Telefon hatte er die Tränen nicht zurückhalten können, jetzt schlug er sich wacker.

Joesy umrundete den Ladentisch und deutete auf die Vitrine links. Sie hatte erst heute Morgen die neuen Modelle dort eingeordnet. Behutsam öffnete sie die Glastür und holte den Revolver von Korth heraus. Als Al ihn sah, blitzten seine Augen erwartungsgemäß auf. Er war ein Waffennarr und Stammkunde, der immer mal wieder im Laden vorbeischaute und sich die neue Ware ansehen wollte. Meist kaufte er Schrotflinten und Revolver. Die Flinten brauchte er für die Jagd, die Revolver sammelte er. Ihr Vater legte sie für ihn immer auf die Seite. Egal wie teuer – Al Higgins konnte einem Revolver nicht widerstehen. Früher oder später kam er immer, um die Waffe zu kaufen.

»Was sagst du? Kaliber .357 Magnum, sechs Schuss. Der Griff ist aus Nussbaumholz. Eine Wechseltrommel ist auch dabei.« Ein deutscher Korth-Revolver kostete über dreitausend Dollar. »Oder doch lieber ein guter alter amerikanischer Revolver?« Sie zeigte ihm einen von Heritage. Der Griff war aus Rosenholz, die amerikanische Flagge und das Jahr 1776 waren darin eingeschnitzt. Das Datum markierte den Beginn der Vereinigten Staaten, als die dreizehn Kolonien Amerikas die Unabhängigkeit von England erklärt hatten. Dieser Revolver würde Al Higgins bestimmt gefallen!

»Darf ich mir das gute Stück mal ansehen, Joesy?«, fragte er höflich. Al konnte sie jeden Revolver beruhigt in die Hand geben. Er kannte sich aus und würde nicht an der Trommel drehen, als wäre sie ein Windrad. Dabei bildete sich nämlich eine Kerbe im Stahl. Einen solchen Revolver würde sie nicht mehr zum vollen Preis verkaufen können.

»Ein schönes Stück, Joesy«, schwärmte er und strich liebevoll über den Griff.

Joesys Blick schwenkte derweil zum Behälter mit den Überresten ihres Dads. Vielleicht sollte sie die Asche draußen in den Wäldern verstreuen, wo er sich so gerne aufgehalten hatte. Ihr Vater war sehr verschlossen gewesen. Er hatte die Stille und die Natur geliebt. Leidenschaftlich gerne war er auf die Jagd gegangen. Er hatte Joesy beigebracht, wie man Spuren las – sie wusste mehr über Tierfäkalien, als ihr lieb war –, wie man Fraßplätze ausfindig machte und eine Vielzahl von Wildtieren auskundschaftete: von Hirschen und Gänsen bis Hasen und Eichhörnchen. Wie man aufs Wetter achtete und sich richtig tarnte. Sie konnte einen Bogen spannen und mit einer Schrotflinte schießen. Joesy war oft mit ihrem Dad am Wochenende unterwegs gewesen und er hatte ihr von den Wäldern und den Tieren erzählt. Aber jedes Mal waren sie mit leeren Händen nach Hause gekommen. Er hatte immer danebengeschossen, und auch Joesy hatte es nicht übers Herz gebracht, den Hirsch zu erlegen, dessen Fährte sie stundenlang gefolgt waren. Dabei hatte sie schon von klein auf gewusst, woher das Fleisch auf ihrem Teller kam.

»Gefällt mir wirklich gut, Joesy«, sagte Al Higgins und gab ihr den Revolver zurück.

»Willst du ihn kaufen?«

»Tut mir leid, Joesy, aber heute nicht.«

»Ist gut. Ich bewahre ihn in der Zwischenzeit für dich auf, okay?«

Sie schenkte ihm ein Lächeln, dabei hätte sie das Geld dringend gebraucht. Vor allem, nachdem ihr dieser dämliche Mechaniker neunhundert Dollar abgeluchst hatte! Oder hatte er die Wahrheit gesagt? Hatte sie der Reparatur zugestimmt? Joesy stand schon seit Tagen komplett neben sich und hatte kaum geschlafen. Früher oder später hätte sie den Ranger reparieren lassen müssen, aber nicht jetzt, wo sie doch knapp bei Kasse war. Eigentlich war sie das immer.

Joesy ging aufs College. Die Studiengebühren waren teuer. Der Waffenladen warf nicht viel ab. Was sollte sie jetzt machen? Sie hatte nicht die Zeit und das Geld ihn weiterzuführen. Die Einäscherung war nicht billig gewesen – und sie musste doch eine schöne Trauerfeier organisieren. Sie würde die Jagdfreunde ihres Dads einladen, seine Stammkunden, die Nachbarn.

Al Higgins wünschte ihr noch einen schönen Tag und Joesy räumte seufzend den Revolver zurück an seinen Platz. Er würde bestimmt wiederkommen und den Revolver kaufen – aber wann?

Mit hängenden Schultern ging sie zur Ladentür und drehte das Schild um, sodass nun ›Geschlossen‹ von draußen zu lesen war. Sie schaltete das Licht aus und sperrte ab. Ihre Wohnung befand sich gleich neben dem Laden. Joesy ging die Treppen hoch in den ersten Stock.

Sie wollte nicht hierbleiben. Seit Tagen konnte sie nicht schlafen. Was sollte sie allein in der Wohnung machen? Ohne ihren Dad, der auf der Couch saß und sich die Nachrichten ansah? Oder in der Werkstatt im Laden war, um eine Waffe zu reparieren, während er sich dämliche Country-Songs anhörte? Es war so verdammt still, seit er nicht mehr hier war. Dabei hatte er nie viel gesprochen.

Joesy ging in ihr Zimmer und fiel müde mit dem Kopf voraus ins Bett. Sekundenlang lauschte sie in die Stille. Es war, als hätte die Welt aufgehört, sich zu drehen. Seufzend rollte sie sich auf die Seite und schielte zu ihrem Kleiderschrank.

Sollte sie Ethan einen Überraschungsbesuch abstatten? Sie hatten sich seit Tagen nicht gesehen. Eigentlich hatte sie erwartet, dass er ihr in dieser schweren Zeit beistand. Stattdessen machte er sich rar. Glaubte er, dass Joesy allein zurechtkam? So wie sonst immer?

Sie kämpfte sich vom Bett hoch, öffnete die Türen des Kleiderschranks und begutachtete kritisch ihre Garderobe. Am liebsten trug sie weite Sweatshirts, enge Jeans und ihre geliebten Dr. Martens. Sie hatte eine ganze Sammlung dieser Schnürstiefel und sie passten zu jedem Outfit. Aber wenn sie sich mit Ethan treffen wollte, sollte sie sich hübsch anziehen. Joesy hatte ohnehin das Gefühl, er fand sie nicht mehr attraktiv, seit sie spontan beschlossen hatte, sich ihrer Haarpracht zu entledigen. Die aschblonden Locken hatte er gemocht. Ständig hatte er damit gespielt, wenn sie zusammen im Bett gelegen hatten.

Müde zog sie ein knielanges Kleid aus dem Schrank. Mit Strumpfhosen und einer Strickjacke sah sie hoffentlich okay aus. BH trug sie keinen. Als sie nur noch im Slip vor dem Spiegel stand, erschrak sie. Joesy hatte in den letzten Tagen nicht nur kaum geschlafen – sie hatte auch so gut wie nichts gegessen. Dann purzelten die Pfunde immer schnell. Sie sah schlimm aus. Die Rippen- und Hüftknochen traten hervor, ihre Brust, die mit viel Glück ein A-Körbchen ausfüllte, war fast gänzlich verschwunden. Sie hatte nicht mal bemerkt, wie viel Gewicht sie verloren hatte. Aber leider war ihr auch jetzt nicht nach Essen zumute.

Schnell zog sie sich an, um nicht länger auf ihre hagere Gestalt starren zu müssen. Das Kleid passte zu den Schuhen, aber bestimmt nicht zur Glatze. Sie fuhr sich über den kahl geschorenen Schädel – eine Gewohnheit, die sie in den letzten Tagen entwickelt hatte – und konnte bereits die Stoppeln fühlen. Ihr Haar wuchs sehr schnell nach, aber wegen der hellen Farbe war kaum was davon zu sehen. Sollte sie eine Mütze aufsetzen? Haar wärmte. Das wusste sie, seit sie keins mehr hatte. Ständig waren ihre Ohren kalt.

Je länger sich Joesy im Spiegel betrachtete, desto alberner kam sie sich vor. Also zog sie das Kleid aus und den Sweater und die Jeans wieder an. Was kümmerte es Joesy, was Ethan über sie dachte? Es kümmerte ihn ja auch nicht, was sie im Moment durchmachte! Er hatte nicht viel gesagt, als sie ihm erzählt hatte, dass ihr Vater tot war. Joesy zeigte nicht gerne Gefühle – das bedeutete aber nicht, dass sie keine hatte. Ethan scherte sich um ihr Befinden einen Scheißdreck.

Wütend stopfte sie ihr iPad in den Rucksack. Wo war die Brieftasche ihres Dads? Die schleppte sie seit Tagen mit sich herum. Ihre eigene war kaputt. Der Reißverschluss des Münzfachs wollte nicht mehr schließen und Joesy war es leid, immerzu Münzen vom Boden aufsammeln zu müssen. Aber nicht nur deswegen trug sie die Geldbörse ihres Vaters ständig bei sich.

Joesy konnte noch immer nicht fassen, dass ihr Dad tot war. Es fühlte sich an wie ein böser Traum, aus dem sie einfach nicht erwachen wollte!

Sie schaute rasch nach, ob ihre Bankkarte in der Brieftasche war. Sie hatte das Ding doch nicht in der Werkstatt vergessen? Dieser dämliche Mechaniker hatte sie ganz durcheinandergebracht! Sie hatte eine neue beantragen müssen, weil der Chip der alten defekt gewesen war. Den PIN konnte sie sich nur schwer merken. Joesy war in letzter Zeit total durch den Wind! Sie musste raus aus dieser Wohnung, raus aus dem Waffenladen, wo sie ständig an ihren Dad dachte. Also machte sie sich auf den Weg, bevor es dunkel wurde. Mit dem Rucksack auf dem Rücken ging sie los. Durch den Burlington Park spazierte sie gerne. Vielleicht würde sie sich auf eine Parkbank setzen und zeichnen. Das beruhigte sie immer.

Plötzlich stand sie vor Ethans Zuhause. Sie war einfach ohne Pause geradeaus spaziert und in der Jackson Avenue gelandet. Die Straße ging sie häufig entlang, da sie auf dem Weg zum North Center College lag, wo Joesy Kunst und Design studierte.

Sollte sie an der Tür klingeln? Wenn Ethans Eltern sie so sahen! Mit dem kahl geschorenen Kopf und dem alten Sweater wagte sie sich nicht ins Haus der Howards. Ethan kam aus einer wohlhabenden Familie. Seine Mutter sah immer so aus, als wäre sie auf dem Weg zu einem Fotoshooting und sein Vater trug Anzüge, die mindestens so viel kosteten wie der Korth-Revolver, den Joesy Al Higgins gezeigt hatte.

Ob Ethan und Joesy überhaupt zusammenpassten? Das hatte sie sich in den letzten Monaten häufig gefragt. Ihr Dad hatte Ethan nie gemocht. Was willst du mit so 'nem Snob, Joe?, hatte er zu ihr gesagt und den Kopf geschüttelt.

Joesy blieb vorerst auf der anderen Straßenseite stehen und guckte unschlüssig zu dem Grundstück. Sollte sie ihm eine Nachricht schreiben? Vielleicht kam er kurz raus und sie konnten sich unterhalten? Dabei wusste sie gar nicht, was sie zu ihm sagen sollte. Trotzdem nahm sie den Rucksack von der Schulter und kramte darin nach ihrem Handy. Schnell tippte sie mit ihren zwei Daumen eine Nachricht.

Bist du zu Hause?

Joesy wollte auf Senden drücken, als das Display erlosch. Sie hatte vergessen, ihr Handy aufzuladen. Das auch noch! Genervt schaute sie wieder zum Haus, als die Eingangstür aufging und eine Frau heraustrat – gefolgt von Ethan. Joesy kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Die Frau hatte glattes brünettes Haar, das ihr bis zu den Ellenbogen reichte. War das Alicia?

Joesy ließ das Handy sinken. Was hatte Alicia in der Jackson Avenue zu suchen? Sie wohnte am anderen Ende der Stadt. Dort hielt sie auch Spanischkurse ab. In dieser Gegend war sie doch sonst nie! Ethan beugte sich nach vorne und küsste sie auf den Mund. Dann stieg sie ins Auto und fuhr los.

Joesy stand mit offenem Mund da und versuchte vergeblich zu begreifen, was sie gerade eben gesehen hatte.

Ethan und Alicia? Das konnte nicht wahr sein ...

Mit klopfendem Herzen zog sie die Mütze tief ins Gesicht und drehte sich von der Straße weg, damit Alicia sie bloß nicht erkannte, als sie an ihr vorbeifuhr. Joesy konnte nicht fassen, dass ihre beste Freundin sie hintergangen hatte ...! Fassungslos schaute sie wieder zum Grundstück. Ethan war ins Haus zurückgegangen. Er machte hinter ihrem Rücken mit Alicia rum? Gerade jetzt, wo Joesys Vater gestorben war?

Der ist nichts für dich, Joe, hatte ihr Dad gesagt. Eigentlich hatte sie immer auf ihn gehört. Aber sich mit Ethan zu treffen, hatte sie sich nicht ausreden lassen.

Ihr Vater hatte recht gehabt. Wie immer.

Geh aufs College, Joe. Mach was aus deinem Talent! Oder willst du wie dein alter Dad ein Leben lang Waffen verkaufen?

Joesy war zum Heulen zumute. Wie sollte sie ohne ihren Vater klarkommen? Sie hatte sich noch nie zuvor so allein und verlassen gefühlt. Ihr wurde bewusst, dass ihr Dad der Einzige gewesen war, der sie wirklich geliebt hatte.

Plötzlich hörte Joesy ein Auto näher kommen, das abrupt abbremste. Als sie sich umdrehen wollte, drückte ihr jemand von hinten ein Tuch auf den Mund. Verzweifelt versuchte Joesy sich zu befreien, aber der Kerl hielt sie fest – und dann wurde ihr schwarz vor Augen.

Als wäre dieser Tag nicht schon schlimm genug!

3

Bill konnte nicht glauben,